Die Besucherin

„Ich kann kaum glauben, dass das alles wahr ist!" Louise Morel warf hysterisch die Hände über den Kopf. „So was gibt es doch nur in… in Filmen und Büchern."
„Wir beide waren auch ziemlich schockiert", antwortete James Fairfield: „Aber spätestens nachdem wir diese Killer mit eigenen Augen gesehen haben, konnten wir die Wahrheit nicht mehr abstreiten." Die Morels saßen mit Dwights Eltern am Esstisch im Haus der Fairfields und diskutierten angeregt über die aktuelle Lage in Waltonfield. Nachdem Claudette sie vom Flughafen abgeholt hatte, hatten sie natürlich sofort wissen wollen, wo ihre Tochter all die Zeit über gewesen war. Sie hatte gar nicht erst versucht es ihnen zu erklären, für Worte war Claudette noch nie sonderlich begabt gewesen. Die Aufgabe des Erzählens hatte sie Benedict Baker überlassen, der dafür viel besser geeignet gewesen war. Mit beruflicher Passion waren Claudettes Eltern über den Entitus und den Nebel aufgeklärt worden, was diesen mit der Zeit einen immer größeren Schrecken eingejagt hatte. Sie hätten ihm die ganze Geschichte wohl kaum geglaubt, wäre er nicht von grimmigen FBI Agenten und allerlei teurem, unfassbar professionell aussehendem Equipment umgeben gewesen.
Allerdings war die Erklärung nicht der einzige Grund gewesen, weshalb Claudette Baker aufgesucht hatte. Sie machte sich große Sorgen um Meg und Nea, und der Gedanke an die Gefahren, denen die beiden sich ausgesetzt hatten, wollte ihr keine Ruhe lassen. Also war sie so schnell es ging an den Ort zurückgekehrt, an dem sie wohl am ehesten etwas über die beiden und den Status ihrer Mission erfahren würde: die temporäre Kommandozentrale, die das FBI am Rande der westlichen Wälder errichtet hatte.
Feng und Dwight waren ebenfalls da gewesen, genauso wie Neas Eltern, an deren Gesichtern die Sorge um die Tochter klar und deutlich abzulesen gewesen war. Ace hingegen hatte sich nicht blicken lassen und weder Dwight noch Feng hatten gewusst, wohin sich der Argentinier begeben hatte. Doch Claudette war das völlig egal gewesen. Das einzige, was sie interessiert hatte, war der Verlauf der Mission gewesen und ob es Informationen zu den Geschehnissen im Nebel gab. Sie und Feng waren den Beamten dabei wohl dermaßen auf die Nerven gegangen, dass man sie zeitweise der Zentrale verwiesen hatte.
Daraufhin hatten sie sich zu den Fairfields begeben, wo sie sich nun im Wohnzimmer befanden. Claudette hatte darauf bestanden in der Nähe des Waldes zu bleiben, falls es Neuigkeiten gab und glücklicherweise hatten Dwights Eltern ihre Gastfreundschaft auf sie ausgedehnt. Sie würde sich heute Abend mit Feng das Gästezimmer teilen, während ihre Eltern ein Hotel im Stadtzentrum gebucht hatten. Doch vorerst waren sie zu Besuch bei den Fairfields.
„Killer… Wenn ich dieses Wort nur höre!", rief Louise: „Dass sie diese Wesen in ihr Haus gelassen haben, finde ich umso erstaunlich."
„Ich konnte ja nicht viel dagegen tun", erwiderte James und nippte an einer mit Tee gefüllten Tasse: „Mein Sohn hat sie hierhergebracht und als Sally dann vor mir schwebte, nun, wie soll ich sagen… Die Dame schwebte und ich wollte mich nicht mit ihr anlegen. Sie können sich gar nicht vorstellen, was für einen Schock Dwight uns da eingejagt hat."
„Das glaube ich ihnen gern."
„Glücklicherweise haben sie sich als freundlich herausgestellt", warf nun Elizabeth ein: „Vor allem Sally. Und können sie sich vorstellen, eines dieser Wesen war sogar mit einer meiner Schülerinnen verwandt."
„Nein!"
„Doch, doch, Jade Ojomo heißt das Mädchen. Ihr Onkel ist Onkel vor sechs Jahren verschwunden und wie sich nun herausstellte, wurde er von diesem sogenannten Entitus zu einem Monster gemacht."
„Unglaublich", murmelte Louise: „Sogar jetzt wo ich weiß, dass es meiner Claudette gut geht, zittern mir immer noch die Finger. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es den Karlssons gerade geht."
James nickte zustimmend. „Furchtbar. Ihre Tochter ist so mutig, aber wäre sie meine gewesen, hätte ich sie niemals gehen lassen."
„Nea heißt das Mädchen", bemerkte Elizabeth.
„Ich hoffe, sie kommen heil zurück", sagte Louise und warf dann einen Seitenblick auf ihre Tochter: „Ich meine, natürlich wird sie heil zurückkommen. Nicht wahr? Jetzt, wo das FBI ihr hilft."
„Ich bin ja nun wirklich nicht gut informiert, aber soweit ich verstanden habe, kann das FBI nicht in diese andere Welt hinein", antwortete James: „Deshalb ist sie ja gegangen."
Claudette hatte genug gehört und stand vom Stuhl auf, von dem aus sie die Unterhaltung mitverfolgt hatte. Das Gerede der Erwachsenen brachte ihr keine Ruhe und verstärkte nur noch die Sorge, die an ihrem Verstand nagte. Schwermütig schleppte sie sich zu Feng, die auf der Couch eine Fernsehshow verfolgend, vor sich hindöste. Als sie Claudette kommen sah, rutschte sie ein Stück zur Seite.
„Hi"
„Hallo", antwortete Feng verschlafen, aber wie immer piepsig.
„Interessante Sendung?", wollte Claudette wissen. Sie verfolgte eine der Szenen und entdeckte einen Arzt, der energisch auf einen Chirurgen ein redete. Eine Krankenhausserie also.
„Keine Ahnung", antwortete Feng: „Hab nicht aufgepasst. Meine Gedanken sind woanders, schätze ich."
„Ich weiß, was du meinst", erwiderte Claudette und verstummte dann. Im Hintergrund hörte sie immer noch das Gespräch zwischen ihren und Dwights Eltern, doch sie schenkte den Worten keine Beachtung. Die Themen wanderten von Nea zum FBI, bevor sie in belanglosere Bereiche wie Karriere und Jobs abrutschten. Etwas, mit dem Claudette sich noch nie gern beschäftigt hatte.
Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Meg und Nea. Schweigend fragte sie sich, ob es den beiden wohl gut ging, ob sie Jake und David gefunden hatten und ob sie vielleicht bereits auf dem Rückweg waren. Vielleicht verließen sie ja in diesem Moment den Nebel und tauchten irgendwo in den westlichen Wäldern auf. Claudette konnte es nur hoffen.
Feng gähnte neben ihr und die Kanadierin richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Arztserie. Es schien um eine komplizierte Operation zu gehen und einen jungen Chirurgen, der sich offenbar nicht der Aufgabe gewachsen sah. Ein älterer Doktor, der die Rolle eines Mentors eingenommen hatte, sprach ihm immer wieder gut zu und irgendwo ging es auch um ein Mädchen zu gehen. Claudette konnte sich nicht dazu bringen, der Sendung aufmerksam zu folgen. Die weißen Doktorkittel erinnerten sie zu sehr an jemand anderen.
Claudette schreckte hoch, als sich nach einer Weile eine Hand auf ihre Schulter legte und ihre Mutter sagte: „Claudette, Liebling, wir brechen jetzt auf. Bist du sicher, dass du hierbleiben willst?"
Claudette erhob sich und nickte. „Ja, ich will in der Nähe bleiben, falls sich etwas tut." Sei blickte zu ihrem Vater, der gerade in seinen Mantel schlüpfte, bevor sie von Louise in eine enge Umarmung gezogen wurde.
„Wir sehen uns morgen", flüsterte sie: „Pass auf dich auf, Schatz, ja?"
„Ja", murmelte Claudette, die die sentimentale Ader ihrer Mutter noch nie ganz verstanden hatte. Nach einem Moment lösten sich die beiden auch schon wieder voneinander und nachdem sie sich noch von den Fairfields verabschiedet hatten, gingen die Morels in die Nacht hinaus, wo bereits ein Taxi auf sie wartete.
Claudette ließ die Tür ins Schloss fallen, nachdem sie ihrem Vater noch einmal zugewinkt hatte und ging zurück ins Wohnzimmer. Müde ließ sie sich wieder neben Feng auf die Couch fallen, doch die Asiatin stand im selben Moment auf.
„Ich geh schlafen"; bemerkte Feng: „Sonst bleib ich noch auf dem Sofa liegen. Kommst du auch?"
Claudette überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf, woraufhin Feng ihr gähnend eine gute Nacht wünschte und verschlafen aus dem Wohnzimmer schlurfte. In der Tür stieß sie fast mit Dwight zusammen, der gerade die Treppe heruntergekommen war.
„Ups, Dwight, hab dich gar nicht gesehen."
„Gehst du schon schlafen?"
„Ja, ich bin hundemüde."
„Gute Nacht"
„Gute Nacht", piepste Feng und Claudette hörte, wie sie die Treppe nach oben ging. Dwight hingegen trat nun ins Wohnzimmer und sah sich kurz um, bevor er sich zu Claudette aufs Sofa gesellte.
„Interessante Sendung?", fragte er und die Kanadierin musste schmunzeln. Sie hatte Feng genau dasselbe gefragt. „Nicht wirklich", antwortete sie: „Die Witze sind ganz nett, aber die Handlung ist Schwachsinn."
„Hast du etwas anderes erwartet?"
„Nein, aber… Ich hatte gehofft, ich könnte mich etwas ablenken", seufzte Claudette: „von Meg und von Nea." Dwight antwortete nichts und daher fragte die Kanadierin: „Was glaubst du, wie es ihnen geht?"
Dwight verfolgte für einen Moment die Geschehnisse auf dem Bildschirm, bevor er zögernd antwortete: „Ich weiß es nicht. Aber sie haben Sally und Anna dabei. Mit den beiden kann ihnen doch eigentlich gar nichts passieren, oder? Ich glaube sie sind okay."
Claudette wusste zwar, dass es keinen Sinn machte, doch trotzdem war es, als fiel ihr bei Dwights Worten ein kleiner Stein vom Herzen.
„Sally würde nie zulassen, dass ihnen etwas passiert", sprach Dwight weiter: „Sie meint das mit ihrer Schuld uns gegenüber wirklich ernst."
Claudette nickte stumm und für eine Weile verfolgten die beiden wieder die Serie, während sie ihren Gedanken nachhingen. Dabei sank die Kanadierin immer tiefer in die Kissen und schließlich machte sie es sich in einer halben Seitenlage bequem.
„Was für ein Blödsinn", bemerkte Dwight schließlich und meinte damit die Serie, doch keiner der beiden hatte die Energie um sich aufzurichten und nach der Fernbedienung zu greifen. Claudette lächelte und antwortete: „Hab ich dir doch gesagt."
„Ich weiß, ich weiß" Dwight schaute kurz zu ihr hin. „Was meinst du, kriegt er sie?" Er sprach von dem Chirurgen, der eine der schönen Krankenpflegerinnen zu seinem Objekt der Begierde auserkoren hatte. Die Kanadierin erwiderte Dwights Blick und antwortete dann: „Nein, niemals. Warum sollte sie sich auf ihn einlassen? Sie weiß doch, dass er gerade eben erst seine Ex betrogen hat. Mit dem will sie doch sicherlich nichts anfangen."
„Vielleicht nicht", entgegnete Dwight: „Aber wenn er die Operation gut hinkriegt, steht er richtig gut da."
„Ja und? Frauen wollen Männer, denen sie vertrauen können."
Claudette und Dwight sahen sich kurz an, bevor sie beide müde lachten. Sie wussten, dass es wohl keine unqualifizierteren Personen auf dem Gebiet der Liebe gab als sie.
„Was hältst du eigentlich von dem, was Baker gesagt hat?", wollte Claudette nach einem Moment wissen: „Davon, dass er bereits seit zehn Jahren für das FBI dem Entitus nachstellt. Ich meine, wenn die Behörden informiert waren, warum hat man nicht früher etwas unternommen?"
Dwight überlegte einen Augenblick und antwortete dann: „Er hat gesagt, dass man ihm nicht wirklich geglaubt hat, weißt du noch? Und nachher ist man immer schlauer."
Claudette nickte nur und bemerkte: „Ich habe mir nur gedacht, vielleicht hätten sie uns all das ersparen können." Sie schaute zu Dwight. „All die Dinge, die uns im Nebel wiederfahren sind, wenn sie nur etwas früher etwas getan hätten."
„Du solltest nicht daran denken", gab Dwight zurück: „Was passiert ist, ist passiert. Wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern." Claudette nickte wieder und Dwight fügte melancholisch lächelnd hinzu: „Sieh's mal so. Wenn wir nicht in den Nebel entführt worden wären, hätten wir uns alle niemals kennengelernt. Ich und du und Nea und Meg und Jake und Feng."
„Und David und Ace", beendete Claudette die Aufzählung mit einem Schmunzeln. Sie war mittlerweile in eine liegende Haltung gerutscht und hatte sich an Dwights Seite bequem gemacht. „Und ich muss sagen, in meinem Leben wäre vielleicht nie etwas Aufregendes passiert, wären wir nicht entführt worden."
„Ich glaube, die Aufregung, die wir im Nebel hatten reicht für mehr als ein Leben", erwiderte Dwight und Claudette spürte sein Lachen als Vibration in seinem Brustkorb. Die beiden schauten nun wieder dem Chirurgen zu, wie er sich an einer Operation versuchte. Claudette bemerkte, dass die ganze Prozedur unnötig in die Länge gezogen worden war und wohl kein Team der Welt so lange für eine solche Behandlung gebraucht hätte. Auch nicht, wenn der leitende Arzt ständig mit der Assistentin flirtete. Was für ein Blödsinn.
Claudettes Gedanken wanderten wieder in die Ferne und der Bildschirm verschwamm vor ihren Augen. Sie dachte an Meg und an den Mut, den die Athletin immer und immer wieder unter Beweis gestellt hatte. Dann tauchte Nea vor ihrem geistigen Auge auf und wie sie mit Anna sprach. Es war ein seltsamer Anblick, doch irgendwie hatte Claudette das Gefühl, dass sich die beiden richtig gut verstanden. Ihre Lider wurden immer schwerer.
„Hm, du hattest recht", bemerkte Dwight: „Er hat keine Chance bei ihr. Sie weiß eben, was sie will" Als eine Antwort ausblieb, schaute er nach unten und entdeckte Claudette an ihn geschmiegt, mit friedlichem Gesichtsausdruck im Schlaf versunken. Ihr Atem ging langsam und regelmäßig und Dwight spürte den Schlag ihres Herzens an seiner Seite. Behutsam zog er dem Mädchen die Brille von der Nase und platzierte sie auf einem nebenstehenden Kästchen.

Philip lief eilig voraus und warf immer wieder nervöse Blicke über die Schulter, um zu sehen ob David ihm immer noch folgte. Seine langen Beine trugen ihn geschwind durch den Wald, während der Überlebende sich anstrengen musste, schrittzuhalten. Doch Philip konnte ihm keine Pause gönnen, sosehr er es auch wollte. Der Doktor durchstreifte mit Sicherheit gerade den Wald und je schneller sie Lisa fanden, die nicht nur David, sondern auch allen anderen das Verlassen des Nebels ermöglichen würde, umso besser.
Philip schaute wieder nach hinten und konnte den Überlebenden nicht entdecken. Abrupt blieb er stehen und lauschte, doch noch im selben Moment kam David hinter einem Baum zum Vorschein und lief schwer keuchend auf Philip zu. Der Geist ging etwas in die Knie und fragte: „Brauchst du eine Pause?"
„Nein, es… es geht schon. Du bist nur… nur verdammt schnell."
Philip stand wieder auf und antwortete: „Wir sind jetzt in der Nähe des Institutes. Herman ist mit Sicherheit Lisa gefolgt, nachdem ich dich aus dem Behandlungsraum geholt habe. Sie hat ihn von uns weggeführt, was jedoch bedeutet, dass er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch in ihrer Nähe aufhält. Wir müssen hoffen, dass sie ihn abgehängt hat und jetzt nach uns sucht." Er warf schnell einen Blick in den Wald, spähte kurz über die Schulter und fuhr dann fort: „Auf jeden Fall müssen wir uns ruhig verhalten. Carter wird es ein leichtes sein, uns aufzuspüren, wenn wir zu viele Spuren hinterlassen und du hast keine Tarnung. Sollte er uns entdecken, lauf so schnell du kannst. Ich werde versuchen ihn von dir abzulenken. Alles klar?"
David nickte knurrend und Philip übernahm wieder die Führung. Dieses Mal bewegten sie sich etwas langsamer, unauffälliger und leiser. Der Geist wollte unter allen Umständen vermeiden, die Raben in den Baumwipfeln aufzuschrecken und auf diese Weise ihren Standort preiszugeben. Zwar hätte er so vielleicht Lisa auf sie aufmerksam machen können, doch im selben Moment würde er Gefahr laufen, den Doktor zu alarmieren und auf den Plan zu rufen. Ein Risiko, das Philip unter keinen Umständen eingehen wollte.
Die beiden erreichten nun die Außenmauer des Lérys Memorial Institutes, die gute fünfzehn Meter in die Höhe ragte. Kalter Beton stach kerzengerade aus dem Boden, die graue Fläche nur von schmucklosen Glasfenstern unterbrochen. Jedes einzelne lag im Dunkeln und kein Licht brannte in der Anlage. Schaurig wie immer.
David flüsterte vorsichtig: „Glaubst du, sie ist immer noch da drin?" Philip sah nach oben und antwortete dann: „Nur wenn Carter sie gekriegt hat. Aber schau, die Raben auf dem Dach scheinen sich ruhig zu verhalten. Wenn ein Kampf oder eine Verfolgungsjagd stattfinden würde, würden sie vermutlich in alle Richtungen davonfliegen und das tun sie nicht. Nein, Lisa ist entkommen, da bin ich mir sicher. Sie muss sich irgendwo im Wald befinden."
David blickte über die Schulter und starrte in die Finsternis. Zwischen den Baumstämmen und Nebelfetzen konnte er absolut gar nichts erkennen, auch wenn er sich längst an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Lisa könnte förmlich fünf Meter vor ihm stehen und er würde sie wohl übersehen. Ein Glück, dass er den Geist dabeihatte, dessen Augen wie Dolche die Finsternis durchbohrten.
Sie liefen nun an der Mauer des Institutes entlang, vorsichtig zwischen Bäumen und Büschen hindurchschleichend, immer etwas hinter der Waldgrenze verborgen. Philip ging voran und legte ein eiliges Tempo vor, David jedoch immer im Auge behaltend für den Fall, dass er zurückfiel. Zweimal blieb der Geist stehen und wartete einen Moment, bis der Überlebenden aufgeholt hatte, bevor er sich wieder umdrehte und weiterlief.
David vertraute dem Geist zwar ganz und gar nicht, doch seine Erklärung und die der Krankenschwester schienen ihm plausibel. Schließlich hatten sie ihn aus den Klauen des Doktors gerettet. Warum hätten sie das tun sollen, um ihm anschließend eine Lüge aufzutischen?
Mit dem Fuß blieb David an einer Wurzel hängen und beinahe wäre er hingefallen. Gerade noch so konnte er sich an einem Ast festhalten, während sich Philip bei dem Geräusch ruckartig zu ihm umdrehte. Der Geist lief einige Meter zu ihm zurück und fragte: „Alles in Ordnung?"
David wollte gerade antworten, doch Philip brachte ihn mit erhobener Hand zum Schweigen. Er hatte etwas gehört. David lauschte nun ebenfalls angestrengt in die Dunkelheit, doch er konnte nichts vernehmen. Keine Raben flogen auf, Wind ging sowieso nicht und der Wald lag in unheimlicher Stille vollkommen friedlich da.
„Was ist los?", flüsterte David atemlos und ging hinter einem Busch in die Hocke, sodass man ihn aus der Richtung, in die der Geist blickte, nicht entdecken konnte. Philip schüttelte nur den Kopf und lauschte angestrengt, bevor er sagte: „Ich dachte, ich hätte etwas gehört."
Die beiden blieben eine Weile in der Hocke und gerade als sie sich wieder auf den Weg machen wollten, hallten gleich mehrere Geräusche durch den Wald, sodass sie wieder verharrten. Knackend zerbrach ein Zweig und wenig später raschelten die Blätter eines nebenstehenden Baumes. David blickte nach oben und konnte erschaudernd einen Schatten erkennen, der wie ein Äffchen auf einem Ast hockte und auf ihn und Philip herunterschaute. Der Geist fuhr erschrocken herum und wollte sich bereits zwischen das Geschöpf und David stellen.
„Buh!", flüsterte Lisa und zeigte kichernd ihre scharfen Zähne, die im Mondlicht aufblitzten. Dann schwang sie sich einen Ast nach unten und Philip sagte mit unterdrückter Stimme: „Du hättest etwas sagen können."
„Aber wir wollen doch nicht, dass der Rotzlöffel uns findet, nicht wahr?", entgegnete Lisa und ließ sich die letzten Meter auf den Boden fallen, wo sie ihr Gewicht auffallend agil abfederte. David machte automatisch einen Schritt zur Seite und hielt etwas Abstand von der Hexe. Immerhin hatte sie vor kurzem den Doktor gefragt, ob sie ihn bei lebendigem Leib verspeisen dürfe.
„Ist Herman in der Nähe?", wollte Philip wissen und schaute nervös in den Wald. Lisa hingegen schien gelassen und antwortete: „In der Nähe schon. Im Wald nicht. Der Bengel befindet sich wohl immer noch auf der Suche nach Lisas kleinem Schabernack." Sie deutete auf das Institut und brach in belustigtes Kichern aus. David hingegen zog eine Augenbraue nach oben und sah zu Philip, der fragte: „Deinen Schabernack?"
„Eine feine Hexerei, wenn ich das so sagen darf, oh ja", entgegnete die Hexe und schnalzte mit der Zunge: „Fürs erste geht der Rotzlöffel nirgendwo hin."
„Ein Totem", schloss Philip und atmete erleichtert auf: „Lisa, du bist ein Genie."
„Hm, sonst nennt ihr die alte Lisa ja immer übergeschnappt." Sie wandte sich nun David zu, der ihr ganz und gar nicht zu vertrauen schien: „Aber das Totem steht im Institut, ja, ja, das tut es. Er wird es also bald finden und umhauen, dann kann er wieder raus. Glücklicherweise hat Lisa euch beide zuerst gefunden, ihrer Nase kann sie schließlich vertrauen, oh ja."
„Wo du es gerade ansprichst", warf Philip ein und spähte kurz zwischen die Bäume: „Wir stehen etwas unter Zeitdruck. Sally hat uns gesagt, wir sollen uns mit ihr beim Asylum treffen, nachdem du David aus dem Nebel rausgelassen hast."
„David aus dem Nebel rauslassen, hm?", fragte die Hexe und bückte sich dann nach unten, sofort ein Zeichen in die Erde kratzend. „Aber natürlich, natürlich, nichts leichter als das."
Philip nickte zufrieden, während Lisa sich beiläufig nach Sally erkundigte, aber von David unterbrochen wurde. „Wartet mal", sagte der Überlebende: „Ich will gar nicht aus dem Nebel raus, zumindest noch nicht."
Philip schaute ihn kurz entgeistert an, bevor er sagte: „Du willst hierbleiben? David, wir haben dich gerade erst gerettet."
„Nea ist auch hier, oder etwa nicht?", wollte David wissen: „Wer bin ich denn, wenn ich einfach so abhaue und sie hier zurücklasse?"
„David, wir…"
„Leck mich am Arsch", rief David und bereute seine Lautstärke sofort. Mit gesenkte Stimme sprach er weiter: „Ihr wollt mich hier rausholen, fein. Aber nur nach meinen Bedingungen. Ohne Nea und Meg gehe ich hier nicht weg, da könnt ihr Gift drauf nehmen."
Philip schaute kurz zur Lisa, die nur kichernd mit den Schultern zuckte und sagte: „Ich wusste schon immer, dass dieser hier Mumm in den Knochen hat." Dann schaute der Geist wieder zurück zu David und antwortete nach einem Moment des Überlegens: „Wie du willst. Aber weder ich noch Lisa können für deine Sicherheit garan…"
„Ich geb nen Fick auf meine Sicherheit", entgegnete David: „Bin sowieso am Arsch. Zurück zum Asylum also, die Krankenschwester wartet vielleicht schon auf uns."
Mit überraschender Sicherheit übernahm David die Führung, und den Killern blieb nichts anderes übrig als ihm in den Wald hinein zu folgen.

Mit polternden schritten lief Herman Carter durch die Korridore seins Institutes. Was für eine Schmach, von der Hexe in seiner eignen Domäne eingesperrt worden zu sein, während sie sich mit einem seiner Versuchsobjekte davonmachte. Das durfte er nicht zulassen. Das konnte er nicht zulassen.
Mit blanker Wut schoss sein Blick in jede Ecke und jeden Winkel, aufmerksam nach der kleinen Flamme suchend, die ihm den Standort des Totems verraten würde. So ein kleines, instabiles Konstrukt und dennoch so wirksam und mächtig wie der Entitus selbst.
Herman stieß brutal ein Krankenbett zur Seite, das ihm den Weg versperrt hatte und lief anschließend durch eine Tür in einen kleinen Raum. Sofort erblickte es das schwache Leuchten, das orange Flackern in der Ecke und ging er zu dem Totem hin. Munter brannte es vor sich hin und sah beinahe friedlich aus. Dann krachte der Fuß des Doktors hernieder. Der Bann war gebrochen.

Meg schreckte hoch und versuchte sich aufzurichten, was sie nach einem schmerzhaften Stechen in ihrer Schulter jedoch gleich wieder unterließ. Wie von selbst fuhr ihre rechte Hand auf die Wunde und betastete den Verband. Blutdurchtränkt aber wirksam. Erleichtert atmete die Athletin auf, dann schaute sie zur Seite.
Sie lag immer noch im selben Raum, in dem sie der Hinterwäldler mit Beeren gefüttert und anschließend an seiner Kettensäge getüftelt hatte. Nun war er nirgends mehr zu sehen. Nur sein grausames Werkzeug lag dort auf der Werkbank und jagte Meg einen kalten Schauer über den Rücken. Wieder versuchte sie sich aufzurichten, dieses Mal langsamer und vorsichtiger. Die Kammer, in der sie sich befand lag im Halbdunkel und der Schmerz in ihrer Schulter raubte Meg für einen Moment die Sicht, bevor sie sich wieder klar orientieren konnte.
Verdammt, wie lange war sie hier gelegen? Fluchend kam sie auf die Beine und stolperte zur der Werkbank hin, mit der rechten Hand den Verband fixierend. Sie hatte einen Schuss aus ihrer eigenen Waffe abbekommen, daran konnte sie sich noch erinnern, doch wie viel Zeit verstrichen war zwischen dem Unglück und ihrer Verarztung durch den Hinterwäldler, das konnte Meg beim besten Willen nicht sagen. Wo war ihre Waffe überhaupt?
Ein Blick auf die Werkbank brachte sofort die Antwort. Dort lagen mehrerer schwarze Metallteile um die Kettensäge herum, darunter klar erkennbar der Schlitten, der Lauf und das verbogene Magazin. Die Pistole war vollkommen hinüber.
Meg schlug frustriert mit der Faust auf die Tischfläche. Wenn sie eine Waffenexpertin mit mehreren Jahren Erfahrung gewesen wäre, hätte sie die Teile vielleicht wieder aus der Kettensäge ausbauen und zu einer Waffe zusammenfügen können. Leider hatte sie in ihrem Leben nichts Nützliches gelernt außer Laufen.
Meg wandte sich von der Werkbank ab und schrak zusammen, als sich die Tür zu der Kammer mit einem Ruck öffnete. Max kam hereingehumpelt und schaute zuerst auf die leere Ruhestätte, bevor er die Athletin auf der anderen Seite des Raums entdeckte. Mit unerwarteter Behutsamkeit bewegte er sich auf sie zu und versuchte sie zurück auf das Lager zu bugsieren. Dabei machte er verschiedene Laute, die alle irgendwie nach „Meg" klangen. Doch das Mädchen wehrte sich.
„Nein, Max, stopp, es geht mit gut." Etwas unsanft schob sie die Pranke des Hinterwäldlers von ihrem Arm und trat einen Schritt zurück. Max schaute sie kurz an, bevor er wieder, dieses Mal etwas entschlossener, versuchte, sie zu der Ruhestätte zurückzuziehen.
„Max, stopp, lass mich los.", rief Meg und befreite sich wieder aus der Umklammerung. Sie wagte es kaum, Hand an seine schaurige Gestalt zu legen, doch sie durfte sich unter keinen Umständen wieder hinlegen. Sie musste ihren Freunden helfen, sofern das noch möglich war. Gewaltsam riss sie sich los und schob Max von sich weg. Der Hinterwäldler wich einen Schritt zurück und starrte Meg für einen Moment unentschlossen an, bevor sie nach einiger Überwindung wieder etwas auf ihn zuging und den gesunden Arm nach ausstreckte. „Komm schon, Max, ich hab´s nicht bös gemeint. Aber es geht mir gut, wirklich."
Max schaute zu Boden, beinahe als hätte sie ihn gekränkt. Er hatte offenbar keine Ahnung, was er tun sollte und Meg hoffte inständig, dass er keine übereilte Entscheidung traf, das Problem gewaltsam zu lösen. Schließlich hob er sein hässliches Gesicht wieder an und starrte ihr direkt in die Augen. Meg erwiderte den Blick. Dann streckte er ebenfalls den Arm aus und wenig später berührte seine Handfläche die ihre.
Es war ein seltsames Erlebnis, dachte Meg, als sie dem Hinterwäldler in einem dunklen Kellerraum die Hand gab. Nichtsdestotrotz war es ein entscheidender Punkt, denn die Athletin war sich nun endgültig sicher, dass sie von Max nichts zu befürchten hatte. Er wollte ihr helfen. Warum, das war Meg im Moment egal. Etwas anderes lag im Fokus ihres Willens.
„Max", sagte sie nach einem Moment: „Meine Freunde brauchen mich. Sie brauchen uns. Sally braucht uns. Wir müssen ihr helfen und dazu musst du mir den Weg hier raus zeigen. Es gibt doch einen Weg raus, oder?"
Max überlegte kurz und nach einer Sekunde, in der Meg schon zu Zweifeln begann, schien er zu verstehen. Plötzlich kam Leben in seine Glieder, als er die neue Aufgabe in Angriff nahm und dabei mehrerer Male Megs Namen grunzte. Eilig rannte er zum Ruhelager und hob Megs Schildkappe vom Boden auf, bevor er sie ihr behutsam auf den Kopf drückte. Dann krallte er sich die schwere Kettensäge und nahm sie so mühelos in die linke Hand als wäre sie federleicht. Humpelnd verließ er den Raum und bedeutete Meg, ihm zu folgen.
Die Athletin tat sofort wie geheißen. Sie konnte es kaum erwarten der bedrückenden Atmosphäre des Kellers zu entfliehen, auch wenn sie dadurch dem Gestank des Entitus nicht würde entrinnen können und eilig lief sie Max hinterher, der ein rasantes Tempo vorlegte. Er führte sie durch zwei steinerne Gänge in den Raum, in den sie eingebrochen war und zog anschließend die schwere Metalltür zur Seite, an der Meg sich zuvor vergeblich abgemüht hatte. Bevor er jedoch hindurchschritt, schnappte er sich einen schweren Hammer, den die Athletin nur zu gut in Erinnerung hatte. Trotzdem folgte sie ihm weiter. Wieder ging es durch einen dunklen Tunnel und dann eine steile Treppe nach oben, die allerdings in einer Sackgasse endete.
Max drückte gegen die kahle Fläche und zu Megs erstaunen, gelang es ihm, das Hindernis nach hinten zu schieben. Ein schmaler Durchgang entstand. Als Meg sich nach dem Hinterwäldler durch den Spalt drückte, erkannte sie, dass sie sich wieder im Erdgeschoss des Farmhauses befand. Die hölzerne Fläche, die Max gerade eben verschoben hatte, war in Wahrheit die Rückseite eines Schranks gewesen, der den Eingang zu dem geheimen Keller verdeckt hatte. Offenbar hatte Max sich versteckt gehalten. Doch vor wem? Wahrscheinlich dem Entitus, oder einem seiner Handlanger, dem Doktor oder dem Fallensteller.
„Wolltest du nicht gefunden werden?", fragte Meg, als der Hinterwäldler das Möbelstück wieder an seinen Platz zurückstellte. Dann knurrte er nur und grunzte anschließend „Max"
„Ich verstehe", antwortete Meg und biss kurz die Zähne zusammen, als sich pochender Schmerz in ihrer linken Schulter meldete. „Okay, Max, wir müssen Sally finden und ihr helfen. Einverstanden?"
Max machte einen Schritt auf sie zu und nickte beflissen. Er war so viel größer als Meg und sie musste den Kopf in den Nacken legen, wenn sie ihm in die Augen schauen wollte. „Aber wenn wir Sally helfen wollen, dann müssen wir sie erst mal finden."
„Sally", grunzte Max aufgeregt.
„Und du weißt nicht zufällig, wo sie ist?"
Enttäuscht schüttelte Max den Kopf und sah zu Boden.
„Dann müssen wir sie suchen gehen", schloss Meg, womit sie seine Stimmung sofort wieder anhob. Er schien ganz wild darauf zu sein, etwas zu tun zu bekommen, beinahe wie ein Kind, das zu lange hatte stillsitzen müssen. Die Athletin überlegte kurz. „Ich würde sagen, wir gehen zum Asylum, vielleicht ist sie ja dort herausgekommen. Außerdem werden wir vom Dach einen guten Überblick auf die Umgebung erhalten. Weißt du, wo das ist?"
Max nickte energisch und bedeutete Meg, dass sie ihm folgen sollte, wobei er mehrmals ihren und Sallys Namen grunzte. Dann machte er auf den Absätzen kehrt und humpelte in einem Wahnsinnstempo davon, sodass Meg mit ihrer verletzten Schulter Mühe hatte schrittzuhalten. Bereits wenige Meter im Kornfeld musst Max stehenbleiben und auf sie warten.

David hörte ein Rascheln zu seiner Linken und schaute über die Schulter in den Wald. Zwischen zwei Bäumen sah er den Schatten der Hexe vorbeihuschen und fragte sich lautlos fluchend, warum das Weib nicht wie Philip einfach neben ihm herlaufen konnte. Der Geist war zwar unsichtbar, doch David wusste stets, wo er sich in etwa befand, sodass er ihm jedes seiner Geräusche sofort zuordnen konnte. Wenn Lisa jedoch immer wieder ausbrach und im Wald verschwand, offensichtlich um die Umgebung zu erkunden, so jagte sie dem Überlebenden jedes Mal einen gehörigen Schrecken ein, sobald sie unangekündigt wieder in der Dunkelheit auftauchte.
„Keine Angst, wenn sich jemand anderes als Lisa nähert, dann bekomme ich das schon mit", murmelte Philip, der Davids Zucken offenbar bemerkt hatte. Der Killer hielt die Stimme gesenkt und man konnte seine Nervosität klar hören, doch David glaubte ihm sofort. Der Geist hatte hervorragende Sinne. Nichts entging seinen stechenden Augen und seinem messerscharfen Gehör.
„Wie weit ist es noch bis zum Asylum?", fragte David ebenfalls flüsternd und erlitt mal wieder einen halben Herzinfarkt, als die Hexe plötzlich von einem Ast über ihm antwortete: „Lisa kanns bereits sehen, oh ja. Es ist nicht mehr weit, ganz und gar nicht. Kichernd schwang sie sich wieder herunter auf den Boden, während David zur Beruhigung tief Luft holte.
„Du hast es gesehen?", wollte Philip wissen und trat neben den Überlebenden, der stehen geblieben war. „Wir gehen doch in die richtige Richtung, oder?"
„Ja, ja, das tun wir, in der Tat", antwortete Lisa und zeigte mit ihrem Daumen über die Schulter: „Es ist direkt vor uns, groß und dunkel."
„Das sind gute Nachrichten", nickte Philip und schaute zu David, in der Hoffnung ihn aufgemuntert zu haben. Er erkannte, dass dem nicht so war und bemerkte dann: „Wenn wir erst mal beim Asylum sind und uns mit Sally treffen, wird die ganze Sache…"
Doch weiter kam er nicht, den Lisa hatte ihm mit erhobenem Finger Schweigen geboten. David und Philip schauten sofort über ihre Schultern und der Überlebende ging reflexartig in die Hocke. Eine Angewohnheit aus den unzähligen Jagden.
„Was? Was ist los?", wollte David flüsternd wissen und schaute zunächst zur Hexe, dann zum Geist, der nur mit den Schultern zuckte und sich anschließend an Lisa wandte: „Hast du etwas gehört, Lisa? Sag was!"
„Lisa ist sich nicht sicher" Die Hexe schnalzte mit der Zunge: „Aber die Luft schmeckt nicht mehr."
„Das ist der verdammte Nebel", fluchte David: „Natürlich schmeckt die Luft hier nicht. Als ob dieser Ort…"
Er hielt mitten im Satz inne und wechselte einen Blick mit Philip, der es wohl ebenfalls gespürt hatte. Es war wie ein Windhauch, ein unscheinbares Gefühl, das man kaum auf der Haut spürte. Kribbelnd kroch es in die Gliedmaßen und fuhr den Rücken nach unten, zuerst gleichmäßig, dann plötzlich pulsierend. David schaute über die Schulter in die Richtung, aus der sie gekommen waren und dort in der Ferne entdeckte er eine weiße Gestalt auf sie zulaufen, einen Stock in beiden Händen tragend und gekleidet in einen flatternden Doktormantel.
„Lauf", rief Philip und zog David auf die Beine: „Lauf! Hier entlang, immer weiter!"
Der Überlebende ließ sich natürlich nicht zweimal bitten und nahm panisch die Beine in die Hand. Aus dem Augenwinkel sah er Lisa, die schnell ein Symbol auf die Erde zeichnete und sich anschließend an seine Fersen heftete. Philip war natürlich nicht zu sehen, doch David konnte immer wieder einen seiner Schritte hören, manchmal etwas vor, manchmal etwas hinter sich.
Doch David verschwendete keine Zeit drauf, den genauen Aufenthaltsort des Geistes zu ermitteln, alles was ihn interessierte war die Flucht. Adrenalin durchflutete seinen Körper und mit aller Kraft preschte er vorwärts. Immer wieder schlugen David tiefhängende Zweige ins Gesicht und mehrmals verlor er beinahe das Gleichgewicht an einer hervorstehenden Wurzel, doch er ging nie zu Boden. Seine Muskeln arbeiteten auf Hochtouren und David fragte sich, wie lange er diese Anstrengung wohl durchalten konnte. Hastig warf er einen Blick über die Schulter nach hinten.
Für einen Moment war der Doktor nirgends zu sehen, doch dann tauchte er hinter einem Baum auf und entdeckte im nächsten Moment David und Lisa, wie sie vor ihm flüchteten. Als er die Verfolgung aufnahm, brach plötzlich ein Phantombild der Hexe aus dem Boden hervor und ließ ihn zur Seite stolpern. Was dann geschah, wusste David nicht, da er den Blick wieder nach vorne gerichtet hatte. Hoffnung keimte in seiner Brust auf, als eine Mauer zwischen zwei Büschen auftauchte.
Sie war zwar nur wenige Meter lang und verfügte über einen einzelnen Knick in der Mitte, doch das verbaute Material war unweigerlich jenes des Asylums. Lisa hatte nicht gelogen, die Anstalt war nicht mehr weit entfern. In den Gängen und Korridoren des Asylums würde es ihnen weitaus leichter fallen, Carter auszutricksen und abzuhängen. Außerdem wartete vielleicht Sally bereits auf ihre Ankunft und konnte ihnen bei einem eventuellen Kampf zur Seite stehen. Der Doktor war zwar ein beängstigendes Monster, doch gegen drei Killer gleichzeitig würde auch er sich kaum durchsetzen können.
Wieder schaute David über die Schulter und konnte Carter nirgendwo sehen. Erleichtert verlangsamte er seinen Sprint zu einem schnellen Joggen, nun auch darauf bedacht, keine unnötigen Geräusche zu verursachen. Wenn sie Glück hatten, hatte der Doktor sie bereits aus den Augen verloren.
„Komm, wir müssen weiter", flüsterte Philip hinter David und er konnte hören, wie der Geist an ihm vorbeilief. Lisa war wieder irgendwo zwischen den Bäumen verschwunden, vielleicht hatte sie Carter zum zweiten Mal auf eine falsche Fährte locken können. David schüttelte den Kopf und trotz der ernsten Lage stahl sich ein Grinsen über seine Lippen. Die gesamte Situation war einfach so absurd, versuchten doch der Geist und die Hexe tatsächlich ihn vor dem Zorn des Doktors zu bewahren. Die steigende Hoffnung, dass es ihnen sogar gelingen würde, verlieh dem Überlebenden eine beflügelnde Leichtigkeit.
Ein Knall wie von einem Blitz, gefolgt von etwas, das wie statisches Rauschen klang, hallte durch die Luft und David presste sich reflexartig die Hände auf die Ohren. Aus dem Augenwinkel sah er ein grelles Leuchten und als er den Kopf in die Richtung drehte, konnte er Philip sehen, auf allen vieren und aus seiner Tarnung gerissen. Rauchfetzen stiegen von seinem Rücken auf und kleine Blitze entluden sich von seiner Kleidung in die Umgebung. Gerade als der Geist aufstehen wollte, kam der Doktor nur wenige Meter entfernt hinter einer Mauer zum Vorschein und schickte mit der linken Hand einen weiteren Stromschlag in Philips Richtung. Erneut getroffen krümmte sich dieser wieder zusammen und wurde wenig später von einem brutalen Fußtritt zu Boden befördert.
„Wen haben wir denn hier?", fragte der Doktor mit gespielter Belustigung und stellte sich drohend über sein Opfer. Er hatte David noch nicht entdeckt und hastig ging der Überlebenden hinter einem Baum in Deckung während der Doktor weitersprach: „Ich habe mir bereits gedacht, dass du es warst, der mich meines Probanden beraubt hat." Er versetzte dem Geist einen weiteren Tritt in die Seite. „Du hast meine Arbeit gefährdet, Philip, genau wie Lisa, diese Hure. Und damit ihr nicht noch mehr Schaden anrichtet, wirst du mir jetzt auf der Stelle sagen, wo ihr mein Versuchskaninchen hingebracht habt." Philip murmelte etwas, doch der Doktor konnte es offenbar nicht verstehen, denn er ging in die Hocke und legte den Kopf etwas schief. „Wie war das?"
„Fick dich", rief Philip unter keuchendem Husten und wurde sogleich vom Doktor an der Kehle gepackt. Wütend hob Carter den Geist nach oben und knisternde Blitze entluden sich entlang seines Arms. Die Elektrizität floss die Gliedmaßen des Killers entlang, sammelte sich in der geschwärzten Pranke und entlud sich schließlich in Philip, der vor Schmerz aufschrie. Carter hielt den Stromfluss für wenige Sekunden aufrecht, bevor er den Geist wieder fallen ließ und ihm anschließend einen weiteren Tritt in die Seite versetzte. Rauch stieg von Philips Hals auf und quoll aus seinem Mund, als er sich keuchend die Kehle umfasste.
„Das war keine Frage", sprach der Doktor nun weiter und zog langsam den eisernen Stock von seinem Gürtel. Mit jedem Moment stieg die Bedrohlichkeit in seinem gezwungenen Grinsen und panisch durchforstete David seinen Verstand nach einer Möglichkeit, Philip beizustehen. Sausend fuhr der Stock auf Philips Rücken nieder.
„Ah, Philip, wie seid ihr nur auf die Idee gekommen, eure Leben für diesen Abschaum zu riskieren?", fragte Carter und ließ die Waffe zweimal selbstgefällig in seine Hand klatschen: „War das Lisas Idee? Möglich. Ich tippe aber eher auf Sally, die Schlampe. Ich habe sie seit dem Zusammenbruch nicht mehr im Nebel gesehen. Würde mich nicht wundern, wenn auch sie wieder da ist." Carter betonte das letzte Wort in einem grausamen Tonfall und rammte im selben Moment kraftvoll seinen Fuß gegen den Geist. Philip stöhnte auf.
„Sie hatte ja schon immer was für das Ungeziefer übrig, nicht wahr?", sprach der Doktor mehr zu sich selbst: „Wie auch immer. Um sie kümmere ich mich, sobald ich mit dir fertig bin."
Wieder fuhr der Stock auf den Geist hinunter und David schaute sich immer verzweifelter nach irgendetwas Nützlichem um. Einen Augenblick später entdeckte er Philips Axt direkt hinter dem Doktor auf dem Boden liegen.
„Aber vorher" Der Doktor ging wieder in die Hocke, packte den Geist im Nacken und zog ihn nach oben: „Vorher sagst du mir, wo mein Subjekt ist."
„Genau am richtigen Ort", knurrte Philip und drückte Carter mit aller Kraft von sich weg, bevor er nach der Waffe griff, die David ihm im selben Moment zugeworfen hatte. In einer Bewegung fing er die Axt und ließ sie auf den Doktor zurasen, der den Angriff gerade noch mit seinem Stock parieren konnte. Mit fliegendem Mantel ging er nun zum Gegenangriff über und mit aller Kraft stach er auf Philip ein. Der Geist konnte im letzten Moment nach hinten springen, wodurch er Carter allerdings Zeit gab, sich umzudrehen und mit brennender Wut auf den schutzlosen David zuzustürmen. Schlagartig hechtete Philip nach vorne und traf den Doktor im Rücken. Die Attacke war jedoch hastig und übereilt ausgeführt worden, sodass sie Carter weder aus dem Gleichgewicht brachte, noch schwer verletzte. Allerdings richtete sich die Aufmerksamkeit des Doktors wieder dem Geist zu und David nutze die Gelegenheit, um hinter dem nächsten Felsen in Deckung zu gehen.
Brüllend ging Carter nun auf Philip los und deckte ihn mit einer Serie an wilden Schlägen ein. Einigen konnte der Geist ausweichen, andere musste er abblocken und mehrere Male hätte er beinahe das Gleichgewicht verloren. Nach einem weiteren parierten Angriff überraschte der Doktor den Geist, indem er während des Ausholens mit der Schulter nach vorne preschte. Krachend wurde Philip nach hinter geschleudert und knallte mit dem Rücken gegen eine Wand. Aufgrund der Masse und Kraft der beiden Killer hatte David bereits erwartet, das Mauerwerk in sich zusammenfallen zu sehen, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen blieb der Wall aufrecht stehen, hart und undurchdringlich, womit sich Philip keine Ausweichmöglichkeiten mehr boten.
Wild brüllend flog der Doktor auf den Geist zu, der sich nur mit Mühe und Not verteidigen konnte. Auch der zweite Hieb ging daneben, während sich der Dritte kurz vor Philips Gesicht in Azarovs Rückgrat verhakte. Mit einem Ruck zog Carter seinen Stock zurück und riss dem Geist damit seine Waffe aus der Hand. Schockiert beobachtete David, wie Philip schützend die Arme nach oben riss und schwarzes Blut auf die Wand hinter dem Geist spritze. Der Hieb hatte seinen Oberarm erwischt und diesen von oben bis unten aufgerissen.
Mit einem Schmerzensschrei verlor Philip nun endgültig das Gleichgewicht und ging zu Boden, Carter hob bereits seinen Fuß, um ihn dem Geist ins Gesicht zu rammen, doch er wurde im selben Moment davongestoßen, von einem wütenden Ex-Footballspieler, der aus seiner Deckung hervorgestürmt und dem Doktor in die Seite gefahren war. Knurrend schaute sich der Killer nach dem neuen Angreifer um und entdeckte David, der langsam realisierte, dass er wohl einen Fehler begangen hatte.
Wild brüllend holte der Doktor aus und schwang nach dem Überlebenden, doch David konnte ihm ausweichen. Im nächsten Moment ballte der Killer jedoch die Hand zur Faust, lud sie augenblicklich mit Strom auf und sandte David anschließend eine Schockwelle entgegen. Der Überlebenden erlitt einen Volltreffer und im nächsten Moment wurde ihm alle Luft aus den Lungen gepresst, als ihn der Stock des Doktors mit voller Kraft an der Brust traf. David hörte seine Rippen brechen und er wurde mehrere Meter nach hintern geschleudert, wo er verkrampft und kraftlos liegen blieb. Philip versuchte sich aufzurappeln, doch er wurde ebenfalls der Schocktherapie des Doktors unterzogen.
„Widerspenstig bis zum Schluss", murmelte der Doktor und rückte seinen Mantel zurecht: „Ich kenne diesen Schlag an Menschen. Die halten am längsten durch und liefern die besten Ergebnisse. Aber bevor wir an die Arbeit gehen, wünschen wir doch Philip hier eine gute Nacht."
Carter stellte sich drohend über den Geist, der kaum seinen verletzten Arm zur Verteidigung heben konnte und holte mit seinem metallenen Stock zum fatalen Schlag aus. Die Spitze der Waffe glitzerte im Mondlicht und Philips Blut tropfte von den grausamen Spitzen, die entlang des Schaftes angebracht worden waren. Die Muskeln des Doktors spannten sich und gerade als er auf den Geist einschlagen wollte, flog ein Schatten aus einem der Bäume auf ihn herab. Das Wesen landete auf seinem Rücken und begann mit langen Krallen das Gesicht des Killers zu bearbeiten.
Carter schrie vor Schmerz und Überraschung laut auf und ließ seinen Stock fallen. Mit beiden Händen langte er panisch nach hinten, verzweifelt nach der Kreatur greifend, doch er konnte sie nicht zu fassen kriegen. Mit einem letzten Hieb sprang die Hexe von seinem Rücken und lief sofort auf David zu, während sich der Doktor auf den Knien wiederfand, stöhnend die Hände vors Gesicht gepresst. Blut rann zwischen seinen Fingern hervor, doch Lisa wusste, dass sie kaum mehr als einen Augenblick Zeit hatte.
Hastig hob sie David vom Boden hoch und trug ihn in Windeseile zu Philip, der sich gerade an der Wand nach oben zog. Eilig warf sie ihm den Überlebenden auf die Schulter, wodurch der Geist beinahe wieder zusammengebrochen wäre. Mit einer scharfen Klaue ritzte Lisa ein Symbol in die Wand und schwarzer Nebel verdichtete sich sofort auf der dunklen Fläche.
„Lisa, was… was tust du?", stammelte Philip, der Mühe hatte, David auf der Schulter zu behalten. „Lisa schickt euch nach Hause", antwortete die Hexe und zog an Philips Arm. Über die Schulter des Geistes konnte sie den Doktor sehen, der sich unter Schmerzen erhoben hatte und den drei nun langsam das Gesicht zuwandte. Mehrere Schnitte zogen sich über sein ohnehin schon verunstaltetes Gesicht, von denen einer quer durch sein rechtes Auge verlief. Blut tropfte auf den Boden, als Carter mit blinder Wut brüllend auf Philip zustürmte.
„Los, los", gackerte die Hexe und versetze Philip einen kräftigen Stoß, der ihn direkt in den Nebel beförderte. Anschließend kratzte sie hastig über das Symbol und riss mehrere Linien quer durch die Rune. Im letzten Moment hastete sie zur Seite, bevor der Doktor durch den Schwarzen Nebel brach und seine Waffe gegen die Wand knallte. Er brauchte einen Moment, in dem er sich knurrend umsah, bevor er verstand, was geschehen war. Verzweifelt und halb geblendet schaute Carter sich um und drehte den Kopf in alle Richtungen, nach irgendwelchen Anzeichen Philips, Davids oder Lisas suchend. Als er nichts entdecken konnte, entluden sich knisternde Blitze in die Umgebung, während er wütend aufbrüllte und mehrmals auf die Wand einschlug. Lisa hatte sich derweil auf einem Ast in Sicherheit gebracht, in der Dunkelheit verborgen und für jedes Auge unsichtbar. Schweigend beobachtete sie den Doktor, bevor sie leise davonkletterte.

Sally glitt langsam durch den Wald. Ihre Füße schwebten nur wenige Zentimeter über dem Boden, tiefer als sonst, sodass die Spitzen der Grashalme ihre Zehen kitzelten. Die Krankenschwester wusste nicht, warum sie erst jetzt darauf gekommen war, dass sie immer noch über eine gewisse Schwerkraft verfügte, wenn sie nur wollte. Wahrscheinlich hatte das Geschwür des Entitus in ihr diese Gedanken für lange Zeit erstickt und erst der Zusammenbruch von Sallys altem Meister hatte sie zum Vorschein kommen lassen.
Zwischen den Bäumen kamen die Mauern des Asylums zum Vorschein und wenn Sally den Kopf hob, konnte sie die Stelle erblicken, von der aus sie in die Tiefe gesprungen war. Aufmerksam spähte sie die Wände entlang, nach drohenden Gefahren suchend, bevor sie zu den vergitterten Fenstern hinaufschaute. Der Schatten der kalten Mauern ließ dunkle Erinnerungen aufkeimen und in ihrem Kopf hörte Sally einen langgezogenen Schrei aus längst vergangenen Zeiten. Es war niemand zu sehen.
Wahrscheinlich hatte Evan das Gebäude wieder verlassen, nachdem er nach seinen Fallen gesehen hatte, dachte Sally und kam langsam zwischen den Bäumen hervor. Die Frage war nur, wo? Sie konnte die Spuren erkennen, die der Fallensteller beim Betreten des Asylums hinterlassen hatte, wichtiger war jedoch, in welche Richtung er anschließend wieder davongewandert war. Wenn sie ihn finden wollte, würden diese Spuren ihre beste Hoffnung sein.
Sally drehte sich nach rechts und begann das Gebäude zu umrunden. Der Fallensteller war ein grausamer Mann, was sich in seinen Schritten wiederspiegelte. Sie waren hart und schwer, wühlten die Erde auf und würden noch lange Zeit erkennbar bleiben. Vor allem hier im Nebel, wo sich kein Lüftchen regte und die Natur in der Gegenwart festgefroren zu seins schien. Ein Glück das Sally selbst so gut wie keine Spuren hinterließ.
Während sie das Asylum umrundete und Ausschau nach Hinweisen hielt, wanderten die Gedanken der Krankenschwester zu Meg, Nea und Anna. Die drei waren bisher noch nicht aufgetaucht und es blieb nur zu hoffen, dass es ihnen gut ging. Vielleicht hatte Evan einen von ihnen entdeckt und aus diesem Grund die Tellereisen ausgelegt, mit der Absicht sie beim Asylum in eine Falle zu locken.
Sally schüttelte den Kopf. Das war unwahrscheinlich. Soweit sie wusste, waren sie alle gleichzeitig in den Nebel gekommen und Evan hätte wohl kaum Zeit gehabt, seine Gerätschaften auszulegen in Vorbereitung auf das Rettungsteam. Nein, die Fallen mussten David und Jake gelten. David hatte sich in den Händen des Doktors befunden und Sally bezweifelte, dass Evan nichts davon gewusst hatte, was hoffentlich bedeutete, dass sich Jake immer noch auf freiem Fuß befand. Warum sollte der Fallensteller sonst seine Fallen kontrollieren?
Die Krankenschwester schwebte wie ein Windhauch um eine Ecke und entdeckte eine Fährte, die von einem Fenster in der Wand des Asylums quer über die Wiese und in den Wald hineinführte. Die Fußabdrücke waren von große Stiefeln schwer in den Boden gestampft worden. Es konnte sich nur um Evan handeln.
Sally hatte sich zur Inspektion der Spuren nach unten gebeugt. Jetzt richtete sie sich selbstzufrieden nickend wieder auf und spähte zwischen die Bäume. Evan war ein gefährlicher und grausamer Mann und auch wenn er Jake noch nicht gefunden hatte, so musste Sally trotzdem sichergehen, dass er keinen Überlebenden in seiner Gewalt hatte. Außerdem war es ihre einzige Spur, andere Anhaltspunkte gab es nicht. Vielleicht gelang es ihr sogar, ihn zu überzeugen dem Entitus den Rücken zuzukehren. Im Gegensatz zum Doktor war der Fallensteller logischen Argumenten bis zu einem gewissen Grad stets zugänglich gewesen, es war also gut möglich, dass Sally ihn auf ihre Seite ziehen oder zumindest von weiteren Gewalttaten abhalten konnte. Vielleicht war er verunsichert, wusste nicht was er tun sollt oder wie er dem Nebel entkommen konnte. Sally würde ihm einen Ausweg bieten.
Schweigend machte sie sich auf den Weg und gerade als sie zwischen den Bäumen verschwand, warf sie nochmal einen Blick über die Schulter auf das baufällige Gemäuer, das der Entitus als spöttisches Monument ihres alten Leids in der zeitlosen Realität des Nebels verewigt hatte. Dann richtete sie den Blick nach vorne.
Es dauerte nicht lange und erstickende Dunkelheit umschloss Sally, während sie durch den Wald glitt und misstrauisch in alle Richtungen spähte. Sie hatte den Nebel noch nie zuvor als Gejagte erlebt und konnte sich auch jetzt noch kaum vorstellen, wie es sich für ein hilfloses Mädchen wie Claudette anfühlen musste, wenn sie von gnadenlosen Killern wie Sally selbst durch die Finsternis gehetzt wurde. Die Krankenschwester hatte eine Schuld zu begleichen und das würde sie auch tun.
Der Entitus hatte Sally unter anderem mit verbesserter Sicht im Dunkeln ausgestattet, sodass sie die Spuren des Fallenstellers mit einigen Schwierigkeiten immer noch vor sich erkennen konnte. Wäre sie ein normaler Mensch gewesen, hätte sie sich wohl bereits nach wenigem Metern hoffnungslos verlaufen und wäre Evan auf Gedeih und Verderb ausgeliefert gewesen. Doch sie war kein normaler Mensch mehr und so folgte sie den Spuren immer tiefer in den Wald hinein, schlängelte sich zwischen dicken Baumstämmen hindurch und folgte dem Fallensteller weiter und weiter in den Nebel.
Nach einiger Zeit bemerkte Sally, wie sich die Flora um sie herum zu ändern begann. Die Bäume standen immer dichter beieinander und das Gras wurde immer höher, bis es ihr schließlich zu den Knien heraufreichte. Die Temperatur fiel langsam ab und erst nach einiger Zeit bemerkte Sally, dass sie fröstelte.
Verwirrt schlang sie die Arme um ihren Oberkörper und versuchte sich an das letzte Mal zu erinnern, an dem sie dieses Gefühl gehabt hatte. Als Killerin hatte sie der Entitus jeder Wärme beraubt, sodass sie selbst keine Kälte mehr gespürt hatte, im Gegensatz zu den Überlebenden, die sie immer wieder nicht nur vor Angst zitternd vorgefunden hatte. Vor allem war das in einer ganz bestimmten Arena geschehen.
Sally schwebte noch eine Weile weiter, bevor eine Silhouette zwischen den Bäumen ihren Verdacht bestätigte. Eine große Holzhütte tauchte dort langsam in der Dunkelheit auf, gezimmert aus groben Baumstämmen und mit einem steinernen Fundament. Im Inneren, das wusste Sally, befanden sich allerlei Gegenstände, die verrieten, dass hier einst ein Kind gelebt hatte. Es gab ein Steckenpferd und geschnitzte Holzpuppen, während ein großer Ofen die Kälte davonjagte. Sally wusste genau, wer hier gewohnt hatte und einmal mehr fragte sie sich, was die Jägerin wohl vor ihrer Zeit im Nebel erlebt hatte.
Nun schien jedenfalls der Fallensteller sein Quartier hier aufgeschlagen zu haben, den die Spuren führten direkt auf die Behausung zu, bevor sie in einem schwarzen Türspalt verschwanden. Sally schwebte langsam in Richtung des Gebäudes, hielt sich dabei so gut es ging außer Sicht und spähte immer wieder über die Schulter. Sie musste unter allen Umständen vermeiden, blindlings in einen Hinterhalt zu laufen und sie wusste, dass Evan genauso vorgehen würde, wäre er von ihrer Ankunft informiert worden.
Es war zwar riskant, doch wenn Sally Gewissheit über Jakes Schicksal haben wollte, dann musste sie die Hütte betreten und im Inneren nach dem Überlebenden suchen. Bevor sie das allerding tat, würde sie abwarten und schauen, ob der Fallensteller irgendwelche Lebenzeichen von sich gab, die seine Position verrieten. Vielleich würde er sogar in Kürze wieder aufbrechen, sodass die Luft für Sally rein wäre.
Die Krankenschwester ging in die Hocke und erlaubte sich, ihren schwebenden Zustand zu verlassen und mit den Füßen den Boden zu berühren. Wieder fühlte sie die feuchte Erde zwischen ihren Zehen und das Gefühl, das sie bereits vor den Mauern des Asylums gespürt hatte, kehrte zurück, während sie ihren Blick auf das Haus gerichtete hielt.
Eine Weile lang geschah nichts und Sally schaute immer wieder nervös über die Schulter, einen Angriff aus dem Hinterhalt befürchtend. Doch da war niemand. Auch im Haus war es ruhig, ab und zu krächzte ein Rabe im Gebälk, doch abgesehen davon schien das Gebäude leer und unbewohnt zu sein. Vielleicht war es das auch.
Sally beschloss das Haus zu umrunden und nach Spuren zu suchen, die der Fallensteller beim Verlassen des Gebäudes hinterlassen haben könnte. Dazu stand sie auf und schwebte rückwärts etwas in den Wald zurück, sodass sie vor Blicken aus den Fenstern geschützt war. Dann beschrieb sie einen weit gezogenen Kreis um die Behausung herum, während sie abwechseln auf den Boden und zur Hütte schaute. Es dauerte nicht lange und sie hatte wieder ihren Ausgangspunkt erreicht.
Evan befand sich anscheinend immer noch in Annas altem Zuhause oder er hatte beim Gehen seine Spuren verwischt, was Sally jedoch für unwahrscheinlich hielt. Nichtsdestotrotz musste sie etwas unternehmen. Hier zu sitzen und weiterhin die Wände anzustarren, brachte sie keinen Schritt weiter und wenn Evan wirklich unterwegs war, so stieg mit jeder verronnenen Sekunde die Wahrscheinlichkeit, dass er zurückkehrte. Sally musste handeln.
Langsam schwebte sie auf das Haus zu, verließ das schützende Dickicht der Bäume und erschien im silbernen Mondlicht, das sich in einer Pfütze am Boden spiegelte. Ihren Blick hielt die Krankenschwester auf das Haus gerichtet und nur ein einziges Mal schaute sie nach hinten, um sicherzugehen, dass sie nicht verfolgt wurde. Dann hatte sie die Wände des Gebäudes erreicht und näherte sich einem Fenster zu ihrer linken. So leise sie konnte schwang sie sich durch die quadratische Öffnung.
Im Inneren war es warm und stickig, die Asche eines Feuers glühte im Ofen und eine Gaslampe, die wohl aus den Autohaven Wreckers stammte, spendete spärliches Licht. An einer der Wände befand sich ein Stapel Feuerholz, während auf der anderen Seite ein Steckenpferd gegen den kalten Stein gelehnt worden war, flankiert von einer Holzfigur, die eine Hexe darstellte. Sally fragte sich, ob Anna das Spielzeug angefertigt hatte, bevor sie den Gedanken beiseite wischte und sich auf ihre Aufgabe konzentrierte. Sie wusste immer noch nicht, ob sie allein war. Evan konnte sich immer noch im Haus befinden und je schneller sie an Informationen kam, umso besser. Das einzige, was sie wissen wollte, war ohnehin nur, ob sich Jake in den Händen des Fallenstellers befand und wenn nicht, ob sich irgendwelche Hinweise auf seinen Aufenthaltsort finden ließen, was Sally jedoch bezweifelte.
Sie schaute sich um und entdeckte eine Treppe, die nach unten in den Keller führte, den der Entitus den Arenen immer hinzugefügt hatte. Sally hatte den Ort stets verabscheut, doch er war ein nützliches Werkzeug gewesen, um die Überlebenden in eine Falle zu locken und sie auf den vier bereitgestellten Haken dem Dunklen zu opfern. Was jedoch neu war, war das Gitter, das den Durchgang versperrte. Senkrecht lag es auf der rechteckigen Öffnung, gefertigt aus groben Eisenstangen und befestigt mit großen Nägeln, die in den Boden darunter geschlagen worden waren.
Sally schwebte über die Konstruktion und ließ sich nieder, um die Vorrichtung zu begutachten. Schnell erkannte sie, dass es hier kein Durchkommen gab, es sei den man riss die Gitterstäbe gewaltsam aus dem Boden. Oder man teleportierte sich.
Sally schaute sich erneut um und zog die Benutzung ihrer Kraft wahrhaft in Erwägung. Dieses Gitter sah aus, als würde es etwas oder jemand gefangen halten und sie würde ihre Knochensäge darauf verwetten, dass es sich um Jake handelte. Vielleicht war er da unten gefangen und hatte bereits jede Hoffnung aufgegeben, aber vielleicht hatte der Fallensteller die Absperrung auch nur vorsorglich angelegt. Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.
Gerade als Sally ihre Hand zur Faust ballte, hörte sie schwere Schritte direkt über ihrem Kopf. Sie bewegten sich nach rechts und dann auf die Treppe zu, die den oberen Stock mit dem Erdgeschoss verbanden. Die großen Stiefel stampften hart auf den Holzboden und Sally beeilte sich von dem Gitter wegzukommen. Sie wusste genau, dass sie keine Zeit mehr hatte, den Raum zu verlassen und wenn Evan sie schon entdecken sollte, dann musste sie nicht auch noch den Eindruck erwecken, als habe sie herumgeschnüffelt. Eilig schwebte sie auf den Tisch in der Mitte des Zimmers zu, als bereits die massige Gestalt des Fallenstellers am unteren Ende der Treppe auftauchte. Evan blieb abrupt stehen, als er Sally entdeckte, die den Blick durch den Raum schweifen ließ, ganz so, als sei sie gerade erst angekommen. Er hatte immer noch seine grinsende Maske vor dem Gesicht und nach wie vor stachen grausame Haken in sein dunkles Fleisch. Selbst wenn er sich nicht bewegte, stellte der Fallensteller eine wahrhaft einschüchternde Figur dar.
„Sally", sagte er und Misstrauen lag in seinem Tonfall: „Was verschafft mir die Ehre?"
Die Krankenschwester schwebte langsam auf ihn zu und antwortete: „Darf ich etwa keine alten Kameraden mehr besuchen?" Inständig hoffte sie, dass Evan die zugegebenermaßen schwache Lüge nicht durchschaute, doch ihr fiel auf die Schnelle nichts Besseres ein. Einen Moment lang haftete der Blick des Fallenstellers auf Sally. Dann nickte er und wies auf den Tisch in der Mitte des Raums.
„Natürlich, bitte setz dich."
Berauscht vor Erleichterung gab sich die Krankenschwester alle Mühe ihre Freude zu verbergen, während sie einen Stuhl nach hinten zog und sich darauf niederließ. Lässig legte sie ein Bein übers andere und beobachtete Evan dabei, wie er zu einem nahegelegenen Schrank marschierte. Gemächlich holte der Fallensteller zwei Gläser hervor, kam zurück zum Tisch, stellte sie ab und ging dann wieder zurück zum Schrank. Als nächstes kam eine verstaubte Flasche aus grünem Glas zum Vorschein, Sally konnte das darin enthaltene Getränk kaum erkennen.
„Ich wusste gar nicht, dass Anna eine eigene Bar im Haus hat", scherzte sie und versuchte die drückende Stimmung etwas aufzulockern. Evan ging hinter ihr vorbei und setzte sich dann ebenfalls an den Tisch, die Augen stets auf die Krankenschwester gerichtet. Geschickt füllte er die Gläser, bevor er die Flasche auf dem Tisch abstellte.
„Hat sie auch nicht", erwiderte der maskierte Hüne: „Du glaubst doch nicht etwa diese eingeschränkte Missgeburt würde ein Stück Kultur wie diesen Schnaps zu schätzen wissen? Nein, nein, diesen Tropfen habe ich im Laderaum der Palen Rose entdeckt."
Evan schob ihr eines der Gläser hin.
„Aber ich habe ja ganz vergessen, dass du etwas für das Kaninchen übrighast. Für sie und unseren Kettensägentrottel."
Sally nahm das Glas entgegen und hob es hoch, bevor sie antwortete: „Ich habe Mitleid mit den beiden, Evan. Sie können nichts für wer sie sind." Sie richtete ihren Blick auf den Fallensteller. „Aber das ist ja nicht das erste Mal, dass wir diese Unterhaltung führen."
„Nein, das ist es nicht", lachte Evan: „Nun gut, diese Gläser leeren sich nicht von selbst." Beiläufig griff er sich an den Hinterkopf und öffnete die Riemen, die seine Maske an Ort und Stelle hielten. Klappernd fiel die grinsende Visage auf den Tisch und entblößte das wahre Gesicht jenes Mannes, den die Überlebenden nur als den Fallensteller kannten. Kantig und vernarbt, ein stechender Blick und eine breite Nase, das waren die dominierenden Merkmale.
„Komm schon, Sally. Ich weiß, dass du nicht glücklich darüber bist, was der Entitus mit deinem Gesicht angestellt hat, aber vor mir brauchst du es nicht zu verbergen." Ein Grinsen schoss über seine Lippen. „Wir sind alle Monster hier."
Sally zögerte kurz, bevor sie ebenfalls die Hand hob und den Kissenbezug von ihrem Kopf nahm. Wie ein Wasserfall fielen ihr die schwarzen Haare auf die Schultern und sie richtete ihr verbliebenes Auge auf Evan. Dann hob sie das Glas. Der Fallensteller lachte brummend und tat es ihr gleich.
„Auf uns Monster", rief er aus und leerte das Gesöff in Sekundenschnelle seinen Rachen hinunter. Ein ekelerregender Geruch stieg Sally in die Nase, als sie ihr eigenes Glas an die Lippen führte und vorsichtig einen Schluck nahm. Angewidert verzog sie das Gesicht und stellte das Getränk zur Seite.
„Also Sally, wie gefällt dir mein neues Zuhause?"
Die Krankenschwester ließ den Blick die Runde schweifen und erwiderte dann: „Ich glaube nicht, dass Anna es so leicht aufgeben wird. Du weißt doch, sie hängt sehr an diesem Gebäude."
„Und du weißt, dass ich nen Scheißdreck drauf geb, was Anna denkt oder tut." Evan betonte den Namen der Jägerin mit besonderer Abscheu. „Der Entitus ist hinüber, wie dir zweifellos aufgefallen sein muss. Es gibt als niemanden mehr, der mich von ihr fernhält und ich habe kein Problem damit, der Missgeburt zu zeigen, wo sie hingehört."
„Dann hoffe ich, dass ihr euch nie wieder über den Weg lauft", bemerkte Sally, während sie versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Evan hatte durch das Verschwinden des Entitus nichts von seiner Gewaltbereitschaft eingebüßt, doch gleichzeitig hatte er auch noch nichts von der Rettungsaktion mitbekommen. Vielleicht ließ er immer noch mit sich reden.
„Das hoffe ich für sie", antwortete Evan und schenkte sich nach: „Wahrscheinlich ist sie aus dem Nebel abgehauen, genau wie Lisa. Die alte Hexe wollte einen der Überlebenden mitnehmen, als ob nicht schon genug von denen entkommen wären. Hat sich mir in den Weg gestellt."
„Ich nehme an, du hast dir das nicht gefallen lassen", entgegnete Sally in einem bemüht gleichgültigen Ton und Evan lachte: „Ganz und gar nicht. Ich hab ihr eine verpasst und sie ist davongekrochen. Dafür habe ich ihren Schützlingen verloren, den mit der grünen Jacke. Den kennst du doch."
Sally nickte. Sie wusste von wem Evan sprach.
„Aber nicht für lange", fuhr der Fallensteller fort: „Wenig später ist er in eines meiner Eisen getretenen, der Volltrottel. Musste ihn nur noch zusammenklauben und mitnehmen. Hab ihn dort hinten eingesperrt." Evan nickte mit dem Kopf auf das Gitter über der Kellertreppe und nahm selbstzufrieden einen Schluck. Sally folgte seinem Blick und versuchte dabei möglichst gleichgültig zu wirken, während sie angestrengt die neugewonnenen Informationen verarbeitete. Jake befand sich also tatsächlich hinter dem Gitter und Evan hörte sich nicht an, als ob er ihn gehen lassen würde. Egal, sie musste es versuchen.
„Dann folgst du also immer noch dem Ruf des Entitus?", fragte sie und schaute wieder zu Evan: „Warum? Er ist Geschichte und es gibt nichts mehr, das dich zwingt, diese armen Seele zu quälen."
„Nein?", antwortete der Fallensteller und richtete den Blick auf sein Glas: „Da bin ich mir nicht so sicher."
Sally zog die Augenbrauen nach oben.
„Ich meine, schau uns doch mal an, Sally. Wir sind Killer. Unser Zweck, der Grund unserer Existenz liegt in der Jagd nach unserer Beute. Das ist es, wozu der Entitus uns gemacht hat, egal ob es ihn noch gibt oder nicht."
„Evan, bitte hör mir zu", sagte Sally schockiert: „Sie haben das nicht verdient. Niemand hat das verdient. Was der Entitus uns angetan und was wir ihnen angetan haben, das sind schreckliche Dinge gewesen. Aber sie gehören der Vergangenheit an. Der Entitus ist vorbei und das ist nicht egal. Wir können frei sein, wenn wir wollen, und unser eigenes Leben führen. Wir müssen nicht mehr töten."
„Glaubst du das Wirklich?", entgegnete Evan und erhob sich: „Abgesehen davon will ich ihn gar nicht töten. Zumindest nicht sofort. Wenn ich wollte, hätte ich das gleich an Ort und Stelle erledigt. Aber was schert es dich überhaupt, was ich mit dem Bastard anstelle?"
Sally schüttelte den Kopf und folgte mit ihrem Blick dem Fallensteller, der den Tisch umrundete. „Evan, das kann nicht dein Ernst sein. Natürlich schert es mich, was du mit ihm machst. Genau wie es mich scherte, was der Entitus mit dir angestellt hat. Diese Haken, dieser Schmerz, das hast du nicht verdient. Das hat niemand verdient."
„Du vergisst, warum er uns gefoltert hat", sagte Evan: „Weil wir schwach waren. Wir waren nicht Manns genug unsere Arbeit zu erledigen und dafür haben wir den Preis bezahlt. Aber ich habe meine Lektionen gelernt. Mitleid ist etwas für die Schwachen, Sally, ich hoffe du verstehst das eines Tages."
Sie schaute zu ihm auf: „Und was hast du jetzt vor?"
Der Fallensteller stand nun direkt neben ihr, wie ein Turm bedrohlich in die Höhe ragend. Nach einem Moment des Schweigens antwortete er: „Rache"
„Evan, bitte, Rache wird deine Schmerzen nicht lindern."
„Nein, das wird sie nicht", erwiderte der Fallensteller: „Aber so funktioniert die Welt. Sie haben uns immer wieder zum Narren gehalten, Sally, und wenn sich diese Bastarde auch nur ein Quäntchen für unser Leid interessiert hätten, dann würde ich heute keine Haken im Rücken tragen. Sie haben ihre Wahl getroffen in den unzähligen Jagden. Jetzt folgen die Konsequenzen." Er schaute zum Gitter. „Zumindest für einen von ihnen"
„Worauf wartest du dann?", wollte Sally wissen: „Wenn du dich dermaßen nach Rache sehnst, warum hältst du ihn dann gefangen?"
„Wie ich schon sagte", antwortete Evan: „Mitleid ist eine Schwäche und genau diese Schwäche ist es, die die anderen zurück in meine Arme treiben wird. Ich weiß, dass nur sie wieder in den Nebel zurückkönnen und niemand sonst. Wenn Lisa in der echten Welt ist, dann haben sie das bestimmt mitbekommen und wissen mittlerweile, dass zwei ihrer Gefährten immer noch im Nebel stecken. Aber wo wir auch schon dabei sind, da drängt sich mir doch eine Frage auf, Sally. Wo warst eigentlich du die letzten Tage?"
Die Krankenschwester griff blitzartig nach ihrer Knochensäge, doch Evan war schneller. Mit der Kraft eines Bären drehte er ihr den Arm auf den Rücken und zwang sie mit dem Oberkörper auf den Tisch. Sally ballte die linke Hand zur Faust und beschwor Spencers letzten Atemzug. Evan entdeckte ihre List und riss sie nach hinten, während er ihr ein Knie gegen den Kopf rammte, sodass sie auf den Fußboden geschleudert wurde. Bevor sie sich aufrichten konnte, stieg der Fallensteller mit aller Kraft auf ihren linken Arm und Sally konnte ihre eigenen Knochen brechen hören. Unter Qualen schrie sie auf, doch Evan packte sie bereits am Genick und zog sie nach oben.
„Und ich hatte bereits gehofft, du wärst schlauer. Ach Sally, dich mit den Überlebenden einzulassen... Wie viele sind hier? Drei? Vier? Alle?"
Sie biss die Zähne zusammen und versuchte sich aus Evans eisernem Griff zu befreien. Mit dem Fuß stieß sie nach seinem Knie und brachte ihn dadurch kurz aus dem Gleichgewicht. Knurrend riss der Fallensteller Sally herum und zog sie auf den Tisch zu, wo er mit aller Kraft ihren Kopf gegen die Platte rammte. Krachend traf sie auf das massive Holz und ihr wurde schwarz vor Augen. Dann ein zweites und ein drittes Mal. Den vierten Hieb bekam Sally gar nicht mehr mit und es dauerte noch zwei weitere, bis der Fallensteller bemerkte, dass sich die Krankenschwester nicht mehr rührte.
Knurrend warf er ihren leblosen Körper zu Boden und versetzte Sally mit aller Kraft einen letzten Tritt, der wohl sämtlichen Rippen brach. Dann ging er um den Tisch herum und griff nach seiner Maske. Die Überlebenden waren zurück im Nebel. Er hatte Arbeit zu erledigen.