Der Spezialist

Lisa öffnete die Augen und mit dem Licht kam der Schmerz. Ihre Sicht wurde durch die hereinfallenden Sonnenstrahlen geblendet und ein brennendes Stechen malträtierte ihre Magengegen. Gequält stöhnend versuchte die Hexe unbeholfen sich aufzubäumen. Eine Gestalt erschien am Rande ihres Blickfeldes und drückte sie sanft zurück in eine liegende Position. „Ruh dich aus", mahnte eine vertraute Stimme: „Du bist in Sicherheit."
„Sally?"
Eine weitere Gestalt erschien und warf einen Schatten auf ihr Gesicht. Hasenohren ragten über sie auf und eine weitere Stimme sagte laut: „Lisa"
„Wenn das nicht meine liebe Anna ist", antwortete die Hexe und bereute es sofort, als sie von einem überwältigenden Hustenanfall geschüttelt wurde. Sie schmeckte Blut in ihrem Mund und spürte eine Flüssigkeit ihre Wange nach unten rinnen. Gleich darauf fühlte sie ein Tuch und die Flüssigkeit verschwand. Unter Schmerzen schloss sie die Augen wieder.
„Ich glaube, sie hats überstanden", sagte Sally und drehte sich zu Claudette um: „Aber wir sollten den Verband bald wechseln." Die Kanadierin nickte: „Ich kann das übernehmen." Es war früh am Morgen und Claudette war bereits auf. Sie hatte auffallend gut geschlafen, was ihr angesichts der Umstände seltsam vorkam, doch sie wollte sich nicht beklagen. Die Fairfields hatten einen Haufen Schlafsäcke aus dem Keller geholt und die Überlebenden auf verschiedene Räume aufgeteilt. Die Karlssons waren im Gästezimmer untergekommen. Claudette, Feng und Meg hatten sich mit Dwight in seinem Zimmer einquartiert. Ace war mit den Killern im Wohnzimmer geblieben und hatte die Couch belegt. Die Killer selbst hingegen hatten Wache gehalten, offenbar brauchten sei weit weniger Schlaf als normale Menschen.
Bis auf Ace, Elizabeth und Claudette waren alle noch fest im Schlaf versunken. Der Argentinier war hinaus in den Garten gegangen und hatte sich eine Zigarette angesteckt, während Dwights Mutter in der Küche ein Frühstück vorbereitete. Claudette näherte sich der Hexe und bereitete einen neuen Verband vor, während Sally den Tisch umrundete und in die Küche schwebte.
„Kann ich ihnen bei etwas behilflich sein", fragte sie und jagte Elizabeth einen kleinen Schrecken ein. „Was? Oh ja, sie… ähm… Sie könnten das Brot dort in Scheiben schneiden." Sally nickte und formte die linke Hand zur Faust. Ein oranges Licht glomm zwischen ihren Finger hervor und ein Brotmesser schwebte wie von Geisterhand auf sie zu. Ganz beiläufig griff Sally es aus der Luft und begann dann das Brot in Scheiben zu zerkleinern.
„Hallo Lisa", sagte Claudette und begutachtete den Verband um den Bauch der Hexe. „Kenne ich dich?", fragte Lisa und versuchte die Kanadierin in ihr Blickfeld zu bekommen. „Ja, wir kennen uns", antwortete Claudette mit einem tonlosen Lachen. „Allerdings nicht beim Namen. Ich bin Claudette." Sie beugte sich über das Gesicht der Hexe und schaute ihr in die Augen. Lisa schien kurz nachzudenken, bevor sie Claudette erkannte. Wieder versuchte sie sich aufzurichten, doch es gelang ihr nicht.
„Du solltest auf Sally hören", tadelte Claudette und drückte Lisa zurück: „Du solltest dich ausruhen. Diese Verletzung schaut schlimm aus. Du kannst froh sein, dass du noch lebst. Eine viertel Stunde später und ich hätte wohl nichts mehr tun können."
„Du warst das?", wollte die Hexe wissen und schloss ihre Augen unter Schmerzen. Dann stöhnte sie, bevor sie sagte: „Vielen Dank, Ich… aaahhh, verdammt tut das weh." „Schon in Ordnung", murmelte Claudette: „Ich werde den Verband jetzt wechseln. Das könnte etwas unangenehm sein. Am besten hältst du so still du kannst."
„Lisa wird´s versuchen", entgegnete die Hexe leise, bevor sie sich flach zurücklegte, die Augen immer noch geschlossen. Claudette trat näher an die Hexe heran und begann vorsichtig mit den Fingern den Verband aufzuwickeln. Sie schaute kurz auf, als Meg den Raum betrat und mit vom Schlaf zerzauster Frisur gähnend zu ihr hinging.
„Gut geschlafen?", fragte Claudette und wandte sich wieder dem Verband zu. Meg stellte sich neben sie und antwortete: „Hatte schon bessere Nächte." Dann packte sie Lisa an den Schultern und hob ihren Körper leicht nach oben. Langsam und sanft um ihr möglichst wenig Schmerzen zu bereiten. Claudette zog den Verband ein paar Mal unter ihrem Rücken durch, bevor sie die Wunde kontrollierte. Die Naht war nicht gerade lehrbuchmäßig ausgeführt worden, doch sie hielt und erfüllte ihren Zweck. Entzündungen waren keine zu entdecken. Zufrieden nickte Claudette und griff nach dem neuen Verband. In Windeseile hatte sie ihn angelegt und fixiert, sodass Meg die Hexe wieder auf den Tisch zurücksinken lassen konnte.
„Wir sollten sie auf die Couch legen", sagte Claudette und schloss den Erste-Hilfe-Koffer. Klickend schnappte der Verschluss zu. „Dort ist es gemütlicher und sie wird sich schneller erholen." Meg nickte. Bevor sie jedoch ans Werk gingen, legten sie eine Decke über das Möbelstück, da sich Lisa eindeutig seit Tagen nicht mehr gewaschen hatte.
„Außerdem haben wir dann den Tisch zum Frühstück zur Verfügung", kommentierte Claudette und krempelte sich die Ärmel nach oben. „Na gut, wie nehmen wir sie am besten?", fragte die Kanadierin, doch Meg schüttelte nur den Kopf. Dann rief sie: „Sally, hilfst du uns kurz?" Sofort kam die Krankenschwester aus der Küche geschwebt und schaute Meg mit fragendem Blick an. Diese nickte zuerst auf Lisa, dann auf das Sofa.
„Oh ja, natürlich", antwortete Sally und hob ihre glühende Faust. Sie spielte mit den Fingern und das orange Licht auf ihre Handfläche pulsierte gemächlich, wurde zuerst intensiver, dann wieder schwächer. Lisa erhob sich wenige Zentimeter von der Tischplatte und schwebte quer durch den Raum, bevor sie schließlich langsam auf die Couch hinabsank. Claudette nickte. „Danke"
„Gern geschehen", antwortete Sally und schwebte wieder zurück in die Küche. Meg machte sich derweil daran, die Tischfläche zu reinigen, als es plötzlich an der Haustür klingelte. Alle hielten inne und sahen auf, eischließlich Anna, die bisher leise summend in der Ecke gesessen war. Ihr Schlaflied unterbrechend kam sie blitzschnell auf die Beine.
„Alles in Ordnung", sagte Claudette in ihre Richtung und nickte beruhigend. Natürlich sprach sie kein English, doch Anna schien zu verstehen. Schweigend setzte sie sich wieder hin, während Meg zur Tür ging und öffnete.
„Guten Morgen. Ich bin Sheriff Albert Freeman, vom Waltonfield Police Departement." Meg erblickte einen dunkelhäutigen Beamten, gefolgt von zwei weiteren Polizisten. „Dürfen wir reinkommen?"
„Ähm… Ja, bitte", sagte Meg nach kurzem Überlegen und trat zur Seite. Während die Polizisten an ihr vorbeigingen erklärte sie: „Ich würde sie bitten, die Lautstärke möglichst niedrig zu halten. Wir haben ein Verletzte im Wohnzimmer und der Rest des Hauses schläft noch."
„Sie haben eine Verletzte?", fragte der Sheriff und drehte sich zu Meg um: „Warum haben sie sie nicht ins Krankenhaus gebracht?" „Wir hielten es für eine unratsame Aktion", sagte Sally als sie in der Wohnzimmertür erschien: „Sheriff Freeman. Es freut mich sie zu sehen. Ich nehme an, sie sind hier um ihre Befragung vorzunehmen."
„Das wäre der Gedanke gewesen, ja", antwortete der Sheriff. Sally schwebte langsam rückwärts. „Bitte, kommen sie herein. Ich muss ihnen leider sagen, dass Meg recht hat. Viele der Entkommenen aus dem Nebel schlafen noch und ich würde ihnen nahelegen, niemanden aufzuwecken. Sie haben einiges hinter sich. Vielleicht können sie solange mit uns drei beginnen?"
Der Sheriff nickte und trat ins Wohnzimmer. Er sah sich kurz um und bemerkte Anna, die in der Ecke saß. Die Jägerin starrte ihn wachsam an und ließ ihn für keine Sekunde aus den Augen. Dann verlagerte sich der Blick des Polizisten auf Lisa und er nickte. „Das müssen demnach die anderen beiden sein", stellte er fest: „Lisa Sherwood und… Anna?"
„Korrekt", sagte die Krankenschwester: „Ich kann ihnen versichern, sie stellen für niemanden eine Gefahr dar. Die beiden haben ebenfalls einiges erlebt und sollte nicht fälschlicherweise wie Täter behandelt werden. Sie waren genauso Opfer des Entitus wie die Überlebenden."
„Schon gut", entgegnete der Sheriff: „Solange James damit einverstanden ist, sollen sie in seinem Haus bleiben. Ich vertraue ihm", sein Blick richtete sich nun auf Sally: „Das bedeutet, ich vertraue auch ihnen Mrs. Smithson." Sally nickte. „Ich weiß ihr Vertrauen zu schätzen."
„Gut", sagte der Sheriff in einem formalen Ton: „Und setzte sich auf den von Claudette angebotenen Stuhl: „Dann fangen wir Mal mit ihnen drei an." Claudette und Meg nahmen nun ebenfalls Platz, während Sally mit verschränkten Armen in der Schwebe blieb und alle drei dem Polizisten aufmerksam zuhörten.
„Bevor wir ihre Aussagen aufnehmen, lassen sie mich zuerst die Lage erklären. Der… Entitus, wie sie ihn nennen, ist eine massive Gefahr. Nicht nur für die Stadt, wahrscheinlich sogar für das ganze Land. Ich habe daher Verstärkung angefordert und das Problem scheint nicht so unbekannt, wie wir zuerst dachten. Washington hat Spezialisten für paranormale Phänomene auf den Weg geschickt, die innerhalb der nächsten Tage hier eintreffen sollen. Ich weiß nicht genau wer oder welche Abteilung, aber sie werden mit diesen Spezialisten zusammenarbeiten und ihnen, wenn möglich, dabei helfen, den Entitus zu bekämpfen und zu vernichten."
„Eine Spezialeinheit aus Washington?", fragte Claudette: „Leute, die sich mit dem Entitus auskennen? Ich dachte immer, niemand wüsste davon."
„So wie´s aussieht, wissen sogar eine ganze Menge Leute davon."
„Sheriff, sie wissen, dass ich auf eine humane Behandlung alle Beteiligten bestehe", warf Sally ein: „Ich hoffe, diese neue Spezialeinheit weiß uns zu respektieren. Wir, Anna, Lisa und ich, sind keine Mörder, auch wenn es so aussehen mag, und wir wollen niemandem ein Leid zufügen. Sollten wir uns jedoch zur Verteidigung gedrungen sehen, werden wir – und das heißt mich eingeschlossen – zu den nötigen Mitteln greifen, um uns zu verteidigen."
„Ich verstehe sie", sagte der Sheriff: „Aber leider liegt die ganze Sache nicht mehr in meiner Hand. Sie wissen ja, wie das mit der nationalen Sicherheit läuft."
„Ich weiß auch, dass ich keine Gefahr für diese Sicherheit bin.", entgegnete Sally: „Ich arbeite liebend gern mit Ihnen oder anderen Polizeikräften zusammen, aber nur unter der Bedingung einer angemessenen Behandlung. Sagen sie das dieser Spezialeinheit."
„Ich werde alles in meiner Macht stehende für sie tun", versprach der Beamte und die Krankenschwester antwortete: „Sie haben mich mit ihrem Vertrauen geehrt, Sheriff. In dieser Sache vertraue ich nun ihnen."
Der Polizist nickte und sagte dann: „Solange wir auf die Spezialisten warten, müssen wir selbst mit dem Entitus fertig werden. Der Job des PD, also mein Job, ist es die Gegend zu sichern und den Wald zu durchsuchen. Etwaige Entflohene müssen gefunden und gesichert werden. Notfalls mit Gewalt."
Sally nickte.
„Dabei zähle ich auf die Hilfe, die sie mir zugesichert haben", sprach der Sheriff weiter und die Krankenschwester antwortete: „Ich bin eine Frau, die zu ihrem Wort steht. Also wenn sie ein Anliegen haben…"
„Wir haben eins", erklärte der Polizist und legte ein Dokument auf den Tisch: „Das hier ist ein Einsatzbericht von gestern Abend. Ich habe ihn gerade eben bekommen. Vielleicht haben sie es mitbekommen, in der Nachbarschaft wurde gestern Nacht eingebrochen. In einem Familienhaus ein paar Straßen weiter."
„Haben wir", sagte Claudette: „Wir haben die Sirenen gehört. Geht es der Familie gut?"
„Sie sind mit einem Schreck davongekommen", antwortete der Sheriff: „Natürlich haben die Beamten vor Ort gleich eine Aussage aufgenommen. Wirres Zeug, möchte man meinen, wahrscheinlich standen sie noch unter Schock. Allerdings hat sich gestern Nacht ja einiges getan." Er schlug die Akte auf und flog schnell über die Zeilen. „Es handelt sich um eine dreiköpfige Familie, eine alleinerziehende Mutter und zwei Töchter. Laut Bericht hat sich der Einbrecher in ihr Haus geschlichen und wurde dann im Zimmer der jüngsten Tochter entdeckt. Daraufhin ist er geflohen. Keiner der Zeugen war in der Lage zu sagen, wohin. Die ältere Tochter hat sogar angegeben, der Täter habe sich in Luft aufgelöst. Beschrieben haben sie ihn als groß und dunkelhäutig, mit einer dürren, langen Gestalt und einem gehörnten Kopf. Wie ein Halloweenmonster. Allerdings glauben die Zeugen nicht, dass er eine Maske getragen hat. Klingt das vielleicht nach einem ihrer Kollegen?"
Meg und Claudette wechselten einen schnellen Blick. Sie hatten beide denselben Gedanken gehabt. Eine hoch aufragende Silhouette zwischen den Bäumen, gut verborgen im Dickicht und ausgestattet mit einem Paar leuchtender Augen. Dazu der helle Klang einer Glocke. Sally wandte sich an den Sheriff: „Handelt es sich bei der Familie zufälligerweise um Alexandra, Jade und Rachel Ojomo?"
Der Beamte sah sie verblüfft an und schaute dann kurz in das Dokument. „Ähm… ja, genau. Woher wussten sie das?"
„Einer meiner sogenannten Kollegen hat mir von ihnen erzählt", antwortete Sally: „Damals im Nebel. Er würde sofort zu ihnen zurückkehren, hat er mir gesagt, sollte er jemals entkommen. Nun ist es wohl soweit."
„Sind sie in Gefahr?", wollte der Sheriff wissen, doch Sally schüttelte den Kopf. „Nein, ganz im Gegenteil. Sein Name ist Philip Ojomo, Alexandras Bruder. Er liebt die Familie seiner Schwester über alles und würde wohl sein Leben geben um sie vor Schaden zu bewahren."
„Das bedeutet wir haben einen weiteren Killer gefunden", stellte Freeman fest, doch Claudette musste ihn in seinem Eifer bremsen. „Ich glaube nicht, dass wir ihn gefunden haben. Wie sie an Sally nur unschwer erkennen können sind die Killer mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet. Manche mehr, manche weniger. Der Geist, oder Philip, besitzt eine große, gusseiserne Glocke, mit deren Hilfe er sich unsichtbar machen kann. Wir wissen vielleicht wo er gewesen ist, aber nicht wo er sich im Moment befindet. Er könnte überall sein. Vielleicht beobachtet er uns gerade durchs Fenster."
Der Sheriff schaute Claudette, Meg und Sally nacheinander an. Dann stand er auf und kratzte sich am Bart, bevor er sagte: „Ich muss ihnen leider sagen, dass ich mit der Situation ein wenig überfordert bin. Wie sollen wir jemanden finden, der sich unsichtbar machen kann?"
„Indem wir ihn herauslocken", antwortete Sally: „Euch wird er sich nicht zeigen. Aber mir vielleicht. Ich würde gerne mit der Familie sprechen, wäre das möglich? Sie könnten uns bei der Suche behilflich sein. Wahrscheinlich hält er sich sogar in der Nähe ihres Hauses auf."
„Eigentlich sollte ihre Existenz geheim bleiben", sagte der Sheriff und überlegte kurz: „Aber je schneller wir diesen Philip finden umso besser. Ich bringe sie zu den Ojomos."

„Philip?"
„Ja"
„Ich kann dir gar nicht sagen wie ungewöhnlich das ist" Jade schaute über die Schulter. „Mit jemandem zu sprechen, der gar nicht da ist."
„Aber ich bin doch da." Jade wandte den Blick nun wieder nach vorne. Aus den Augenwinkeln schaute sie nach rechts, in etwa an die Stelle, an der sie Philip vermutete. „Du weißt, was ich meine."
Die beiden gingen Seite an Seite die Straßen hinab und näherten sich dem Grundstück der Ojomos. Nun, da sie Philips Geheimnis kannte, hörte sie all die kleinen Geräusche, die er machte. Das Tappen seiner Füße auf dem Gehsteig, das leise Rascheln, wenn er Blätter streifte und auch seinen seltsam klingenden Atem. Alles war da und gar nicht so schwer zu vernehmen, wenn man einmal wusste, wonach man die Ohren spitzen musste. Die visuelle Tarnung war allerdings nach wie vor undurchdringlich und für den etwaigen Beobachter sah es so aus, als wäre Jade allein unterwegs.
Sie und Philip waren mittlerweile einigen Passanten über den Weg gelaufen. Auch wenn die Mehrheit der Bewohner immer noch in ihren Häusern geblieben war, so hatten doch einige die Warnungen der Polizei in den Wind geschlagen und gingen ihrer Wege. Genau wie Jade selbst.
Im Vorbeigehen hatte sie Mrs. Armstrong gegrüßt, eine Witwe von über achtzig Jahren, die sich seelenruhig um die Blumen in ihrem Garten gekümmert hatte. Der anbrechende Frühling brachte neues Leben und die alte Dame legte großen Wert auf ein gepflegtes Grundstück. Jade hatte sie schon oft beim Jäten, Gießen, Rasenmähen und Zurechtschneiden der Pflanzen gesehen und auch schon oft ihre Hilfe angeboten. Stets hatte Mrs. Armstrong dankend abgelehnt mit dem Argument, dass es eine der wenigen Beschäftigungen war, die sie in ihrem hohen Alter noch selbst ausführen konnte. Das wolle sie sich nicht nehmen lassen. Als Jade sie gefragt hatte, ob sie von der Warnung der Polizei gehört hätte, hatte die alte Frau nur mit den Schultern gezuckt. „Kindchen", hatte sie gesagt: „Ich bin jetzt bald neunzig Jahre alt. Da können mich ein paar dahergelaufenen Halunken doch nicht mehr schrecken. Bei mir gibst eh nichts zu holen." Den Geist, der wortlos danebengestanden war, hatte die alte Frau natürlich nicht bemerkt. Jade hatte ihr noch viel Glück gewünscht und dann war sie weitergegangen.
„Was ist eigentlich mit dir passiert?", fragte Jade unauffällig. Sie wollte die Tarnung ihrer Onkels nicht auffliegen lassen, indem sie zu laut mit ihm sprach. Es dauerte eine Weile, bis Philip antwortete: „Ich glaube nicht, dass das ein Thema für die Straße ist. Lass uns warten, bis wir Zuhause sind. Dort werde ich alles erklären."
Jade sah zu ihm hin, ohne den Kopf zu drehen. Natürlich vertraute sie Philip und sie war sich absolut sicher, dass er keine Gefahr darstellte, aber immerhin sah er aus wie ein Alptraummonster. „Du hast vorhin etwas von der Polizei gesagt", fragte Jade weiter: „Dass sie wegen dir hier sein könnten, aber dass du dir nicht sicher bist. Wie hast du das gemeint?"
„Sie könnten informiert sein", antwortete Philip: „Darüber, dass ich in Waltonfield bin, aber eigentlich sollte das niemand wissen. Nur ihr habt mich gesehen, gestern Abend."
„Und du hast uns einen gehörigen Schrecken eingejagt"
Jade hörte ein Geräusch, das wie unterdrücktes Kichern lang und musste selbst schmunzeln. „Sorry", sagte Philip leise und fügte nach einem kurzen Moment hinzu: „Ich schätze, meine derzeitige Gestalt kann wohl etwas einschüchternd wirken."
Jade zog eine Augenbraue nach oben und drehte den Kopf leicht in seine Richtung. Dann schaute sie wieder nach vorne und flüsterte: „Zum Glück hast du diesen Unsichtbarkeitstrick auf Lager. Wie funktioniert das eigentlich?"
„Die Jammerglocke?"
„Was auch immer du da tust", bemerkte Jade neugierig: „Schlägst du etwa einfach auf diese Glocke und… puff?"
„Ich…", antwortete Philip zögerlich: „Ja, genau so geht das. Ich weiß selbst nicht, wie´s funktioniert."
„Ich dachte, du hättest dir das Teil selbst gebaut", murmelte Jade: „Sag bloß, du hast das irgendwo auf der Straße gefunden."
„Es wurde mir gegeben", erwiderte Philip bitter: „Zu einem Preis. Und mit der Glocke kam ein Auftrag. Aber mehr dazu später, wir sind da."
Jade bog in das Grundstück der Ojomos ein. Sie bemerkte einen Streifenwagen, der nur wenige Meter entfernt stand. Die dazugehörigen Beamten waren nicht zu sehen. Besorgt warf sie einen Blick auf das Haus. Dann kramte sie eilig ihren Schlüssel aus einer der Jackentaschen hervor und schob ihn klickend ins Schloss. Eine kurze Drehung und die Tür war offen.
„Hi Mom, ich bin wieder da", rief sie ins Haus, bevor sie sich flüsternd nach links an Philip wandte: „Versteck dich noch kurz, ich schau nach ob die Luft rein ist."
„Ich bin hier", meldete sich der Geist zu ihrer Rechten und sagte dann: „Geht in Ordnung. Ich warte im Flur."
Jade nickte und betrat anschließend das Haus. Während sie sich die Jacke von den Schultern zog hörte sie ihre Mutter aus dem Wohnzimmer: „Jade, kommst du mal eben?" Sie klang besorgt und das Mädchen runzelte die Stirn. War etwas passiert? Eiligen Schrittes ging sie den Flur entlang und betrat das Wohnzimmer, wo sie überrascht stehenblieb.
Fünf Personen befanden sich im Raum. Alexandra saß mit Rachel im Schoß auf einem großen Sessel. Ihr gegenüber standen zwei Polizeibeamte, von denen sie einen als Sheriff Freeman erkannte. Der Mann drehte sich nun zu ihr um und nickte freundlich, doch Jades Aufmerksamkeit galt der Person, die zwischen den beiden auf einem Stuhl saß. Sie trug ein weißes Kleid, ähnlich dem einer Krankenpflegerin aus einem vergangenen Jahrhundert. Die Farbe war unrein und verschmutzt, doch das auffallendste Merkmal war wohl der über ihren Kopf gestülpte Kissenbezug. Die Frau richtete ihren Blick auf Jade, die sofort einen Schritt zurückwich.
„Guten Abend, Jade", sagte die vermummte Dame freundlich: „Ich habe schon so viel von dir gehört. Mein Name ist Sally und es freut mich, dich endlich in Person kennenzulernen. Eben habe ich mich mit deiner Mutter hier unterhalten über… Ah, aber ich sehe du hast ihn bereits mitgebracht."
Die gruselige Frau erhob sich von ihrem Stuhl und Jade bemerkte, dass ihre Füße den Boden nicht berührten. Die beiden Polizisten hinter ihr schauten fragend durch den Raum, doch Sallys verborgener Blick blieb auf Jade gerichtet.
„Ich hoffe doch, er ist dir nicht ohne dein Wissen gefolgt", sagte Sally: „Das wäre sehr ungezogen. Du kannst rauskommen Philip, die Polizei wird dir nichts tun." Jade sah wie Alexandra hinter Sallys Rücken Philips Namen mit den Lippen formte und verblüfft von Sheriff Freeman zu ihrer Tochter schaute. Dann hörte sie einen hellen Glockenton, als Philip aus der Geisterwelt hervortrat. Alexandra fuhr erschrocken hoch und nahm Rachel schützend in den Arm. Auch die beiden Beamten schienen vom plötzlichen Erscheinen der großen, dunklen Gestalt hinter Jade beeindruckt zu sein. Nur Sally blieb ruhig.
„Guten Morgen, Philip", grüßte sie: „Ich dachte schon, wir würden dich in ganz Waltonfield suchen müssen, aber glücklicherweise hat Jade dich bereits entdeckt."
Philip trat etwas näher und antwortete: „Wie ich sehe, bin ich nicht der einzige, der entkommen ist. Es ist schön dich zu sehen Sally, wirklich." Er schaute auf die beiden Beamten. „Nur etwas unerwartet, dich zusammen mit der Polizei anzutreffen."
„Ich helfe ihnen", sagte die Krankenschwester: „Im Umgang mit dem Entitus können sie ede Unterstützung gebrauchen."
„Ich verstehe. Dann warst du es also, die die Polizei in Alarmbereitschaft versetzt hat?"
„Ja, aber nicht nur ich. Wir beide sind nicht die einzigen, die aus dem Nebel entkommen sind. Ein Großteil der anderen ist auch raus, Lisa, Anna und fast alle der Überlebenden."
„Anna ist hier?", fragte Philip: „Ich hoffe, sie hat keine Panik gekriegt und jemanden umgebracht."
Sally schüttelte den Kopf. „Nein, nein, sie ist zusammen mit den anderen gut aufgehoben und in Sicherheit."
„Den anderen?"
„Ich habe mich mit den Überlebenden getroffen", antwortete Sally: „Wir haben uns zusammengetan, um gemeinsam der Polizei zu helfen."
„Die Überlebenden?", fragte Philip ungläubig: „Sie vertrauen dir?"
„Ich weiß nicht, ob man es bereits vertrauen nenne kann.", antwortete Sally: „Aber sie haben verstanden, dass wir nicht ihre Feinde sind."
Der Geist schaute zu Boden und seufzte dann: „Sally, ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Ich dachte, die Polizei würde versuchen mich zu erledigen. Dass du hinter all dem steckst ist eine… freudige Überraschung."
„Die freudige Überraschung ist es, dich wohlauf zu sehen", entgegnete Sally: „Ohne lange suchen zu müssen. Die erste Spur hat uns gleich zu dir geführt."
Philip schaute zu Alexandra. „Natürlich… Ich habe dir von meiner Familie erzählt. Sie aufzusuchen war der erste logische Schritt."
„Das war er", antwortete Sally: „Die Polizei hat gestern einen seltsamen Einbruch untersucht, von dem Täter fehlt bisher jede Spur. Vielleicht lässt er sich ja ein zweites Mal hier blicken, dacht ich mir. Und in der Tat, da bist du."
„Da bin ich"
Jade hatte sich derweil neben ihre Mutter gesetzt und auch Philip schien dringend mit seiner Familie sprechen zu wollen. Daher verkündete Sally: „Unser Ziel war es, Philip Ojomo zu finden, was uns offengesagt schneller gelungen ist als erwartet. Ich hoffe sie erkennen, dass er für niemanden eine Gefahr darstellt, Sheriff. Ich würde daher vorschlagen, dass wir uns zurückziehen. Diese Familie war lange genug auseinandergerissen."
Sheriff Freeman nickte und sagte: „Na gut. Die Zeit soll ihnen vergönnt sein, Sally. Bitte erklären sie ihrem… Kameraden noch, wo wir ihn treffen wollen". Anschließend verabschiedete er sich von Alexandra und wandte sich dann zum Gehen. Sally sagte noch zu Philip: „Komm bitte zu dieser Adresse, sobald ihr hier fertig seid. Jade kennt den Weg, aber lasst euch ruhig Zeit." Sie reichte ihm einen Zettel, bevor sie dem Sheriff und seinem Beamten nach draußen folgte.
Philip wartete bis die Haustür ins Schloss gefallen war. Dann wandte er sich der dreiköpfigen Familie zu. Stille füllte den Raum. Der Geist stand auf der einen Seite des Wohnzimmers, eine Glocke in der einen, eine Axt in der anderen Hand. Ihm gegenüber saßen Alexandra, Rachel und Jade, alle drei mit verschiedenen Gesichtsausdrücken. Alexandra sah einfach nur verblüfft aus, während Rachel vergnügt giggelte und Philip die Arme hinstreckte. Jade hingegen schien auf eine Reaktion ihrer Mutter zu warten.
„Hi Alex", sagte Philip unsicher und machte einen Schritt auf sie zu. Er musste sich etwas nach unten bücken, da er sonst wohl mit dem Kopf an die Deckenlampe gestoßen wäre. Alexandra machte keine Anstalten zurückzuweichen, sondern sah die große Kreatur in ihrem Haus nur ungläubig an. „Ich bin´s, Philip", sprach der Geist weiter und legte seine Axt auf den Boden. Langsam streckte er ihr eine Hand entgegen.
„Ph… Philip?", stammelte seine Schwester, erhob sich und machte nun ebenfalls einen Schritt in seine Richtung. Aufmerksam starrte sie in sein Gesicht und suchte nach ihrem Bruder. Es dauerte einen Moment, bis sie ihn erkannte. „Philip", sagte sie mit zitternder Stimme: „Aber du bist verschwunden. Wir… Wir dachten du wärst… Wo bist du gewesen?"
„Das ist eine lange Geschichte", antwortete Philip: „Aber wir haben Zeit. Wichtiger ist, dass ich wieder bei euch bin."
„Wichtiger…", murmelte Alexandra ungläubig: „Das ist wichtiger… ja…" Sie ging noch einen Schritt auf ihn zu und griff nach seiner Hand. Genau wie Jade im Park fuhr sie an seinen Fingern entlang und fühlte die verkrustete Haut. Dann sah sie zu ihm auf. Tränen standen ihr in den Augen und für einen Moment sagte niemand mehr etwas. Unangenehme Stille breitete sich aus und Alexandra starrte Philip wortlos an.
„Ich weiß, das ist etwas viel auf einmal… Wenn du etwas Zeit für dich haben willst…", stammelte der Geist unsicher, doch da hatte Alexandra bereits an seinem Arm gezogen und er fiel ihr direkt in die Arme. Hätte er sein Gleichgewicht vollständig verloren, hätte Philip seine Schwester wohl unter sich erdrückt. „Zeit für mich?", rief sie heulend an seiner Schulter: „Du warst sechs Jahre fort! Jeden Tag habe ich dich vermisst! Wie kommst du darauf, dass ich jetzt Zeit für mich wollte? Ah, du warst immer schon ein Idiot!"
Die beiden hielten sich für eine Weile in den Armen. Jade stand währenddessen stumm daneben und wartete geduldig, bis sich ihre Mutter und ihr Onkel wieder voneinander gelöst hatten. Sie konnte selbst Tränen in den Augen spüren und wischte sie mit zitternden Fingern beiseite.
„Bitte, setz dich", forderte Alexandra Philip auf und bot ihm einen Stuhl an. Vorsichtig setzte er sich auf das Möbelstück, das etwas zu klein für ihn war. Dann sah er zu seiner Familie, die gespannt zurückblickte.
„Ich bin so froh, wieder hier mit euch zu sein", sagte Philip und schaute einer nach der anderen in die Augen. „Du bist erwachsen, Jade, zu einer jungen, wunderhübschen Frau. Und Rachel. Sie ist noch viel niedlicher als ich sie in Erinnerung hatte. Was hätte ich gegeben um dabei sein zu können. Ich habe euch vermisst."
„Wir haben dich auch vermisst", antwortete Alexandra behutsam: „Ich hoffe, ich trete dir nicht zu nahe, aber… Warum bist du gegangen? Wohin bist du gegangen? Warum siehst du aus wie… wie ein Geist?"
Philip seufzte und schaute kurz auf seien Hände. Schweigend überlegte er für einen Moment, bevor er sagte: „Eine lange Geschichte, in der Tat. Und keine erfreuliche, fürchte ich." Alexandra und Jade wechselten einen Blick. Dann fragte Jade: „Hat es etwas mit den Autohaven Wreckers zu tun? Und den Leichen dort?"
„Eigentlich nicht", antwortete er langsam: „Ich… Ich weiß gar nicht, wie ich euch das erklären soll… Hat Sally euch schon etwas über mein Schicksal erzählt?"
„Nein" Alexandra schüttelte den Kopf. „Sie hat nur gesagt, sie sei eine Freundin von dir. Sie würde der Polizei helfen, dich zu suchen und wolle sicherstellen, dass dir kein Leid widerfahren würde. Um ehrlich zu sein, habe ich ihr nicht geglaubt."
„Sally, also die mit dem Tuch über dem Gesicht?", fragte Jade und schaute von Alexandra zu Philip: „Warum tut sie das? Hat sie auch eine Glocke so wie du? Was ist mit euch geschehen?"
Philip holte Luft und sammelte seine Gedanken. Dann antwortete er: „Sally und ich… Wir haben beide eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Und nicht nur wir. Es gibt noch andere wie uns."
„Wie euch…?", fragte Jade.
„Viele würden uns wohl Monster nennen", antwortete Philip: „Es schmerzt mich das zuzugeben, aber sie haben wohl recht. Wir sind Monster. Zumindest was das Aussehen betrifft. Mit dieser körperlichen Veränderung kommen allerdings einige andere Fähigkeiten. Sinneserweiterungen. Ich kann viel besser hören, kann im Dunkeln sehen, meine Kraft war noch nie so groß. Und ich kann mich unsichtbar machen. Trotzdem… Trotzdem haben weder ich noch Sally uns freiwillig dieser… dieser Behandlung unterzogen. Wir wurden entführt. Von einem Wesen in den westlichen Wäldern, wir nennen es den Entitus. Es hat uns gefangen gehalten, unsere Körper entstellt, verändert und seinen eigenen Zwecken angepasst. Der Grund dafür ist leider kein schöner." Philip machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. „Wir wurden zu Killern gemacht."
Alexandra schlug eine Hand vor den Mund und auch Jade stand der Schreck ins Gesicht geschrieben. Mit bittere Miene sah Philip sie eine nach der anderen an und sprach schließlich weiter: „Unser Auftrag war es, im Namen des Entitus junge Menschen zu jagen und auf grausamen Altären zu opfern. Es hat ihn mit Kraft, mit Energie versorgt. Wenn wir uns wiedersetzten, hat er uns gefügig gemacht."
„Heißt das…", fragte Jade mit zitternder Unterlippe: „Du hast Menschen… getötet?"
„Ja und nein", antwortete Philip eilig: „Bitte, hört mir zu, bevor ihr etwas Falsches von mir denkt. Alle diese Taten, die Jagden und die Opfer. All das fand in seinem Reich statt. Im Reich des Entitus. Wir nennen es den Nebel. Es ist wie ein Traum, eine andere Realität, verborgen von dieser Welt und erschaffen durch seinen Willen. Wir haben die gleiche Gruppe an Personen immer und immer wieder gejagt und geopfert, aber sie sind nie gestorben. Für eine Weile vielleicht, ja, aber sie sind stets wiederaufgetaucht. Heil und unverletzt."
Philip sah betroffen zu Boden und sagte: „Manchmal glaube ich, dass das, was wir ihnen angetan haben, weit schlimmer war, als der Tod. Aber… Wir konnten uns nicht widersetzen… Es war unmöglich! Der Entitus duldet keinen Widerspruch. Es ist sein Reich, seine Regeln, seine Wirklichkeit."
Alexandra vergrub den Kopf in den Händen und sagte leise: „Philip… Ich…"
„Ich weiß, das ist unglaublich viel auf einmal, aber es ist die Wahrheit. Der Entitus existiert wirklich. Schaut mich an, ich bin der lebende Beweis."
Alexandra sah auf und richtete ihren tränenverschleierten Blick auf Philips entstellten Körper. Stumm schüttelte sie den Kopf. „Ich kann das alles kaum glauben."
„Wenn ihr Zeit für euch braucht, braucht ihr es nur zu sagen.", antwortete Philip: „Wenn ihr mich nie wieder sehen wollt, nach all den Dingen, die ich getan habe, dann kann ich das verstehen. Ich… Gestern hier einzubrechen war eine dumme Idee, aber… Ich wollte euch sehen und wusste nicht, wie ihr reagieren würdet. Ich…" Er suchte nach den richtigen Worten. „Ich liebe euch über alles in der Welt und deshalb… deshalb weiß ich auch, dass ich in dieser Familie womöglich keinen Platz mehr habe. Ich bitte euch nur zu verstehen, dass ich kein schlechter Mensch bin."
Jade sah kurz zu ihrer Mutter, die nicht antwortete. Dann wieder auf Philip. Schließlich entschloss sie sich selbst dazu, etwas zu sagen. „Natürlich bist du kein schlechter Mensch, das wissen wir. Du hattest keine andere Wahl, das hast du selbst gesagt." Sie schaute zu Alexandra. „Stimmt doch, oder?"
Ihre Mutter hatte den Blick auf den Boden gerichtet und war sichtlich damit überfordert, all diese Informationen zu verarbeiten. „Jade, ich… Philip, hör zu. Du bist immer noch mein Bruder, egal wie du aussiehst oder was du getan hast. Wir haben immer einen Platz für dich bei uns. Es ist nur… Was soll ich sagen? Vielleicht brauche ich doch einen Moment für mich."
Philip stand sofort auf und nickte. „Aber sicher. Nimm dir so viel Zeit wie du willst. Ich…". Er sah auf den Zettel, den Sally ihm in die Hand gedrückt hatte: „Ich glaube ich werde mich mit Sally und dem Sheriff treffen." Mit zittrigen Fingern entrollte er das Stück Papier und eine Adresse kam zum Vorschein. Zögerlich zeigte er sie Jade. „Sally meinte vorhin, du würdest die Adresse kennen."
Jade nahm den Zettel entgegen und überlegte kurz. „Aber… Aber da wohnt doch meine Geigenlehrerin. Mrs. Fairfield. Was hat sie denn mit der ganzen Sache zu tun?" Sie sah hoch zu Philip, dann wieder auf den Zettel. Schließlich wandte sie sich an ihre Mutter: „Brauchst du mich hier? Sonst könnte ich ihm den Weg zeigen."
„Geh nur", antwortete Alexandra mit einem schwachen Lächeln: „Ich komme schon zurecht. Ich muss nur… Ich glaube, ich brauch einfach etwas Zeit, das ist alles."

Elizabeth wandte sich von der Unterhaltung ab und ging zur Tür. Der Sheriff und einer seiner Beamten nahmen gerade die Aussagen der Überlebenden auf. Sally, Meg und Claudette hatten ihre bereits abgegeben, nun waren Feng und Dwight an der Reihe. Ace stand wartend an die Wand gelehnt, Lisa erholte sich immer noch schlafend auf der Couch und Anna verfolgte die Ereignisse von ihrem Platz in der Ecke aus. Gerade eben hatte es geläutet und Elizabeth fragte sich, wer das wohl sein mochte. Waren es vielleicht neugierige Nachbarn, die etwas gesehen hatten? Oder vielleicht waren es auch Polizisten auf der Suche nach ihrem Vorgesetzten. Sie öffnete die Tür einen spaltbreit.
„Jade?"
„Guten Morgen Mrs. Fairfield."
„Guten Morgen, ähm… kann ich dir irgendwie helfen?"
„Sally hat gesagt, ich soll Philip zu dieser Adresse bringen."
„Sally?"
„Ich dachte, sie wäre hier", sagte Jade: „Hm, wahrscheinlich hat sie mir die falsche Adresse aufgeschrieben. Entschuldigen sie die…"
„Nein, nein, die Adresse stimmt schon", erwiderte Elizabeth: „Ich bin nur überrascht, dich in all dem verwickelt zu sehen. Überrascht und besorgt… Aber komm erst mal rein." Sie machte Jade Platz und ließ sie eintreten. Anschließend führte sie das Mädchen ins Wohnzimmer.
„Ah, Ms. Ojomo", rief der Sheriff und unterbrach sein Gespräch mit Dwight. Jade ging einen Schritt ins Wohnzimmer und schaute sich schüchtern um. Als sie Lisa und Anna entdeckte, wich sie unwillkürlich einen Schritt zurück. „Du musst keine Angst vor ihnen haben", beruhigte Sally und schwebte auf sie zu: „Sie sind wie ich und Philip. Wir schauen nur böse aus." Jade nickte und Sally fuhr fort: „Wo wir schon dabei sind, hast du ihn mitgebracht?"
Zur Antwort ertönte eine Glocke und Philip erschien hinter Jade, ebenfalls in die Runde blickend. Einigen der Überlebenden fuhr beim Klang der Jammerglocke ein Schauer über den Rücken, doch Sally hatte sie bereits vorgewarnt. Sie wussten, dass der Geist eintreffen würde. Lisa war durch den Lärm erwacht und versuchte sich aufzurichten. Sie schaute durchs Wohnzimmer und brauchte einen Moment, bis sie Philip entdeckte. „Noch einer", rief sie mit krächzender Stimme: „Dann sind wir ja schon zu viert."
Philip nickte ihr zu und wandte sich dann an Sally. „Du wolltest mich hier haben?"
„Ganz genau", antwortete Sally: „Ich dachte, es wäre eine gute Idee, alle Beteiligten an einem Ort zu versammeln. So erleichtern wir einerseits der Polizei die Ermittlungen, andererseits können wir besser auf uns aufpassen. Außerdem müssen wir unseren nächsten Schritt diskutieren."
„Unseren nächsten Schritt?" Philip sah Sally fragend an und schaute dann zu den Überlebenden. Jade hatte sich in den Hintergrund zurückgezogen und warf immer wieder Seitenblicke auf Anna. Die Jägerin war ihr nicht ganz geheuer.
„Unseren nächsten Schritt", bestätigte Sally: „Die Polizei tut natürlich was sie kann, aber der Entitus ist nicht von dieser Welt. Wir" Sie deutete auf die Killer und die Überlebenden: „Wir sind die einzigen, die wissen, womit wir es zu tun haben. Wir sind vielleicht die einzigen, die etwas gegen den Entitus ausrichten können. Die Polizei kann nur versuchen, die Bewohner der Stadt zu schützen und wir werden ihnen dabei so gut es geht zur Seite stehen."
Philip sah wenig überzeugt aus und Sally fuhr fort: „Wir haben eine Schuld auf uns, Philip. Das ist unsere Gelegenheit, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen." Der Geist sah ihr nun in die Augen. „Und was sollen wir tun?"
„Das müssen wir herausfinden", sagte Sally: „Deshalb habe ich ja alle hier versammelt. Es gibt eine Menge Dinge, die wir tun können. Die Polizei kann jede Hilfe bei der Durchsuchung der westlichen Wälder gut gebrauchen. Außerdem wissen wir immer noch nichts über den Aufenthalt von Max, Evan oder Herman. Zwei Überlebende werden ebenfalls vermisst. Wir…"
Sally wurde von der Türglocke unterbrochen und alle sahen auf. Es dauerte einen Moment, in dem sich niemand bewegte, bis sich Ace schließlich von der Wand löste und zur Tür ging. Wie Elizabeth vorhin öffnete er sie einen Spalt breit und spähte hinaus auf die Straße. Dort standen zwei Männer, einer hochgewachsen, in Anzug und mit Sonnenbrille, wie aus einem schlechten Agentenfilm. Der andere war klein, dick und hatte sich in einen schmuddeligen Mantel geschlungen. Als er zur Begrüßung die Melone vom Kopf zog, erkannte Ace, dass er eine Glatze hatte.
„Schönen guten Morgen", sagte der dicke Mann freundlich: „Wir sind von der Spezialeinheit für paranormale Phänomene aus Washington und sollen die örtliche Polizei bei der Bekämpfung des Entitus unterstützen. Uns wurde gesagt, wir könnten den Sheriff hier finden?"
Ace sah die beiden Männer kurz an, dann trat er zurück und bat sie herein. Schweigend ging zuerst der große Mann an ihm vorbei, bevor der Kleinere folgte. Während Ace die Tür wieder schloss, bemerkte er einen Wagen, der draußen vor dem Haus geparkt hatte. Das Fahrzeug erinnerte ihn an einen Einsatzwagen zum Transport für Häftlinge, allerdings war dieser tiefschwarz lackiert und schien weitaus stärker gepanzert zu. Ace ließ die Tür ins Schloss fallen und ging selbst zurück ins Wohnzimmer. Der große Mann mit der Sonnenbrille war geradewegs auf den Sheriff zugegangen und hatte ihm die Hand geschüttelt. „Mr. Cage, FBI", stellte er sich vor: „Abteilung für paranormale Phänomene"
„Sheriff Albert Freeman", antwortete der Polizist: „Ich wusste gar nicht, dass es eine solche Abteilung gibt.
„Gibt es auch nicht", antwortete der FBI Agent: „Sheriff, ich übernehme die Kontrolle über die Situation. Wir werden diese Kreaturen unverzüglich abtransportieren und in ein eigens dafür vorgesehenes Lager bringen. Dann sage ich ihnen über unser weiteres Vorgehen Bescheid."
„Nicht so schnell, Mr. Cage", schritt Sally ein, bevor der Sheriff etwas antworten konnte. Mit verschränkten Armen baute sie sich vor dem Agenten auf: „Ohne unsere Einwilligung schaffen sie uns nirgendwo hin."
„Das war keine Frage", entgegnete der FBI Agent und schaute Sally geradewegs in die Augen. Er wich keinen Schritt zurück. „Sie sind paranormale Lebensformen auf amerikanischem Boden, damit unterstehen sie meiner direkten Befehlsgewalt. Wenn sie sich wiedersetzen, bin ich autorisiert, alle Mittel zu ergreifen, die ich für nötig erachte.
„Wenn sie mich fragen, sind wir immer noch Menschen", antwortete Sally und beugte sich bedrohlich zu dem Agenten hinunter: „Wir sind zu gar nichts autorisiert, aber auch wir werden die nötigen Mittel ergreifen."
„Vorsicht, Monster", knurrte der Agent und seine Hand fuhr langsam zu der mit Sicherheit unter seiner Jacke verborgenen Waffe. Anna war mittlerweile aufgestanden und hatte zu knurren begonnen, während Philip sich hinter Sally gestellt hatte. Der Sheriff und sein Kollege schienen ratlos, schienen sich jedoch eher im Lager des Agenten zu befinden. Mittendrin befanden sich die Überlebenden und die Lage schien bereits zu eskalieren, als der dickliche Mann zwischen Sally und Cage trat.
„Nehmen sie die Waffe runter, Cage", rief er: „Die letzten zehn Jahre mag es vielleicht anders gewesen sein, aber jetzt bin ich ihr Vorgesetzter." Dann drehte er sich zu Sally um und streckte ihr freundlich die Hand entgegen: „Benedict Baker, sehr erfreut." Sally sah ihn für einen Moment verblüfft an und wusste ganz offensichtlich nicht, was sie sagen wollte. Dann schlug sie zögerlich ein und der dicke Mann schüttelte ihr herzhaft die Hand.
„Dann sind sie also der Verantwortliche?", wollte Sally wissen und Benedict Baker nickte: „Ganz richtig, ganz richtig." Sally dreht kurz den Kopf zu Philip, der nur mit den Schultern zuckte. Dann schaute sie wieder nach vorne und richtete ihre Worte an den unscheinbaren Befehlshaber: „Mr. Baker, ich erkenne ihre Rolle als Verantwortlicher in dieser Sache an. Allerdings spreche ich nicht nur für mich, sondern auch meine Leidensgefährten und sage ihnen, dass wir es nicht dulden werden, einfach so in irgendwelche Lager interniert zu werden. Wir bestehen auf eine humane Behandlung und…"
Benedict Baker wischte eilig mit der Hand durch die Luft und unterbrach sie: „Ja, ja, ja, die offiziellen Dinge erledigen wir dann später. Fürs erste bin ich eher an einem guten Gespräch interessiert. Ich habe mich ihnen vorgestellt und fürchte, dass ich mich jetzt im Nachteil befinde." Sally schien noch verblüffter als zuvor und zögerte kurz. Dann antwortete sie: „Mein Name ist Sally Smithson."
„Sally Smithson", rief der dicke Mann beinahe vergnügt und holte ein Notizbuch aus seiner Manteltasche hervor: „Sehr erfreut, wirklich sehr erfreut" Eilig zog er einen Stift hervor und kritzelte etwas auf eine Seite. Dann blätterte er weiter und trat zum Geist hin.
„Und sie sind?"
„Philip Ojomo"
„Philip…", murmelte er, als er den Namen notierte: „Ojomo… ebenfalls sehr erfreut." Der dicke Mann streckte Philip die Hand hin, der sie verblüfft schüttelte. Dann ging der Agent weiter und schaute zu Anna, die mit schiefgelegtem Kopf zurückstarrte. „Dürfte ich auch ihren Namen erfahren, werte Dame?"
Meg und Claudette wechselten einen konfusen Blick, bevor Sally einschritt: „Sie spricht leider kein English. Nur Russisch, und auch das nicht sehr gut. Wir wissen nur, dass ihr Vorname Anna lautet."
„Anna", nickte die Jägerin als sie ihren Namen hörte und klopfte sich kurz mit der Hand auf die Brust. Benedict Baker notierte ihn schnell und streckte ihr dann die Hand hin. Die Jägerin legte den Kopf verwirrt von einer Seite auf die andere und schaute Baker fragend an. „Dann eben nicht", murmelte dieser nach einem Augenblick und zog die Hand zurück, bevor er weiterging. Feng kicherte verhalten und Meg wechselte einen belustigten Blick mit ihr, während sie den dicken Agenten beobachteten. Cage stand derweil neben dem Sheriff, äußerlich um eine ruhige Erscheinung bemüht, innerlich vor Wut kochend.
„Lisa Sherwood", stellte sich die Hexe breit grinsend vor, als Baker auf sie zukam. Eilig notierte dieser den Namen in sein Büchlein und sagte dann: „Ein schöner Name, wirklich. Gut, gut… Sind noch andere Killer hier?"
Es dauerte einen Moment, in dem sich alle verdutzt ansahen, bevor Sally antwortete: „Nein, nur wir vier. Wo die anderen sind, wissen wir nicht."
Der dicke Agent nickte und kratzte sich dann kurz am Kopf, bevor er sagte: „Kommen wir also zu den Überlebenden aus dem Nebel. Sind welche anwesend?"
Meg, Feng, Claudette, Dwight und Ace hoben die Hand und Baker nahm nacheinander ihre Namen in das Notizbuch auf. Dann nickte er und kratzte sich wieder am Kopf. Es schien ein Tick von ihm zu sein. „Sind sonst noch welche entkommen?", wollte er wissen und Dwight antwortete: „Nea Karlsson, aber die ist vorhin nach Hause gefahren."
„Weit weg?"
„Nein"
„Dann bitten sie sie doch bitte zurück", sagte Baker: „Ich würde gerne mit ihnen allen in versammelter Runde sprechen." Anschließend wandte er sich an Sally: „Sie sprechen für die entkommenen Killer?"
Sally sah kurz zu Philip, bevor sie nickte: „So wie´s aussieht."
„Wunderbar", rief Benedict Baker: „Begeben wir uns doch an diesen Tisch hier. Im Sitzen sprichts sich gleich gemütlicher, finden sie nicht auch?"
Sally gab keine Antwort, doch sie setzte sich an den Tisch. Ihr gegenüber nahm Baker Platz und machte eiligst eine Notiz in sein kleines Büchlein. Dann legte er das Heft auf den Tisch, wo Meg es sehen konnte. Der Name des Mannes hatte es bereits irgendwo in ihrem Gedächtnis klingeln lassen, doch als sie das Notizbuch am anderen Ende des Tisches liegen sah, kehrte die Erinnerung schlagartig zurück.
„Ich kenne dieses Notizbuch", sagte Meg aufgeregt: „Ich habe es im Nebel gefunden, kurz nach meiner Entführung. Waren sie… Waren sie etwa auch einmal ein Gefangener des Entitus?"
Baker drehte sich zu ihr hin und antwortete nach kurzem Überlegen: „Ich habe meine Vergangenheit mit dem Nebel. Allerdings keine so eingehende und leidvolle wie die ihre. Der Nebel war viel mehr mein Objekt der Besessenheit für über fünfzehn Jahre. Ich kann glücklicherweise sagen, nie in seine Fänge geraten zu sein."
„Wie kommt es dann, dass ich dieses Notizbuch im Nebel finden konnte?", fragte Meg: „Mit ihrem Namen drauf?"
Baker schaute kurz auf das Buch und runzelte die Stirn. Dann antwortete er: „Der Entitus bildet seine Welt nach dem Vorbild der Realität. Gut möglich, dass er sich bei verschiedenen Gelegenheiten auch an mir ein Beispiel genommen hat. Eine gute Frage, der ich unbedingt nachgehen sollte." Er nickte Meg zu, dann wandte er sich wieder an Sally: „Aber nun zu unserem Gespräch. Sie wollen doch sicher wissen, wer ich genau bin und warum ich so viel über den Entitus weiß?"
„Die Frage kam mir in den Sinn, ja", entgegnete Sally.
„Wir, das heißt ich und mein Kollege", Baker deutete auf Agent Cage: „Sind von einer geheimen Sonderabteilung des FBI, zuständig für paranormale Phänomene. Der Entitus kam mir, wie bereits erwähnt, das erste Mal vor fünfzehn Jahren unter. Damals hatte ich gerade meine Journalistenausbildung abgeschlossen und suchte nach einer Story, die mich groß machen würde. Ich stieß auf eine Serie unaufgeklärter Vermisstenfällen."
Claudette und Meg wechselten einen Blick. Es hatte also noch andere Entführungen gegeben. Gab es etwa noch andere Überlebende? Andere Killer?
„Ich bin ziemlich schnell draufgekommen, dass ich es keineswegs mit gewöhnlichen Entführungen zu tun hatte", fuhr Baker fort: „Nein, nein, das war größer. Viel größer. Der Aberglaube und die alten Geschichten der Einwohner eines kleinen Städtchens namens Weeks brachten mich schließlich auf die richtige Fährte. Ein übernatürliches Wesen entführte Menschen und unterzog sie wilden Jagden. Irgendwie fühlte ich, dass da etwas dran sein musste. Der Entitus, wie ich ihn nannte, wurde mir bald wichtiger als meine Karriere, was leider zu einem beruflichen Tiefpunkt in meinem Leben führte.
Glücklicherweise wurde zu diesem Zeitpunkt das FBI auf mich aufmerksam, die selbst der Sache nachgegangen waren. Sie setzten mich auf den Entitus an und statteten mich mit allerlei teurem Equipment aus, was allerdings nicht bedeutete, dass man mir unbedingt glaubte. Sehen sie, diese Abteilung geht einer Vielzahl an Hinweisen und Phänomenen nach und die meisten entpuppen sich als Blindgänger oder Märchen. Mein Job war es also, Beweise zu liefern und ich kann ihnen sagen, es war keine leichte Aufgabe.
Es gab natürlich eine Menge Hinweise, Gerüchte und Legenden, auch aus längst vergangenen Zeiten, die allesamt über den Entitus berichteten. Aber nichts Handfestes. Ich habe all die Spuren und Informationsschnipsel zusammengetragen, sodass ich irgendwann über weitreichendes, wenn auch unbewiesenes Wissen über den Entitus und seine Welt verfügte. Auch über euch", Baker deutete zuerst auf Sally und dann auf das Notizbuch: „Ist alles da drin. Mit all diesem Wissen bestand die Hauptschwierigkeit nun darin, dem Entitus, der sich in immer anderen Wäldern versteckte, quer durch die USA zu folgen. Meine einzigen Hinweise waren Vermisstenserien, wie die eure. Lange Zeit konnte ich nichts ausrichten und nach zehn Jahren wurde das FBI langsam ungeduldig. Glücklicherweise gestatteten sie mir, eine spezielle Art von EMP auf die westlichen Wälder von Walonfield anzuwenden und als wenig später eine Meldung von der örtlichen Polizei eingingen, dass mehrere vermisste Personen aufgetaucht waren und man Verstärkung für eine Suche nach mehreren potentiellen Killern benötigte, hatte ich endlich einen Erfolg zu verzeichnen."
„Moment mal", warf Meg ein: „Sie waren das? Sie haben uns die Flucht aus dem Entitus ermöglicht?"
Baker nickte und schaute ihr in die Augen: „Ich habe lange genug gebraucht, aber ich habe es geschafft ihm einen Großteil seiner Energie zu entziehen. Auf diese Weise konnten sie wohl entkommen."
„Ich nehme an, dass hat sie in der Rangordnung um einige Stufen angehoben", bemerkte Sally und warf einen Blick auf Agent Cage. Baker antwortete hastig: „Ganz genau. Ich habe volle Befehlsgewalt über die Situation erhalten, nachdem sich meine Theorien über den Entitus als wahr herausstellten."
„Und was werden sie nun tun?", fragte Claudette.
„Eine weitere gute Frage", rief Baker und klatschte in die Hände: „Der eigentliche Plan des FBI sieht es vor, dass ich sie in speziell eingerichtete Lager verfrachte und untersuche." Er blickte zu Sally. „Ich lehne das ab. Wie wir gerade beweisen, sind sie selbst nach all den Veränderungen von der Hand des Entitus noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und daher hervorragend in der Lage eine zivilisierte Unterhaltung zu führen. Natürlich würde ich liebend gerne einige Untersuchungen an ihnen vornehmen, aber ich würde es niemals wagen ohne ihr Einverständnis Hand an sie zu legen."
„Ich danke ihnen", sagte Sally und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Also, was ich nun tun werde, ist Informationen sammeln", fuhr Baker fort und sah dabei kurz zu Claudette: „So viele ich kann. Anhand dieser Informationen werde ich anschließend versuchen, alle vermissten Personen ausfindig zu machen und festzustellen, ob sie sich noch in der Gefangenschaft des Entitus befinden. Falls dies der Fall sein sollte, müssen wir einen Rettungsversuch unternehmen. Wie ich sehe scheinen sie bereits mit der Polizei zu kooperieren und würde sie bitten, mir dieselbe Gefälligkeit zukommen zu lassen."
„Natürlich", nickte Sally: „Solange man uns mit dem nötigen Respekt behandelt, habe ich dagegen nichts einzuwenden."
„Hervorragen", rief Baker: „Ich freue mich bereits auf unserer Zusammenarbeit. Einen Abtransport in die Lager lassen wir vorerst weg, wobei sie sich den Gedanken nicht ganz aus dem Kopf schlagen sollten. Wir haben spezielle Ausrüstung und Einrichtungen, die zu ihrer Sicherheit beitragen können. Eine humane Behandlung kann ich ihnen als Abteilungsleiter natürlich garantieren." Baker warf einen Blick auf Philip. „Es tut mir leid, es ihnen sagen zu müssen, aber ich glaube, dass ihnen eine Eingliederung in unsere Welt schwerfallen wird. Sie sind, nun ja…"
„Wir wissen es", entgegnete Sally: „Vielen Dank für ihr Angebot, wir denken darüber nach."
Baker nickte: „Gut, gut. Lassen sie mich ihnen nun ein paar Fragen stellen. Das wichtigste zuerst: Ist irgendjemand in der Lage willentlich zwischen der realen Welt und dem Nebel hin und her zu reisen?"
Sally schüttelte den Kopf: „Nein, wir… wir sind alle durch Zufall entkommen. Ich wüsste nicht wie…" Sie wurde von der Hexe unterbrochen, die sich nun unter Schmerzen von der Couch erhob. „Lisa weiß, wie man in den Nebel gelangt" Sie torkelte an den Tisch und ließ sich fluchend auf einen Stuhl fallen.
„Lisa, was machst du denn?", beschwerte sich Sally: „Du solltest dich doch ausruhen."
„Habe ich doch", gab Lisa krächzend zurück und schaute dann zu Baker: „Lisa weiß, wie man in den Nebel kommt."
„Wirklich?", rief der rundliche Mann und hob nervös sein Notizbuch auf: „Das sind ja großartige Neuigkeiten! Wie stellen sie es an?"
„Die Runen zeigen mir den Weg", antwortete Lisa und kicherte dann verstört: „Ja, ja, die Runen."
„Entschuldigen sie mich", sagte Baker verblüfft: „Aber ich verstehe nicht ganz. Sie verwenden Zeichen, um in die Nebel zu gelangen?"
Lisa kicherte erneut und lehnte sich über den Tisch auf Baker zu: „Verwende ich die Zeichen, oder… oder verwenden die Zeichen mich?"
Baker schaute fragend zu Sally, die nur mit den Schultern zuckte und erklärte: „Lisa war am längsten im Nebel. Der Entitus hat sie weitgehenderen Veränderungen unterzogen, als alle anderen. Sie ist ein bisschen… schräg."
„Verrücktheit ist eine Frage der Perspektive, meine junge Dame", krächze die Hexe und schnalzte mit der Zunge. Meg kam es plötzlich so vor, als wäre Lisa eine Großmutter, die in Sally ihre Enkelin belehrte. „Schau dir doch nur Benedict hier an", gackerte Lisa weiter: „Der ist doch auch vollkommen übergeschnappt."
„Nun ja, so würde ich das nicht nennen", versuchte Baker sich zu verteidigen, doch Lisa fuhr ihm ins Wort: „Von einem gewissen Standpunkt aus. Oder wurden sie etwa nicht lange Zeit von ihren Kommilitonen als meschugge bezeichnet, hmmmmmm?"
Baker schaute kurz zu Sally und sagte dann: „Nun, eigentlich ist da schon was dran."
„Seht ihr", rief Lisa und ließ sich selbstzufrieden zurück auf ihren Stuhl plumpsen: „Aber auf mich hört ja nie niemand, nein, nein, nicht auf die alte Lisa." Mit einem Mal schein sie beleidigt zu sein und Baker beeilte sich zu sagen: „Aber ganz im Gegenteil, ich höre ihnen liebend gern zu, Lisa. Sie wollten mir gerade sagen, wie sie in den Nebel gelangen können."
„Aber genau", sagte Lisa plötzlich und lehnte sich wieder über den Tisch: „Das habe ich ja ganz vergessen."
Baker wartete kurz, doch Lisa schien nicht weiterzusprechen. Er schaute kurz zu Sally, die nur ratlos den Kopf schüttelte und sagte dann vorsichtig: „Also…"
„Also was?"
„Der Weg in den Nebel?"
„Die Runen", rief Lisa: „Hab ich doch schon gesagt. Oder etwa nicht?" Sie müssen mich entschuldigen, Lisas Gedächtnis ist nicht mehr das, was es einmal war." Sie kicherte verstohlen. „Die Runen zeigen mir den Weg. Ich erkläre schnell wie sie… Nein!" Mit einem Mal weiteten sich ihre Augen: „Nein, ich erzähle ihnen eine Geschichte! Eine Geschichte von einem Zauberraben."
„Was für ein…", setzte Baker schon an, doch die Hexe unterbrach ihn, indem sie einen Finger über seinen Mund legte.
„Schhhhhhhh, Lisa ist dran. Also…", sie senkte die Stimme und zwang somit alle, näher an sie heranzurücken. Bevor sie jedoch weitersprach, sah sie auf und rief: „Nein, er darfs nicht wissen." Sie wies mit einem Finger auf Agent Cage. „Ich erzähle gar nix, solange er da ist. Er hat Sally beleidigt."
„Lisa, das ist schon in Ordnung", versuchte Sally zu beschwichtigen, doch die Hexe verschränkte wie ein kleines Kind trotzig die Arme. „Nein, ist es nicht! Hinfort mit ihm!"
Baker drehte ich zu Agent Cage um, der zuerst protestieren wollte, doch dann besann er sich eines Besseren. Seinen Stolz hinunterschluckend nickte er und verließ das Wohnzimmer. Lisa winkte ihm beim Vorbeigehen zu. Dann beugte sie sich wieder über den Tisch.
„Eine Geschichte", flüsterte sie und kicherte wieder: „von einem Zauberraben, wie angekündigt. Also, ich gehe in den Wald und sammle Blaubeeren. Blaubeeren sind gut, wisst ihr, da kann man so schönen Saft draus machen. Und außerdem haben sie eine schöne Farbe. Blau. Ich mag blau. Jedenfalls…" Sie warf die Hände in die Luft: „Boooom. Sitzt da ein schwarzer Zauberrabe. Schöne Federn hat er gehabt und sein Krächzen hat mich verzaubert. Habe ich euch schon gesagt, dass es ein Zauberrabe war? Egal! Also, Lisa geht in den Wald und folgt dem kleinen Räblein ins Gebüsch. Immer tiefer und tiefer und tiefer und tiefer hinein in den Wald. Und dann wird sie überfallen."
Lisa machte ein trauriges Gesicht, als würde sie sich an eine Tragödie erinnern.
„Sie tun Lisa weh, tun Lisa furchtbar weh. Mit ihren Gabeln und ihren Messern kommen sie und Lisa kann sich nicht wehren. Eine Kette legen sie mir an, groß und schweeeeeer." Sie sah zu Meg hin: „Sie wollen mich essen. Könnt ihr euch das vorstellen? Ein Süppchen kochen, HA! Aber nicht mit der armen Lisa, nein, so geht das nicht. Ich mache einen Deal, einen Vertrag, einen Pakt. Mit dem Zauberraben."
Lisa sah wieder zurück zu Baker und ihre Miene hellte sich auf: „Es hat mich befreit, das Räblein, hat mir aus dem Loch geholfen." Sie kicherte wieder. „Schwarz wie die Nacht war es. Und es hat gekrächzt. Wunderschön. Und plötzlich waren da die Runen. Üüüüüüüüberall. Auf dem Boden, an der Wand, an der Decke, in den Mauselöchern und sogar auf Lisa. Auf Lisa waren sie haufenweise. Schaut!" Sie streckte Baker beide Hände hin, doch er konnte nichts erkennen. „Die Runen waren stark und weil die Runen stark waren, war auch Lisa stark. Die Runen sind meine Freunde, sie flüstern mir zu, sie singen mir Liedchen, wenn ich einsam bin und sie tragen mich, wenn ich es will."
„Soweit wir es verstanden haben", warf Sally erklärend ein: „Hat der Entitus sie in den Wald gelockt, wo sie Kannibalen über den Weg gelaufen ist. Als Austausch für ihre Dienste hat der Entitus sie dann befreit. Später hat er ihr die Fähigkeit gegeben, magische Runen zu zeichnen, mit deren Hilfe sie die Realität verändern kann."
Lisa stütze sich mit den Ellbögen auf der Tischplatte ab und legte das Kinn in die Hände. Dabei nickte sie heftig und starrte Baker an. „Sally kennt den Weg", kicherte sie: „Sally weiß Bescheid."
„Ich verstehe", sagte Baker langsam und sah von Sally zu Lisa: „Glaube ich… Also die Runen können uns einen Weg in den Nebel bahnen?"
Lisa nickte erneut und murmelte: „Sie zeigen uns den Pfad. Den Pfad zum Zauberraben. Aber welche Richtung wir einschlagen, das bleibt uns überlassen." Sie lehnte sich nach links. „Wollen wir von ihm weg?" Sie lehnte sich nach rechts. „Oder wollen wir zu ihm hin?"
Wieder kicherte Lisa und fuhr anschließend mit der Hand zu ihrer Bauchwunde. Kurz drückte sie gegen den Verband und hob gleich darauf einen blutverschmierten Finger. Hastig zeichnete sie ein seltsames Symbol mitten auf den Tisch. „Da, das ist der Weg", rief sie: „Aber er ist nicht hier." Mit dem Finger zeigte sie aus dem Fenster, in Richtung der westlichen Wälder. „Sondern dort."
„Sie können also hinein in den Nebel?"
„Jap"
„Und auch wieder zurück?"
„Jap"
„Das ist eine wertvolle Information, vielen Dank" sagte Baker und wandte sich dann an die gesamte Gruppe: „Eine andere, ebenso wichtige Frage ist, ob irgendjemand Hinweise über den Aufenthalt der vermissten Personen hat." Er schaute in die Runde: „Damit meine ich Überlebende und Killer."
Einer nach dem anderen schüttelten sie die Köpfe, doch wieder war es Lisa, die alle überraschte: „Die Rüpel sind alle noch im Nebel drin", krächzte sie: „MacMillan, dieser ungezogene Bengel und auch Carter. Rotzlöffel alle beide!"
„Lisa, warum hast du das nicht gleich gesagt?", wollte Sally wissen und drehte sich zu der Hexe hin. Die wies nur auf die Couch und zog eine Grimasse, als erlitt sie einen Anfall. „Richtig, du solltest dich ja ausruhen.", sagte Sally und Baker hakte nach: „Carter und MacMillan? Wer sind die?"
„Beides Killer", antwortete Sally: „Herman Carter und Evan MacMillan. Ich bin froh, dass sie nicht rausgekommen sind, die beiden sind unberechenbar. Und verrückt. Aber nicht wie Lisa, sondern auf die schlechte Art und Weise."
Baker nickte und machte eilig eine Notiz in sein Büchlein. Dann fragte er die Hexe: „Gibt es sonst noch irgendwelche Geheimnisse, die uns vielleicht weiterhelfen könnten?"
Lisa überlegte kurz und antwortete dann: „Die beiden Kinder sind auch noch drin. Der mit den schwarzen Haaren und der Grummelige mit dem Bart."
„Jake und David?", fragte Claudette und wurde hellhörig.
„Keine Ahnung, wie sie heißen." Lisa zuckte mit den Schultern. „Ich habe sie gefunden, nachdem der Zauberrabe die Flügel gestutzt bekommen hat. Er kann seinen Nebel nicht mehr verändern. Alles ist starr."
„Haben sie dir das angetan?", fragte Meg und deutete auf Lisas Verletzung.
„Nein, das war Evan. Der ungehobelte Klotz hat eure beiden Freunde gesucht und wollte sie zurückzerren, vor den Zauberraben. Als Lisa sich ihm in den Weg gestellt hat, da hat er – ZACK – mir eine verpasst. Mit seinem großen Eisengerät." Sie spreizte die Arme um zu verdeutlichen, wie groß die Waffe des Fallenstellers war. Derweil läutete es an der Tür und Ace ging hin um zu öffnen. Wenig später kehrte er mit Nea zurück.
„Ihr habt Jake und David gefunden?", fragte sie aufgeregt. Ace hatte ihr offenbar bereits von den Neuigkeiten erzählt. Meg nickte: „Lisa hat sie im Nebel gesehen. Ich glaube sie sind immer noch da."
„Natürlich sind sie das", entgegnete Lisa: „Außer sie haben fliegen gelernt, wie der Zauberrabe. Oder wie ich."
Nea zog die Augenbrauen nach oben und schaute fragend zu Sally. „Was ist denn mit ihr los?"
„Gar nichts", antwortete die Krankenschwester: „Sie war immer schon so. Am besten lässt du dich davon einfach nicht stören." Dann wandte sie sich wieder an Lisa: „Fehlt nur noch Max. Hast du ihn auch gesehen?"
Lisa schüttelte den Kopf: „Max war nicht da. Aber er ist auch nicht hier. Er kann überall sein." Sie schaute kurz über die Schulter und flüsterte dann hinter vorgehaltener Hand: „Vielleicht ist er ja in der Küche."
Sally beachtete Lisa kaum, sondern wandte sich an Baker. „Das bedeutet, wir müssen nur noch einen finden. Max ist nicht willentlich bösartig, wie Herman oder Evan, zumindest nicht unbedingt. Aber er ist dennoch mordsgefährlich. Sollten sie ihn finden, versuchen sie bitte möglichst keine Gewalt anzuwenden. Wenn sie ihn ärgern oder ängstigen, wird er sich wehren. Das wichtigste ist, dass sie es mir sofort mitteilen. Vielleicht kann ich ihn besänftigen."
Baker nickte und kratzte sich am Kopf: „Ich danke ihnen, für ihre Kooperationsbereitschaft, Sally. Allerdings hat sich mit diesen Informationen", er nickte mit dem Kopf in Richtung Lisa: „ein weiteres Ziel hervorgetan. Wir haben zwei Überlebende im Nebel, die es zu retten gilt. Ich werde unverzüglich ein Team zusammenstellen, das sie da rausholen wird und sich bei der Gelegenheit hoffentlich auch gleich um den Entitus kümmert." Er stieß triumphierend eine Faust in die Luft: „Nach zehn Jahren sind wir so nah wie noch nie. Sally, ich brauche alle Informationen, die sie mir über das Gelände innerhalb des Nebels geben können."
Sally schaute kurz zu den Überlebenden und antwortete dann: „Ich fürchte ich kann ihnen nicht weiterhelfen. Der Nebel unterliegt den Launen des Entitus und die Landschaft verändert sich nach seinem Willen. Ich habe leider keine Ahnung, welche Situation ein Team vorfinden wird."
Baker schaute zu Lisa, dann zu Meg und schließlich zu Philip, bevor er sagte: „Dann müssen wir eben blind reingehen. Wie lange dauert es, bis ihre Runen uns einen Weg öffnen, Lisa?"
„Gar nicht lange", kicherte die Hexe: „Aber wir müssen zwischen den Bäumen sein. Und den Zauberraben können nur jene finden, die ihn schon Mal gesehen haben."
„Was bedeutet das?", fragte Baker und schaute fragend zu Sally. Die wandte sich an Lisa: „Heißt das, das nur wir zurück in den Nebel können?"
Lisa nickte.
„Also die, die schon mal da waren?"
Lisa nickte erneut.
„Bist du dir sicher?"
Lisa nickte zum dritten Mal und Sally sank in den Stuhl zurück. Stille breitete sich aus und einige wechselten mutlose Blicke. Baker schlug frustriert mit der Faust auf den Tisch, bevor Sally plötzlich verkündete: „Dann werde ich hineingehen."
Philip trat sofort nach vorne und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Sally, weißt du überhaupt, was du da tust? Wir sind gerade erst entkommen und du willst schon wieder zurück."
„Nein, ich will ganz und gar nicht zurück", antwortete Sally: „Aber ich muss. Die beiden, Jake und David, sie brauchen meine Hilfe, wenn sie lebend aus dem Nebel entkommen sollen." Sie richtete ihren Blick auf Meg: „Das schulde ich ihnen."
„Sally, hör mir zu…"
„Kannst du mich reinbringen, Lisa?", fragte Sally und wandte sich an die Hexe. „Lisa kann", antwortete diese und nickte eifrig: „Aber dann muss Lisa mitgehen, sonst kommt ihr nicht mehr heraus."
„Ich wäre dir dankbar", sagte Sally, doch Lisa winkte ab: „Ah, kein Problem. Die Runen werden meine garstige Haut schon zu schützen wissen."
„Sally", setzte Philip erneut an: „Denk noch mal darüber nach."
„Muss ich nicht", antwortete Sally: „Ich bin ihre einzige Hoffnung, Philip. Oder besser gesagt, wir."
Philip sah sie kurz an und schloss dann die Augen. Man konnte förmlich sehen, wie er von innerlichen Konflikten zerrissen wurde. „Sally, ich… Ich bin gerade erst zu meiner Familie zurückgekehrt… Ich…"
„Natürlich", nickte die Krankenschwester: „Ich verstehe. Mach dir nichts draus. Wir kommen schon zurecht."
„Nein, ihr…", Philip schaute zu Jade, die mit besorgtem Blick an einer Wand stand: „Ihr… Ihr könnt da drin jede Hilfe brauchen." Zähneknirschend verschaffte er seinem Frust Luft: „Ich kann euch nicht einfach alleine lassen. Wenn ihr nicht mehr rauskommt… Das würde ich mir nie verzeihen."
„Ist schon in Ordnung", beschwichtigte ihn Sally: „Deine Familie braucht dich auch. Ich weiß, wie wichtig dir das ist."
„Nein", widersprach Philip und drehte sich dann zu Jade um: „Jade, ich… Ich kann sie nicht alleine zurückgehen lassen. Ich hoffe du verstehst…"
Jade nickte stumm.
„Sie brauchen mich", erklärte Philip: „Sie brauchen jeden Mann."
„Dann werde ich auch mitgehen!" Alle drehten sich zu Meg um und Claudette griff sofort nach ihrem Arm: „Nein, wirst du nicht. Meg, spinnst du jetzt? Was willst du denn da drin im Nebel? Das ist viel zu gefährlich!"
Sally stand Claudette sofort zur Seite: „Sie hat recht, Meg, das ist keine gute Idee. Evan und Herman sind gefährlich. Und wo Max ist, wissen wir auch noch nicht."
„Du hast doch selbst gesagt, dass ihr jede Hilfe gebrauchen könnt.", entgegnete die Athletin: „Ich war lange genug im Nebel, ich weiß mir schon zu helfen."
„Meg, Evan und Herman sind gefährlich. Uns tun sie vielleicht nichts, aber wenn sie dich sehen…"
„Schau dir Lisa an", rief Meg und stand auf: „Eure Killerfreunde lassen nicht mehr mit sich reden. Hier stehen zwei Leben auf dem Spiel. Jake und David."
„Und was willst du tun?", erwiderte Claudette und stand ebenfalls auf: „Den Lockvogel spielen und sie ablenken?"
„Wenn es sein muss. Es hat früher schon funktioniert", sagte Meg grimmig und Claudette packte sie nun mit beiden Händen am Arm. „Meg, soweit wir wissen haben wir keine zweiten Chancen mehr im Nebel. Wenn sie dich kriegen, dann bist du tot. Das kann nicht dein Ernst sein."
Meg drehte den Kopf und schaute Claudette in die Augen: „Ist es. Und wenn die Killer Jake und David bereits gefangen haben, dann hilft es vielleicht auch jemanden dabeizuhaben, der sich an ihnen vorbeischleichen kann."
„Ich hasse es", sagte Sally langsam: „Aber Meg hat nicht ganz unrecht."
„Ich werde euch auch begleiten", sagte Nea plötzlich. Claudette Blick schoss nun schnell zwischen ihr und Meg hin und her. „Nea, bitte! Ihr… wisst ihr überhaupt, auf was ihr euch da einlasst?"
„Eine Jagd", sagte Nea. Claudette suchte kurz nach Worten, fand aber keine. Hilfesuchend sah sie zu Feng.
„Claudette hat recht", schaltete sich die Asiatin ein: „Ihr… Ihr könntet euer Leben dabei verlieren."
„Jake und David werden ihre Leben verlieren, wenn wir nichts tun", entgegnete Nea und Meg fügte hinzu: „Wir beide waren immer schon die besten Läufer im Team. Wir schaffen das schon. Außerdem…" Sie zog eine betrübte Miene „Außerdem gibt es in dieser Welt sowieso niemanden, der auf mich wartet."
Feng schlug erschrocken die Hand vor den Mund und Claudette griff nach ihrem Arm: „So was darfst du niemals sagen. Gar nicht mal denken. Wir alle hier", sie schaute in die Runde: „Wir alle würden auf dich warten."
Meg folgte Claudettes Blick. Sie schien nicht überzeugt.
„Wie auch immer", sagte sie: „Ihr könnt mich von meinem Entschluss nicht abbringen. Ich gehe mit in den Nebel."
„Ich auch", fügte Nea hinzu. Claudette sah hilflos zwischen den beiden hin und her, bevor sie schlussendlich seufzend zu Boden sah. Nea ergriff derweil das Wort und fragte: „Was machen wir eigentlich mit Anna? Kommt sie auch mit?"
„Wenn sie will", sagte Sally: „Ich bringe sie nur ungern in Gefahr, aber Anna könnte sich als nützlich erweisen. Und damit meine ich vor allem ihre Axt."
Nea drehte sich zu Anna um und sagte ihren Namen. Die Jägerin wurde sofort hellhörig und sah auf. Sie hatte natürlich so gut wie gar nichts von der Unterhaltung verstanden und war bisher leise summend in einer Ecke gesessen. Jetzt stand sie auf und machte einen Schritt auf Nea zu.
„Wir wollen zurück in den Nebel gehen", sagte Nea auf Russisch: „Ich, Meg, Sally, Lisa und Philip. Wir wollen unsere Freunde retten. Begleitest du uns?"
Anna sah sie mit schiefgelegtem Kopf an und schien zu überlegen.
„Wir könnten deine Kraft gebrauchen", fügte Nea hinzu, woraufhin die Jägerin vor ihr in die Hocke ging und fragte. „In Nebel kämpfen?"
„Vielleicht", nickte Nea: „Wahrscheinlich schon. Es könnte gefährlich werden."
„Anna mitgeht", sagte die Jägerin: „Anna helfen."
„Sie wird uns begleiten", verkündete Nea und drehte sich zu Sally um. Die Krankenschwester nickte und stemmte dann die Arme in die Hüften. Somit wäre das geklärt. Ich, Lisa, Anna, Philip und ihr beide. Lisa, wann kannst du uns reinbringen?"
„So schnell, wie ich die Runen zeichnen kann", antwortete die Hexe: „Aber wir müssen im Wald sein. Sonst wird´s nicht funktionieren, nein, nein. Der Zauberrabe zeigt sich nur im Wald und da müssen wir hin."
„So sehr ich ihren Tatendrang zu schätzen weiß", mischte sich Baker nun ein: „Heute Abend starten wir keine Aktion mehr. Glauben sie mir, sie sollten sich ausruhen, bevor sie zurück in den Nebel gehen. Ich weiß, dass die Zeit drängt, aber sie werden niemanden retten, wenn sie da drin vor Erschöpfung zusammenbrechen." Sally schaute ihn kurz an und sagte dann: „Sie haben recht."
„Schlaft eine Nacht lang", rief Baker und schaute zu Meg und Nea: „Vor allem ihr zwei. Normalerweise würde ich keine Zivilisten auf eine solche Mission schicken, aber ich fürchte, unsere Personalauswahl ist in dieser Sache etwas knapp. Morgen früh geht's los."