Der Schutzengel

„Ace!"
„Hey, Kiddo"
Dwight musste ein Lachen unterdrücken. Die fröhliche Art des argentinischen Schlitzohrs war immer schon ansteckend gewesen, auch übers Telefon.
„Wie schön von dir zu hören. Zum Glück hast du´s auch rausgeschafft.", sagte Dwight: „Deinem Tonfall nach zu urteilen bist du heil und unversehrt wieder zurück in der normalen Welt."
„Ich bezweifle, dass dieses Welt jemals wieder normal sein wird, nach allem, was wir erlebt haben."
Aces Antwort wischte Dwight das Grinsen aus dem Gesicht. Er hatte recht. Es würde wahrscheinlich lange dauern, sich wieder im normalen Alltag einzufinden, sofern es überhaupt möglich war. Dwight hatte einmal Veteranen der Army gesehen, die an PTSD gelitten hatten. Ihre Körper hatten sich in den USA befunden, der Krieg war für sie vorbei gewesen. Allerdings hatte jeder einzelne von ihnen einen harten Kampf geführt, gegen den wohl heimtückischsten und unberechenbarsten aller Feinde: den eigenen Verstand.
„Dwight? Bist du noch da?"
Dwight erschrak kurz und fast wäre ihm der Hörer aus der Hand gefallen.
„Ja, ja, ich bin noch da."
„Ganz ruhig, Junge. Wir schaffen das schon", beschwichtigte Ace.
„Wo du gerade das Wir ansprichst. Vielleicht weißt du es schon, aber wir beide sind nicht die einzigen, die´s rausgeschafft haben. Ich habe vorhin einen Anruf von Nea und Claudette erhalten. Ihnen geht´s gut. Meg ist hier bei mir. Die Arme hat einiges mitgemacht, auch nach dem Nebel."
Ace seufzte hörbar. Anscheinend ahnte er bereits wovon Dwight sprach.
„Hör zu Ace. Jake, David und Feng haben sich noch nicht gemeldet, nicht bei mir und auch sonst bei niemandem."
„Feng ist hier bei mir", antwortete Ace: „Ihr geht´s gut."
„Hi, Dwight", hörte man ein leises Stimmchen aus dem Hintergrund. Bei Fengs gedämpfter Stimme musste Dwight leicht schmunzeln. Es war ihm zu einem Anliegen geworden, sich der Sicherheit jedes einzelnen Überlebenden zu vergewissern und mit jeder guten Nachricht fühlte es sich an, als würde ein Gewicht von seinen Schultern genommen.
„Sag Feng Hallo von mir", trug er Ace auf: „Folgendes: Ich und Nea werden heute versuchen Jakes Hütte ausfindig zu machen. Er lebt dort ja komplett ohne Strom und abgeschnitten von der Zivilisation, es sollte uns als nicht verwundern, dass er nicht angerufen hat. Hoffentlich ist er da."
„Vielleicht ist er ja auch zu seiner Familie zurück", warf Ace ein.
„Ist er nicht", antwortete Dwight: „Ich habe angerufen. Sein Bruder hat abgehoben. Als ich ihn nach Jake gefragt habe, hat er nur gesagt, er habe schon seit acht Monaten nichts mehr von Jake gehört. So wie´s ausschaut haben die nicht mal nach ihm gesucht, Ace."
„Er hat uns ja gesagt, seine Familiensituation sei etwas eisig gewesen", kommentierte der Argentinier.
„Wie auch immer, ich und Nea schauen heute mal bei seiner Hütte vorbei."
Es trat eine kurze Stille ein. Ace und Dwight wussten beide, dass Jakes Hütte in der Nähe des Waldes lag, in dem sie alle vom Entitus entführt worden waren.
„Passt auf euch auf", sagte Ace schließlich: „Irgendeine Idee wie wir David finden?"
Dwight verneinte: „Ich habe keine Ahnung. Er hat uns mal erzählt, er würde sich öfters in irgendwelchen Bars herumtreiben, Gelegenheitsjobs annehmen. Aber mehr weiß ich auch nicht."
„War nicht gerade der gesprächigste Kumpane", bemerkte Ace.
„Ich glaube uns bleibt nichts anderes übrig als zu warten", beschloss Dwight: „Vielleicht meldet er sich ja noch. Ich hoffe er meldet sich."
„Etwas anderes können wir nicht tun."
„Ja, leider. Hör zu, Ace. Eine Sache noch. Claudette, Nea, Meg und ich treffen uns heute Abend hier bei mir. Wir wollen besprechen wie es jetzt weitergeht."
„Wie es jetzt weitergeht?"
„Einige von uns haben die Ereignisse der letzten sechs Monate richtig aus der Bahn geworfen. Ich hatte gehofft, wir könnten uns gegenseitig helfen, wieder ins Leben zurückzufinden."
„Ich weiß genau was du meinst", antwortete Ace: „Feng und ich werden da sein."
„Außerdem müssen wir besprechen, was wir den Behörden sagen."
„Den Behörden?"
„Natürlich. Wir wissen nicht ob der Entitus da draußen ist. Vielleicht hält er noch andere Leute gefangen. Leute von denen wir gar nichts wissen. Außerdem könnte er eine weit größere Gefahr darstellen, die Stadt bedrohen oder sonst was. Die Menschen müssen das doch wissen."
„Und was willst du ihnen sagen?", fragte Ace: „Tut mir leid, aber ich habe in meinem Leben keine guten Erfahrungen mit staatlichen Diensten gemacht. Das sind Beamte. Denen geht es nur um ihr Gehalt und eine sichere Arbeitsstelle. Ganz zu schweigen davon, dass sie dir sowieso nicht glauben."
„Deshalb müssen wir so überzeugend sein, wie wir nur können", forderte Dwight: „Der Entitus ist zu gefährlich um ihn zu verschweigen. Daher treffen wir uns auch, um zu besprechen wie wir vorgehen wollen."
Ace holte hörbar Luft. Dwight merkte, dass ihm die Idee überhaupt nicht gefiel. Doch Dwight wusste auch, dass Ace ein vernünftiger Mann war. „Du hast recht", sagte der Argentinier schließlich: „Wir sehen uns heute Abend. Schau zu, dass ihr Bier im Haus habt."
„Bis heute Abend", antwortete Dwight, dann legte er auf.
„Ace und Feng?", fragte Nea und verpasste Dwight damit einen halben Herzinfarkt.
„Gott, Nea, wie lange stehst du schon da? Du hast mir einen Höllenschreck eingejagt."
Nea, die sich lässig an den Türrahmen zu Dwights Zimmer gelehnt hatte, zuckte nur mit den Schultern.
„Ja, das war Ace", erklärte Dwight und legte den Telefonhörer beiseite. Dann durchquerte er das Zimmer und setzte sich auf die Bettkante, die Arme an den Knien abgestützt. „Feng ist auch bei ihm. Die beiden sind wahrscheinlich zusammen entkommen."
„Sind sie wohlauf?"
„Ihnen geht´s gut", winkte Dwight ab: „Du kennst doch Ace. Dem Mann kann nichts die Laune verderben."
Nea nickte nur.
„Wie geht's Meg?", fragte Dwight nach einer kurzen Pause. Die Schwedin antwortete nicht sofort. Stattdessen stemmte sie sich vom Türrahmen hoch und setzte sich neben Dwight, die ganze Zeit über nach den richtigen Worten suchend. Schlussendlich beließ sie es bei einem knappen „Nicht gut"
„Schläft sie immer noch?"
Nea nickte.
„Oh Mann, ich wünschte wir könnten etwas für sie tun."
„Aber das können wir", antwortete die junge Frau: „Nun, da sie ihre Mutter verloren hat, ist Meg vollkommen allein in der Welt. Du hast doch selbst gehört, wie sie immer erzählt hat. Nach der Schule hat sie die Pflege ihrer Mutter zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Sie wollte auf die Uni gehen, hat sich aber dagegen entschieden. Freunde hat sie keine. Ihren Vater kennt sie nicht. Sie hat niemanden. Niemanden außer uns."
Dwight schaute zu Nea, die den Blick erwiderte. „Wir müssen jetzt für sie da sein. Ihr neuen Halt im Leben geben", erklärte sie: „Wie eine Familie."
Dwight nickte: „Das müssen wir." Er erinnerte sich zurück an die Zeit im Nebel. Die zahllosen Jagden, die er mit Meg an seiner Seite durchgemacht hatte, die unmenschlichen Qualen, die sie durchlitten hatten. Doch Meg war immer stark gewesen, wie ein Fels in der Brandung. Als Athletin hatte sie die Kraft und die Ausdauer dazu gehabt, den Killern wiederholt zu entwischen und ihnen davonzulaufen. Zu manchen Gelegenheiten war sie ihnen sogar absichtlich als Ablenkung in die Quere gekommen. Mehr als nur einmal hatte sie Dwight von einem Haken befreit. Er kannte niemanden, der so mutig, so furchtlos war wie Meg. Sie war immer die Entschlossene, die Tapfere gewesen, die die Zähne zusammengebissen und weitergemacht hatte. Umso mehr tat es ihm nun leid, sie dermaßen am Boden zerstört zu erleben. Es kostete ihn eine Menge, seine Gedanken von ihr loszureißen.
„Wir sollten uns auf den Weg machten", sagte Dwight und stand ruckartig vom Bett auf: „Ich will mich nicht in der Nähe dieses Waldes herumtreiben, wenn die Sonne untergeht."
Nea stimmte zu und gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Die öffentlichen Verkehrsmittel brachten sie schnell an den westlichen Stadtrand von Waltonfield. Von dort aus war es nur noch ein fünfminütiger Fußmarsch bis zu den Wäldern. Dwight wusste, dass Jake in einer Hütte irgendwo entlang des Waldrandes lebte und sein Plan war es somit einfach an den Bäumen entlang zu gehen, in der Hoffnung den gesuchten Ort zu finden. Mittag war bereits vorüber, als Nea und Dwight auf einen schmalen Feldweg gelangten, der immer wieder in die Nähe des Waldes, jedoch niemals hineinführte. Die beiden hatten währen der gesamten Busfahrt nicht miteinander gesprochen, zur Genüge mit ihren Gedanken beschäftigt. Nun brach Dwight das Schweigen.
„Wie fühlst du dich?"
„Hm?", fragte Nea.
„Ich meine hier. Direkt am Waldrand", erklärte Dwight: „Kommt es dir nicht auch irgendwie zu friedlich vor?"
Nea ließ sich Zeit mit der Antwort und spähte zwischen die Bäume. Das Halbdunkel des Waldes machte es in Kombination mit der dichten Vegetation bereits nach wenigen Metern schwer, etwas zu erkennen.
„Es sieht wirklich nicht so aus, als ob sich jemand in diesem Wald versteckt halten würde", sagte Nea endlich.
„Meinst du, es ist tot?", hakte Dwight nach. Immer wieder schoss sein Blick in den Wald. Er war sichtlich nervös und konnte es kaum lassen, nach Bedrohungen ausschauzuhalten. Neas Antwort ließ wieder auf sich warten.
„Nein"
„Glaubst du nicht, dass man etwas merken würde?", wollte Dwight nun wissen: „Irgendein Geräusch oder einen Geruch?" Seine Gedanken wanderten zur Kettensäge des Hinterwäldlers und zum Baum mit den erschlagenen Rindern.
„Ich habe keine Ahnung, Dwight", antwortete Nea. Dieses Mal sofort und bestimmt. „Ich weiß nur, dass man diese Gegend abgesucht und nicht die leiseste Spur gefunden hat. Weder von uns, noch von sonst wem. Soweit wir wissen, kann der Entitus die Realität selbst manipulieren und verändern. Es sollte uns also nicht wundern, wenn er im Stande ist, sein verrücktes Reich bis zur Unauffindbarkeit zu verbergen. Und ich glaube nicht, dass er einfach so fort ist."
„Wir sollten uns nicht hier herumtreiben", murmelte Dwight nun. Nea packte den Jungen daraufhin unsanft an der Schulter und drehte ihn zu sich. „Hey, hör mal zu. Wir sind hier um nach Jake zu sehen. Es könnte gut sein, dass er unsere Hilfe braucht, also reis dich zusammen."
Neas Augen funkelten wie Saphire und durchbohrten Dwight, der gar nicht anders konnte als eingeschüchtert mit dem Kopf zu nicken. Nervös schob er sich die Brille auf der Nase nach oben. Dann gingen sie weiter. Der Pfad schob sich verspielt am Waldrand entlang, machte hier eine Biegung, da einen Schlenker und führte die beiden Überlebeden schlussendlich um eine Ausbuchtung des Waldes herum. Gleichzeitig erblickten Nea und Dwight eine kleine Hütte aus rau gefertigten Brettern unter den Ästen einer alten, knorrigen Buche. Sie tauschten einen Blick aus, bevor sie auf das windschiefe Gebäude zuliefen. Nea erreichte die Tür als Erste.
„Jake?", rief sie und klopfte dreimal an die Tür. Zuerst sanfter, dann immer heftiger. Nachdem eine Antwort ausgeblieben war, entschied sie sich dazu, ungeladen einzutreten. Langsam schob sie die Tür auf und erzeugte ein langgezogenes Quietschen. Dwight verzog das Gesicht zu einer Grimasse und folgte Nea in die dunkle Hütte. Seine Augen brauchten einen Moment, bis sie sich an das gedimmte Licht gewöhnt hatten und ihm den Blick in ein eingerichtetes Wohnzimmer ermöglichten. Ein quadratischer Tisch dominierte den Raum, umgeben von drei Stühlen und einem unsauber gezimmerten Hocker. In der Ecke stand ein Bett. Daneben ein Nachtkästchen mit einem Bild. Dwight glaubte eine Familie zu erkennen, doch er war sich nicht sicher. Kerzen waren überall im Raum verteilt und auf dem Tisch befand sich eine Öllampe. Allerdings war keine der potentiellen Lichtquellen aktiv und die gesamte Szenerie fiel durch eine dicke, allesbedeckende Staubschicht auf. Hier war seit langer Zeit kein Mensch gewesen.
Nea trat in den Raum hinein und nahm sich das Bild vom Nachtkästchen. Sie hielt es in der linken Hand und wischte vorsichtig mit der Rechten über das Glas. Feine Staubpartikel wurden in alle Richtung geweht und schwebten langsam zu Boden. Das Gesicht der Schwedin war wie immer ausdruckslos, als sie das Bild betrachtete. Dwight trat derweil zu ihr hin um ebenfalls einen Blick auf das Foto zu werfen. Es zeigte wirklich eine Familie. Eine Mutter, einen Vater und zwei Söhne. Dwight konnte Jake erkennen, um einige Jahre jünger und sichtlich unglücklich über das Familienfoto. Der Vater starrte gnadenlos in die Kamera und gab den strengen Erzieher. Die Mutter gab ihr bestes um ihrem Gatten entgegenzuwirken und zeigte das gekünsteltste Lächeln, das Dwight jemals gesehen hatte. Nur der zweite Sohn, bei dem es sich wohl um Jakes älteren Bruder handeln musste, blickte aufrichtig freundlich in die Kamera. Er hatte ganz offensichtlich nur wenig Ahnung von der angespannten Familiensituation.
„Jake ist nicht hier", stellte Nea fest: „Lass uns gehen."
Dwight nickte und die Schwedin machte Anstalten, das Bild an seinen Platz zurückzustellen. Dann zögerte sie jedoch. „Glaubst du, wir sollten es für ihn aufbewahren? Wer weiß wie lange diese Hütte noch steht?"
Dwight zuckte als Antwort nur mit den Schultern. Nea widmete sich kurz ihren Gedanken, dann stellte sie das Bild zurück. Schweigend verließen die beiden Jakes Zuhause und machten sich auf den Rückweg. Dwight war froh, wieder von hier wegzukommen. Natürlich sorgte er sich um Jake und er war entschlossen, alles daranzusetzen, seinen Kameraden zu finden. Allerdings hatte er auch großen Respekt vor dem Wald und die Erinnerung an die Geschehnisse im Nebel erfüllten ihn mit Grauen. Plötzlich blieb Nea stehen.
„Dwight, fuck, sieh dir das an!"

Meg drehte sich auf den Rücken und starrte mit geröteten Augen an die Decke. Sie hatte trotz Erschöpfung die halbe Nacht hindurch keinen Schlaf gefunden. Das genässte Kissen, auf dem nun ihr Kopf ruhte, war ein stummer Zeuge. Nachdem Dwight sie ins Gästezimmer der Fairfields verfrachtet, ihr eine gute Nacht gewünscht und versichert hatte, dass sie sich stets bei ihm melden konnte, sollte sie etwas brauchen, hatte Meg den Versuch gestartet aus ihren verschwitzten und verdreckten Klamotten zu schlüpfen. Sie war nicht weit gekommen.
Den Pullover war Meg noch relativ leicht losgeworden. Ein weites und außerordentlich bequemes Teil. Ihre Socken hatte sie sich anschließend mit immer stärker zitternden Händen von den Füßen gezogen und während der gesamten Prozedur waren ihr immer mehr und mehr Tränen in die Augen gestiegen. Als sie schließlich versucht hatte, sich aus ihrem engen T-Shirt zu befreien, war sie endgültig zusammengebrochen und hatte sich auf allen Vieren am Boden wiedergefunden. Dort war sie dann für eine Weile geblieben. Die gesamte Last des Tages und der letzten sechs Monate hatten sie förmlich zu Boden gedrückt und für kurze Zeit hatte Meg das Gefühl gehabt, zu ersticken. Sie wollte es sich selbst nicht wirklich eingestehen, doch der Wunsch alles einfach zu beenden war ihr wahrhaft in den Sinn gekommen. Es hatte eine Weile gedauert, doch irgendwann hatte Meg Kraft gefunden, sich aufgerappelt und ins Bett gehievt. Doch auch das hatte ihr keine Ruhe beschert.
Lange Zeit war sie wachgelegen. Dann hatte sie kurz Schlaf gefunden nur um wenig später zitternd und in Panik aufzuwachen. Ihr Blick war auf der Suche nach der drohenden Gestalt des Hinterwäldlers durchs Zimmer geschossen und sie hätte geschrien, hätte sich nicht eine eiskalte Hand um ihre Kehle gelegt und zugedrückt. Furchterfüllt hatte Meg versucht sich aufzurichten und wäre dabei fast aus dem Bett gefallen. Sie hatte den Kopf zur Seite gedreht und sich versucht, vor dem brennenden Blick des Killers zu verstecken. Und so war sie dagesessen. Erst nach einer Weile hatte sich ihre Panik gelegt und ihr Verstand wieder zu arbeiten begonnen.
Den Kopf in den Händen vergrabend war sie zurück ins Kissen gefallen, hatte sich auf die Seite gedreht und war zum gefühlt tausendsten Mal in den letzten vierundzwanzig Stunden leise in Tränen ausgebrochen. Ihre Gedanken waren von der Angst vor dem Entitus beinahe augenblicklich zum Grab ihrer Mutter gewandert. Der Friedhof war direkt auf dem Weg in die Innenstadt gewesen und Meg hatte aus einer unergründlichen Motivation heraus, bei ihren Vorfahren vorbeischauen wollen. Wahrscheinlich hatte sie die Tragödie bereits erahnt, die sich ihr kurz darauf geboten hatte. Neben ihren Großeltern war ein neues Grab erschienen. Ein frisches, das ihr mit der noch hellbraunen Erde sofort ins Auge gefallen war. Meg war die letzten Meter gerannt und erst kurz vor dem Grabstein abrupt zum Stehen gekommen. Nichts in der Welt des Entitus hatte ihr jemals einen solchen Schlag versetzt, ihr dermaßen den Atem geraubt und so endgültig alle Hoffnung zertrümmert, wie der eingravierte Name und das daneben angebrachte Foto.
Meg starrte an die Decke. Die Nacht war lang gewesen. Doch nun war sie vorüber. Sonnenlicht fiel durch das Fenster herein und verriet ihr, dass es bereits spät am Nachmittag war. Nach wie vor erschöpft stützte sie sich auf die Ellbogen und setzte sich anschließend auf die Bettkante. Ihre bloßen Füße berührten den kalten Boden und schickten eine Gänsehaut Megs Körper entlang. Sie stützte den Kopf in den Händen ab und sah zu Boden. Was sollte sie tun? Wie sollte es jetzt weitergehen? Sie hatte keine Familie, kein Zuhause und auch keine übermäßig umfassende Ausbildung. Wo sollte sie hin?
Megs Gedanken schlichen wieder zu ihrer Mutter und beinahe wäre sie erneut zusammengebrochen. Doch dieses Mal war es anders. Sie sah nicht den Grabstein vor sich. Nicht die kalte Erde und auch nicht das Krankenbett, auf dem Vanessa wohl ihr Leben ausgehaucht hatte. Stattdessen dachte Meg an ihr erstes Rennen, das sie gewonnen hatte. Ihre Mutter hatte bereits hinter der Ziellinie gewartet, so sicher war sie sich gewesen, dass sie gewinnen würde. Nachdem ihr Coach Meg auf die Schulter geklopft und gratuliert hatte, war sie sofort weitergegangen und ihrer vor stolz weinenden Mutter um den Hals gefallen. Es war einer der glücklichsten Momente ihres Lebens gewesen. Die beiden Frauen hatten gestrahlt vor Freude und es hatte sich so angefühlt, als wäre das Gefühl unzerstörbar und für alle Zeiten. Wie sehr Meg sich doch geirrt hatte.
Sie hob den Kopf und schaute an die gegenüberliegende Wand. Eine Mimik grimmiger Entschlossenheit hatte ihr Gesicht erobert und nach einem tiefen Atemzug stand Meg auf. Ihre Mutter hätte nicht gewollt, dass sie jetzt Schluss machte, alles hinwarf und einfach aufgab. Ihre Mutter hätte sie kämpfen sehen wollen, so wie sie selbst gegen die boshafte Krankheit gekämpft hatte. Niemals aufgeben. Immer weiter. Irgendwo in ihren Gedanken meldete sich auch die Stimme von Megs Coach.
Sie bückte sich, hob ihre Socken vom Boden auf und zog sie sich über die kalten Füße. Dann war der Pullover an der Reihe. Der dicke Stoff verlieh ihr ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit, als er sich wie ein schützender Kokon um Megs ausgezehrten Körper legte. Natürlich waren die Klamotten völlig verdreckt und hatten eine Tour durch die Waschmaschine dringend nötig, doch was hätte sie sonst anziehen sollen? Außerdem gab sie im Moment einen feuchten Kehricht auf ihr Aussehen. Megs Aufmerksamkeit galt anderen Dingen.
Sie hatte Dwight Stunden zuvor mit Nea im Nebenzimmer sprechen hören. Offenbar ging es den beiden gut. Außerdem schienen Claudette, Feng und Ace ebenfalls in Sicherheit zu sein. Dwight und Nea hatten sich kurz danach auf die Suche nach Jake begeben, von David fehlte ebenfalls jede Spur. Meg hätte auch keinen Rat gewusst und war sich nicht sicher, ob sie in ihrer gegenwärtigen Verfassung überhaupt zu einem Ausflug in die Nähe der westlichen Wälder fähig wäre. Doch etwas anderes schwirrte ihr im Kopf umher.
Mit müden Beinen verließ sie den Raum, ging durch den Flur und erreichte schließlich Dwights Zimmer. Dort setzte sie sich an den Computer. Er hatte ihr das Passwort verraten, für den Fall, dass sie sich mit irgendjemanden in Verbindung setzen wollte. Mit zitternden Fingern tippte sie einen Buchstaben nach dem anderen ein und ein fröhlicher Desktop erschien vor ihr. Sie hatte nicht vor, jemanden zu kontaktieren. Sie suchte nach antworten. Captain Amerika zierte den Hintergrund des Desktops und warf seinen Schild in Richtung des Betrachters, was Meg trotz allem ein Schmunzeln entlockte. Sie hatte Dwight nie für einen Superhelden Nerd gehalten, doch jetzt, als sie darüber nachdachte, passte es ganz gut zu ihm.
Meg bewegte den Cursor in Richtung des Internetbrowsers und führte einen schnellen Doppelklick aus. Dann rief sie Google auf und wählte das Suchfeld an. Kurz hielt sie inne. Sie erinnerte sich zurück an den Nebel, an die Killer, die Arenen und die Jagden. Vor ihrem geistigen Auge hielt sie Ausschau nach Details, nach verräterischen Einzelheiten, nach Hinweisen. Ein flackerndes LED Schild mit der Aufschrift „Autohaven Wreckers" kam ihr in den Sinn. Warum sollte der Entitus seinen Arenen solche Namen geben? Es gab keinen ersichtlichen Grund. E sei denn, dass nicht nur Menschen ins Reich des Entitus entführt worden waren.
„Autohaven Wreckers", tippte Meg in die Suchmaschine ein und sprach dabei jeden Buchstaben leise aus. Dann drückte sie auf Suche. Beinahe sofort erschien eine Reihe an Treffern, aufgelistet und nach Relevanz geordnet. Ein Wort fiel Meg dabei sofort ins Auge, da es in beinahe jedem der unzähligen Meldungen über den Ort mindestens einmal auftauchte. Massenmord.
Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend rief sie den ersten Treffer auf und starrte auf die Seite. Es war ein Artikel aus einer Tageszeitung. Die Schlagzeile verkündete in dicken, schwarzen Lettern „Massengrab auf Schrottplatz entdeckt". Darunter war eben jener Ort abgebildet, den Meg nur zu gut kannte. Sie fühlte wie Panik nach ihrem Herzen griff und rutschte auf der Sitzfläche ein Stück nach hinten. Mit zitternden Händen klammerte sie sich an den Schreibtisch. Ihr Gesicht hatte sie abgewandt, zu Boden gerichtet und die Augen geschlossen. Es war vorbei. Sie war in Sicherheit. Es gab keinen Grund, Angst vor einem Zeitungsbericht zu haben. Meg sammelte sich und blickte wieder auf den Bildschirm. Dort sah sie genau jenes Schild, dass sie gerade eben aus ihrem Gedächtnis heraufbeschworen hatte. Darunter eine Reihe von Autos, die meisten ganz offensichtlich unreparierbar beschädigt. Im Hintergrund entdeckte Meg einen Kran. Das Bild war in Schwarz-Weiß, doch sie wusste, dass das Fahrzeug gelb lackiert war. Mit bleichem Gesicht begann sie zu lesen.
„Am Freitag hat die Polizei die Leichen mehrerer dutzend Person auf dem Gelände der Autohaven Wreckers entdeckt, darunter auch den Geschäftsführer des Schrottplatzes. Bei einer Pressemitteilung wurde verkündet, dass Gegenwärtig nach einem weiteren Angestellten des Unternehmens gefahndet wird, der offenbar für die Mordserie verantwortlich zu sein scheint."
Megs Augen schossen über den Text nach unten. Am Ende des Berichts war ein Fahndungsfoto abgebildet, das einen Mann mittleren Alters zeigte. Philip Ojomo war unter dem Portrait zu lesen, zusammen mit der Mahnung, jeden Hinweis auf diesen Mann umgehend der örtlichen Polizeidienststelle zu melden. Sie konnte sich zunächst keinen Reim auf das Gesicht des Gesuchten machen, doch irgendwie kam es ihr bekannt vor. Angestrengt durchforstete sie ihr Gedächtnis und versuchte einen Zeitpunkt mit der seltsamerweise freundlich anmutenden Visage des Mörders in Verbindung zu bringen. Es war sicherlich kein Zufall, dass der Entitus den Tatort eines Verbrechens in eine seiner Arenen verwandelt hatte, schoss es Meg durch den Kopf. Dann ereilte sie die Erinnerung wie eine kalte Dusche.
Er war verformt worden. Seine Gestalt war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt gewesen und seine Gliedmaßen hatten wie Äste gewirkt. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos, doch die markanten Züge immer noch zu erkennen gewesen. Unzählige Male hatte der Geist Meg in den Arenen des Entitus heimgesucht, doch nur selten hatte sie ihn wahrhaftig gesehen. Der Killer hatte sich stets im Klang seiner Glocke versteckt und war beinahe unsichtbar zwischen den Überlebenden gewandelt. Aus dem Hinterhalt hatte er angegriffen und war an den unerwartetsten Stellen aufgetaucht. Doch Meg kannte sein Gesicht, war es doch für alle Zeiten in ihr Gedächtnis eingebrannt. Der Geist war eben jener Mann, der dort auf dem Fahndungsfoto abgebildet war: Philip Ojomo.

Philip ging vorsichtig den Gehsteig entlang. Vorsichtig deshalb, da niemand wissen durfte, dass er hier war. Die Sonne hatte bereits den Horizont berührt und die Straßen waren bis auf ein paar vereinzelte Passanten wie leergefegt. Unsichtbar und vor der realen Welt verborgen wandelte Philip durch die Geisterwelt. Die Jammerglocke in seiner Linken bot ihm Schutz vor unerwünschten Blicken und solange er sie festhielt, würde niemand das Grauen erkennen, dass die Vororte von Waltonfield besuchte. Ja, Philip bezeichnete sich selbst als Grauen. Im blieb gar keine andere Wahl, fand er, so war er doch für lange Zeit der Henker eines schwarzen Wesens gewesen. Er hatte gefoltert, verstümmelt und verletzt. Seinetwegen hatten unschuldige Menschen, junge Menschen, unfassbares Leid erfahren und waren nun vermutlich für ihre Leben gezeichnet. Philip wünschte ihnen von ganzem Herzen, dass sie alle heil aus dem Reich des Entitus entkommen waren. Er hatte nie ein Killer sein wollen, es war ihm stets zuwider gewesen, anderen Leid zuzufügen. Das stimmt nicht, ermahnte Philip sich selbst und dachte an seinen alten Boss. Aber Azarov hat es verdient, meldete sich eine Stimme in seinem Hinterkopf. Es war trotzdem falsch, beschloss Philip zum tausendsten Mal.
Seine Gestalt hatte sich bei seiner Flucht aus dem Nebel nicht geändert. Der Fluch des Entitus, der ihn aus seinem menschlichen Körper gerissen und in ein langes, unkenntliches Monster verwandelt hatte, schien immer noch zu wirken und Philip hatte sich längst damit abgefunden, dass es sich wohl um eine permanente Sache handelte. Natürlich brachte es ihm auch Vorteile. Die langen Beine brachten ihn in Windeseile von einem Ort an den nächsten, seine Muskeln schienen unermüdlich zu sein und seine Augen durchdrangen jede Dunkelheit. Doch es bedeutete auch, dass er niemals wieder in die Welt der Menschen zurückkehren konnte. Nicht wirklich.
Philip hatte sein Ziel erreicht, als er in eine Seitenstraße einbog und vor dem Haus mit der Nummer dreiundzwanzig zum Stehen kam. Es war ein kleines, aber beschauliches Einfamilienhäuschen, umgeben von einem niedlichen Garten und einer schulterhohen Hecke. Schulterhoch für normale Menschen jedenfalls. Philip reichte das Grünzeug gerade bis über Hüfte.
Mit einem ausholenden Schritt stieg er über die Abgrenzung und setzte einen Fuß in den Rasen dahinter. Die Wiese war erst kürzlich gemäht worden und der Duft von zerschnittenem Gras stieg Philip in die Nase. Lange war es her, dass er das letzte Mal diesen Geruch wahrgenommen hatte und unweigerlich musste er an den fauligen und allgegenwärtigen Gestank im Reich des Entitus denken. Philip verbannte die Erinnerung aus seinem Kopf und ging auf das Haus zu. Sein Ziel war nicht die Tür, die wahrscheinlich fest verschlossen war. Er hatte auch nicht im Sinn gehabt, gewaltsam in das Haus einzubrechen. Fürs erste sehnte er sich nach nicht mehr als einem einfachen Blick. Einem Blick auf die Familie, die in dem Haus lebte.
Der Geist ging an der Fassade des Gebäudes entlang und bog um die Ecke. Von der Straße aus hatte er bereits erkannt, dass das Wohnzimmer im Dunkeln lag und verlassen war. Er tippte daher auf die Küche, die sich im hinteren Bereich des Hauses befand. Ein großes Fenster würde ihm die Sicht auf den Raum freigeben und freudig stellte Philip fest, dass es hell erleuchtet war. Er schlich an der Wand entlang, sorgfältig darauf bedacht keinen der Blumentöpfe am Boden umzuwerfen. Eine unachtsame Bewegung und ein daraus resultierendes Geräusch würden ihn sofort verraten. Vorsichtig lugte er durch das Fenster. Aufgrund seiner Unsichtbarkeit lief er natürlich nicht Gefahr, erspäht zu werden.
In der hell erleuchteten Küche befanden sich zwei Personen, eine Frau im Alter von etwa vierzig und ein junges Mädchen, nicht älter als fünf. Sie saßen an einem Tisch und die Kleine knabberte vergnügt an einem Keks. Es kostete sie einige Anstrengung das Gebäck mithilfe ihrer kleinen Kiefer in mundgerechte Stücke zu zerkleinern, doch sie machte sich entschlossen und unermüdlich ans Werk. Nach einer Weile war ihr das Vorhaben geglückt und genüsslich schluckte sie die Brocken herunter. Dann nahm sie sich den nächsten Keks aus einer Schüssel und begann die Prozedur von neuem. Die Frau war indes in einen Haufen Zettel vertieft, der verdächtig nach Rechnungen und Mahnung aussah. Drei tiefe Runzeln hatten sich auf ihrer Stirn gebildet, während ihre Augen hastig die Briefe überflogen.
Wie lange war Philip im Nebel gewesen? Fünf Jahre? Das kleine Mädchen war gerade erst geboren worden, als er sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie hörte auf den Namen Rachel. Ihre Mutter, die ihr gegenüber am Tisch saß, hieß Alexandra. Beide trugen den Familiennamen Ojomo. Doch Philip war nicht der Vater, ganz im Gegenteil, er war der Onkel der Kleinen. Alexandra war seine Schwester, die er immer geliebt und verehrt hatte. Stets hatte er versucht sie zu beschützen und für sie zu sorgen, doch es war ihm nicht geglückt. Vor Jahren hatte sie einen Mann kennengelernt und für eine Zeit lang hatten die beiden zusammengelebt. Philip, der selbst keine Familie hatte, war manchmal zu Besuch gewesen, doch er hatte sich nie gut mit Stefan verstanden. Dann war eine Tochter auf die Welt gekommen. Jade hatten sie sie genannt und Philip überlegte, wo sie sich wohl befand. Sie musste jetzt etwa sechzehn sein. Er schaute nach oben zu den Dachfenstern. Keines war erleuchtet und seine Gedanken kehrten zurück in die Vergangenheit.
Einige Zeit später war Alexandra wieder schwanger geworden, doch Stefan war verschwunden bevor Rachel auf die Welt gekommen war. Alexandra hatte bereits erahnt, dass er sich mit einer anderen Frau eingelassen hatte, doch sie hatte es bis dahin nicht wahrhaben wollen. Als sie es Philip erzählte hatte, war der Mistkerl längst über alle Berge gewesen und so war ihm nichts anderes übriggeblieben, als sie zu trösten und ihr beizustehen. Bei der Geburt hatte er Stefans Platz eingenommen und als er Rachel in den Arm genommen hatte, war sie ihm wie seine eigene Tochter erschienen. Er hatte geschworen, alles ins einer Macht stehende zu tun, um das Kind zu beschützen. Mehrmals pro Woche war er nun zu Besuch gewesen, hatte sich um die junge Jade gekümmert und Alexandra so gut es ging im Haushalt geholfen. Mit seinem Job in de Autohaven Wreckers hatte er die alleinerziehende Mutter unterstützen können, er selbst gab sich mit wenig zufrieden. Philip hatte sich nach langem hin und her die Erlaubnis erkämpft, für Jades Musikschule bezahlen zu dürfen, was Alexandra lange Zeit abgelehnt hatte. Es hatte ihn mit solcher Freude und solchem Stolz erfüllt, sie mit der Geige in der Hand die Straße herauf laufen zu sehen. Wenig später hatte Philip das Geheimnis der Autohaven Wreckers entdeckt und war in die Nebel entführt worden.
Philip wandte sich vom Fenster ab und schaute zu Boden. Ob Rachel sich wohl an ihn erinnerte? Er bezweifelte es. Jade und Alexandra taten es mit Sicherheit und es schmerzte ihn, niemals Abschied genommen zu haben. Doch was sollte er tun? Er konnte ihnen nicht gegenübertreten. Er war eine Abscheulichkeit. Ein Monster. Ein Geist.
Philips geschärftes Gehör vernahm den regelmäßigen Rhythmus von Schritten. Jemand kam die Straße herauf und würde in kürze am Haus vorbeilaufen. Nicht, dass es ihn störte. Schließlich war er für die Augen der Menschen unsichtbar und niemand würde ihn dort am Fenster entdecken. Dennoch trat er an die Hecke und hielt Ausschau nach dem Passanten. Es dauerte einen Moment, bevor er ein junges Mädchen erkannte, das eben jenen Weg heraufkam, den er selbst vor kurzem genommen hatte. Sie hielt ein Handy in der Linken und trug einen Geigenkoffer in der Rechten. Telefonierend achtete die junge Dame kaum auf den Weg vor ihr. Offensichtlich hatte sie ihn schon tausende Male zurückgelegt.
Jade war bildhübsch geworden, stellte Philip fest. Während der Zeit, die er im Nebel verbracht hatte, war sie von einem kleinen Mädchen zu einer jungen Frau herangewachsen. Blonde Haare drangen unter einer schwarzen Mütze hervor und fielen ihr gelockt bis zu auf die Schultern. Sie trug eine schwarze Lederjacke, elegante Jeans und schwarze Stiefel. Ihre tiefgrünen Augen waren der dominierende Akzent in ihrem spitzen Gesicht. Philip hatte es bereits gehört, doch als sei näherkam, sah er, dass sie energisch in das Handy sprach, nur unterbrochen von gelegentlichen Schluchzern. Die Tränen auf ihren Wangen waren noch nicht getrocknet.
„Ich hab´s gerade eben erfahren", sagte Jade und machte dann eine kurze Pause. „Nein, er hat mich nicht vor der Musikschule abgepasst", sprach sie schließlich weiter: „Er… er hat´s mir getextet."
Jade sagte nun längere Zeit nichts mehr. Die Person am anderen Ende der Leitung, wahrscheinlich eine Freundin, schien offenbar selbst einiges zu sagen zu haben. Während sie horchte, ging Jade an der Hecke vorbei, hinter der Philip stand. Verborgen und unsichtbar, nicht mehr als einen Meter entfernt.
„Wenn ich das nur wüsste", antwortete Jade auf eine Philip unbekannte Frage: „Ich würde die Bitch eigenhändig umbringen." Sie verließ nun die Straße und öffnete das Gatter auf das Grundstück der Ojomos. Den Geigenkoffer hatte sie derweil auf dem Boden abgestellt. Nachdem sie durch den Durchgang getreten war, schloss sie das Gatter mit dem Fuß und nahm den Geigenkoffer wieder auf, nur um ihn an der Haustür erneut abzustellen.
„Ja, ich weiß", sagte sie ins Handy, während sie mit der Rechten ihre Jackentasche nach einem Schlüssel durchsuchte. „Danke, Sarah. Was würde ich nur ohne dich tun?"
Die Freundin, mit der Jade telefonierte, hieß offenbar Sarah. Mit ihren Worten hatte sie es geschafft, Jade ein Lächeln zu entlocken. „Wir sehen uns", verabschiedete sie sich und beendete anschließend mit ihrem Daumen die Verbindung. Philip war stumm an der Hecke gestanden und hatte Jade beobachtet. Während des Anrufs hatte sich seine rechte Hand immer Fester um Azarovs Rückgrat, das seiner Waffe als Griff diente, zusammengezogen. Er kannte keine Einzelheiten, doch er hatte genug gehört, um zu wissen, warum Jade geweint hatte. Dann lockerte sich der Griff um seine Axt wieder. Jade war sechzehn. Eine Teenagerin. Etwas Drama gehörte einfach dazu. Dennoch, sollte er den Kerl jemals in die Finger kriegen, würde er ihm eine Lektion erteilen. Und Philip wusste mittlerweile, wie man Schmerzen zufügte.
Jade hatte nun ihren Schlüssel gefunden und steckte in ins Schloss. Mit der anderen Hand wischte sie sich die Tränen von den Wangen. Ein leises Klicken und schon öffnete sich die Haustür. Sie nahm ihren Geigenkoffer wieder auf und trat in das Haus ein. Dann zog sie die Tür zu und ließ sie ins Schloss fallen. Sie bemerkte nicht, dass Philip blitzschnell zu ihr hingetreten war und einen Fuß In den Türspalt gelegt hatte. Langsam zog er nun die Tür wieder auf, ständig darauf bedacht kein Geräusch zu verursachen. Er wusste genau, dass es eine dumme, ja geradezu törichte Idee war, doch er wollte Zeit mit der Familie verbringen, die ihn sie Jahren nicht mehr gesehen hatte. Philip würde sich nicht zeigen, doch er wollte ihre Stimmen hören. Er wollte wissen, wie es ihnen ging, ob sie über die Runden kamen und ob sie ein gutes und angenehmes Leben führten.
Im Nebel hatte Philip gelernt, sich lautlos zu Bewegung und mit seinem physischen Körper in der Geisterwelt verborgen schlüpfte er ins Innere des Hauses. Er sah Jade, wie sie ihren Geigenkoffer nach oben trug. Sie hatte die offenstehende Tür nicht bemerkt und ignorierte Alexandra, die ihr noch nachrief: „Willst du etwas essen, Schatz?"
„Nein"
Alexandra hielt kurz inne und sah von ihren Dokumenten auf dem Küchentisch auf. Sie starrte direkt durch Philip hindurch, der mittlerweile in der Tür zwischen Flur und Küche stand.
„Ist alles in Ordnung, Liebling?"
„Ja" ertönte die Antwort aus dem Obergeschoss, bevor eine Tür unsanft zugestoßen wurde. Alexandra sah zu Rachel hin, die aufgehört hatte an ihrem Keks zu knabbern. „Ich wünsche dir viel Glück, wenn du in das Alter kommst", sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihrer jüngeren Tochter. Diese schien kaum zu verstehen, wovon ihre Mutter da sprach und fragte mit dem süßesten Stimmchen, die Philip je in seinem Leben gehört hatte: „Ist Jade traurig?"
„Ich glaube schon", antwortete Alexandra und seufzte. Dann zog sie sich die Brille von der Nase und legte das Gesicht in die Hände. Kurz darauf sah sie wieder auf und sagte: „Aber mach dir keine Sorgen. Sie ist in einem Alter, da ist man manchmal traurig." Dann sah Alexandra auf die Uhr. „Bringen wir dich ins Bett."
Mit einiger Anstrengung hob sie Rachel vom Stuhl und trug sie hinaus in den Flur. Philip hörte, wie sie gemeinsam die Treppe erklommen und ins Obergeschoss gelangten. Er warf einen kurzen Blick auf die Rechnungen, dann folgte er den beiden. Zu seinem Glück hatte er festgestellt, dass sich Alexandra keinen größeren finanziellen Problemen gegenübersah. Nur das Übliche. Es ging ihr gut.
Im Flur erreichte Philip die Treppe mit zwei langen Schritten. Um durch die Türen zu passen musste er sich förmlich nach unten bücken. An den Stufen erblickte er eine Reihe von Bildern an der rechten Wand. Er kannte sie bereits. Es waren Bilder der Familie. Sie zeigten zuerst Jade im Säuglingsalter, dann bei der Einschulung. Es gab auch einige Gruppenfotos und auf einigen konnte Philip sich selbst erkennen. Schließlich war da noch Rachel kurz nach ihrer Geburt, wie sie in den Armen ihrer erschöpften Mutter lag. Philip hatte das Foto selbst aufgenommen, daran konnte er sich noch gut erinnern. Gerade als er sich abwenden wollte, fiel sein Auge auf ein neues Bild. Klein und unscheinbar hing es am oberen Ende der Treppe in einem schmucklosen rechteckigen Rahmen. Der Geist ging zu dem Foto hin und bückte sich um es in Augenschein zu nehmen. Philip brauchte einen Moment, dann erkannte er sich selbst. Freundlich lächelte ihm sein eigenes Gesicht aus einer anderen Zeit entgegen. Er wusste, dass Alexandra direkt neben ihm gestanden hatte, doch anscheinend hatte sie das Foto in der Mitte gefaltet und sich selbst verborgen. Wahrscheinlich hatte sie keinen passenden Rahmen gehabt.
Philip verweilte kurz. Dann ging er weiter. Die Stufen knarzten leise unter einem Gewicht, doch die Geräusche waren zu leise für das menschliche Ohr. Er erreichte das Obergeschoss und fand sich wiederum in einem langen Gang. Die Decke lag hier noch tiefer und Philip musste den Kopf einziehen um nicht anzustoßen. Die Tür zu seiner Linken war mit Aufklebern und Stickern übersäht, die alle etwas anderes zeigten, doch dieselbe Botschaft übermittelten: Keep out! Das war Jades Zimmer. Früher einmal hätte Philip bei dem Anblick wohl gelächelt, doch seine jetzigen Lippen schienen dazu nicht in der Lage zu sein. Die Tür zu seiner Rechten war ebenfalls verschlossen, doch er wusste, dass dahinter Alexandras Zimmer lag. Diese befand sich jedoch im zweiten Raum auf der linken Seite, bei dem es sich nur um Rachels Kinderzimmer handeln konnte. Langsam und leise schlich Philip den Gang entlang. Er konnte Rockmusik hinter Jades Tür hören. Schließlich betrat er Rachels Zimmer,
In dem Alexandra gerade dabei war, die Kleine in ihr Bettchen zu legen. Rachel giggelte dabei vergnügt und gähnte dann. Nachdem sie von ihrer Mutter abgelegt worden war, durchquerte diese das Zimmer und ging zum Fenster hin. Es war halb geöffnet und Alexandra schloss es, bevor sie die Gardinen zuzog. Dann ging sie zurück zu ihrer Tochter. Philip hatte sich derweil in den Raum geschlichen und an der Wand entlanggedrückt, sodass er nun schräg hinter seiner Schwester stand und ihr über die Schulter auf die kleine Rachel schauen konnte.
„Gute Nacht", flüsterte Alexandra und drückte dem Mädchen einen Kuss auf die Stirn. Anschließend verließ sie das Zimmer und löschte dabei das Licht. Die Kleine schien keine Angst vor der Dunkelheit zu haben. Als die Tür ins Schloss fiel, wurde der Raum endgültig von Finsternis verschlungen. Die Vorhänge dämpften beinahe das gesamte Licht der Straßenlaternen vor dem Fenster. Philip konnte hören wie Alexandra draußen den Flur entlangging und an Jades Tür klopfte. Die Rockmusik, die stumpf im Hintergrund gewummert hatte, verstummte und Philip hörte eine Tür aufgehen.
Er wandte sich Rachel zu, die die Augen geschlossen hatte und längst eingeschlafen war. Philip bückte sich zu der Kleinen und hob einen Finger. Er wollte ihr das Haar aus dem Gesicht streichen, doch im letzten Moment widerstand er dem Impuls und zog die Hand zurück. Er gehörte nicht mehr hier her. Er war kein Mensch mehr. Es war besser für alle beteiligten, wenn Philip Ojomo verschwunden blieb.
Er dreht sich um. Sein Blick, der durch die Dunkelheit keineswegs beeinträchtigt wurde, wanderte durch den Raum. In der Ecke entdeckt er ein kleines Regal, gefüllt mit Bilderbüchern und Brettspielen. Er ging zu dem Möbelstück hin und zog eines der Bücher heraus. Der Einband zeigte das Bild einer grünen Raupe, die ein Blatt zerfraß. Daneben war eine kleine Biene gezeichnet, die der Raupe zuschaute. Philip kannte dieses Buch. Er hatte es Jade einmal zum Geburtstag geschenkt und ihr an vielen Abenden daraus vorgelesen. Worum es genau ging, daran konnte er sich nicht mehr erinnern, doch er wusste, dass es eine von Jades Lieblingsgeschichten gewesen war. Philip legte Azarovs Schädel und die ihn verbergende Jammerglocke beiseite, sodass er das Buch in beiden Händen halten konnte. Er öffnete den Deckel und warf einen Blick auf die erste Seite. Dort war die Raupe abgebildet, wie sie einem Schmetterling beim Fliegen zusah. Wild schlug dieser Kreise und Loopings in der Luft und bereits auf der nächsten Seite verschwand er hinter einem Strauch. Die Raupe sah ihm nach, sichtlich enttäuscht, dass sie nicht selbst fliegen konnte. Philips leuchtende Augen musterten die Abbildung.
„Bist du mein Daddy?"
Im Schreck fuhr Philip herum und schaute zu Rachel. Das Mädchen saß kerzengerade im Bett und hatte die Decke bis zum Kinn hochgezogen, offenbar ein wenig eingeschüchtert von der langen Gestalt in ihrem Zimmer. Doch sie hatte nicht geschrien, sie schien keine allzu große Angst zu haben. Mit neugierigen Augen sah sie ihn an und wartete auf eine Antwort. Philip schaute zur Tür. Er konnte Jade und Alexandra im Nebenzimmer sprechen hören. Dann ging er langsam auf Rachel zu, beugte sich über sie und schüttelte den Kopf. Die Kleine war sichtlich enttäuscht.
„Weiß du wo er ist?"
Wieder schüttelte Philip den Kopf.
„Willst du mein Daddy sein?"
Philip antwortete nicht. Stumm starrte er auf das kleine Mädchen hinab, das ihm trotz seines Aussehens blind zu vertrauen schien. Sie hatte die Decke nun nicht mehr bis zum Kinn gezogen und schenkte ihm stattdessen ein breites Lächeln. Er wusste nicht, was er tun sollte. Rachel hatte ihn gesehen. Sie vertraute ihm. Vielleicht erkannte sie ihn. Schweigend nickte Philip mit dem Kopf und Rachel giggelte vergnügt. Dann streckt e sie ihre Arme aus und versuchte Philip zu berühren. Er zögerte zuerst, doch dann reichte er ihr die Hand. Rachel konnte kaum drei seiner Finger umfassen. Neugierig fuhr sie über die rindenartige Haut und untersuchte Philips Handfläche. Philip indes sah sie einfach nur mit seinen glühenden Augen an. Seine gesamte Aufmerksamkeit gehörte dem kleinen Mädchen und er schenkte den Schritten auf dem Flur keine Beachtung. Rachel quietschte nun vor Vergnügen und Philip wackelte leicht mit den Fingern hin und her, was die Kleine nur noch mehr entzückte. Dann öffnete sich schlagartig die Tür zum Kinderzimmer und ein Streifen hellen Lichts fiel herein.
Jade starrte für einen Augenblick wortlos auf die Szene, Rachel schien ihre Schwester gar nicht zu bemerken. Dann tauchte auch Alexandra in der Tür auf. Mit einem spitzen Schrei stürzte sie herein und warf sich schützen zwischen Philip und Rachel, während Jade nach einem Steckenpferd, das an der Wand lehnte griff und sich kampfbereit neben ihrer Mutter aufbaute. Eine Glocke ertönte. Verwirrt und vor Schock zitternd starrten die beiden durchs Zimmer, doch sie konnten niemanden entdecken. Alexandra wandte sich sofort Rachel zu und untersuchte ihre kleine Tochter nach Verletzungen, bevor sie sie in den Arm nahm. Jade war derweil zu den Vorhängen gestürmt, hatte hinter der Tür nachgesehen und schaute nun auf den Gang hinaus. Die Gestalt war spurlos verschwunden. Panisch dreht sie sich zu ihrer Mutter um, die versuchte die kleine Rachel zu beruhigen.
„Was zur Hölle war das?", rief sie hysterisch.
Ihre Mutter ging auf Jade zu und schubste sie aus dem Zimmer. „Ich habe keine Ahnung, aber wir bleiben keine Sekunde länger in diesem Raum. Ich ruf die Polizei."
„Und was willst du ihnen sagen?", wollte Jade wissen: „Es ist ja niemand hier."
„Das ist mir egal. Hier, nimm deine kleine Schwester und setzt euch in dein Zimmer. Schließ ab und mach für niemanden auf außer mir. Ich hol schnell mein Handy."
Hektisch verließen sie Rachels Zimmer und schlossen die Tür hinter sich. Niemand bemerkte, dass sich wie von Geisterhand die Gardinen vor dem Fenster zur Seite schoben. Kalte Nachtluft brach herein, als Philip das Fenster öffnete du nach draußen kletterte. Agil wie eine Katze landete er im Rasen und eilig entfernte er sich von dem Haus. Er hatte einen Entschluss gefasst. Vielleicht konnte er nie wieder mit seiner Familie beisammen sein, doch er konnte für sie sorgen. Auch wenn sie wahrscheinlich gerade das Gegenteil vermuteten, so hatten sie in dieser Nacht einen unsichtbaren Schutzengel gewonnen.

Meg legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Bereits seit mehrere Stunden saß sie nun schon vor Dwights PC und durchforstete das Internet nach Hinweisen und Informationen über den Entitus. Nach den Autohaven Wreckers war sie weiteren Hinweisen nachgegangen. Eine Suche nach Benedict Baker, dessen Tagebuch die Überlebenden einst gefunden hatte, hatte nichts ergeben. Das Crotus Prenn Asylum hingegen war eine andere Geschichte. Anscheinend hatte es auch dort seinerzeit einen Massenmord gegeben, allerdings hatte es sich um eine Irrenanstalt gehandelt, weshalb keine Zeitung großartig über den Vorfall berichtet hatte. Auch über das MacMillan Estate hatte das Internet einiges zu erzählen gewusst. Die Minen und Stahlwerke waren der Schauplatz einer weiteren Mordserie gewesen und viele hatten damals den Sohn des Inhabers, Evan MacMillan verdächtigt. Die Beweise hatten jedoch gefehlt und man hatte keinen Schuldigen gefunden. Das Lery´s Memorial Institute hingegen hatte zu keinen Ergebnissen geführt. Es gab zwar Einträge und Berichte über ein Militärkrankenhaus irgendwo in Illinois, hier und da auch eine gelegentliche Verschwörungstheorie zu dem Ort, jedoch nichts Handfestes.
Meg schloss den Internetbrowser und fuhr den PC herunter. Dann stand sie auf. Ein Blick aus dem Fenster sagte ihr, dass es bereits Dunkel war. Eigentlich hätten Dwight und Nea längst zurück sein müssen. Gerade als Meg der Gedanke in den Kopf gekommen war, läutete die Klingel und versetzte ihr einen halben Herzinfarkt. Sie hörte wie Dwights Vater unten die Tür öffnete und jemanden begrüßte. Dann traten zwei Personen ein und anschließend wurde die Tür wieder geschlossen.
„Guten Abend, sie müssen einer von Dwights bekannten sein", sagte James Fairfield.
„Alberto Visconti, meine Freunde nennen mich Ace, sehr erfreut", konnte Meg Aces Stimme antworten hören.
„James Fairfield, bitte, lassen sie mich ihre Jacke aufhängen."
„Sehr gerne"
„Und sie sind?"
„Feng Min"
Meg wusste nicht warum, doch Fengs piepsiges Stimmchen, das sie einige Male richtig auf die Palme gebracht hatte, verlieh ihr plötzlich ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit. Es bedeutete, dass sie wohlauf und gesund war und Meg hatte sich die meisten Sorgen um die kleine Asiatin gemacht. Sie war kein Kasten wie David oder eine Athletin wie Meg, weshalb sie immer besonders verwundbar auf Meg gewirkt hatte.
„Sehr erfreut", meldete sich nun wieder Dwights Vater: „Wenn ich sie ins Wohnzimmer bitten dürfte. Ich hoffe, sie erlauben mir die Bemerkung, aber sie beide sehen nicht gerade gesund aus. Darf ich ihnen etwas anbieten? Tee vielleicht?"
„Das wäre sehr freundlich", antwortete Ace: „Verraten sie mir, hat Dwight sie bereits über die Umstände aufgeklärt, unter denen wir uns kennengelernt haben."
„Er hielt es für das Beste, wenn dies unter Anwesenheit aller Beteiligten geschehen würde", antwortete Dwights Mutter: „Also nein."
„Dann sollten wir seinen Wunsch respektieren", sagte nun wieder Ace: „Widmen wir uns zunächst anderen Dingen. Ich habe gehört, dass Meg Thomas sich hier befindet?"
„Das ist richtig. Wir haben sie im Gästezimmer einquartiert. Das arme Ding sah gar nicht gut aus. Ist fast auf unserer Türschwelle zusammengebrochen."
Hätte man sie früher als armes Ding bezeichnet, so hätte Meg wohl vor Wut gekocht, doch in ihrer gegenwärtigen Situation konnte sie nicht bestreiten, dass der Begriff sie mehr oder weniger gut beschrieb. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, welchen Eindruck sie, verdreckt und ausgezehrt, auf Dwights Vater gemacht haben musste. Wahrscheinlich hatte er sie zunächst für eine Obdachlose gehalten. Zum Glück war Dwight da gewesen.
„Wie geht es ihr, Mr. Fairfield?", erkundigte nun Feng.
„Bitte, nennen sie mich James. Nun, ich kann es ihnen nicht wirklich sagen. Es schien mir doch, als habe sie nicht nur physische, sondern auch schwere psychische Versehrungen erlitten. Zumindest so viel ich feststellen konnte."
„Dwight hat ihr einen Tee gegeben und sie anschließend ins Bett gebracht. Sie hat bisher geschlafen.", sagte Dwights Mutter.
„Kein Wunder", fügte ihr Ehemann hinzu.
„Dürfte ich nach ihr sehen?", fragte Feng.
„Aber natürlich", antwortete James: „Das heißt, sofern sie wach ist. Liebling, zeig ihr doch bitte den Weg."
Meg konnte zwei der vier Personen im Wohnzimmer aufstehen hören und beschloss ihnen entgegenzugehen. Feng und Elizabeth hatten bereits die Treppe erreicht als Meg sich umdrehte und das Zimmer verließ. Müde trat sie auf den Gang hinaus und wandte sich dann in Richtung der Stufen. Dort tauchte zuerst Elizabeth auf und anschließend Feng. Als sie Meg erblickte, stürzte sie auf ihre Freundin zu und schloss sie in die Arme. Meg hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten, so stürmisch ging die kleine Asiatin ans Werk, doch sie erwiderte die Umarmung mit geschlossenen Augen. Im Nebel waren Meg und Feng nie überaus gut miteinander ausgekommen. Feng war eher die Einzelgängerin und Meg die überzeugte Teamspielerin gewesen, was zu einigen Auseinandersetzungen geführt hatte. Doch sie waren nicht mehr im Nebel. Sie waren zurück und Sicherheit. Alles andere war vergessen.
„Meg, ich bin so froh dich zu sehen", flüsterte Feng.
„Ich bin auch froh, dich zu sehen.", antwortete Meg, ebenfalls flüsternd. Dann lösten sich die beiden wieder voneinander.
„Wie fühlst du dich?", wollte Feng besorgt wissen.
„Es geht schon, danke", antwortete Meg, auch wenn dem nicht so war. Sie wusste immer noch nicht wie es weitergehen sollte und die Trauer um ihre Mutter war alles andere als verflogen, aber immerhin war sie nicht mehr vollständig allein.
„Bist du dir sicher? Du siehst nicht gerade gut aus. Hast du dich eigentlich schon geduscht, seitdem du aus dem Nebel entkommen bist?"
„Ich… Nein"
„Wir haben sicher noch etwas Zeit, bevor die anderen hier auftauchen", meldete sich Elizabeth aus dem Hintergrund: „Du kannst ruhig unser Bad benutzen. Bitte, fühl dich ganz wie zu Hause."
„Eine warme Dusche soll ja bekanntlich Wunder wirken", fügte Feng hinzu und bemühte sich um ein Lächeln.
„Du kannst dir einige meiner Klamotten ausleihen, wir müssten ungefähr die selbe Größe tragen", verkündete Dwights Mutter und bugsierte Meg derweil in Richtung Badezimmer: „Ich such dir was raus und leg sie dir vor die Tür. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst."
Einen Moment später entkleidete sich Meg bereits und stieg unter die Dusche. Erst als das warme Wasser über ihre Schultern und Rücken nach unten lief, erkannt sie was für eine ausgezeichnete Idee es doch gewesen war. Meg spürte wie sich die Spannung in ihren Muskeln löste, wie sich ihr Körper lockerte und wie die behagliche Wärme ihre Sorgen und Gedanken verstummen ließ. Ihre roten Haare hingen ihr nass und schwer am Kopf herab und Meg verbrachte geraume Zeit einfach nur damit, dazustehen, die Augen geschlossen zu halten und das Wasser zu genießen. Nur mit halbem Ohr hörte sie die Klingel, die ein weiteres Mal läutete, doch es brachte sie in das Hier und Jetzt zurück. Seufzend drehte sie den Hahn zu und mit dem versiegenden Wasserfluss schienen ihre Ängste zurückzukehren. Kalte Luft ließ ihren unbedeckten Körper frösteln, doch glücklicherweise hatte Dwights Mutter Wort gehalten und so fand Meg mehrere Klamotten fein säuberlich zusammengelegt und aufgestapelt vor der Badezimmertür.
Elizabeth hatte offenbar bereits die Athletin in Meg erkannt und nur Sportbekleidung herausgesucht. Es war nicht unbedingt das, was Meg für gewöhnlich tragen würde, doch es waren auch nicht ihre Kleider. Während sie sich anzog, läutete die Klingel ein weiteres Mal und signalisierte, dass immer mehr Gäste eintrafen. Meg hoffte, dass die anderen Überlebenden das Reden übernehmen würden, denn sie wusste nicht, ob sie selbst dazu im Stande sein würde. Jetzt wo sie darüber nachdachte, bezweifelte sie sogar, dass sie überhaupt die richtigen Worte finden würde. Niedergeschlagen zog sie sich einen braunen Pullover über den Kopf. Elizabeth hatte richtig geschätzt, sie und Meg trugen tatsächlich dieselbe Größe. Einzige Ausnahme war die Oberweite in der Meg bei weitem nicht die Dimensionen von Dwights Mutter erreichte. Nach kurzem Überlegen ließ sie den BH, den sie kaum zu füllen vermochte, einfach weg. Anschließend verließ sie das Badezimmer.
Sie konnte Stimmen vom Wohnzimmer heraufhören. Ace unterhielt sich angeregt mit Dwights Vater und legte dabei seine gewohnte Gelassenheit an den Tag. Dwights Mutter schien mit einem anderen Elternpaar, womöglich den Karlssons, zu sprechen und teilte ihnen mit, dass Dwight und Nea nach einem Bekannten sehen würden. Meg wusste, dass es sich um Jake handelte. Mit langsamen Schritten ging sie auf die Treppe zu und nahm vorsichtig eine stufe nach der anderen. Ihre Beine fühlten sich seltsam weich an und Meg wollte keinen Sturz riskieren. Zuerst entdeckte sie Feng, die sich im Türrahmen zwischen Flur und Wohnzimmer befand. Die junge Asiatin drehte sich um, als sie Megs Schritte hörte.
„Fast wie neu", kommentierte sie und schenkte Meg ein Lächeln, das diese bemüht erwiderte. Als sie an Feng vorbei in die Wohnung trat, erblickte sie Ace und James am Tisch zusammen mit Elizabeth und dem unbekannten Elternpaar. Die beiden hatten ihr den Rücken zugekehrt, weshalb sie ihre Gesichter nicht erkennen konnte. In einem Sessel etwas abseits saß Claudette, die schüchtern wie immer an einer Tasse Tee nippte und schweigend das Gespräch am Tisch mitverfolgte. Als die Kanadierin nach einem kurzen Moment Meg eintreten sag, stellte sie ihr Getränk sofort beiseite, stand auf und schloss sie in eine Umarmung. Sie war nicht so stürmisch und erdrückend wie Feng, doch nicht weniger innig und wohltuend. Meg war wirklich froh, dass ihre beste Freundin am Leben war. Sie hatte ihn Claudette immer so etwas wie eine kleine Schwester gesehen, die es zu beschützen galt.
„Wie geht es dir?", fragte Claudette und sah Meg nun direkt in die Augen. Es war erstaunlich wie viel Besorgnis in ihrem Blick lag. Meg schüttelte nur den Kopf und stellte stattdessen eine Gegenfrage: „Wo sind Dwight und Nea? Ich dachte sie wollten vor Sonnenuntergang wieder hier sein."
„Ich weiß es nicht", antwortete Claudette und versuchte Megs Gedanken zu zerstreuen: „Wahrscheinlich haben sie Jakes Hütte erst spät gefunden. Ich bin sicher, sie sind okay."
„Hoffentlich bringen sie Jake mit", warf Feng ein.
„Ja, hoffentlich", stimmte ihr Claudette zu.
Die versammelten Erwachsenen hatten mittlerweile auch mitbekommen, dass Meg eingetroffen war und Elizabeth stand sofort auf. „War die Dusche angenehm?"
„Sehr, vielen Dank"
„Nichts zu danken. Hier, setz dich. Möchtest du eine Tasse Tee?"
„Nein, danke", schüttelte Meg den Kopf.
„Schön dich zu sehen", grüßte Ace von seinem Platz am anderen Ende des Tischs. Sein ununterbrochenes Grinsen mochte so manchem in Anbetracht der Lage respektlos erschienen, doch Meg dachte anders. Sie fand, dass es Hoffnung gab. Dass die lebensfrohe Art des Argentiniers die Menschen um ihn herum positiv beeinflusste und die Stimmung ihm Raum hob. „Darf ich vorstellen, Iris und Noah Karlsson. Neas Eltern."
Meg schüttelte den beiden schnell die Hände und nannte ihren eigenen Namen. Neas Vater wollte gerade etwas erwidern, doch er hielt inne als er die Haustür im Flur aufgehen hörte. Zwei Personen betraten das Gebäude und anschließend hörte man die Tür ins Schloss fallen. Im nächsten Moment trat bereits Dwight, gefolgt von Nea ins Wohnzimmer, was die Gesichter aller Anwesenden sichtlich aufhellte. Sie hatten sich grundlos Sorgen gemacht. Dwight und Nea waren nach wie vor in Sicherheit, was vor allem die Eltern der beiden mit einem Schlag aufmunterte.
„Bitte, hört mir zu", verkündete Dwight, während Nea Feng und Claudette begrüßte. „Es gibt keinen Grund zur Sorge. Wir sind nicht in Gefahr. Bleibt einfach ruhig sitzen."
„Dwight, was meinst du…", setzte James an, doch er verstummte Augenblicklich, als eine weitere Gestalt im Flur auftauchte und langsam das Wohnzimmer betrat. Feng wich erschrocken zurück, während Claudette vom Stuhl aufsprang und dabei ihren Tee verschüttete. Meg hingegen blieb sitzen, doch in ihrem Fall lag es daran, dass sie sich vor panischer Angst kaum zu rühren vermochte. Ace war, dem das Lächeln mit einem Schlag vom Gesicht gefegt worden war, war ebenfalls sitzen geblieben. Auch die beiden Elternpaare schienen einen erheblichen Schreck erlitten zu haben, fingen sich aber weit besser als die Überlebenden.
„Guten Abend", wünschte die Krankenschwester mit tonloser und rauer Stimme, während sie gemächlich in die Runde blickte.