Als Aquilia zu sich kam, fühlte sie sich matt und fror. Mit geschlossenen Augen versuchte sie sich zu erinnern, was passiert war, bevor sie das Bewusstsein verloren hatte. War sie jetzt etwa doch bei den Leuten gelandet, vor denen sie weggelaufen war? Es nützte alles nichts, sie öffnete ihre Augen, um sich umzusehen, doch so wirklich Aufschluss, wo sie sich befand, gab ihr der Raum um sie nicht. Sie könnte in einem Krankenhaus oder in einem Raumschiff sein, auf jeden Fall war sie medizinisch versorgt worden. Aus einem ihr unbekannten Grund fand Aquilia die Vorstellung beruhigend, dass sich jemand um sie gekümmert hatte. Vorsichtig versuchte Aquilia sich in eine sitzende Position hochzustemmen, doch es blieb bei dem Versuch. Kaum belastete sie ihre Arme, gaben diese unter ihr nach und Aquilia konnte nur mit Mühe einen erschrockenen Schmerzschrei unterdrücken, als sie ins Kissen zurückfiel.
Eine Tür ging auf und Aquilia sah eine rothaarige Frau auf sich zukommen, sie kam ihr bekannt vor und dann begann sie sich zu erinnern. Als die Frau neben Aquilia's Bett zum stehen kam, fiel ihr ihr kleiner Ausfall wieder ein.
„Wie geht es dir?", fragte die Frau besorgt. Beschämt sah Aquilia sie an und antwortete leise: „Naja, es ging mir schonmal schlechter, ich wüsste nur gerne wo ich hier bin!" Die Frau lächelte sanft und sagte: „Das, was gestern vorgefallen ist, muss dir nicht peinlich sein, du befindest dich hier in Charles Xaviers Schule für begabte Jugendliche. Mein Name ist Dr. Jean Grey, aber alle nennen moch Jean." Verwirrt sah Aquilia sie an, sie hatte nie etwas von der Schule gehört und begabt war sie schon mal gar nicht. „Ich bin auf einer Schule für Hochbegabte?" Jean lächelte wieder, als sie antwortet: „Begabt, nicht Hochbegabt! Ruh dich noch ein wenig aus, alles weitere können wir später noch besprechen, wir haben ja alle Zeit der Welt."
Aquilia zögerte kurz, dann sagte sie: „Miss Grey, sie können mich Aquilia nennen!" sie streckte ihre Hand aus, um sie Miss Grey zu reichen, doch diese schüttelte den Kopf und sagte: „Du hast schwere Verbrennungen an den Händen und Armen, da darfst du ruhig auf diese höfliche Geste verzichten!"
Eine Flasche Wasser kam angeflogen und Aquilia zuckte erschrocken zusammen, als diese auf dem Tischchen neben ihrem Bett landete, überrascht sah sie die rothaarige an und bedankte sich. Gierig griff Aquilia nach der Flasche und trank, als wäre sie fast vorm Verdursten. Als ihr Durst gestillt schien, stellte sie die Flasche wieder weg, bedankte sich noch einmal und schlief sofort ein.
Erstaunt sah Jean die junge Frau an, mit jeder Minute wurde sie interessanter, doch wagte sie es nicht in ihre Gedanken zu sehen. Ein Gefühl tiefer Ruhe durchströmte Jean, während sie bei der Schlafenden saß. Es fiel ihr nicht einmal auf, dass Hank zur Tür reinkam und irgendwann neben ihr stand.
Schwer legte sich Hanks Hand auf Jeans Schulter und sie zuckte zusammen, so sehr erschrak sie sich. Normalerweise spürte Jean es, wenn jemand den Raum betrat, ja manchmal sogar, wenn jemand an sie dachte. Doch nun war Jean von so einer Ruhe durchströmt, dass sie alles um sich herum vergessen zu haben schien, das erste Mal seit dem Erscheinen ihrer Mutation. Immer noch den Schrecken in den Knochen sah sie zu Hank auf.
„Was ist denn los? Ist was passiert?", fragte sie überrascht. „Nein, es war nur nix von dir zu hören, nicht einmal Charles konnte dich telepathisch erreichen, das war ein wenig beängstigend."
„Ich war die ganze Zeit hier, bei Aquilia und habe die Ruhe, die von ihr ausgeht, genossen!" Jeans Augenbraunen zogen sich vor Verwirrung zusammen. „Wie auch immer", sagte Hank schulterzuckend „es hat sich ja alles aufgeklärt, du bist nicht weg und alles ist wieder OK!" Auch Jean zuckte mit den Schultern und stand auf, um zu ihrem Platz zurück zu gehen und danach in das Büro von Charles Xavier. Dort wurde sie auch schon erwartet, die ruhige Stimme ihres Mentors begrüßte sie, in seinem Tonfall klang eine Spur von Erleichterung mit.
„Jean, ich hatte mir Sorgen gemacht, du hast weder auf das Telefon unten, noch auf mich reagiert. Was war los?" „Ich war bei Aquilia, hatte mich zu ihr gesetzt und ihr beim Schlafen zugeguckt, sie hat so eine Ruhe ausgestrahlt, die Welt um mich schien zu versinken. Es war das erste Mal, seit Jahren, dass in meinem Kopf völlige Ruhe war, keine Stimmen, keine Gedanken, nix!", in Jeans Stimme schwang etwas wie Freude mit, sie hatte die letzten anderthalb Stunden sehr genossen. In ihr war eine spürbare Veränderung vorgegangen, ob es nun an Aquilia lag oder einfach nur, dass sie mal ungestört war, etwas hatte sich an ihr geändert. Charles merkte die Veränderung sofort und lächelte milde, es schien als hätte die Jean, die vor kurzem noch permanent gereizt und für jede noch so kleine Störung anfällig war, sich erholt. Eine neue Kraft schien sie zu erfüllen, sie war völlig ruhig und schien sich völlig im Griff zu haben. „Und was kannst du mir über unseren Neuzugang erzählen?" „Nun ja, sie schläft, vorhin war sie kurz wach, erst schien sie Angst zu haben, aber als ich zu ihr kam, beruhigte sie sich recht schnell wieder. Viel hat sie nicht erzählt, sie hat nur schnell was getrunken und ist sofort wieder eingeschlafen, sie scheint sehr erschöpft zu sein. Sie war alles in allem sogar sehr höflich!" Charles ließ wieder ein Lächeln über seine Lippen huschen. „Es reicht ja auch völlig, wenn Logan hier rumhängt und schlechte Laune verbreitet, da wäre zwar noch jemand, der pausenlos um sich schlägt eine Ergänzung, aber trotzdem weniger wünschenswert!" Plötzlich fing Jean lauthals an zu lachen, sie war wirklich wie ausgetauscht und plötzlich sah auch Charles, was Jean sich vorstellte: Aquilia mit Logan an der Seite, wie er alle anpöbelt und Aquilia sämtlichen Jungs im Haus gegens Schienbein trat.
So wie heute hatte Charles Xavier Jean nie erlebt, fröhlich, lebhaft, im Haus war mehr als eine neue Person angekommen. „Naja, dann möchte ich dich nicht weiter von deiner Arbeit abhalten!", kam es ruhig von Charles. „Danke, ich habe ja noch so fürchterlich viel zu tun", stellt Jean fest, während sie sich gleichzeitig mit der Hand gegen die Stirn schlug und aus dem Büro eilte. Noch immer fassungslos schüttelte Charles Xavier den Kopf und wandte sich wieder den Papieren auf seinem Tisch zu, doch seine Gedanken blieben bei Jean und ihrer neugefundenen Ruhe.
