Ein neuer Tag
Meg spazierte langsam die Straße nach unten. Der Gehsteig war noch nass vom Regen und die Straßenlaternen verführten den schwarzen Teer zur orangem Funkeln. Links von ihr verlief eine endlose Hecke, hinter der sich Grundstück um Grundstück befand, rechts hinter der Straße befand sich ein Abhang und nach wenigen Metern die Waldgrenze. Meg versuchte sich davon abzuhalten in Richtung der Bäume zu blicken, doch es gelang ihr nicht. Immer wieder spähten ihre Augen ins Dickicht und suchten nach einer Erklärung, einem Hinweis, bevor Meg sie wieder zurück auf den Asphalt zwang. War der Albtraum wirklich vorüber? Hatte der Entitus sie wirklich einfach so ziehen lassen? Oder war er gezwungen worden? Meg erinnerte sich an die seltsamen Geräusche und die ungewöhnlich schnelle Abfolge an Jagden. Irgendetwas war vorgefallen.
Und dann war da die Krankenschwester, die ihre Beute einfach so aufgegeben hatte. Meg konnte sich nur noch verschwommen an die Szene im Wald erinnern, doch wieder kam sie zum selben Schluss. Irgendetwas war vorgefallen.
Meg wusste glücklicherweise genau wo sie sich befand und bog nun zielsicher in eine Seitenstraße ein. Es war nicht unbedingt der schnellste Weg, doch er brachte Abstand zwischen sie und den Wald. Meg befand sich in den Außenbezirken von Waltonfield, einer mittelgroßen Stadt im Osten der USA. Bereits ihr ganzes bisheriges Leben hatte sie in dieser Stadt verbracht. Zunächst in einem Vorort wie diesem, später näher am Stadtzentrum. Nachdem ihre Mutter krank geworden war, hatten sie ihr Haus verkaufen und in ein kleines Apartment ziehen müssen, in dem Meg sich um Vanessa gekümmert hatte. Zu ihrem täglichen Training war sie manchmal zum Sportplatz gefahren, meistens jedoch hatte es sie hierher verschlagen. Mit dem Bus leicht zu erreichend, war die Gegend perfekt für ausgedehnte Läufe. Die Luft war frisch und der angrenzende Wald hatte Meg immer ein Gefühl der Ruhe gespendet. Zumindest bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem der Entitus sie in sein Reich entführt hatte.
Die Sonne ging im Osten auf und schien Meg direkt ins Gesicht. Sie kam an einer Bushaltestelle vorbei, doch sie blieb nicht stehen. Ohne Fahrschein würde der Fahrer sie nicht mitnehmen und Meg hatte kein Geld dabei. Sie würde wohl zu Fuß gehen müssen. Ein kalter Wind wehte zwischen den Häusern hindurch und Meg zog sich die Kapuze ihres rotweiß gefärbten Pullovers über den Kopf. Sie wusste nicht wie lange sie im Nebel gefangen gewesen war, doch der Tag ihrer Entführung war im Herbst gewesen. Nun schien es irgendwann zwischen Winter und Frühling zu sein. Sechs Monate schätzte Meg.
Er war zurück. In Waltonfield. Dwight konnte es nicht glauben. Warum der Entitus ihn freigelassen hatte wusste er nicht. Er wusste auch nicht, ob es beabsichtigt gewesen war, dass Dwight inmitten einer Jagd plötzlich zwischen den Bäumen hervorgebrochen war und anstatt eines Generators seine Heimatstadt vor sich gehabt hatte. Dwight wusste auch nicht, ob der Albtraum vorbei war, oder ob es sich hierbei nur um einen weiteren perfiden Trick des Entitus handelte.
Dwight kam an einer Litfaßsäule vorbei und blieb kurz stehen. Dort unter dem bunten Plakat einer Jazzband lächelte ihm sein eigenes Gesicht entgegen. Es war ein Flyer, den offenbar seine Eltern ausgedruckt und überall aufgehängt hatten. Die Überschrift lautete: „Vermisst" Darunter befand sich ein Foto von ihm zusammen mit den Kontaktdaten seiner Eltern und einer versprochenen Belohnung für jeden Hinweis. Der Flyer war wohl schon mehrere Monate alt, denn man konnte die Buchstaben kaum noch entziffern.
Dwight konnte Tränen in seinen Augenwinkeln spüren. Auch wenn sie es ihm natürlich nie gesagt hatten, so hatte Dwight doch immer vermutet, dass seine Eltern enttäuscht von ihm gewesen waren. Von der Schule hatte er stets unterdurchschnittliche Noten nach Hause gebracht, er hatte sich in unterschiedlichen Sportarten versucht, doch wenn ihn eine Mannschaft überhaupt hatte aufnehmen wollen, so hatte es niemals lange gedauert, bis man Dwight wieder rausgeworfen hatte. Musikalisch war er sowieso nie gewesen. Vor allem seine Mutter Elizabeth, eine Geigenlehrerin an einer örtlichen Musikschule, war darüber insgeheim enttäuscht gewesen. Auch wenn sie das Thema nie angesprochen hatte, so hatte Dwight ihre Betrübnis im wahrsten Sinne des Wortes gespürt.
Er hatte sich noch nie in irgendeinem Bereich besonders hervorgetan. Selbst seinen Job als Pizzabote hatte er verloren, nachdem er wiederholt an die falschen Adressen geliefert hatte. Sein Vater James hatte seinen Unmut darüber gut verborgen, doch es war Dwight nicht entgangen. James war ein relativ hohes Tier in der Verwaltungsabteilung eines Versicherungsunternehmens und hatte seinem Sohn schließlich einen Bürojob in seiner Abteilung besorgt. Bereits früh hatte sich gezeigt, dass Dwight wohl niemals eine Beförderung erhalten würde.
Auch ein Mädchen hatte er seine Eltern noch nie vorstellen können. Wahrscheinlich zweifelten sie bereits an seiner Heterosexualität. In der Schule war er stets der Fußabtreter aller anderen gewesen, ein Jämmerling, den man keines Blickes würdigte.
Dwight war für seine Eltern eine Enttäuschung gewesen. Und dennoch hing hier ein Zettel auf dem sie verzweifelt nach Hinweisen fragten und Belohnung versprachen, wenn sie nur ihren Sohn zurückerhalten würden.
Und das würden sie. Dwight holte tief Luft und versuchte sich zu beruhigen. Er war zurück. Er hatte es geschafft dem Entitus zu entfliehen. Seine Eltern würden ihn zurückerhalten und die Familie würde wieder zusammenkommen.
Dwight wollte gerade weitermarschieren, als sein Blick auf einen anderen Flyer fiel. Er schien noch älter zu sein als jener der Fairfields, doch er hatte genau denselben Zweck. „Vermisst", stand auch hier in großen Lettern über dem Bild eines jungen Mädchens. „Nea Karlsson" stand darunter und wieder wurde nach Hinweisen gefragt.
Dwights Gedanken wanderten plötzlich zu den anderen Überlebenden. Hatten sie es auch geschafft? Waren sie auch freigekommen? Genau für diesen Fall hatten sie damals im Nebel ihre Adressen ausgetauscht. Dwight wusste, dass Meg und Feng beide aus Waltonfield stammten. Claudette war aus Montreal hierhergezogen und Nea aus irgendeiner Stadt in Schweden, erinnerte sich Dwight. Jake hatte sich hier vor seiner Familie versteckt, Ace hatte ihnen selbst nicht so genau sagen könne wo er wohnte und David hatte nur gebrummt.
Dwight war entschlossen so schnell wie möglich mit allen anderen Kontakten aufzunehmen oder es zumindest zu versuchen. Vielleicht war er auch der einzige, der aus dem Nebel entkommen war. In diesem Fall musste er zu den Behörden gehen, ihnen sagen, dass er die Standorte der vermissten Personen kannte. Doch was sollte er erzählen? Eine Schauergeschichte von einem Monster im dunklen Wald, das Kinder entführte, um sie gnadenlosen Killern vorzuwerfen.
Dwight wischte den Gedanken beiseite. Er musste es versuchen. Und außerdem war es die Wahrheit. Eiligen Schrittes ging er durch die Straßen von Waltonfield, das Haus der Fairfields lag nicht weit entfernt. Er kannte die Gegend aus seiner Kindheit und mit jedem Schritt kam sie ihm surrealer vor. War er wirklich entkommen? Konnte es wirklich wahr sein.
Alle Zweifel wurden hinfort gefegt, als Dwight vor seinem Zuhause zum Stehen kam. Durch das Fenster konnte er seine Mutter sehen, wie sie seinem Vater Kaffee einschenkte. Die beiden sahen müde aus, gar hoffnungslos. Hatten sie etwa ihren Sohn aufgegeben, ihn für tot erklärt und die Suche nach ihm beendet? Dwight schüttelte den Kopf und trat zur Haustür hin. Nach einem kurzen Atemzug drückte er einen Finger auf die Klingel. Dann hörte er Schritte hinter der Tür.
Die Eingangstür des Hauses wurde langsam aufgezogen und eine Frau kam zum Vorschein. Sie hob die Hand zu den Augen um sich vor der aufgehenden Sonne zu schützen, die ihr direkt ins Gesicht schien. Als sie sah, wer da vor ihrer Tür stand, stockte der Frau der Atem. Ihre Unterlippe begann zu beben und ihre Augen weiteten sich fassungslos.
„Hi, Mom"
„NEA!", kreischte die Frau und brach in Freudentränen aus, während sie ihrer Tochter schluchzend um den Hals fiel. Es war nicht die Reaktion, die die junge Schwedin erwartet hatte. Sie hatte sich in Gedanken bereits ausgemalt, dass ihre Eltern ihr die Tür vor der Nase zuschlagen würden, sie beschimpfen oder einfach nur entgeistert anstarren würden. Aus ihrer Sicht musste es a so ausgesehen haben, als sei sie von Zuhause weggerannt, als sei genau das passiert was man von Tagedieben wie Nea erwartete.
Die Erleichterung, dass dies nicht der Fall war, raubte Nea fast den Atem. Ebenfalls in Tränen ausbrechend erwiderte sie die Umarmung ihrer Mutter. Sie drückte sich an die Schulter der Frau und schloss schluchzend die Augen. Keine Träne hielt sie mehr zurück. Nach all den Monaten im Nebel war es endlich Zeit, dass sie alle Fassaden fallen ließ, dass sie sich sicher genug fühlte um all ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Für mehrere Augenblicke verharrten die beiden Frauen im Türrahmen, einfach nur froh sich wieder in den Armen halten zu können. Neas Vater erschien im Flur hinter der Tür, er hatte seine Frau den Namen ihrer Tochter rufen hören und war so rasant aufgestanden, dass er sein weißes Hemd mit Tee befleckt hatte. Er fiel ebenfalls in die Umarmung mit ein.
Dann, nach einigen Momenten, lösten sich die Familienmitglieder wieder voneinander und sahen sich gegenseitig an. Iris und Noah auf der einen, Nea auf der anderen Seite. Sofort wanderte die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf das getrocknete Blut an Neas Schläfe. Sie war in der letzten Jagd schmerzhaft hingefallen und hatte sich leicht am Kopf verletzt, als sie jedoch wieder aufgeblickt hatte, war sie zurück in Waltonfield gewesen.
„Großer Gott, geht es dir gut?", fragte Iris sichtlich besorgt und untersuchte sofort die Verletzung. Dann dreht sie Nea mit sanfter Gewalt einmal im Kreis und suchte nach weiteren Verletzungen am Körper ihrer Tochter. Sie fand keine. Nea konnte nicht anders als vor Erleichterung zu lachen, gleichzeitig saßen ihr immer noch Tränen in den Augen.
„Natürlich geht es mir gut."
Es war nur eine leichte Verletzung, in keiner Weise gefährlich. Und dennoch stand ihre Mutter hier und verhielt sich als hätte Nea einen offenen Bruch erlitten. Alles kam Nea mit einem Mal so seltsam vor, so fremdartig. Im Nebel waren Verletzungen wie diese an der Tagesordnung gewesen. Niemand hatte sich großartig darum gekümmert. Man konnte sich wahrlich glücklich schätzen, wenn man mit nicht mehr als einer kleinen Platzwunde aus einer Jagd entkam.
„Wo bist du überhaupt gewesen?", fragte Iris weiter und sah ihrer Tochter nun in die Augen. Bevor Nea jedoch antworten konnte, war sie von ihrer Mutter wieder in eine Umarmung gezogen. „Egal, ganz egal. Gottseidank haben wir dich wieder zurück. Alles andere ist egal."
„Hier, komm rein", meldete sich nun auch Neas Vater und trat zur Seite, die rechte Hand einladend ausgestreckt. Sogleich wurde Nea von ihrer Mutter ins Haus bugsiert und vom Flur ins Wohnzimmer geleitet. Alles sah noch immer genau so aus, wie an dem Tag, an dem Nea verschwunden war. Die ganzen Bilder ihrer Verwandtschaft in Schweden, der knorrige Esstisch, den Neas Eltern von einem Trödler erstanden hatte und der alte Schaukelstuhl, der Noahs Vater gehört hatte. Es war alles noch da, ganz so, als wäre sie niemals fort gewesen.
Erschöpft erklomm Claudette die Stufen bis zu ihrem Apartment im fünften Stock. Der Aufzug war bereits vor ihrer Entführung in den Nebel außer Betrieb gewesen und auch in der Zwischenzeit schien sich niemand um das Problem gekümmert zu haben. Claudette wunderte sich nicht. Die junge Studentin wohnte allein in einer kleinen Wohnung in einer der heruntergekommeneren Gegenden von Waltonfield. Die Miete war niedrig und so war es auch das Interesse ihres Grundherren, sich um das Wohlbefinden seiner Kunden zu kümmern. Claudette hatte den alten Geizkragen auch nur zweimal in ihrem Leben gesehen, einmal bei der Unterzeichnung des Mietvertrags und einmal zufällig im Stiegenhaus. Der grummelige Greis hatte sie nicht eines Blickes gewürdigt, als sie ihn damals freundlich gegrüßt hatte. Wahrscheinlich hatte er sie gar nicht erkannt. Sein Geld erhielt der alte Mann mittels eines Dauerauftrags über die Bank, seine Kunden waren nicht viel mehr als Kontonummern. Das war auch der Grund weshalb Claudette hoffte, dass ihre Wohnung immer noch ihr gehörte. Als sie nach Waltonfield gekommen war, hatte sich die introvertierte Kanadierin schnell in die Einsamkeit ihrer Wohnung zurückgezogen, nur zum Einkaufen oder Studieren war sie nach draußen gegangen. Über soziale Kontakte verfügte sie nur in digitaler Form. In einem Forum war sie unter dem Pseudonym „ScienceGirl" als Botanikexpertin bekannt gewesen und hatte regelmäßig den verschiedenen Besuchern der Seite bei Hausaufgaben, Facharbeiten oder Ähnlichem weitergeholfen. Natürlich hatte sie sich immer etwas anderes gewünscht. In ihrer Fantasie hatte sie eines Tages einen jungen Mann kennengelernt, nicht unbedingt einen Schönling oder einen Draufgänger. Einfach nur einen netten, ehrlichen Kerl, and dessen Schulter geschmiegt man vorm Fernseher langsam einschlafen konnte. Es war nie passiert und es würde auch nie passieren.
Claudette war nun im fünften Stock angekommen und blieb vor einer der unzähligen weißen Türen stehen. Links von ihr befand sich ein in die Wand eingelassener Klingelknopf, darüber stand in unsauberer Handschrift: „Claudette Morel". Die Wohnung gehörte also immer noch ihr, stellte die Studentin erleichtert fest. Oder der neue Besitzer war einfach zu faul gewesen die Namensschilder auszutauschen. Kurz kramte sie in ihrer linken Hosentasche, dann zog sie ihren Wohnungsschlüssel hervor. Sie hatte ihn im Nebel unzählige Male verloren, doch genauso wie ihre Wunden nach einer Opferung auf wundersame Weise verschwunden waren, so war der Schlüssel jedes Mal wieder in ihrer Tasche aufgetaucht. Zum Glück hatte sie ihn bei der letzten Jagd nicht verloren.
Nervös fummelte Claudette kurz am Schlüsselloch herum, das verdammte Ding hatte immer schon geklemmt. Dann tat der Schlüssel schließlich einen Ruck und die Tür in ihr Apartment schwang auf. Sonnenlicht floss durch das einzige, nach Osten ausgerichtete Fenster in den quadratischen Raum. Direkt unter der von Vorhängen gesäumten Scheibe stand ihr Bett, an der gegenüberliegenden Wand befand sich die Küche und in der Mitte hatte ein kreisrunder Tisch seinen Platz gefunden. Zwei Stühle waren unter die Tischfläche geschoben worden, Claudette hatte jedoch stets nur einen gebraucht. An der Nordwand erblickte sie den Schreibtisch mit ihrem Computer und rechts daneben ein mit Büchern gefülltes Regal. Eine schmale Tür führte ins Bad. Alles war mit einer feinen Staubschicht überzogen, doch nichts hatte sich seit ihrem letzten Besuch geändert. Claudettes kleines Reich lag unberührt.
Die Kanadierin schloss langsam die Tür hinter sich und legte den Schlüssel auf den zentralen Tisch. Sie schaffte es gerade noch sich die Schuhe von den Füßen zu ziehen, bevor sie sich auf das Bett fallen ließ und augenblicklich einschlief.
Als sie wieder erwachte, lag sie schweißgebadet im Dunkeln. Das fahle Leuchten der Straßenlaternen schien durch das Fenster herein und winzige Staubpartikel waren schwebend im orangen Lichtkegel sichtbar. Claudette stand zitternd auf. Sie wusste, dass sie einen Albtraum gehabt hatte, konnte sich jedoch an nichts mehr erinnern. Benommen stolperte sie zum Waschbecken und spritzte sich einen Schwall kalten Wassers ins Gesicht. Claudette konnte sich ausmalen, wovon sie geträumt hatte. Beim Gedanken an den Entitus begann ihr Herz plötzlich schneller zu schlagen. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals und es war, als hätte ihr jemand die Luft aus den Lungen gepresst. Sie fühlte sich beobachtet. War es der Geist? Oder der Fallensteller? Panisch stürzte sie zum Lichtschalter und die Glühbirne an der Decke leuchtete flackernd auf. Das Zimmer war vollkommen leer. Sie war allein.
Niedergeschlagen rutschte Claudette mit dem Rücken die Wand nach unten. Die Beine angezogen vergrub sie das Gesicht in den Händen. Langsam beruhigte sich ihr schneller Herzschlag und sie konnte wieder ausreichend Luft holen, doch der Kloß in ihrem Hals blieb. Es war nichts weiter gewesen als eine Panikattacke. Kein Killer verfolgte sie. Keine Haken drohten mit ihrem eisernen Biss. Sie war in Sicherheit.
Claudette schluchzte leise. War sie wirklich in Sicherheit? Was, wenn der Nebel sie morgen wieder zurückholte? Wenn er ihr nur eine Verschnaufpause gewährte vor der nächsten Staffel an Jagden? Vielleicht wollte er vermeiden, dass seine Opfer unter all der psychischen Last zusammenbrachen. Vielleicht war es auch nur eine weitere sadistische Foltermethode und ein kurzer Moment der Freiheit sollte sie, sobald er ihnen plötzlich entzogen wurde, endgültig den Verstand rauben.
Sie hob den Kopf und versuchte die Gedanken beiseite zu fegen. Es hatte doch keinen Zweck über den Nebel nachzudenken und ob er sie wieder holen kommen würde, wenn sich doch rein gar nichts dagegen unternehmen könnte. Aber etwas anderes konnte Claudette tun.
Mit einer Hand die Tränen wegwischend stand sie kurzentschlossen auf und versuchte ein sicheres Gefühl in ihre Beine zurückzubekommen. Es gelang ihr nicht. Wenn es ihr geglückt war dem Entitus zu entkommen, so waren vielleicht auch andere Überlebende wieder in die normale Welt zurückgekehrt. Genau für diese Situation hatten sie ja einst ihre Adressen und Nummern ausgetauscht.
Claudette durchquerte das kleine Zimmer und setzte sich an ihren Schreibtisch. Mit ihrem Zeh schaltete sie schon aus Gewohnheit den am Boden stehenden PC ein, während sie mit der rechten Hand nach dem Telefon griff. Sie wollte gerade Dwights Nummer wählen, als ihre Gedanken zu ihren Eltern wanderten. Es war bereits über drei Jahre her, dass Claudette Montreal verlassen hatte und nach Waltonfield gezogen war. In dieser Zeit hatte sie ihre wahre Heimatstadt nur selten besucht und so hatte sie sich langsam aber sicher von ihren Eltern entfernt. Claudette war klar, dass sie sie von ganzem Herzen liebten und sie erwiderte diese Liebe. Allerdings hatten sie nie wirklich etwas mit ihren Interessen anfangen können. Claudette war bereits in der Grundschule als „hochbegabt" aufgefallen, doch das hatte auch seine Konsequenzen nach sich gezogen. Nicht nur ihre Schulkollegen hatte Schwierigkeiten gehabt, mit ihr auszukommen, auch ihre Eltern hatten oft nicht gewusst, wie sie mit ihrer Tochter hatten umgehen sollen. Es war ganz und gar nicht ihre Schuld, Claudette wusste das. Viel mehr machte sie sich selbst verantwortlich, doch was sollte sie tun? Sie war immer schon introvertiert und sozial unfähig gewesen und ihr Leben lang hatte sie es sich anders gewünscht. Aber so funktionierte das Leben nicht.
Mit zitternden Fingern tippte sie die Nummer ihrer Eltern in das Telefon ein und legte es anschließend ans Ohr. Besetzt. Ein wohlklingender Ton verkündete ihr, dass ihr Computer nun hochgefahren war. Claudette tippte beinahe automatisch das Passwort ein, den wissenschaftlichen Namen ihrer Lieblingspflanze, wie sie es schon unzählige Male vorher getan hatte. Als nächstes öffnete sie ihren Internetbrowser. Wie immer war ihr Account ScienceGirl bereits angemeldet und ihr Posteingang füllte sich mit einer Menge an ungelesenen Nachrichten. Sie beachtete sie nicht, sondern navigierte direkt in den Hauptthread.
„Hi Leute, ich bin wieder da.", schrieb sie nach kurzem Überlegen. Auf eine Antwort würde Claudette wohl etwas warten müssen, deshalb griff sie wieder zum Telefon und wählte erneut die Nummer ihrer Eltern. Diesmal klingelte es. Dreimal, Viermal, Fünfmal.
„Morel?", meldete sich eine Frau.
„Mom?", antworte Claudette mit bebender Stimme: „Ich bin´s, Claudette."
Für einen Moment hörte Claudette nichts mehr und dachte schon, dass ihre Mutter wieder aufgelegt hatte. Dann vernahm sie ein Geräusch, das ganz so danach klang, als ob jemand versuchte seinen Tränen nach unten zu kämpfen.
„Claudette, Liebling, bist du´s wirklich? Sag was!"
„Ja, ich bin hier."
Nun stiegen auch ihr die Tränen in die Augen.
„Oh Gott, danke, danke.", nuschelte Claudettes Mutter bevor sie sagte: „Claudette, wo bist du? Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung. Oh Gott, als du dich nicht mehr gemeldet hast, da dachten ich und dein Vater schon… Claudette, bis du noch da?
„Ja, ich bin hier", antwortete Claudette: „Mir geht's gut. Ich bin in Waltonfield. Keine Sorge, es geht mir gut."
„Claudette, was ist passiert? Du hast dich so lange nicht mehr gemeldet und als wir erfuhren, dass du als vermisst gemeldet worden bist, da dachten wir bereits…"
Ihre Mutter brach hörbar in Tränen aus
„Mom, schon gut, es geht mir ja gut.", versuchte Claudette sie zu trösten. Sie hatte absolut keine Ahnung, was man in solchen Momenten sagen sollte. Sie wusste es einfach nicht. Deswegen tat sie das, was sie immer getan hatte: betreten schweigen, abwarten und auf das Beste hoffen
Nach einer Weile hatte sich ihre Mutter wieder beruhigt und wieder damit begonnen Fragen zu stellen. Auf die meisten konnte Claudette gar keine Antwort geben, da sie sofort wieder unterbrochen wurde. Es dauerte nicht lang, dann kam auch ihr Vater ans Telefon. Wieder stellte er einen Haufen Fragen und Claudette hätte sich unter anderen Umständen wohl äußerst unwohl gefühlt. Doch vertraute Stimmen zu hören, die Liebe, die aus ihnen sprach, zu vernehmen, versetzte sie in wohltuende Erleichterung und gab ihr ein Gefühl der Sicherheit, das sie seit langer Zeit nicht mehr erfahren hatte.
Schließlich lief alles auf die Frage hinaus, wo sie denn all die Zeit gewesen war. Claudette überlegte kurz, doch ihr kamen keine Worte in den Sinn, die die letzten sechs Monate auch nur annähernd beschreiben konnten.
„Ich kann es euch nicht sagen, nicht übers Telefon", erklärte sie schließlich: „Ich habe hier noch eine Sache zu erledigen. Dann fliege ich nach Montreal."
„Nein, bleib wo du bist. Ruh dich aus. Wir kommen zu dir.", widersprach ihr Vater: „Und pass auf dich auf. Wir können dich nicht noch einmal verlieren."
„Es geht mir gut, Dad", versicherte Claudette erneut. In ihrem Hinterkopf geisterte jedoch immer noch der Gedanke an den Entitus herum.
„Wir lieben dich", sagte nun ihre Mutter: „Denk immer daran. Wir lieben dich."
„Ich liebe euch auch", antwortete Claudette. Es überraschte sie, wie gut es tat diese Worte zu sagen, sie gesagt zu bekommen. Dann beendete sie den Anruf. Ihre Aufmerksamkeit fiel auf den Computerbildschirm, auf dem bereits eine Antwort erschienen war. Sie lautete: „Sollte man dich kennen?"
Claudette starrte für einen Moment auf die Nachricht. Mehrere Male las sie die Buchstaben, jedes Mal etwas langsamer. Dann nickte sie kurz und schloss das Fenster mit einem flinken Druck der Tasten ALT und F4. Anschließend schnappte sie sich wieder das Telefon, während sie bereits ihr Gedächtnis nach Dwights Nummer durchforstete.
Ein Paar starker Hände packte Feng an den Armen und drückte sie zu Boden. In panischer Angst versuchte sie sich zu befreien und aus dem harten Griff zu entkommen. Mit Händen und Füßen setzte sie sich zur Wehr, während sie sich wild von einer Seite auf die andere warf. Es war vergeblich, der Killer hatte sie erwischt und ließ sie nicht mehr los. Feng stieß einen Schrei aus und trat mit den Beinen nach ihrem Peiniger. Mit dem rechten traf sie auf Widerstand.
„Shit! Feng! Feng, hör auf, Feng! Aaah, shit."
Sie dachte gar nicht daran aufzuhören und hatte den widerlichen Kerl, der sie am Boden hielt, erneut getreten. Im nächsten Augenblick begann er sie heftig hin und her zu rütteln und versuchte sie so unter Kontrolle zu bringen.
„Feng! Ich bin´s! Hör auf! Ich bin´s!"
Niemals!
Ein Knie landete auf ihrer Brust und drückte sie zu Boden. Sie war nun nahezu Bewegungsunfähig und konnte nichts weiter tun, als den Mistkerl wütend anzustarren. Ein Gesicht zeichnete sich in der Dunkelheit des Waldes ab.
„Ace?"
„Endlich. Ich dachte schon, du wolltest mich umbringen", erwiderte der Argentinier. Das Gewicht auf Fengs Oberkörper verschwand als Ace sein Knie zurückzog. „Hast du mich etwa für einen von denen gehalten? Verdammt, ich wusste die Runzeln machen sich bemerkbar." Ein schräges Grinsen breitete sich auf Aces Lippen aus.
„Verdammt, sorry", murmelte Feng Min und versuchte ihren Atem unter Kontrolle zu bringen. Doch sie hatten keine Zeit sich auszuruhen. „Ace, wir müssen weg von hier. Schnell…"
„Ich glaube, du solltest dich erst mal umsehen", entgegnete Ace, während er der jungen Dame auf die Beine half. Auch wenn sie nicht wusste, was es groß zu sehen gab, so tat Feng wie geheißen. Sofort fiel ihr Blick auf Waltonfield, das friedlich als Lichtermeer am Fuße des Hügels lag, auf dem Ace und Feng sich befanden.
„Was zur Hölle?" Feng schaute zu Ace.
„Yup, sieht ganz so aus, als wären wir zurück", gab der Glücksspieler immer noch schief grinsend zur Antwort. Feng schaute zurück zur Stadt. Dann wieder zur Ace. Schließlich hoben richteten sich ihre Augen auf die Sterne, die als hell leuchtende Wächter am Himmel über ihr schwebten. Sie war nicht mehr im Nebel. Sie war in den Vereinigten Staaten. Zuhause.
Feng brauchte einen Moment um die Situation zu realisieren. Dann gaben ihre Knie unter ihr nach und sie fiel zurück auf den Boden, wo sie sich auf allen vieren wiederfand. Tränen brachen plötzlich aus ihr hervor, als der unsagbare Druck der letzten Monate mit einem Mal von ihren Schultern verschwand. Sie hatte Todesängste gelitten. Sie war um ihr Leben gerannt. Sie war gefoltert worden, verstümmelt, an grausamen Haken aufgehängt und in sadistischen Ritualen geopfert worden. Und jetzt war sie zurück. Zurück in der normalen Welt. Heil. Unversehrt. Fengs schultern begannen zu zittern, als sie ihren Herzschlag spürte. Ihren normalen, natürlichen Herzschlag, der ihr mit jedem Impuls signalisierte, dass sie am Leben war. Ace berührte sie vorsichtig und half ihr behutsam hoch.
„Hey, Ich weiß, das ist eine Menge zu verarbeiten hier, aber wenn wir raus können, dann können die das vielleicht auch."
Feng wusste genau, von wem er sprach. Schlagartig kehrte die Angst zurück und nach wie vor am ganzen Körper zitternd spähte sie zwischen die Bäume.
„Verschwinden wir von hier", beschloss Ace und zog Feng sanft, aber bestimmt mit sich.
Es dauerte keine fünf Minuten und schon war der Wald außer Sichtweite. Die Sonne ging gerade auf und die Straßenlaternen würden sich in wenigen Minuten abschalten. Schweigend gingen die beiden nebeneinander durch die Straßen der Vororte Waltonfields. Hin und wieder warfen sie nervöse Blicke über die Schulter. Jede der Hecken schien sie zu beobachten. Schließlich meldete sich Feng zu Wort.
„Vorhin, im Nebel", flüsterte sie zögerlich und unsicher. Ganz so, als ob sie fürchtete von jemandem belauscht zu werden. „Vorhin im Nebel. Du hast mich einfach zurückgelassen."
Es war eine Feststellung. So nüchtern und kalt, dass sie anschuldigender nicht hätte sein können. Ace sah zu Feng, die ihm direkt in die Augen schaute. Immer noch spiegelte sich Angst in ihrem Blick.
„Du weißt genau wie das läuft", entgegnete Ace und sah wieder nach vorne auf den Gehsteig, unfähig den Blickkontakt aufrecht zu erhalten. „Wenn der Killer im Anmarsch ist, heißt es jeder für sich selbst. Eine am Haken ist besser als zwei."
Ace hätte den letzten Satz am liebsten zurückgenommen, sobald er ihn ausgesprochen hatte. Doch es war die Wahrheit. Die Killer waren gnadenlos und unbarmherzig. Ihre Blutgier gipfelte in unmenschlicher Entschlossenheit und wenn man auch nur eine Sekunde zögerte, so würde man unweigerlich einen langsamen Tod sterben. Ace wusste genau wie sich das anfühlte.
„Hast du gewusst, dass wir entkommen könnten?", fragte Feng nach kurzem schweigen.
Ace seufzte innerlich, doch er ließ sich nichts anmerken. Der Nebel hatte sich in den letzten Stunden äußerst ungewöhnlich verhalten. Alle die seltsamen Anzeichen hatte der Argentinier sofort als Schwäche interpretiert. Es war ihm erschienen, als würde der Entitus verzweifelt nach Energie streben. Warum sonst hätte er wohl alle Überlebenden gleichzeitig in eine Jagd geschickt. Ace hatte im Laufe seines Lebens gelernt, nach Möglichkeiten ausschauzuhalten und sie, wenn nötig, blitzschnell zu ergreifen. Heute hatte er eine solche Gelegenheit gewittert und als Feng gestolpert und sich mit dem Fuß in einer Wurzel verfangen hatte, so hatte Ace keine Sekunde gebraucht um sich von ihr abzuwenden und weiterzulaufen. Am Ende musste jeder seinen eigenen Arsch retten. Dieses Motto hatte sich für Ace in vielen brenzligen Situation als das richtige erwiesen.
„Woher hätte ich das denn wissen sollen", sagte er und hielt den Blick auf die Straße gerichtet. Feng antwortete nicht und leitete somit ein langes Schweigen zwischen ihnen ein. Erst nach einer Weile war sie es wieder, die das Wort ergriff.
„Wohin gehen wir?"
Feng war bereits vor einem Jahr von Zuhause weggezogen und hatte sich seither allein durchgeschlagen. Nachdem sie von ihren Eltern in einem lautstarken Streit Abschied genommen hatte, hatte sich ihr Leben nicht zum Besseren gewendet. Sie war nach Waltonfield gegangen, hatte sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten und versucht, ihr Hobby zur Profession zu machen: Videospiele. Es war eine unsagbar dumme Entscheidung gewesen, das hatte sie bereits nach einem Monat kapiert. Doch Feng war stets zu stolz gewesen um zu ihren Eltern zurückzukehren, um Verzeihung zu bitten und ihnen in allem Recht zu geben. In Waltonfield hatte sie eine Wohnung gehabt, doch ihre Vermieterin hatte sie irgendwann rausgeschmissen, da Feng mit der Bezahlung zu oft in Verzug gewesen war. Noch in er selben Nacht hatte sie sich im Nebel wiedergefunden.
„Keine Sorge, ich habe einen Unterschlupf in der Stadt", antwortete Ace: „Gleich haben wir ein Dach über dem Kopf."
Nach einer Weile hatten die beiden eines der heruntergekommensten Viertel erreicht, die Feng jemals gesehen hatte. Der Argentinier hatte sich zielsicher einen Weg ins Stadtzentrum gebahnt und war dann über verschiedene Nebenstraßen in eine zwielichtige Gegend gelangt. Feng war ihm nur stumm gefolgt.
„Da wären wir", verkündete er, als die beiden schließlich vor einem heruntergekommenen Wohnblock angehalten hatten. Feng besah sich die baufällige Fassade und die mehrheitlich scheibenlosen Fenster, bevor sie Ace einen ungläubigen Blick zuwarf.
„Ist nicht so, wie du´s dir vorgestellt hast. Das kann ich mir denken", sagte Ace, während er zur verstaubten Eingangstür hinging und sie mit einigem Kraftaufwand aufzog. „Ich bin aber auch nicht ganz freiwillig hier gelandet. Siehst du, bevor dieser ganzen Sache mit dem Entitus und den Killern habe ich mir einige Schulden eingehandelt. Schulden bei den falschen Leuten. Ich musste für einige Zeit verschwinden. Ein alter Freund hat mich hier untertauchen lassen. Das Haus steht nun bereits seit mehreren Jahren leer, es war ein gutes Versteck."
Während Aces Erklärung war Feng ihm in ein verdrecktes Stiegenhaus und anschließend in den ersten Stock gefolgt. Ein langer Korridor präsentierte sich den beiden und Ace nahm die zweite Tür auf der linken Seite. Die Tür war mit einem Vorhängeschloss gesichert, doch Ace hatte den passenden Schlüssel parat. Einen Augenblick später schob er die Tür auf und gab den Blick auf eine Wohnung komfortabler Größe. Die Möbel sahen zwar alt und heruntergekommen aus, es hatte jedoch alles seine Ordnung. Die Küche war angenehm aufgeräumt, die Stühle waren ordentlich unter den Tisch geschoben und in einem Nebenzimmer konnte Feng sogar ein unheimlich gemütlich aussehendes Sofa erspähen.
„Mi casa es tu casa", verkündete Ace und forderte Feng mit einer einladenden Geste zum Eintreten auf. Sobald Feng die Wohnung betreten hatte, folgte Ace und schloss hinter sich ab. Das leise Klicken erweckte in Feng ein angenehmes Gefühl von Sicherheit. Mit einer elastischen Bewegung hängte er seine Schildkappe auf einen Haken neben der Tür und schlüpfte anschließend aus seiner beigefarbenen Jacke.
„Mach´s dir gemütlich", sagte Ace mit einem langgezogenen Gähnen und auch Feng fielen langsam aber sicher die Augen zu. Die Jagd im Nebel mit dem anschließenden Fußmarsch durch Waltonfield hatte sie ihrer Kräfte beraubt und sie sehnte sich nach einem Bett. Ace schien es ihr anzusehen, denn er nahm sie sanft am Arm und bugsierte sie in ein Schlafzimmer. Dort befanden sich ein Bett, ein kleines Nachtkästchen, ein alter Kleiderschrank und ein vollkommen leerer Schreibtisch. Feng fragte sich, ob Ace jemals in seinem Leben etwas so normales wie einen Bürojob gehabt hatte. Dieser ging indes auf den Schrank zu, öffnete eine der beiden Flügeltüren und hängte seine Jacke an einen Kleiderbügel. Anschließend griff er sich eine Decke aus einem oberen Regal und legte sie sich über die Schulter.
„Das Bett gehört ganz dir", teilte er Feng im vorrübergehen mit. „Die Matratze ist zwar nicht gerade das Gelbe vom Ei, aber etwas Besseres habe ich leider nicht. Ach ja, dort hinter der Tür befindet sich ein Bad." Er lächelte sie schief an.
„Und wo wirst du schlafen?", fragte Feng ihren Gastgeber unsicher.
„Ich werde in vollen Zügen das Sofa genießen", antwortete Ace: „Melde dich, wenn du etwas brauchst." Feng nickte und Ace machte bereits Anstalten das Zimmer zu verlassen, doch sie hielt ihn noch zurück. „Ace, warte…"
Er drehte sich zu ihr um und sie sah ihm aufrichtig in die Augen.
„Danke"
Dwight legte das drahtlose Telefon beiseite. Soeben hatte er mit Claudette telefoniert und das Gespräch hatte ihn unheimlich erleichtert. Er hatte ihr mitgeteilt, dass er im Laufe des Nachmittags Kontakt zu Neas Familie aufgenommen hatte. Die Schwedin war offenbar ebenfalls entkommen und wieder sicher Zuhause. Genau wie Claudette und er selbst. Dwight war froh zu hören, dass es den beiden gut ging, allerdings sorgte er sich vielmehr um jene, die sich noch nicht gemeldet hatten. Dwight ließ den Blick durch sein Zimmer schweifen. Es war so durchschnittlich eingerichtet, wie es nicht durchschnittlicher hätte sein können. Der Schreibtisch, die Stühle und das Bett waren allesamt am selben Tag von Ikea eingekauft worden. Rote Vorhänge hielten das Tageslicht fern und ein unerträglich langsamer Computer in einem auffallend hässlichen Gehäuse stand neben dem halbvollen Papierkorb. Das Bettzeug passte in der Farbe mit der weißen Wand überein. Gerade eben hatte Dwight noch dort gelegen, bevor Claudettes Anruf ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.
Seine Eltern hatten natürlich sofort wissen wollen, wo er den gewesen war und wieso er sich nie gemeldet hatte. Er hatte ihnen ausgeredet, dass er entführt worden war. Wie er den beiden die Wahrheit beibringen sollte, ohne dass sie ihn für verrückt erklärten, war ihm noch ein Rätsel. Stattdessen hatte er sie gebeten, ihm einige Stunden Schlaf zu geben, bevor er ihnen alle erklären sollte. Natürlich hatten seine Eltern sofort eingewilligt, auch wenn sie höchst verwirrt ausgesehen hatten. In erster Linie waren sie einfach nur froh gewesen, ihren Sohn wieder zurückzuhaben.
Dwight stand vom Bettrand auf und ging zum Fenster. Als er die Vorhänge zur Seite zog, entdeckte er, dass es bereits tief in der Nacht war. Gedankenversunken starrte er ins Dunkle hinaus und nach einigen Momenten ertappte er sich dabei, wie er der Silhouette eines Killers Ausschau hielt. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Nein, diese Zeiten waren vorbei. Er musste sich keine Sorgen mehr machen, nicht mehr über die Schulter blicken. Dwight seufzte. Es würde wohl einige Zeit dauern, bis er sich wieder an das normale Leben gewöhnt haben würde, wenn es ihm jemals gelang.
Das Schrillen der Klingel riss ihn zurück in die Gegenwart. Im nächsten Moment bemerkte er, dass sein Puls erheblich angestiegen war und sich Schweißtropfen auf seiner Stirn geformt hatten. Dwight schüttelte den Kopf und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Die Klingel war in keiner Weise gefährlich. Es lauerte kein Killer vor der Tür. Er war in Sicherheit.
Mit langen Schritten durchquerte er sein Zimmer und schritt hinaus auf den Flur. Als er die Treppe erreicht hatte, hörte er seinen Vater die Haustür öffnen und jemanden fragen: „Guten Abend, kennen wir uns?"
„Hallo, sind Sie Mr. Fairfield?", antwortete eine schwache Mädchenstimme, die Dwight bekannt vorkam. „Der bin ich", antwortete Dwights Vater: „Dürfte ich erfahren, was Sie zu so später Stunde an unsere Haustür führt?"
„Ist Dwight zuhause?"
Dwight hatte nun das Erdgeschoss erreicht und lief zur Tür. Sanft schob er seinen pummeligen Vater zur Seite um einen Blick auf die Person vor der Tür werfen zu können.
„Dwight", rief das Mädchen schwach als sie ihn erblickte.
„Meg?"
Ehe er sich´s versah hatte er sie in eine Umarmung geschlossen. Es war ungewohnt, ja geradezu abnormal für Dwight, jemand anderen als seine Mutter in den Arm zu nehmen, schon gar nicht ein attraktives Mädchen wie Meg. Dafür war er stets viel zu schüchtern und unsicher gewesen. Doch nun, da er Meg sicher und heil vor sich sah, handelte er beinahe automatisch. Meg erwiderte die Umarmung. Dwight konnte ihren flachen Atem an seinem Hals spüren und ihr Gewicht an seinen Schultern, als sie sich an ihn lehnte. Mehrere Sekunden verharrten sie, dann lösten sie sich voneinander und Dwight zog Meg behutsam ins Haus. Vom Eingangsbereich führte er sie ins Wohnzimmer, direkt an seinem Vater vorbei, der verwundert die Augenbrauen nach oben zog. So hatte er seinen Sohn noch nie erlebt. Dwights Mutter war gerade in der Küche und fragte rufend, wer denn an der Haustür gewesen sei.
„Eine Freundin von Dwight", antwortete ihr Gatte und beließ es dabei. Dwight hatte Meg derweil an den großen Wohnzimmertisch gesetzt und gleichzeitig eine Tasse aus einem Schrank geholt. Auf seinen Vater war Verlass: kein Abend ohne Tee. Und so stand auch heute wieder eine volle Kanne in der Mitte der Tafel. Dwight musterte Meg, während er die Tasse mit Tee füllte und sie ihr anschließend reichte. Sie sah gar nicht gut aus. Dwight würde es gar ein Wunder nennen, dass sie nicht im Stehen eingeschlafen war. Ihr Gesicht war völlig verschmutzt, ihre Augen verweint und ihre Hände zitterten, als sie sie um die warme Tasse legte. Psychisch war die junge Frau sichtlich am Ende.
„Dwight, ich…", begann Meg, doch sie brach mitten im Satz ab als sie von einem plötzlichen Hustenanfall geschüttelt wurde. Dwight griff sofort nach ihrer Tasse um sicherzugehen, dass sie den Tee nicht verschüttete. Ihre Hände berührten sich und er bemerkte, dass ihre Finger eiskalt waren.
„Ich bin so froh, dass du entkommen bist", sagte Dwight als Meg sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. „Claudette und Nea haben´s auch rausgeschafft. Ihnen geht´s gut. Hast du etwas von den anderen gehört?"
Meg schüttelte den Kopf. „Nein, ich… Ich habe gar nichts gehört."
„Sie werden sich schon noch melden", versicherte Dwight und sprach dabei mit mehr Zuversicht, als er eigentlich fühlte. Meg nahm einen Schluck Tee und sprach dann zögerlich.
„Dwight, ich… Ich weiß nicht, wo ich hinsoll. Ich hatte gehofft, hier bei euch…"
„Aber natürlich kannst du bei uns schlafen", antwortete Dwight: „Glaubst du etwa ich lass dich einfach vor der Tür stehen? So wie du aussiehst? Was denkst du eigentlich von mir?"
Seine gespielte Entrüstung schien Meg kaum aufzumuntern und so verstummte Dwight wieder.
„Wir haben ein bequemes Gästezimmer, da wird es dir gefallen.", sagte Dwight nach einer kurzen Pause, in der Meg wieder von ihrem Tee getrunken hatte. „Bleib so lange du willst. Ruh dich aus. Dann bring ich dich nach Hause."
„Dwight…"
„Du und deine Mutter, ihr lebt doch auch in Waltonfield", wollte Dwight wissen.
„Ja, aber…"
„Hast du sie schon angerufen? Benutz ruhig unser Telefon."
„Dwight, ich kann nicht mehr bei ihr sein.", sagte Meg und Dwight runzelte fragend die Stirn. Tränen bildeten sich in den Augen des Mädchens und ihre Stimme begann zu zittern.
„Meine Mutter ist tot."
