Die andere Seite

Meg hatte reflexartig die Augen geschlossen, als sie in den Nebel getreten war und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Das Rauschen des Windes verstummte und wurde langsam durch die dumpfe Stille des Nebels ersetzt. Die Luft wurde schwer und Megs Atemfrequenz erhöhte sich sprunghaft. Kurz bekam sie ein Gefühl, als würde sie ersticken. Dann schlug sie die Augen auf
Sie befand sich in einem Kornfeld, umgeben von Reihen hochaufragender Ähren und unter einem schwarzen Nachthimmel. Keine Sterne zierten das Firmament, nur der Mond. In der Ferne erkannte sie die Umrisse einer alten, wohlbekannten Eiche und einen Moment später stieg Meg der unausstehliche Gestank in die Nase.
„Woah, ich habe schon ganz vergessen, wie´s hier riecht.", rief sie und schlug eine Hand vor den Mund. Sie zog kurz an ihrem Waffengürtel, der unangenehm an ihrer Schulter hing und wartete auf eine Antwort. Es kam keine.
„Nea?" Meg drehte sich um und spähte ins Kornfeld doch sie konnte niemanden entdecken. Ihr Blick, schoss nach rechts, dann nach links. Sie war allein. Sofort begann ihr Herz zu rasen und sie fühlte, wie ihre Beine weich wurden. Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn und ihr Atem wurde zu einem stoßartigen Schnappen. „Nea?", rief sie erneut mit gedämpfter Stimme. „Nea? Sally?"
Keine Antwort.
„Fuck!"
Meg kniete sich auf den Boden und versuchte sich zwischen den Pflanzen zu verbergen. Tränen waren ihr in die Augen gestiegen und vor Panik konnte sie kaum klar denken. Sie war wieder im Nebel. Aber allein. Wo waren die anderen? Hatte es bei ihnen nicht funktioniert? Aber Lisa und Philip waren doch auch verschwunden. Was ging hier vor?
Ein entferntes Donnern erschütterte den Boden und Meg konnte gerade so einen Schrei unterdrücken. Was war das? Sie schaute nervös umher, aber konnte nicht erkennen, aus welcher Richtung das Geräusch gekommen war. Der Entitus war geschwächt. Vielleicht konnte er sein Reich nicht mehr zusammenhalten und nun brach es langsam auseinander. Meg war sich sicher, dass sie aus dem Nebel entkommen musste, bevor das passierte.
Aber wie?
Zitternd versuchte sie ihren Atem unter Kontrolle zu bringen. Sie war schon einmal aus diesen Felder entkommen, sie konnte es erneut schaffen. Alles, was sie tun musste, war klar denken und einen kühlen Kopf bewahren. Ihre Aufgabe war es Jake und David zu finden, sie wenn nötig aus den Fängen des Entitus befreien und dann aus dem Nebel zu entkommen. Lisa hatte sie hergebracht, Lisa konnte sie auch wieder zurückbringen.
Ganz ruhig, Meg, ganz ruhig. Tief durchatmen. Du schaffst das.
Wieder schaute sie sich um und versuchte Anhaltspunkte ausfindig zu machen, irgendetwas, das ihr verraten würde, in welche Richtung sie sich wenden sollte. Meg konnte absolut nichts erkennen, außer der Silhouette der Eiche in der Ferne. Dort würde sie ihre Suche beginnen und die Gegend erkunden, genau wie Baker es ihnen geraten hatte. Hoffentlich waren Nea, Sally und die anderen nicht zu weit entfernt herausgekommen. Meg betete, dass sie sich bald treffen würden.
Sie stand auf, versuchte ihre bebenden Beine zu straffen und machte sich dann leise auf den Weg in Richtung Eiche. Es war nicht anders als in den Jagden, sie musste sich so unauffällig wie möglich verhalten und jedes verräterische Geräusch vermeiden. Dieses Mal machte zwar kein Killer spezifisch Jagd auf sie, doch von Lisa wusste Meg, dass sich zumindest der Doktor und der Fallensteller noch im Nebel befanden. Sie hoffte inständig, dass der Entitus nichts von ihrer Ankunft mitbekommen und einen der beiden auf sie angesetzt hatte. Wenn einer der Killer sie erwischte, dann wäre ihr Abenteuer hier zu ende. Höchstwahrscheinlich für immer.
Die Athletin schauderte und wollte gar nicht daran denken. Mit einem Kopfschütteln wischte sie den Gedanken beiseite und zwang sich, ihre Aufmerksamkeit dem Pfad vor ihr zuzuwenden. Sie musste ihren Puls unter Kontrolle bringen. Meg begann bewusst ihren Atem zu regulieren und spürte, wie sich die Panik langsam aus ihren Gliedern zurückzog, zu kalter Angst und schließlich dumpfer Nervosität zusammenschrumpfte. Ihre Füße traten immer sicherer und auch wenn das Zittern nicht ganz vergehen wollte, so war sie doch wieder vollkommen Herrin über ihren Körper.
Als Meg die Eiche erreichte, fiel ihr Blick zuerst auf die Rinder, die verstümmelt und aufgeschlitzt von den Ästen baumelten. Dann schaute sie nach unten, wo sich eine kleine Mauer um den Baum zog und etwas Deckung bot. Dort, neben den aufgeschichteten Steinen stand ein Generator. Die übliche rote Färbung war einem dunklen Kohlschwarz gewichen, anscheinend von einer Stichflamme aus dem Inneren der Maschine. War es zu einem Kurzschluss gekommen?
Meg schaute sich kurz um, bevor sie die Maschine näher in Augenschein nahm. Sie erkannte sofort, dass der Zustand der Maschine jegliche Hoffnungen auf Reparatur zunichtemachte. Nicht, dass Meg Hand an das Gerät gelegt hätte, sie war schließlich nicht hier um Generatoren zu reparieren, doch sie fragte sich, ob es ohne die Maschinen noch andere Wege aus der Arena gab. Was, wenn sich Jake und David gar nicht hier befanden, sondern beispielsweise irgendwo in der Nähe des MacMillan Estate? Es bestand nur eine Möglichkeit das herauszufinden: Erkunden.
Meg wandte sich von der Maschine ab und näherte sich der Eiche. Sie wich einer tiefhängenden Kuh aus und lehnte sich dann an den Stamm des Baumes. Mit den Händen nach einem der Äste greifend zog sie sich ein Stück nach oben und verschaffte sich so einen Überblick über die umliegenden Kornfelder.
Es kam ihr so vor, als befände sie sich auf einer einsamen Insel, gestrandet inmitten eines Meeres aus Kornpflanzen. Schwere Nebelschwaden hingen in der Luft und trübten ihre Sicht auf längere Distanzen. Der Mond schüttete zwar sein Licht über die Landschaft, doch er konnte den Schatten nur kläglichen Widerstand leisten. Viele Orte lagen im Dunkeln.
Meg erinnerte sich, dass in den Jagden blinkende Lichter die Standorte von Generatoren verraten hatten. Von diesen war nun nichts mehr zu sehen, das einstige System schien vollständig außer Kraft gesetzt worden zu sein. Langsam ließ sie den Blick die Runde gleiten und spähte hinaus in die Nacht. Sie suchte nach Bewegung in den Feldern, einer verräterisch wackelnden Ähre oder einem ungewöhnlichen Luftwirbel im Nebel. Dann fiel ihr Blick auf eine Silhouette in der Ferne. Zuerst hielt Meg das Gebilde für einen steil aufragenden Berg, doch dann erkannte sie die Konturen einer Terrasse, eines Daches und von Fenstern und Türen. Das war ein Haus.
Die Athletin erinnerte sich an ein Gebäude, das immer wieder in den Jagden aufgetaucht war, aber es hatte sich niemals in den Kornfeldern befunden. Es schien ein Farmhaus gewesen zu sein, doch das Innere hatte bis auf ein paar verstaubte Kisten nichts zu bieten gehabt. Vielleicht hatte sich einer der Jungs dort versteckt, sich zurückgezogen und verschanzt, dachte Meg. Vielleicht würde sie dort auf ihr Team stoßen. Von der Dachspitze hatte man sicherlich einen guten Ausblick und die Hütte bot sich als Sammelpunkt geradezu an. Aber vielleicht hatte sich auch einer der Killer ein neues Zuhause gesucht. Sie musste vorsichtig sein.
Flink sprang sie von der Eiche herunter und schlich zurück ins Feld. Im nächsten Augenblick war sie bereits zwischen den Kornpflanzen verschwunden und bahnte sich einen Weg auf das Gebäude zu. Es war nicht schwer, der richtigen Richtung treu zu bleiben. Wie der Nordstern ragte das Haus hoch zwischen die Nebelfetzen und Meg brauchte einfach nur darauf zuzugehen. Die ganze Zeit über suchte sie den Boden nach Hinweisen ab, nach Fußspuren oder verlorenen Gegenständen. Irgendetwas, das ihr Informationen über den Aufenthaltsort der Überlebenden oder der Killer gegeben könnte. Sie entdeckte nichts.
Es dauerte eine ganze Weile, doch schließlich fand sich Meg im langen Schatten des Farmhauses wieder. Kurz vor der Feldgrenze blieb sie stehen und ging in die Hocke. Ihr Blick wanderte die Stufen zur Terrasse hoch, scannte die Türen, die Fenster und schwebte schließlich hoch zum Dach. Sie konnte nichts sehen, kein Licht, keine Anzeichen von Leben. Geräusche waren ebenfalls keine zu hören. Trotzdem war höchste Vorsicht geboten.
Meg nahm sich einen Moment Zeit, um all ihren Mut zu sammeln. Dann stand sie auf und ging langsam auf das Gebäude zu, sorgfältig darauf bedacht keinen Ton von sich zu geben. Behutsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und erreichte nach einem Augenblick die Terrasse. Die Stufen knarzten leise, als sie sich die Treppe nach oben bewegte und Meg betet, dass niemand ihre Schritte hörte. Oben angekommen stand sie nun etwas erhöht und konnte wieder über die Kornfelder hinausblicken. Wie bereits zuvor war nichts zu sehen. Die Stille war erdrückend und schien Meg in ihrer Einsamkeit zu verhöhnen. Ein schneller Blick über die Schulter, dann trat sie an die Tür.
Vorsichtig legte Meg eine Hand an den Knauf, verharrte jedoch kurz und lauschte mit angespitzten Ohren. Als sie nichts hörte, drückte sie langsam gegen die Tür und öffnete sich den Weg ins die Innenräume des Hauses. Eine Staubwolke schlug ihr entgegen und eilig hob sie die Hand vor den Mund. Das Innere des Hauses war dunkel, noch dunkler als die umliegenden Kornfelder und Meg tastete sich an der Wand entlang. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an die Finsternis. Mit den Fingern strich sie über die Staubschicht auf einem der Fenster und ein Schwall hellen Mondlichts ergoss sich in einen Raum, den Meg für das Wohnzimmer hielt.
Ein Detail, das ihr sofort ins Auge fiel, waren die Fußspuren, die sich kreuz und quer über den Boden zogen. Sie waren groß, viel größer als die der Überlebenden und Meg kannte nur zwei Personen, die als Verursacher infrage kamen. Eine davon, Anna, fiel sofort wieder weg, da sie sich immer barfuß fortbewegte. Diese Spuren stammten jedoch von beschuhten Füßen. Blieb also nur noch die zweite Person: der Fallensteller.
Nach anfänglichem Schreck atmete Meg auf, als sie erkannte, dass sich bereits eine Staubschicht auf die Spuren gelegt hatte, sie mussten also bereits mehrere Tage alt sein. Anscheinend war das Ungetüm vor einiger Zeit hier durchgekommen, hatte den Raum durchwühlt und dabei mehrere Kisten umgeworfen. Seitdem war er nicht mehr zurückgekehrt, wie Meg hoffte. Wahrscheinlich hatte der Fallensteller, oder Evan, wie er laut Sally hieß, nach Jake oder David gesucht und Meg betete, dass sie ihm entkommen waren.
Vorsichtig ging sie weiter und trat in das nächste Zimmer, in dem sie auf dieselben Spuren stieß. Meg war immer noch darauf bedacht, jedes unnötige Geräusch zu vermeiden und gleichzeitig die Ohren gespitzt zu halten. Ihr Weg führte sie quer durch das Haus, schließlich kam sie an eine Treppe und kletterte in das Obergeschoss. Wieder waren da die Spuren, die sich in alle Zimmer des Hauses ausbreiteten, aber nirgends waren sie jünger als ein paar Tage. Schließlich erreichte sie einen Balkon und hatte somit das gesamte Gebäude durchsucht. Sie war allein.
Megs Blick fiel auf einen Generator, der genau wie der erste eine Fehlfunktion gehabt zu haben schien. Es dauerte einen Augenblick, bevor sie sich von der Maschine losreisen konnte und wieder hinaus in die Felder spähte. Dieses Mal war absolut gar nichts zu sehen. Keine Bewegung, kein Hinweis und auch keine weitere Silhouette in der Ferne. Nichts.
Zunehmend nervöser ging Meg zurück ins Haus und stieg die Treppe zurück nach unten. Ihre Gedanken folgten immer wieder Pfaden, die sie eigentlich nicht beabsichtigte zu beschreiten, doch mittlerweile musste sie sich der Wahrheit stellen. Was, wenn sie Lisa nicht rechtzeitig fand? Was, wenn sie überhaupt niemanden fand? Was, wenn der Nebel sich bis in die Unendlichkeit hinzog und sie jetzt für immer hier gefangen war?
Sie erreichte wieder Wohnzimmer und setzte sich auf eine der Kisten. Mit angewinkelten Armen vergrub sie das Gesicht in den Händen und versuchte rational über ihren nächsten Schritt nachzudenken, während sie die aufkeimende Angst zurückkämpfte.
Sie war immer noch allein, aber sie hatte Spuren gefunden. Spuren, denen sie vielleicht in Richtung des Fallenstellers folgen konnte. Vielleicht stellte er sich als freundlich heraus… Nein! Sally hatte betont, dass Evan MacMillan anders als sie selbst oder Lisa war. Er war bösartig, genau wie Herman Carter. Mit den beiden war nicht zu verhandeln. Dennoch, wo der Fallensteller war, waren vielleicht auch Jake und David, sofern sie seinen Klauen nicht hatten entkommen können. Und höchstwahrscheinlich würde sich dort auch ihr Team befinden. Es war gefährlich, geradezu riskant, doch es war auch ihre einzige Spur. Sitzenbleiben und abwarten war keine Option.
Mit einem beruhigenden Luftholen erhob sie sich und wollte gerade den ersten Schritt tun, als die Diele unter ihren Füßen plötzlich nachgab. Sie senkte sich ein wenig ab, nicht weit, nur gerade weit genug, um Meg besorgt innehalten zu lassen. Sie wartete kurz ab und als nichts weiter geschah, ging sie langsam weiter. Krachend brachen die Holzbretter unter ihren Füßen und die Schwerkraft saugte sie hinab in erdrückende Finsternis. Panisch versuchte Meg einen Griff zu finden, doch ihre Hand schrammte nur an einer steilen Mauer entlang. Megs Handflächen wurden aufgerissen und ihre Finger krallten sich an jede Unregelmäßigkeit, doch es war nicht genug. Schreiend stürzte sie in die Tiefe.
Nach einem kurzen Augenblick, der ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen war, traf sie hart auf einen steinernen Boden auf. Meg spürte, wie sie mit dem Fuß umknickte und dann hart mit der Schulter aufschlug. Der Aufprall hatte ihr allen Atem aus den Lungen gepresst. Panisch schnappte sie nach Luft. Dunkelheit umgab sie und nur das kleine Stückchen Boden, auf dem sie gelandet war, wurde durch das entstandene Loch vom Mondlicht erhellt.
Vorsichtig legte Meg die rechte Hand an ihren Knöchel und stechender Schmerz schoss ihr Bein nach oben. Sie verkniff sich einen weiteren Schrei und fühlte, wie Blut ihren Fuß nach unten rann. Megs Schulter schmerzte und auch ihre Rippen taten höllisch weh. Schnell tastete sie ihren Burstkorb ab. Sie hatte sich nichts gebrochen. Glück gehabt. Doch gerade als Meg aufatmen wollte, fiel ihr noch etwas anderes auf. Der Pistolenholster war leer. Fluchend spähte sie in die Finsternis und versuchte ihre Waffe zu finden, die sie durch den Sturz wohl verloren hatte. Nach einer Weile gab sie es auf. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Wenn Meg ihre Pistole wiederfinden wollte, dann würde sie das wohl mithilfe ihres Tastsinns tun müssen.
Behutsam legte sie sich auf den Rücken und versuchte den Schmerz in ihrem Bein zu ignorieren. In ihren Ohren konnte sie den eigenen Puls schlagen hören, der sich mit ihrem stoßartigen Atem zu einem widerlichen Rhythmus vereinte. Meg beschloss für einen Moment liegen zu bleiben. Sie wollte wieder zu Kräften kommen, bevor sie ihre Mission fortsetzte, ihrem Körper eine kurze Pause gönnen und dann nach ihrer Waffe suchen.
Mit der Zeit beruhigte sie sich. Ihre Brust hob sich immer langsamer und auch das Pochen in ihren Ohren verschwand, bis es schlussendlich ganz verstummte. Ihr Atem ging immer gleichmäßiger und schließlich blieb nur noch der Schmerz an Megs Knöchel. Mit zusammengebissenen Zähnen setzte sie sich auf. Gerade als sie sich auf alle viere drehen wollte, um dann aufzustehen, erstarrte sie mitten in der Bewegung. Mit einem Mal wurde Meg eiskalt und Adrenalin flutete durch ihren Körper. Da war ein zweiter Atem, mehr tierisch denn menschlich. Und dort in der Finsternis, nur wenige Meter von Meg entfernt, starrt sie ein Paar eiskalter Augen direkt an.

Nach wenigen Sekunden zog sich der schwarze Nebel wieder zurück und Anna konnte wieder sehen. Sie schaute hinter sich, nach rechts, dann nach oben, nur um festzustellen, dass sie sich immer noch in einem Wald befand. Allein. Es war nicht derselbe Wald, in dem sie gerade eben noch gewesen war, dieser Wald war anders. Er war dunkel, leblos, beinahe abgestorben. Die Blätter standen vollkommen still, und auch das Gras bewegte sich nicht. Kein Wind, kein Leben. Sie war zurück im Nebel, im Reich des Entitus.
Anna schluckte nervös und blinzelte, während sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit anpassten. Es war vollkommen still und die Jägerin konnte nur ihren eigenen Atem hören, was bedeutete, dass Sally, Nea, Philip, Lisa und Meg alle irgendwo anders herausgekommen sein mussten. Sie war auf sich gestellt.
Gemächlich setzte sich Anna in Bewegung, einer beliebigen Richtung folgend. Sie wusste ohnehin nicht, wo sie sich befand, also musste sie die Gegend erkunden, wozu sie alle Sinne einsetzte. Angespannt lauschte sie in die Stille hinein und achtete aufmerksam auf jeden noch so unauffälligen Geruch, der ihr in die Nase stieg. Immer wieder drehte sie den Kopf nach links und rechts und spähte in die Finsternis. Sie suchte nach einer Bewegung, einem Hinweis, irgendetwas.
Dabei versuchte Anna sich in Erinnerung zu rufen, was Nea ihr gesagt hatte. Sie waren hier, um zwei Überlebende zu retten und Anna hatte sich freiwillig gemeldet. Die beiden Ziele befanden sich wohl in den Händen des Entitus, Evans oder Hermans und es war gut möglich, dass die Rettungsaktion Gewalt erforderte. Eigentlich hätte Anna einfach bei Nea bleiben und genau ihren Anweisungen folgen sollen, doch nun, da sie getrennt waren, war das leider nicht mehr möglich.
Beständig setzte die Jägerin einen Fuß vor den anderen und fühlte den kalten, erstarrten Boden unter ihren bloßen Sohlen. Sie kannte diesen Untergrund, die Bäume und den Geruch. Sie war in einer der Arenen, in denen die Jagden stattgefunden hatten und zwar in der, mit dem großen Steinhaus. Anna hatte sich oft gefragt, welchem Zweck es wohl gedient haben mochte, denn es war ganz eindeutig nicht zum Wohnen gebaut worden. Die lange Halle im Inneren war mit stählernen Maschinen gefüllt worden und metallenen Pfade führten bis hoch hinauf unters Dach, aber es gab keine Tische, keine Stühle oder Betten. Nichts, das Anna zum Leben gebraucht hätte.
Nervös änderte sie den Griff an ihrer Axt, während sie über die Schulter spähte. Ihr Atem bildete kleine Nebelwölkchen, bevor er in der kalten Luft verpuffte. Anna hatte gehofft, dass Sally oder Nea ihr sagen würden, was zu tun war. Die beiden wussten schließlich immer, was zu tun war.
Ein Geräusch zu ihrer Linken riss die Jägerin aus ihrer Gedankenwelt und ließ sie mitten im Schritt erstarren. Es war ein zerbrechender Ast gewesen, das wusste Anna sofort. Sie kannte das Geräusch schon lange, zuerst von der Jagd nach Tieren, später von der Jagd nach Menschen. Es war immer derselbe Ton, schneidend und verräterisch. Wie ein Raubtier drehte Anna den Kopf in die Richtung des Geräusches und widmete all ihre Sinne der Jagd. Nach einem kurzen Moment der Stille brach ein zweiter Ast und kurz darauf fiel irgendwo ein Steinchen zu Boden. Schritte bewegte sich irgendwo zwischen den Bäumen, leise und beinahe nicht wahrzunehmen. Doch Anna hatte ein scharfes Gehör.
Sie festigte den Griff um ihre Waffe und zog dann eine ihrer Wurfäxte vom Gürtel an ihrer Hüfte, als sie langsam und lautlos auf das Geräusch zu schlich. Ihre Füße traten sicher und fanden die leiseste Route, ganz so, wie sie es vor vielen Jahren gelernt hatten. Annas Blick schoss nach links, dann nach rechts, nur um sicherzugehen, dass sie nicht in eine Falle lief. Dann schaute sie wieder nach vorne und hörte, wie sich die Schritte auf sie zu bewegten und plötzlich verstummten. Die Person musste stehengeblieben sein, doch Anna hatte sie lange genug gehört um zu wissen, dass es sich nicht um Evan oder Herman handeln konnte. Auch Max, Lisa und Philip machten andere Laufgeräusche, nein, hier bewegte sich ein normaler Mensch. Eilig steckte sie die Wurfaxt zurück an den Gürtel. Sie würde die Waffe nicht brauchen, normale Menschen waren keine Gefahr für sie. Anna beschleunigte ihren Gang und schlängelte sich zwischen den Bäumen hindurch, bevor sie durch ein Gebüsch brach und somit auf ihre Position aufmerksam machte.
„Aaaah, shit, Anna… Verdammt, du… du hast mir gerade einen Mordsschrecken eingejagt." Nea war schlagartig herumgeschnellt und hatte beim plötzlichen Anblick der Jägerin kurz das Gleichgewicht verloren. Keuchend hielt sie sich an der Mauer der MacMillan Stahlwerke fest und versuchte ihren Atem wieder unter Kontrolle zu bringen, während Anna eilig zu ihr hinlief und sich neben die Schwedin hinkniete.
„Tut leid"
„Schon in Ordnung"
Nea stand leicht geduckt an der Mauer und befand sich somit auf Augenhöhe mit der Jägerin. Kurz schaute sie sich um, dann fragte sie: „Anna, hast du die anderen gesehen?"
Die Jägerin schüttelte den Kopf und sagte dann: „Nein, Anna mit niemand gekommen. Allein in Wald. Dann Nea gestoßen." Die Schwedin nickte. „Und vom Fallensteller und… ähm… Von Evan und Herman auch keine Spur?" Wieder schüttelte Anna den Kopf.
„Ok", murmelte Nea und versuchte ihre Gedanken zu ordnen: „Ok, Anna, wir… wir müssen die anderen finden. Und zwar schnell. Am besten schauen wir uns erst mal in den Stahlwerken um, suchen nach Hinweisen und so. Verstehst du mich?"
Anna deutete auf das große Gebäude. „Wir suchen gehen. Hinweise."
„Ganz genau"
„Was, wenn Anna sieht Evan oder Heman?"
„Greife sie auf keinen Fall an. Versuche wenn möglich außer Sicht zu bleiben. Je länger wir uns verborgen halten, umso besser."
„Verborgen bleiben", nickte die Jägerin: „Anna bleibt verborgen."
„Gut. Ruf mich, wenn du etwas findest. Gehen wir."
Nea straffte die Schulten und schlich dann langsam die Wand entlang. Sie suchte nach einem Durchgang, einer Tür oder auch nur einem Fenster. Irgendetwas, das ihnen Zutritt in das Gebäude verschaffen würde. Als sie um eine Ecke bog, wurde sie auch gleich fündig. Ein Riss von mehreren Metern Breite zog sich quer über die Wand nach oben und öffnete einen Pfad.
Vorsichtig spähte Nea in die dunkle Halle, bevor sie sich durch den Spalt drückte. Dass Anna ihr dabei wie ein Schatten folgte, verlieh ihrer Zuversicht einen massiven Aufschwung. Die Jägerin war eine große Frau, beinahe eine Riesin und Nea vermutete, dass sie in einem Zweikampf selbst gegen den Hinterwäldler oder den Fallensteller würde bestehen können. Natürlich hoffte sie auch, dass es niemals zu einem solchen Kampf kommen würde. Sally hatte recht gehabt, Anna war gar keine Killerin, sondern viel mehr ein junges Mädchen in einem großen Körper, das viel zu früh den Grausamkeiten des Lebens ausgesetzt worden war.
Die Schritte der beiden hallten von den steinernen Wänden wieder, als sich Nea und Anna einen Weg durch den riesigen Saal bahnten. Ein Blick nach oben zeigte der Schwedin ein System aus metallenen Gerüsten und Brücken, von denen man einen guten Überblick über die Maschinenhalle haben würde. Zu erreichen war das ganze nur über eine eiserne Treppe mit rauem Geländer.
Nea macht Anna auf sich aufmerksam und zeigte anschließend in Richtung der Stufen. Die Jägerin verstand sofort und so leise wie möglich bewegten sich die beiden ungleichen Kameradinnen auf die Treppe zu. Silbernes Mondlicht fiel durch eine verstaubte Fensterreihe kurz unter dem Dach und verursachte hier und da surreal wirkende Schatten, die sich in Neas Augenwinkeln ständig zu bewegen schienen. Doch sobald sie den Kopf drehte, war der Spuk vorbei.
Anna setzte zuerst einen Fuß auf die Metalltreppe und sandte damit ein Scheppern durch die gesamte Konstruktion bis weit nach oben. Sollte sich jemand in der Fabrikhalle versteckt halten, so war er spätestens jetzt über die Eindringlinge informiert. Mit schuldbewussten Blick schaute die Jägerin über die Schulter, doch Nea winkte ab. Es gab keinen anderen Weg nach oben und egal wie leise man sich verhalten wollte, diese Treppe würde einem in jedem Fall einen Strich durch die Rechnung machen. Anna drehte sich wieder nach vorne und gefolgt von Nea setzte sie ihren Weg fort.
Die Geräusche ihrer Schritte schnitten schmerzhaft laut durch die Stille des Nebels und Nea konnte nicht umhin, die Zähne zusammenzubeißen. Erst als sie eine ausladende Kabine unter dem Dach erreichten, standen sie wieder auf stabilerem Boden und der Lärm hatte endlich ein Ende. Nea nickte Anna zu und schaute dann kurz nach unten in die Halle, wo sie jedoch nichts Ungewöhnliches entdeckte. Es gab keine Hinweise auf kürzliche Aktivitäten, mit Ausnahme der Fußspuren, die sie selbst im Staub hinterlassen hatten.
Anna war derweil durch die Kabine auf eine Galerie hinausgetreten, die sich außen um das Gebäude herumzog. Das metallene Geländer schien wacklig und unsicher, doch die Jägerin hatte keine Angst vor der Höhe. Ihr Blick war nicht auf den Boden, sondern auf den Horizont gerichtet, der sich jenseits der Baumwipfel zeigte. Zwar erschwerte der Nebel die Sicht, doch Anna konnte klar ein Ende des Waldes ausmachen mitsamt einigen Silhouetten von Häusern, Ruinen und Gebäuden. Ein Stück weit zu ihrer Linken schien sich ein Sumpf jenseits des Waldes zu erstrecken, während sie zu ihrer Rechten ein Kornfeld hinter den Bäumen ausmachen konnte. Es war, als wären die Arenen des Entitus miteinander verschmolzen und die trennenden Mauern einfach verschwunden.
Nea kam nun auch auf die Galerie heraus und stellte sich staunend neben Anna. Ihr Blick flog weit hinaus in die Landschaft, die so unnatürlich, so abnormal wirkte, wie nur der Entitus es einzurichten vermochte.
Plötzlich stupste Anna Nea behutsam auf die Schulter und hob dann ihre Axt, um sie auf etwas in der Ferne aufmerksam zu machen. Nea folgte dem Blick der Jägerin und entdeckte den glimmernden Schein eines Lagerfeuers hinter den Nebelschwaden.

Sally griff sich irritiert an den Kopf. Die Reise zurück in den Nebel hatte sie schwindlig gemacht und während sie mit der rechten Hand ihre Knochensäge umklammerte, versuchte sie sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Sie befand sich in einer kalten Zelle, von der Decke hing eine, in unregelmäßigen Abständen aufblitzende Glühbirne und eine unverschlossene Metalltür führte hinaus auf einen von Schimmel befallenen Korridor. Sally kannte diese Hallen. Das Crotus Prenn Asylum, dachte sie bitter. Wie passend.
Schweigend kämpfte sie wiederkehrende Erinnerungen zurück, wie jedes Mal, wenn der Entitus sie in diese Arena geworfen hatte. Und er hatte es oft getan. Viel öfter als in die anderen. Offenbar hatte der dunkle Meister des Nebels Spaß daran gefunden, Sally unter zusätzlichen Druck zu setzten, indem er sie immer und immer wieder in jene kalten Hallen verbannte, die sie vor so langer Zeit aller Hoffnung beraubt hatten.
Langsam schwebte Sally hinaus in den Korridor und schaute zuerst nach rechts, bevor sie sich schließlich nach links wandte. In ihrer linken Hand glitzerte oranges Licht, doch sie würde sich hüten Spencers letzten Atemzug einzusetzen, solange es nicht unbedingt nötig war. Die Kraft ermöglichte ihr zwar blitzschnelle Fortbewegung durch Hindernisse hindurch, doch sie machte dabei auch einen gehörigen Lärm. Und Lärm war die eine Sache, die sie unbedingt vermeiden musste.
Sally schaute über die Schulter. Sie hatte gehofft, bald auf ihre Teamkollegen zu stoßen, doch je länger sie durch die Gänge des Asylums irrte, umso klarer wurde ihr, dass sie nach dem Übergang in den Nebel wohl an unterschiedlichen Stellen herausgekommen waren.
Sofort wanderten Sallys Gedanken zu Meg und sie hoffte inständig, dass das Mädchen nicht auch auf sich allein gestellt war. Meg war zwar eine starke, selbstbewusste Frau, doch sie hatte in den letzten Tagen so einiges mitgemacht und Sally wollte sich gar nicht erst ausmalen, welche Einwirkungen eine Rückkehr in den Nebel kombiniert mit dem Schock der plötzlichen Einsamkeit auf ihre psychische Verfassung habe würde. Unwillkürlich musste sie an das Gespräch in der Nacht denken. Warum hatte sie nicht beständiger versucht, Meg umzustimmen? Warum hatte sie ihr die Teilnahme an der Mission nicht untersagt? Was hatte sie sich bloß dabei gedacht, das arme Ding in den Nebel mitzunehmen und sie all den Erinnerungen auszusetzen, die dieser Ort unweigerlich hervorrufen würde?
Sally schüttelte den Kopf und zwang ihre Gedanken in sachlichere Bahnen. Was geschehen war, war geschehen, nur das Hier und Jetzt erforderte ihre Aufmerksamkeit. Die Trennung des Teams war eine unvorhergesehene Komplikation und nun mussten sie sich zusätzlich zu ihren Zielen auch noch gegenseitig aufspüren. Vor allem Lisa war ein wichtiger Faktor. Sally wusste nicht, wie sie ohne die Magie der Hexe aus dem Nebel entkommen sollten und das Auffinden der Killerin stellte somit ein weiteres Primärziel dar, ohne dessen Erfüllung die Mission zum Scheitern verurteilt sein würde.
Sie schwebte um eine Ecke und sofort fiel ihr Blick auf das Gerät, das gleich dahinter aufgestellt war. Nur wenige Meter von Sally entfernt lag eine rostige Bärenfalle auf dem Boden, mit gespreizten Bügeln und gespannter Feder, bereit zuzuschnappen. Als Sally langsam auf die Falle zu schwebte, entdeckte sie eine weitere, verborgen im Gras unter einem Fenster. Die eisernen Fangzähne der Tellereisen ließen sie erschaudern und vor ihrem geistigen Auge malte sich Sally die Verletzungen aus, die diese Fallen wohl verursachten, sobald ein unglückliches Opfer mit dem Fuß auf den tellerförmigen Auslöser trat. Evan hatte diese Fallen in den Jagden eingesetzt, das wusste Sally, und er hatte sich mit höchster Sorgfalt um ihre Funktionstüchtigkeit gekümmert. Schärfere Zacken, stärkere Sprungfedern, der Fallensteller hatte sich eine Reihe an Finessen einfallen lassen. Was für ein Horror er für die Überlebenden gewesen sein musste. Für Nea und für Meg.
Sally schwebte über die Fallen hinweg und schaute sich um. Wenn Evan seine grausamen Gerätschaften hier ausgelegt hatte, dann war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er sich in der Nähe befand und regelmäßig nach dem Rechten sah. Sie musste vorsichtig sein. Der Fallensteller durfte sie unter keinen Umständen entdecken, ansonsten würde Sally sich etwas einfallen lassen müssen, wie sie ihm ihre Rückkehr in den Nebel würde erklären können, möglichst ohne dabei den Rest ihres Teams zu verraten.
Die Krankenschwester erreichte nun eine Treppe, die im Zickzack sowohl nach unten als auch nach oben führte. Nach kurzem Überlegen nahm sie den Pfad in die Höhe, der sie direkt aufs Dach führen würde. Von dort oben bot sich ihr hoffentlich ein guter Überblick über das Gelände und vielleicht konnte sie sogar einen Hinweis auf den Verbleib der anderen Killer oder Überlebenden erspähen. Nach zwei Stockwerken erreichte Sally schließlich das Ende der Treppe und fand sich vor einer verschlossenen Metalltür. Langsam griff sie nach der Türklinke und zu ihrer freudigen Überraschung ließ sich das Tor unter einigem Ziehen und Zerren öffnen. Ein kreischendes Quietschen ertönte und Sally hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, doch sie hatte beide Hände in den Türspalt gelegt. Sie stieß einen gemurmelten Fluch aus und wünschte sich, der Entitus hätte sie mit derselben Kraft wie Anna beschenkt, bevor sie schließlich eine Lücke geschaffen hatte, die breit genug war, um hindurch zu schlüpfen. Bevor sie sich jedoch hinaus in die Nacht begab, schaute sie einmal über die Schulter die Treppe nach unten und hoffte, dass niemand Unerwünschtes den Lärm ihrer Anstrengungen vernommen hatte. Wenigstens hatte sie nicht auf Spencers Atem zurückgreifen müssen.
Die Luft außerhalb des Asylums war genauso stickig und schwer wie im Inneren. Kein Wind wehte und es war unangenehm ruhig im Reich des Entitus, während der Nebel den Blick in weiter Ferne verschluckte. Trotzdem erkannte Sally die Konturen von Landschaftsmerkmalen, als sie sich umschaute. Sie schwebte an den Rand des großen Gebäudes und lehnte sich ans Geländer, langsam den Kopf in alle Richtungen drehend. Dort drüben sah sie den dichten Wald, der üblicherweise das MacMillan Estate umgab, auf der anderen Seite hingegen befand sich Lisas geliebte Sumpflandschaft mit all den Pfützen und Mooren. Sally verabscheute diese Gegend beinahe so sehr wie das Crotus Prenn Asylum. In der Ferne ragte ein rechteckiger Komplex in die Höhe und Sally vermutete, dass es sich dabei um das Lery´s Memorial Institute handelte. Dichter Nebel verborg die Konturen des massiven Gebäudes und sie hätte es beinahe übersehen, wäre nicht in gerade diesem Moment ein Rabenschwarm vom Dach des Institutes aufgestoben.
Die Biester waren also immer noch da, fiel Sally auf. Sie hasste die Raben und das höhnische Krächzen, das sie von sich gaben, wenn sie aufs Neue die Position eines verzweifelten Überlebenden verraten hatten. Dass sie in so großen Zahlen und gleichzeitig vom Dach des Institutes davonflogen, konnte nur eines bedeuten.
Sally ließ den blick über das Gelände zwischen ihr und dem Institut streichen, während sie in Gedanken einen Pfad nachzeichnete, der sie in die Nähe ihres Zieles führen würde. Langsam beugte sie sich über das Geländer und schaute nach unten, um nachzusehen, ob sich ein Fußweg in Richtung des Institutes davonschlängelte. Sie konnte keinen Pfad in der Finsternis entdecken. Stattdessen stapfte dort gut fünfzehn Meter unter ihr eine massige Gestalt durch die Schatten, die sich mit weiten, zielstrebigen Schritten fortbewegte. In der rechten Hand trug sie eine grausame Machete, mit der anderen hatte sie sich einen Sack über die Schulter geschwungen, der wahrscheinlich mit einer Vielzahl an Bärenfallen gefüllt war.
Sally wich sofort vom Geländer zurück, um zu vermeiden, dass Evan sie durch einen zufälligen Blick nach oben entdeckte. Der Fallensteller war auf den Weg in das Gebäude, wahrscheinlich um nachzusehen, ob seine Vorrichtungen etwas gefangen hatten. Verdammt, Sally hätte zuerst das gesamte Asylum kontrollieren sollen. Vielleicht lag Jake oder David mit verstümmelten Bein in einem der Korridore, gefangen zwischen den Kiefern einer Bärenfalle und unfähig sich zu verstecken oder davonzulaufen.
Sally fluchte lautlos. Was sollte sie tun? Vielleicht war es das Beste zu warten, bis sich der Fallensteller wieder aus dem Staub gemacht hatte und erst dann das Dach des Asylums zu verlassen. Doch was, wenn er auch nach oben kam und nicht nur seine Fallen in den Untergeschossen kontrollierte? Sally schaute sich eilig um und überlegte kurz.
Dann schwebte sie nach vorne ans Geländer und schwang sich schwungvoll über den Rand des Gebäudes hinaus. Ihr Rock flatterte ein Stück weit nach oben, als sie sich mit rasender Geschwindigkeit dem Boden nährte. Die Gabe des Entitus erlaubte es ihr, aus moderaten Höhen gefahrlos nach unten zu schweben, doch es war nicht genug um einen Fall aus solcher Distanz vollständig abzubremsen. Bevor sie sich fangen konnte, schlug sie mit den Füßen bereits auf den Grund auf und fand sich in einer halb knieenden Position wieder, während ihr der Aufprall ein atemloses Ächzen entlockte.
Erstaunt spürte Sally ein erregendes Kitzeln zwischen ihren Zehen, bevor sie merkte, dass es sich dabei um Grashalme handelte. Es war ein Gefühl, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass sie es vermisst hatte. Das Gefühl der Schwere, der Masse, die unweigerlich nach unten in Richtung Boden gezogen wurde. Das Gefühl, mehr als nur ein geisterhafter Schleier zu sein.
Sally war überraschend froh, dass sie nach all den Jahren in den Fängen des Entitus immer noch zu diesem Gefühl in der Lage war und kurz spielte sie mit dem Gedanken, sich ab sofort auf herkömmliche Art und Weise fortzubewegen. Doch sie wollte unnötige Spuren vermeiden und so verwarf sie den Gedanken wieder. Mit einem Blick über die Schulter vergewisserte sich Sally, dass der Fallensteller sie nicht entdeckt hatte und schwebte anschließend in Richtung des Institutes davon. Sollte sie später nach Evan suchen müssen, würde sie ganz einfach hierher zurückkehren und seinen tiefen Fußabrücken folgen. Er war ein schwerer Mann. Nun hingegen galt es herauszufinden, wer die Raben im Institut aufgeschreckt hatte und ob es sich bei der Person vielleicht um einen der gesuchten Überleben handelte.

Lisa spürte harten Boden unter ihren Füßen und wusste augenblicklich, dass sie sich nicht mehr in der realen Welt befand. Sie war nun im Reich ihres Zauberraben, des Entitus, wie die anderen ihn nannten. Im Nebel.
Die Hexe schaute sich um. Schmutzige, weiße Wände erstreckten sich entlang breiter Korridore, in denen Krankenbetten und verstreute Sanitätsutensilien zu sehen waren. Ein flackerndes Neonschild deute auf einen in der Nähe befindlichen Ausgang hin und an einer Ecke entdeckte Lisa einen blutverschmierten Haken, der einst als Opferaltar in den Jagden gedient hatte. Das Blut auf dem Metall war bereits vor langer Zeit eingetrocknet und schien noch aus der Zeit vor dem Massenausbruch der Killer und Überlebenden zu stammen. Sie befand sich im Lery´s Memorial Institute.
Lisa murmelte etwas und machte sich dann gemächlich auf, um die Umgebung zu erkunden. Sie hatte bereits erwartet, auf sich allein gestellt zu sein. Der Entitus war schließlich ein heimtückisches und unberechenbares Wesen. Ein fröhliches Liedchen summend spazierte sie durch die Gänge, wich einem im Weg stehend Krankenbett aus, schwang sich durch einige Fenster und über einen umgeworfenen Schreibtisch.
Als sie schließlich einen dunklen, etwas abgelegenen Raum erreichte, sammelte sie schnell einige Gegenstände vom Boden auf, bevor sie sich anschließend in eine Ecke bückte und die Sachen zu einem Totem aufschichtete. Lisa steckte für gewöhnlich all ihre Kreativität und ihren Erfindergeist in die kleinen Götzen, ansonsten würde die Magie wohl nicht funktionieren. Eine zerbrochene Spritze bildete zusammen mit einer verrosteten Gabel und einem morschen Ast, der von einer abgestorbenen Topfpflanze stammte, das Grundgestell des Totems. Darauf balancierte Lisa einen Infusionsbeutel und nochmal darüber legte sie ein kleines Steinchen, das sie aus der Wand gerissen hatte. Mithilfe ihrer Krallen versah sie es mit allerlei Zeichen und Symbolen. Runen, deren Bedeutung nur sie kannte. Und der Zauberrabe natürlich. Anschließend hauchte sie ihre Konstruktion behutsam an und brach in gackerndes Kichern aus, als eine unnatürlich helle Flamme unter dem Totem aufleuchtete, genährt von nichts anderem als magischer Energie.
Selbstzufrieden stand Lisa auf und betrachtete ihr Werk. Das Totem würde sich als nützlich erweisen, dessen war sie sich gewiss und unweigerlich vergnügt wandte sich die Hexe einen Augenblick später ab. Wieder leise summend verließ sie den Raum, blieb auf dem Korridor stehen und überlegte dann schnell in welche Richtung sie sich begeben sollte. Nach einem Moment kam sie zu dem Schluss, dass es egal war. Lisa wusste, dass sie sich im Institut befand, aber nicht wo genau innerhalb des Gebäudes, also würde sie auf Erkundungstour gehen müssen.
Sie dreht sich nach links und folgte dem breiten Korridor, bis sie sich an einer Abzweigung wiederfand, an der sie sich erneut für den Pfad zu ihrer Linken entschied. Eine Neonleuchte teilte ihr mit, dass sich ein Fluchtweg zu ihrer Rechten befand, doch da wollte sie nicht hin. Sie wollte tiefer hinein in das Gebäude, um es nach Spuren zu durchsuchen, bevor sie es verließ. Es war gut möglich, dass Herman sein Lager hier aufgeschlagen hatte und wenn dem so war, dann wusste der Rüpel vielleicht etwas über den Verbleib der beiden anderen Überlebenden zu berichten. Nicht, dass Lisa ein freiwilliges Preisgeben der Informationen erwartet hätte, doch sie würde dem Rotzlöffel schon entlocken, was sie wissen wollte.
Gemütlich spazierte sie die Gänge entlang und warf dabei immer wieder achtsame Blicke in alle Richtungen. Beiläufig blieb sie von Zeit zu Zeit stehen und zeichnete ein Symbol auf eine freie Fläche, sei es der Boden, eine Wand oder die Unterseite einer Tischplatte. Der Entitus hatte Lisa mit einem messerscharfen Gehör ausgestattet, weshalb sie zuversichtlich war, jede Gefahr bereits von weitem wahrnehmen zu können. Weder Evan noch Herman waren von der leisen Sorte und die beiden Bengel würden sich bereits eine Meile im Voraus verraten. Das ungleichmäßige Tapsen der Hexe hallte durch die Korridore und es dauerte eine ganze Weile, bis Lisa die anderen Schritte hörte.
Wachsam blieb sie stehen und schaute über die Schulter. Dann schlich sie zur Seite und lugte vorsichtig um eine Ecke. Die Schritte kamen näher, doch sie waren vorsichtig, behutsam und leise. Kein Evan und auch kein Herman. Vielleicht einer der Überlebenden? Lisa schaute wieder über die Schulter und vergewisserte sich, dass sich niemand von hinten an sie heranschlich. Dann richtet sie ihren Blick wieder in die Richtung aus der die Schrittgeräusche kamen. Sie wurden immer lauter und lauter, bevor sie schließlich aus dem leeren Korridor zu kommen schienen. Doch da war niemand.
„Pssst", zischte Lisa und die Schritte verstummten: „Hier drüben, Lisa ist hier drüben"
Die Schritte tapsten nun auf sie zu und wenig später hörte die Hexe Philips Stimme an ihrem Ohr. „Hey Lisa, ich bin froh dich zu sehen. Weißt du, wo die anderen sind?"
„Natürlich", antwortete die Hexe und kratzte sich mit einer ihrer unförmigen Pranken am Kinn. Dann schaute sie über die Schulter und malte anschließend ein weiteres Symbol auf den Boden direkt unter ihren Füßen.
„Wirklich?", wollte der Geist wissen: „Wo?"
„Irgendwo im Nebel"
Lisa hörte Philip genervt ausatmen und freute sich leise kichernd, dass ihr kleiner Scherz gelungen war. Dann schaute sie kurz die Gänge entlang, bevor sie sich dem Stückchen Luft zuwandte, das sie für Philip hielt und krächzte: „Philip, mein Lieber, Lisa glaubt, dass sich Herman irgendwo in diesen Gängen rumtreibt. Wir sollten ihn suchen, jaja, ihn aufspüren und befragen, findest du nicht?"
„Du glaubst, er würde mit sich reden lassen?" Philip dachte kurz nach und erinnerte sich an seine Erfahrungen mit Herman Carter, dem Schockspezialisten. Herman war ein unfreundlicher Mann, überzeugt von seinem eigenen Genie und besessen von der Entschlüsselung des menschlichen Gehirns. Er hatte einen Pakt mit dem Entitus geschlossen, der es ihm erlaubt hatte, in den Jagden hin und wieder sadistische Experimente an den Überlebenden auszuführen, oftmals unter Zuhilfenahme von Elektroschocks. Philip konnte sich erinnern, wie Herman gelacht hatte, als er ihn einst nach seinem Gewissen gefragt hatte. Es gebe keine Moral in der Welt, hatte der Doktor geantwortet, nur die Wahrheit, die es zu entschlüsseln galt und die Macht, die man aus Erkenntnissen ziehen konnte.
„Nein, keineswegs", kicherte die Hexe: „Deshalb müssen wir ihn hereinlegen, ihn austricksen, den alten Rotzlöffel. Aber dazu müssen wir ihn erst finden."
„Und du denkts, er sei hier?", fragte Philip und Lisa antwortete: „Wer weiß? Hm, der Zauberrabe vielleicht… Aber der wird es uns nicht sagen, nein, nein, wird er nicht. Wir müssen selbst auf die Suche gehen. Lisa geht voraus."
Die Hexe nickte selbstgefällig und spazierte dann zielsicher in eine Richtung davon. Philip schaute ihr kurz hinterher, bevor er sich selbst in Bewegung setzte. Er wusste nicht, wie Lisa den Doktor hereinlegen wollte, aber sie schien sich ihrer Sache sicher zu sein.
Eine Weile irrten sie durch die Korridore und Lisa summte die ganze Zeit über eine fröhliche Melodie. Sie schien sich keine großen Sorgen zu machen, weder darüber entdeckt zu werden, noch darüber wie sie die Überlebenden und ihre Kameraden finden sollten. Philip folgte ihr für eine ganze Weile, bevor er schließlich flüsternd fragte: „Lisa, bist du dir sicher, dass wir hier jemanden…"
„Psssst" Lisa legte eine spitze Kralle über ihren Mund und blieb stehen, offenbar nach etwas lauschend. Philip drehte den Kopf und suchte ebenfalls nach dem Geräusch, doch er hörte nichts, absolut gar nichts… Doch! Da war ein Knistern in der Luft. Je länger Philip hinhörte, umso lauter wurde es und die gesamte Umgebung schien sich langsam elektrisch aufzuladen.
„Carter", stellte Philip mit Abscheu in der Stimme fest und schaute dann zu Lisa. „Er ist in der Nähe. Irgendeine Idee?" Die Hexe kratzte sich kurz am Hinterkopf, bevor sie antwortete. „Warum versuchen wir nicht erstmal ihn zu finden, hm? Lisa wird sich dann schon etwas einfallen lassen. Lisa lässt sich immer etwas einfallen."
Mit einem unterdrückten Kichern signalisierte die Hexe Philip, dass er ihr folgen sollte und lief dann einen der Korridore entlang. Philip setzte sich in Bewegung, dieses Mal sofort. Auch wenn Lisa von Zeit zu Zeit etwas schräg, um nicht zu sagen vollkommen übergeschnappt wirken mochte, so hatte sie dennoch recht gehabt. Die alte Dame ließ sich tatsächlich immer etwas einfallen und Philip vertraute ihr.
Das Knistern um sie herum wurde intensiver, je weiter sie sich in Richtung des Doktors begaben. Nicht lauter, nur intensiver, bedrohlicher, elektrisierender, wodurch es Philip und Lisa ein leichtes war, Herman Carters Position relativ genau zu erahnen. Der Entitus hatte ihn mit diesem elektrischen Feld, das er bis zu einem gewissen Grad kontrollieren konnte, ausgestattet und Philip wusste, dass Carter es während der Jagden dazu eingesetzt hatte, den Überlebenden alle möglichen Halluzinationen und Wahrvorstellungen ins Gehirn zu pflanzen. Es war ein grausames Werkzeug, das den Verstand der Beute und nicht den Körper zum Ziel hatte. Von allen Killern, so dachte Philip, war Carter wohl der Ruchloseste. Er schreckte vor absolut nichts zurück.
Ein Schild an der Wand erhaschte Philips Aufmerksamkeit. Dort wurde auf ein nahegelegenes Labor hingewiesen, bei dem es sich wohl gleichzeitig um die zentrale Behandlungskammer handelte. Ein schauriges Gefühl legte sich auf Philips Rücken. Er wusste, welcher Raum gemeint war. Das Lery´s Memorial Institute war eine der vielen Arenen gewesen, in denen sich die Überlebenden immer wieder den Killern gegenübergesehen hatten. Auch Philip war einige Male hierhergeschickt worden und selbst wenn das Gebäude stets etwas anders ausgesehen hatte, so waren doch jedes Mal einige zentrale Merkmale zwischen all den Gängen und Korridoren zu finden gewesen. Der sogenannte Behandlungsraum war eines dieser Merkmale.
Lisa erreichte nun eine Tür, die in eben jene Einrichtung zu führen schien, doch die Hexe entschied sich gegen den Durchgang und nahm stattdessen eine Treppe zu ihrer Rechten. Auch sie war immer wieder in diese Arena gesandt worden und kannte die konstanten Orte und Stellen. Der Behandlungsraum sah immer gleich aus und stets führte eine Galerie rund um den Saal, die gute Deckung bot. Eine Tatsache, die sich glücklicherweise nicht geändert hatte.
Schleichend duckte sich die Hexe am Geländer entlang und wagte dann einen verstohlenen Blick hinunter in den achteckigen Raum. Dort, etwas abseits saß der Doktor an einem Schreibtisch und schien sich mit einer Ansammlung an Kabeln und Drähten zu beschäftigen. Wie immer trug er die seltsame Maske auf dem Kopf, die der Entitus ihm aufgezwungen hatte, und die sein Gesicht durchgehend zu einem makabren Grinsen verzog. Die Haut des Doktors war grau und aufgerissen, fast so, als wäre er auf dem elektrischen Stuhl exekutiert worden, doch Philip kannte die Wahrheit. Herman Carter vergötterte die Elektrizität wie keine andere Naturgewalt und hatte sein Aussehen eigenhändig der Berührung durch die Funken ausgesetzt. Die dadurch entstandene Monstrosität pflegte er mit einem weisen Doktorkittel zu kombinieren. Wahrscheinlich eine Angewohnheit aus seiner Zeit als Mensch, vermutete Philip.
Der Geist stand hinter der Hexe und schaute ebenfalls nach unten in den Raum, in dem sich neben dem Doktor und seinem Schreibtisch eine Menge an medizinischen Maschinen und elektronischen Gerätschaften befand. Das wichtigste war jedoch das Krankenbett in der Mitte, das von einer grellen Lampe beleuchtet wurde und auf das Carter mit straffen Riemen eine Person geschnallt hatte. Der Oberkörper des Mannes war von aller Kleidung befreit und zahllosen Elektroden an seinem Kopf angebracht worden.
Die zugegebenermaßen beeindruckenden Muskeln spannten sich unter Anstrengung, als der bärtige Mann versuchte, sich aus den Fesseln zu befreien. Mit panischer Verzweiflung in den Augen zerrte und zog er an den Riemen um seine Handgelenke und Knöchel. Ohne Erfolg. Sie bewegten sich keinen Millimeter. Carter wusste offensichtlich, wie man aufmüpfige Personen ruhigstellte und wieder fuhr Philip ein Schauer über den Rücken.
Der Doktor hatte allem Anschein nach noch nicht mit seinen Experimenten begonnen, wahrscheinlich weil er den Überlebenden erst kürzlich erwischt hatte. David King schien noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zu sein und ungebrochen wehrte er sich gegen die Fesseln, hin und wieder ein wütendes Knurren von sich gebend. Doch das würde sich geändert haben, sobald Herman mit ihm fertig sein würde. Danach, Philip war sich sicher, würde David King keinen Finger mehr rühren können, selbst wenn er noch am Leben sein sollte.
Der Geist bückte sich hinunter zu Lisa und frage: „Wir haben Herman gefunden und er hat einen der Überlebenden in seiner Gewalt. Vielleicht ist der andere auch hier irgendwo. Was sollen wir tun?"
Lisa spähte noch einen Moment in den Raum, dann bückte sie sich ebenfalls und flüsterte. „Retten müssen wir ihn, so viel steht fest, ja, ja, ansonsten ist sein Gehirn bald weicher als geschmolzener Käse." Lisa kicherte leise und Philip zog eine Augenbraue nach oben, auch wenn die Hexe es nicht sehen konnte. „Aber Philip, meine Güte, du hast ja recht", sprach sie weiter: „Vielleicht hat er auch den anderen. Hmmm… Das könnte ein Problem darstellen."
„Also?", wollte Philip wissen und hoffte, dass Lisa einen Plan in Petto hatte: „Was tun wir?"
Als Antwort kratzte sich Lisa kurz am Kopf und tat dann das Unerwartetste, das sich Philip hätte vorstellen können. Schwungvoll schwang sie die Beine über das Geländer und sprang nach unten in den achteckigen Saal, wo sie laut hörbar auf den Boden auftraf.
Schockiert schaute ihr Philip nach und sein Blick richtete sich sofort auf Herman, der ebenfalls erstaunt aufgesehen hatte. Der Geist konnte den Blick des Doktors nicht vollständig deuten, doch er schien überrascht zu sein. Er hatte in seiner Arbeit innegehalten und starrte Lisa sprachlos an.
„Herman!"
„Lisa?"
Die Hexe wuselte nun energisch auf ihn zu und warf scheinbar interessierte Blicke in alle Richtungen.
„Herman, Herman, du hast dich hier ja richtig heimelig eingerichtete, ja, ja, ohne Zweifel", sie erreichte nun seinen Schreibtisch und schaute dem sitzenden Killer neugierig über die Schulter. „Wieder eine Spielerei für den Entitus?" Sie ließ ein leicht spöttisches Kichern hören.
„Mitnichten", antwortete Carter: „Der Entitus ist nicht länger der Herr dieses Reichs."
„Ist er nicht mehr?", Lisa kicherte.
„Was willst du hier, Lisa?", fragte der Doktor und in seinem sachlichen Tonfall lag größere Gefahr als es eine Todesdrohung auszudrücken vermocht hätte.
„Lisa geht nur spazieren", antwortete die Hexe und kletterte auf Carters Schreibtisch: „Lisa wurde in keine Jagden mehr gerufen, weißt du. Ja, ja, der Zauberrabe scheint wohl wahrhaftig den Löffel abgegeben zu haben." Kichernd schnappte sie sich eines der Metallteile, die auf dem Arbeitsplatz verstreut lagen und hob es nach oben. Mit einem Auge geschlossen betrachtete sie das Stück.
„Was is´n das? Hmmm?", krächzte sie, bevor der Doktor es ihr aus der Hand reißen konnte.
„Das ist ein… das würdest du ohnehin nicht verstehen."
„Ein Geheimnis also", kicherte Lisa: „Ich liebe Geheimnisse. Lass mich raten, Herman, du willst eine Suppe kochen. Oder nein, du willst etwas braten. Du willst schließlich immer etwas braten. Vorzugsweise Gehirne. Aber welches…"
Lisa tat so, als sei ihr Blick nun zum ersten Mal auf David gefallen.
„Wen haben wir denn hier?", rief sie scheinbar entzückt und sprang von Carters Schreibtisch, wobei sie die Hälfte seiner Bauteile von der Tischplatte stieß. „Ist das das Gehirn, das du braten willst?"
Eilig wuselte sie hinüber zum Krankenbett, auf das der Überlebende gefesselt war und sprang David auf die Brust. Dort ließ sie sich nieder und schaute ihm kurz in die Augen, bevor sie dem Mann in den Arm schnitt und anschließend das Blut von der Kralle leckte. „Oh, er schmeckt so gut, Herman. Ein köstlicher Tropfen, ja, ja. Oh, was würde Lisa geben für einen Bissen." Sie bückte sich nach unten und leckte dem entsetzten David mit ihrer abscheulichen Zunge über das Gesicht. „So köstlich! Sag doch, wo hast du ihn gefunden?"
„Spielt das eine Rolle?", fragte Herman und trat zu Lisa hin, den Blick auf David gerichtet. „Er hat sich in der Nähe des Anwesens herumgetrieben. Du kannst seinen Körper haben, sobald ich mit ihm fertig bin.
Philip, der die ganze Szene beobachtete, lief ein Schauer über den Rücken. Was hatte Lisa vor?
„Ist er dann tot?"
„Natürlich"
„Pffft", die Hexe spuckte aus: „Kein totes Fleisch. Herman, Herman" Sie sprang von David herunter und lief auf den Doktor zu. Aufgrund ihrer geringen Körpergröße musste sie den Kopf in den Nacken legen, um dem Killer in die Augen schauen zu können. „Sag, hast du noch mehr? Einen, den du mir lebendig überlassen könntest? Ich liebe lebendiges Fleisch, zuckende Muskeln zwischen den Zähnen. Hast du noch welche, hmmmm?"
„Abscheulich", bemerkte der Doktor und trat einen Schritt von der Hexe zurück: „Aber nein, ich habe keinen mehr. Du musst wohl oder übel selbst suchen gehen, Lisa, aber bis auf diesen hier ist nur ein weiterer im Nebel geblieben und den wird Evan mittlerweile erwischt haben."
„Schade", meckerte Lisa: „Du könntest mir immerhin ein Bein überlassen, bevor du seine Birne grillst."
„Nein, ich brauche ihn bei vollem Bewusstsein."
„Ooooch" Lisa krabbelte um den Doktor herum und bewegte sich zurück zu seinem Schreibtisch: „Wofür brauchst du ihn überhaupt? Schau ihn dir doch an. Im Oberstübchen hat er nicht viel." Sie kicherte und warf einen blitzschnellen Blick zu Philip hinauf, während Carter sich einmal um die eigene Achse drehte, um Lisa im Blick halten zu können. Der Geist hatte das Signal verstanden.
„Ich arbeite an einem Projekt", antwortete der Doktor: „Ich kann es dir erklären, wenn du willst, aber ich glaube kaum, dass du es verstehen wirst."
„Nein?", Lisa sprang wieder auf den Schreibtisch und krallte sich einen zufälligen Gegenstand, blau leuchtend und pulsierend. „Hat das etwas mit dem Projekt zu tun?" Sie nahm es zwischen die Zähne und nagte kurz daran, bevor Carter zu ihr hinlief und das Teil aus ihren Kiefern schnappte.
„Lassen das", befahl er und hob das Gerät anschließend auf Augenhöhe: „Es hat nicht nur etwas mit meinem Projekt zu tun, vielmehr ist es Dreh- und Angelpunkt meiner gesamten Forschung hier im Reich des Entitus." Er schaute wieder zu Lisa. „Ich musste es geheim halten, vor unserem Meister verstecken. Doch diese Zeiten sind jetzt vorbei." Der Doktor öffnete seine Zähne und das Lachen eines Verrückten ertönte. Philip schlich derweil vorsichtig nach unten und betrat den Behandlungsraum, woraufhin er sich vorsichtig dem Gefangenen näherte. Sein Blick haftete auf Carters Rücken, der gerade dabei war, Lisa die Ausmaße seines Plans zu erklären. Wie alle Genies hatte der Doktor die Schwäche, rasend schnell der eigenen Stimme zu verfallen und sich vor anderen aufblasen zu wollen.
„Dieses kleine Gerät", sagte Carter: „könnte im Stande sein, mich zum neuen Herren über den Nebel zu machen. Verstehst du?"
„Lisa versteht, oh ja, aber warum brauchst du den Tunichtgut dafür?"
Philip hatte gerade eine Hand an die Fesseln des Überlebenden gelegt, als Carter sich umdreht und auf das Bett zuging. Der Geist schreckt zurück, während Lisa eine erschrockene Miene machte, sich allerdings sofort wieder fing.
„Ich brauche eine Testperson", erklärte der Doktor und strich bedrohlich sanft über Davids Stirn: „Der Verstand ist ein unglaublich komplexes und vielschichtiges Gebilde. So fortgeschritten, so perfekt und gleichzeitig so fehlerhaft und unlogisch. Manche behaupten, es sein ein Ding der Unmöglichkeit, ihn zu entschlüsseln."
Der Doktor schnellte wieder zu Lisa herum und warf sich in die Brust. „Aber ich nicht. In zahllosen Experimenten, die ich über die Jahre am lebenden Exemplar durchgeführt habe, konnte ich Regeln erkennen, Prinzipien und Gesetze, denen der Verstand folgt und die sich mit der richtigen Methode" Er schnipste mit den Fingern und ein kleiner Blitz zuckte knisternd durch die Luft: „beeinflussen und anpassen lassen."
Vorsichtig legte Philip eine Hand über Davids Mund und die Augen des Überlebenden schossen erschrocken hin und her. Dann löste sich plötzlich eine seiner Fesseln, wurde locker und fiel schließlich ganz ab.
„Dieses Gerät ist eine dieser Methoden", sprach Carter weiter und warf es Lisa zu: „Nur zu, kau darauf herum so viel du willst, du wirst es niemals kaputtkriegen. Es ist unzerstörbar."
„Das wollen wir doch mal sehen", kicherte Lisa und nahm das blau pulsierende Teil wieder zwischen die Zähne. Carter lachte kurz und sagte dann: „Der menschliche Verstand besitzt unglaubliche Kapazitäten und Potential, aber dummerweise ist er in unseren Köpfen gefangen. Dieses Gerät macht damit Schluss." Er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf David, der bereits halb befreit war. „Und er wird mir dabei helfen, meine Arbeit daran zu beenden. Es wäre töricht, um nicht zu sagen wahnsinnig, meinen eigenen Verstand der Kraft dieses Geräts auszusetzten ohne es vorher einem Test zu unterziehen. Zuerst muss der Verstand geöffnet, den neuen Möglichkeiten zugänglich gemacht werden. Ganz ähnlich wie Metall, das erst geschmolzen werden muss, bevor man es in eine neue Form gießen kann. Meine Forschungen haben mir nach langjähriger Arbeit die richtige Methode gezeigt, um so ein Vorhaben durchzuführen. Allerdings wird es einige Zeit in Anspruch nehmen, in der die Geisteskraft völlig verwundbar offenliegt. Geht das Unternehmen schief, ist sie für immer verloren und es bleibt nichts weiter zurück als eine leere Hülle."
Philip hatte David nun vollständig von den Fesseln befreit. Nahezu lautlos hob er ihn hoch und schlich rückwärts aus dem Behandlungsraum. Die Hexe kicherte vergnügt um jedes Geräusch zu übertönen, wobei Carter wohl dachte, dass ihre Freude seinem geisteskranken Projekt galt.
„Gelingt die Behandlung jedoch, so kann das Gerät in den Kopf des Patienten eingepflanzt werden. Anschließend erstellt es ein Netzwerk, ein Feld, das wie ein Nervensystem die Signale des Gehirns auf die Umgebung überträgt." Carter stieß ein weiters Lachen aus: „Begreifst du, was ich dir sage? Die gesamte Kraft des Verstandes verbunden mit der verschwommenen Realität des Nebels. Die Macht, Welten zu erschaffen, zu zerstören und zu beherrschen, alles anhand eines Gedankens, eines einfachen Willens. Gott sein, davon spreche ich."
„Lisa versteht", antwortete die Hexe in einem Versuch, Philip und David so viel Zeit wie möglich zu verschaffen, bevor sich Carter unweigerlich an die Verfolgung machen würde. Sie hielt das Gerät nach oben und betrachtete es mit zusammengekniffenen Augen. „Ist es kompliziert zu konstruieren?"
„Jahrelang habe ich daran gearbeitet, all meine Forschung steckt in diesem Gerät. Ein wahres Meisterwerk, das kann ich ohne weiteres behaupten."
„Wie viele gibt es davon?", die Hexe schaute nun zu Carter: „Kriegt Lisa auch eins?"
„Sicherlich nicht, es ist der einzige Prototyp und ich plane keine weiteren Modelle anzufertigen."
Der Doktor streckte die Hand aus und forderte das blaue Gerät zurück. Lisa kratzte sich wieder am Kopf und streckte ihm dann das Gerät entgegen, nur im mit einem Mal die Hand zurückzuziehen, als er danach greifen wollte. Carter starrte sie bedrohlich an.
„Ich warne dich…"
„Aber Herman, du wirst doch nicht der armen Lisa etwas zu Leide tun"
„Der Entitus ist Geschichte", knurrte der Doktor: „Ich habe keine Fesseln mehr an mir."
„Wie´s scheint geht's dem lieben David da ganz ähnlich."
Carter schnellte herum und sein Blick fiel augenblicklich auf das leere Krankenbett.
„Was zum…"
Er schaute wieder zu Lisa, doch die hatte sich längst mit einem Sprung nach oben auf die Galerie in Sicherheit gebracht. Für einen kurzen Moment saß sie dort und blickte auf den verwirrten Doktor hinunter, dann streckte sie ihm die Zunge heraus und verschwand anschließend hinter dem Geländer, das blaue Gerät fest zwischen ihren Krallen. Panisch eilte Carter zu seinem Schreibtisch und schnappte sich den metallenen Stock, der bereits so manchen Patienten das Fürchten gelehrt hatte. Mit fliegendem Mantel nahm er die Verfolgung auf.