Die Schöne und das Biest
Anna senkte ihre Axt und stellte sich wieder gerade hin. Ihr Blick haftete an Lisa, die sich neben dem Lagerfeuer zusammengekrümmt hatte. Es schien keine Gefahr von ihr auszugehen. Anna bewegte sich langsam auf die Hexe zu und ging neben ihr in die Hocke. Der Wind fuhr durch die Bäume des Waldes und das Rascheln der Blätter gesellte sich zu Lisas schnappendem Atem. Mit der linken Hand versuchte Anna den Körper der Verletzten herumzudrehen. Behutsam zog sie an Lisas rechter Schulter und legte sie auf den Rücken. Die Hexe hielt die Augen geschlossen. Blut lief aus ihrem klaffenden Mund und Anna entdeckte eine lange Wunde, die sich quer über ihren Bauch zog. Ein krankhaftes Röcheln war zu hören, als Lisa ihre Hände auf die Verletzung presste. Angst erfasste Annas Glieder. Sie kannte Lisa. Lisa war im Nebel immer gut zu ihr gewesen. Der Entitus hatte ihr wehgetan, Herman hatte ihr wehgetan und auch Evan hatte sie misshandelt. Aber nicht Lisa. Lisa war ihre Freundin und sie schwebte ganz offensichtlich in Lebensgefahr
Unbeholfen riss sich Anna ihr blaues Tuch vom Gürtel und versuchte es auf die Wunde zu pressen. Sofort verdunkelte sich der Stoff, wurde nass und schwer. Anna hatte gelernt zu jagen. Sie hatte gelernt zu kämpfen. Doch sie hatte nie gelernt zugefügten Schaden wieder zu heilen und Wunden zu versorgen. Sie wusste nicht was sie tun sollte. Verzweifelt suchte sie in ihrem Kopf nach einer Lösung, einem Ausweg, der Lisa die Rettung bringen würde. Anna stand auf und sah sich im Wald um. Vielleicht war ja jemand in der Nähe, der helfen konnte. Doch da war niemand. Nur die Finsternis.
Anna knurrte frustriert und stampfte wütend auf den Boden. Dann bückte sie sich wieder zu Lisa hinab. Der Brustkorb der Hexe hob und senkte sich immer langsamer, als ihre Atemzüge an Kraft verloren. Sie hatte Annas blaues Tuch zwischen die Hände genommen und presste es nun selbst gegen die Wunde. Unter Schmerzen öffnete Lisa ihre Augen und schaute zu Anna. Diese konnte nichts weiter tun als zurückstarren. Doch dann kam ihr ein Gedanke.
Sally.
Sally wusste was zu tun war. Sie wusste immer was tun war.
Mühelos hob Anna die stöhnende Lisa vom Boden auf und legte sie sich über die Schulter. Die Hexe war klein und leicht, sodass sie sie ohne größere Anstrengung tragen konnte, ganz so als wäre sie eine Überlebende in einer der Jagden. Die Jägerin festigte den Griff um ihre Axt in der Rechten und klammerte sich mit der linken der Linken an Lisas zitternden Körper. Sie konnte den Herzschlag ihrer Last spüren und wusste, dass ihr Leben noch nicht verloren war. Stampfend lief sie los, so schnell ihre Beine sie tragen konnte. Ihrer eigenen Spur folgend brach sie durchs Unterholz und machte sich auf den Weg, Sally zu finden. Spitze Zweige und scharfe Steinchen malträtierten ihre nackten Füße, doch Anna war es gewohnt. Sie brauchte keine Stiefel. Ihre Sohlen waren stark und widerstandsfähig und der Waldboden war ihr kein Hindernis.
James Fairfield ging geradewegs auf das Büro des Sheriffs zu und pochte drei Mal gegen die Tür. Die umstehenden Beamten sahen überrascht auf und musterten die beiden Männer, die gerade eben ins Präsidium gekommen waren, doch sie machten keine Anstalten zu intervenieren. Sie kannten James und sie wussten, dass er einer der besten Freunde ihres Sheriffs war. Es war nicht ungewöhnlich, dass er spät am Abend vorbeischaute um mit seinem Freund nach Dienstschluss einen trinken zu gehen. Und seitdem Dwight entführt worden war, hatten sich seine Besuche nur verdoppelt.
„Herein", tönte eine Stimme durch die Bürotür, auf der in kleinen Lettern „Sheriff Albert Freeman" geschrieben war. James trat umgehend ein und bedeutete Ace, ihm zu folgen. „James", rief der Sheriff überrascht, ein älterer Afroamerikaner mit grauem Schnurrbart, und stand von seinem Schreibtisch auf, um seinem Freund die Hand zu schütteln. „Was verschafft mir die Ehre?"
„Ich habe wichtige Dinge mit dir zu besprechen, Albert", antwortete James. „Wichtige Dinge?", fragte der Sheriff etwas verblüfft: „Natürlich, ich höre."
„Dwight ist wieder da."
„Was?
„Er ist gestern Abend auf meiner Türschwelle gestanden."
„Wirklich?", sagte der Sheriff und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Schreibtisch: „James, was für eine erfreuliche Nachricht. Geht es ihm gut?"
„Ja, ja, er ist wohlauf. Albert…"
„Verdammt, James, wenn ich ehrlich bin, habe ich schon beinahe nicht mehr daran geglaubt den Jungen jemals wieder zu sehen", bemerkte der Sheriff und kratzte sich am Bart: „Das sind in der Tat wichtige Dinge zu besprechen. Weiß er etwas über die anderen Vermissten? Ich muss unbedingt mit ihm reden."
„Albert, bevor du weitersprichst", unterbrach James den Beamten: „Sag mir doch noch mal die Namen der anderen Vermissten."
„Nun, da hätten wir Meg Thomas", antwortete der Sheriff und hob einen Finger: „Sie wurde zuletzt beim Joggen in der Nähe der westlichen Wälder gesehen. Jake Park", der Sheriff hob einen weiteren Finger: „der in einer Hütte auch in der Nähe dieser Wälder gelebt hat. Feng Min, ebenfalls ein Mädchen aus der Gegend. Claudette Morel, eine Studentin aus Kanada. Sie hat anscheinen einen Spaziergang unternommen und auch sie wurde zuletzt in der Nähe der westlichen Wälder gesehen. Nea Karlsson, eine Jugendliche aus deiner Nähe, James. Ich hatte sie ein paar Mal hier auf der Wache wegen kleinerer Vergehen. Ich weiß nicht, ob ihr Verschwinden mit dem der anderen zusammenhängt, könnte aber gut sein, dass sie einfach mit irgendwelchen Kriminellen aneinandergeraten ist. Ist schon vor langer Zeit in die falschen Kreise abgestürzt. Eigentlich Schade, aber was soll man machen?"
„Bezüglich all dieser Vermissten", sagte James nun langsam: „Die sind innerhalb dieses Tages allesamt vor meiner Tür aufgetaucht. Alle bis auf Jake Park, wie es scheint."
„Du nimmst mich auf den Arm", entgegnete der Sheriff ungläubig und verschränkte die Arme: „James, wenn das hier ein Scherz sein soll…"
„Sehe ich so aus, als würde ich scherzen?", fragte James und Albert sah ihn für einen Moment lang sprachlos an. Dann sagte er langsam: „Wenn das wahr ist, dann müssen die Entführungen miteinander in Verbindung stehen. Aber warum sind sie alle auf einmal bei dir auftauchen, James?"
„Mein Sohn hat sie zusammengerufen", antwortete Dwights Vater: „Die Entführungen stehen tatsächlich miteinander in Verbindung, soweit ich weiß. Aber ich glaube, ich bin nicht der richtige um das zu erklären."
Ace, der sich bisher eher im Hintergrund gehalten hatte, trat nun nach vorne und streckte dem Sheriff die Hand hin. „Das ist Ace Visconti", stellte James ihn vor und der Beamte schüttelte nach wie vor verblüfft die Hand des Argentiniers. „Er hat dir einige wichtige Dinge zu sagen", bemerkte James und Ace fuhr fort: „Das habe ich in der Tat. Ich war ebenfalls einer der Entführten, allerdings gibt es niemanden, der mich vermissen würde, weshalb ich wohl kein Fall in ihrer Schublade geworden bin. Ich, Dwight und all die anderen wurden von ein und demselben Wesen entführt. Dem Entitus, wie wir es nennen."
„Was für ein Wesen? Was geht hier…", wollte der Sheriff wissen, doch Ace ließ ihn nicht zu Wort kommen: „Hören sie mir bitte aufmerksam zu. Der Entitus lauert immer noch da draußen. Versteckt in den westlichen Wäldern. Er ist geschwächt, deshalb konnten wir entkommen. Aber der Entitus verfügt über übernatürliche Kräfte und hat sich Sklaven gehalten, die er zu Killern verformt hat. Wir wissen, dass mindestens zwei dieser Killer ebenfalls entkommen sind und sich in diesem Moment in ihrer Stadt befinden. Sie müssen sofort…" „Ich habe genug gehört", rief der Sheriff erbost: „James, was fällt dir ein? Warum bringst du mir so einen Spinner ins Büro?"
„Wir dachten bereits, dass sie uns nicht glauben würden", sagte Ace und zog die Aufmerksamkeit des Beamten wieder auf sich, während er zum Fenster ging. Er schaute hinaus in die Nacht und hinunter zu einem vor dem Präsidium geparkten Auto. Ein kurzes Nicken, dann drehte Ace sich wieder zu dem Sheriff um. „Deshalb haben wir einen Beweis mitgebracht."
Ein Windstoß ging durch das Büro und fegte die Unterlagen vom Schreibtisch des Sheriffs, als Sally mitten im Raum auftauchte, die linke Hand zu einer leuchtenden Faust geformt. Mit vermummten Gesicht sah sie sich in dem Zimmer um und entdeckt schließlich den Sheriff, der vor Schreck schützen die Hände nach oben gerissen hatte. Sally bückte sich aus ihrer schwebenden Lage zu ihm hinunter und sagte in einem sachlichen Tonfall: „Sheriff, sie haben ein Problem."
„Sie konnten also einen Blick auf den Einbrecher werfen?"
„Ja"
„Kannten sie ihn?"
„Nein"
„Können sie ihn beschreiben?"
„Ja, er… Er war groß. Größer als jeder, den ich kenne. Und er hatte eine schwarze Haut…"
„Also ein Afroamerikaner?"
„Nein, nein, nicht dunkle Haut. Schwarze Haut. Unregelmäßig, fast wie verkohlte Baumrinde. Und er hatte leuchtende Augen. Wie aus einem Horrorfilm. Er…"
„Der Täter hat also eine Maske getragen?"
„Nein… Das heißt, vielleicht… Es sah aber nicht wie eine Maske aus."
„Mrs. Ojomo, sie wollen mir doch nicht etwa sagen, ein Monster sei in ihr Haus eingebrochen?" Der Polizist schaute sie über seinen Notizblock hinweg fragend an. Alexandra schaute kurz zurück und vergrub dann den Kopf in den Händen. Sie wusste selbst nicht, was sie glauben sollte. Sie wusste nur, was sie gesehen hatte und sie konnte verstehen, wenn die Polizei ihr nicht glauben wollte.
„Sie stehen unter Schock", stellte der Beamte fest: „Wir können unser Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen, wenn sie wollen." „Ich steh nicht unter Schock", antwortete Alexandra nervös und bemerkte gleichzeitig, dass sie am ganzen Körper zitterte: „Gut, vielleicht ein wenig. Aber ich weiß was ich gesehen habe und es ist die Wahrheit. Sie müssen mir glauben. Sie müssen nach ihm suchen. Er ist ins Schlafzimmer meiner Tochter gelangt, ohne eine Scheibe einzuschlagen oder irgendein Geräusch zu verursachen. Verschlossene Türen sind offenbar kein Hindernis für ihn. Was, wenn er gerade in ein anderes Haus einsteigt?"
„Mrs. Ojomo, das Fenster im Zimmer ihrer Tochter war geöffnet", sagte der Polizist: „Ich halte es für wahrscheinlich, dass er es benutzt hat um sich Zutritt zu verschaffen." „Ich habe das Fenster geschlossen, nachdem ich Rachel ins Bett gebracht habe und da war er noch nicht im Haus", entgegnete Alexandra: „Das weiß ich."
„Aber es war wieder geöffnet, als wir hier ankamen. Hören sie. Aus ihrer Aussage schließe ich auf folgenden Tathergang. Der Täter kam durch das Fenster, ha sich versteckt, während sie das Fenster schlossen und wurde später von ihnen ertappt. Er hat sich wieder versteckt und ist später durch dasselbe Fenster wieder entkommen. Soweit wir wissen hat er nichts gestohlen und er schien auch keine Gewalt anwenden zu wollen." Der Polizist legte seinen Notizblock beiseite und verschränkte die Arme. Alexandra starrte derweil mit leerem Blick auf die Tischplatte. Wahrscheinlich hatte der Beamte recht. Es war nichts weiter als ein einfacher Einbruch gewesen. Sie sollte einfach froh sein, dass ihren Töchtern nichts passiert war.
„Ich glaube nicht, dass er zurückkommt", schloss der Beamte und erhob sich vom Tisch: „Verschließen sie dennoch alle Türen und Fenster, bevor sie schlafen gehen. Ich erwarte sie morgen auf der Wache zu einer eingehenderen Aussage. Wir melden uns natürlich bei ihnen, sollten wir bis dahin etwas herausfinden." Alexandra nickte und stand auf um den Mann zur Tür zu geleiten. Sein Partner befand sich mit Jade und Rachel im Wohnzimmer und stand ebenfalls auf, als er seinen Kollegen durch die Tür kommen sah. Alexandra schaute zu ihren Töchtern. Jade schien ebenso erschrocken wie sie selbst zu sein, doch Rachel war putzmunter und ein vergnügtes Grinsen zog sich quer über ihr Gesicht. Sie war offenbar zu jung, um den Ernst der Lage zu begreifen.
„Gute Nacht, Mrs. Ojomo", grüßte der Polizist und ging dann mit seinem Partner zurück zum Streifenwagen. Die beiden stiegen in das Auto und wenig später verschwand es hinter der nächsten Ecke. Alexandra war gedankenversunken in der Tür verharrt. Die Beamten hielten sie wohl für Verwirrt, vielleicht sogar verrückt. Ein kalter Wind strich um ihre Schultern und fröstelnd schloss sie die Tür. Anschließend begab sie sich zu ihren Töchtern in Wohnzimmer. Jade sah sie fragend an. „Und? Suchen sie nach ihm?"
„Ich glaube nicht", antwortete Alexandra: „Ich glaube, die halten uns für Spinner." „Habe ich doch gesagt", entgegnete Jade und ihre Mutter erwiderte: „Trotzdem mussten wir die Polizei rufen. Ich meine, wir haben uns das doch nicht eingebildet. Oder?" Das letzte Wort sprach sie mit wachsender Unsicherheit aus. Jade schüttelte den Kopf: „Nein, ich habe ihn… es… was auch immer das war, auch gesehen. Ich frage mich nur, was er in Rachels Zimmer wollte."
Beim Gedanken an eine Entführung wurde Alexandra flau im Magen und schnell hob sie Rachel in ihren Schoß, um sie festzuhalten. Dadurch beruhigte sie sich wieder ein wenig. „In den letzten Jahren sind ja ein Haufen Leute hier in der Gegend verschwunden.", bemerkte Rachel: „Und soweit ich weiß, haben sie keinen wiedergefunden. Vielleicht war es ja dieses Ding, das all die Menschen entführt hat."
„Rede keinen Unsinn", antwortete Alexandra, doch sie war sich selbst nicht ganz sicher. Jade verfiel nun in Schweigen und für eine Zeit lang saßen sie einfach nur da und starrten ins Leere. Schließlich stand sie auf, wünschte ihrer Mutter eine gute Nacht und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. Vor ihrem geistigen Auge blitze ein Bild auf. Sie hatte das Gesicht des Eindringlings für einen Sekundenbruchteil im Lichtkegel gesehen und er hatte sie direkt angestarrt, kurz bevor er verschwunden war. Jade konnte sich nicht entsinnen, doch sie war sich sicher, das Gesicht bereits irgendwo gesehen zu haben.
Meg saß zusammen mit den anderen am Esstisch und stocherte lustlos in ihrem Essen herum. Dwights Mutter hatte Spaghetti mit Tomatensoße alla Napoletana gemacht, doch sie verspürte keinen Appetit. Niemand sagte etwas. Zum einen, weil sie alle mit ihren Tellern beschäftigt waren, zum anderen, weil niemand wirklich etwas zu sagen hatte.
Meg ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Dwight und Nea machten sich genüsslich über die Nudeln her, nach ihrem Ausflug in den Wald waren sie offenbar hungrig gewesen. Auch Feng schien die Mahlzeit zu behagen und die Asiatin bemerkt nicht, wie Megs Blick kurz auf ihr ruhte. Schließlich schaute sei weiter zu Claudette und erkannte, dass die Kanadierin ebenfalls ihre Portion mehr anstarrte, als sie wirklich zu essen. Claudette erwiderte Megs Blick und schaute dann wieder zurück auf ihren Teller. Meg wandte sich ebenfalls ab und sah aus dem Fenster. Die Nach war finster und es kam ihr so vor, als sei das Licht der Straßenlaternen irgendwie dunkler als sonst. Ein Schauer fuhr ihr über den Rücken und plötzlich konnte sie ihren Herzschlag in den Ohren hören. Ihr Puls wurde immer schneller und Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn. Megs Knöchel traten weiß hervor, als sich ihr Griff immer fester um ihre Gabel schloss.
„Meg, alles in Ordnung?", fragte Dwight und riss sie damit zurück ins hier und jetzt. Sie löste ihren Blick vom Fenster und richtete ihn zuerst auf den Jungen, dann auf die Gabel. Meg bemerkte, dass sie zitterte und sie legte das Besteck beiseite. Dann schaute sie in die Runde. Mit Ausnahme von Dwight schien niemand ihre Panikattacke bemerkt zu haben, doch als er sie angesprochen hatte, hatten sich alle Blicke auf sie gerichtet.
„Ja, ja, ich… Ich habe keinen Hunger"
„Schmecken dir die Spaghetti nicht?", fragte Dwights Mutter sofort: „Ich kann dir auch etwas anderes machen, kein Problem." „Nein, danke, die Nudel sind hervorragen", beeilte sich Meg zu antworten: „Ich habe einfach keinen Hunger, das ist alles" Sie versuchte sich an einem Lächeln und scheiterte kläglich. „Komm, iss etwas", sagte Dwight: „Das wird dir guttun. Wirst schon sehen" Feng nickte ermutigend. Meg sah kurz von einem zum anderen und setzte dann an: „Leute, ich bin euch wirklich dankbar, aber…"
Ihr Blick schweifte wieder aus dem Fenster und im Licht der Straßenlaternen erkannte sie eine Gestalt. Alle anderen folgten ihrem Blick. Die Silhouette bewegte sich die Straße herab und machte den Eindruck, als schien sie eine schwere Last zu tragen. Sie war groß und ihre weiten Schritte ließen sie geradezu dahinfliegen. Nea stand auf und ging zum Fenster, gerade als die Person unter einer Laterne vorbeilief und ihr Gesicht von Licht erhellt wurde. Meg erhob sich ebenfalls ruckartig, ihr Herz wieder bis zum Hals schlagend. Nea entfernte sich vom Fenster. Dwight kam nun auch auf die Beine und rief nervös: „Das ist Anna. Was zum Teufel tut sie hier, ich dachte sie wollte im Wald bleiben." Nea antwortete nicht, sondern war bereits auf halbem Weg zur Haustür. Sie ignorierte ihren Vater, der ihr nachrief und lief hinaus in die Nacht.
„Anna!"
Die Jägerin drehte sich um und schaute in Neas Richtung. Sie trug etwas über ihre linke Schulter und erst auf den zweiten Blick erkannte Nea einen Körper. Verdammt, hoffentlich hatte sie niemanden umgebracht und trug nun die Leiche durch die Straßen. Grauenvolle Erinnerungen erwachten in Neas Hinterkopf. War Anna etwa rückfällig geworden? Suchte die Jägerin etwa nach einem Haken?
Die Killerin hielt kurz inne, bevor sie Nea auf der anderen Straßenseite entdeckte und lief dann schnellen Schrittes auf sie zu. Neas Atem beschleunigte sich, als sie die große Frau näherkommen sah. Das flackernde Licht der Straßenbeleuchtung reflektierte sich im großen Blatt der Axt. Dwight tauchte an Neas Seite auf, kurz bevor die Jägerin einen Meter vor ihr zum Stehen kam.
„Wo Sally?", fragte die Jägerin auf Russisch und Nea antwortete: „Sally ist nicht da." Anna knurrte frustriert und schaute sich verzweifelt um. Dann wandte sie sich wieder an die überlebenden: „Hilfe für Lisa!"
Nea versuchte kurz zu verstehen, was Anna von ihnen wollte, bevor ihr Blick auf den Körper fiel. Lisa, ging es ihr durch den Kopf, das war der Name der Hexe. Nun erkannte sie auch die dunkle Haut, die grauen Haare und die entstellten Gliedmaßen.
„Hier, ins Haus", rief Nea und zeigte auf das Haus der Fairfields. Die Jägerin folgte ihr daraufhin den kurzen Gartenweg entlang und bückte sich anschließend unter der Eingangstür durch. Im Flur machte Feng mit einem schrillen Piepsen eilig Platz, als Anna den Gang entlangschritt und ins Wohnzimmer platzte. Claudette und Meg waren aufgestanden und hatten die Szene vom Fenster aus verfolgt. Nun sahen sie die Jägerin aus panisch geweiteten Augen an und wichen jeweils einen Schritt zurück. Auch Elizabeth, Noah und Iris schienen weit mehr Respekt vor Anna, als vor Sally zu haben. Die Jägerin blickte kurz durch den Raum und schien offenbar nicht zu wissen, was sie tun sollte. „Hilfe für Lisa", sagte sie erneut, doch natürlich verstand niemand außer Nea.
„Hier", antwortete die Schwedin und räumte eilig die Teller vom Esstisch: „Leg sie hier hin." Anna tat sofort wie geheißen und hob Lisa so sanft sie konnte auf die Tischfläche. Dwights Mutter atmete vor Schreck ein, als sie das Gesicht der Hexe erblickte und auch alle anderen versuchten so weit wie möglich Abstand zu nehmen. Anna sah derweil hilfesuchend zu Nea, die den Blick auf Lisa gerichtete hatte. Dwight stellte sich neben sie, während Feng zögerlich ins Wohnzimmer trat, den Blick auf den hoch aufragenden Rücken der Jägerin gerichtet.
„Lebt sie noch?", fragte Dwight, als Lisa sich nicht rührte. Nea zog derweil sachte das blaue Tuch vom Bauch der Hexe um die darunterliegende Wunde freizulegen. Plötzlich wurde Lisa durch einen Hustenanfall geschüttelt und Nea schreckte zurück. Blut rann aus dem Mund der Hexe und nachdem sie sich kurz aufgebäumt hatte, fiel sie wieder zurück auf den Tisch. „Ja, sie lebt noch", antwortete Nea und drehte sich zu Dwights Mutter: „Habt ihr einen Erste-Hilfe-Koffer im Haus?" Elizabeth nickte sofort und riss sich von Lisas Anblick los, als Nea sie zur Eile trieb.
„Nea, bist du dir sicher?", fragte Meg aus dem Hintergrund: „Sie ist eine Killerin" „Sally hat gesagt, sie sei ganz in Ordnung", antwortete Nea und dreht sich zu Meg um. Die Athletin schaute weder sie noch Lisa an. Stattdessen haftete ihr Blick auf Anna, deren Gestalt alle anderen bei weitem überragte. Die Jägerin folgte Neas Blick und landete schließlich bei Meg. Für einen kurzen Moment sahen sich die beiden direkt in die Augen, dann begann Anna leise zu knurren. Meg zitterte am ganzen Körper und drückte sich gegen die Wand.
„Nein", rief Nea und trat schnell zwischen die beiden. „Meg tut dir nichts", sagte sie auf Russisch: „Meg ist meine Freundin" Anna verstummte und legte den Kopf schief. Dann schaute sie wieder auf Lisa, die stoßartig nach Luft schnappte und rief erneut: „Hilfe für Lisa" Glücklicherweise kam in diesem Moment Elizabeth mit dem Erste-Hilfe-Koffer zurück in den Raum und brachte ihn zu Nea. Dabei nahm sie jenen Weg, der sie am weitesten von der Jägerin vorbeiführte.
„Danke", sagte Nea und nahm den Koffer entgegen. „Hilfe für Lisa", murmelte sie leise, als sie den Verschluss öffnete und Verbandszeug hervorzog. Behutsam entfernte sie anschließend das blaue Tuch vom Bauch der Hexe und sah sich die klaffende Wunde an. Sie war verschmutzt und voller Dreck. Eine Reinigung war vonnöten, bevor sie Lisa einen Verband anlegen konnte. Nea durchsuchte den Koffer kurz nach einem Desinfektionsmittel.
„Hier", sagte Claudette und brachte das gesuchte Fläschchen zum Vorschein: „Lass mich das machen" Nea nickte und trat zurück, während Claudette mit professionellem Blick ihren Platz einnahm. Sie war in den Jagden immer schon die beste Heilerin gewesen und hatte ihren Kameraden bei so mancher Gelegenheit das Leben gerettet. Annas Blick haftete auf der Kanadierin, als sie sich mit dem Desinfektionsmittel und einem Tupfer Lisa näherte.
„Haltet sie fest", sagte Claudette und wartete bis Dwight und Nea ihrer Bitte nachgekommen waren. Anna machte derweil einen Schritt zurück. Sie hatte erkannt, dass Lisa nun in guten Händen war und Heilung erfahren würde. Sie selbst konnte dabei nicht helfen, sie wusste nicht wie. Aus ihren Augenwinkeln bemerkte Anna eine Bewegung und dreht sich um. Dort, an ihrer rechten Seite, entdeckt sie Feng, die offenbar nicht beabsichtigt hatte, die Aufmerksamkeit der Killerin zu erregen. Mit aufgerissenen Augen drückte sie sich an die Wand und wich ein Stück zur Seite als Anna neben ihr in die Hocke ging. Die maskierte Frau legte den Kopf schief und sah Feng für einen Moment an. Das junge Asiatin erinnerte Anna an ihre eigenen Mädchen, damals in Russland. Doch der Gedanken wurde beiseite gewischt, als sie Lisa unter Schmerzen stöhnen hörte.
Claudette hatte begonnen die Wunde der Hexe zu reinigen und Lisa hatte sich dabei unter Schmerzen aufgebäumt, wurde jedoch von Dwight und Nea zurückgehalten. Jedes Mal, wenn Claudette mit ihrem Tupfer die Verletzung berührte, um sie zu reinige, schien Lisa wilder zu werden. Siebefand sich in einem Delirium und wusste ganz offensichtlich nicht, wo sie war und dass sie geheilt wurde. Sie spürte nur die Schmerzen.
„Ich kann sie kaum halten", rief Nea, als sie Lisa ein weiteres Mal nach unten zwang. Gerade als sich die Hexe wieder verkrampfte und versuchte freizukommen, stellte sich Meg an den Tisch und legte einen festen Griff um Lisas Oberkörper. Die beiden Überlebenden tauschten einen Blick aus und Nea nickte grimmig.
Einen Augenblick später hatte Claudette die Reinigung auch schon abgeschlossen und Lisa hatte sich für einen Moment beruhigt. Die Kanadierin legte das Fläschchen und den Tupfer beiseite bevor sie sich an die anderen drei wandte. „Ein Verband hilft hier nichts", sagte sie: „Ich muss die Wunde nähen. Haltet sie gut fest." „Tun wir", bestätigte Dwight und verstärkte seinen Druck auf die Hexe. Der Entitus hatte sie mit Kräften ausgestattet, die man aufgrund des zerbrechlich wirkenden Körpers kaum in Lisa vermuten würde. Doch sie waren da und die Krallen an Lisas Pranken waren nach wie vor messerscharf.
Claudette griff nach Nadel und Faden, nahm einen tiefen Atemzug und machte sich anschließend mit erstaunlich ruhigen Händen an die Arbeit. Bevor sie den ersten Stich vollzog, sah sie kurz zu Nea, die den Blick erwiderte. Ein kurzes Nicken und Claudette senkte die Nadel. Ein schrilles Kreischen erfüllte den Raum als Lisa sich erneut aufbäumte, doch dieses Mal wurde sie entschieden zurückgehalten. Der ganze Vorgang dauerte nur wenige Augenblicke, doch Meg kam es vor wie eine Ewigkeit. Mit aller Kraft hielt sie Lisa auf dem Tisch und versuchte nicht zur Wunde zu sehen. Stattdessen verfing sich ihr Blick an dem Gesicht der Hexe. Lisa hatte den Mund geöffnet und Meg konnte eine Reihe an spitzen Zähnen erkennen, wie bei einem Raubtier. Ein Schauer fuhr ihr den Rücken hinunter als sie sich an die Jagden erinnerte. Die Hexe hatte niemals davor zurückgescheut auch ihre Zähne gegen die Überlebenden einzusetzen. Meg war es beinahe, als spürte sie den Schmerz, den diese Zähne in der Lage waren zu verursachen, in ihrer linken Schulter.
„So, das wars", keuchte Claudette und schnitt den Faden mit einer Schere durch. Dann legte sie das Werkzeug beiseite und griff endlich nach dem Verbandsmaterial. „Hebt sie hoch", kommandierte die Kanadierin und machte sich anschließend daran, Lisa einen Verband anzulegen. Der Körper der Hexe bebte, doch sie wehrte sich nicht mehr. Lisa hatte das Bewusstsein verloren. Nur noch ihre Atemzüge waren zu hören. Claudette hatte den Verband in kürzester Zeit fertig angelegt und fixiert. Dann trat sie zurück, letztendlich doch am ganzen Körper zitternd. Nea, Dwight und Meg legten Lisa derweil sanft zurück auf den Tisch. Elizabeth trat hinzu und legte ein Kissen unter den Kopf der Hexe.
„Meine Güte", meldete sich Neas Vater aus einer Ecke des Raumes: „Was für eine Nacht" Dwight und Meg sahen sich an. Beide konnten bei der Bemerkung, ob der Absurdität der gegenwärtigen Situation, kaum ein Grinsen unterdrücken. Hatten sie doch gerade Claudette dabei geholfen der Hexe einen Verband anzulegen. Die Welt war noch verrückter geworden, als sie es die letzten sechs Monate bereits gewesen war.
„Lisa tot?", fragte Anna unsicher und erinnerte damit alle an ihre Anwesenheit. Nea schüttelte den Kopf und antwortete „Nein, Lisa lebt. Sie ist nur müde. Sie schläft jetzt." Das schien Anna zufriedenzustellen und ein erleichtertes Lächeln stahl sich über ihre Lippen. Dann setzte sie sich im Schneidersitz auf den Boden und lehnte den Rücken an die Wand. Sie war sichtlich ihrer Kräfte beraubt und ließ müde den Kopf hängen. Ihre Axt lag neben ihr auf dem Boden. Neas Mutter sah kopfschüttelnd auf das Mordwerkzeug, fand jedoch keine Worte. Sorge stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Woher kannst du eigentlich Russisch?", fragte Meg und setzte sich ebenfalls erschöpft auf einen der Stühle. Die Athletin konnte ihren Herzschlag spüren, doch nicht aufgrund der Killerinnen im Raum. Nea setzte sich auf den Stuhl neben sie und antwortete: „In der Schule hatte ich Pflichtunterricht in einer Drittsprache neben Schwedisch und Englisch. Wir konnten wählen zwischen Spanisch, Deutsch und Russisch. Größtes Land, größter Nutzen dachte ich." Nea zuckte mit den Schultern: „Als wir dann in die USA gezogen sind, war das ganze natürlich weitgehend für die Katz. Zumindest bis heute."
„Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal der Hexe das Leben retten würden", bemerkte Dwight und schaute auf Lisas Körper. Sie hatten sie bisher immer nur in den Jagden zu Gesicht bekommen und dort natürlich nie die Gelegenheit gehabt, die verformten Extremitäten und entstellten Gesichtszüge näher in Augenschein zu nehmen.
„Wir haben noch ein anderes Problem", meldete sich Claudette: „Wir wissen nicht, wer ihr diese Wunde zugefügt hat. Eigentlich kann es nur einer der anderen Killer gewesen sein. Und es waren weder Sally noch Anna, was bedeutet, dass noch jemand aus dem Nebel entkommen sein muss."
Die Überlebenden schauten sich gegenseitig an, bevor Nea sich an die Jägerin wandte: „Anna?" Die Killerin sah ruckartig auf, als sie ihren Namen hörte. „Weist du wer Lisa verletzt hat?", fragte Nea und Anna schüttelte den Kopf. „Lisa aus Nebel rausgekommen. Schon verletzt." Die Schwedin nickte. „Danke, Anna"
„Was hat sie gesagt?", wollte Claudette wissen. „Dass die Hexe aus dem Nebel gekommen ist", antwortete Nea: „Wahrscheinlich irgendwo im Wald. Da war sie allerdings bereits verwundet. Derjenige, der ihr das angetan hat, könnte sich also immer noch im Reich des Entitus befinden." „Vielleicht war es ja der Entitus selbst", vermutete Meg: „Er kann seine Killer nicht mehr kontrollieren und bevor sie ihm entwischen, tötet er sie lieber." Dwight überlegte kurz und sagte dann: „Ich hoffe, sie kann uns einige Fragen beantworten, wenn sie aufwacht."
„Vorausgesetzt sie geht uns bis dahin nicht drauf", kommentierte Nea kalt: „Ich bin ja nicht die Meisterheilerin hier, aber für mich sieht diese Wunde immer noch lebensgefährlich aus. Ich glaube nicht, dass sie schon überm Berg ist."
„Ich kann nichts garantieren", gab Claudette zurück: „Aber die Killer sind widerstandsfähiger als sie aussehen." Dwight stimmte ihr zu: „Das sind sie."
Polizeiautos fuhren nun draußen vor der Straße vorbei, allerdings ohne Blaulicht und Sirene. Sally als Beweis vorzulegen hatte offenbar die gewünschte Wirkung erzielt und den Sheriff überzeugt. „Da kommen sie", bemerkte Feng und setzte sich nun ebenfalls an den Tisch: „Irgendwie fühl ich mich trotzdem nicht sicherer."
„Kein Wunder", entgegnete Nea: „Wir haben auch zwei Killer direkt hier im Raum. Die Schwedin lehnte sich über den Tisch und sah Feng freundschaftlich in die Augen: „Ich würde mir keine Sorgen machen. Anna ist harmlos und Lisa laut Sally auch. Außerdem ist sie schwer verletzt. Die Polizei wird jetzt wohl erst mal die Gegend sichern und in den folgenden Tagen die Wälder durchkämmen. Sollte einer von den anderen Killern rausgekommen sein, werden sie ihn mit Sicherheit finden."
Ace saß im Beifahrersitz neben Dwights Vater und schaute durch die Windschutzscheibe auf die Straße hinaus. Sie folgten einigen Streifenwagen auf dem Weg in die Außenbezirke. Der Sheriff war von Sally glücklicherweise schnell überzeugt gewesen und hatte in Windeseile alle verfügbaren Polizeikräfte in die westlichen Stadtteile von Waltonfield beordert. Gleichzeitig hatte er Verstärkung aus den Nachbarorten angefordert und über Rundfunk eine Warnung ausgeben lassen, die die Bürger dazu aufrief in ihren Häusern zu bleiben und jedes verdächtige Ereignis sofort zu melden. Sally, die auf der Rückbank saß, sollte zusammen mit Ace zu den anderen Überlebenden zurückkehren. Die Polizei würde nach ihr schicken, sollte ihre Hilfe in einer Situation benötigt werden. Außerdem würden zwei Beamte die Aussagen all jener aufnehmen, die sich bereits im Nebel befunden hatten.
„Ziemliches Aufgebot", murmelte James und versuchte die Stille zu brechen. Er warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und beobachtete Sallys verborgenes Gesicht. Dann wandte er sich wieder der Straße zu. Die vorbeirauschenden Straßenlaternen ließen sein Gesicht in regelmäßigen Abständen orange aufleuchten.
„Wie kommt es eigentlich, dass sie den Sheriff so gut kennen?", versuchte Ace das Gespräch am Laufen zu halten. „Alte Schulfreunde", antwortete James: „Wir waren zusammen im Football Team. Haben auch einiges an Leistungen erzielt, wenn ich das so sagen darf. Erst als er auf die Polizeischule und ich Studieren gegangen bin, haben sich unsere Wege für ein paar Jahre getrennt. Schließlich haben wir uns in Waltonfield wieder getroffen. Sind seitdem immer beste Stammtischkumpanen gewesen. Ich weiß noch, wie stolz er über seine Uniform war." James lachte leise in sich hinein „Das ist jetzt schon eine ganze Weile her. Wie schnell doch die Zeit vergeht."
„Wie im Flug", pflichtete Ace bei: „Ich war mein ganzes Leben immer auf Achse. Da macht man einen Haufen Freunde, aber keine wirklich guten. Man kennt jeden ein bisschen, aber niemanden richtig. Glauben sie mir, sie können sich glücklich schätzen."
„Ich weiß", antwortete James: „Gute Freunde sind selten. Trotzdem wollte ich mein ganzes Leben lang die Welt sehen. Irgendwie hat sich´s nie ergeben."
„Warum nicht?", fragte Ace: „Sie sind doch recht gut betucht, würde ich sagen. Da ginge sich eine kleine Weltreise doch allemal aus."
James seufzte kurz und antwortete dann: „Job, Ehe, Kinder, suchen sie sich´s aus. Ich will nicht behaupten, ich sei nicht glücklich mit meiner Familie, aber… der Geist sehnt sich wohl nach jenen Dingen, die er nicht haben kann. Verstehen sie?"
Ace nickte und für eine Weile war nichts als das Brummen des Motors und Sallys kratzender Atem zu hören. Nach und nach bogen die Streifenwagen vor ihnen in verschiedene Straßen ein und breiteten sich im gesamten Bezirk aus. Dann trat Dwights Vater schließlich auf die Bremse und sagte: „Wir sind da"
Ace sah hinüber zum Haus der Fairfields, als er aus dem Wagen ausstieg. Im Wohnzimmer brannte immer noch Licht und er konnte Claudettes Hinterkopf durch die Scheibe erkennen. Offenbar hatte sie sich noch nicht schlafengelegt.
Schwungvoll ließ Ace die Wagentür wieder zufallen. Sally hingegen hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, den Sitz vor der Rückbank nach vorne zu klappen und auf konventionelle Art und Weiße das Auto zu verlassen. Mit einem Windstoß tauchte sie neben Ace auf, der ein Zusammenzucken nicht unterdrücken konnte. Zu häufig war der Biss einer Knochensäge auf dieses Geräusch gefolgt. Dwight Vater schloss seinen Wagen per Fernbedienung ab und marschierte bereits auf die Haustür zu, ununterbrochen die Straße auf und ab spähend. Wenig später betraten die drei das Haus und die beiden Männer hängten ihre Jacken an die dafür vorgesehen Haken. James kündigte rufend ihre Ankunft an. Sofort tauchte Elizabeth in der Tür auf und an ihrem Gesichtsausdruck konnte man gleich erkennen, dass etwas nicht stimmte.
„Ist alles in Ordnung?", wollte James wissen, doch seine Gattin winkte ab: „Ja, uns geht's allen gut, aber… wir haben Besuch bekommen."
„Besuch? Von wem denn?"
„Anna, warum bist du nicht… Ist das Lisa", rief Sally, die bereits ins Wohnzimmer geschwebt war. Eilig bewegte sie sich an den Tisch und beugte sich über den Körper der Hexe. Kurz fühlte sie den Puls der Verletzten und stellt erleichtert fest, dass sie noch lebte. Dann besah sie sich den Verband um ihren Bauch, der professionell ausgeführt worden war.
„Anna ist vor einer halben Stunde hier aufgetaucht", erklärte Nea auf den fragenden Blick der Krankenschwester hin: „Sie hat Lisa im Wald gefunden und hierhergebracht. Eigentlich war sie auf der Suche nach dir, gefunden hat sie aber uns." Sally schaute zuerst zu Anna, die bei ihrem Erscheinen aufgestanden war und dann wieder zu Nea. Anschließend wanderte ihr Blick über Claudette zu Meg. „Ich kann euch gar nicht sagen wie sehr...", setzte Sally an: „Ihr musstet das nicht tun und trotzdem… Ich meine, ihr hättet allen Grund um…" Sie suchte kurz nach den richtigen Worten und sagte dann: „Wir stehen nur noch tiefer in eurer Schuld. Ich wünschte, ich könnte all das irgendwie wieder gut machen."
„Wir sollten dem Sheriff melden, dass die Jägerin nicht mehr im Wald ist", sagte Ace, der gerade eben ins Wohnzimmer getreten war. Er warf einen Blick auf Anna, die über ihm aufragte und wandte sich dann wieder an die Überlebenden: „Ich will ja niemandem etwas vorschreiben, aber ich glaube, etwas Schlaf würde uns allen guttun."
Die Sonnenstrahlen fielen Jade geradewegs in die Augen, als sie sich am frühen Morgen auf den Weg in die Stadt machte. Sie blinzelte. Mit einem Rucksack auf dem Rücken ging sie gähnend hinaus auf den Gehsteig. Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan, der gestrige Tag war einfach zu aufregend gewesen. Zuerst hatte ihr Freund mit ihr Schlussgemacht, dann war bei ihnen eingebrochen worden und sie war das Gefühl immer noch nicht losgeworden, das Gesicht des Einbrechers schon mal gesehen zu haben. Jade hatte sogar eine leise Ahnung, doch das war unmöglich.
Sie bog in eine Seitenstraße ein und sah einen Streifenwagen an der nur wenige Meter entfernen Kreuzung stehen. Die Beamten standen neben ihrem Fahrzeug und spähten beständig die Straße auf und ab, fast so, als würden sie nach jemandem suchen. Sie hielten Schrotflinten in ihren Händen und als sie Jade entdeckten, kam einer der beiden auf sie zu. Jade verlangsamte ihren Schritt und war sich nicht sicher, ob sie etwas falsch gemacht hatte. Einen Augenblick später hatte der Polizist sie bereits erreicht und sagte: „Entschuldigen sie, Ms., aber sie sollten wirklich nicht allein unterwegs sein."
„Was? Warum?"
„Haben sie nicht die Warnungen gehört? Alle Bewohner des Stadtteils sind dazu aufgerufen worden, ihre Häuser nur in Gruppen zu verlassen. Haben sei vielleicht Freunde in der Nähe, die sie begleiten könnten."
„Ähm, ja, aber… Was ist denn passiert?"
„Wir haben Hinweise darauf bekommen, dass sich mehrere hochgefährliche Mörder in den Wäldern versteckt halten. Wir wissen nicht wie viele und wozu sie in der Lage sind. Jedenfalls ist höchste Vorsicht geboten, bis wir die Kerle dingfest gemacht haben."
„Ach so… Also ich wollte eigentlich nur zur nächsten Haltestelle gehen und von da aus den Bus nehmen." Jade überlegte kurz, ob sie zurückgehen oder nach Begleitschutz fragen sollte. Letztendlich entschied sie sich jedoch anders. „Ich pass schon auf mich auf."
„Wie sie wünschen, ich kann sie zu nichts zwingen", sagte der Polizist: „Seien sie bitte vorsichtig. Guten Tag"
Jade nickte und der Beamte ging zurück zu seinem Partner. Sie wusste nicht, wie ernst die Lage war, doch sie glaubte kaum, dass sie in von bewaffneter Polizei bewachten Straßen Gefahr lief, von Mördern überfallen zu werden. Allerdings hatte sie gestern auch noch geglaubt, in ihren eigenen vier Wänden sicher zu sein. Jade beschleunigte ihr Schritte und sah über die Schulter. Es war ihr doch gerade so vorgekommen, als ob sie jemanden gehört hätte. Doch die Polizisten standen nach wie vor neben ihrem Wagen. Verwirrt schaute Jade wieder nach vorne. Sollte sie vielleicht doch zurückgehen? Nein, sie hatte sich mit Sarah in der Stadt verabredet. Es würde ihr schon nichts passieren.
Einige hundert Meter von der Kreuzung entfernt entdeckte Jade die Bushaltestelle. Es handelte sich um eine Kombination aus einem verrostetem Schild und einer verwitterten Holzbank. Auf einer Tafel waren die Abfahrtszeiten aufgelistet, doch Jade kannte den Fahrplan bereits auswendig. Sie würde keine Minute warten müssen, sofern sich der Bus nicht verspätete. Und das tat er in diesen frühen Morgenstunden für gewöhnlich nie.
Gedankenversunken ließ sie sich auf die Holzbank fallen und schaute in die Luft. Keine einzige Wolke zeigt sich am strahlend blauen Himmel. Ein schöner Tag kündigte sich an. Der leichte Wind ließ die Pflanzen in den umliegenden Gärten leise mit den Blättern rascheln und traf Jade kühl im Nacken. Fröstelnd zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke nach oben, während sie mit verschränkten Armen auf den Bus wartete.
Im Grundstück hinter ihr begann ein Hund zu bellen und wild am Zaun hochzuspringen. Jade drehte sich um. Es war ein relativ kleines Tier mit entsprechend hohem und nervigem Kläffen. Jade war es ein Rätsel, warum der Hund sie mit auf einmal anbellte. Sie kam doch jeden Morgen an dieser Haltestelle vorbei. Verblüfft drehte sie sich wieder nach vorne und schaute die Straße auf und ab. Es war niemand zu sehen, das Bellen musste also ihr gelten. Glücklicherweise erschien im selben Moment der Bus an einer Ecke und kam wenig später mit quietschenden Bremsen vor Jade zum Stehen.
„Guten Morgen, Jade", grüßte der Fahrer, als er die Tür öffnete. „Hi, Sam", erwiderte Jade und kletterte an ihm vorbei ihn einen der Sitze. Sie wusste nicht wie lange Samuel schon auf dieser Linie fuhr, doch sie war sich sicher, dass er es bereits vor ihrer Geburt getan hatte. Der Bus war bis auf einen alten Mann und ein dunkelhäutiges Paar leer.
„Warum klemmt denn diese verdammte Tür schon wieder?", fluchte Sam und stand vom Fahrersitz auf, um der Tür einen Stoß zu versetzen. „Ah, geht doch." Mit einem Tritt aufs Gaspedal erweckte Sam den Motor des Gefährts zu brummendem Leben und führte es anschließend wie gewohnt die Straße hinab. Bei einigen Haltestellen blieb er stehen um Leute ein- und aussteigen zu lassen. Bei anderen fuhr er einfach vorbei, da niemand auf ihn wartete. Schlussendlich ließ er die gemütliche Umgebung der Außenbezirke hinter sich und gelangte zwischen die hochaufragenden Gebäude der Innenstadt. Jade drückte auf den roten STOP Knopf und stand von ihrem Sitz auf. Zischend öffneten sich die Türen des Busses.
„Wiedersehen", murmelte sie Samuel im Vorbeigehen zu, bevor sie auf den Gehsteig hinaustrat. Mittlerweile hätte wohl die Rushhour begonnen, doch es war Sonntag und nur wenige mussten heute zur Arbeit. Trotzdem schossen einige Autos die Straße entlang und Samuel brauchte einen Moment, bevor er sich wieder in den Verkehr einreihen konnte. Jade sah dem Bus kurz nach, dann drehte sie sich um und ging durch eine schmale Gasse. Sie hatte sich nur wenige Meter von hier mit Sarah verabredet. In einem kleinen, gemütlichen Café wollten sie sich treffen. Das Lokal war ein Geheimtipp und relativ gut versteckt. Jade fragte sich manchmal, wie die Besitzerin den Bankrott vermied, war es doch selten auch nur halb voll. Doch irgendwie schien es zu funktionieren.
Nach einer kurzen Weile erreichte Jade das Café und öffnete die Tür. Eine Klingel kündigte ihre Ankunft an, doch niemand schenkte ihr Aufmerksamkeit. Die Besitzerin war gerade mit anderen Kunden beschäftigt und Jade ließ den Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach Sarah. Sie entdeckte das rothaarige Mädchen auf einer der grün bezogenen Bänke in einer Ecke des Raumes hinter einem runden Tisch. Eine Tasse Kaffee stand bereits vor ihr und Sarah schenkte Jade ein von Sommersprossen umrahmtes Grinsen, als sie ihre Freundin erblickte.
„Hi, Jade", rief Sarah und rückte ein Stück nach links, um ihr Platz zu machen. „Hey Sarah", antwortete Jade und ließ sich auf die Bank fallen. „Ich war schon etwas früher hier", sagte der Rotschopf: „Ich habe mir bereits einen Kaffee bestellt. Hoffentlich macht es dir nichts aus." Jade schüttelte den Kopf: „Nein, nein. Ganz und gar nicht."
„Wie geht es dir?", wollte Sarah wissen. Jade überlegte kurz und sagte dann wahrheitsgetreu: „Ich weiß nicht. Der letzte Tag war ein bisschen viel auf einmal und irgendwie ist mein Verstand noch nicht ganz damit fertiggeworden."
„Ich weiß, das tut weh", nickte Sarah und fasste nach Jades Hand: „Aber glaub mir, das wird schon wieder. Christian hat dich nicht verdient. Ich dachte schon ihr beide würdet ein richtiges Pärchen werden und dann hat er nicht einmal den Anstand persönlich mit dir Schluss zu machen. So einen Kerl willst du nicht, also lieber jetzt als später."
„Hm, kann wohl sein", antwortete Jade und hörte Sarah, die sich in der Folge über ihren Ex ausließ, nur mit halbem Ohr zu. Die plötzliche Trennung via Textmessage war ein kleiner Schock gewesen, das war wohl wahr. Doch die weiteren Ereignisse später in der Nacht hatten die Gedanken an Christian beiseite gewischt. Der unerwartete Besucher hatte einen Großteil ihrer Gedankenwelt in Besitz genommen und Jade fand irgendwie nicht die Ruhe, sich mit der gescheiterten Beziehung zu beschäftigen. Wie in Trance starrte sie aus einem Fenster.
„Jade? Jade, hörst du mir zu?", fragte Sarah und fasste nach ihrer Hand. „Was? Ja, ja, ich höre zu" murmelte Jade und blickte zurück zu ihrer Freundin. „Über Christian scheinst du ja relativ schnell hinweggekommen zu sein", bemerkte Sarah: „Jade, ist wirklich alles in Ordnung?"
„Ja, es geht mir gut", antwortete Jade und suchte nach den richtigen Worten: „Es ist nur so, dass… Bei uns ist gestern Nacht eingebrochen worden und ich glaube, ich habe Christian darüber ganz vergessen."
„Ist nicht wahr!", rief Sarah: „Eingebrochen? Also richtig mir eingeschlagener Scheibe und so?"
„Ja, das heißt, nein", antwortete Jade: „Es war jemand im Haus, aber er hat nichts beschädigt, keine Spuren hinterlassen und auch nichts mitgenommen."
Sarah lehnte sich argwöhnisch zurück und zog eine Augenbraue nach oben. „Woher wisst ihr dann, dass er da war?"
„Wir haben ihn gesehen", antwortete Jade und Sarah legte erstaunt eine Hand über den Mund: „Wir sind ihm förmlich über den Weg gelaufen."
„Ein Einbrecher!", rief Sarah: „Bei euch. Kaum zu glauben. Ich dachte in den Vorstädten passiert so was gar nicht. Komm erzähl. Wie hat er ausgesehen?"
Jade antwortete nicht sofort und warf stattdessen wieder einen Blick aus dem Fenster. Vor ihrem inneren Auge erschien das seltsam vertraute Gesicht der Kreatur.
„Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen", reif Sarah neugierig: „Hat er euch attackiert?"
„Nein, zum Glück nicht. Er… Er ist einfach verschwunden, als wir ihn entdeckt haben." Jade wandte sich wieder ihrer Freundin zu, die eine ungläubige Miene machte. „Verschwunden? Du meinst geflüchtet."
„Nein, ich meine verschwunden", beharrte Jade: „Um das Zimmer zu verlassen, musst er an uns vorbei und das ist er nicht. Ich habe keine Ahnung wie er es gemacht hat, aber von einem Moment auf den anderen war er weg. Wie ein Geist."
„Jade, was redest du denn da?", wollte Sarah wissen und griff wieder nach ihrer Hand: „Menschen lösen sich doch nicht einfach in Luft auf."
„Er hat auch nicht wie ein Mensch ausgesehen", murmelte Jade und erinnerte sich schaudernd an letzte Nacht. Sarah zog wieder ihre Augenbrauen nach oben. „Nicht wie ein Mensch?", fragte sie: „Also hatte er eine Maske auf?"
„Ich glaube schon" Jade versuchte sich zu erinnern, doch es war alles so schnell gegangen. „Wahrscheinlich. Aber es hat irgendwie nicht wie eine Maske ausgesehen. Sein Gesicht war genau wie sein Körper von dunkler, verkrusteter Haut überzogen. Und er hatte leuchtende Augen."
„Du könntest Horrorromane schreiben, weiß du das?", bemerkte Sarah. Sie nippte an ihrem Kaffee „Es war auch verdammt gruselig", entgegnete Jade: „Ich kann dir sagen, nichts hat mir jemals einen solchen Schrecken eingejagt wie diese Kreatur."
„Dieser Kerl, meinst du", sagte Sarah: „Es kann kein Geist gewesen sein, weil… nun ja… die gibt es ja nicht."
„Nein", stimmte Jade zu und schüttelte den Kopf: „Die gibt es nicht" Wieder sah sie aus dem Fenster. Schon die ganze Zeit über hatte sie das Gefühl von dort beobachtet zu werden.
„Wisst ihr eigentlich, was er von euch wollte?", fragte Sarah und Jade richtete ihren Blick wieder auf ihre Freundin. „Nein. Er hat nichts mitgenommen. So viel gibt es bei uns ja ohnehin nicht zu holen. Wir vermuten aber, dass er Rachel entführen wollte."
„Deine Schwester?", rief Sarah entgeistert: „Jade, das ist ja furchtbar."
Jade nickte: „Ich wüsste nicht, was wir getan hätte, hätte er sie mitgenommen. Zum Glück sind wir ihm rechtzeitig in die Quere gekommen." „Rechtzeitig?", fragte Sarah: „Das heißt, er hätte sie fast gekriegt?"
„Er war in ihrem Kinderzimmer", antwortete Jade: „Mom hatte Rachel bereits schlafen gelegt und sie war in ihrem Bettchen. Ich wollte noch etwas aus ihrem Zimmer holen und habe die Tür aufgemacht. Er stand direkt über ihr, nach unten gebeugt als wolle er mit ihr spielen." Sarah schlug wieder eine Hand vor den Mund, während Jade erzählte. „Kurz war ich vor Schreck wie versteinert. Dann sind wir auf ihn losgestürmt, aber da war er bereits verschwunden. Wir haben natürlich sofort die Polizei gerufen, aber die konnten auch keine Spuren finden. Ich würde fast sagen, dass sie uns nicht geglaubt haben."
„Kann ich irgendwie verstehen", bemerkte Sarah und Jade nickte. Natürlich hatte sich die ganze Geschichte etwas seltsam angehört. Keine Spuren, keine eingeschlagenen Scheiben und nichts geklaut. „Die Story ist aber noch nicht vorbei", sagte sie und schaute lehnte sich näher an Sarah heran: „Heute Morgen bin ich auf dem Weg zum Bus zwei schwer bewaffneten Beamten über den Weg gelaufen. Sie hatten sich an einer Kreuzung postiert und haben mich aufgehalten, mich dazu angehalten nur in Begleitung aus dem Haus zu gehen. Offenbar hält sich eine Gruppe gefährlicher Verbrecher in den westlichen Wäldern versteckt."
„Jade, aber du glaubst doch nicht etwa…"
„Wäre gut möglich", antwortete Jade und sah wieder zum Fenster: „Aber dann hätte er uns wohl angegriffen, glaubst du nicht? Wenn es wirklich einer von denen war und die Polizei mit Schrotflinten die Straßen überwacht, dann hätte er sich wohl nicht von zwei Frauen aufhalten lassen."
„Ich glaube du hast gestern ein Mordsglück gehabt", sagte Sarah. Die beiden fuhren fort über das Verbrechen zu spekulieren, bevor sich das Gespräch anderen Dingen zuwandte. Jade genoss es, von Sarah auf andere Gedanken gebracht zu werden. Eine angenehme Entspannung erfüllt ihren Körper und es tat gut, sich über belangloserer Themen zu unterhalten. Schließlich näherte sich die Sonne ihrem Zenit und Jade sagte mit einem Blick auf die Uhr: „Ich sollte los. Habe versprochen zum Mittagessen zuhause zu sein. Mom will mich wahrscheinlich in ihrer Nähe haben."
„Kannst du´s ihr verübeln?", bemerkte Sarah und die beiden Mädchen standen auf. Gemeinsam verließen sie die Bar und Sarah begleitete Jade zurück zur Bushaltestelle. Bevor sie sich voneinander verabschiedeten erinnerte sie ihre Freundin: „Jade, denk daran. Wenn du jemanden zum Reden brauchst, zögere nicht mich anzurufen. Ich bin für dich da, das weiß du?"
„Ich weiß", antwortete Jade: „Du bist wirklich die beste Freundin der Welt."
„Hey, du bist auch für mich dagewesen", entgegnete Sarah, bevor sich die Türen des Busses schlossen. Dann winkte sie Jade auf Wiedersehen und machte sich anschließend selbst auf den Heimweg. Samuel hatte seine Schicht mittlerweile beendet, stellte Jade fest, als sie den Fahrer nicht erkannte. Schweigend setzte sich auf einen freien Platz und starrte aus dem Fenster. Die Häuser zogen vorbei und nach kurzer Zeit war sie wieder in der Vorstadt. Es war bereits nach zwölf Uhr, was am Sonntag bedeutete, dass der Bus seine Strecke abkürzte. Jade würde eine kleinerer Strecke zu Fuß zurücklegen müssen.
Neben einem Kinderspielpatz stieg sie aus und machte sich zügigen Schrittes auf den Heimweg. Die Anlage war vollkommen verlassen und die Straßen schienen wie leergefegt. Die Nachricht über die gesuchten Verbrecher hatte offenbar die Runde gemacht und die Anwohner blieben wohl lieber in der Sicherheit ihrer Häuser. Jade schaute sich um. Nicht einmal ein Streifenwagen war zu sehen und auch keine Polizisten. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrem Magen breit. Sie warf einen Blick über die Schulter, als sie Schritte vernahm. Doch da war niemand. Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun und erhöhte ihr Tempo.
Irgendjemand beobachtete sie, verfolgte sie. Jade konnte es fühlen. Ihr Blick flog umher und suchte nach einem Gesicht in einem der Fenster, doch da war keins. Wieder schaute sie über die Schulter. Es war niemand zu sehen. Wo ist die verdammte Polizei, wenn man sie braucht, schoss es ihr durch den Kopf.
Plötzlich raschelte es im Gebüsch zu ihrer Linken und Jade stieß einen spitzen Schrei aus. Erschrocken zuckte sie zurück, doch bereits im nächsten Moment kam eine kleine Katze zum Vorschein. Flink wie der Wind flüchtete sie, als sie Jade sah und sprang über den nächsten Zaun. Wahrscheinlich wohnten dort ihre Besitzer.
Jade war stehen geblieben. Sie versuchte ihren Atem zu beruhigen und schnappte nach Luft. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Nur eine Katze, redete sie sich ein, nur eine Katze. Sonst war da niemand. Sie sollte sich zusammenreisen. Nervös setzte sie ihren Weg fort und schaute immer wieder über die Schulter. Normalerweise würde sie nun die Abkürzung durch den Park zu ihrer Rechten nehmen, doch heute schlug sie liebend gern den längeren Weg ein. Sie war eigentlich nicht schreckhaft, doch seit gestern hatte sie so ein Gefühl, als solle sie ihr Schicksal nicht auf die Probe stellen. Der Park war dich mit Bäumen bewachsen. Hecken und Sträucher blockierten jegliche Sichtlinie ins Innere. Es wäre der ideale Ort für einen Hinterhalt, dachte Jade. Sie ging die Straße entlang und ließ den Pfad in den Park hinter sich. Dann blieb sie stehen.
Eine Idee war ihr durch den Kopf gegangen. Wieder schaute sie über die Schulter auf die leere Straße. Dann drehte sie sich um und bog in den Pfad ein. Schleunig ging sie den Weg entlang, der sich zwischen Büschen hindurch auf eine von Bäumen umrandete Wiese schlängelte. Ein kleiner Brunnen zierte die Mitte der Anlage und verlieh dem Ort ein idyllisches Aussehen. Doch Jade ging nicht auf den Brunnen zu. Stattdessen nahm sie einen Weg, der sie nah an Büschen und Bäumen vorbeiführte. Mit der Hand schob sie einige Äste zur Seite, während sie angespannt lauschte. Sie hörte Vögel zwitschern, das Wasser des Brunnens plätschern und…
Jade blieb mit einem Mal stehen und fuhr herum. Sie wusste genau was sie gehört hatte und war sich sicher, dass sie nicht allein im Wald war. Zitternd schlang sie die Arme um ihren Oberkörper und spähte ins Dickicht. Da war niemand. Doch Jade war sich sicher.
„Ich habe dich gehört", rief sie und drehte ihren Kopf hin und her: „Es hat keinen Sinn sich zu verstecken. Zeig dich." Nervös spähte sie zwischen die Blätter und suchte nach ihrem Verfolger. Der Wind fuhr in die Baumkronen und ließ sie gemütlich hin und her schwanken. Irgendwo brach ein Vogel durchs Geäst und in der Ferne hörte Jade eine Autohupe. Ein Rascheln zu ihrer Linken entlockte ihr erneut einen Schrei, bevor sie ihn unterdrücken konnte. Eilig fing sie sich wieder und rief in die Richtung des Geräusches: „Was willst du von mir? Komm raus oder lass mich in Ruhe. Ich… Ich habe keine Angst vor dir."
Jade verstummte und lauschte auf eine Antwort. Wie der Hauch eines Atems strich ihr der Wind über den Nacken und ließ sie frösteln. Langsam drehte sie sich im Kreis und spähte in alle Richtungen. Jade war sich absolut sicher, dass ihr Verfolger in der Nähe war und dass er sie hören konnte. „Komm raus!", rief sie erneut. Nach einem Augenblick stieß zum dritten Mal einen spitzen Schrei aus, als die Antwort direkt hinter ihrem Rücken gegeben wurde: „Dann wirst du nur noch mehr Angst vor mir haben, Jade."
Sie fuhr blitzschnell herum und wich mehrere Schritte zurück. Fast wäre sie gestolpert, doch eine unsichtbare Hand hielt sie an ihrer Schulter fest. Kaum hatte sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden, verschwand der Griff auch schon wieder. Mit geweiteten Augen schaute Jade sich um. Es war niemand zu sehen. Nur Bäume und Büsche.
„Woher kennst du meinen Namen?", wollte sie mit zitternder Stimme wissen: „Was willst du von mir?" Ihr Blick ging wieder in alle Richtung und einen Augenblick später antwortete die körperlose Stimme. Dieses Mal zu ihrer Linken. „Ich will dir nichts Böses."
Jade atmete erleichtert auf und versuchte sich zu beruhigen. Wer auch immer mit ihr sprach, er schien sie nicht verletzen zu wollen. Adrenalin war durch Jades Körper geflutet und sie konnte ihre Gliedmaßen kaum ruhig halten. Auf wackligen Beinen drehte sie sich in die Richtung, aus der die Antwort gekommen war, ohne einen Schritt zurückzuweichen.
„Ich will dir auch nichts Böses", sagte sie: „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben." Es dauerte einen Augenblick, in dem Jade einen schnellen Blick über die Schulter warf. Dann kam die Antwort aus dem Nichts: „Ich habe keine Angst vor dir."
„Warum zeigst du dich dann nicht?", fragte Jade herausfordern. Sie hatte immer noch Angst, doch sie versuchte es sich nicht anmerken zu lassen.
„Manche Dinge sollten besser verborgen bleiben."
„Ich würde aber gerne mit dir sprechen."
„Wir sprechen doch schon."
„Von Angesicht zu Angesicht."
Jade verschränkte trotzig die Arme und wartete auf eine Antwort. Sie hatte es inzwischen aufgegeben nach dem Körper der Kreatur zu suchen. Sie war ganz offensichtlich zu gut getarnt. Es dauerte einen Moment und Jade hatte schon beinahe gedacht, ihr Gesprächspartner sei verschwunden, doch dann erklang ein heller Glockenton. Eine Hand erschien, die das gehörte Instrument in den Fingern hielt. Dann ein Brustkorb, schließlich Beine, Arme und ein Kopf.
Das Wesen überragte Jade bei weitem und sie sich instinktiv zwei Schritte zurück. Sie bekam eine Gänsehaut als die leuchtenden Augen der Kreatur ihren Blick kreuzten. Dunkle Haut zog sich wie Baumrinde über eine lange, von einem zerrissenen Mantel bedeckte Gestalt und die dürren Gliedmaßen erinnerten an verrottete Äste. In der rechten Hand hielt das Monster eine seltsam geschwungene Waffe und Jade erkannte nach näherem Hinsehen einen Totenschädel. Mit schiefgelegtem Kopf blickte die Kreatur auf das Mädchen hinunter und Jade wich einen weiteren Schritt zurück.
„Was bist du?", fragte sie und machte sich bereit, davonzulaufen. „Manche nennen mich einen Geist.", antwortete die Kreatur: „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, Jade."
„Woher kennst du meinen Namen?", wollte sie wissen: „Warum bist du gestern überhaupt bei uns eingebrochen?"
„Ich wollte euch sehen", sagte der Geist und Jade machte eine verblüffte Miene. „Wie lange folgst du mir schon?"
„Erst seit gestern Nacht." Die Kreatur starrte sie weiterhin an, doch der Blick hatte etwas Vertrautes. Eine Erinnerung blitze durch Jades Gedanken „Wer bist du?", fragte das Mädchen und ging nun einen zögerlichen Schritt auf das Wesen zu. Der Geist antwortete nicht. „Du… Du siehst aus wie jemand, den… den ich mal kannte. Aber… das kann nicht sein."
Das Wesen schwieg für einen Moment, doch schließlich antwortete die tiefe Stimme: „Du meinst Philip Ojomo."
Jade sagte nichts mehr. Je länger sie ins Gesicht der Kreatur starrte, umso mehr Ähnlichkeiten erkannte sie. Auch die Art, wie sie dastand, wie sie sich bewegte und mit ihr sprach. Es kam ihr alles so bekannt vor. Bilder aus ihrer Kindheit verfestigten sich vor Jades geistigem Auge. Sie hatte bereits in der Nacht des Einbruchs einen Verdacht gehegt, doch jetzt war sie sich sicher.
„Was… Was ist passiert?" Sie ging langsam auf das Wesen zu und Philip ging in die Hocke, sodass sie sich auf gleicher Augenhöhe befanden. Langsam streckte er ihr eine Hand entgegen. „Du bist verschwunden.", sagte Jade mit zitternder Stimme: „Es gab Zeitungsberichte… Von einem Massengrab…" Zögernd setzte sie einen Fuß vor den anderen. „Ich dachte du wärst…" Jade streckte nun selbst die Hand aus und berührte Philips Zeigefinger. Er war doppelt so groß wie ihr eigener und die Haut fühlte sich rau und hart. Sie sah ihm direkt in die Augen. Eine Träne kullerte von ihrer Wange: „Was haben sie mit dir gemacht?"
„Viele Dinge", antwortete Philip und im nächsten Moment hatte Jade ihn in eine Umarmung geschlossen. „Ich dachte du hättest uns verlassen. Ich dachte du wärst tot", weinte sie an seiner Schulter.
„Ich wäre lieber gestorben als euch zu verlassen, Jade", sagte Philip und legte behutsam seine langen Arme um das Mädchen. „Aber ich bin nicht aus eigenem Willen gegangen. Ich wurde gezwungen. Entführt. In eine Welt, die du dir nicht vorstellen kannst."
„Aber jetzt bist du wieder da."
„Jetzt bin ich wieder da."
Für einen Moment verharrten die Beiden. „Warum hast du dich bei uns eingeschlichen?", wollte Jade schließlich wissen und löste sich aus der Umarmung: „Warum hast du dich nicht zu erkennen gegeben, als wir dir in Rachels Zimmer begegnet sind?"
„Schau mich an", antwortete Philip und erhob sich zu voller Größe. Jade machte einen Schritt nach hinten, allerdings nicht aus Angst, sondern um Philip besser sehen zu können. „Ich bin ein Monster", sagte er: „Ich habe keinen Platz in eurem Leben."
„Du wirst immer ein Teil meines Lebens sein", entgegnete Jade: „Du hast mich großgezogen. Du warst für mich wie ein Vater, warst immer für mich da. Ich habe sogar noch die Violine von damals. Glaubst du wirklich, ich würde dich jetzt abweisen?"
„Jade, ich habe Dinge getan", antwortete Philip: „Schlimme Dinge. Die Polizei… Sie kann nur wegen mir hier sein."
„Du bist ein guter Mensch", sagte Jade: „Das bist du doch?"
„Ich habe immer versucht, einer zu sein", antwortete Philip nach einer kurzen Pause: „Aber ich glaube, das spielt jetzt keine Rolle mehr."
„Nein, das spielt jetzt wirklich keine Rolle mehr", stellte Jade entschlossen fest: „Ich will dich wieder zurückhaben. Du bist lange genug fortgewesen."
„Jade…"
„Nix Jade", rief das Mädchen und sah zu dem Geist auf: „Du kommst jetzt mit mir mit. Wir gehen nach Hause zu deiner Schwester. Hier entlang." Gebieterisch wies sie Philip den Weg und ging schnellen Schrittes voran. Der Geist zögerte kurz, doch dann folgte er ihr. Kurz bevor sie den Park verließen, drehte Jade sich noch mal zu ihm um. „Könntest du vielleicht… deine Tarnung… Du weißt schon."
Philip antwortete nichts. Stattdessen hob er die Glocke auf Brusthöhe und schlug drei Mal mit seiner Axt dagegen. Ein heller Klang schnitt durch die Luft und mit jedem Ton verschwand ein Teil von Philips Körper. Am Ende hatte er sich scheinbar vollständig in Luft aufgelöst.
„Bist du noch da?"
„Ja"
„Abgefahren! Gehen wir."
