3. Der sprechende Hut
Als Harry sich am Abend in der großen Halle umsah, stellte er fest, dass auch in den anderen Häusern Schüler aus seinem ehemaligen Jahrgang das letzte Schuljahr wiederholten. Am Hufflepuff Tisch sah er Justin Finch-Fletchley und Theodor Smith, bei den Ravenclaws waren es Terry Boot und Kevin Entwhistle. Bei den Slytherins entdeckte er allerdings lediglich Draco Malfoy, der aber wirklich mehr als richtig unglücklich schien, wieder in Hogwarts zu sein.
Professor Flitwick trat mit den Erstklässlern herein, die ehrfürchtig die große Halle bestaunten. Harry dachte an seinen ersten Tag in Hogwarts. Damals hatte er noch nicht ahnen können, was einmal auf ihn zukommen würde. Nun lag es hinter ihm und seine Erinnerungen an die Zeit vor 8 Jahren schien ihm mehr die Geschichte einer Person zu sein, die er mal gekannt hat, als seine eigene.
Erst als die Erstklässler alle schon vor dem alten Hut versammelt waren, kam Harry wieder ins Hier und Jetzt zurück und bemerkte ein Mädchen unter ihnen, die sehr viel größer war, als die anderen. Er sah sich um und erkannte, dass alle sie anstarrten. Kein Wunder, dachte Harry. Nicht nur war sie offensichtlich viel zu alt für die erste Klasse, noch dazu hatte sie sehr lange lila Haare und stach dadurch noch mehr unter den anderen hervor.
Den größten Teil des dämlichen Lieds des sprechenden Huts hatte Harry verpasst, er hörte gerade noch die letzten Verse.
"Denn auch ich Hut, obgleich der schlauste,
vertu mich mal, jawohl da schauste.
Der der noch lebt, jetzt schon zum zweiten,
soll wissen, nun sind andre Zeiten."
Als er endlich fertig war, wandten alle ihren Blick Harry zu. Manche schauten ihn sehr verdutzt an, die meisten schienen jedoch einfach abzuwarten, was das nun wieder zu bedeuten hatte. Das hätte Harry auch gerne gewusst.
"Mr. Potter, nun kommen sie doch nach vorne!" hörte er Professor McGonagall leicht gereizt sagen. Sie war von ihrem Stuhl aufgestanden und blickte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Hastig schwang Harry die Beine über die Sitzbank und ging schnellen Schrittes nach vorne, um sich zu den anderen vor den Hut zu stellen. Was zum Geier sollte das? Sollte er tatsächlich in ein anderes Haus gewiesen werden? Die neuen Schülerinnen und Schüler um ihn herum, begutachteten ihn und tuschelten unentwegt.
Als sich Professor McGonagall wieder gesetzt hatte, entrollte Professor Flitwick die Namensliste und rief die erste Schülerin auf.
"Samantha Bradshaw"
Ein kleines Mädchen, das gerade noch flüsternd mit ihrer Nachbarin geredet hatte, schreckte auf und ging langsam auf den Stuhl zu. Sie fuhr sich nervös durch ihr schulterlanges blondes Haar, bevor ihr der Hut aufgesetzt wurde. Es dauerte keine drei Sekunden, da rief er bereits:
"Hufflepuff!"
Sichtlich erleichtert lief Samantha zum Hufflepuff-Tisch. Harry hatte das ungute Gefühl, dass er am Ende dieser Zeremonie weniger erleichtert sein würde. Und so kam es dann auch.
"Ah, wie ich sehe, hast du mein Angebot angenommen." sagte der Hut. Wie war das?
"Ich war mir nicht im klaren darüber, dass ich eine Wahl hatte." antwortete Harry.
"Ich denke, ich werde dich nach Slxytherin stecken."
"Was? Nein!"
"Du willst nicht? Ich dachte, du seist über die Jahre etwas reifer geworden."
"Ich war glücklich in Gryffindor."
"Nach Gryffindor kann ich dich nicht schicken, da kommst du her, du Dummerchen. Nein, das würde keinen Sinn ergeben. Dort sind dieses Jahr zu viele Schülerinnen und Schüler, du bist nicht der einzige Wiederholer."
Harry verdrehte die Augen. "Na schön, dann lass mich nach Ravenclaw. Oder Hufflepuff, meinetwegen."
Der alte Hut lachte. "Nein, das geht auch nicht. Ist dir nicht aufgefallen, dass auch dort ein paar Schüler aus deinem alten Jahrgang sind?"
"Das heißt, ich muss sowieso nach Slytherin, weil dort nur Malefoy wiederholt?"
"Richtig." Wieder lachte der Hut. "Aber du musst zugeben, dass du für einen Ravenclaw nun wirklich ein wenig zu langsam wärst."
"Das ist doch völlig bescheuert! Und in den anderen Jahrgängen werden doch sicher auch einige wiederholen müssen, also wieso muss nur ich-" In diesem Moment rief der alte Hut laut und für alle anderen hörbar:
"SLYTHERIN!"
Harry riss sich den Hut vom Kopf, noch bevor Flitwick es tun konnte und ging zum Slytherintisch und setzte sich auf den erstbesten Platz, den er finden konnte. Er achtete nicht darauf, neben wem er saß, denn es interessierte ihn nicht. So hatte er sich seine Rückkehr nach Hogwarts nun wirklich nicht vorgestellt und er hoffte, dass er an seinem Hauswechsel noch etwas ändern können würde, wenn er sich gleich nach dem Essen an Professor McGonagall wendete. Unfreiwillig fiel ihm auf, dass links neben dem gegenüberliegendem Platz, das Mädchen mit den blauen Haaren saß. Sie war als zweites aufgerufen worden, aber Harry erinnerte sich nicht mehr an ihren Namen. Sie war sehr hübsch, im Gegensatz zu dem Mädchen, mit dem sie sprach, das Harry gegenüber saß, die darauf jedoch eher verhalten reagierte und nur kurze Antworten gab. Sie hatte langen rot gefärbte feine Haare, die sie in einem engen Zopf trug und Harry fand, dass sie mit ihrem eher breiten Gesicht, wie eine typische Slytherin aussah. Er schaute sehnsüchtig hinüber zum Gryffindortisch, wo gerade ein Braunhaariger lautstark empfangen wurde.
Als der alte inkompetente Hut endlich fertig war, seine Opfer in die vier Häuser einzuteilen. Professor McGonagall richtete noch ein paar Worte an die Schüler, bevor das Abendessen begann, aber Harry hörte nur mit halbem Ohr zu, weil er noch immer damit beschäftigt war, sich über seine momentane Situation zu ärgern. Die neue Schülerin sprach auch während des Essens immer wieder mit dem Mädchen neben ihr und Harry fragte sich, ob die beiden sich bereits kannten. Es war zu laut, um etwas von ihrem Gespräch zu verstehen, Harry bekam nur mit, dass das Mädchen, das ihm gegenüber saß offenbar Nicole hieß. Er suchte vergeblich nach einer Begebenheit, in der er sie schon einmal gesehen oder von ihr gehört hatte.
Nach einer halben Stunde machten sich die ersten Schülerinnen und Schüler auf zu ihren Häusern. Harry überlegte, ob er es ihnen gleichtun oder darauf warten sollte, mit den Erstklässlern von dem Vertrauenssschüler der Slytherins in den Kerker geführt zu werden, verwarf den Gedanken aber wieder, als ihm wieder einfiel, dass er nach dem Essen noch mit Professor McGoonagal sprechen und sich dann hoffentlich, wie gewohnt, zum Gryffindorturm aufmachen würde.
Also saß er noch eine Weile auf seinem Platz und stocherte in den Resten seines Abendessens herum. Die Halle lichtete sich und endlich stand auch die Schulleiterin von ihrem Platz auf. Allerdings wand sie sich nicht, wie Harry erwartet hatte, an die Erstklässler, um sie aufzufordern, ihren Vertrauensschülern zu folgen, sondern ging direkt um den Lehrertisch herum auf den Gryffindortisch zu. Dann sah Harry die noch verbliebenen Schülerinnen und Schüler ihrer Hauslehrerin aus der Großen Halle folgen.
"Planen sie hier zu nächtigen oder warten sie auf eine Extraeinladung, Potter?"
Erschrocken sah Harry sich um. Snape stand hinter ihm, um ihn eine Horde Erstklässler.
"Ich muss noch mit Professor McGonagall sprechen." erwiderte Harry. "Wegen dieser Haussache."
"Ich bin ihr Hauslehrer, Potter. Ihre Haussachen fallen damit in meinen Aufgabenbereich." Snape klang, als würde ihm dieser Umstand fast so sehr widerstreben, wie Harry. "Und nun erheben sie sich!"
Wenige Minuten später saß Harry auf seinem Bett. Nein, er saß auf einem Bett mit grünen Vorhängen, das notdürftig zu den anderen Betten im Slytherin-Schlafsaal gestellt worden war. Es war nicht sein Bett. Sein Bett stand im Gryffindorturm, neben dem von Ron. Was der wohl gerade machte? Nicht, dass es ihn noch wirklich interessierte. Er sah zu dem Bett rechts neben seinem, wo Mafloy gerade seinen Koffer auspackte. Ein leiser Seufzer von Harry brachte ihn dazu kurz aufzublicken, dann widmete er sich wieder seinem Gebäck.
Harry hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben und verzichtete daher darauf, sich hier einzurichten. Die wichtigsten Dinge hatte er schnell aus seinem Koffer gefischt und auf das Bett geworfen, das ihm zugeteilt worden war, von einem Paul Smitt oder Smith oder wie immer sein Name war. "Du nimmst das Bett, klar?!" hatte er gesagt und dann ein noch lauteres "Ob das klar ist, hab ich gefragt?!" angehängt, weil Harry seine Frage fälschlicherweise für reine Rhetorik gehalten hatte. "Sonnenklar." hatte Harry während eines Blickes in die Tiefen des Sees geantwortet.
Nun saß er also da und wartete. Die anderen waren gerade in den Waschräumen, bis auf Draco. Es wirkte beinahe so, also würde er den anderen ebenfalls aus dem Weg gehen wollen. Entweder das, oder er legte übertrieben großen Wert darauf, dass seine Kleidung faltenfrei verstaut würde. Den Dursleys würde das sicher gefallen, dachte Harry und musste grinsen, bei dem Gedanken, dass Draco ihn schon so oft an Dudley erinnert hatte und wie wenig ihm dieser Vergleich gefallen würde. Leider führte Dracos Ordnungsliebe, ob gespielt oder nicht, dazu, dass Harry noch ein bisschen länger warten musste, bis er endlich, nach allen anderen, in den Waschraum konnte.
Als er sich schließlich ins Bett legte, war es bereits nach Mitternacht und trotz schlechter Laune, von der er nie geglaubt hätte, dass das an seinem ersten Tag zurück in Hogwarts möglich wäre, schlief er sehr bald ein.
