11. Kapitel

Die Wochen vergingen, ohne dass Harry es richtig wahrnahm. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich ein Tagesrhythmus bei Harry eingeschlichen, der ihn immer träger werden ließ. Morgens stand er früh auf um möglichst als Erster beim Frühstück zu sein. Die starrende und wispernde Meute konnte er immer weniger ertragen und die paar Schüler, die er bereits um 6 Uhr beim Frühstück sah, waren meist entweder sehr verschlafen oder bereits in ihre Schulunterlagen vertieft. Hedwig hatte schnell gemerkt, dass Harry nun früher in der großen Halle anzutreffen war und wartete inzwischen schon geduldig mit Toby's täglichem Brief im Schnabel. Lustlos an einem Toast kauend las Harry die immer gleichen Briefe, die er bekam. Toby schien von Eifersucht zerfressen zu sein und mit jedem Tag wirkten seine Briefe vorwurfsvoller.

Ein paar Mal hatte Harry sich bereits unter der peitschenden Weide hindurch in die heulende Hütte geschlichen um Toby anzurufen, da er innerhalb der Schule keinen Empfang hatte. Die Telefonate waren meistens positiver gewesen, als Toby's Briefe, dennoch spürte Harry, dass Toby ungeduldig wurde und immer mehr mit seinen Ängsten kämpfte. Harry musste dringend mit Dumbledore sprechen und ihn bitten während des nächsten Hogsmead-Wochenende zu Toby apparieren zu dürfen. Seine Prüfung hatte er bereits abgelegt, somit stand dahingehend nichts im Weg. Allein die Genehmigung des Direktors fehlte ihm.

Harry seufzte als er wiedermal die gequälten Worte Toby's las und fragte sich, ob dieser seine Briefe überhaupt wahrnahm, denn Harry versicherte ihm täglich, dass bei ihm alles gut war und er Toby vermisste. Er mied das Thema Malfoy absichtlich, da er Toby nicht noch mehr aufregen wollte, aber langsam zehrte es auch an Harry's Nerven, dass es für Toby nur das eine Thema gab und sie keine normale, schriftliche Konversation führen konnten.

Er hatte nicht die Zeit und den Kopf dafür, sich Tag für Tag mit Toby's Misstrauen auseinanderzusetzen. Das zusätzliche Training bei Dumbledore und Snape powerte ihn völlig aus und auch der Unterricht an sich wurde nicht leichter, jetzt da er im Abschlussjahr war.

Resigniert hielt er Hedwig seinen angeknabberten Toast hin. Er hatte einfach keinen Hunger. Um wenigstens etwas im Magen zu haben trank er zumindest seinen Kaffee aus und stand dann auf. Toby's Brief in seinen Umhang steckend trat er hinaus auf das Hogwartsgelände. Es war bereits Ende Oktober und die Kälte war hereingezogen. 'Wie passend,' dachte Harry voll Selbstironie und machte sich auf den Weg zu den Quidditch-Kabinen. Wie jeden Morgen nach dem Frühstück würde er eine Runde fliegen. Das war der beste Teil jedes Tages. Abheben, so weit und so schnell nach oben fliegen wie er konnte, bis ihn die Kälte zu beißen anfing und dann so stehenbleiben. Einfach verharren, weit weg von allem und jedem, außer Sicht, allein. Wie hatte er sich nur innerhalb so kurzer Zeit vom glücklichsten Menschen der Welt zu so einer deprimierten, armseligen Gestalt entwickeln können. Tobys Vorwürfe nagten an ihm. Er wollte es sich selbst kaum eingestehen, aber er wusste, dass er das nicht mehr lange ertragen würde. Irgendwann platze sogar ihm der Kragen und er war sich nicht sicher, ob Toby dem vollen Ausmaß seiner Frustration standhalten würde.

'Und wenn schon…' Harry ließ sich mitsamt seinem Besen zur Seite in einen Sturzflug kippen. Freier Fall. Die Erde auf sich zu rauschen sehen. Beobachten, wie die Bäume und Felsen und Hagrids Hütte immer größer werden. Nein, er war nicht selbstmordgefährdet - er brauchte lediglich diesen Kick um wieder das Leben in sich pulsieren zu spüren. Knapp über dem großen See brachte er seinen Besen wieder unter seine Kontrolle und richtete ihn waagrecht auf, sodass er über die im Morgenlicht glänzende Wasseroberfläche hinweg sauste. Wie immer machte Harry auf einer kleinen Insel, die nichts außer einem einzigen Nussbaum beherbergte, Halt und setzte sich in die Krone des inzwischen blattlosen Geästs. Er steckte sich eine Zigarette an und nahm zufrieden den ersten Zug. Fliegen war nach Sex einfach das beste Gefühl auf dieser Welt und in beiden Fällen genoss er eine Zigarette danach.

Auf dem Baum sitzend beobachtete er Füße baumelnd ein Entenpaar, das Seite an Seite über den See glitt und dabei ein immer größer werdendes V hinter sich nachzog. Lange hing sein Blick, gedankenlos an den beiden, die eine unheimliche Ruhe ausstrahlten, ehe er von einer Bewegung am Waldrand abgelenkt wurde. Jemand in schwarzem Trainingsanzug und mit einer Mütze gegen die Kälte joggte zwischen Wald und See entlang, sprang ab und an über Steine, die im Weg lagen und legte an Tempo zu, als er auf ein gerades, ebenes Stück Weg kam. Harry hatte erst selten jemanden in Hogwarts Sport treiben sehen. Jetzt wo er darüber nachdachte, empfand er es als seltsam, dass körperliche Ertüchtigung in der Zaubererschule keinen Platz im Unterricht fand. Andererseits mussten die Schüler Tag für Tag soviele Treppen auf und ab steigen um von einem Klassenraum in den nächsten zu kommen, dass dies wohl schon als Sport angesehen werden konnte. Im Frühjahr, kurz vor den Sommerferien, an richtig heißen Tagen, wenn der See zumindest ansatzweise erträgliche Temperaturen annahm, wagten sich ein paar Schwimmer hinein und einige Schüler liebten ausgedehnte Spaziergänge über das Hogwartsgelände, doch diesen Läufer zu beobachten kam Harry plötzlich wie ein Ausflug in die Muggelwelt vor.

Sofort fühlte Harry sich an Toby erinnert, obwohl der trotz seines ausgesprochen guten Körperbaus kein Sportler war. Er stellte sich vor, wie er Seite an Seite mit Toby durch das Gelände lief. Sie würden nicht sprechen, sondern einfach die gemeinsame Stille genießen. Er hatte es immer genossen mit Toby zu schweigen und es war ihm erstaunlicherweise nie unangenehm gewesen, eher vertraut, als wären sie schon ewig ein Paar und bräuchten sich nicht gegenseitig ununterbrochen mitteilen. Kaffee trinken, rauchen, Musik hören - das waren Tobys und seine gemeinsamen Beschäftigungen gewesen, aber nun, bei Beobachtung des Läufers, wünschte Harry sich, sie hätten richtige Hobbies gehabt. Nun, da bereits so viele Wochen ohne Toby vergangen waren, wurde ihm bewusst, dass sich ihre Beziehung in erster Linie aus Sex definiert hatte. Ja, er hatte es zu jeder Zeit genossen mit Toby intim zu werden, aber plötzlich fühlte er, dass er mehr wollte. Vermutlich - hätten sie mehr Zeit miteinander gehabt - hätte sich ihr Verlangen irgendwann von selbst reguliert und sie wären frei gewesen sich andere gemeinsame Beschäftigungen zu suchen. Gemeinsames joggen, zum Beispiel, oder irgendetwas anders.

Immer mehr wurde Harry bewusst, dass er eigentlich recht wenig über Toby wusste. Seine Liebe zur Musik und zum Tanzen fand Harry faszinierend, aber er teilte sie nicht als eine große Leidenschaft. Was seine eigene Musikalität betraf, so war es damit nicht weit her und auch das Tanzen klappte nur, wenn er sich selbst in eine Art Rauschzustand - alkoholischen oder erotischen - begab. Toby las gerne, das wusste Harry, aber es war ein Hobby, das man nur schwer mit anderen ausüben konnte. Das gemeinsame Kochen war immer ein Erlebnis gewesen und hatte Harry viel Spaß gemacht, doch tagesfüllend war auch das nicht gewesen. Also was verband sie? Was hatte bewirkt, dass Harry sich schlagartig in Toby verliebt hatte?

Aus der Ferne zu reflektieren, was eine so schnell entstandene Beziehung ausmachte, war wie Harry feststellen musste, keine aufmunternde Erfahrung und er verfluchte sich dafür, dem Abschweifen seiner Gedanken zu Toby, nachgegeben zu haben. Er würde noch einen zweiten Sturzflug mit dem Besen benötigen, um sein Hirn wieder leerzufegen und aufnahmefähig für den arbeitsreichen Tag zu machen. Die ohnehin ausgebrannte Zigarette ausdämpfend, rappelte er sich auf und bestieg von dem Ast auf dem er gesessen hatte seinen Besen, um sich erneut in die Lüfte zu heben.

Harry musste die allmorgendliche, ausgedehnte Dusche ausfallen lasse, um nach seinem verlängerten Morgenausflug rechtzeitig zum Unterricht zu kommen. Vom Flugwind zerrupft in Snapes Klasse aufzutauchen war mit Sicherheit besser als zu spät einzutreffen, also acciote er nur seine Schultasche aus dem Gryffindorturm zu sich und machte sich direkt von den Quidditchkabinen aus auf in die Kerker.

Außer ihm war noch niemand da, als er das finstere Zaubertrank Klassenzimmer betrat. Warum Snape sich nur immer mit dieser düsteren Aura umgab. Harry wusste inzwischen, dass Snape tatsächlich auf der guten Seite stand, doch dieses Wissen machte es ihm nicht leichter, den verbitterten Lehrer zu verstehen.

Harry bereitete schonmal seinen Kessel vor und schlug das Kapitel in seinem Zaubertrankbuch auf, mit dem sie in der letzten Stunde neu begonnen hatten. Schildtränke - endlich etwas, was Harry tatsächlich als sinnvoll erachtete. Die meisten dieser Tränke waren zwar gegen den Crutiatus-Fluch nicht wirksam, schützten aber vor einer ganzen Reihe anderer bösartiger Zauber, die Todesser gerne anwendeten. Ein Trank - der Decrucio - war erst in den letzten paar Jahren entwickelt worden und half tatsächlich, die Schmerzen des Crutiatus-Fluchs erträglicher zu machen. Er war nicht einfach. Tatsächlich hatte nur Malfoy es geschafft, den Trank korrekt herzustellen. Sogar Hermine war gescheitert, was sie bestürzt hatte. Harrys Versuch hatte nicht schlecht gestartet, jedoch gegen Ende hin hatte Snape ihn durch eine seiner üblichen Wissensverhöre abgelenkt und Harry hatte zu spät auf den von grün nach blau verfärbenden Trank reagiert, sodass dieser schließlich übergegangen und sich in eine schleimig, klebrige Masse verwandelt hatte, die nicht mehr zu gebrauchen war. Mit einem zynischen Grinsen hatte Snape ihm ein "M" eingetragen, was zwar immerhin besser als ein "T" war, aber dennoch nicht zu einer positiven Endbeurteilung beitragen würde.

Vertieft in die Lektüre der Schildtränke, bemerkte Harry nicht, dass ein weiterer Schüler den Raum betreten hatte.

"Na Potter, guten Flug gehabt? Die neue Frisur steht dir." Die Stimme Malfoys riss Harry aus seinem Studium der Zutaten für Flackerschildtränke, die nur dann aktiv wurden, wenn ein Fluch versuchte in den Körper einzudringen und somit bereits in kleiner Dosis eine lange Wirksamkeit hatten. Mit fragendem Blick wandte er sich dem blonden Slytherin zu. Woher wusste Malfoy von seinem Ausflug? Er fuhr sich irritiert durch die Haare und ihm fiel wieder ein, dass sein Haar noch strubbliger als sonst aussehen musste. Auch ein kleines Blatt von der Peitschenden Weide pflückte er sich aus den Locken und ließ es unauffällig auf den Boden gleiten.

Ehe Harry noch antworten konnte, betrat eine Schar weiterer Schüler den Klassenraum und Malfoy nahm auf dem Sitz neben ihm Platz, ohne auf seine Reaktion zu warten. Dass Snape Malfoy wieder einmal neben Harry gesetzt hatte, und das auch noch für das gesamte Schuljahr, empfand Harry als größere Strafe denn je. Denn abgesehen davon, dass Malfoy in regelmäßigen Abständen schnaubend einen verächtlichen Blick auf Harrys Trankversuche warf, war sich Harry der körperlichen Nähe des Blonden nur allzu sehr bewusst. Er hatte sich zwar inzwischen damit abgefunden, dass sein Körper sich zu Malfoy hingezogen fühlte, bestand aber eisern darauf, dass sein Geist diesem Verlangen standhalten konnte und so schreckte er nicht mehr vor jeder zufälligen Berührung zurück, wenn sie mal wieder zur gleichen Zeit nach einer Trankzutat griffen oder sich ihre Beine unter dem Tisch in die Quere kamen.

In den letzten Wochen hatte sich zwischen Harry und Malfoy sowas wie ein unausgesprochener Waffenstillstand entwickelt. Zwar stichelten sie sich immernoch gegenseitig an, wenn sie sich auf einem Flur begegneten, aber es kam nie zu richtigen Auseinandersetzungen oder Schlägereien. Meist weil Malfoy irgendwann eine zweideutige Bemerkung in den Raum stellte und Harry damit so sehr verwirrte, dass er nicht im Stande war, die Diskussion weiterzuführen. Wenn sie im Unterricht zusammenarbeiten mussten, dann klappte das erstaunlich gut. Malfoy verwandelte sich, vor allen im Zaubertränke-Unterricht, immer mehr in einen Business-Man und dirigierte Harry wie einen Assistentin. Manchmal trieb Harry das zur Weißglut, aber im Grunde war er froh, da er es ohne Malfoy vermutlich nie schaffen würde einen positiv zu bewertenden trank abzugeben.

Snape betrat den Raum und wie immer wurde es schlagartig still unter den Schülern. "Seite 378," schnarrte er mit seiner stechenden Stimme und alle Schüler blätterten eilig in den Büchern. Harry hatte bereits die richtige Seite aufgeschlagen und freute sich insgeheim, dass er einen kleinen Vorteil dadurch hatte, dass er die Flackerschildtränke zumindest schonmal überflogen hatte.

"Potter, welche Zutat ist für alle Flackerschildtränke die entscheidende?" fragte Snape und hatte bereits das höhnische Glitzern in den Augen aus Vorfreude über Harrys Scheitern.

"Die jeweils Letzte, die dem Trank hinzugefügt wird," antwortete Harry zur Überraschung aller Anwesenden im Raum. Er spürte direkt, wie Malfoys weiße Augenbraue verwundert in die Höhe schoss, zwang sich aber dazu, nicht zu dem Blonden hinüber zu sehen.

"Wieviel Milliliter Flackerschildtrank muss zu sich genommen werden um eine Stunde Wirkung zu erreichen?" Snapes Stimme klang verärgert und Harry war fast schon versucht die falsche Antwort zu geben, nur um nicht das gesamte Ausmaß von Snapes Zorn abzubekommen, hörte sich dann jedoch sagen: "Das hängt von dem Körpergewicht der Peron ab, die den Trank einnimmt. Bei gesunden Menschen reicht die Menge des halben Körpergewichts in Milliliter. Menschen mit geschwächtem Immunsystem sollten bis zu 10% mehr einnehmen."

Mit jedem Wort war Snapes Ausdruck wütender geworden. Fast schon befürchtete Harry, dass Snape jeden Moment Leglimentik gegen ihn anwenden würde um die Quelle dieses neuen Wissens ausfindig zu machen, also wappnete er sich für den Angriff und brachte seine Gedankenwelt unter Kontrolle. Doch dann wandte der Zaubertrankprofessor sich ab und begab sich zu seinem Pult. Erleichtert stieß Harry die Luft aus, die er angehalten hatte vor Konzentration.

"Sie arbeiten zu zweit im Team. Jeder mit seinem Sitznachbar. Einer aus dem Team kommt zu mir und zieht einen der Flackertränke aus diesem Beutel. " Er hielt einen kleinen, schwarzen Sack hoch, der aussah als würden schon seit hunderten Jahren Schüler ihre durch Verunsicherung und Nervosität verschwitzten Hände hineinstecken und hoffen einen der leichteren Tränke zu erwischen.

Harry war gleichermaßen froh und verwundert, als er merkte, dass Malfoy sich erhob um ihren Trank zu ziehen. Wenigstens konnte der Slytherin im Nachhinein nicht Harry dafür verantwortlich machen, wenn sie einen der komplexeren Tränke abbekamen.

Zufrieden grinsend kam Malfoy mit einer Kiste voll Trankzutaten zurück und setzte sich an seinen Platz. Er hielt Harry das Stückchen Pergament hin auf das mit Snapes markanter Schrift das Wort "Conter-Flackertrank" geschrieben stand. Ein kurzer Blick in sein Buch und Harry erkannte, dass es sich tatsächlich um einen der letzten und schwersten Tränke dieses Kapitels handelte. Im Gegensatz zu den anderen Flackerschildtränken war dieser kein rein passiver Trank, sondern wirkte als eine Art Spiegel, der den abgefangenen Fluch speicherte und mit dem nächsten Zauber auf den Gegner zurückwarf. Harry überflog die Angaben und erkannte mit Schrecken, dass der Trank 12 Stunden Aufsicht voraussetzte. Wie stellte Snape sich das vor? Sie hatten immerhin noch anderen Unterricht und konnten kaum auf all die anderen Klassen verzichten nur um einen Trank zu beaufsichtigen.

"Du schneidest die Zutaten," bestimmte Malfoy und füllte schonmal Wasser in seinen Kupferkessel um ihn wie beschrieben 3-fach auszukochen, ehe die ersten Zutaten in Verwendung kamen.

Harry tat wie geheißen. Er hatte kein Problem damit sich um die Zutaten zu kümmern. Mit Toby zusammen hatte er häufig gekocht und Harry war immer derjenige gewesen, der Toby zugearbeitet, das Gemüse zerkleinert und die Zutaten gewogen hatte. Die Arbeit ging ihm leicht von der Hand und es machte ihm sogar Spaß. Erstaunt beobachtete er, dass auch Malfoy sich ein Brett und ein Messer genommen und ebenfalls damit begonnen hatte, eine Wurzel zu zerlegen, während er das Wasser zum Kochen brachte.

"Woher kommt dein plötzliches Talent für Zaubertränke, Potter?" fragte Malfoy und Harry konnte nicht umhin den Blonden skeptisch zu mustern, in der Annahme einen spöttischen Hinterhalt zu entdecken. Doch Malfoy war in seine Arbeit vertieft und seine Stimme klang, als würde er einfach Smalltalk betreiben.

"Ähm. Keine Ahnung," meinte Harry verwirrt und kam sich reichlich dumm dabei vor. "Ich habe viel gekocht über den Sommer."

Erstaunt vernahm er Malfoys Lachen, das überraschend wenig Hohn und dafür echtes Amüsement enthielt. "Hat wohl eher mit deinem neuen Selbstbewusstsein zu tun, durch das du dich von Snape nicht mehr so einschüchtern lässt." Dann grinste er. "Du hast hoffentlich deinem Muggelfreund gebührend dafür gedankt!"

Harry wurde schlagartig rot. "Halt die Klappe, Malfoy," zischte er und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. War das eben soetwas wie ein Kompliment gewesen? Harry fühlte sich im Moment alles andere als selbstbewusst, aber er würde den Teufel tun, Malfoy das spüren zu lassen. Verbissen hackte er das schleimige Etwas, da er gerade vor sich liegen hatte, in Stücke und versuchte sich zu beruhigen.

Malfoy wechselte inzwischen das Wasser, als dieses zu brodeln begonnen hatte um den Kessel ein zweites Mal auszukochen. Harry griff gerade nach einer dicken Knolle, um diese ebenfalls kleinzuschneiden, als sich Malfoys Hand plötzlich auf seine legte.

"Die nicht," warnte er. "Die muss ganz frisch geschnitten werden, sonst verliert sie ihre Wirkung, noch ehe sie im Trank ist." Er entwand dem verdutzten Harry das Schattengewächs und schob ihm stattdessen einen Mörser hin. "Du kannst schonmal die Furienbeeren kleinmahlen, aber hol vorher die Kerne raus, sonst wird der Trank so scharf, dass er die Kehle verätzt."

Harry nickte nur und versuchte das Kribbeln in seinen Fingern zu ignorieren, das Malfoys Berührung ausgelöst hatte. Er musste sich zusammenreißen. Wenn er Malfoy nur das kleinste Anzeichen von Schwäche zeigte, würde der dies sofort ausnutzen. Es war ein dünnes Band des Friedens das gerade zwischen ihnen herrschte, dessen war er sich bewusst. Jeder kleinste Fehler konnte zur Folge haben, dass Malfoy zu seinem alten, hinterhältigen Ich zurückkehrte und Harry das Leben schwer machte, oder noch schlimmer, dass er Harrys Schwäche offen zur Schau trug und seinen inneren Zwiespalt vor den anderen aufdeckte. Und auf keinen Fall wollte Harry riskieren, dass Malfoy hier im Klassenzimmer zu den flirtartigen Unterhaltungen umschwenkte, die sie während der Sommerferien geführt hatten.

Er konzentrierte sich also ganz darauf die Beeren mit einem spitzen Messer aufzustechen und die winzig kleinen Samen herauszupuhlen, wie Malfoy es ihm vorgegeben hatte. Es war eine Sisyphusarbeit und kaum die Hälfte des ursprünglichen Gewichts der Beeren landete schließlich in dem Mörser. Mit dem Marmorstößel bearbeitete er die zähen Häute und versuchte sie zu feinem Staub zu verarbeiten, doch die Biester wehrten sich und klebten sich in dem Steingefäß fest. Harry schlug schon fast danach, doch das machte die Sache nicht besser, denn ein Teil der Beeren sprang dadurch aus dem Mörser und sprenkelte die Arbeitsfläche.

"Was genau wird das eigentlich, wenn es fertig ist, Potter?" Malfoy hatte inzwischen ein drittes Mal den Kessel mit Wasser befüllt und sah Harry nun mit vor der Brust verschränkten Armen zu. "Gib das mal her." Er griff nach Mörser und Stößel und fing an durch drehende Bewegungen seines Handgelenks, die zähen Brocken in kleinere Klümpchen zu zerteilen. "Jetzt du," bestimmte er und stellte den Mörser wieder vor Harry ab. Als Harry jedoch den Stößel in die Hand nahm, legte Malfoy seine Finger darüber und führte Harrys Bewegungen. Ohne dass er es wollte, begann sein Herz zu rasen und Malfoys Geischt verzog sich zu einem schelmischen Grinsen, da er Harrys Unwohlsein zu spüren schien. "Na, das gefällt dir wohl, was Potter?" Amüsiert zog der Blonde eine Augenbraue hoch und dirigierte weiterhin Harrys Hand in einer, wie dieser mit Schrecken feststellen musste, obszönen Bewegung über den Stößel.

"Lass mich in Ruhe Malfoy, ich schaff das schon alleine," begehrte Harry auf und riss Malfoy den Stößel aus der Hand. Leider stieß er dabei den Mörser um und die mühselig zermalmten Beeren kullerten auf die Arbeitsfläche.

"Ist ja schon gut, Potter. Du brauchst ja nicht gleich aggressiv zu werden!" Malfoys Grinsen hatte sich noch vertieft und Harry spürte das beruhigend vertraute Verlangen es dem Slytherin aus dem Gesicht zu prügeln. Malfoy schien diese Wendung wahrzunehmen und wandte sich dem erneut kochenden Wasser zu. Er goss es in den Abfluss, der an jedem Arbeitsplatz angebracht war und wischte dann den Kessel sorgfältig mit einem Filzlappen aus.

"Also gut, Potter. Wir beginnen mit der Kratzfruchtflüssigkeit. Gib mir mal die Flasche rüber." Harry tat wie geheißen und achtete penibel darauf Malfoy diesmal nicht zu berühren. "Sobald der erste Dampf aufsteigt gibst du die Dreieckswurzel dazu. Ich rühre. Aber pass auf, dass nichts auf meine Hand fällt. Die Dinger machen furchtbare Flecken, die tagelang nicht abgehen."

Kurz überlegte Harry, ob er nicht zu Fleiß etwas von der Wurzel auf Malfoys Haut fallen lassen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Wer weiß, zu welcher Stimmung Malfoy dann wechseln würde und Harry konnte es sich nicht leisten noch einen Trank zu verpatzen. Er streifte sich seine dünnen Arbeitshandschuhe über und nahm die Dreieckswurzel, die Malfoy zuvor kleingeschnitten hatte. Ein leichter Nebel stieg über dem Kessel auf und Harry warf dem konzentriert rührenden Malfoy einen fragenden Blick zu. Dieser nickte nur und gab somit das Zeichen, die Zutat in den Kessel zuzugeben. Ein zufriedener Ausdruck machte sich auf Malfoys Gesicht breit, als die Flüssigkeit sich verdoppelte und eine dottergelbe Farbe annahm.

"Sehr gut," murmelte der Slytherin und nahm den Löffel aus dem Kessel. "Die Flüssigkeit muss jetzt 5 Minuten ziehen, dann kommt das Sektenkraut und die Furienbeeren dazu." Er warf einen prüfenden Blick in den Mörser, in dem Harry wieder die verlorenen Beeren eingesammelt und inzwischen zu feinem Staub verarbeitet hatte. Mit geübten Handgriffen reinigte Malfoy sein Brett und machte Ordnung auf der Arbeitsfläche, während der Trank fröhlich vor sich hin blubberte. Harry tat es ihm gleich und stellte die weiteren Zutaten bereit. Prüfend warf Malfoy einen Blick auf seine Uhr und hielt schließlich Harry die Knolle wieder hin, die er zuvor noch nicht hatte schneiden dürfen. "Sobald die anderen Zutaten im Trank sind, fängst du an die Knolle zu schneiden. Die Stücke müssen nicht exakt gleich groß sein, wichtig ist, dass sie nicht länger als 30 Sekunden an der Luft sind, also gib lieber zwischendurch was davon in den Trank, wenn du nicht schnell genug bist."

Harry nickte und machte sich bereit mit dem Schneiden zu beginnen, sobald Malfoy ihm das Zeichen dazu gab. "Los!" Malfoy startet die 30-Sekunden Sanduhr, warf Beeren und Sektenkraut in den Trank und rührte eilig im Kessel um. In Windeseile hackte Harry die Knolle. Es hatte sich bezahlt gemacht sich von Toby abzuschauen, wie man möglichst effizient Gemüse kleinschnitt und so schaffte er die ganze Knolle innerhalb der 30 Sekunden und warf sie in den Trank ehe das letzte Sandkorn der Uhr durchgeronnen war. Er glaubte auf Malfoys Gesicht einen anerkennenden Blick wahrzunehmen, war sich jedoch nicht sicher, denn er war so schnell gegangen, wie er gekommen war.

Ein schrilles Pfeifen drang aus dem Kessel. Malfoy zog den Löffel aus dem Trank und dann mit einem Schmatzenden Geräusch wurde die Flüssigkeit hart. Sofort löschte Malfoy das Feuer unter dem Kessel und deckte ihn mit einem Tuch ab.

"Alles klar." Malfoy atmete hörbar aus und Harry merkte, dass die Konzentration und Anspannung von ihm abfiel. "Jetzt heißt es abwarten. In acht bis zehn Stunden ist der Trank wieder flüssig, dann können wir ihn vollenden."

"Wie bitte?" Harry glaubte sich verhört zu haben. "In acht bis zehn Stunden? Und dann erst vollenden? Heißt das wir müssen den Trank danach nochmal für 12 Stunden beobachten? " Panik machte sich in ihm breit. Er konnte unmöglich die ganze Nacht mit Malfoy im Zaubertrankraum verbringen.

"So ist es, Potter." Wenn Malfoy jetzt sein schelmisches Grinsen auflegte, würde Harry lieber die schlechte Zaubertranknote in Kauf nehmen, als sich eine ganze Nacht lang Malfoys Anwesenheit auszusetzen. "Ich würde vorschlagen wir treffen uns so gegen 18 Uhr wieder hier."

Noch ehe Harry etwas sagen konnte, erklang der Gong der das Ende der Stunde signalisierte. Ohne ein weiteres Wort, nahm Malfoy seine Tasche und verließ den Klassenraum. Verzweifelt sah Harry sich um. Er konnte nur hoffen, dass alle anderen ebenso abgelenkt von ihrer Aufgabe gewesen waren wie Malfoy und er und somit niemand mitbekommen hatte, wie gesittet und erstaunlich im Einklang die beiden bekannten Erzfeinde miteinander gearbeitet hatten. Sein Blick blieb an Snape hängen, der nachdenklich die Stirn gerunzelt hatte und Harry musterte. Schnell raffte er seine Sachen zusammen und machte sich ebenfalls aus dem Staub. Er hörte, dass Hermine nach ihm rief, hielt aber erst am Treppenabsatz, um auf sie zu warten, denn dieser seltsame Ausdruck auf Snapes Gesicht war noch gruseliger als seine Wutausbrüche.