Eine lange Nacht
Ein weiteres Mal starrte Meg lustlos auf ihren Teller. Eine ordentlich Portion Reis türmte sich dort neben einem gut durchgebratenen Kalbsschnitzel, alles in einer köstlichen Soße. Elizabeth kannte sich aus in der Küche, das musste man ihr lassen. Und trotzdem musste sich Meg zu jedem Bissen durchringen.
Sie schaute in die Runde. Am Tisch saßen neben Meg, die Fairfields sowie Feng Min, die ebenfalls über die Nacht bleiben würde. Genau wie Meg hatte sie kein Zuhause in der Nähe und war mehr als froh, die Gastfreundschaft der Fairfields in Anspruch nehmen zu dürfen. Ace hatte sich vor dem Abendessen verabschiedet, ebenso Nea und Claudette. Man würde sich am nächsten Morgen wieder treffen. Jade war vom Sheriff und seinen Beamten nach Hause gefahren worden, Philip war ihr wenig später gefolgt. Anna saß hinter Meg in einer Ecke und summte leise ihr Schlaflied, Lisa hatte es sich wieder auf der Couch gemütlich gemacht, wohingegen Sally mit den anderen am Tisch saß. Allerdings nicht um an der Mahlzeit teilzunehmen, ihre Energie schien die Krankenschwester nicht aus Nahrungsmitteln zu ziehen. Im Gegensatz zu Anna, die drei Steaks auf einmal verdrückt hatte.
„Du solltest etwas essen, Meg", sagte Sally freundlich und unterbrach die unangenehme Stille. Meg sah kurz zu ihr auf und nickte. Eine Antwort ersparte sie sich. Niemand sagte etwas, doch alle teilten denselben Gedanken: der morgige Tag.
Meg und Nea würden mit den Killern zurück in die Nebel gehen, auf eine Mission, die hoffentlich mehr Leben retten als fordern würde. Beim Gedanken daran drehte sich Meg vor Angst der Magen um und beinahe wäre das bisschen, das sie bereits zu sich genommen hatte, wieder hochgekommen. Sie war nicht lebensmüde, auch wenn sie mit ihrer gestrigen Aussage wohl einige der Überlebenden davon überzeugt hatte. Immer noch hatte sie schreckliche Angst vor dem Tod und auch vor dem Schmerz, der ein Spezialgebiet des Entitus zu sein schien, doch sie war entschlossen Jake und David zu retten. Meg war eine der wenigen, die zurück in die Nebel konnten und noch dazu gehörte sie zu der nochmal kleineren Gruppe jener, die dort auch etwas ausrichten konnte. Dwight und Claudette wären zweifellos Ballast am Bein der Killer, ebenso Feng und Ace. Jake hätte sich vielleicht als nützlich erweisen könne, aber dummerweise war er einer der beiden, die gerettet werden mussten. Hastig schlang Meg das Essen hinunter und kündigte dann an, ins Bett zu gehen. Alle Blicke folgten ihr, während sie das Wohnzimmer verließ und auf die Treppe zuging.
Wenig später befand sie sich im Gästezimmer und setzte sich auf das Bett, das sie sich mit Feng teilen würde. Meg schaute auf ihre Hände. Sie zitterten und es kostete die Athletin allerhöchste Anstrengung ihre Finger auch nur für einen Moment ruhig zu halten. Sie erinnerte sich an das mentale Training, dass ihr Coach ihr gezeigt hatte.
Vor einem Wettkampf war es wichtig, sich zu konzentrieren, alle anderen Gedanken aus dem Kopf zu verbannen und alle geistige Energie auf eine einzige Sache zu lenken. Ein tiefes Luftholen. „Du schaffst das." Ihre Hände zitterten noch immer und auch ihr Atem wollte nicht ruhig hervorströmen. „Du schaffst das. Du kannst das." Meg legte den Kopf in die Hände und schloss die Augen. Sie konzentrierte sich auf den Ton, den die in ihre Lungen einströmende Luft verursachte. Er war stoßartig und unkontrolliert. „Du kommst wieder raus." Sie straffte ihre Schultern. „Du bist bereits entkommen." Sie bemerkte, dass sie mit ihren Füßen nervös auf den Boden tappte und zwang sich aufzuhören. „Du kannst es wieder tun." Megs Atem beruhigte sich langsam und als sie wieder auf ihre Finger sah, hatte das Zittern beinahe aufgehört. Beinahe. „Du schaffst das."
Die Türklinke wurde nach unten gezogen und Meg sah auf, erschrocken von dem plötzlichen Ton. Fengs Gesicht kam im Spalt zum Vorschein und sie lugte kurz ins Zimmer bevor sie eintrat.
„Hi Meg", flüsterte sie mit ihrer piepsigen Stimme. Meg nickte ihr zu und legte den Kopf wieder in die Hände. Das Zittern war zurückgekehrt, doch sie wollte es niemandem zeigen. „Hallo"
Die kleine Asiatin schloss behutsam die Tür hinter sich und durchquerte dann das Zimmer. Sie setzte sich neben Meg aufs Bett und wartete einen Moment, bevor sie sagte. „Ist alles in Ordnung?"
Meg sah auf und schaute kurz zu ihr hinüber. Dann antwortete sie: „Ja, ja, alles bestens. Ich… ich sollte schlafen gehen."
Feng nickte und begann sich zu entkleiden. Meg schaute ihr einen Moment lang gedankenverloren zu, bevor sie es ihr gleichtat. Die kleine Asiatin legte sich zuerst ins Bett, das gerade so genug Platz für die beiden Mädchen bot. Außerdem hatte Elizabeth ihnen eine zweite Decke zu Verfügung gestellt. Meg zog sich die letzte Socke vom Fuß und löschte dann das Licht. In der Finsternis tastete sie sich durchs Zimmer und legte sich anschließend neben Feng, die ihr großzügig viel Platz überließ.
Müde ließ die Athletin den Kopf in ihr Kissen sinken und schaute gerade nach oben. Es dauerte einen Moment, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und sie langsam wieder die Konturen des Raums erkennen konnte. Nach einer Weile fuhr ein Auto auf der Straße vorbei und Meg konnte das Brummen des Motors durch das geschlossene Fenster hören. Kurz flutete das Licht der Schweinwerfer durch die Vorhänge, als das Fahrzeug eine Kurve erreicht. Dann entfernte sich das Geräusch und wieder kehrte Stille ein.
Leise, kaum hörbar, folgte Fengs Atem einem regelmäßigen und ruhigen Rhythmus, der Meg schläfrig werden ließ. Sie hörte den behutsamen Luftzügen eine Weile zu, während sie den Hauch eines Dufts registrierte. Meg war Feng selten so nahe gewesen und es dauerte einen Moment, bis sie erkannte, dass der Duft von ihr ausging. Es war kein schlechter Duft, auch kein intensiver oder überaus angenehmer. Er war einfach da, wie ein Ton, den man erst hörte, sobald alle anderen Instrumente verstummten. Und er gehörte zu Feng.
Meg versuchte die Augen zu schließen, doch es wollte ihr nicht gelingen. Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie sie zur Decke starrte und sich ihre Gedanken unerwünschte Pfade entlangstahlen. Der Entitus geisterte in ihrem Kopf umher und ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Der Nebel kam immer näher und vor ihrem geistigen Auge konnte Meg die hochaufragenden Mauern des MacMillan Anwesens erkennen. Ein kalter Mond stand über der Szenerie und die absolute Absenz jeglicher Winde ließ die Luft schwer und stickig auf den Lungen lasten. Jakes Gesicht tauchte auf, dann Davids und plötzlich das ihrer Mutter.
Meg zwang sich erneut, die Augen zu schließen und drehte sich auf die Seite, doch je stiller es in der echten Welt wurde umso wilder und schauriger ging es in ihrem Kopf zu. Da waren Kornfelder. Und ein Geräusch in der Distanz, grausam und kreischend. Eine Kettensäge. Sobald Meg die Bilder verjagte, tauchten neue auf. Ein Sumpf, dunkel und unerbittlich. Die Moore zogen sich bis weit in die Ferne und kein Ende war in Sicht. Hier und da ein hölzerner Steg, längst verrottet und verfault, wie alles andere auch. Nebelfetzen und hohe Grasbüschel, krächzende Krähen. Die Silhouette eines Dampfschiffes zwischen den Schwaden. Dann… Schritte. Jemand folgte ihr. Eine Hexe, mit schwarzer Haut und spitzen Zähnen. Nein, Lisa war ihre Freundin. War sie das?
„Meg?"
Die Athletin erwachte aus ihrem Halbschlaf und öffnete wieder die Augen. Sie drehte fast unmerklich den Kopf und spähte aus den Augenwinkeln zu Feng. Hatte sie ihren Namen gesagt?
„Bist du noch wach?", flüsterte die Asiatin nach einem kurzen Moment und Meg antwortete, ebenfalls flüsternd: „Ja" Es dauerte eine Weile, in der keines der beiden Mädchen etwas sagte. Die Nacht war dunkel und in der Finsternis schien keine Eile zu bestehen.
„Ich wollte dir nur sagen", hauchte Feng: „Du bist großartig"
Meg blieb für einen Moment regungslos, bevor sie sich umdrehte und auf die andere Seite legte. Sie stützte sich mit dem rechten Ellbogen am Kissen ab, sodass sich ihr Gesicht etwas über der kleinen Asiatin befand. Feng lag auf dem Rücken und starrte an die Decke, genau wie Meg selbst vor kurzem. Wieder verstrich ein kurzer Moment der Stille, in dem beide Mädchen nur ihre gegenseitigen Atemzüge hören konnten. Schließlich drehte Feng leicht den Kopf und schaute Meg direkt in die Augen.
„Ich will, dass du weißt, dass ich auf dich warten werde."
„Was?"
„Du hast gesagt, es gibt in dieser Welt niemanden für dich", antwortete Feng. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Windhauch und die Worte versanken in der Dunkelheit. Bestimmt waren sie ohnehin nur für eine Person. „Ich werde da sein. …wenn du willst."
Meg lehnte sich in Fengs Richtung und legte einen Arm um das Mädchen. Sanft berührten sich ihre Köpfe an der Stirn. Nach einem kurzen Moment kam Feng ihr entgegen und schmiegte sich an die Athletin. Meg konnte den Herzschlag des anderen Mädchens spüren und fühlte den Hauch eines behutsamen Atemzugs an ihrem Hals. Schützend legte sich die Dunkelheit um die beiden.
„Das…", Meg war immer schon eine Niete darin gewesen ihre Gefühle auszudrücken: „Das bedeutet mir sehr viel." Wieder sah sie den Sumpf vor ihren Augen, doch er war nicht mehr kalt und abweisend. Er konnte ihr nichts mehr anhaben. Plötzlich trug sie ein Licht in ihrem Herzen, dass sie von ihnen heraus wärmte. Es war klein und schwach, flackerte im Wind, doch einmal entzündet wollte es nicht mehr ausgehen.
„Du zitterst ja", stellte Feng flüsternd, doch besorgt fest. Meg konnte es selbst fühlen, doch sie zog die Asiatin nur noch näher an sich heran, während sie aus einer Fülle an Energie schöpfte und sich schon bald wieder beruhigt hatte. Nach einer Weile lösten sich die beiden wieder voneinander und Meg sank zurück in ihre Kissen. Wieder starrte sie an die Decke und auch Feng richtete den Blick nach oben.
„Hast du Angst?"
„Ja"
Meg konnte eine Bewegung zu ihrer Rechten spüren. Vorsichtig suchten Fengs Finger nach den ihren und es dauerte einen Moment, bis sie sich ineinander verschränkten. Die Verbindung entfachte eine wohltuende Wärme in Megs Brust und jagte alle bösen Gedanken endgültig davon. Die Umrisse des Raumes verschwanden erneut und für eine lange Zeit hörte Meg nur ihr eigenes Herz.
Dann wachte sie auf. Verschlafen Sie legte den Kopf auf die rechte Seite und sah die Silhouette eines Mädchens neben ihm im Bett liegen. Fengs Atem war beständig und regelmäßig, sie war in tiefen Schlaf versunken. Das Zimmer war immer noch dunkel und fahles Mondlicht schimmerte durch die Vorhänge. Mit einem Knopfdruck brachte Meg die Anzeige des Weckers auf dem Nachtkästchen dazu, hell aufzuleuchten. Es war zwei Uhr morgens. Seufzend ließ sie sich ins Kissen zurückfallen.
Wiederum fand sie sich an die Decke starrend, doch dieses Mal war ihr Kopf vollkommen leer. Keine Gedanken, keine Freude, keine Trauer, nur ein kleines, lauerndes Quäntchen Furcht, das bei der kleinsten Berührung in eine Panik zu explodieren drohte. Meg versuchte sich abzulenken, die Augen zu schließen und sich zurück in die Traumwelt zu begeben. Es gelang ihr nicht. Ihre Decke fühlte sich unangenehm warm an, ihr Kissen schien kratzig um den Kopf zu schleifen und die Stille drückte unbehaglich auf die Ohren.
Schließlich gab Meg auf und schwang die Beine aus dem Bett. Ihre nackten Fußsohlen trafen auf den kühlen Holzboden und für einen Moment fröstelte sie. Eilig hob sie ihren Pullover vom Boden auf und schlüpfte hinein, was fürs erste eher kalt und unangenehm war, sich jedoch in Kürze ändern würde. Sie dreht den Kopf und schaute über die Schulter zu Feng.
Die Gesichtszüge des Mädchens waren so ruhig, so entspannt und friedfertig wie es nur unglaublich talentierte Maler oder der Schlaf darzustellen vermochten. Eine Strähne ihres schwarzen Haars war Feng ins Gesicht gerutscht und wiegte leicht im Strom ihres Atems hin und her. Ein kaum wahrzunehmendes Zucken fuhr über ihre Schläfe und ließ die linke Augenbraue kurz nach oben springen. Es war nur ein Hauch, eine Andeutung, doch Meg hatte es gesehen und fragte sich, ob Feng gerade einen Alptraum durchlitt. Mit einem Blick auf ihr friedliches Gesicht, stellte die Athletin fest, dass dem nicht so sein konnte. Behutsam beugte sie sich zu der Asiatin hin und strich ihr vorsichtig die Strähne aus dem Gesicht.
Dann stand sie auf. Feng hatte ihr Vertrauen und Zuversicht geschenkt, doch sie verdiente ihren Schlaf. Meg durfte sie nicht aufwecken, nur weil sie sich einsam fühlte. Langsam trat sie ans Fenster, neben dem sich eine Glastür befand, die hinaus auf eine Terrasse führte. Das Haus der Fairfields war groß und ein Balkon verband das Gästezimmer mit Dwights. Meg zog den Vorhang zur Seite und schaute hinaus auf die Straße. Für einen kurzen Augenblick fürchtete sie, das hereinflutende Licht der Straßenlaternen würde Feng aus dem Schlaf reißen, doch ihre Sorge erwies sich als unbegründet.
Megs Blick fiel auf Neas IPod, den die Schwedin ihr vor zwei Tagen gegeben hatte und der nun auf einem Schrank lag. Nea hatte wohl gedacht, etwas Musik könnte sie ablenken, ihre Angst lindern und den Schmerz betäuben. Zumindest für eine Weile.
Einen Versuch war´s wert, dachte Meg und schnappte sich das Gerät zusammen mit einem Paar on ear Kopfhörer. Dann zog sie langsam die Glastür auf und trat hinaus auf den Balkon. Wenn sie schon mitten in der Nacht Musik hören wollte, dann musste sie das nicht in einem Schlafzimmer tun.
Vorsichtig setzte Meg einen Fuß auf den steinernen Balkon und merkte, dass der Boden wärmer war als erwartet. Die Windstille Luft war zwar kühl, doch es fühlte sich nicht unangenehm an. In ihren Hoodie geschmiegt schritt Meg vollständig auf die Terrasse hinaus und schloss vorsichtig die Glastür, stets darauf bedacht möglichst keinen Lärm zu verursachen. Sie schaute nach rechts, wo sich Dwights Zimmer befand, dann nach links, wo eine weitere Glastür zurück ins Haus und in einen Flur führte. In keinem der Fenster brannte ein Licht, sie schien also niemanden geweckt zu haben.
Wortlos drehte Meg sich um und durchmaß den Balkon mit mehreren kurzen Schritten, bevor sie sich an der Vorderseite der Terrasse niederließ. Verspielt ließ sie die Beine über die Kante baumeln und lehnte sich mit dem Kopf gegen das Geländer. Die eisernen Stäbe drückten kalt gegen ihre Stirn. Gemächlich setzte sich Meg die Kopfhörer auf und fummelte dann kurz am IPod herum. Einen Moment später hatte sie es bereits geschafft, das Gerät zu aktivieren und ein kurzer Ladebildschirm tauchte auf dem Display auf, bevor sich eine Reihe an Liedern und Alben präsentierte.
Jedes der Musikstücke war mit einem Cover versehen und Meg scrollte unentschlossen durch das reichhaltige Angebot. Sie kannte keine einzige der Bands, doch bei allen schien es in Richtung Metal zu gehen. Typisch Schweden, dachte Meg, was war auch anderes zu erwarten? Auf einem der Bilder fiel ihr eine rothaarige Frau ins Auge, umringt von fünf schwarz gekleideten, grimmig dreinschauenden Typen.
Mit einem Finger tippte sie auf das Lied und im nächsten Augenblick erwachten die Kopfhörer zu summendem Leben. In langsamer Abfolge waren mehrere Akzente von Schlagzeug und Bass zu hören. Dann wurde die Musik mit einem Mal leiser und Spannung setzte ein, als eine hohe Frauenstimme die ersten Verse anstimmte. Wenig später gesellten sich alle anderen Instrumente wieder hinzu und das Stück nahm an Fahrt auf. Meg hatte mit dieser Art der Musik niemals viel am Hut gehabt, doch sie musste zugeben, das Stück hatte seinen Reiz.
Und was noch viel wichtiger war: es funktionierte. Zwar geisterte der Entitus immer noch durch ihren Kopf, doch die Noten der Instrumente schienen ihn langsam zurückzudrängen. Ihre Gedanken wurden durch die Musik in definierte Bahnen gelenkt, konnten nicht mehr wahllos umherirren und verfingen sich somit nicht mehr in den Fängen des Nebels.
„Believe yourself and look away, from all that´s right within you!"
Intuitiv fingen Megs Beine an im Takt der Musik vor und zurück zu schaukeln. Ihr Herzschlag glich sich an den Rhythmus an und auch ihr Atem wurde regelmäßiger, fließender.
„Leave all your worries at the door and drift away!"
Die E-Gitarre lieferte eine Reihe schmutziger Riffs und machten dann dem Drummer Platz, der einen kurzen Übergang einmischte. Über allem dominierte jedoch die reine, klare Stimme der Sängerin, die sich mit den übrigen Instrumenten zu einem interessanten Kontrast vereinte.
„I´ve tried to peer into the core, but could not storm the sorrow!"
Eine Hand legte sich sanft auf Megs Schulter und erschrocken wich sie vom Geländer zurück. Hastig nahm sie Kopfhörer ab und drehte den Kopf um zu sehen, wer sich zu ihr gesellt hatte.
„Böse Träume?", fragte Sally, während ihre Hand auf Megs Schulter ruhte. Das Mädchen schüttelte erleichtert den Kopf. „Böse Gedanken"
Die Krankenschwester nickte wissend und ließ sich neben Meg auf den Boden sinken. Sie hatte die Beine angezogen und sich mit dem Rücken gegen das Geländer gelehnt, sodass sie in Megs genaue Gegenrichtung schaute. Langsam legte Sally den Kopf in den Nacken und richtete den Blick auf die Sterne. Nach einem kurzen Moment tat Meg es ihr gleich. Funkelnd standen die Himmelskörper wie unermüdliche Wächter am Firmament.
„Die Welt ist gefüllt mit wunderbaren Dingen"; flüsterte Sally: „Zu schade, dass wir die meisten erst erkennen, sobald sie uns verwehrt werden." Meg antwortete nicht und schaute wieder zurück auf die Straße. Die Stirn ließ sie erneut an den eisernen Stäben ruhen, doch nun waren sie nicht mehr kalt und abweisend. Die Athletin ahnte bereits worauf Sally hinauswollte.
„Du musst das nicht tun", sagte die Krankenschwester und drehte den Kopf zu Meg hin. Ihr stechender, unter weißem Stoff verborgener Blick haftete an dem Mädchen. „Du kannst dich immer noch anders entscheiden. Es ist keine Schande und ich würde es dir nicht übelnehmen. Im Gegenteil…"
„Ich habe meine Entscheidung getroffen", beharrte Meg mit entschlossener Stimme. Sally schaute sie kurz an und wandte sich dann wieder den Sternen zu. Ein Seufzer entfuhr der Krankenschwester und für eine Weile sagte keine der beiden ein Wort.
„Woher wusstest du eigentlich, dass ich wach bin?", fragte Meg und Sally senkte den Blick zurück auf die Athletin. „Anna hat dich gehört."
„Von unten herauf?
Sally nickte. „Der Entitus hat viele Teile ihres Körpers manipuliert, darunter auch die Sinnesorgane. Wenn jemand in diesem Haus herumgeht, egal wie vorsichtig er sich dabei verhält, dann bekommt sie das mit. Ich bin nachsehen gegangen, wir wollen schließlich keinen unerwarteten Besuch." Nach einer kurzen Pause fügte sie melancholisch hinzu: „Ich dachte mir bereits, dass ich dich antreffen würde."
„Angst und Schlaf sind keine Freunde", murmelte Meg und Sally pflichtete ihr schweigend bei. Ein kühler Wind hatte eingesetzt und verleitete die Blätter eines nahen Baums zu beinahe unmerklichem Rauschen.
„Ich weiß, ich bin wahrscheinlich die Letzte, von der du das hören willst", setzte Sally an: „Aber das mit deiner Mutter tut mir leid. Ich wünschte, du hättest bei ihr sein können."
Meg starrte weiterhin auf die Straße und ersparte sich eine Antwort. Die Laterne direkt vor dem Haus der Fairfields schien einen Defekt zu haben und nach einem kurzen Flackern erlosch das orange Licht. Finsternis legte sich wie verschüttetes Öl über den Gehsteig. Nach einem Augenblick wandte sich Sally von Meg ab und murmelte: „Ich… Ich hätte das nicht sagen sollen… Ich bitte um Verzeihung…"
„Schon in Ordnung", flüsterte Meg und machte eine abwinkende Geste. „Zum Zeitpunkt meiner Entführung war sie ohnehin schon lange Zeit krank. Ich hätte ihr sowieso nicht mehr helfen können."
„Vielleicht nicht", entgegnete Sally vorsichtig: „Aber ich wünschte, du hättest eine Gelegenheit bekommen, ihr Lebewohl zu sagen."
„Das habe ich", antwortete Meg und zum ersten Mal seit langem schlich sich ein ehrliches Lächeln auf ihr Gesicht. Sie blickte zu Sally. „Jeden Morgen, bevor ich zum Laufen aufgebrochen bin, bin ich zu ihrem Bett hingegangen und habe ihr einen Kuss gegeben. Jeden Morgen. Genauso wie sie es für mich lange Zeit getan hat." Meg schaute wieder auf die Straße. „An jenem Tag dachte ich, sie würde schlafen. Geküsst habe ich sie trotzdem. Auf die Stirn. Genau hier." Die Athletin hob einen Finger an ihren Kopf. „Vielleicht habe ich sie dadurch auch aufgeweckt. Ich weiß es nicht. Jedenfalls wollte ich mich bereits zum Gehen wenden, da hat sie mich noch zurückgerufen. Sie wollte mir etwas sagen. Etwas, das sie mir jeden Morgen sagte. Und trotzdem war es jedes Mal einzigartig… Ich liebe dich." Meg legte eine kurze Pause ein und versank in Gedanken. „Das ist meine letzte Erinnerung an sie. Ihre letzten Worte an mich."
Sally nickte: „Eine schöne Erinnerung"
„Andere Verwandte habe ich leider nicht", sprach Meg weiter: „Mein Vater ist kurz nach meiner Geburt abgehauen, ich kann mich nicht einmal an sein Gesicht erinnern. Und meine Großeltern sind schon lange tot."
„Das tut mir leid."
Meg schüttelte den Kopf: „Muss es nicht. Die Liebe meiner Mutter war mir immer mehr als genug." Sie lenkte ihren Blick nach unten auf den Rasen, der das Haus der Fairfields von der Straße trennte. Er sah so ordentlich aus, so unnatürlich. „Hast du eigentlich eine Familie?"
Sally sah kurz zu Meg und legte dann den Kopf in den Nacken. Ihr Blick fuhr wieder zu den Sternen und für eine lange Zeit saß sie nur stumm da. Meg rechnete bereits nicht mehr mit einer Antwort, als Sally flüsterte: „Sein Name war Andrew. Er hat uns ein Haus gebaut und gemeinsam wollten wir eine Familie gründen. Niemals kannte ich einen liebevolleren Menschen als ihn. Er war Holzfäller, hat für mich gesorgt und wollte dasselbe für unsere Kinder tun." Die Krankenschwester seufzte. „Leider kam es nie dazu. Eines Tages stand sein Vorarbeiter vor meiner Tür und hat mir eine traurige Nachricht überbracht."
Meg hörte aufmerksam zu. Sie hatte sich nie sonderlich Gedanken über die Personen hinter den Killern gemacht, zumindest bis Lisa heute Abend ihre Geschichte erzählt hatte.
„Er ist gestorben?", fragte Meg und Sally nickte bitter. „Von einem Baum erschlagen."
„Was hast du dann getan?"
„Nun, meine Kinderträume waren vorüber. Ich wusste, dass ich mich nie wieder einem Mann würde hingeben können, ihn lieben wie ich Andrew geliebt hatte. Und somit stand ich alleine da, ohne Ausbildung, ohne Arbeit, ohne Ehemann. Wir waren erst vor kurzem in die Gegend gekommen, sind von England in die Staaten gezogen. Ich hatte keine Freunde. In meiner Verzweiflung wandte ich mich an die einzigen, die mich nehmen würden." Sally drehte ihren Kopf zu Meg. „Die Ärzte des Crotus Prenn Asylum. Sie gaben mir eine Arbeit als Pflegerin. Das bedeutete lange Nächte und kaum Bezahlung, aber ich sah keinen anderen Ausweg."
„Das Crotus Prenn Asylum", murmelte Meg: „Davon habe ich doch gelesen. War das nicht eine Irrenanstalt?" Sally nickte. „Das war es. Oder zumindest nannte man es so. Aber ich habe schnell erkannt, nein, ich habe bereits vorher gewusst, dass das Asylum nichts weiter als ein Gefängnis für all jene Tragödien war, deren Anblick die Gesellschaft nicht ertragen wollte. Eine Sammelgrube für die niedrigsten aller menschlichen Kreaturen. Eine Oase des Wahnsinns."
„Das klingt furchtbar."
„Das war es auch. Ich habe damals den untersten Rang einer Pflegerin erhalten und zwanzig Jahre lang hat sich niemand mehr um mich gekümmert. Die Menschen, die dort eingesperrt waren… viele von ihnen hatten nichts Böses getan und wurden für ihre Fehler, für die sie nichts konnten, mit Abschottung und Isolation bestraft. Unter menschenunwürdigen Zuständen vegetierten sie in eiskalten Zellen vor sich hin.
Ein Ort wie dieser verdunkelt nach einer Weile den Verstand, betäubt ihn und vergiftet die Gedanken. Viele der Patienten suchten nach einem Verantwortlichen für ihre unerklärliche Pein, aber wenn sie auch nur einen Finger gegen die Ärzte erhoben, wurden sie umgehend grausamen Disziplinarmaßnahmen unterzogen. Elektroschocks, Spritzen, Medikamente. Die Pflegerinnen auf der anderen Seite, die oftmals nächtelang vollkommen alleine für einen gesamten Block zuständig waren…"
Sally nahm einen tiefen Atemzug, als sie die Erinnerungen heraufbeschwor.
„Sagen wir einfach, dass niemand einem nächtlichen Hilfeschrei aus einer Irrenanstalt sonderlich viel Beachtung schenkt. Nach einem ersten Zwischenfall habe ich mir vor so mancher Nachtschicht vor Angst die Seele aus dem Leib gekotzt. Aber ich war auf die Stelle angewiesen." Sie legte den Kopf in die Hände. „Ich… Ich habe jeden Tag Menschen brechen sehen, Meg, ihre Existenz aufgeben und vom letzten Hoffnungsschimmer ablassen. Ich fürchte, mit der Zeit habe ich selbst vergessen, auf welcher Seite der Gitterstäbe ich mich befand."
„Die Artikel, die ich gelesen habe", sagte Meg behutsam: „Die haben von einem Mord berichtet. Mehreren Morden. War… War das der Entitus?"
Sally brauchte eine Weile, bevor sie antwortete. Mit bitterer Stimme flüsterte sie: „Der Entitus hat mich noch am selben Morgen in den Nebel gezerrt. Aber für all die Toten ist er nicht verantwortlich zu machen."
„Du hast keinen anderen Weg mehr gesehen", stellte Meg fest. „Aber die ganze Geschichte… die ist doch schon über sechzig Jahre her. Wie lange…"
Sally seufzte und legte den Kopf auf die Knie. „Die Welt ist so anders, als ich sie in Erinnerung habe. Das Land hat sich verändert. Die Menschen haben sich verändert. Ich weiß nicht, wie lange ich im Nebel war. Welches… welches Jahr haben wir überhaupt?"
„Zweitausendsiebzehn", flüsterte Meg und Sally drehte den Kopf in Richtung der Innenstadt. Der Himmel rund um die hochaufragenden Gebäude war hell erleuchtet und keine Sterne waren über der Skyline zu sehen. „Zweitausendsiebzehn", wiederholte Sally und holte tief Luft: „Ein anderes Jahrtausend." Sie schaute wieder zu Meg. „Ich muss zugeben, an die Hautfarbe des Sheriffs musste ich mich erst gewöhnen."
Meg kicherte kurz und antwortete dann: „Würdest du mir glauben, wenn ich dir sagen würde, dass vor acht Jahren ein Schwarzer zum Präsident gewählt wurde?"
„Wirklich? Das sind ja interessante Neuigkeiten."
„Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, dass du eine Menge nachzuholen hast, Sally."
Die Krankenschwester nickte. „Dann fange ich am besten gleich damit an." Ihr Blick fiel auf den IPod in Megs Schoß. „Was ist das? Ich habe so etwas noch nie gesehen."
Meg hob das Gerät hoch und reichte es Sally. „Das? Das ist ein IPod."
„Funktioniert es mit Elektrizität?"
„Ja"
„Was macht man damit?"
Sally betätigte einen der Knöpfe und plötzlich leuchtete das Display hell auf, sodass sie überrascht eine Hand vors Gesicht hob.
„Man hört sich Musik an", erklärte Meg: „Mit diesen hier" Sie setzte Sally die Kopfhörer auf und verschob sie an die Stelle, an der sie ihre Ohren vermutete. Neugierig drehte Sally den Kopf hin und her, als sich die Lautsprecher auf ihr Gehör legten. Meg griff derweil nach dem IPod.
„Hier stehen die Lieder", sie zeigte auf die Liste: „Wenn du dich für eines entschieden hast, tippe es einfach an."
„Mit dem Finger?"
„Ja"
Sally schreckte kurz zurück, als plötzlich Musik aus den Kopfhörern hervordrang. Überrascht schaute sie kurz zu Meg, die sich ein belustigtes Grinsen nicht verkneifen konnte. Der Ton war so klar, so rein und viel präziser als sie es von den Radios ihrer Zeit in Erinnerung hatte. Und auch die Musik schien sich geändert zu haben.
„Was… was ist das für ein Instrument?"
„Welches?"
„Das… das Kreischende? Ist das eine E-Gitarre?"
„Ja, gab es die bei euch noch nicht?"
„Doch, aber damals klangen die anders. Nicht so… brutal"
„Das ist Neas IPod", erklärte Meg: „Sie steht auf etwas härtere Musik. Es nennt sich Metal, hat sich aus Rock entwickelt soviel ich weiß."
„Rock? Du meinst Rock´n´Roll?"
„Ähm, ja so ähnlich. Ich glaube, das war alles etwas nach deiner Zeit."
Sally hörte der Musik eine Weile schweigend zu.
„Gefällt´s dir?"
„Vielleicht. Ich weiß nicht. Es ist so brachial, so laut."
„Das ist der Sinn der Sache", sagte Meg: „Diese Musik soll brachial und laut sein, sodass man für einen Augenblick die Welt und alles rundherum vergisst. Aber diese Kopfhörer sind noch gar nichts, du solltest dir mal ein Konzert reinziehen. Auf den richtig Großen erreichen sie teilweise höhere Lautstärken als startende Kampfjets."
„Das ist aber sehr laut", staunte Sally: „Warst du schon mal auf so einem Konzert?"
„Nein", antwortete Meg: „Aber ich könnt mir vorstellen, dass Nea schon einige gesehen hat. Vielleicht nimmt sie uns ja zu einem mit, wenn das alles vorbei ist."
„Ich glaube nicht, dass mir diese Tür noch offensteht." Sally setzte die Kopfhörer ab und reichte sie Meg. „Ein normales Leben unter normalen Menschen… Aber wer weiß? Ich würde liebend gern mit euch auf ein Konzert gehen."
Meg nickte und es dauerte eine Weile, in der keine der beiden etwas sagte. Dann stand Sally schließlich auf. „Morgen wird ein harter Tag. Du solltest versuchen, etwas schlaf zu bekommen."
Claudette durchquerte die große Halle und sah nach oben auf die Tafel mit den ankommenden Flügen. New York, Washington… Montreal! Ihre Eltern waren also bereits gelandet und sollten nun jeden Moment aus einem der Terminals kommen. Zum Glück hatte Claudette noch den letzten Bus erwischt, sonst wäre sie wohl zu spät am Flughafen gewesen.
Heute Morgen hatte sie sich noch von Meg und Nea verabschiedet und ihnen viel Glück gewünscht. Die beiden Sturschädel waren nach wie vor dazu entschlossen gewesen, die Killer zurück in den Nebel zu begleiten und würden in Kürze genau das tun. Claudette sah auf die Uhr. Den Weg bis zu den westlichen Wäldern hatten sie sicher schon zurückgelegt und wenn Lisa gehalten was sie versprochen hatte, hatten sie diese Realität wahrscheinlich schon verlassen. Die Kanadierin schluckte einen Kloß in ihrem Hals hinunter und versuchte nicht an ihre Freunde zu denken. Es gab nichts, was sie tun konnte. Der Wald wurde von Beamten der Polizei und des FBI gesichert, die dem Team jede mögliche Unterstützung zukommen lassen würden. Eine ganze Abteilung an Ärzten und Einsatzkräften stand bereit für den Fall, dass einer von ihnen nach dem Trip medizinische oder gar psychische Versorgung brauchte, was leider wahrscheinlicher war, als Claudette wahrhaben wollte. Hoffentlich brachten sie Jake und David mit, ansonsten wäre das ganze Risiko umsonst gewesen.
Ein Schwall an Passagieren ergoss sich in die Halle und Claudette verließ die Welt ihrer Gedanken. Nervös schaute sie sich nach ihren Eltern um und entdeckte Familien, die sich freudig in die Arme fielen, Berufsreisende, die energisch telefonierend durch die Halle eilten und auch ein paar Touristen, die vergnügt plaudernd ihren Urlaub begannen. Am anderen Ende des Saals hielten einige Chauffeure Namenschilder in die Luft.
„Claudette!" Sie drehte den Kopf nach links um zu sehen von wo der Ruf gekommen war. Es war die Stimme ihrer Mutter gewesen und einen Augenblick später sah Claudette bereits ihre Eltern auf sie zulaufen. Louise war ihrem Ehemann um einige Schritte voraus und stürmisch schloss sie Claudette, die ihr entgegengerannt war, in die Arme, während Gabriel fast einen Passanten angerempelt hätte. Einen vorrübergehenden Passagier verleitete die Szene zu einem Lächeln, als Claudettes Vater sich der Umarmung anschloss.
„Ich bin so froh euch zu sehen", sagte Claudette in schnellem Französisch, bevor sie sich wieder voneinander lösten. „Wie war der Flug?"
„Unangenehm", antwortete Louise und betrachtete ihre Tochter mit Tränen in den Augen. „Du kennst doch deinen Vater, wenn er zu schnarchen anfängt." Gabriel grinste Verlegen über die Schulter seiner Frau hinweg und Claudette musste unwillkürlich lachen.
„Wir haben dich vermisst", sagte Louise: „Ich kann gar nicht ausdrücken, wie glücklich ich darüber bin, dich wieder in den Armen halten zu können. Meine kleine Claudette."
„Aber Louise, so klein ist dich schon lange nicht mehr", warf Gabriel ein.
„Stimmt, das ist sie nicht mehr." Sie zog ein bunt kariertes Stofftaschentuch hervor und putzte sich kräftig die Nase. „Wollen wir gehen? Ich mag keine Flughäfen."
„Sitzt er so gut?"
Nea nickte, doch sie konnte nicht sagen, dass ihr das Gefühl eines umgeschnallten Waffengürtels behagte. Sie hatte gehofft, es würde ihr Sicherheit verleihen, doch davon war leider keine Spur. Der FBI Agent gab ihr eine Pistole in die Hand.
„Hast du schon mal mit so einer Waffe geschossen?"
„Nein"
„Hier, ich zeig´s dir" Der Beamte stellte sich hinter sie: „Halte die Arme gerade, etwa so. Hier entsicherst du die Waffe. Solltest du sie nicht benötigen, muss dieser Hebel unbedingt nach unten zeigen. Du hast es mit einem kraftvollen und gefährlichen Werkzeug zu tun, als lass größte Vorsicht walten. Lege deinen Finger erst auf den Abzug, wenn du gleich darauf feuern willst. Um zu zielen, halte die Waffe so, dass sich das Korn genau auf dem Ziel und inmitten der Kimme befindet."
„So?" Sie richtete den Lauf der Waffe auf einen Busch am Waldrand.
„Ganz genau. Um zu feuern musst du nur noch abdrücken. Wenn das Magazin leer ist, bleibt der Schlitten hinten stecken und sobald du ein neues eingeführt hast, musst du ihn wieder nach vorne schnappen lassen. Alles klar?"
Nea schaute auf die schwarze Pistole in ihrer Hand und nickte langsam. „Ich glaube schon."
„Dann steck sie hier rein." Der Agent zeigte auf den Holster, der vom Gürtel unter Neas linkem Arm gehalten wurde, etwa auf halber Höhe ihres Oberkörpers. Sie tat wie geheißen und spürte sofort das zusätzliche Gewicht auf ihren Schultern, was ihre Nervosität eher verstärkte denn besänftigte. Sie schaute nach rechts, wo Meg gerade denselben Instruktionen unterzogen wurde und erkannte, dass die Athletin eine ähnliche Abscheu vor ihrer Waffe an den Tag legte.
„Hier sind deine Magazine", sagte der Agent und zog somit wieder Neas Aufmerksamkeit auf sich. Eilig schob er sie in die Halterungen an ihrem Gürtel. „Viel Glück"
Nea nickte mit einem bitteren Geschmack im Mund. Aus dem Augenwinkel konnte sie Benedict Baker sehen, der sich mit dem Sheriff und Agent Cage unterhielt. Etwas abseits davon saß Sally auf einem Baumstumpf und beobachtete die ganze Szenerie. Neben ihr hockte Lisa in der Wiese und spielte seelenruhig mit einem Schmetterling, während Anna hoch hinter den beiden aufragte und grimmig ihre Axt geschultert hielt. Leise summte die Killerin ihr Schlaflied. Philip hatte sich von den anderen Killern ein Stück entfernt und sprach mit seiner Familie, die gekommen war, um sich von ihm zu verabschieden.
Neas Eltern waren nicht anwesend. Als sie ihnen gestern ihre Entscheidung mitgeteilt hatte, wieder zurück in den Nebel zu gehen, war das Gespräch sofort in einen Streit eskaliert. Ihr Vater hatte noch am selben Abend versucht Kontakt mit Benedict Baker aufzunehmen und war erst nach einer Weile zu dem Abteilungsleiter durchgedrungen. Seine Versuche, den FBI Agenten dazu zu überreden, Nea die Teilnahme an der Mission zu untersagen, waren allesamt gescheitert. Iris hatte derweil unter Tränen versucht ihrer Tochter das Vorhaben auszureden, ebenfalls ohne Ergebnis. Nea hatte an ihrer Entscheidung festgehalten.
Heute Morgen hatten sie sich dann voneinander verabschiedet. Es hatte Nea krankgemacht, ihre Eltern in einer solchen Ohnmacht zurückzulassen und beinahe wäre sie auf dem Weg zu den westlichen Wäldern wieder umgekehrt. Aber nur beinahe. Jake und David brauchten ihre Hilfe. Meg brauchte ihre Hilfe.
„Hey", murmelte jemand und legte eine Hand auf Neas Schulter. Sie dreht sich um und erkannte Dwight, flankiert von Feng und Ace. „Seid vorsichtig da drinnen."
„Sind wir doch immer", antwortete Nea und versuchte sich an einem Lächeln. „Bisher waren es immer nur wir gegen einen von ihnen. Jetzt haben wir gleich vier auf unserer Seite. Wir schaffen das schon."
„Nea, ich will dich ja nicht demoralisieren", warf Ace ein: „Aber hast du dir schon mal überlegt, ob du ihnen wirklich vertrauen kannst? Was, wenn der Entitus die Kontrolle übernimmt, sobald ihr im Nebel seid. Dann seid ihr zwei alleine gegen vier von ihnen. Und irgendetwas sagt mir, dass euch diese Teile nicht großartig von Nutzen sein werden." Er nickte auf die Pistole an Neas Seite.
„Ich muss zugeben, der Gedanken ist mir auch schon gekommen", antwortete Nea bitter, doch dann straffte ich ihr Blick: „Aber es ist unsere einzige Chance, zurück in den Nebel zu gelangen. Wenn wir Jake und David retten wollen, müssen wir es versuchen."
Feng griff nach Neas Arm. „Passt auf euch auf." Sie drehte sich zu Meg, die gerade eben hinzugetreten war: „Ihr beide. Bitte."
„Wir kommen zurück", antwortete Meg: „Versprochen."
Bevor jemand etwas antworten konnte, trat Agent Cage zu ihnen hin und fragte: „Sind sie bereit?"
Nea und Meg wechselten einen kurzen Blick und nickten dann, auch wenn sie sich nicht im geringsten bereit fühlten.
„Folgen sie mir", sagte Cage und führte sie anschließend den Waldrand entlang, bis sie vor Benedict Baker zum Stehen kamen. Er hatte die Killer bereits um sich versammelt und nur Philip verabschiedete sich noch von seiner Familie, bevor er ebenfalls hinzutrat. Nea warf einen Blick auf die drei Frauen. Die Blonde hieß Jade, erinnerte sie sich. Sie war bildhübsch und Nea hätte sich nie träumen lassen, dass eine Monstrosität wie der Geist, jemanden wie sie zur Verwandten haben konnte.
„Wie ich sehe, sind alle bereit", rief Baker und klatschte nervös in die Hände: „Gehen wir noch einmal schnell den Plan durch. Ihre primäre Aufgabe besteht darin, die beiden vermissten Überlebenden aus dem Nebel zu befreien. Dabei sollten vor allem sie beide keine unnötigen Risiken eingehen." Er richtete seinen Blick auf Meg und Nea. „Setzen sie ihre Waffen nur zur Selbstverteidigung ein und versuchen sie jeden Kontakt mit Evan MacMillan, Herman Carter oder dem Entitus zu vermeiden. Die Aufgabe mit den anderen Killern zu verhandeln, sofern dies möglich ist, fällt Sally zu, was uns auch gleich zu ihren sekundären Zielen führt. Sollte sich ihnen eine Möglichkeit bieten, einen der Killer auf ihre Seite zu ziehen oder den Entitus zu eliminieren, dann haben sie meine Freigabe dafür. Allerdings halte ich sie erneut an, keine Risiken einzugehen. Überleben ist der Zweck dieser Operation."
Baker kratzte sich kurz am Kopf, bevor er fortfuhr.
„Leider haben wir keinerlei Informationen über das Gelände innerhalb des Nebels, es kann also gut sein, dass sie erst nach den beiden Überlebenden suchen müssen. Versuchen sie bei der Erkundung der Lage so vorsichtig wie möglich vorzugehen. Je länger sie ihre Anwesenheit verborgen halten können, umso besser. Im und um den gesamten Wald sind Agenten stationiert, die sich sofort um sie kümmern werden, sobald sie den Nebel wieder verlassen. Leider ist es uns nicht möglich, sie auf andere Art und Weise zu unterstützen." Er sah einmal in die Runde. „Ich wünsche ihnen viel Glück."
„Also, Lisa", wandte sich Sally an die Hexe: „Jetzt bist du dran."
„Lisa ist dran", bestätigte die bucklige Dame kichernd und zeigte mit dem Daumen auf den Wald. „Als erstes müssen wir zurück. Da rein."
Das Team setzte sich in Bewegung, begleitet von den anderen Überlebenden und einigen Agenten. Nea lief mit bleischweren Beinen neben Meg her und schaute wortlos zu, wie der Wald sie langsam verschluckte. Die Sonne stand hoch am Himmel, doch die ausladenden Äste der Bäume tauchten die Umgebung schnell in ein düsteres Halbdunkel. Den Blick nach oben gewandt, stolperte Nea über eine Wurzel und wurde von Ace vor dem hinfallen bewahrt. Murmelnd bedankte sie sich und schaute von da an auf den Weg vor ihr. Sally und Baker gingen mit Lisa zusammen voraus. Dahinter kamen Philip, der Sheriff und einige Agenten, gefolgt von Anna und den Überlebenden. Das Schlusslicht bildeten wieder einige Agenten. Nea kannte den Pfad, dem sie folgten und nach kurzer Zeit sah sie Annas Lagerfeuer zwischen den Büschen auftauchen.
„Wir sind da", kicherte Lisa und schlängelte sich durchs Unterholz. Die Hexe bewegte sich auffallend agil und machte wohl abgesehen von Sally, die den Boden gar nicht erst berührte, die wenigsten Geräusche. Alle schossen nervöse Blicke in die Umgebung und Meg spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen.
„Was jetzt?", fragte Sally, als Lisa sich vor den schwarzen Überresten des Lagerfeuers hinhockte. Die Agenten schwärmten derweil aus und bildeten wie aus Gewohnheit einen schützenden Kreis um das Team. „Jetzt folgen wir… den Runen", flüsterte Lisa und kicherte dann wieder. Mit einer langen Kralle fuhr sie in die Asche und hob anschließend einen Stein vom Boden auf. Gemächlich füllte sie die raue Oberfläche des Objekts mit einer Vielzahl an kleinen Symbolen und Zeichen. Dann ließ das Steinchen auf den Boden fallen und beobachtete, wie es ein Stück weit rollte.
„Da müssen wir hin", gackerte Lisa und zeigte in die Richtung. „Passt auf, der Zauberrabe ist im Anflug."
Alle folgten dem Blick der Hexe und nach einem Moment bemerkte Agent Cage: „Ich kann nichts erkennen. Hör zu, wenn du uns hier für dumm verkaufst…"
„Da", rief Dwight und zeigte auf einen Baumstamm. Schwarzer Nebel drang zwischen den Wurzeln hervor und schob sich langsam auf den Stein zu. Schwer und undurchdringlich kam er immer näher und näher heran.
„Was ist da?", fragte Baker: „Ich sehe nichts."
„Na dort" Nea zeigte in die Richtung der Nebelschwaden.
„Sie können ihn nicht sehen", stellte Sally fest und schaute dann zu Lisa, die wissend nickte. „Der Zauberrabe zeigt sich nur jenen, die ihn schon mal gesehen haben. Und er nimmt auch nur jene und niemand anderen."
Agent Cage und Benedict Baker wechselten einen verwirrten Blick, doch ihnen blieb nichts anderes übrig, als den Killern zu vertrauen.
„Ich schlage vor, ihr tretet einen Schritt zurück", sagte Sally zu Feng, die ihr sofort gehorchte. Dann wandte sie sich an Nea, Meg und die anderen Killer. „Jetzt ist es so weit. Lisa, was müssen wir tun?"
„Folgt mir einfach", antwortete die Hexe und spazierte in den Nebel, der sich mittlerweile zu einer Wolke aufgetürmt hatte. Im nächsten Moment war sie bereits verschwunden.
„Was zum Teufel?", rief Agent Cage und zog seine Waffe: „Wo ist sie hin?"
„Stecken sie die weg", kommandierte Baker und sah dann zu Sally. Diese atmete tief durch und machte dann Anstalten in den Nebel zu schweben. Bevor sie sich jedoch in Bewegung setzte fiel ihr Blick auf etwas in der Nähe des Lagerfeuers. Eilig bückte sie sich und hob das Objekt vom Boden auf, während Philip an ihr vorbei in den Nebel trat und ebenfalls verschwand. Ihm folgte Meg und kurz darauf Anna. Nea musste sich einiges an Überwindung abverlangen, bevor sie langsam auf den Nebel zuging. Gerade als sie mit dem Fuß in der schwarzen Wolke verschwand, drehte sie den Kopf und schaute zu Sally. Mit einem grauen Daumen fuhr die Krankenschwester langsam an der Schneide ihrer rostigen Knochensäge entlang.
