Der Tanz des Hasen

„Verdammt, ich seh nen Scheißdreck in der Dunkelheit."
„Benutz dein Tac Light."
„Was glaubst du, was ich mache?"
Der FBI Agent schaute genervt zu Boden und versuchte das Gleichgewicht zurückzuerlangen, indem er sich an einem Baum festklammerte. Dazu musste er die linke Hand von seiner Waffe nehmen.
„Augen auf, Brewster, du hast gehört was der Boss gesagt hat", mahnte der Sergeant
„Ja Sir"
Der Agent richtete seine Aufmerksamkeit wieder dem Wald zu. Bereits seit mehreren Stunden stapfte das fünfköpfige Squad nun schon durch die Finsternis, mit dem Auftrag, nach Überlebenden, Killern und seltsamen Vorkommnissen Ausschau zu halten. Jedes Ereignis war umgehend zu melden.
„Hey Sarge, glauben sie wirklich all den Kram, den der Boss uns aufgetischt hat?"
„Ja, O´Sullivan, das tue ich."
„Ich mein ja nur, all das Gerede von Monstern und Wesen und anderen Welten. Wo kommt das auf einmal her?"
„Ich weiß es nicht, aber es scheint ein Riesending zu sein", antwortete der Befehlshaber, der sich in der Mitte der Formation befand. „Mit all den Kräften, die das Bureau aufgefahren hat, muss es sich wohl um eine ernstzunehmende Bedrohung handeln. Und wenn der Boss uns ein Märchen hätte auftischen wollen, hätte er sich ein besseres überlegen können."
„Es ist also glaubwürdig, weil es so unglaubwürdig ist?"
„Jep"
„Scheiße, irgendwie macht das Sinn. Jetzt hab ich Angst."
„Dazu gibt es keinen Grund, O´Sullivan", mahnte der Sergeant: „Wir sind nicht auf uns allein gestellt. Der ganze Wald wimmelt nur so von Einsatzkräften. Wir brauchen nur ein Signal abzugeben und schon kommt die Kavallerie um die Ecke geritten."
„Ich hör was", zischte der Mann auf der linken Seite und das gesamte Squad blieb gleichzeitig stehen. Sofort gingen die Soldaten in die Knie und jeder deckte automatisch eine andere Richtung ab. Mit erhobenen Waffen spähten sie zwischen die Bäume. Die Taschenlampen der Agenten kämpften tapfer gegen die Dunkelheit an, doch sie konnten die kalte Schwärze kaum durchdringen. Wie ein Schleier legte sich die Finsternis über den Wald und ließ jeden Busch wie eine Gefahr aussehen. Wortlos warteten die fünf Männer.
„Ich hör nichts, bist du dir sicher?"
„Ja, verdammt, da war was!"
Wie ein Pistolenschuss fuhr der Ton eines brechenden Zweigs durch die Stille und instinktiv drehten sich die Männer in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.
„Ausschwärmen", befahl der Sergeant: „Feuer halten, bis ich den Befehl gebe."
„Ja Sir"
„Jawohl"
„Und wenn es eine andere Patrouille ist?"
„Dann würden wir Lichter sehen", entgegnete der Offizier: „Los jetzt"
Das Team fächerte sich zu einer breiten Wand auf und die Läufe ihrer Waffen wiesen alle in dieselbe Richtung. Zuckend blitzen die Tac Lights in die Nacht hinein und nach einem Handsignal des Befehlshabers bewegte sich die Gruppe langsam vorwärts. Die Männer auf den Flanken schauten immer wieder nach Links und Rechts, während der Offizier regelmäßig über die Schulter blickte.
„Halt", kommandierte der Sergeant, als eine dunkle Gestalt zwischen den Bäumen auftauchte. Sie war schmal, groß, schien zu humpeln und trug offensichtlich etwas Schweres auf der Schulter. Einen Moment später fiel sie auch schon auf alle Viere und streckte den Agenten eine Hand entgegen.
„Nicht schießen", ertönte eine schwache Stimme: „Wir sind vom Rettungsteam. Wir sind verwundet."

Claudette öffnete die Augen. Verschlafen brauchte sie einen Moment, um sich zu orientieren, bevor sie sich erinnerte, dass sie sich im Haus der Fairfields befand. Auf die Ellbogen gestützt richtete sie sich müde auf und drehte den Kopf zur Seite, wo sie einen Fernseher entdeckte. Gleich darauf bemerkte die Kanadierin, dass sie sich immer noch auf der Couch befand, auf der sie und Dwight gestern Abend eine Serie angesehen hatten. Sie musste wohl eingenickt sein.
Jemand hatte eine Decke über ihren Körper gelegt, sodass Claudette die Nacht über nicht gefroren hatte, allerdings konnte der Stoff nichts gegen einen verkrampften Nacken ausrichten, der durch die ungewohnte Schlafposition hervorgerufen worden war. Immer noch benebelt, rollte Claudette die Decke zurück, schwang die Füße auf den Boden und rieb sich ihren schmerzenden Nacken. Währenddessen blinzelte sie sich den Schlaf aus den Augen, mit mäßigen Erfolg. Nach wie vor müde stand sie auf.
„Guten Morgen", flötete eine hohe Stimme und Claudette drehte sich um. Sie erblickte Elizabeth Fairfield, die gerade Besteck vom Wohnzimmertisch in die Küche trug. Offenbar hatten die Familie bereits gefrühstückt.
„Morgen", murmelte Claudette verschlafen: „Wie spät ist es?"
Dwights Mutter schaute auf die Uhr und antwortete: „Etwa viertel nach neun."
Viertel nach neun war nicht so spät. Dwights Vater war vermutlich bereits zur Arbeit gefahren, doch der Tag hatte gerade erst begonnen. Claudette war froh, dass sie sich vor den Fairfields nicht zu sehr als Langschläfern blamiert hatte.
„Danke nochmal, dass ich hier schlafen durfte."
„Aber keine Ursache, meine Liebe. Wer wären wir denn, dich abzuweisen, nachdem wir drei Monstern ein Dach über dem Kopf geboten haben?"
Claudette kicherte kurz und machte Anstalten beim Abräumen zu helfen, doch Elizabeth nahm ihr das Geschirr sofort aus der Hand. „Jetzt setz dich erst mal hin, du bist doch gerade erst aufgestanden. Hier, ich mach dir einen Kaffee. Oder lieber Tee?"
„Nein, bitte, das ist doch nicht nötig."
„Kaffee oder Tee?"
Claudette seufzte und setzte sich.
„Kaffee, aber nur wenn ich hinterher aufräumen darf."
„Kommt gar nicht in Frage."
Elizabeth verschwand in die Küche und wenig später hörte Claudette das Pfeifen einer Kaffeemaschine, bevor Dwights Mutter wieder mit einer dampfenden Tasse zurückkehrte. Sie stellte das Getränk vor der Kanadierin ab und setzte sich dann Claudette gegenüber, die schüchtern einen Schluck nahm.
„Jetzt musst du mir aber ein bisschen etwas erzählen, Claudette", begann Elizabeth ein Gespräch und musterte das Mädchen mit aufmerksamen Augen. Claudette wusste nicht recht, was die Frau von ihr wollte und fragte daher vorsichtig: „Worüber?"
„Na über dich", antwortete Dwights Mutter und rückte ihren Stuhl zurecht: „Seitdem ihr alle nacheinander hier aufgetaucht seid, bist du immer so still gewesen. Ich habe bereits mit allen anderen gesprochen, mit Feng, Meg, Alberto, sogar Sally. Aber über dich weiß ich noch gar nichts."
„Ich bin eben nicht von der gesprächigen Sorte, glaube ich", antwortete Claudette mit einem schüchternen Lächeln. „Und so interessant bin ich auch nicht."
„Ach, Unsinn!", entgegnete Elizabeth: „Niemand ist uninteressant. Deine Eltern haben mir gestern verraten, dass du zum Studieren in unsere Stadt gekommen bist."
„Botanik", nickte Claudette.
„Na siehst du, es gibt kaum ein aufregenderes Leben als das der Studenten."
„Ich weiß nicht", murmelte die Kanadierin: „Ich meine, ich führe nicht gerade das exemplarische Studentenleben, wie man es sich vorstellt. Ich wohne allein in einem Apartment in der Innenstadt, das ich gerade mal verlasse, um einkaufen oder zur Uni zu gehen. In Waltonfield habe ich kaum einen Bekannten, ganz zu schweigen Freunde." Claudette starrte unsicher in die schwarze Finsternis des Kaffees. „Ich bin nicht so der Typ, der gut mit anderen Menschen umgehen kann."
„Nun, bei Dwight scheinst du jedenfalls einen guten Eindruck hinterlassen zu haben."
„Wirklich?" Claudette hob den Kopf.
„Aber sicher. Was glaubst du denn, wer dich gestern Abend so schön zugedeckt hat?" Die Kanadierin antwortete nichts, weshalb Elizabeth fortfuhr: „Geh bloß nicht zu streng ins Gericht mit dir selbst, Claudette. Vertrau mir, du hast keinen Grund, dich unsicher zu fühlen. Sei einfach du selbst."
„Das sagen mir die Leute schon seit Jahren", bemerkte Claudette bitter.
„Dann muss es wohl stimmen", lächelte Elizabeth: „Denk doch mal daran, wie du diese Hexe… wie hieß sie noch gleich… Lisa! Wie du Lisa verarztet hast. Das ging ruck zuck und fehlerlos. Glaub ja nicht, dass das jeder hinbekommen hätte."
„Meg hätte das auch geschafft."
„Hat sie aber nicht", widersprach Dwights Mutter: „Das warst du."
„Danke… Ich…" Wieder suchte Claudette nach Worten. Es tat ihr gut, gelobt zu werden, doch wie immer wollte es ihr nicht recht gelingen, ihre Gefühle in Sätze zu formulieren. Allerdings musste sie das auch nicht, denn im nächsten Moment kam Dwight bereits polternd die Treppe nach unten ins Wohnzimmer gestürzt, wobei er laut rief: „Claudette, Claudette, wach auf!"
Er blieb in der Tür stehen, als er das leere Sofa erblickte und erst nach einem Moment entdeckte Dwight Claudette zusammen mit seiner Mutter am Tisch sitzen.
„Guten Morgen", rief er: „Du bist ja schon wach. Gut."
„Dwight, was ist los?", wollte Claudette wissen und bekam sogleich die Antwort.
„Sie haben David. Er ist draußen."

Eilig liefen Dwight, Feng und Claudette über die Wiese auf das große Einsatzzelt des FBI zu. Dwight hatte auf dem Weg zu den westlichen Wäldern Ace benachrichtigt, der Argentinier befand sich jedoch in der Innenstadt und würde eine Weile brauchen, um den Einsatzort zu erreichen. Daher näherten sie sich nun zu dritt der gelben Absperrung, wo sie umgehend von einem bewaffneten Polizisten aufgehalten wurde.
„Bitte treten sie zurück. Es gibt hier nichts zu sehen."
„Ich weiß", antwortete Feng: Wir wollen ja nur…"
„Es ist zu ihrer eigenen Sicherheit."
Dwight trat nun nach vorne und hob dem Beamten einen Zettel vor die Nase. Dieser las kurz die Handschrift und runzelte dann die Stirn, bevor er nach kurzem Überlegen zum Schluss kam: „Wenn´s der Sheriff schreibt." Mit diesen Worten hob er das gelbe Absperrband an und trat zur Seite, sodass die drei Überlebenden passieren konnten.
„Wo ist der Verwundete?", wollte Claudette im Vorbeigehen wissen.
„Ihr seid ja gut informiert", bemerkte der Polizist: „Ich glaube, sie haben ihn in diesem Zelt dort versorgt. Hab ihn allerdings seitdem nicht mehr gesehen."
Die Kanadierin schaute besorgt in die gewiesene Richtung, während sich Dwight bei dem Beamten bedankte und anschließend die Führung übernahm. Zwei hochgerüstete FBI Beamte mit kugelsicheren Westen und Sturmgewehren schenkten den drei einen argwöhnischen Blick, doch sie wurden nicht mehr aufgehalten. Eilig liefen sie um das große Zelt herum, woraufhin sie auf einer Bank eine nur allzu vertraute Gestalt entdeckten.
„Philip", rief Feng und der Geist hob den Kopf aus den Händen, als er seinen Namen hörte. Eilig liefen die drei auf ihn zu und Claudette erkannte, dass ein Verband um seinen Arm gewickelt worden war. Ein roter Fleck deutet auf eine schwere Verletzung hin.
„Wo ist David?", wollte Feng sofort wissen: „Ist er okay?"
Philip deutete nur wortlos auf das Zelt hinter seinem Rücken, bevor er antwortete: „Ich weiß es nicht. Sie behandeln ihn schon seit einiger Zeit. Die Ärzte rechnen sich aber gute Chancen aus, dass er durchkommt."
Claudette warf einen Blick auf die weiße Plane, die die Sicht versperrte, bevor sie mit Dwight einen besorgten Blick tauschte. David war aus dem Nebel gerettet worden, das war ein Erfolg, doch offenbar schwebte er noch immer in Lebensgefahr. Immerhin war er noch nicht tot.
„Was ist mit Jake?" fragte Dwight als nächstes, doch Philip zuckte nur mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich habe jedenfalls keine Spur von ihm entdeckt. Ist aber gut möglich, dass Evan ihn hat."
Feng keuchte erschrocken auf und Dwight fragte weiter: „Dann sind die anderen also immer noch im Nebel und versuchen ihn zu befreien?"
„Ich weiß es nicht"
„Was soll das heißen, du weißt es nicht?"
Feng setzte sich neben ihm auf die Bank.
„Philip, was ist passiert?"
„Wir wurden getrennt, als wir in den Nebel reisten", antwortete der Geist und sah ihr direkt in die Augen: „Wir sind an unterschiedlichen Stellen herausgekommen. Ich glaube jeder von uns. Nach einiger Zeit habe ich Lisa gefunden und wenig später sind wir über David gestolpert, aber Carter hatte ihn bereits erwischt. Zum Glück konnten wir ihn überlisten."
„Und was ist mit den anderen?", wollte Claudette wissen und griff unwillkürlich nach Dwights Unterarm. Philip starrte nun wieder zu Boden. „Wir haben Sally getroffen, die aber auch ganz allein war. Wenig später hat Carter uns eingeholt, mir eine verpasst und David geschockt." Philip hob den Arm und wies auf seine Verletzung, dann sagte er: „Was mit Nea, Meg und Anna passiert ist, wissen wir nicht."
Dwight fluchte, als sich Claudettes Griff an seinem Unterarm zusammenzog.
„Verdammt, warum habe ich sie nur gehen lassen", rief die Kanadierin besorgt und wandte sich Dwight zu: „Meg weiß doch gar nicht was sie tut. Sie hat doch gerade erst ihre Mutter verloren. Sie… Sie…"
„Schhhh", mahnte Dwight und packte Claudette an den Oberarmen: „Beruhige dich. Es bringt ihnen gar nichts, wenn du hier jetzt den Kopf verlierst."
„Aber ich habe sie gehen lassen."
„Das war ihre Entscheidung", erinnerte Dwight und schaute Claudette in die Augen, wo er seichte Tränen erkannte.
„Wenn sie nicht mehr zurückkommt…", murmelte das Mädchen: „Ich könnt mir das nie verzeihen."
Claudette in eine Umarmung schließend antwortet Dwight: „Ich bin mir sicher, sie ist okay."

Meg trottete langsam den Weg entlang, den Max vor ihr mit seinen kräftigen Beinen durchs Unterholz schlug. Sie hielt den Kopf gesenkt, nahm tiefe Atemzüge und versuchte den Schmerz zu ignorieren, der bei jedem Schritt ihre linke Schulter durchzuckte. Mit der rechten Hand hielt die Athletin den Verband an Ort und Stelle, während sie sich fragte, ob sich Wunden im Nebel genauso entzünden und zu Krankheiten führen konnten, wie in der echten Welt. Bisher war es noch nie geschehen, doch der Entitus, der sie alle am Leben erhalten hatte, war fort. Vielleicht musste sie sich Sorgen machen.
Meg warf einen Blick über die Schulter und erkannte, dass die Kornfelder bereits zwischen den Bäumen des Waldes verschwunden waren. Dunkelheit hatte sich um das seltsame Duo geschlossen, das unbeholfen durchs Dickicht humpelte. Max lief nach wie vor voraus, immer wieder anhaltend und auf die Athletin wartend, während Meg sich bemühte, ihr Tempo zu halten. Doch mit jedem Schritt wurde sie schwächer. Hoffentlich würden sie das Asylum bald erreichen und hoffentlich würden sie dort auf Sally, Philip, Anna, Lisa oder Nea treffen. Meg wusste nicht auf welche Seite Max sich schlagen würde, sollten sie dem Fallensteller oder dem Doktor über den Weg laufen und sie betete inständig, dass sie keinem der beiden begegneten. Sie hatte nicht die Kraft, davonzulaufen.
Die Athletin stieß einen unterdrückten Schrei aus, als sie über eine Wurzel stolperte und hart gegen einen Baumstamm stürzte. Max, der bereits mehrere Meter voraus war, drehte sich um und schaute sie kurz an, bevor er eilig zu ihr zurück humpelte. Meg versuchte derweil sich an einem der Äste hochzuziehen, was sich mit nur einem Arm und erschöpften Beinen als schwierig erwies. Mit einem dumpfen Schlag ließ Max seinen Hammer und die Kettensäge ins Gras fallen, sodass er beide Hände frei hatte, um Meg aufzuhelfen.
Mehrmals ihren Namen murmelnd beugte sich der Killer zu ihr hinunter und packte sie mit einem kräftigen Griff am Pullover. Ungeschickt zog er Meg nach oben und stellte sie wieder auf die Beine, was ein schmerzhaftes Stechen durch ihre Schulter jagte. Sie biss die Zähne zusammen, doch sie wusste, dass Max es nur gut mit ihr meinte.
„Danke", keuchte sie und lehnte sich mit der rechten Hand gegen einen Baum: „Danke, Max, ich glaube… Ich brauch eine kurze Pause."
Schwer atmend legte sie nun auch den Rücken an den Stamm und rutschte langsam wieder nach unten in eine sitzende Position. Der Hinterwälder hielt währenddessen seinen erwartungsvollen Blick auf sie gerichtet, doch nach einem Moment verstand er, was Meg wollte. Er grunzte ihren Namen, hob seine Werkzeuge vom Boden auf und ließ sich dann krachend neben ihr auf den Boden fallen. Den Rücken ebenfalls gegen den Baumstamm gelehnt fing er an, an seiner Kettensäge herumzubasteln.
Meg legte erschöpft den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Die stickige Luft des Nebels mochte ihre Lungen nicht so recht füllen und sie vermisste den klaren, stechenden Atem kalter Winternächte. Gedankenverloren erinnerte sich die Athletin zurück an all die Joggingsessions, die sie in aller früh eingelegt hatte. Oft war es noch dunkel gewesen und keine einzige Spur hatte den Neuschnee auf den Straßen durchzogen. Sie war die erste gewesen, die es gewagt hatte, einen Fuß auf die weiße Decke zu setzen und bei jedem Schritt war kühle Luft durch ihre Lungen geströmt.
Ein Kratzgeräusch holte Meg in die Gegenwart zurück und als sie den Kopf drehte, sah sie Max, wie er mit einem kleinen Stein seine Kettensäge von Dreck und Schmutz reinigte. Sorgfältig fuhr er die Rille und Ecken entlang und überprüfte anschließend mit seinem Daumen, ob er auch jeden Rest erwischt hatte. Meg konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie feststellte, dass am Ende doch jeder irgendein Hobby hatte. Bei Meg war es das Laufen, bei Nea Graffiti und Max mochte eben Kettensägen. Und so wie es ausschaute, war er auch ganz zufrieden damit.
„Hey, Max", sagte Meg und der Hinterwäldler hielt inne. „Wer hat dir das eigentlich beigebracht?"
Max drehte den Kopf in ihre Richtung und schaute sie fragend an. Offensichtlich wusste er nicht, was Meg meinte, weshalb sie auf seine Kettensäge nickte. „Ich meine die ganze Technik. Du scheinst ja ein Talent dafür zu besitzen, aber irgendwer muss es dir gezeigt haben. Wer war das? War es Evan?"
Max schüttelte kräftig den Kopf.
„Doch nicht etwa Philip?"
Wieder ein Kopfschütteln.
„Sally?"
Vergnügt klopfte sich Max auf die Brust und grunzte zweimal seinen eigenen Namen.
„Das hast du dir selbst beigebracht?"
Er nickte wild, offensichtlich erfreut, dass Meg verstanden hatte.
„Alle Achtung", sagte die Athletin und schaute wieder nach vorne: „Wenn ich nur daran denke, wie lange wir gebraucht haben, die Funktionsweise der Generatoren zu verstehen. Und da ging es ja eigentlich nur darum irgendwelche Teile irgendwo reinzustecken."
Erneut legte sie den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
„Aber dich hat auch niemand gejagt, stimmts?"
Max schüttelte den Kopf und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Eine Weile lang hörte Meg nur das Kratzen des kleinen Steinchens, bevor sie einmal tief Luft holte und beschloss: „Ich glaube, wir sollten weiter, Max."
Der Hinterwäldler reagierte sofort und war bereits auf den Beinen, während Meg sich erst zum Aufstehen anschickte. Sogleich kam er ihr zur Hilfe und wieder zog er sie grob nach oben, sodass Megs Wunde schmerzhaft protestierte, bevor er die Führung übernahm und in den Wald hineinlief.
Die Athletin schickte sich an ihm zu folgen und erleichtert bemerkte sie, dass die kurze Pause wahre Wunder gewirkt hatte. Ihre Beine fühlten sich wieder kraftvoll an und standen sicher auf dem Boden. Meg hob den Kopf und schaute Max nach, dessen hässlichen Buckel sie gerade noch zwischen zwei Büschen verschwinden sehen konnte. Eilig bemühte sie sich, mit Max schrittzuhalten, doch es war vergebens. Bereits nach wenigen Minuten kam er wieder zu ihr zurück und wartete einige Meter vor Meg, bis sie ihn erreicht hatte, woraufhin er gleich wieder ins Dickicht davonstürzte.
Meg kam es vor als wären Stunden vergangen, bevor zwischen den Bäumen die Mauern des Crotus Prenn Asylums auftauchten. Max hatte sie bereits erblickt und humpelte hastig auf die Athletin zu, während er aufgeregt in Richtung des bruchfälligen Gebäudes wies.
„Ich hab´s gesehen", nickte Meg und blieb stehen. Sie überlegte, ob sie das Bauwerk betreten oder vorerst aus sicherer Entfernung beobachten sollte. Meg hatte bereits erwartet, auf den ersten Blick niemanden entdecken zu können, doch nun, da sie vor den leblosen Mauern stand, lief ihr doch ein kalter Schauer über den Rücken. Irgendwie hatte sie gehofft, Sally hier anzutreffen, obgleich sie wusste, dass die Chancen relativ gering waren. Doch wohin sollte Meg sich wenden? Sie hatte keinen Hinweis, keinen Anhaltspunkt anhand dessen sie die Aufenthaltsorte ihrer Kameraden ermitteln konnte und war völlig allein. Nun, nicht völlig allein, immerhin war Max an ihrer Seite.
Sie schaute zum Hinterwäldler, der ihren Blick erwartungsvoll erwiderte. Offensichtlich wartete er auf einen neuen Befehl, eine neue Aufgabe, die er lösen konnte. Oder vielleicht wollte er auch nur etwas Anerkennung für das erfolgreiche Beenden des letzten Vorhabens.
„Gut gemacht", lobte Meg: „Ich danke dir."
Max reagierte indem er erfreut nickte und mehrmals ihren Namen stammelte, bevor er kurz zum Asylum schaute. Anschließend richtete er den Blick wieder auf seine Gefährtin, ganz so, als wollte er fragen: „Und was jetzt?"
Meg schüttelte den Kopf, schaute kurz über die Schulter und überlegte. Dann fasste sie einen Entschluss und sagte: „Jetzt müssen wir da rein. Wenn jemand hier ist, wird er sich wohl versteckt halten, um nicht vom Doktor oder dem Fallensteller entdeckt zu werden. Ich meine von Evan oder Herman."
„Sally", grunzte Max und zeigte auf das Gebäude.
„Sally", bestätigte Meg und ging langsam voraus: „Wenn sie da ist, dann müssen wir sie finden, Max. Aber mach möglichst keinen Lärm."
Sie hörte, wie Max hinter ihr leise ihren Namen murmelte und ihr dann schweigend folgte. So ganz war sich Meg immer noch nicht im Klaren darüber, wie gut der Hinterwäldler Englisch sprach. Einerseits gab er kaum ein Wort von sich - bis jetzt waren es jedenfalls nur Namen gewesen - doch andererseits schien er trotzdem so gut wie jeden Satz, den sie an ihn richtete, zu verstehen.
Die beiden näherten sich nun dem Asylum und Meg warf einen Blick nach oben. Dunkel und bedrohlich ragten die Mauern über ihr auf und schienen förmlich auf sie herabzustürzen, als sie einen Fuß auf die Stufen am Haupteingang setzte. Die Luft wurde sofort um einiges stickiger, sobald die Athletin das Innere des Gebäudes betrat und ihre Schritte hallten von den leeren Wänden wieder. Verlassen und vergessen lagen die Korridore da. Nichts regte sich, kein Luftstrom strich über Megs haut und kein Ungeziefer krabbelte die Mauern entlang. Der Nebel war ein wahrhaft toter Ort.
„Okay, Max", murmelte die Athletin, weniger zum Hinterwäldler sprechend, als vielmehr um sich selbst zu beruhigen: „Schauen wir uns um." Sie warf einen Blick die Gänge hinunter und drehte dabei den Kopf von links nach rechts. Dann entschied sie sich für eine Richtung und folgte dem Korridor, bis sie zu einer Abzweigung kam. Beide Wege waren von unverschlossenen Türen versperrt, doch Meg brauchte sie nicht zu öffnen, um zu wissen, was hinter ihnen lag. Zur Linken ging es in eine Art Behandlungsbereich, während sich zur Rechten eine Reihe an Zellen befand. Beides gruselige Orte.
Meg wandte sich nach links, da sie kaum erwartete, Sally oder sonst jemanden im düsteren Zellentrakt vorzufinden. Viel eher würden sie sich in den weniger deprimierenden Bereichen des Asylums versteckt halten, oder… auf dem Dach! Als ihr der Gedanke durch den Kopf schoss, hätte Meg sich am liebsten mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen. Das Dach würde eine hervorragende Aussicht und gleichzeitig ein gutes Versteck bieten. Es war perfekt.
Entschlossen drückte sei die Tür zu ihrer Linken auf, die Hand bereits auf dem Türgriff und schritt in die dahinterliegenden Räume. Hier und da flackerte eine Glühbirne an der Decke, doch in den meisten Zimmern hatte sich wie ein Schimmelpilz die Finsternis eingenistet. Max folgte der Athletin, die nun zielstrebig durch das Gebäude lief und nach einer Treppe suchte. Sie kannte das Gebäude bereits aus den Jagden und war sich ziemlich sicher, dass sich irgendwo in der Nähe eine Leiter nach oben befunden hatte.
Energisch umrundete sie eine Ecke, nur um beinahe im selben Moment von Max an der Schulter festgehalten zu werden. Mit eisernem Griff packte er zu und hielt sie zurück, während mit einem mal Adrenalin durch ihre Adern rauschte. Hatte er seine Meinung bezüglich ihrer Freundschaft geändert? Verdammt, warum drückte er so hart zu?
„Meg", knurrte der Hinterwäldler und zog sie kraftvoll nach hinten, sodass sie fast von den Füßen gefallen wäre. Die Athletin dreht sich halb um und schaute zu dem Killer, der bedrohlich über ihr aufragte. „Max?", fragte sie nervös und mit zitternder Stimme: „Was ist los?"
Zur Antwort gestikulierte der Hinterwäldler kurz mit seinem Arm und zeigte dann an Meg vorbei auf den Boden vor ihr. Als die Athletin seinem Blick folgte, entdeckte sie ein schwarzes, halb verrostetes Tellereisen, das gut getarnt in einem dunklen Grasbüschel verborgen lag. Hätte Max sie nicht aufgehalten, wäre sie wohl direkt in das Teil hineingelaufen.
„Shit", fluchte Meg und atmete erleichtert auf. Die unerwartete Aktion des Hinterwäldlers hatte sie kurz in Panik versetzt und keuchend versuchte sie ihren Herzschlag zu beruhigen. Max wiederholte derweil zweimal ihren Namen und Meg drehte sich wieder zu ihm um: „Verdammt, Max, ich glaube… Ich glaube du hast mir gerade eine Menge Schmerzen erspart."
Max nickte freudig und deutete wieder auf das Tellereisen, bevor er eine Hand wie eine Maske über sein Gesicht legte.
„Du hast recht", antwortete Meg: „Wenn seine Fallen hier sind, ist er vielleicht auch in der Nähe. Fuck."
Die Athletin schaute sich um, konnte jedoch weder weitere Fallen, noch Hinweise auf die mögliche Anwesenheit des Fallenstellers finden. Besorgt schüttelte sie den Kopf.
„Das ist kein gutes Zeichen", murmelte Meg: „Aber was ist schon gut in diesem verdammten Nebel? Komm, Max, suchen wir das Dach. Vielleicht sehen wir von dort aus mehr."
Vorsichtig ging Meg um die Falle herum und setzte dann ihren Weg fort, die Augen nun stets auf den Boden vor ihr gerichtet. Würde sie in eine dieser grausamen Gerätschaften treten, könnte das mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Ende bedeuten. Sie hatte so schon genug Blut verloren und Meg war sich nicht sicher, ob ihr geschundener Körper eine weitere schwere Verletzung ohne sofortige Behandlung überstehen würde. Langsam aber sicher dämmerte es ihr, dass Max ihr wahrscheinlich gerade das Leben gerettet hatte.
Nachdem sie um eine weitere Ecke gebogen war, entdeckte sie die Stufen eines Treppenhauses am Ende des Korridors und mit einem Ausdruck grimmigen Triumphes machte sie sich auf den Weg. Max war ihr dabei dicht auf den Fersen und schaute immer wieder über die Schulter. Somit war es nahezu unmöglich für einen potentiellen Angreifer, sich an die beiden anzuschleichen. Auch wenn es ihr seltsam erschien, so fühlte sich Meg in Gegenwart des Hinterwäldlers mit jeder Minute sicherer. Wie ein aufmerksamer Wachhund folgte er ihr und sah zu, dass sie keinen Schaden erlitt.
Gerade als sie einen Fuß auf die unterste Stufe setzte, schämte sich Meg auch schon wieder für den Gedanken, der ihr gerade durch den Kopf gegangen war. Max konnte sich zwar kaum artikulieren und sah vielleicht nicht wirklich aus wie ein Mensch, dennoch schien es ihr undankbar, ihn mit einem Tier zu vergleichen.
Kopfschüttelnd wischte Meg ihr Gewissen zur Seite und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Es galt andere Probleme zu lösen, als der moralischen Frage nachzugehen, ob es unfair war, Max mit einem Wachhund gleichzusetzen.
Eilig erklomm die Athletin die steilen Stufen und fand sich wenig später vor einer dunklen Tür wieder. Ein leichter Druck zeigte ihr, dass sie nicht verschlossen war, es erforderte jedoch einiges an Kraft, um den verrosteten Scharnieren eine Drehung abzuringen. Schrill quietschend schwang die Tür nach draußen auf und gab den Blick auf das Dach der Crotus Prenn Asylums frei. In der Mitte des Bereiches befand sich eine Kuppel, von der Meg wusste, dass sie sich über dem zentralen Behandlungsraum befand, doch ansonsten war die Fläche vollkommen leer. Nur ein klappriger Metallzaun zog sich am Rand entlang.
Langsam trat Meg hinaus auf das Dach und drehte den Kopf in alle Richtungen. Der Nebel raubte ihr bereits in kurzer Entfernung die Sicht, sodass sie die Farm, von der sie und Max gekommen waren, kaum noch erkennen konnte.
„Guten Abend"
Meg fuhr erschrocken herum und auch Max, der gerade eben hinter ihr aus dem Treppenhaus getreten war, drehte sich blitzschnell um. Eine bucklige Gestalt saß im Schneidersitz auf dem kleinen Häuschen, das sich direkt über dem Stiegenhaus befand und musterte die Neuankömmlinge mit einem breiten Grinsen. Meg brauchte einen Moment um ihr Gegenüber zu erkennen.
„Verdammt, Lisa", fluchte die Athletin: „Ich hatte gerade einen Herzstillstand."
„Dann wird Max der alten Lisa wohl alleine Gesellschaft leisten müssen", gackerte die Hexe und kicherte anschließend vergnügt über ihren eigenen Witz. Meg schüttelte derweil mit nach wie vor pochendem Herzen den Kopf, während Max hocherfreut über die neue Gefährtin zu sein schien.
„Lisa", grunzte er laut und trat auf das Häuschen zu. Die Hexe langte mit einer ihrer Pranken nach unten und streichelte dem Hinterwäldler wohlwollend den Kopf, was dieser in vollen Zügen zu genießen schien.
„Lisa", mischte sich Meg nach einem Moment ein: „Bitte sag mir, dass du nicht allein bist."
„Doch, Lisa ist ganz allein, ganz einsam", antwortete die Hexe: „Aber nein, jetzt nicht mehr, nein, nein. Jetzt seid ihr doch da."
„Heißt das, du bist auch allein im Nebel gelandet?"
Lisa nickte.
„Verdammt", fluchte Meg und biss die Zähne zusammen, als ein schmerzhaftes Pochen durch ihre Wunde fuhr. „Was machst du überhaupt hier? Solltest du nicht nach Jake, David oder den anderen suchen?"
„Die hat Lisa doch schon gefunden."
„Ehrlich?" Meg horchte auf. „Wo?"
„Sally hat Lisa gesagt, warte beim Crotus Prenn Asylum", antwortete die Hexe: „Ja, ja, das hat sie. Und vorher hat Lisa Philip und David zurückgeschickt."
„Ihr habt David gefunden?"
Die Hexe nickte.
„Oh Lisa, mir fällt ein Stein vom Herzen", seufzte Meg und legte den Kopf in den Nacken. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im Nebel verspürte sie so etwas wie wahre Hoffnung. Hoffnung, dass ihre Mission doch nicht zum Scheitern verurteilt war und sie letztendlich den Nebel doch noch lebend verlassen würde. Aber ganz so weit war es leider noch nicht.
„Warum hast du eigentlich Philip rausgeschickt?", wollte Meg wissen: „Er wurde doch nicht etwa verletzt, oder?"
„Doch", gackerte Lisa: „Herman, dieser Rotzlöffel, hat ihm eine verpasst mit seinem eisernen Stock. Aber das übersteht er schon."
„Dann weiß der Doktor also, dass wir hier sind?"
„Jep"
„Verdammt, das ist eine schlechte Nachricht", murmelte Meg: „Lisa, hast du irgendeine Idee, wo Sally hin ist? Oder wo die anderen sind? Nea, Anna oder Jake?"
„Nix", antwortete die Hexe: „Lisa weiß gar nix. Aber Sally hat gesagt, sie kommt hierher zurück."
Der Knall einer Pistole hallte durch den Nebel und wie auf Kommando drehten alle drei den Kopf in Richtung des Geräusches. Lisa stand auf und spähte angestrengt in die Dunkelheit, während Max ratlos zu Meg schaute, doch die Überlebende hatte nur einen einzigen Gedanken im Kopf: Nea!

Aufmerksam ließ die Schwedin ihre Augen über den dicht bewachsenen Waldboden wandern, doch es half nichts. Sie hatten die Spur verloren. Hinter ihr drehte Anna den Kopf in alle Richtungen und schoss misstrauische Blicke in die Dunkelheit, stets auf der Hut vor eventuellen Hinterhalten. Wie immer stand der Mond hoch am Himmel und legte sein bleiches Licht wie ein Leichentuch über die Landschaft. Nea seufzte und drehte sich zu Anna um.
„Das wars", sagte sie: „Die Spur verliert sich ab hier, ich habe keine Ahnung in welche Richtung er gegangen ist."
Anna richtete kurz den Blick auf die Schwedin, bevor sie noch einmal über die Schulter schaute und anschließend einen Schritt auf sie zumachte.
„In der Nähe", sagte die Jägerin: „glaube Haus."
Dabei hob sie ihre große Axt und zeigte über Neas Schulter direkt in den Wald. Die Schwedin warf einen Blick in die Richtung und versuchte etwas zu erkennen, doch ihr Blick vermochte die Finsternis zwischen den Bäumen nicht zu durchdringen. Argwöhnisch wandte sie sich wieder Anna zu: „Ein Haus?"
Die Jägerin nickte.
„Wessen Haus?"
„Anna Haus", kam die Antwort und die Killerin klopfte sich mit ihrer freien Hand gegen die Brust: „Mutter gewohnt. Jetzt steht hier. Anna allein."
„Dein Haus?", fragte Nea und warf einen weiteren Blick in die Richtung: „Verdammt Anna, ich wusste nicht, dass der Entitus dein Haus in den Nebel geholt hat. Macht aber Sinn, Sallys Irrenanstalt ist ja auch da. Und du bist dir sicher, dass es in dieser Richtung liegt?"
Die Jägerin schüttelte den Kopf, bevor sie sagte: „Nur glauben. Aber Evan da versteckt vielleicht."
„Du hast recht", gab Nea zurück: „Vielleicht hat sich der Mistkerl dort eingenistet." Sie schaute wieder kurz in die gezeigte Richtung, bevor sie sich an Anna wandte: „Na gut, Anna, wir tun jetzt folgendes. Wir versuchen dein Haus zu finden und schauen, ob Evan da ist. Er soll uns aber nicht sehen. Greif ihn also nicht an, hast du verstanden?"
Anna hatte sich derweil hingehockt, um mit der Schwedin auf einer Augenhöhe zu sein und nickte jetzt kräftig. Sie hatte aufmerksam zugehört und verstanden.
„Wenn er nicht da ist, schauen wir uns um und versuchen Spuren zu finden. Genau wie in der großen Halle, weißt du noch? Wenn er da ist, dann warten wir, bis er abhaut. Alles klar?"
Anna nickte wieder und ein Grinsen fuhr ihr über die Lippen. Nea konnte, trotz der zugegebenermaßen düsteren Umstände, nicht umhin das Lächeln zu erwidern. Bereits vor einer Weile hatte die Schwedin bemerkt, dass sie mit Anna richtig gut auskam und sie zusammen ein hervorragendes Team bildeten.
„Also dann", beschloss Nea: „Gehen wir"
Anna nickte mit einem entschlossenen Knurren und stand dann auf. Nea übernahm derweil die Führung und die Killerin folgte ihr durchs Unterholz. Hin und wieder gellte das Krächzen eines Raben durch die Dunkelheit, doch es waren nur vereinzelte Rufe und sie kündigten wohl kaum eine sich nähernde Gefahr an. Dennoch warfen die zwei immer wieder achtsame Blicke in alle Richtung. Nea schenkte dabei vor allem dem Boden zu ihren Füßen hohe Aufmerksamkeit, da sie in den vielen vergangenen Jagden gelernt hatte, dass der Fallensteller seine Eisen an den unscheinbarsten Orten auszulegen pflegte. Hatte er zu Beginn noch Generatoren und Ausgänge gesichert, so war Evan MacMillan schon bald zu perfideren Strategien übergegangen. Dunklen Stellen, mögliche Verstecke, die Wege zwischen den Generatoren, nichts war mehr sicher gewesen und Nea konnte sich noch lebhaft an den Schmerz erinnern, den die Zähne einer seiner Bärenfallen verursachten.
Mit einem Knurren zog Anna die Aufmerksamkeit der Schwedin auf sich und zeigte dann nach rechts in den Wald hinein. Dort, zwischen den Bäumen und Büschen, konnte Nea tatsächlich die hölzerne Wand eines Gebäudes erkennen und wieder einmal dankte sie dem Himmel für Annas geschärften Sinne. Sie selbst wäre wohl geradewegs an dem Haus vorbeigelaufen.
„Haus dort", knurrte Anna und die beiden gingen hinter Bäumen in Deckung. Fragend schaute die Jägerin zu Nea, die nickte und antwortete: „Ich seh´s. Gehen wir nähere ran. Aber leise."
Sorgfältig jede Geräuschquelle vermeidend pirschten sich die Überlebende und die Killerin nun an das Gebäude heran. Nea bewunderte, wie lautlos und gekonnt Anna durch das Gelände manövrierte, keinen Ton erzeugte und in ihren Bewegungen beinahe einer jagenden Löwin ähnelte. Die Schwedin kam sich daneben fast schon dämlich vor, als sie vergleichsweise unbeholfen durchs Unterholz stolperte und den Blick dabei mehr auf den Boden als auf ihr Ziel gerichtet hatte. Anna hingegen ließ ihre Beute niemals aus den Augen.
Nach einer kurzen Zeit hatten die beiden auch schon die Wand des Hauses erreicht, das Nea aus den Jagden kannte. Schon oft hatte sie sich in der Hütte vor den Killern versteckt, hatte nach Werkzeug oder Medizin gesucht, während draußen ihre Freunde geopfert worden waren. Nea hatte niemals realisiert, dass es sich dabei um Annas Behausung gehandelt hatte, doch als sie nun darüber nachdachte, passte der Ort ganz gut zu ihr. Auf den ersten Blick war er rau und hässlich, doch je näher man hinschaute, umso mehr konnte man die Details, die Aufmerksamkeit und Hingabe erkennen, die Anna in die Instandhaltung ihres Heims gesteckt hatte, auch wenn sie bei weitem nicht über die nötigen Fähigkeiten oder das nötige Wissen dazu verfügte.
Vorsichtig hob Nea den Kopf und lugte durch ein Fenster in die dahinterliegende Dunkelheit. Sie konnte kaum etwas erkennen, doch das Haus schien verlassen zu sein. Nichts regte sich und Nea war sich sicher, dass sie es gemerkt hätte, wenn der Fallensteller hier sein Unwesen treiben würde.
„Ich glaube, es ist niemand da.", murmelte Nea und kletterte nach kurzem Überlegen durch den Fensterrahmen. Anna legte überrascht den Kopf schief, doch nach einem Moment folgte sie der Überlebenden. Nea wusste schließlich, was zu tun war.
Das Innere der Behausung war dunkel und die Luft roch nach altem Holz. Nea rümpfte die Nase und schaute sich um, auch wenn sich ihre Augen noch nicht an die Finsternis gewöhnt hatten. Der Ort war ihr bereits bekannt, sie musste sich also nicht orientieren, sondern hielt viel mehr nach Hinweisen, Spuren oder sonstigem Ausschau, was ihr verraten würde, ob jemand hier gewesen war. Es war gut möglich, dass der Fallensteller vorbeigekommen war, aber vielleicht hatte ja auch David oder Jake hier Schutz gesucht.
Anna war derweil hinter ihr in den Raum gestiegen und ging nun um die Schwedin herum. Sie ließ den Bick über die Wände, die Einrichtung und die Gegenstände gleiten, wobei sie sich langsam um die eigenen Achse drehte. Nea hatte sich derweil auf den Tisch zubewegt und wünschte sich, sie könnte so gut wie Anna in der Dunkelheit sehen. Angestrengt versuchte sie die Finsternis zu durchdringen und nach einem Moment fiel ihr eine ungewöhnliche Wölbung im Fußboden auf. Nein, keine Wölbung. Dort neben dem Tisch lag etwas. Nea ging um das Möbelstück herum und kniete sich neben das Objekt auf den Boden, doch noch während sie sich niederließ, erkannte sie mit Schrecken, wen sie da vor sich hatte.
„Fuck, Sally", rief sie und Adrenalin strömte durch ihren Körper. Die Krankenschwester lag vollkommen leblos am Boden, den Kopf entblößt und das Gesicht nach unten: „Sally? Hallo? Verdammt, Anna, komm her."
Die Jägerin tauchte sofort hinter Nea auf und als ihr Blick auf den regungslosen Körper der Krankenschwester fiel, warf sie ihre Axt zur Seite und ging ebenfalls in die Hocke.
„Sally?", murmelte Anna sichtlich verängstigt und stupste ihre alte Freundin zaghaft an. Nea versuchte indes adrenalindurchströmt und mit zitternden Händen festzustellen, ob die Krankenschwester noch unter den Lebenden weilte, indem sie eine Hand an ihren Hals legte und nach einem Puls suchte. Die Haut der Killerin war eiskalt und Nea spürte eine Flüssigkeit, sodass sie ihre Finger hastig zurückzog. Ein Blick verriet ihr, dass es sich um Blut handelte.
„Nein, nein, nein", murmelte Nea zusehends verzweifelt: „Nein, Sally, nein. Anna, hilf mir sie umzudrehen."
Gemeinsam legten sie die Krankenschwester in eine Rückenlage, wobei Anna den Torso nach rechts zog und Nea den Kopf stabilisierte. Weiteres Blut benetzte ihre Hände und als sie Sallys Haar beiseite strich, entdeckte sie mehrere prangende Wunden auf ihrer Stirn. Irgendetwas hatte sie wiederholt im Gesicht getroffen und egal wie sehr Nea den Gedanken verabscheute, diese Verletzungen waren eindeutig von der fatalen Sorte.
„Nein", fluchte Nea und stand ungläubig keuchend auf: „Nein, Sally, shit, shit, shit." Angst drückte sich auf ihr Herz, als sie langsam realisierte, dass sie soeben ein Mitglied des Teams verloren hatten. Sally war tot und nichts konnte etwas daran ändern. Nea wandte sich ab.
Hinter ihr konnte sie Anna knurren hören, unfähig mit der Situation umzugehen. Sally war immer so stark gewesen, sie hatte immer gewusst, was zu tun war und hatte Anna geholfen, seit sie sich zum ersten Mal im Nebel getroffen hatten. Sally war ihr Leuchtfeuer gewesen, ihr Leitfigur, der sie folgen konnte. Nun war sie offensichtlich fort und Anna wusste nicht, was sie jetzt machen sollte.
Die Schwedin stolperte derweil wie benommen ein paar Schritte durch den Raum. Gedanken schossen ihr durch den Kopf und mit jeder Sekunde stieg ihre Angst, die sich bereits in Form von dumpfen Bauchschmerzen bemerkbar machte. Sally war tot. Ihre Anführerin war tot. Irgendjemand musste sie getötet haben. Was sollten sie jetzt tun? War dieser jemand noch in der Nähe? Es musste der Fallensteller gewesen sein. Wusste er, dass sie hier waren?
Nea wollte laut schreien, doch die breite Hand, die sich plötzlich über ihren Mund gelegt hatte, packte so fest zu, dass sie keinen Ton herausbrachte. Ein kräftiger Arm schlang sich um ihren Oberkörper und riss sie ruckartig nach hinten, sodass sie das Gleichgewicht verlor. Taumelnd wurde die Schwedin in Sekundenschnelle aus der Hütte und hinaus auf die Wiese vor dem Haupteingang gezogen, während eine neue Welle an Adrenalin durch ihren Körper schoss, ihre Gedanken verschwimmen und ihre Angst in schiere Panik explodieren ließ. Immer weiter wurde sie gezogen und verzweifelt versuchte Nea sich zu befreien. Sie wollte nach Anna rufen, doch es gelang ihr nicht. Ein kräftiger Schlag auf den Hinterkopf raubte ihr für einen Moment die Sinne, sodass sie nur noch spürte, wie jemand ihr Bein packte und es nach rechts zog. Gerade als sie wieder zu fühlen begann, hörte Nea ein mechanisches Schnappen und brennender Schmerz durchzuckte ihren Unterschenkel, als ihre Knochen zwischen den grausamen Zähnen einer Bärenfalle eingeklemmt wurden. Die Hand über ihrem Mund war verschwunden und Nea stieß einen spitzen, langgezogenen Schmerzensschrei aus. Durch einen Vorhang aus Tränen erkannte sie die grinsende Maske des Fallenstellers, der sich nun triumphierend vor ihr aufbaute.
„Wen haben wir denn hier?", fragte der Killer verhöhnend: „Ein kleines Vöglein?"
Nea reagierte blitzschnell und zog sofort die Pistole aus ihrem Waffengürtel. Der Schmerz in ihrem Bein machte sie beinahe blind und taub, doch sie spürte den metallenen Griff der Handfeuerwaffe und der Fallensteller war keinen Meter entfernt von ihr. Sie konnte ihn gar nicht verfehlem. Mit zusammengebissenen Zähnen krümmte die Schwedin ihren Zeigefinger, doch gerade als sie den Abzug betätigte, traf ein weiterer Hieb ihre Hand und die Waffe flog ins Gras. Ein Schuss löste sich, zischte jedoch wirkungslos irgendwo in den Wald.
„So einfach wird's leider nicht, Vögelchen", spottete der Fallensteller und rammte seinen Fuß gegen ihre Brust, sodass Nea nach hinten auf den Boden geschleudert wurde. Das eingeklemmte Bein war dabei jedoch bewegungsunfähig und verdrehte sich in eine unnatürliche Lage, was der Schwedin einen weiteren Schrei entlockte.
„Nea?", fragte eine besorgte Stimme und der Fallensteller drehte sich um.
„Womit wir auch die Aufmerksamkeit des Karnickels hätten", sagte Evan MacMillan: „Des Karnickels, das es leider verpasst hat, sein Vögelchen im Auge zu behalten."
Anna war im Türrahmen zu ihrem Haus stehen geblieben und beobachtete die Szene regungslos. Sie hatte wieder ihre Axt in der Hand und als der Fallensteller weitersprach, fletschte sie die Zähne und ging knurrend in eine defensive Haltung.
„Mensch, Anna", rief der Fallensteller: „Wenn du etwas aufmerksamer gewesen wärst, hätte ich sie wohl nicht so einfach davonziehen können, aber wie immer hast du´s versaut. Du dreckige Missgeburt."
Anna rührte sich immer noch nicht vom Fleck und ließ den Fallensteller für keine Sekunde aus den Augen. Nea hatte sich derweil wiederaufgerichtet und versuchte halb ohnmächtig, ihr Bein aus dem Tellereisen zu befreien. Sie hatte keine Chance. Schluchzend und mit Tränen in den Augen warf sie einen Blick zu Anna.
„Ich hätte mir bereits denken können, dass Sally dich da mitreingezogen hat.", rief der Fallensteller: „Dumm genug bist du ja. Ich warne dich, komm einen Schritt näher und ich muss dir wieder zeigen, wer hier die Hosen anhat." Der Fallensteller lachte grausam. „Oder wer nicht, weißt du noch, Anna?"
Die Jägerin zitterte mittlerweile am ganzen Körper und konnte ihre Axt kaum ruhig halten. Sie war ganz offensichtlich von panischer Angst ergriffen und der Fallensteller schien es in vollen Zügen zu genießen. Was hatte der kranke Bastard bloß mit ihr angestellt? Die Killerin ließ ein bedrohliches Knurren hören, doch sie griff nicht an.
„Das ist es, was solche Weiber wie du brauchen", spottete der maskierte Killer weiter: „Einen starken Mann, der ihnen zeigt, wo´s langgeht. Ich dachte, das hättest du bei unserem letzten Rendezvous kapiert, aber so wie´s ausschaut war ich nicht gründlich genug. Macht nichts, Missgeburt, wir haben Zeit. Dein kleines Vögelchen geht nirgendwo hin."
Er rammte Nea den Knauf seiner Waffe gegen den Kopf und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, doch noch im selben Moment riss Anna eine ihrer Wurfäxte vom Gürtel und schleuderte sie mit aller Kraft dem Fallensteller entgegen. Das Ganze ging so schnell, dass dieser kaum Zeit hatte zu reagieren und das Geschoss gerade noch mit seiner Machete abwehren konnte. Noch bevor er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, war Anna schon mit einem wütenden Schrei auf ihn zugestürzt und hatte ihre Axt zu einem schädelspaltenden Schlag erhoben.

Dwight öffnete die Tür und trat dann zur Seite, um Feng und Claudette Platz zu machen. Schweigend betraten die drei das Haus und entledigten sich im Eingangsbereich ihrer Mäntel, bevor sie ins Wohnzimmer traten. Auf dem Weg von den westlichen Wäldern zurück in die Stadt hatte es zu regnen begonnen. Der Himmel hatte sich verdunkelt, graue Wolken waren aufgezogen und hatten sich über Waltonfield entleert. Zuerst nur ein leichtes Nieseln, ein schwacher Sprühregen, doch mittlerweile war der Schauer zu einem wahren Bombardement angewachsen. Dicke Tropfen prasselten gegen die Fensterscheiben und Claudette war froh, dass sie sich endlich im Warmen befand. Gleichzeitig konnte sie ihre Gedanken nicht von ihren Freunden losreisen, die in diesem Moment im Nebel festsaßen und womöglich gejagt oder gequält wurden. Vielleicht sogar… Sie schüttelte den Kopf und weigerte sich daran zu denken. Es geht ihnen gut, hatte Dwight gesagt und Claudette setzte alles daran, ihm zu glauben.
„Scheißwetter", murmelte Feng und setzte sich an den großen Tisch, während Claudette das Licht anmachte. Dwight ging derweil in die Küche, um Tee zu machen. Das heiße Getränk wurde im Haus der Fairfields zu allen Gelegenheiten getrunken und vor allem bei einem Wetter wie diesem fiel Claudette liebend gern in die Tradition mit ein.
„Glaubst du, David geht's gut?", wollte Feng wissen, als die Kanadierin neben ihr Platz nahm. „Natürlich", antwortete Claudette: „Du hast doch gehört was der Arzt gesagt hat. Er ist stabil und nicht mehr in Lebensgefahr."
Feng nickte. „Ich wünschte nur, sie hätten uns zu ihm durchgelassen. Dass wir ihn sehen können, weißt du."
„Er braucht wohl Ruhe", murmelte Claudette: „Jetzt bringen sie ihn ja ins Krankenhaus, dort werden sie ihn schon wieder zusammenflicken."
„Was glaubst du eigentlich, was er für Verletzungen hat?", wollte die Asiatin wissen. Claudette wartete einen Moment, bevor sie antwortete und sagte dann: „Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, er kommt mit keinen allzu großen Narben davon."
Philip hatte ihnen erzählt, dass Carter David eine volle Ladung seiner sadistischen Schocktherapie verpasst hatte und der Arzt des FBI hatte etwas von Verbrennungen gesagt. Bleibende Schäden am Gehirn und Herz waren auch nicht auszuschließen, doch wenigstens würde er überleben.
Eine Weile saßen die beiden stumm am Tisch und hörten dem Regen zu, bevor Dwight mit drei dampfenden Tassen aus der Küche kam. Darauf bedacht keinen Tropfen zu verschütten, stellte er den Tee auf die Tischplatte. Claudette zog eine der Tassen zu sich heran und legte genüsslich ihre Finger um die warme Keramik, doch Feng starrte nur auf die Getränke. Schließlich murmelte sie: „Ich bin müde, ich leg mich etwas hin", und verschwand aus dem Wohnzimmer. Dwight und Claudette sahen ihr wortlos nach. Sie beide wussten, dass sich die kleine Asiatin Riesenrogen um Nea und Meg machte, doch im Moment konnten sie leider nichts anderes tun, als warten. Warten und Tee trinken.
Dwight hob seine Tasse an die Lippen, nahm einen kleinen Schluck und achtete darauf, sich nicht die Lippen zu verbrühen. Claudette hatte derweil den Blick aus dem Fenster gerichtet, an dessen Scheibe sich die Regentropfen ein Wettrennen lieferten und gedankenverloren starrte sie in den grauen Tag hinaus. Schon wieder ertappte sie sich, wie sie sich Meg in den Klauen des Hinterwäldlers vorstellte, seine Kettensäge blutverschmiert und das Mädchen leblos am Boden.
Claudette konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, doch die Athletin hatte sie bei ihrer letzten Jagd im Nebel von einem Haken befreit. Es war im Keller gewesen, das wusste sie noch. Der Hinterwäldler hatte sie dorthin gebracht, nachdem er sie an einem ungeschützten Generator überrascht hatte. Reparieren hatte niemals zu ihren Stärken gehört, doch sie hatte stets ihr Bestes gegeben. Genau wie Meg, die sich tapfer am Killer vorbeigeschlichen hatte und in den Keller gekommen war, um ihr die Schmerzen einer Opferung zu ersparen.
Es war ihr nicht gelungen und beim Gedanken an die kalten Finger des Entitus, machte Claudettes Herz einen Sprung. Tränen bildeten sich in ihren Augen und bevor sie sich der Erinnerung verschließen konnte, kullerten die Tropfen auch schon ihre Wange nach unten.
„Alles in Ordnung?", fragte Dwight unsicher und suchte nach ihrem Blick. Hastig wischte Claudette die Tränen weg und antwortete: „Ja, ja, ich hab nur… nur gerade an die letzte Jagd gedacht, in der Meg mich vom Haken geholt hat."
Dwight antwortete nichts. Er wusste von welcher Jagd sie sprach, er war schließlich selbst dabei gewesen. Ganz genau konnte er sich daran erinnern, wie er mit David aus dem Ausgangstor gelaufen war und über die Schulter den Hinterwäldler gegen die Absperrung des Entitus anlaufen gesehen hatte. Die Flucht war erzwungen gewesen, hatte er sich stets eingeredet, doch wie immer war Dwight von Selbstzweifel zerfressen worden. Vielleicht hätte er sich verstecken und den Mädchen helfen können. Vielleicht hätte er etwas tun können.
„Sie hat sich in den Keller geschlichen", schluchzte Claudette und wieder kamen ihr die Tränen: „Sie hat versucht mich zu retten und als… als er uns gefunden hat, hat sie mich immer noch verteidigt. Ich weiß es noch ganz genau."
Sie schaute Dwight in die Augen.
„Ich… Wenn ihr jetzt etwas passieren würde, könnte ich mir das nie verzeihen, Dwight", flüsterte Claudette: „Ich habe sie doch gehen lassen. Ich habe sie im Stich gelassen, wenn ich sie hätte überzeugen sollen."
„Aber nein", versuchte Dwight die Kanadierin zu trösten: „Du hast sie nicht im Stich gelassen, sowas darfst du nicht einmal denken. Niemals."
Claudette schien nicht überzeugt, doch Dwight gab nicht auf.
„Weißt du noch bei der Jagd im Asylum, wo wir bereits beim Ausgang waren und Meg nicht mehr aufgetaucht ist? Ich und Ace wollten bereits abhauen, aber du hast dir nur mein Medikit geschnappt und bist zurück in den Nebel gelaufen. Also für mich „jemanden im Stich lassen" anders aus."
Claudette konnte sich lebhaft erinnern und antwortete: „Wegen mir hast du dann noch eine Runde am Haken gedreht."
„Ich weiß", entgegnete Dwight: „Aber bei mir geht sowieso immer alles schief. Und Ace hat mich ja gerettet, auch wenn er dafür eine kassiert hat, also wars nicht so schlimm."
„Nicht so schlimm?"
„Wir haben Meg rausgekriegt und zu viert überlebt", bemerkte Dwight: „Das ist alles, was zählt. Später am Lagerfeuer musstet du dich dafür um drei Patienten gleichzeitig kümmern."
Claudette nickte schwach. Sie konnte sich erinnern.
„Megs Bein war der Horror", murmelte sie: „Die Bärenfalle hat ihr beinahe den Unterschenkel abgetrennt. Wenn wir nicht im Nebel gewesen wären, hätte ich wohl nichts mehr unternehmen können."
„Ich hätte auch so nichts unternehmen können", gab Dwight zurück: „Auch wenn ich es dir niemals gewünscht hätte, aber das der Entitus ausgerechnet dich in den Nebel gesteckt hat, hat uns bei so mancher Gelegenheit den Hals gerettet."
Erfreut bemerkte Dwight, dass er Claudette mit dem Lob ein kurzes Lächeln abgerungen hatte und machte sofort weiter.
„Ehrlich. Wenn´s um Erste Hilfe geht, kann dir niemand von uns das Wasser reichen."
„Vielleicht hätte ich auch in den Nebel gehen sollten", murmelte Claudette plötzlich und Dwight missfiel ihr plötzlicher Gedankengang. „Was, wenn sie jemanden brauchen, der sich um ihre Wunden kümmert?"
„Dann haben sie Sally", entgegnete Dwight hastig: „Wir sollten aufhören, über den Nebel zu sprechen. Im Moment können wir ohnehin nichts tun und wir beide haben eine Auszeit von diesem Thema verdient. Glaubst du nicht?"
Claudette antwortete nichts und trank stattdessen einen Schluck Tee, offensichtlich in Zweifel versunken. Dwight sah durch den Raum und sein Blick fiel auf das Klavier seiner Mutter, das an der Wand stand.
„Wusstest du, dass ich Klavier spielen kann?"
„Klavier?", fragte Claudette: „Nein, ich… wirklich?"
„Meine Mutter kanns wirklich gut", antwortete Dwight: „Sie hat´s mir vor langer Zeit mal beigebracht, aber leider wurde aus mir nie der große Musiker, den sie sich wohl immer gewünscht hat."
„Das tut mir leid."
„Ach was, muss es nicht", sagte Dwight: „Und so schlecht kann ich´s auch gar nicht. Komm, ich zeig´s dir."
Behutsam zog er Claudette auf die Beine und bugsierte die Kanadierin durchs Wohnzimmer in Richtung des Instruments. Sie folgte ihm schweigend und Dwight hoffte, dass es ihm gelingen würde, ihre Stimmung etwas zu heben.
„Hier, setz dich", sagte er und zog den breiten Klaviersessel hervor. Die Sitzfläche war so groß, dass die beiden locker nebeneinander Platz hatten. Langsam zog Dwight den Deckel nach oben und legte somit die weißen und schwarzen Tasten frei.
„Ich habe schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt", murmelte er: „Ich hoffe, mein Publikum vergibt mir ein paar Fehler."
„Das Publikum ist nachsichtig", antwortete Claudette und schaute geduldig zu, als Dwight die Finger auf die Tasten legte. Nach einem Moment begann er den ersten Ton zu spielen, den er auch gleich verfehlte.
„Sorry, falsche Taste"
Er begann erneut, dieses Mal mit dem richtigen Ton und folgte dann einer lebhaften, nicht allzu schweren Melodie, die er vor Jahren einmal gelernt hatte. Im Takt zu bleiben war noch nie seine Stärke gewesen, doch er bemühte sich und traf einen Großteil der Noten relativ gut. Auch mit der Dynamik haperte es noch hier und da, manche Töne waren zu laut, andere zu leise. Seine Mutter hatte ihm immer gesagt, dass er genau hier ansetzen musste, sollte er jemals ein besserer Pianist werden wollen. Er hatte es nie wirklich gewollt. Nachdem Claudette ihm aufmerksam zugehört hatte, beendete Dwight das Stück mit einem lauten Akzent und wandte sich dann der Kanadierin zu.
„Nicht schlecht", kommentierte Claudette und spendete ihm Beifall. Ein Lächeln fuhr über ihre Lippen und das Weiß ihrer Zähne bildete einen starken Kontrast zum Dunkel ihrer Haut.
„Ich hoffe, es hat dir gefallen", murmelte Dwight.
„Das hat es."
„Danke. Das… das freut mich. Wie schon gesagt, ich bin seit Jahren nicht mehr an auf diesem Stuhl gesessen und meine begrenzten Fähigkeiten sind seitdem auch nicht gerade angewachsen."
„Aber das war doch schön."
„Meine Mutter ist da anderer Meinung."
„Aber ihr hast du´s ja auch nicht vorgespielt, oder? Also zählt ihre Meinung hier auch nicht. Nur meine."
„Danke", sagte Dwight grinsend: „Willst du´s mal versuchen?"
Die Kanadierin nickte und Dwight griff behutsam nach ihren Händen.
„Leg die Finger so auf die Tasten, dass… Ja genau, den hier hin und den dort."
„Ist das so richtig?", wollte die Kanadierin wissen und warf Dwight einen unsicheren Blick zu.
„Ja", bestätigte dieser: „Wenn du eine Note spielen willst, dann drück nicht zu fest nach unten. Bleib immer locker und lass die Bewegungen fließen."
„Fließen?", lachte Claudette unbeholfen.
Zumindest ist das, was mir meine Mutter immer gesagt hat", schmunzelte Dwight: „Hat aber bei mir nie wirklich funktioniert. Soll ich dir die Noten erklären?"
„Nein, ich glaube, ich spiel einfach so."
„Wie du willst"
Claudette drückte nun ihren Zeigefinger nach unten und ein langgezogener Ton schwebte aus dem hölzernen Instrument. Erst als sie den Finger wieder hob, fand der Klang zu einem abrupten Ende und belustigt warf sie Dwight ein Lächeln zu. Anschließend drehte sie den Kopf wieder nach vorne und senkte den Blick auf die Tasten. Wieder spielte sie einen Ton, doch nach einem kurzen Moment setzte sie bereits mit einem zweiten nach und dann einem vierten und einem dritten. Die Klänge vereinten sich unter ihren Händen zu einer wunderschönen Melodie und wahrhaft fließend glitten Claudettes Finger über die Tastatur. Jede Note war perfekt gesetzt, kein Ton zu laut oder zu leise. Alles passte. Ein wahres Meisterwerk. Als Claudette das Stück beendet hatte, sagte sie zunächst nichts und warf Dwight einen fragenden Blick zu.
„Du bist ein hinterhältiger kleiner Kobold, weißt du das?"
„Hat es dir gefallen?"
„Gefallen?", lachte Dwight: „Nicht einmal meine Mutter hätte das so hinbekommen. Na gut, vielleicht schon, aber was du gerade abgeliefert hast… das war meisterhaft. Was war das überhaupt für ein Stück?"
„Clair de Lune von Debussy"
„Debussy", murmelte Dwight und beschwerte sich dann: „Du hättest mir wenigstens sagen können, dass du Klavier spielen kannst, bevor ich mich wie der letzte Depp blamiere."
„Sorry", entschuldigte sich die Kanadierin und ein ganz und gar unclaudettehaftes Kichern entfuhr ihren Lippen. Dwight zog die Augenbrauen nach oben, doch er war froh, dass er es geschafft hatte, sie auf andere Gedanken zu bringen.
„Ach, komm, sei nicht beleidigt", sagte Claudette und zog an seinem Arm: „Es gibt doch sicher noch etwas anderes Schönes, was du kannst und ich nicht."
„Ich bin kein Mann vieler Talente", antwortete Dwight und dachte angestrengt nach: „Mir fällt nichts ein… Kannst du tanzen?"
„Tanzen? Ich glaube, ich war meinem gesamten Leben erst zwei Mal in einer Disco und habe noch nie den Fuß auf eine Tanzfläche gesetzt." Claudette schaute auf ihre Beine. „Ich fühl mich in meinem Körper nicht so selbstsicher wie Meg, weißt du."
„Ich meine doch nicht Discogehüpfe", antwortete Dwight: „Ich spreche von Walzer. Ich habe mal einen Kurs besucht, ein halbes Jahr lang."
„Ich hatte dich eigentlich nicht für den tanzenden Typ gehalten", antwortete Claudette.
„Der tanzende Typ?", lacht Dwight: „Davon bin ich doch selbst meilenweit entfernt. Aber Spaß kann´s trotzdem machen. Komm, steh auf."
„Ich weiß nicht", murmelte Claudette, doch sie setzte sich nicht zur Wehr, als Dwight sie in die Mitte des Wohnzimmers bugsierte. „Also, der Grundschritt sieht folgendermaßen aus."
„Oh Gott, ich kann das nicht", flüsterte Claudette, doch Dwight fiel ihr ins Wort: „Natürlich kannst du das, der ist wirklich nicht schwer. Also…" Er umfasste Claudette und legte seine rechte Hand auf ihren Rücken. Mit der Linken griff er nach ihrer Rechten und hob sie hoch, wobei er minimalen Druck ausübte, ganz so wie er es gelernt hatte. Dwight vernahm einen Duft, den er mittlerweile von tausenden anderen unterscheiden konnte und von dem er wusste, dass er einzig und allein Claudette gehörte. „Beim Grundschritt setzt die Dame zuerst ihren linken Fuß schräg nach hinten.
Claudette versuchte den Instruktionen zu folgen, doch sie kam sich dabei ziemlich unbeholfen vor. Unsicher zog sie ihr linkes Bein zurück. „So?"
„Ganz genau", antwortete Dwight: „Gleichzeitig schreitet der Herr nach vorne. Danach ziehen beide das jeweils andere Bein nach, gefolgt von einem Schritt auf der Stelle."
„So? Nein warte…"
„Du hast es fast", sagte Dwight.
„Jetzt aber. Oder?"
„Ja, so in etwa stimmts."
„Und dann?"
„Dann macht man das Ganze in die andere Richtung und dreht sich dabei", erklärte Dwight und führte die Schritte aus, während Claudette versuchte, ihm zu folgen. Tapsend machte sie eine Bewegung und spürte plötzlich Dwights Zehen unter ihrer Sohle.
„Shit, sorry"
„Kein Problem", antwortete Dwight: „Das passiert am Anfang. Nochmal"
Wieder versuchte Claudette ihm zu folgen, doch sie war kaum im Stande mit dem zugegebenermaßen langsamen Tempo mitzuhalten.
„Verdammt ist das schwer", keuchte sie und Dwight entgegnete: „Aber du kannst es ja schon fast. Eine Sache noch: Normalerweise führt der Herr und die Dame folgt, nicht umgekehrt."
„Aber das mach ich doch."
„Nein, tust du nicht", erwiderte Dwight: „Versuch dich ein bisschen zurückzulehnen. Auf diese Weise halte ich dein Gewicht und kann dich viel besser leiten. Keine Sorge, ich lass dich schon nicht fallen."
Claudette nickte und lehnte sich langsam nach hinten. Gerade als ihr Gleichgewichtssinn protestieren wollte, spürte sie Dwights Hand auf ihrem Rücken und mit neugewonnener Sicherheit gab sie die Kontrolle auf.
„Gut, so geht's gleich leichter."
Dwight zählte ein und wieder drehten sich die beiden ein Stück. Claudette tapste dabei immer noch unbeholfen umher und hielt den Blick auf ihre Beine gerichtet. Es ging alles so schnell, doch die ersten drei Schritte brachte sie halbwegs fehlerlos zusammen. Der vierte ging allerdings an die falsche Stelle und der Tanz brach zusammen.
„Verdammt", fluchte Claudette: „Ich kann das nicht."
„Im Gegenteil", ermunterte sie Dwight und löste sich von ihr: „Jetzt hast du´s. Fehlt nur noch die Musik."
Er ging auf ein Radio zu und legte eine CD ein, während Claudette in der Mitte des Raumes stand und nervös versuchte, sich die Abfolge der Schritte zu verinnerlichen. Leise murmelnd schüttelte sie den Kopf, als ein Orchester die ersten Töne eines langsamen Walzers spielte. „Ich kann das nicht."
Dwight war bereits zurück und wieder nahmen sie die Grundhaltung ein. Im letzten Moment erinnerte Claudette sich daran, sich zurückzulehnen und ließ sich in Dwights Arm gleiten. Dann fing er auch schon mit dem ersten Schritt an und halb überrumpelt folgte sie ihm. Der vierte Schritt ging wieder daneben, doch Dwight zog sie einfach weiter, während sie sich langsam um die eigene Achse drehten. Claudette starrte angestrengt auf ihre Füße und nach der dritten Runde vollführte sie die Vierte Fehlerlos. Und dann die fünfte und die Sechste. Bei der siebten wagte sie es ihre Augen nach oben zu wenden und schaute Dwight direkt an, der ihren Blick lächelnd erwiderte. Claudette lächelte nervös zurück, doch sie spürte immer mehr, wie sich ihr Körper im Takt der Musik bewegte. Es war wie Klavierspielen, bemerkte die Kanadierin, man musste jede Spannung aufgeben und sich von den Klängen leiten lassen. Nach der zehnten Drehung schloss Claudette die Augen und gab sich ganz der Musik hin. Sie spürte Dwights Hand sicher auf ihrem Rücken und fühlte, wie er sie mit der Linken leitete. Ihr Atem ging immer schneller, als sie immer länger tanzten und sie konnte auch Dwight angestrengt keuchen hören. Was für ein Genuss!
Erst als die Musiker ihre Kunst beendeten, hielten auch die beiden Tänzer inne. Erschöpft und von Emotionen belebt öffnete Claudette die Augen. Dwight schien es ähnlich zu gehen, denn auch er hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Keiner der beiden sagte ein Wort. Sie schauten sich einfach nur an. Aufgewühlt. Euphorisch. Immer noch hielt er sie fest und sicher im Arm, als würde er sie nie wieder loslassen. Bis in alle Ewigkeit.
„Bravo", durchbrach ein piepsiges Stimmchen die Stille und schlagartig fuhren Claudette und Dwight auseinander. Ihre Blicke schnellten zur Eingangstür, die aus dem Wohnzimmer hinaus auf den Flur führte und entdeckten Feng, die vergnügt in die Hände klatschte. Dann schlug sie sich plötzlich die Hand auf den Mund.
„Oh nein, habe ich jetzt etwas gestört? Oh nein, Leute, es tut mir leid. Sorry"
„Ich dachte, du wolltest dich hinlegen" sagte Dwight nervös, während Claudette verlegen zu Boden schaute.
„Wollte ich auch", beeilte sich Feng zu antworten: „Aber dann habe ich Musik gehört. Sorry, Leute, es tut mir leid. Ich wollte euch wirklich nicht stören."
„Schon gut", winkte Dwight ab und schaute dann kurz zu Claudette. Anschließen fiel sein Blick auf die drei längst erkalteten Teetassen am auf dem Tisch: „Den Tee haben wir wohl vergessen."
„Das haben wir", nickte Claudette und als Dwight wieder zu ihr hinschaute, bemerkte er, dass sie immer noch ein breites Lächeln auf den Lippen hatte.

Krachend traf Annas Axt die Machete des Fallenstellers, die dieser gerade noch rechtzeitig nach oben gerissen hatte. Die Jägerin gab keine Ruhe und holte sofort zum nächsten Schlag aus, doch dieses Mal war ihr Gegner vorbereitet. Als sich die Waffen erneut trafen, winkelte der Fallensteller seine Klinge im letzten Moment etwas an und leitete somit die brutale Energie von Annas Hieb zur Seite ab. Überrascht stürzte die Jägerin nach vorne und umgehend rammte der Fallensteller sein Knie in ihren Bauch. Doch sie ließ nicht nach und fing sich schneller, als Nea erwartet hatte. Wütend knurrend riss Anna ihre Axt herum und Evan konnte sich gerade noch mit einem Seitensprung aus ihrer Reichweite retten, sodass sich die beiden einige Meter voneinander getrennt wiederfanden.
Anna bewegte sich sofort nach links und schob sich damit zwischen Nea und den Fallensteller. Es war klar, wenn er die Schwedin haben wollte, musste Evan zuerst an ihr vorbei und Anna war entschlossen zu kämpfen wie ein wildes Tier. Nea war ihre Freundin.
Schwer atmend beobachtete der Fallensteller sie für einen Moment, bevor er wild brüllend zum Angriff überging. Anna warf sich ihm mit aller Kraft entgegen und die beiden Kontrahenten trafen sich in einer wilden Abfolge von Hieben, Tritten und Schlägen. Zuerst wich der Fallensteller Annas Axt aus, verpasst ihr dann einen Rückhandschlag, der jeden normalen Menschen wohl sofort zu Boden befördert hätte und schlug anschließend mit seiner Machete nach ihr, was Anna jedoch abwehrte, indem sie seinen Arm packte und von sich wegdrückte. Knurrend vollführte der Fallensteller einen Kinnhaken, doch Anna zog eilig den Kopf zurück, holte derweil bereits mit ihrer Axt aus und ließ sie blitzartig auf den Fallensteller zurasen. Evan sprang hastig nach hinten, ging jedoch gleich wieder zum Angriff über und zielte mit seiner Machete auf Annas Kopf. Der Hieb verfehlte sie nur um wenige Zentimeter.
Nea verfolgte den Kampf der beiden Killer mit panischer Verzweiflung. Eilig zwängte sie ihre Finger zwischen die Kiefer der Bärenfalle und zog sie mit aller Kraft auseinander. Die Haut auf ihren Handflächen wurde von den spitzen Zähnen durchbohrt und aufgerissen, doch mit zusammengebissenen Zähnen wandte Nea all ihre Kraft auf. Sie musste freikommen. Sie musste Anna zur Seite stehen.
Die Jägerin hatte sich derweil unter einem weiteren Hieb hinweggeduckt, befand sich nun jedoch viel zu nahe, um ihre Axt einsetzen zu können. Noch in der Tauchbewegung begriffen, packte sie mit der freien Hand eine ihrer Wurfäxte und benutzte sie als Nahkampfwaffe. Aus dem Hinterhalt zielte sie auf das Gesicht des Fallenstellers, der sich eilig nach hinten lehnte, sodass die Schneide der Axt über seine Maske schrammte und eine lange Kerbe hinterließ. Doch nun war Anna schutzlos. Mit aller Kraft rammte der Fallensteller seine Schulter gegen die Jägerin und beförderte sie mehrere Schritte von sich weg.
Wieder versuchte Nea ihr Bein zu befreien und für einen kurzen Augenblick öffnete sich die Falle um wenige Millimeter. Doch Neas Kräfte schwanden und eine Sekunde später schnappten die Eisen wieder zu. Der Schmerz, der durch ihr Bein schoss, raubte der Schwedin die Sicht und ließ sie beinahe ohnmächtig werden. Unter Qualen schrie sie auf.
Anna war derweil in die Knie gezwungen worden, doch die Jägerin wehrte zwei Attacken ab, bevor sie einem Tritt auswich und wieder auf die Beine kam. Der Fallensteller setzte sofort nach und trieb sie mehrere Schritte zurück. Anna erkannte seine Strategie und versuchte verzweifelt, zwischen ihm und Nea zu bleiben. Verzweifelt leistete sie wiederstand, als Evan einen Schritt nach vorne machte, doch es half nichts. Ein Treffer seiner Faust beförderte sie wieder einen Meter rückwärts.
Nea schaute sich gelähmt vor Angst nach irgendetwas um, das sie verwenden konnte, um die Falle zu lösen. Sie konnte nichts entdecken. Panisch richtet die Schwedin ihren Blick kurz zurück auf Anna und versuchte dann wieder, sich aus der Falle zu befreien. Ihre geschundenen Hände brannten wie Feuer, doch der Schmerz in ihrem Bein überlagerte jede andere Empfindung.
Evan hatte Anna derweil beinahe aus dem Weg geräumt und immer weiter trieb er sie von Nea weg. Ein brutaler Schlag öffnete Annas Deckung für einen Moment, gefolgt von einem Tritt gegen das Bein. Anna schrie auf und ging in die Knie. Ihre Axt umklammern, schlug sie nach dem Fallensteller, verfehlte und kassierte einen weiteren Tritt, dieses Mal mitten ins Gesicht. Stöhnend wurde sie nach hinten geschleudert, während ihre Axt weit außer Reichweite auf den Boden fiel. Verzweifelt stützte sich Anna auf dem Boden ab, riss die letzte Wurfaxt von ihrem Gürtel und fuhr herum, während sich der Fallensteller wütend über ihr aufbaute. In einem letzten Versuch bäumte sie sich auf und schickte das Geschoss auf sein Ziel zu.
Grausam lachend wehrte der Fallensteller mit Leichtigkeit ab, bevor er sie an der Kehle packte und in die Luft hob. Anna schnappte gurgelnd nach Atem und riss panisch mit ihren Händen am muskelbepackten Arm des Fallenstellers. Vergeblich. Mit einem wütenden Brüllen schob er sie nach hinten, bis sie krachend gegen die Wand ihrer Hütte prallte. Mehrere Male riss Evan die Jägerin nach vorne, bevor er sie wieder gegen das massive Holz rammte, doch sie gab nicht auf. Tretend und um sich schlagend leistete sie Widerstand, bis Evans Faust mit aller Kraft in ihren Bauch krachte.
Anna suchte hörbar und mit weit aufgerissenem Mund nach Luft, doch der eiserne Griff um ihre Kehle schnürte ihre Atemwege ab. Noch zwei weitere Male schlug Evan ihr brutal in die Magengegend, setzte anschließend mit dem Knie nach und schleuderte die Jägerin schlussendlich zu Boden. Seine Machete hatte er längst zur Seite geworfen, offenbar wollte er Anna mir seinen bloßen Fäusten erledigen.
Die Jägerin drückte sich kraftlos vom Boden Weg und versuchte aufzustehen, doch im nächsten Moment wurde sie bereits vom Fuß des Fallenstellers in die Seite getroffen, was sie umgehen auf den Rücken beförderte. Evan legte sofort ein Knie auf ihre Brust und drückte sie unter Einsatz seines vollen Körpergewichts zu Boden. Anna wehrte sich, kratzte an seinem Bein und versuchte ihn zu fassen zu kriegen, doch ihre verzweifelten Versuche waren längst keine Bedrohung mehr. Blut rann unter ihrer Maske hervor und der Fallensteller lachte höhnisch.
„Oh Anna, was hast du nur wieder angerichtet", murmelte er: „Ich dachte, du hättest gelernt, aber wie ich sehe, bist du dazu nicht im Stande."
Die Faust des Fallenstellers traf sie mit voller Wucht im Gesicht.
„Der Entitus ist fort, Missgeburt. Du gehörst jetzt mir und glaub mir, meine Maske ist das Letzte, was du sehen wirst."
Wieder traf seine Faust.
„Ich werde dein wertloses Leben aus dir herausprügeln, hörst du mich? Scheiß auf Stahl, ich mach das mit meinen bloßen Händen."
Zum dritten Mal krachte die Faust in Annas Gesicht.
„Aber warum sollten wir vorher nicht etwas Spaß haben?"
Plötzlich waren die Hände des Fallenstellers nicht mehr damit beschäftig Annas Gesicht zu malträtieren, sondern rissen brutal an ihrem Sarafan. Die Jägerin wehrte sich, kratze, trat und schlug nach ihrem Peiniger, doch ihr Knurren war verstummt und hatte sich zu einem panischen Wimmern verringert. In kalter Angst versuchte sie, die Hände des Fallenstellers von ihrem Körper fernzuhalten. Sie hatte keine Chance.
Nea riss mit aller Kraft an der Falle und biss die Zähne zusammen, als sich die Zacken abermals in ihre Handflächen bohrten. Keuchend weigerte sie sich, den Geschehnissen tatenlos zuzusehen. Sie durfte nicht. Sie konnte nicht.