Der Mann unter dem Haus

Philip hatte sich David über die Schulter geworfen und rannte so schnell er konnte, seitdem er sich außerhalb der Hörweite des Doktors befand. Eilig lief er durch die Gänge und Korridore des Institutes und suchte nach einem Ausgang, einem Tor, das ihn hinaus in die Wälder des Nebels führen würde. Er musste weg von hier. Carter musste das Verschwinden seines Testsubjektes mittlerweile bemerkt haben und Philip hoffte, dass Lisa es irgendwie geschafft hatte, seinem Zorn zu entkommen. Vielleicht brauchte sie seine Hilfe, doch fürs erste musste er David in Sicherheit bringen.
Ein Schild zu seiner Rechten wies auf einen Ausgang hin und mit schlitternden Füßen vollführte der Geist einen scharfen Richtungswechsel. Beinahe wäre ihm der Überlebende von der Schulter gefallen, hätte sich David nicht selbst festgehalten. Der Überlebende schien ihm zu vertrauen. Zumindest für den Augenblick.
Ein geöffnetes Tor kam in Sicht und der Geist beschleunigte seine Schritte. Dunkle Bäume und schwarzer Nebel waren hinter den Flügeln zu sehen und die Hoffnung wuchs in Philip, rankte sich in seiner Brust nach oben und beflügelte seine Flucht. Rasend schoss er durch den Ausgang und im nächsten Moment befand er sich bereits in der Finsternis des Waldes. Krachend brach er durchs Unterholz, während die Lichter des Institutes langsam in der nebligen Ferne verschwanden, doch Philip rannte weiter. Der Doktor war ein wahrer Meister, wenn es darum ging, seine Beute aufzuspüren und der Geist würde kein Risiko eingehen. Er selbst konnte sich tarnen, David nicht.
Nach einer guten Weile blieb er endlich stehen und schaute über die Schulter. Das Institut war längst zwischen den Bäumen verschwunden und nichts als fahles Mondlicht erhellte die Umgebung auf ein Level, das gerade so über totaler Finsternis lag. Selbst Philip mit seiner verbesserten Nachtsicht hatte Schwierigkeiten Schatten und Objekte auseinanderzuhalten. Stöhnend setzte er David auf den Boden und hob anschließend seine Glocke. Drei schnelle Schläge und der Geist stand mit funkelnden Augen vor dem Überlebenden.
„Verdammt, wie…", keuchte David und wich hastig drei Schritte zurück. Philip fürchtete bereits, er würde ihm davonlaufen, doch trotzdem verharrte der Geist an Ort und Stelle, um dem Überlebenden keine Angst einzujagen.
„Wir habe keine Zeit für Erklärungen", sagte der Geist und kniete sich auf den Boden, wodurch er mit David auf einer Augenhöhe war: „Wir sind hier um euch zu retten, dich und Jake."
„Diese kranke Hexe gehört auch zu dir?", rief David und Philip ermahnte ihn mit gehobener Hand zur Stille. „Ja, Lisa gehört auch zu uns. Außerdem haben wir noch Sally… die Krankenschwester und die Jägerin. Und falls du mir nicht glaubst, Nea und Meg sind auch hier."
„Nea?", David schien noch überraschter als zuvor: „Meg… Was zum Teufel tun die beiden hier? Was ist passiert? Warum… Warum helft ihr uns auf einmal?"
„Wir sind dem Entitus entkommen, haben uns in der realen Welt zusammengetan und diesen Rettungsversuch gestartet", erklärte Philip: „Bitte, später mehr. Kannst du hierbleiben? Dich versteckt halten?"
„Ich… Ja"
Philip nickte und stand auf, um eiligst in den Wald zurückzulaufen, den Pfad entlang, den er gerade eben gekommen war. Er musste Lisa helfen. Wenn Carter sie in die Finger bekam, würde er keine Sekunde zögern und ihr ein grausames Ende bereiten. Das durfte nicht passieren.

Lisa raste einen schwach beleuchteten Korridor entlang. Sie hatte angenommen, dass Philip mit David auf dem gleichen Weg geflohen war, der sie hergeführt hatte. Fest entschlossen Carter auf eine falsche Fährte zu führen, riss sie im Vorbeilaufen ein Krankenbett um, sodass es krachend auf den gefliesten Boden stürzte. Anschließend bog sie nach rechts ab. Ihr Ziel war die gegenüberliegende Seite des Institutes, wo sich hoffentlich ein weiterer Ausgang befand.
In der rechten Hand hielt sie das blaue Gerät des Doktors umklammert, während sie sich mit der Linken an einem Schreibtisch abstützte und flink auf die andere Seite schwang, nur um beim Wiederauftreffen auf den Boden beinahe aus dem Gleichgewicht zu kommen. Beinahe.
Hastig setzte sie ihren Weg fort. Die Hexe konnte Carters elektrisches Feld um sie herum spüren und langsam aber sicher gewann es an Stärke. Der Doktor holte auf. Er wusste genau in welche Richtung sie lief und wie ein Schießhund hatte sich der verrückte Wissenschaftler an ihre Fersen geheftet. Lisa hörte ihn frustriert in einem der Gänge aufbrüllen und das Echo verbreitete den Schall weit durch die Hallen des Institutes. Carter war wütend. Carter wollte töten.
Verständlich, dachte Lisa, seine gesamte Arbeit, wie er selbst gesagt hatte, lag in den Krallen einer unzurechnungsfähigen, labilen Lady, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, seine Worte auf die Probe zu stellen. Nichts war unzerstörbar!
„HAB ICH DICH!"
Lisa schaute über die Schulter und konnte den Doktor am Ende des Korridors erkennen. In seinen Händen trug er den Stock, seine grausame Waffe. Blitze entluden sich an seinen Armen, fuhren über seinen Oberkörper und schnellten in die Umgebung. Bohrende Augen hafteten auf Lisa und ein flatternder Doktormantel folgte Carter, als er mit den Flügeln des Zorns auf die Hexe zulief.
„Zeit zu verschwinden", murmelte Lisa und rannte nach rechts im Versuch, die Sichtlinie zwischen ihr und ihrem Verfolger zu unterbrechen. Es gelang ihr nur für kurze Zeit und sie konnte keine Distanz gewinnen. Polternde Schritte näherten sich hinter ihrem Rücken.
„ICH REISS DIR DEN KOPF AB!", brüllte der Doktor und holte aus. Krachend traf der Stock auf die Wand neben Lisa, als sie sich hinter einer Ecke in Deckung brachte. Funken stoben umher und Blitze entluden sich an der Umgebung. „DIE MACHT DES ENTITUS IST MEIN", rief der Doktor und setzte Lisa nach.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte er bereits den Arm gehoben, wobei schneidende Elektrizität über die Muskeln nach unten fuhr und sich in seiner Faust sammelte. Die Hexe wusste, was Carter vorhatte und mit einem gewagten Sprung brachte sie sich außer Reichweite. Gerad noch so, wie sie kurz darauf feststellte, denn Carter hatte den Strom in den Boden entlassen und eine elektrische Druckwelle, die alles in ihrem Weg pulverisiert hatte, war auf Lisa zugeschossen. Ein schwarzer Fleck befand sich nun an jener Stelle, über die sie gerade eben hinweggelaufen war.
Ein Schild zeigte den Weg zu einem naheliegenden Ausgang und Lisa rannte sofort in die gewiesene Richtung. Über ein Krankenbett kletternd verkürzte sie die Strecke um einige Meter und im Laufen kickte sie gegen einen Stuhl, der Carter das Durchkommen erschweren sollte. Das Geräusch eines weiteren Blitzstoßes sagte der Hexe, dass ihr Hindernis kaum eine Sekunde lang gehalten hatte.
Als sie in einen großen Korridor einbog, zeigte sich ihr in weiter Ferne das dunkle Quadrat eines weit geöffneten Tores und Lisa konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass sich die Überlebenden während der Jagden wohl ähnlich wie sie jetzt gerade gefühlt haben musste. Hoffnung beflügelte ihre Schritte. Die Rettung kam immer näher und näher.
Ein weiterer Stromstoß wühlte durch den Boden hinter ihr und Lisa konnte die Hitze an den Fersen spüren. Sie hörte Carter wütend aufbrüllen und mit schwerem Keuchen holte er Zentimeter um Zentimeter auf. Lisa konnte schnell sein, wenn sie wollte und es hatte bisher immer gereich, um die Überlebenden zu erwischen. Aber Carter war ein Diener des Entitus. Der dunkle Herr hatte den Doktor nicht nur mit elektrischen, sondern auch beeindruckenden physischen Kräften ausgestattet und es bestand kein Zweifel, dass er Lisa früher oder später einholen würde.
Nur noch zehn Meter, dachte Lisa und mobilisierte ihre letzten Kraftreserven. Knisternde Elektrizität brachte der Korridor zum Glühen, aber wiederum konnte sich die Hexe einem Treffer entziehen. Hinaus in den Wald, nur noch wenige Meter.
Die plötzlich durch ihren Körper fahrende Elektrizität entriss Lisa alle Kontrolle über ihren Körper und zuckend fiel sie zu Boden, wo sie noch einige Meter weiterrollte. Beinahe hätte sie das blaue Gerät fallenlassen, doch sie schaffte es, die Klauen fest um das Teil geschlossen zu halten. Triumphierend lachte Carter auf und lud eine erneute Schockwelle. Dann überlegte er es sich jedoch anders und schnappte sich seinen Stock, den er im Laufen an seinen Gürtel gehängt hatte. Mit hämischem Grinsen ging er langsam auf die Hexe zu.
Lisa versucht sich aufzurappeln, doch nach einem Moment vergeblicher Anstrengung fiel sie wieder zurück auf den Boden. Die Schockwelle hatte sie wahrhaftig durchgebraten. Wie ein Backhähnchen, kam es ihr in den Sinn. Stöhnen drehte sie sich auf den Rücken und stützte sich auf die Ellbogen. Dann drehte Lisa den Kopf und sah zu Carter, der nur noch wenige Schritte entfernt war. Die rasende Wut in seinen Augen kündigte von Schmerz und Tod.
Lise kicherte und ließ sich wieder zurück auf die Erde fallen. Der Entitus hatte sie alle die Jahre gefangen gehalten, sie versklavt und benutzt. Hätte er noch etwas mehr Kontrolle über sein Reich gehabt, dann wäre er vielleicht im Stande gewesen, sie zu retten und Carter aufzuhalten, bevor er ihr den Schädel spaltete. Natürlich nur, wenn der Entitus dies auch gewollt hätte. Der Zauberrabe, er war ein erbarmungsloser Herr gewesen und Lisa, die kein großes Gefallen an seinen Grausamkeiten gefunden hatte, war niemals zu einer seiner Favoriten geworden. Doch glücklicherweise war sie nicht auf den Entitus angewiesen.
„Was zum…", murmelte Carter entsetzt und stieß mit der Spitze seines Stocks gegen die zackenartige Barriere, die sich gerade eben vor ihm aus dem Nichts gebildet hatte. Lisa sah die Verwirrung, die Frustration und auch die Angst in seinen Augen. War ihm seine Beute etwa doch noch entwischt? Die Hexe stöhnte erneut und schaffte es dann, sich auf zwei Beine zu stellen. Ihre Augen waren direkt auf Carter gerichtet und einen Moment später trafen sich die Blicke der beiden.
„Was geht hier vor?", knurrte der Doktor vor Wut bebend von der anderen Seite der Barriere aus, die ihn im Inneren des Institutes festhielt. Lisa, die draußen am Waldrand stand, antwortete: „Eine kleine Hexerei" Sie kicherte und warf spielerisch das blaue Gerät in die Luft. „Viel Spaß beim Suchen, Rotzlöffel."
Dann rannte sie in den Wald.

Ein Paar kalter Augen starrte sie wortlos an. Angstschweiß floss Meg kalt über die Stirn und in Panik wollte sie nach hinten wegkriechen, doch es gelang ihr nicht. Sie war erstarrt. Wie eine leblose Puppe lag sie mit verstauchtem Knöchel da, vor Furcht vollkommen bewegungsunfähig. Ihr Atem ging immer schneller und schneller, während ihr Herz rasend pulsierte.
Ein Kurren ertönte und Meg zuckte leise schluchzend zusammen. Die kalten Augen brannten in der Finsternis und das Wesen bewegte sich langsam nach links. Es war etwa vier Meter von Meg entfernt, ein Abstand den die Kreatur unter keinen Umständen verringern zu wollen schien. Unregelmäßige Schritte hallten durch die kühle Kellerluft.
Meg dachte nach. Das Wesen hatte sie noch nicht angegriffen, was jedoch nicht heißen musste, dass es ihr freundlich gesinnt war. Vielleicht wartete es ihn den Schatten auf einen günstigen Moment. Vielleicht war es sich noch nicht sicher, wie verwundbar Meg wirklich war. Vielleicht heckte es gerade einen Plan aus, was es mit den Überresten des Mädchens anstellen wollte.
Aber vielleicht hatte es auch einfach Angst. Vielleicht handelte es sich hier um ein weiteres Opfer des Entitus, das in den Nebeln gefangen und sich vor den Killern versteckt hatte. Der Fallensteller oder der Doktor hätte Meg bereits den Garaus gemacht, so viel stand fest und die anderen Überlebenden hätten ihr längst geholfen. Eigentlich konnte es sich dann nur um einen handeln.
„Max?", fragte Meg und hielt anschließend den Atem an. Die Augen funkelten ihr entgegen und schwebte in der kalten Schwärze, als das Wesen stehen blieb. Wieder ertönte ein Knurren und ein Schauer lief dem Mädchen über den Rücken. „Max?", fragte sie erneut mit zitternder Stimme und streckte eine Hand in die Dunkelheit.
Es dauerte einen Moment, doch dann brüllte das Wesen plötzlich und Meg zog panisch den Arm zurück. Das Augenpaar wanderte wild auf und ab hüpfend durch die Finsternis und kam ihr kurz gefährlich nahe, bevor es sich wieder einige Meter zurückzog. Im von oben einfallenden Mondlicht war kurz die Gestalt der Kreatur erschienen. Der runde Buckel, die entstellte Visage und der von Geschwüren übersäte Körper hatten Meg Klarheit über die Identität des Monsters verschafft.
Der Hinterwäldler war wahrhaftig der letzte, dem Meg in Nebel hatte begegnen wollen. Seine Kettensäge und das heulende Geräusch, wenn er mit ihr durch die Nacht stürmte, würden sie wohl bis ans Ende ihrer Tage verfolgen, dafür hatte er in den unzähligen Jagden gesorgt. Aber gleichzeitig hatte er bisher noch nicht Hand an sie gelegt, auch wenn ihn nichts aufgehalten hätte.
Meg versuchte sich zu erinnern, was Sally ihr gesagt hatte. Max war wie Anna, er war ein Junge, ein Kind, das seine Kraft nicht unter Kontrolle hatte und das vom Entitus in die grausame Form eines Killers gezwängt worden war. Er tötete aus Angst. Angst vor seinem alten Meister und vor den entsetzlichen Strafen, die dieser für ihn im Falle seines Versagens bereithielt.
Der Hinterwäldler schien wohl bemerkt zu haben, dass der Entitus nicht mehr so mächtig war wie früher, denn immer noch hielt er Abstand und funkelte Meg aus kalten Augen an. Sie nahm all ihren Mut zusammen und starrte zurück. Einen Augenblick später ertönte wieder ein Knurren und der Hinterwäldler wich einen Schritt nach hinten. Er hatte wirklich Angst, erkannte Meg. Vielleicht konnte sie ihn verjagen, ihn in Panik versetzen, sodass er sich aus dem Staub machen würde.
Nein, der Hinterwäldler würde sich wahrscheinlich verteidigen. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, ihm seine Angst zu nehmen. Der Hinterwäldler musste erkennen, dass Meg nicht seine Feindin war. Wieder streckte sie die Hand aus, was ein leises Knurren zur Folge hatte. Ihre Finger zitterten.
„Max… Hab keine Angst…"
Meg wusste nicht, ob der Hinterwäldler etwas von dem verstand, was sie ihm sagte. Am Ende sprach er genau wie Anna eine andere Sprache. Oder gar keine.
„Max… Ist das dein Name?"
Unter aggressivem Knurren bewegte sich der Killer nach rechts und Meg musste den Kopf drehen, um ihn im Blick halten zu können. Seine Augen waren immer noch auf sie gerichtete, was bedeute, dass sie immer noch seine Aufmerksamkeit hatte. Allerdings schienen ihre Anstrengungen keine Früchte zu tragen. Mit jedem Wort, das Meg sagte, schien Max nur unruhiger und misstrauischer zu werden. Sie musste sich etwas überlegen.
„Sally hat mir von dir erzählt."
Als sie den Namen der Krankenschwester erwähnte, verstummte das Kurren kurz und sobald es wiedereinsetzte, hatte es deutlich an Kraft und Bedrohlichkeit verloren. Trotzdem hatte Meg immer noch höllische Angst und ihre Stimme zitterte, als sie weitersprach.
„Sally hat gesagt, du bist gar nicht gefährlich. Sally hat gesagt, du willst uns gar nicht wehtun. Ich will dir auch nicht wehtun." Sie schluckte. „Ich will deine Freundin sein. Mein… Mein Name ist Meg."
„Meg", kam es aus der Dunkelheit zurück. Das Wort glich eher einem Grunzen und beinahe hätte die Athletin ihren eigenen Namen nicht verstanden, doch der Hinterwäldler hatte ihn ohne Zweifel ausgesprochen.
„Ja, ich bin Meg. Und du bist Max, oder?"
„Max", knurrte der Killer nun seinen eigenen Namen und kam ein Stück näher. Er hatte den Kopf gesenkt und bewegte sich ein einer leicht gebückten Haltung, trotzdem schwebten seine Augen weit über dem am Boden liegenden Mädchen. Seine Gestalt kam nun wieder ins Mondlicht. Der verunstaltete Körper des Ungetüms jagte Meg einen Schauer über den Rücken, der sporadische Haarwuchs, der unförmige Kopf und der geschwollene Leib machten den Hinterwäldler zum Abbild des klassischen Monsters. Er trug ein zerrissenes Unterhemd und eine abgenutzte Lederhose, die er mit einem Gürtel befestigt hatte. Ansonsten bedeckte nichts die verschorfte Haut.
Der Hinterwäldler streckte nun ebenfalls vorsichtig eine Hand aus und Meg widerstand unter höchster Anstrengung dem Impuls, die ihre zurückzuziehen. Sie beugte sich noch etwas nach vorne und näherte sich dem Killer dadurch um einige Zentimeter. Max machte einen weiteren Schritt. Mit dem Fuß stieß er an ein Objekt und plötzlich schlitterte die schwarze Pistole über den Boden in Megs Blickfeld. Die Waffe lag jetzt genau zwischen ihr und dem Hinterwäldler, doch zu weit weg um sie zu erreichen. Meg spielte einen Moment lang mit dem Gedanken, sich plötzlich nach vorne zu werfen und nach der Waffe zu greifen, in der Hoffnung, dass Max zu langsam reagieren würde. Doch im selben Moment machte der Hinterwäldler einen weiteren Schritt und dieses Mal setzte er seinen Fuß direkt auf die Pistole. Krachend löste sich ein Schuss.

Meg wachte auf und im selben Moment fuhr ein stechender Schmerz durch ihre Schulter. Stöhnend hob sie den rechten Arm und tastete vorsichtig die Stelle ab, woraufhin sofort warmes Blut ihre Finger benetzte. Als sie ihre Schulter berührte, intensivierten sich die Schmerzen nur noch mehr und mit zusammengebissenen Zähnen zog sie ihre Hand zurück.
Sie war verletzt. Der Schuss, der sich hatte, als der Hinterwäldler auf die Waffe gestiegen war, musste Meg direkt in die Schulter getroffen haben und sie ohnmächtig werden lassen. Etwas weiter rechts und das wär's gewesen. Sie hatte Glück gehabt.
Angestrengt hob Meg den Kopf. Sie lag nicht mehr, wie erwartet unter dem Loch, durch das sie hereingefallen war, sondern in einem provisorischen Bett, gezimmert aus einem halbverrotteten Tisch und einigen schmutzigen Laken, kombiniert mit abgerissenen Strohhalmen. Eine flackernde Glühbirne hing von der Decke und spendete fahles Licht, während sich eine Reihe schimmelbefallener Möbel an die Wände drängte. An einer der Mauern lief in schwarzen Spuren Wasser herab und sammelte sich in einer kleinen Pfütze am Boden.
Megs erster Gedanke galt der Frage, wer sie hierhergebracht hatte. Es musste wohl Max gewesen sein, denn ansonsten wusste ja niemand von ihrem Unglück. Doch warum sollte der Killer sie in einen anderen Raum bringen? Er hatte doch Angst vor ihr gehabt. Wie lange war sie überhaupt bewusstlos gewesen?
Wieder fuhr ein Stich durch die Wunde und instinktiv presste Meg die Hand auf die Verletzung. Wieder spürte sie warme Flüssigkeit, doch dieses Mal fühlten ihre Finger noch etwas anders. Einen Stoff, rau und voluminös, bei dem es sich nicht um ihre Kleidung handelte. Sie warf einen Blick auf ihre Schulter und entdeckte einen Stofffetzen, der zusammengefaltet und mit einem verbogenen Draht auf der Wunde fixiert worden war. Einst war er wohl weiß gewesen, doch nun hatte er sich mit Megs rotem Blut vollgesogen. Es handelte sich um einen behelfsmäßigen Verband, der seinen Zweck kaum erfüllte und doch hatte er die Blutung bis zu einem gewissen Grad gestoppt.
Erneut berührte Meg den Stofffetzen und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Was war geschehen? Der Hinterwäldler musste sie wohl in diesen Raum gebracht und anschließend versucht haben, die Wunde mithilfe seiner begrenzten Mittel und Fähigkeiten zu verarzten. Anders konnte Meg sich ihre gegenwärtige Lage gar nicht erklären.
„Das kann doch nicht wahr sein", knurrte sie, während sie unter Schmerzen ein Bein von der unangenehmen Ruhestätte schwang und auf den Boden setzte. Das zweite folgte sogleich, doch als sie aufstand und ihr Gewicht auf ihre Füße verlagerte wurde Meg schwarz vor Augen und beinahe wäre sie hingefallen. Mit der rechten stützte sie sich an der Wand ab, langsam in die Knie gehend. Ihr Atem ging immer schneller und pochend Kopfschmerzen verdunkelten ihren Verstand.
Einen Moment später kehrte ihre Sicht teilweise zurück. Schwer keuchend drehte sie den Kopf und erkannte eine Tür, die halb geöffnet in einen dunkeln Raum führte. Der Ort erinnerte Meg zu stark an den gefürchteten Keller aus den Jagden und in einer klaustrophobischen Panikattacke beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sie war verwundet. Sie musste hier raus. Einfach nur raus.
Unter Schmerzen kämpfte Meg sich auf die Beine und stolperte auf die Tür zu. Dabei tastete sie sich mit der rechten Hand an der Wand entlang und spürte gleichzeitig, wie warmes Blut ihre Seite nach unten rann. Der Verband hatte sich bereits nach wenigen Schritten gelöst und fiel nutzlos zu Boden. Wenn Meg überleben wollte, musste sie ihn sofort ersetzen. Panisch presste sie die Rechte nun auf die Wunde, die Linke konnte sie kaum anheben. Raus.
Als sie die Tür erreichte, drückte sie mit ihrer gesunden Schulter gegen das Holz und löste damit ein ohrenbetäubendes Quietschen aus. Der zweite Raum war dunkler und kälter. Die Glühbirne in Megs Rücken schien der einzige Lichtspender zu sein, doch einen Moment später entdeckte sie das Loch, durch das fahles Mondlicht hereinsickerte. Eine Blutspur zog sich von dort bis zur Ruhestätte, auf der die Athletin gerade eben noch gelegen war. Als sie sich umschaute, erkannte Meg eine Kontur in einer Ecke des dunklen Kellers und erst sobald sie etwas zur Seite trat, um Licht hereinfallen zu lassen, erkannte sie die große, von Rost befallene Kettensäge. Ihr Besitzer war nirgends zu sehen.
Meg versuchte ihrer Angst Herrin zu werden, mit mäßigem Erfolg. Der Hinterwälder schien nicht hier zu sein, und sie bezweifelte, dass er durch das Loch nach oben geklettert war, was bedeutete, dass es noch einen anderen Ausgang geben musste, eine weitere Tür. Ihre Waffe war verschwunden, weshalb die Athletin sich sofort auf die Suche nach einem Durchgang machte. Keuchend tastete sie sich durch die Dunkelheit, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, die Rechte immer noch auf die Schulter gepresst. Erschrocken stellte sie fest, dass sie unglaublich viel Blut verlor. Die Zeit spielte gegen sie und sie musste sich beeilen.
Die Finger ihrer Linken stießen auf kalten Stein, eine Mauer. Sie musste nur noch daran entlanggehen und früher oder später würde sie den Ausgang finden. Mit rasendem Herzen setzte sie ihren Plan in die Tat um. Die Dunkelheit schien alles zu verschlingen und nur der Schmerz in ihrer Schulter erinnerte Meg daran, dass sie noch lebte.
Ihre Hand traf auf kaltes Metall. Ein eiserner Griff und etwas, das sich wie eine Schiebetür anfühlte. Sie hatte den Ausgang gefunden, sie musste ihn nur noch öffnen. Keuchend klammerte sie sich um den kalten Griff und unter Stöhnen zog sie mit ihrem ganzen Gewicht. Die Tür bewegte sich einen Zentimeter, doch dann blieb sie stecken. Panik keimte in Meg auf. Wieder legte sie ihr ganzes Gewicht in einen kräftigen Ruck, doch die Tür blieb an Ort und Stelle, all ihre Hoffnung mit einem Schlag zertrümmernd. Meg fühlte, wie ihre Unterlippe zu beben begann. Tränen der Furcht sammelten sich in ihren Augen und sie konnte kaum noch klar denken. Die ganze Zeit über quoll dickflüssiges Blut zwischen ihren Fingern hervor. Weinend zog und zerrte sie an dem Türgriff, immer verzweifelter und immer schwächer. Blinde Furcht umnebelte ihren Verstand.
Dann, als sie jede Hoffnung aufgegeben hatte, fuhr die Tür krachend zur Seite und Meg verlor das Gleichgewicht, wodurch sie schmerzhaft nach hinten auf den harten Steinboden fiel. Licht flutete in das dunkle Zimmer und sie konnte die gebückte Gestalt des Hinterwäldlers im Durchgang erkennen. Bedrohlich ragte er über ihr auf und schaute mit kalten, grausamen Augen auf Meg herab. Sein Opfer. Seine Beute.
„Nein", keuchte Meg und dreht sich auf den Bauch. Kraftlos versuchte sie davonzukriechen und zog eine rote Spur üben den Steinboden. „Nein. Bitte."
Eine kräftige Hand packte sie an der gesunden Schulter und drehte sie wieder zurück auf den Rücken. Meg wollte sich wehren, doch sie konnte kaum klar sehen und von Angst gelähmt entdeckte sie die Visage des Hinterwäldlers und wie er auf ihre Verletzung starrte. Er schien etwas zu sagen, doch Meg hörte nichts anderes als ihren dumpfen Puls in den Ohren. Im nächsten Moment erhob er sich leicht und riss sich einen Teil seins Unterhemds vom Körper, an einer Stelle, die bereits vorher zerrissen worden zu sein schien. Anschließend packte er Meg mit der linken Pranke und presste mit der Rechten den Stofffetzen auf ihre Wunde. Es tat höllisch weh und der Schmerz schoss wie ein Blitz durch ihre linke Seite. Ein Schrei hallte durch das Gewölbe.
In einem Augenblick der Klarheit fasste Meg nach dem Arm des Hinterwäldlers und zog etwas daran. „Nicht so fest", keuchte sie: „Max, bitte, du tust mir weh."
Max lockerte seinen Griff ein wenig und erschöpft schnappte Meg nach Luft. Sie musste klar denken, einen klaren Gedanken fassen. Max wollte sie nicht umbringen, er wollte ihr helfen, doch er wusste ganz offensichtlich nicht wie. Megs Leben stand auf dem Spiel und sie musste sich etwas einfallen lassen.
„Max", flüsterte sie atemlos: „Max, ich… Ich brauche mehr Stoff. Stoff, Max" Meg deutete auf den Fetzen, den sie mittlerweile selbst auf die Wunde presste und der Hinterwäldler schien zu verstehen. Wieder bäumte er sich auf und zog sich die Reste seines Unterhemdes vom Leib, bevor er die Lumpen in Megs Hand legte. Mit zusammengebissenen Zähnen wickelte sie den Stoff um ihre Schulter.
In den Jagden hatte sie glücklicherweise gelernt, wie man sich selbst verarztete, zur Not auch ohne eine zweite Hand. Es war eine Fähigkeit, die ihr immer wieder das Leben gerettet hatte und die es hoffentlich auch dieses Mal tun würde.
Unter Stöhnen zog Meg an dem provisorischen Verband und fixierte ihn mehr schlecht als recht mittels eines schlampigen Knotens, während ihre Schulter unter dem Druck zu explodieren schien. Doch es war nötig, wenn die Blutung gestoppt werden sollte. Schluchzend ließ sie den Kopf nach hinten fallen und versuchte den Schmerz zu ignorieren. Max stand wie ein hilfloser Gigant über ihr.
Erst als sie von einem plötzlichen Hustenanfall geschüttelt wurde, kam Bewegung in den Hinterwäldler und eiligst humpelte er in einen anderen Raum, außerhalb von Megs Blickfeld. Einen Moment später kehrte er auch schon wieder zurück, einen wassergefüllten Metallhumpen in den Händen tragend. Er kniete sich neben Meg nieder und hob sie ihn eine halb sitzende Position. Dann legte er ihr grob den Becher an die Lippen und flößte ihr Schluck um Schluck kalten Wassers ein. Erst jetzt bemerkte die Athletin wie durstig sie eigentlich war und gierig trank sie die Flüssigkeit, bevor sie sich verschluckte und von einem weiteren Hustenanfall geschüttelt wurde.
„Danke", murmelte Meg, nachdem sie sich etwas beruhigt und keuchend nach Luft geschnappt hatte. Max schien so etwas wie ein Lächeln zu zeigen - Meg konnte es im Halbdunkel kaum erkennen - bevor er sie plötzlich hochhob und so behutsam er konnte, davontrug. Sie versuchte gar nicht erst sich zu wehren. Erstens schien er ihr nichts Böses zu wollen und zweitens hätte sie ohnehin keine Chance freizukommen, vor allem nicht in ihrem gegenwärtigen Zustand.
Zu ihrem Entsetzen brachte er sie zurück in den Raum, aus dem sie gerade erst gekommen war, doch Meg kämpfte ihre Panik zurück und versuchte sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass sie sicher war. Dass Max ihr kein Leid zufügen wollte. Vorsichtig legte der Hinterwäldler das verletzte Mädchen zurück auf die Ruhestätte und völlig entkräftet schlossen sich ihre Augen. Der Schmerz in ihrer Schulter wurde schnell zu einem dumpfen Pochen, das alle anderen Sinne temporär ausblendete. Sie merkte gar nicht, wie Max eilig aus dem Raum humpelte und erst einige Zeit später zurückkehrte.
Nach einer ganzen Weile öffnete Meg die Augen und erkannte den Hinterwäldler, der sich neben sie hingekniet und beinahe schüchtern eine Schale voller Blaubeeren auf den Boden gestellt hatte. Erwartungsvoll blickte er sie an. Zunächst wusste Meg gar nicht, was sie tun sollte und es dauerte einen Moment, bevor sie realisierte, dass Max ihr die Beeren anbot.
„Danke", murmelte sie schwach hustend, als der Killer die Schale etwas näher schob. Sie löste die rechte Hand von ihrer Schulter und griff nach einer der Beeren. Eigentlich hatte Meg überhaupt keinen Hunger, doch das Angebot des Hinterwäldlers abzulehnen schien ihr wenig ratsam zu sein. Sie wollte ihn schließlich nicht beleidigen. Vorsichtig schob sie sich die Beere zwischen die Lippen, in der Hoffnung, dass es sich um keine giftige Frucht handelte. Nach einem kurzen Moment merkte sie, dass die Beeren außerordentlich gut schmeckten. Wie erstaunlich, dass der Entitus in der Lage gewesen war, solche Früchte zu erzeugen. Allerdings kopierte er ja einfach das, was er in der echten Welt fand, schoss es Meg durch den Kopf, diese Beeren hatte er sich wahrscheinlich aus den Wäldern rund um Waltonfield geholt.
Immer hungriger griff Meg nun nach einer weiteren Beere, und dann noch einer und noch einer, bis die Schale schließlich halb leer war. Max schaute ihr die ganze Zeit über zu, wie ein Kind in der Hocke sitzend. Als Meg nach keiner weiteren Beere mehr griff, schob er den Teller etwas näher zu ihr hin und grunzte ihren Namen. Doch bald hatte er verstand, dass Meg geschwächt war und Ruhe brauchte. Behutsam griff Max nach einer der schmutzigen Decken und legte sie über ihren Körper, bevor er sich abwandte und die Kettensäge aus dem anderen Raum holte.
Krachend stellte er sie auf eine nahegelegene Werkbank und schnappte sich anschließend einige verrostete Werkzeuge aus einer nebenstehenden Kommode. Dann griff er nach verschiedenen Metallteilen, die im Raum verstreut lagen und begann sie in seine schreckenerregende Waffe einzubauen.
Megs Herz hatte zu flattern begonnen, als Max das Gerät in den Raum geholt hatte, doch wiederum hatte sie es geschafft, ihre Angst unter Kontrolle zu halten. Auch wenn Meg das Verhalten des Killers nicht ganz begriff, so glaubte sie sich doch in Sicherheit. Zumindest für den Augenblick.

Nea bahnte sich einen Weg zwischen den Bäumen des Waldes hindurch und versuchte in etwa die Richtung einzuhalten, in der sie den Schein des Lagerfeuers gesehen hatte. Natürlich musste sie vorsichtig sein. Evan und Herman könnten ihr jeden Moment über den Weg laufen und ein Zusammentreffen wollte sie unbedingt vermeiden. Anna folgte der Schwedin wie ein Schatten, sagte nichts und warf ständig nervöse Blicke in die Dunkelheit. Ihre weiße Hasenmaske wirkte wie ein Leuchtfeuer im Schein des Mondes und die hoch aufragenden Ohren drehten sich jedes Mal, wenn sie einen Blick über die Schulter warf.
„Glaubst du, wir sind noch auf dem richtigen Weg?", fragte Nea flüsternd, mehr zur Eigenberuhigung als zum Informationsbedarf. Die Stille des Nebels drückte auf die Ohren und beschwor allerhand bösartige Gedanken herauf. Gedanken, die Nea nicht in ihrem Kopf haben wollte. Die Jägerin hob nun ihre Axt und zeigte nach vorne, direkt in die Richtung, in die sie gerade marschierten. „Pfad hier", sagte die große Frau: „Feuer finden"
Nea nickte und genoss den Ton von Annas Stimme, was sie zugegebenermaßen vor wenigen Tagen noch für unmöglich gehalten hätte. Die Gegenwärt der Jägerin verlieh ihr ein eigenartiges Gefühl der Sicherheit. Sollte der Doktor Nea doch finden. Sie war sich sicher, dass sich Anna auf ihre Seite schlagen würde und mit der Axt der Russin musste der verrückte Arzt erst einmal fertig werden. Andererseits wollte Nea auch nicht, dass Anna ihr Leben aufs Spiel setzte. Sie hatte all die Qualen des Entitus nicht verdient und sie sollte erst Recht nicht in einem Drecksloch wie dem Nebel ihr Ende finden. Anna war ein braves Mädchen.
„Gut, dass du dich auskennst", murmelte Nea. Sie konnte in der Dunkelheit kaum etwas erkennen, doch sie wusste, dass die Killer mit geschärften Sinnen ausgestatten worden waren. Die Schwedin ging zwar voraus, doch Anna passte sorgfältig darauf auf, dass ihr kein Fehltritt unterlief und sie nicht vom Weg abkam. Zur Antwort knurrte die Killerin, doch nicht auf eine bedrohliche Art und Weise. Mit dem Schaft ihrer Waffe schob sie einen tief hängenden Ast beiseite, während sie über einen umgefallenen Baumstamm stieg. Annas Schritte waren um einiges lauter als jene Neas und die Überlebende fragte sich, wie weit das Geräusch wohl zu hören war. Dann tauchte ein kurzes Mauerstück zwischen den Bäumen auf und als Nea neugierig um eine Ecke bog, stand sie plötzlich in einem schmalen Durchgang mit einer hölzernen, lose an die Wand gelehnten Palette.
Sie blieb stehen und betrachtete das Stück für einen Moment, während sich Erinnerungen in ihren Kopf schoben. Anna kam nun hinter der Schwedin zum Stehen und legte den Kopf schief, als sie das Objekt erblickte. Einen Augenblick später schaute sie nach unten zu Nea. Die Überlebende zeigte zunächst keine Reaktion, doch dann hob sie den Kopf und schaute Anna direkt in die Augen. Es bestand kein Zweifel, dass auch die Killerin ausschließlich negative Erinnerungen mit der Palette verband und Nea ging einen Moment später entschlossen zu dem Holzstück hin. Mit dem Fuß dagegentretend beförderte sie das Objekt zu Boden.
„Damit sind wir fertig", murmelte sie und Anna erwiderte nichts, doch Nea wusste, dass die Jägerin ihr zustimmte. Die Schwedin nickte und übernahm wieder die Führung, weiter in die Richtung laufend, in die Anna zuvor gezeigt hatte. Schon bald hatten sie die Mauer in der Dunkelheit zurückgelassen. Immer weiter folgten die beiden dem Pfad, der sie wohl in die Nähe des Lagerfeuers bringen würde und erst als in der Ferne ein paar Raben krächzend aufflogen, hielten sie kurz inne. Unentschlossen wechselten sie einen Blick.
„Sollen wir nachschauen?", fragte Nea unsicher. Anna legte den Kopf schief und schaute dann in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war. Sie hatte nicht erwartet, gefragt zu werden und sie wusste nicht was zu tun war. Also schüttelte sie einfach den Kopf.
„Hast wohl recht", murmelte Nea: „Wenn´s Evan oder Herman war, würden wir ihnen ja direkt in die Arme laufen. Gehen wir weiter."
Sie setzten ihren Weg fort und nach einer Weile, in der sie immer wieder Raben aufschrecken hörten, erschien ein Leuchten zwischen den Bäumen. Es war flackerte schwach vor sich hin und Anna entdeckte es zuerst. Mit einem leisen Knurren machte sie Nea auf sich aufmerksam.
„Anna, was ist los?"
Die Jägerin zeigte in Richtung des Scheins. „Licht", sagte sie und ging in die Knie, sodass sie sich mit der Schwedin auf einer Augenhöhe befand. Nea hatte das Lagerfeuer nun ebenfalls entdeckt und beobachtete das Leuchten für einen Moment, bevor sie sich zu Anna umdrehte.
„Gefährlich vielleicht", sagte die Jägerin. Trotz ihrer Hasenmaske konnte Nea erkennen, dass sie nervös war. Ihre Augen schossen immer wieder in die Dunkelheit und erst als sich Nea ihr näherte, schien sie sich etwas zu beruhigen. Behutsam legte sie der Jägerin eine Hand auf die Schulter. „Ich schau mich schnell um", sagte sie: „Du bleibst hier. Kannst du das für mich tun?"
„Was wenn Evan?", fragte Anna und zeigte wieder auf das Lagerfeuer. Nea folgte kurz ihrem Blick und sagte dann so furchtlos wie möglich: „Wenn Evan da ist, wird er mich nicht entdecken. Ich weiß, wie man sich ungesehen bewegt. Stimmt doch, oder?"
Sie versuchte die Spannung zu lösen, indem sie Anna ermutigend zuzwinkerte und als die Jägerin versuchte die Geste zu imitieren, konnte sie ein Lachen kaum unterdrücken. „Ich komm schon klar", sagte Nea: „Du bleibst hier und kommst erst sobald ich dich rufe. In Ordnung?"
Anna schaute zweimal schnell zwischen Nea und dem Lagerfeuer hin und her, bevor sie mit einem zustimmenden Knurren nickte.
„Braves Mädchen", sagte Nea und klopfte der Jägerin auf die Schulter: „Ich bin gleich wieder da." Sie wusste genau, dass es Anna ganz und gar nicht passte, Nea aus den Augen zu verlieren, doch glücklicherweise hatte die Jägerin verstanden, dass in dieser Situation am besten war, wenn die Schwedin die Gegend allein auskundschaftete.
Besorgt ging Anna hinter einem Baum in Deckung, während Nea in die Dunkelheit schlich. Sorgfältig darauf bedacht kein Geräusch zu verursachen, setzte sie ihre Füße zwischen die Äste und Zweige, die den Grund bedeckten und ließ ihren Blick zwischen dem Lagerfeuer und dem Boden hin und her gleiten. Langsam folgte Nea einer Route, die sie immer wieder hinter Baumstämmen und ein paar vereinzelten Felsen verschwinden ließ, sodass man sie vom Lagerfeuer aus kaum entdecken konnte. Sie glaubte nicht daran, jemanden in der Nähe der Feuerstelle zu finden, schon gar nicht Jake oder David. Die beiden waren zu schlau, um ein weithin sichtbares Licht zu entzünden, während sie von Killern vom Kaliber eines Fallenstellers oder Doktors gejagt wurden, aber vielleicht waren sie trotzdem an dieser Stelle vorbeigekommen und hatten Hinweise hinterlassen. Es war ihre beste Spur. Sollte Nea nichts finden, so würden sie und Anna als nächstes die aufgeflogenen Raben anpeilen.
Die Schwedin war nun nahe genug, um einen guten Blick auf das Lagerfeuer werfen zu können. Es bestand aus einigen lose aufgeschichteten Ästen umringt von ein paar Steinen und befand sich inmitten einer kleinen Lichtung. Baumstämme waren kreisförmig um die Feuerstelle angeordnet worden, offenbar als Sitzgelegenheit gedacht. Doch da saß niemand.
Aufmerksam ließ Nea ihren Blick an der Waldgrenze entlanggleiten und versuchte zu erkennen, ob sich irgendjemand zwischen den Bäumen verborgen hielt und das Lagerfeuer als Köder benutzte. Nach einer Weile beschloss sie, dass die Luft rein war und schlich langsam zurück zu Anna. Als sie in Sichtweite war, winkte sie der Jägerin zu, die halb verborgen hinter einem Baum hockte.
Anna sprang sofort auf und bahnte sich einen Weg zu Nea, sichtlich erfreut, dass sie die Schwedin wieder begleiten durfte. Gemeinsam gingen sie zurück zum Lagerfeuer und traten auf die Lichtung hinaus. Nea hatte es bereits vorhin vermutetet, doch nun war sie sich sicher. Weder Jake noch David oder sonst wer hatten dieses Feuer entfacht. Es hatte immer schon gebrannt, zumindest soweit Nea sich an diesen Ort erinnern konnte. Es war dasselbe Lagerfeuer, an dem die Überlebenden zwischen den Jagden Ruhe gefunden hatten und alles war so, wie sie es hinterlassen hatten. Immer noch lagen die Glasflaschen umher, hier und da entdeckte Nea ein paar Decken und auf einem der Baumstämme befand sich eine kleine Figur, die Jake einmal aus Zweigen zusammengebastelt hatte. Es war ein Projekt gegen die Langeweile gewesen und Nea hatte ihn gefragt, ob er ihr zeigen könne, wie man es machte. Sie waren nie dazu gekommen, da noch im selben Moment der Entitus zu einer Jagd gerufen hatte. Nea war zurückgekehrt. Jake nicht. Das Thema war nie mehr aufgekommen.
Die Schwedin schauderte bei der Erinnerung an die vielen Male, die sie ans Lagerfeuer zurückgekehrt war, manchmal überrascht, niemanden anzutreffen, manchmal auch vollkommen im Klaren darüber, dass sie die einzige Überlebende gewesen war.
Anna machte in paar Schritte quer über die Lichtung und schaute sich neugierig um. Mit schiefgelegtem Kopf blickte sie auf die Flaschen und Decken, dann entdeckte sie das Zweigmännchen und nahm es in die Hand. Es schien ihr zu gefallen. Wenn die Jägerin es haben wollte, dann sollte sie es ruhig mitnehmen, dachte Nea. Jake hatte ohnehin keinen Nutzen dafür, aber Anna war jemand, der solche Dinge eher zu schätzen wusste. Doch im nächsten Augenblick legte sie es wieder zurück.
In melancholischen Gedanken versunken wanderte Nea über die Lichtung und besah sich die verschiedenen Gegenstände. Nichts schien bewegt worden zu sein, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen war. Es gab keine Hinweise, keine Spuren. Niemand war hier gewesen. Doch plötzlich hörte Nea Anna aggressiv knurren und fuhr herum. „Anna? Alles in Ordnung?"
Zur Antwort deutete die Jägerin mit ihrer Axt auf ein Objekt, das hinter einem der Baumstämme im Gras verborgen lag. Nea hatte die Strecke in wenigen Schritten zurückgelegt und stellte sich neben Anna, ihren Blick auf die gezeigte Stelle gerichtet. Dort im Halbdunkel kaum zu erkennen lag ein gezahntes Tellereisen, grausam und rostig wie die Seele des Mannes, der es aufgestellt hatte. Nea schaute zu Anna, die ihren Blick nur erwiderte. Die Zähne der Falle waren blutrot gefärbt und eine dunkle Spur führte in den Wald hinein. Die Zeichen waren eindeutig. Jemand war in die Bärenfalle getreten, hatte sich darin eingeklemmt und war wenig später abgeholt worden. Von wem, das wusste Nea genau. Doch wer war das Opfer gewesen?
„Wir müssen weiter", sagte sie mit gesenkte Stimme: „Hier gibt es nichts zu entdecken, Anna. Am besten folgen wir dieser Spur und versuchen zu befreien, wen auch immer der Fallensteller in die Finger bekommen hat."
Anna nickte grimmig und wartete, bis Nea dir Führung übernommen hatte. Wieder bewegten sich die beiden durch den Wald und wieder warfen sie nervöse Blicke in alle Richtung. Nun, da sie eine seiner Fallen entdeckt hatte, erschien die Bedrohung durch den Fallensteller noch allgegenwärtiger als zuvor. Er könnte hinter jedem Baum lauern, sich hinter jedem Felsen versteckt halten. Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermuten mochte, so war Evan doch ein listiger Bastard, der mehr als einen schmutzigen Trick auf Lager hatte. In den Jagden hatte Nea das am eigenen Leib erfahren.
Als sie einen Blick nach rechts warf, erspähte sie ein Glitzern zwischen den Bäumen und es dauerte einen Moment, bis sie die Wasseroberfläche des Sees erkannte, der den Überlebenden als natürliche Badewanne gedient hatte. Sie konnte es kaum glauben, dass sie erst vor ein paar Tagen das letzte Mal darin geschwommen war.
Ich komme David. Halt durch.

Kreischend flog in der Ferne ein Schwarm Raben auf und David drehte sich erschrocken um, nervös zwischen die Bäume spähend. Wie der Geist ihn angewiesen hatte, hielt er sich zwischen einem Busch und einem Felsen versteckt, für das bloßen Auge kaum zu erkennen. Warum war der Killer auf einmal zu seiner Rettung hier, fragte sich der muskulöse Mann. Er hatte bereits vermutet, dass nach dem Zusammenbruch des Entitus ein Großteil der Killer und Überlebenden aus dem Nebel geflohen waren, da er nur noch Jake, den Fallensteller und den Doktor angetroffen hatte. Alle anderen schienen wie vom Erdboden verschluckt gewesen zu sein und die Bestätigung, dass sie es wirklich rausgeschafft hatten, hatte David einen Stein vom Herzen gerollt.
Doch Meg und Nea waren zusammen mit den Killern zurückgekehrt, um ihn und Jake zu retten. Zumindest wenn man dem Geist Glauben schenken durfte. David wusste immer noch nicht ob er dem Killer vertrauen konnte, schließlich hatte er die letzten sechs Monate damit verbracht, Menschen an Fleischerhaken zu hängen. Andererseits hatte der Geist David unter Einsatz seines Lebens aus den Händen des Doktors befreit, der ihn ansonsten wohl für die undenkbarsten Experimente missbraucht hätte. Beim Gedanken daran lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Er hatte sich so wehrlos gefühlt, so verwundbar, dort auf dem Krankenbett festgeschnallt, unfähig sich zu bewegen. Doch der Geist hatte ihn gerettet und die Hexe hatte ihm offenbar dabei geholfen, indem sie den Doktor abgelenkt hatte.
Der Klang einer Glocke hallte durch den Wald und David fuhr erschrocken herum. Nach einem Moment kam auch schon der Geist hinter einem Baumstamm zum Vorschein und drehte kurz den Kopf, bevor er David in seinem Versteck entdeckte. Die langen Beine trugen den Killer geschwind auf ihn zu.
„Alles in Ordnung?", wollte der Geist wissen und ging vor dem Überlebenden in die Hocke. Als David nicht antwortete, sprach der Killer weiter: „Wenn ich dir irgendetwas antun wollte, hätte ich es längst getan."
„Warum helft ihr uns?", wollte David wissen. Philip sah in kurz an, bevor er antwortete: „Nachdem wir an verschiedenen Stellen aus dem Nebel entkommen sind, haben wir uns nach und nach alle getroffen. Ich, Sally, Lisa, Anna, Nea, Meg, Dwight, Claudette, Ace und… wie hieß sie noch gleich… Feng! Glaub mir, wir wollten euch niemals etwas antun, wirklich. Der Entitus hat uns gefoltert, misshandelt und andere schlimme Dinge angetan, wenn wir ihm nicht folge leisteten. Aber diese Zeiten sind jetzt vorbei."
„Wirklich?"
„Ja", Philip sah etwas verblüfft aus: „Wir haben uns zusammengetan und als du und Jake nicht in der realen Welt aufgetaucht seid, mussten wir den Schluss ziehen, dass ihr euch immer noch hier im Nebel befindet. So wie´s aussieht hatten wir recht."
„Und ihr seid hier um uns zu retten?", fragte David. Philip nickte. „Sally ist auf die Idee gekommen. Das seien wir euch schuldig, hat sie gesagt. Sie hat recht."
„Sally… Wer ist das?"
„Ich bin das", kam es plötzlich von rechts und sowohl David, als auch der Geist schnellten erschrocken herum. Dort, zwischen den Bäumen, schwebte Sally gemächlich auf die beiden zu. In der rechten Hand trug sie ihre Knochensäge, doch die Linke hatte sie nutzlos an die Seite gelegt, offenbar davon abhaltend Spencers letzten Atem zu benutzen. Einen Augenblick später war sie bereits bei David angekommen.
„Ihr solltet euch etwas leiser unterhalten", flüsterte sie: „Wenn ich euch hören kann, dann können das auch Evan und Herman."
„Fallensteller und Doktor", erklärte Philip beiläufig.
„Du bist David?", wollte Sally wissen und der Angesprochene nickte. In Anwesenheit zweier Killer war ihm sichtlich unwohl zumute, doch Sally beruhigte ihn: „Keine Angst, wenn wir dich gefunden haben, finden wir auch Jake und dann geht's zurück in die reale Welt. Hat einer von euch Lisa gesehen?"
„Ja, ich habe sie im Institut getroffen", erzählte Philip: „Aber wir hatten keine andere Wahl, als uns aufzuteilen, ansonsten hätte Herman David hier wohl frittiert. Ich habe vorhin nach ihr gesucht, aber nur Herman gehört, der wütend durchs Institut gelaufen ist. Offenbar hat sie ihn abgehängt."
„Dann weiß er also, dass wir hier sind.", murmelte Sally: „Verdammt, ich hatte gehofft, wir könnten ihm aus dem Weg gehen. Der Zug ist jetzt wohl abgefahren, was bedeutet, dass die Zeit drängt. Ich habe Evan vorhin beim Asylum gesehen, hat ganz so ausgesehen als würde er nach jemanden suchen. Vielleicht hat er aber auch nur seine Fallen kontrolliert."
„Wir brauchen Lisa, wenn wir David aus dem Nebel schaffen wollen", stellte Philip fest: „Sally, was machen wir jetzt?" Die Krankenschwester überlegte kurz und fragte dann: „Von Jake haben wir noch nichts gesehen?"
„Nein, aber Herman hat vorhin angedeutet, Evan hätte ihn bereits erwischt", entgegnete der Geist: „Er war sich aber nicht sicher."
Sally schaute kurz in die Richtung des Institutes, dann in die Richtung aus der sie gekommen war. Schließlich flüsterte sie: „Mit David aus Hermans Händen befreit, haben wir zumindest für ihn die unmittelbare Gefahr gebannt. Allerdings hat dadurch eine Uhr zu ticken begonnen. Herman weiß, dass wir hier sind und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er Evan informiert und dann wird's ernst. Ihr kennt Evan, er wird nicht eher ruhen, bis er uns gefunden hat. Daher schlage ich vor, dass ihr beide euch auf die Suche nah Lisa begebt. Sobald ihr sie gefunden habt, soll sie David aus dem Nebel schicken und dann kommt ihr zum Asylum. Ich suche derweil nach Evan und schau nach, ob er Jake in seiner Gewalt hat. Vielleicht kann ich ihn befreien, bevor Evan überhaupt weiß, dass wir hier sind."
„Was ist mit Meg, Nea und Anna?"
„Um die kümmern wir uns später. Jake ist viel eher und Gefahr und Lisa zu finden hat oberste Priorität." Sally blickte wieder in Richtung des Institutes. „Wenn alles glattgeht und ihr David rausgeschickt habt, treffe ich euch beim Asylum, hoffentlich mit Jake. Dann können wir ihn auch rausschicken und anschließend nach den anderen suchen." Mit einem Wink trieb sie Philip zur Eile an. „Los jetzt, wir haben keine Zeit zu verlieren. Und viel Glück."