Aurora

„Nea!"
Die Schwedin hob in panischer Angst den Kopf und hielt durch einen Vorhang an Tränen Ausschau nach der Ruferin. Der Schmerz in ihrem Bein vernebelte die Sicht und in kurzen Abständen wurde ihr immer wieder schwarz vor Augen. Nea sah eine Silhouette. Jemand stand dort im Eingang zu Annas Hütte, offenbar verletzt und mit vor Qualen gekrümmten Oberkörper. Die Personen hatte einen Arm um ihren Brustkorb geschlungen, während sie den anderen zu einem orangen Leuchten erhob. Im nächsten Moment flog ein schwarzer Gegenstand direkt auf die Schwedin zu und Nea musste alle Konzentration aufbringen, um das Objekt fangen zu können.
Evan, der Sally ebenfalls gehört hatte, sah nun überrascht auf und blickte in Richtung seines in einer Falle gefangenen Opfers. Was er sah war der Lauf einer Pistole, der direkt auf ihn zielte. Krachend löste sich ein Schuss und die Maske des Fallenstellers wurde in zwei geteilt. Sein kahles Haupt explodierte in einem Regen aus Blut und Schädelsplitter, der sich auf Anna herniedergoss. Die Jägerin riss schützend die Arme nach oben, während der leblose Körper des Fallenstellers langsam nach hinten kippte. Mit einem dumpfen Schlag fiel er auf die Erde und rührte sich nicht mehr. Stille kehrte ein, als der Schuss im Nebel verhallte.
Stöhnend warf Nea die Waffe zur Seite, während Anna kraftlos hustend unter dem Leichnam es Fallenstellers hervorkroch. Sally schleppte sich derweil mit schmerzverzerrtem Gesicht langsam zur Schwedin herüber und ließ sich neben ihr ins Gras fallen. Wieder hob sie die Hand und ein oranges Leuchten brach zwischen ihren Fingern hervor. Die Bügel der Bärenfalle öffneten sich wenige Millimeter, doch schnappten augenblicklich wieder zu, als Sally beinahe zusammenbrach. Schwer atmend sammelte sie ihre Kräfte und versuchte es dann auf ein Neues, während Nea wimmernd ihr Bein umklammert hielt. Wieder öffnete sich das Tellereisen und die Zähne der grausam Falle wurden langsam aus Neas Fleisch herausgezogen. Mit verzerrtem Gesicht versuchte sie den Schmerz zu ignorieren. Sally hielt derweil ihre zitternde Hand möglichst ruhig und langsam schaffte sie es, die Bärenfalle weit genug zu öffnen, sodass Nea endlich ihr Bein herausziehen konnte.
Erschöpft fiel die Schwedin auf den Rücken und blieb schwer atmend im Gras liegen. Ihre Hände umklammerten ihren schmerzenden Unterschenkel, der sich anfühlte, als hätte ihr jemand auf halber Höhe ein glühendes Eisen angelegt. Ein dumpfer Ton verriet Nea, dass sich Sally ebenfalls auf den Boden hatte fallenlassen. Mit einem Blick zur Seite bemerkte sie, dass die Krankenschwester offenbar das Bewusstsein verloren hatte. Aber sie war nicht tot. Sie lebte. Sie hatte Nea gerettet. Sie hatte Anna gerettet.
Beim Gedanken an die Jägerin fuhr Neas Kopf herum und die Schwedin zwang sich, die Augen offenzuhalten. Mit zitternden Fingern wischte sie ihre Tränen weg und entdeckte Anna nur wenige Meter entfernt auf dem Boden. Sie hatte sich auf den Bauch gedreht und versuchte nun sich mit den Armen nach oben zu drücken. Unter Schmerzen kam sie auf alle viere und brach umgehend in einen blutenden Hustenanfall aus. Gleich darauf brach sie wieder zusammen und blieb kraftlos liegen, den Kopf nach unten gerichtet.
Panik durchflutete Nea und verzweifelt versucht sie, auf die Beine zu kommen. Es wollte ihr nicht recht gelingen und die ersten beiden Male brach sie schmerzhaft zusammen. Die Verletzung durch die Bärenfalle hatte sie eine Menge Energie gekostet und wenn sie sich nicht bald verarztete, könnte sie ein baldiges Ende finden. Beim dritten Mal konnte sich Nea endlich aufrappeln und humpelte in einer halb kriechenden Bewegung, in der sie ihr malträtiertes Bein nachzog, auf die Jägerin zu. Dabei hinterließ sie eine rote Blutspur, die sich quer über die Wiese zog.
„Anna", stammelte Nea und ließ sich neben ihrer Freundin auf den Boden fallen. Mit aller Kraft zog sie an der Schulter der Jägerin und versuchte sie auf die Seite zu drehen, doch sie war schwer. Zu schwer. Anna durfte nicht tot sein. Sie konnte nicht tot sein. Nicht im Nebel. Nicht durch den Fallensteller. Nicht für Nea.
Die Schwedin gab erschöpft auf und ließ ihren Blick am Körper der Jägerin entlanggleiten. Ihre Kleidung war vom Kampf halb zerrissen worden, Abschürfungen zeigten sich auf ihrer Haut und warmes Blut floss unter ihrer Maske hervor.
Wieder legte Nea eine Hand unter die Schulter der Jägerin, während sie mit der anderen ihr eigenes Bein umklammerte. Stöhnen zog und zerrte sie und versuchte erneut die Killerin herumzudrehen. Dabei murmelte sie verzweifelt immer wieder ihren Namen.
„Anna", flüsterte Nea und Tränen fielen in die Wiese. Sie lehnte sich zurück und zerrte mit aller Kraft, dich die Jägerin rührte sich nicht. Aber sie wollte es nicht wahrhaben.
„ANNA", schrie die Schwedin und legte nun auch die zweite Hand unter ihre Schulter, geschüttelt von heftigen Schluchzern. „Anna… nein… steh auf, Anna… Anna…"
Plötzlich fiel Nea auf den Boden, als sich die Jägerin mit einem Ruck umdrehte und auf die Ellbogen stützte. Suchend schaute sie sich um, bis sie die Schwedin direkt neben ihr im Gras hocken sah. Anna legte den Kopf schief und fragte: „Nea gut?"
Die Schwedin sah sie für einen Moment sprachlos an. Anna war soeben beinahe getötet worden, hatte sich im Versuch, Nea zu verteidigen, dem Fallensteller entgegengeworfen und um ein Haar den höchsten Preis bezahlt. Evan hatte ihr Hiebe und Tritte verpasst, die wohl einen Ochsen umgebracht hätten. Er hatte sie zu Boden geworfen und hätte sich wohl im nächsten Moment an ihr vergangen. Nichtsdestotrotz lag sie nun da und wollte nur eines wissen: Ob es Nea gut ging.
In Tränen ausbrechend warf sich die Schwedin der Jägerin um den Hals, was diese von einer leicht aufgebäumten Haltung wieder zurück auf den Bode beförderte. Dumpf fiel sie zurück auf den Rücken, während Nea kraftlos auf ihrer Brust landete. Die Schwedin spürte einen kräftigen Herzschlag und Annas Atem kitzelte sie hinter dem Ohr. Sie war nicht tot. Sie lebte. Sie lebte beide.
„Zum Glück Bärenfalle freigekommen"; murmelte Anna nach einem Moment und Nea entgegnete: „Ich bin nicht selbst freigekommen. Sally… sie lebt, Anna, sie hat mich befreit."
„Sally nicht tot?"
Nea schüttelte den Kopf und sagte: „Anna, wir müssen ihr helfen. Wir müssen…"
Aber Anna hatte die Schwedin bereits abgeschüttelt, war unter Schmerzen aufgestanden und humpelte nun so gut sie konnte hinüber zu Sally, die sie leblos im Gras liegen entdeckt hatte. Nea versuchte ihr zu folgen, doch ihr Bein tat immer noch höllisch weh und jeder Schritt trieb tausend glühende Nadeln durch ihren Unterschenkel. Mit gequältem Gesichtsausdruck beobachtete sie, wie sich Anna neben Sally hinkniete und behutsam eine Hand auf ihre Schulter legte. Vorsichtig drehte sie die Krankenschwester auf den Rücken, sodass sie ihr Gesicht sehen konnte. Es war immer noch von Blut verschmiert und mit zitternder Hand wischte Anna die rote Flüssigkeit beiseite, während Nea endlich neben ihr ankam.
Sally schlug ihr Auge auf und schaute kurz umher, bevor sie Annas Hasenmaske entdeckte. Ein Lächeln fuhr über ihre Lippen, das die Jägerin erleichtert erwiderte und als sie versuchte sich aufzurichten, beeilte sich Anna ihr eine Stütze zu bieten. Stöhnend verfrachtete die Jägerin Sally in eine sitzende Position und sagte anschließend etwas auf Russisch.
„Sie hat bereits gedacht, du wärst tot"; übersetzte Nea: „Aber sie ist froh, dass du lebst."
„So leicht werdet ihr mich nicht los", erwiderte Sally und verzog ihr Gesicht, während sie sich unter Qualen den Arm und den Oberkörper schlang. „Verdammt, Evan hat mir den Brustkorb zertrümmert."
„Und nicht nur das", kommentierte Nea besorgt: „Die Wunden an deinem Kopf… und als ich dich vorhin angefasst habe, warst du eiskalt. Eigentlich müsstest du…"
„Ich habe einen spektralen Körper, Nea", antwortete Sally: „Ich bin immer kalt und gar nicht so leicht kaputtzukriegen." Sie stöhnte auf. „Aber weh tuts trotzdem."
„Das kann ich mir vorstellen."
Sally konnte sich zu einem weiteren Lächeln durchringen, während Nea einen Blick auf die Leiche des Fallenstellers warf. Immer noch quoll Blut hervor und versickerte in der kalten Erde des Nebels, während der rechte Zeigefinger unkontrolliert zuckte. Der Anblick verpasste Nea eine Gänsehaut.
„Sally, wenn du nicht gewesen wärst…", flüsterte die Schwedin und schaute wieder zur Krankenschwester: „Und wenn Anna nicht gewesen wäre. Ihr… ihr habt mir das Leben gerettet. Ihr beide."
„Das ist das mindeste, was wir tun konnten, nachdem…", antwortete Sally, aber sie wurde von Nea unterbrochen: „Nein, du verstehst nicht. Wenn ihr nicht gewesen wärt, dann wäre ich jetzt tot. Oder noch schlimmer." Nea schaute Sally in die Augen. „Ihr habt eure Leben für mich riskiert. Nicht nur für mich, auch für David und die anderen. Deine… Dein Schuld ist mehr als beglichen, Sally. Zumindest wenn du mich fragst."
Die Krankenschwester antwortete zunächst nichts, bevor sie anerkennend nickte. Nach einer kurzen Pause machte Anna schließlich eine Bemerkung und Nea sagte: „Das ist eine gute Frage." An Sally gewandt erklärte die Schwedin: „Sie will wissen, was wir jetzt tun. Und ich offen gestanden auch."
„Jetzt müssen wir Jake befreien", antwortete Sally und Nea entgegnete: „Aber wir wissen noch nicht einmal wo er ist. Und von David haben wir auch keine Spur, ganz zu schweigen von Meg, Lisa und Philip."
„David ist in Sicherheit", antwortete Sally.
„Du hast David gefunden?", fragte Nea erstaunt und ein Stein fiel ihr vom Herzen. Es war, als würde sich die Welt mit einem Schlag erhellen und ein Lichtschein durch die endlose Nacht brechen. Es war Hoffnung.
„Philip hat ihn befreit", erklärte Sally: „Aus den Klauen des Doktors. Er ist gerade auf der Suche nach Lisa und hat sie wahrscheinlich schon gefunden. Mit ein bisschen Glück ist David bereits zurück in der realen Welt."
„Oh David, Gott sei Dank, danke", murmelte Nea: „Aber was ist mit Meg und Jake?"
Sally schüttelte den Kopf: „Meg habe ich seit meiner Ankunft im Nebel nicht gesehen. Ich hoffe es geht ihr gut, aber ich kann es nicht sagen. Jake hingegen ist dort hinten im Keller eingesperrt." Sie nickte mit dem Kopf in Richtung Annas Behausung: „Evan hat ihn hinter einem Gitter festgehalten und wollte ihn als Köder benutzen. Er hat mich erwischt, bevor ich ihn befreien konnte."
„Jake ist da drin?"
„Ja"
Nea schaut zu Anna, die das Gespräch aufmerksam mitverfolgt hatte, obwohl sie natürlich nichts verstehen konnte. Die Schwedin richtete ein paar schnelle, russische Sätze an die Jägerin, die daraufhin beflissen nickend aufstand, ihre Axt holte und im Haus verschwand. Nea wandte sich derweil wieder Sally zu.
„Komm, bringen wir dich ins Haus", sagte die Schwedin und bot Sally eine Stütze, die diese danken annahm. Gemeinsam erhoben sie sich, beide unter Schmerzen stöhnend, und humpelten dann auf Annas Hütte zu. Im Inneren stolperten sie durch den großen Raum hinüber zum zentralen Tisch. Nea entdeckte eine Blutspur, die wohl von Sally stammte. Erschöpft ließen sie sich auf zwei Stühle fallen. Die Krankenschwester konnte sich kaum aufrecht halten und Nea hielt sie mit der rechten Hand fest, während sie sich nach Anna umschaute.
In der Dunkelheit konnte sie die Silhouette der Jägerin in einer Ecke erkennen, wo sie gerade ihre Axt hoch über den Kopf hob. Krachend fuhr die Waffe nach unten und traf mit einer Wucht auf das Metallgitter, die einen Menschen wohl von oben nach unten gespalten hätte. Funken stoben umher, doch das Gitter hielt.
Anna holte erneut aus und wieder fuhr die Axt nach unten, dieses Mal noch wilder und heftiger. Das Gitter hielt.
Die Jägerin knurrte, packte die Axt mit beiden Händen und hob sie zum dritten Mal nach oben. Der folgende Hieb war der stärkste und brutalste, aber das Gitter hielt nach wie vor. Anna hatte kaum einen Kratzer hinterlassen. Frustriert schaute sie kurz zu Nea und Sally, bevor sie sich wieder der Absperrungen zuwandte. In mehreren schnellen Hieben schlug sie auf das Gitter ein und jedes Mal, wenn die Axt ihr Ziel traf, stieß Anna einen wütenden Schrei aus. Nach wenigen Sekunden war sie bereits völlig außer Atem und hielt mit zitternden Armen inne. Zornig versetzte sie dem Gitter einen Tritt. Dann blickte sie knurrend zu Nea
„So wies ausschaut hat Evan ganze Arbeit geleistet", kommentierte Sally schwach: „Vielleicht finden wir hier irgendwo etwas, das wir als Hebel…"
„Was ist los?", wollte Nea wissen, als die Krankenschwester mitten im Satz verstummt war. „Sally, ist alles in Ordnung?"
„Pssst, es kommt jemand."
Nea schaute sofort zur Tür und dann zu Anna. Die Jägerin schein ebenfalls etwas gehört zu haben, denn sie hielt ihre Axt in einer defensiven Haltung, bereits sich zu verteidigen. Ihr Blick schoss aus einem der Fenster, doch hauptsächlich beobachtete sie den Eingang. Im nächsten Moment konnte auch Nea die Schritte hören, die draußen durch den Wald brachen und schnell näherzukommen schienen. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
„Sally, was machen wir jetzt?", fragte Nea flüsternd und mit vor Panik zitternder Stimme: „Wenn der Doktor uns findet… wir können uns nicht verteidigen."
„Wir müssen leise sein"; antwortete Sally und symbolisierte Anna mit über die Lippen gelegtem Zeigefinger, dass absolute Stille geboten war. Die Jägerin nickte und machte keinen Mucks mehr. Auch Nea versuche sich so leise wie möglich zu verhalten, doch ihr Bein tat höllisch weh und sie zitterte vor Angst am ganzen Körper.
Unterdessen hatten sich die Schritte dem Haus genähert und wurden nun etwas leiser, da die Person den schmalen Streifen aus Gras zwischen Wald und Hütter erreicht hatten. Die Fußstapfen klangen schwer, es konnte sich niemals um Meg, Lisa oder David handeln. Auch nicht um Philip. Es war eindeutig einer der schwereren Killer: der Doktor.
Die Schritte hatten nun scheinbar die Wand des Gebäudes erreicht und bewegten sich nach rechts auf die Eingangstür zu. In wenigen Sekunden würde der Killer das Haus betreten. Anna schaute schnell zu Sally und fixierte sich dann wieder in geduckter Position auf den Eingangsbereich. Sobald der Doktor um die Ecke kam, würde er ihre Axt zu schmecken bekommen.
Nea schaute zu Anna. Die Jägerin zitterte und war immer noch überzogen mit Blutflecken und Dreck, der Kampf mit dem Fallensteller hatte sie stark mitgenommen. Noch konnte sie sich wehren, doch Nea fragte sich wie lange der Doktor wohl brauchen würde, um sie endgültig aller Widerstandsfähigkeit zu berauben. Es war nur eine Frage der Zeit. Und auf Unterstützung durch die Schwedin oder die Krankenschwester konnte Anna kaum zählen, die beiden waren verletzt und entkräftet. Etwas bewegte sich in Neas Augenwinkel und ihr Blick schoss zur Gestalt, die in der Tür erschienen war.
„Fuck", flüsterte sie leise, als sich der Blick des Monsters direkt auf sie richtete. Nea war wie versteinert vor Angst und hielt panisch die Luft an. Ihr Blick haftete auf dem entstellten Gesicht des Killers, wurde aber bald von seiner bestialischen und grausamen Waffe angezogen: einer rostigen Kettensäge.
„Max", sagte Sally langsam und Nea konnte die Anspannung in ihrer Stimme hören. Sie streckte dem Hinterwäldler eine Hand entgegen. „Ganz ruhig, Max."
Es war nicht der Doktor, doch die Schwedin wusste nicht recht, ob sie damit Glück gehabt hatten. Von allen Killern war der Hinterwäldler wohl derjenige, vor dem sie am meisten Angst hatte. Egal wie schmerzhaft und grausam eine Bärenfalle war, seine rostige Kettensäge toppte alles und Nea betete zitternd, dass es Sally gelingen würde, ihn zu besänftigen.
„Es ist alles in Ordnung, Max", sagte Sally langsam, doch im nächsten Moment kam der Hinterwäldler bereits in den Raum gestürmt. Schnurgerade lief er auf Nea und die Krankenschwester zu, doch als die Schwedin einen spitzen Schrei ausstieß, bremste er abrupt ab. Knurrend schob sich Anna zwischen ihn und ihre Gefährtinnen, während Nea an ihr vorbeispähte. Anna hatte keine Chance gegen die Kettensäge, aber der Hinterwäldler machte keine Anstalten sie anzuwerfen. Stattdessen hob er wild gestikulierend die Arme und schien zu… lächeln?
„Anna", grunzte er, scheinbar überglücklich die Jägerin zu sehen: „Anna, Anna"
Die Killerin verharrte in ihrer defensiven Haltung, legte aber verwirrt den Kopf schief, während der Hinterwäldler an ihr vorbei zur Krankenschwester schaute.
„Sally", rief er und machte einen Schritt nach vorne, wiederum offenbar überglücklich seine alte Kameradin zu treffen. „Sally", grunzte er erneut, bevor er zu Nea schaute. Die Schwedin konnte ihn kaum ansehen, ohne in Schweiß aufzubrechen und sie musste all ihren Mut aufbringen, um den Blick zu erwidern. Doch seltsamerweise lag nichts Feindseliges, nichts Gehetztes in seinen Augen.
„Sally", grunzte er wieder und gestikulierte übermutig mit den Armen: „Sally, Anna, Sally"
„Max?", fragte Sally vorsichtig: „Was ist los?"
Anna hatte mittlerweile ihre defensive Haltung etwas abgeschwächt und ihre Axt gesenkt, aber immer noch starrte sie den Hinterwäldler wachsam an.
„Sally, Anna, Sally", grunzte dieser, bevor er einen dritten Namen aussprach: „Meg"
„Meg? Hat er Meg gesagt?", wollte Nea wissen und Sorgen gesellten sich zu ihrer Panik. Was hatte der Bastard mit Meg gemacht?
„Max", sagte Sally langsam: „Hast du Meg gefunden?"
Zu Neas Überraschung nickte der Hinterwäldler heftig, offenbar erfreut, dass man ihn verstanden hatte. „Meg, Lisa, Meg, Sally"
„Und Lisa hast du auch getroffen?"
Wieder nickte er.
„Geht es ihnen gut?", fragte Sally und legte eine Hand auf Annas Schulter, die das Zeichen verstand und etwas zur Seite. Allerdings nur so weit, dass sie immer noch rechtzeitig einschreiten konnte. Max schaute sie kurz an und nickte dann zum dritten Mal. Erleichtert atmete Sally auf und auch Nea fiel ein Stein vom Herzen. Meg war in Ordnung. Es ging ihr gut.
„Wo sind sie, Max?", wollte Sally wissen und der Hinterwäldler stampfte mit einem Fuß auf den Boden, während er mit seinem Hammer nach draußen zeigte.
„Sie haben sich versteckt?"
Max schüttelte den Kopf und knurrte Megs Namen.
„Sie kommen hier her?"
Er nickte freudig.
„Gott sei Dank", murmelte Sally und sackte in sich zusammen, als die Spannung von ihr abfiel. Hoffnungsvoll warf sie Nea einen Blick zu und sagte: „Das Glück ist auf unserer Seite, Nea, wir sind hier bald raus."
Die Schwedin nickte und antwortete: „Aber vorher müssen wir Jake befreien und David und Philip finden."
„Du hast recht", bestätigte Sally und schaute wieder zu Max, dessen Aufmerksamkeit gerade Anna galt. Die Jägerin hatte mittlerweile erkannt, dass der Hinterwäldler keine unmittelbare Gefahr darstellte, verhielt sich aber immer noch etwas argwöhnisch. Max hingegen schien ihr Vertrauen gewinnen zu wollen und humpelte vergnügt nickend zwei Schritte auf sie zu, während er ihren Namen grunzte. Seltsamerweise schien es Anna zu überzeugen, denn sie zeigte ihm ein Lächeln.
Erst als Sally seinen Namen rief, wandte Max sich von der Jägerin ab und kam herüber zur Krankenschwester. Nea wäre es lieber gewesen, wenn der Killer auf Abstand geblieben wäre, doch leider konnte sie aufgrund ihres verletzten Beins nicht einfach aufstehen und zurückweichen. Unwillkürlich hielt die Schwedin den Atem an, als Max direkt vor ihr und Sally zum Stehen kam.
„Max", sagte die Krankenschwester: „Wir brauchen deine Hilfe. Siehst du dieses Gitter dort drüben?"
Der Hinterwäldler drehte kurz den Kopf und nickte dann heftig.
„Dieses Gitter muss weg. Kannst du das für uns tun?"
Wieder nickte Max, dieses Mal mit einem freudigen Lallen und lief dann eifrig hinüber zu der Absperrung. Im Laufen griff er nach seiner Kettensäge und erweckte sie mit einem kräftigen Ruck zum Leben. Als die Maschine aufheulte, biss Nea die Zähne zusammen. Sie konnte das Geräusch kaum ertragen und hätte wohl eine Panikattacke erlitten, hätte Sally nicht beruhigend nach ihrem Arm gegriffen. Funkensprühend senkte sich die Kettensäge auf das Gitter und erzeugte ein ohrenbetäubendes Kreischen, sodass Anna und Nea gleichzeitig die Hände auf die Ohren pressten. Für das geschärfte Gehör der Jägerin musste der Lärm wohl die doppelte Folter sein, dachte die Schwedin. Im nächsten Moment verstummte das Geräusch auch schon wieder, da Max den ersten Eisenstab bereits durchtrennt hatte. Sogleich setzte das Kreischen erneut ein, als er sich am Zweiten zu schaffen machte. Es dauerte gerade mal eine Minute, bevor der Hinterwäldler mit dem Fuß ausholte und krachend gegen das Gitter stieß. Lärmend brach es nach unten weg, fiel in die Dunkelheit des Kellers und gab den Weg frei.
„Wir sind durch", bemerkte Nea und wandte ihren Blick von Max ab, nur um zu erkennen, dass Sally auf ihrem Platz vollkommen zusammengesackt war.
„Sally?
Keine Antwort
„SALLY!"
„Ja", murmelte die Krankenschwester und schreckte hoch. Eilig hob sie den Kopf und orientierte sich kurz, bevor sie Neas besorgten Blick entdeckte. „Alles in Ordnung?"
„Du bist gerade ohnmächtig geworden", beschwerte sich die Schwedin: „Ich dachte schon… Mach das nie wieder!"
„Ich versuch´s", gab Sally mit einem zynischen Lächeln zurück und Nea entgegnete: „Wir sind durch. Der Weg ist frei."
Sally schaute an der Schwedin vorbei zu Max, der stolz über dem zerstörten Gitter stand. Er hatte seinen Auftrag mit Bravour erledigt.
„Dann müssen wir Jake holen", sagte Sally: „Hoffentlich ist er wirklich da unten und noch am Leben. Nea, könntest du Anna sagen, dass…"
„Mach ich", antwortete die Schwedin und wandte sich dann an die Jägerin. Diese hatten den Blick wachsam aus dem Fenster gerichtet und drehte sich überrascht um, als sie angesprochen wurde. Sobald Nea fertig erklärt hatte, ging sie sofort durch den Raum und verschwand im dunklen Keller. Max wollte ihr bereits folgen, doch Sally rief ihn zurück.
„Max, bleib hier", rief sie schwach: „Ich brauch dich hier."
Folgsam kam Max herübergehumpelt und baute sich erwartungsvoll vor Sally auf.
„Du hast gesagt, Meg und Lisa wären auf dem Weg hier her?", wollte die Krankenschwester wissen und der Hinterwäldler nickte sofort.
„Sehr gut. Könntest du sie suchen gehen und hierherführen? Wir wollen schließlich nicht, dass sie sich im Wald verlaufen."
Max nickte beflissen und machte sich im nächsten Moment davon, durchquerte den Raum und lief hinaus in den Nebel. Bereits nach wenigen Sekunden war er zwischen den Bäumen verschwunden und nicht mehr zu sehen.
„Wäre es nicht schlauer gewesen, ihn hier zu behalten?", fragte Nea nervös und schaute dem Hinterwäldler nach: „Er hätte uns verteidigen können."
„Wir haben Anna", entgegnete Sally: „Und wenn wir Lisa verlieren, sitzen wir hier fest. Wir müssen sichergehen, dass sie uns findet, ganz zu schweigen von Meg. Wenn wir erst mal zusammen sind, haben wir´s so gut wie geschafft."
Nea nickte und schaute hinüber zu dem schwarzen Loch im Boden. Hoffentlich hatte Anna Jake bereits gefunden. Hoffentlich war er am Leben.

„Jedenfalls ist er aus dem Schneider", sagte Dwight und nahm anschließend einen Schluck aus seinem Glas, bevor er fortfuhr: „Es wird zwar eine hässliche Narbe im Gesicht zurückbleiben, aber ansonsten wird er wieder ganz der Alte."
„Was für eine Erleichterung", kommentierte Elizabeth und schaute zu Claudette: „Ich kenne den Dermatologen auf seiner Station, ein überaus kompetenter Mann. Sein Sohn ist einer meiner Schüler."
„David war ja vorher schon nicht der Schönste", lachte Feng und versuchte etwas Witz in die Runde zu bringen, was ihr nur in Maßen gelang. Sie und Claudette saßen am Tisch der Fairfields, wo sie ein üppiges Abendmahl vorgesetzt bekommen hatten. Allerdings wollte es keinem der Überlebenden so recht schmecken und so stocherten sie lustlos auf ihren Tellern umher.
„Er hat ja immer gesagt, es wäre ihm egal wie er aussieht", bemerkte Dwight und Claudette hielt den Blick auf ihr Essen gerichtet. Feng wechselte nun das Thema und wandte sich an Elizabeth: „Ist nicht auch Philips Nichte eine deiner Schülerinnen? Sie heißt Jade, oder?"
„Ja genau", antwortete Dwights Mutter: „Sie hatte sogar heute eine Stunde bei mir."
„Wirklich? Ist sie eine gute Musikerin?"
„Eine meiner besten, möchte ich sagen. Aber ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass wir heute nicht viel geübt haben. Sie wusste ja noch nicht, dass ihr Onkel wieder in Sicherheit war. Die Arme war ganz aufgelöst. Sie scheint ihn wirklich gern zu haben."
„Es ist sicher nicht leicht für sie", pflichtete ihr Feng bei: „Ihn all die Jahre nicht gesehen zu haben und gerade als er wieder zurückkommt, muss er auch schon wieder weg."
„Aber jetzt ist er ja wieder da", bemerkte Dwights Vater woraufhin Elizabeth antwortete: „Das schon, aber Nea und Meg sind immer noch nicht zurück. Ich will mir gar nicht vorstellen, was die armen Karlssons gerade durchmachen. Vielleicht hätten wir sie einladen sollen, James?"
„Wahrscheinlich wollen sie allein sein", sagte Dwights Vater knapp.
Claudette hob den Kopf und schaute zu Dwight, der ihren Blick schnell erwiderte. Scheinbar gefiel es der Kanadierin gar nicht, dass andauern über Meg, Nea und den Nebel geredet wurde, allerdings war es im Moment schwer, andere interessante Themen zu finden. Glücklicherweise brachte Feng nun alle auf andere Gedanken: „Meine Eltern haben mich mal ein Jahr lang zum Cellounterricht gezwungen."
„Das ist aber nicht gut", meine Elizabeth: „So schön Musik auch sein kann, meiner Meinung nach ist sie nicht etwas, das sich erzwingen lässt."
„Nun ja, es war auch eher dazu gedacht, um mich von meinem Computer zu trennen."
„Technikbegeistert?", fragte Elizabeth und Feng nickte: „Schon immer."
„Hm, das hätte ich mir von einem Mädchen wie dir nicht erwartet. Interessant."
„Das sagen die Leute andauernd", meinte Feng und griff nach ihrem Glas: „Aber ich muss zugeben, die Welt des Internets und der Videospiele wird ja auch zu einem Großteil von Männern dominiert."
„Videospiele", grunzte James mit einem Blick zu seinem Sohn: „Ist das nicht etwas für Jungs?"
„Jetzt lass sie doch", tadelte ihn seine Frau, während Feng den Kopf schüttelte und sagte: „Eigentlich nicht. Wenn man will, ist man im Internet nahezu immer anonym unterwegs. Niemand weiß, wer man ist. Außerdem haben mich meine Teamkollegen sehr gut aufgenommen. Besser als alle anderen, die ich bis dahin kennen gelernt hatte."
„Du warst in einem dieser Teams?", fragte Elizabeth erstaunt: „Ich habe ja gehört, dass es da so große Turnieren geben soll. Wie nennt man das noch gleich?"
„E-Sport", antwortete Feng: „Wir nannten uns die Lazerbears. Rückblickend ist es ein eher drolliger Name, aber damals waren wir wirklich stolz auf uns. Wir haben uns auch einigermaßen gut geschlagen. Zumindest am Anfang."
„Was ist passiert?"
„Keine Ahnung", sagte Feng und Claudette wusste, dass die Asiatin nicht ganz die Wahrheit sagte: „Irgendwie ist mit der Zeit alles auseinandergebrochen."
„Schade", kommentierte Elizabeth: „Ich finde diese ganzen neuartigen Trends ja unglaublich spannend, nicht wahr, James?"
Dwights Vater grunzte nur.
„Leider sind Computer und ich auf dem Kriegspfad miteinander. Glaubt mir, ich brauch eins dieser Geräte nur anzusehen und schon ploppen so nervige Fehlermeldungen auf. Wahrscheinlich bin ich einfach zu alt."
Elizabeth seufzte gekünstelt und das Gespräch zog sich noch ein e Weile hin, bevor es schließlich versiegte. Als Dwights Mutter aufstand, um den Tisch abzuräumen, machte Claudette bereits Anstalten ihr zu Hilfe zu eilen, aber wie immer wurde es ihr nicht erlaubt.
„Ihr drei seht so müde aus, ihr legt euch am besten hin", sagte Dwights Mutter und schickte sie damit ins Bett. Auch wenn sie es nicht gern zugab, so leistete Claudette ihr doch liebend gern folge. Sie war wirklich hundemüde, das ständige Sorgenmachen zehrte an ihren Kräften, auch wenn sie eigentlich nichts anderes tat, als zu warten. Erschöpft schleppten sie sich hinter Feng und Dwight die Treppe nach oben und putzte sich im Badezimmer unaufmerksam die Zähne. Claudettes Gedanken wanderten schon wieder in den Nebel und wie bereits die unzähligen Male vorher, konnte sie es kaum verhindern. Mehr zufällig als gewollt fiel ihr Blick in den Spiegel. Eine Kanadierin dunkler Hautfarbe starrte ihr angespannt entgegen, die Haare unordentlich zurückgebunden und die Stirn in unschöne Sorgenfalten gelegt.
Claudette Morel hatte schon immer so ausgesehen. So langweilig, so uninteressant, so furchtbar gewöhnlich. Niemals hatte sie aus der Menge herausgestochen, hatte sich irgendwie auffällig verhalten oder irgendwie das Aufsehen der Leute erregt. Die einzige Berühmtheit, die sie in ihrer alten Schule erlangt hatte, war der Titel jenes Mädchens gewesen, das man in eine schmutzige Pfütze stoßen konnte, wenn man gerade schlechte Laune hatte. Und selbst dann war sie manchmal noch unsichtbar geblieben. Genau wie jetzt auch. Wieder war sie es, die nichts unternahm, die nichts tat, die herumsaß und abwartete, in der Hoffnung, dass sich etwas ändern würde.
„Gute Nacht", wünschte Dwight im Vorbeigehen und schoss ihr einen besorgten Blick zu, bevor er in seinem Zimmer verschwand. Claudette sah ihm kurz nach und gerade als er die Tür schließen wollte, rief sie: „Warte"
„Ja?", fragte Dwight und schaute sie überrascht an, als sie zu ihm hinging. Unsicher stand sie vor ihm und wusste nicht recht, was sie eigentlich von ihm wollte.
„Ist Feng schon im Zimmer?", wollte sie nervös wissen und schaute über die Schulter.
„Ja, sie ist gerade eben reingegangen. Warum?"
Claudette antwortete nicht. Stattdessen stellte sie sich auf die Zehenspitzen und drückte Dwight hastig einen Kuss auf die Lippen. Es war eine zarte Berührung, nur ganz leicht und sie war schneller vorbei als der sanfte Schlag eines Schmetterlingsflügels. Trotzdem dauerte sie eine gefühlte Ewigkeit.
„Gute Nacht", flüsterte Claudette, drehte sich um und verschwand im Gästezimmer, bevor Dwight etwas sagen konnte.

Meg stolperte durch den dunklen Wald und konzentrierte sich auf den Boden zu ihren Füßen. Sie konnte kaum etwas erkennen, der Mond brach nur an vereinzelten Stellen durchs Geäst und die Finsternis war nahezu undurchdringlich. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt die Athletin ihre rechte Hand auf die linke Schulter gepresst und übte Druck auf den losen Verband aus. Längst waren ihre Finger von Blut benetzt worden, doch es war nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick aussah. Meg würde die Verletzung überstehen, unter der Voraussetzung, dass sie sich keine weiteren zuzog. Und höllisch weh tat es natürlich trotzdem.
Sie hob fluchend den Kopf und entdeckte den unförmigen Rücken der Hexe wenige Meter vor ihr. Die Killerin war kaum zu erkennen und hätte sie sich nicht bewegt, hätte Meg sie in der Dunkelheit wohl glatt übersehen. Zum Glück hatte Lisa die Führung übernommen und ging mit ihren scharfen Augen voraus. Meg brauchte ihr nur zu folgen.
Wieder stieg ihr ein saurer Geschmack nach Metall in den Mund. Es war das elektrische Feld des Doktors, der ebenfalls durch den Wald streifte und nach seinen Opfern suchte. Sie hatten es zum ersten Mal gespürt, kurz nachdem sie Max in Richtung des Pistolenschusses losgeschickt hatten und seitdem war es immer wieder aufgetaucht. Glücklicherweise war der Doktor stets auf Abstand geblieben und sein Feld war nie stärker als ein Windhauch geworden. Trotzdem verfluchte Meg die Entscheidung, den Hinterwäldler davonzuschicken. Natürlich vertraute sie Lisa, aber die Hexe würde es niemals allein mit dem Doktor aufnehmen können und von Meg selbst konnte sie auch keine große Hilfe erwarten. Das einzige, was sie daher tun konnten war, sich möglichst still fortzubewegen und darauf zu setzen, dass der Doktor ihnen nicht über den Weg laufen würde.
Megs Gedanken wanderten von Carter zu Nea und sie hoffte, dass es ihrer Freundin gut ging. Die beiden Schüsse konnten nur von ihr ausgegangen sein, sonst besaß im Nebel niemand eine Feuerwaffe. Die Athletin wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass zweimal geschossen worden war und auch noch in so langem Abstand. In Megs Kopf erschienen Bilder von Nea, die tot und blutüberströmt auf dem Boden lag, die Glieder unnatürlich verdreht von sich gestreckt. Der nächste Gedanke zeigte die Schwedin an einem Haken und unter ihr die grinsende Visage des Fallenstellers. Bitte nicht, betete Meg und versuchte, die Sorgen zurück zu kämpfen. Es wollte ihr kaum gelingen.
„Scht", machte Lisa flüsternd und blieb stehen. In die Hocke gehend zeigte sie nach rechts und Meg folgte ihrem Blick. In der Ferne konnte sie einen weißen Doktormantel im Mondlicht aufblitzen sehen, als er zwischen zwei Bäumen vorbeihuschte. Im nächsten Moment war Carter auch schon wieder verschwunden, nur sein elektrisches Feld verseuchte nach wie vor die Luft. Die Athletin nahm einen tiefen Atemzug und drängte ihre Angst zurück. Der Doktor war zwar in der Nähe, aber er hatte sie nicht entdeckt. Mit Sicherheit suchte er ebenfalls nach der Quelle des Pistolenschusses und so wie es ausschaute, würde er wohl vor ihnen ankommen. Meg konnte nur hoffen, dass Max Nea bereits gefunden und in Sicherheit gebracht hatte. Wahrscheinlich würde er ihr dabei einen höllischen Schrecken eingejagt haben, aber das war allemal besser als in den Klauen des Doktors zu enden.
„Wir müssen weiter", flüsterte Meg energisch, doch die Hexe hob die Hand. Sie schaute sich um und antwortete dann: „Der Mistkerl ist immer noch in der Nähe. Lisa kann ihn spüren, oh ja. Er darf uns nicht entdecken."
In diesem Punkt konnte Meg der Killerin nur zustimmen, doch gleichzeitig spürte sie, wie sich Carters teuflische Elektrizität langsam in ihre Gedanken schlich und ihren Verstand bearbeitete. Sie hatte es bereits in den Jagden erlebt und wusste, dass sie ihren Standort preisgeben würde, sollte sie dem elektrischen Feld noch länger ausgesetzt sein.
„Wir können nicht hierbleiben", drängte Meg und presste die rechte Hand immer fester auf ihre Wunde: „Wir müssen weg von ihm. Sonst findet er uns, Lisa, glaub mir."
„Der Rotzlöffel haut schon von selbst ab", gab die Hexe zurück und warf einen schnellen Blick über die Schulter zu Meg: „Halt den Kopf unten."
Meg nickte und versuchte die Schmerzen zu ignorieren, die das elektrische Feld in ihrer Wunde verursachte. Es war, als wären tausende winziger Kabel in ihre Schulter gelegt und unter immer stärkeren Strom gesetzt worden. Zudem begann sich ihr Blickfeld langsam einzuschränken. Statisches Rauschen verdeckte ihre Sicht und in den Augenwinkeln schien sie immer wieder den Schatten des Doktors zu erkennen. Natürlich wusste Meg, dass er nicht da war, dass es nur einer seiner Tricks war, doch sie wusste auch, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte. Verzweifelt presste sie die Hände gegen den Kopf und versuchte sich mit geschlossenen Augen dem Einfluss des Doktors zu entziehen. Der Schmerz in ihrer Verletzung wurde immer stärker und in ihren Ohren konnte sie ein elektrisches Knistern hören. Meg biss die Zähne zusammen. Sie musste schleunigst weg von hier, sonst würde sie dem Doktor nicht mehr entrinnen können. Ein Stöhnen entfuhr ihren Lippen, doch dann wurde das Feld mit einem Mal schwächer und war nach wenigen Sekunden komplett verschwunden. Carter war fort.
Schwer atmend öffnete Meg die Augen und presste wieder eine zitternde Hand auf ihre Wunde. Als sie sich erhob, um weiterzugehen, wollten ihre Beine sie kaum tragen und erst nach einigen Schritten hatte sie wieder ein einigermaßen sicheres Gefühl.
„Ich hasse den Bastard", murmelte Meg und stieg keuchend über eine hervorstehende Wurzel. Lisa, die bereits etwas voraus war, kicherte verstohlen und stimmte ihr nickend zu. Gerade als sie etwas sagen wollte, kehrte das elektrische Feld mit voller Wucht zurück. Beinahe wäre Meg gestürzt, hätte sie sich nicht im letzten Moment an einem Baum festhalten können.
Mit verkrampften Gliedern kniete sie sich auf den Boden und presste die Hände vors Gesicht. Sie wollte sich dem Doktor verschließen, im keinen Einlass in ihren Kopf gewähren. Ihr Verstand gehörte ihr, ihre Gedanken gehörten ihr. Meg zitterte am ganzen Körper. Er durfte sie nicht brechen. Sie durfte sich nicht brechen lassen. Sie musste sich ihm wiedersetzen. Es half alles nichts. Benommen hörte sie ihren eigenen langgezogenen Schrei.

Jake erwachte aus einem seiner unzähligen Delirien, die er in den letzten Tagen durchlitten hatte. In der Dunkelheit des eisigen Kellers konnte er kaum etwas sehen und es kam ihm so vor, als wäre er bereits seit Jahren in den grausamen Tiefen des Nebels gefangen. Sein Körper war völlig zerschunden, sein Gesicht von Wunden entstellt. Er hatte Blut verloren und seine Gedanken wollten keinen klaren Bahnen folgen. Der Fallensteller hatte dafür gesorgt, dass Jake zu benebelt war, um an eine Flucht zu denken.
Nicht, dass er irgendeine Chance gehabt hätte, sich aus den Ketten zu befreien, mit denen er an einen der vier Haken gefesselt worden war. Seine Arme spürte er schon lange nicht mehr und sein Rücken hatte einen Krampf nach dem anderen erlitten. Mit hängende Kopf versuchte er die Welt um sich herum wahrzunehmen, doch es gelang ihm nicht. Er war sich sicher, dass er irgendetwas gehört hatte. Etwas Lautes. Etwas, das von oben kam.
Aber er hatte sich schon so oft getäuscht. Immer wieder hatte er Personen in der Finsternis gesehen und Stimmen gehört. Da war Ace gewesen, David und Meg, wie sie irgendetwas sagten, doch er konnte nichts verstehen. Auch seine Mutter hatte ihn als verzerrte Gestalt besucht, hatte versucht ihn zu berühren, doch gerade als Jake ihre Hand auf seiner Wange gespürt hätte, war sie wieder verschwunden. Sie waren nichts weiter als Halluzinationen. Fieberträume.
Ein Schatten schob sich in sein Blickfeld, doch Jake schenkte ihm keine Beachtung. Warum auch? Er war ohnehin verloren und wenn der Fallensteller endlich gekommen war, um ihm ein Ende zu setzen, dann würde er dies nur begrüßen. Wenn es nicht der Fallensteller war, dann war es ein weiteres Gespenst seines Verstandes und von diesen hatte Jake bereits so viele gesehen, dass es die Energie nicht wert war, den Kopf zu drehen.
Lautlos schob sich der Schatten von der Treppe herüber und bewegte sich langsam durch den dunklen Keller. Jake konnte seinen eigenen Puls in seinen Ohren hören, der alles andere übertönte. Allerdings gab es auch nicht viel zu hören. Vielleicht war er ja auch bereits tot und wusste es nur noch nicht. Es war scher zu sagen, wenn man sich regungslos in völliger Dunkelheit befand.
Etwas bewegte sich in der Finsternis direkt vor ihm und wie aus Reflex hob Jake nun doch den Kopf. Sein Blick fiel auf einen weißen Hasen, der ihn mit schwarzen, neugierigen Augen anstarrte. Die Ohren hatte das Kaninchen steil nach oben gestreckt, ganz so als ob es nach Räubern lauschen würde. Und nun saß es da, direkt vor ihm und schaute ihn an. Jake ließ den Kopf wieder fallen und schloss die Augen. Wahrscheinlich war sein Verstand endgültig den Bach runtergegangen.
Irgendetwas zitterte. Es war der Pfahl, an den er sich gelehnt hatte. Oder war er es selbst? Schwer zu sagen, wenn einem der ganze Körper wehtat und alle anderen Sinneseindrücke von Schmerzen überdeckt wurden. Dann geschah irgendetwas mit seinen Armen und das nächste, was Jake bemerkte, war der Boden, der sich entfernte und die vier Haken, die in der Dunkelheit verschwanden. Es war als würde er schweben. Die Treppe hinauf.
„Sie hat ihn", keuchte Nea und beobachtete Anna, die gerade eben in dem dunklen Loch erschienen war. Über der Schulter trug sie einen leblosen Körper und die Schwedin erkannte sofort schwarze Haare und eine dunkelgrüne Jacke. Jake war offenbar schwer angekettet gewesen, denn Nea hatte die Jägerin mehrmals mit ihrer Axt auf etwas Metallenes einschlagen gehört, bevor das Rasseln zu Boden fallender Ketten ertönt war. Keuchend trug Anna den Überlebenden herüber und legte ihn vorsichtig auf den Tisch, an dem Sally und Nea erschöpft Platz genommen hatten.
„Oh mein Gott", keucht Nea, als ihr Blick auf Jakes Körper fiel. Er war kaum wiederzuerkennen. Zahllose blaue Flecken, Prellungen und Schnitte entstellten sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit. Sein linker Arm schien ausgekugelt zu sein und an Jakes rechtem Bein entdeckte Nea eine schmutzige Wunde, die nur von einer Bärenfalle stammen konnte.
„Er sieht gar nicht gut aus", kommentierte Sally und suchte nach einem Puls: „Aber er lebt. Wir müssen ihn schnellstens hier rausbringen."
„Lisa, wo bist du?", murmelte Nea und schaute hilflos zur Tür. Anna hatte sich derweil etwas hinter Sally postiert und beobachtete Jake mit neugierigem Blick. Offenbar erkannte sie ihn, doch sie wusste wohl nicht so recht, wie sie mit ihm umgehen sollte. Bisher hatte sie Jake schließlich nur als Beute erlebt, die ihr furchtbare Schmerzen verursachen konnte, sollte sie ihr entkommen. Aber diese Zeiten waren jetzt vorbei.
„Können wir nicht etwas für ihn tun?", fragte Nea verzweifelt und schaute fragend zu Sally, die nur den Kopf schüttelte: „Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen. Ich kann ihn nicht versorgen, wir haben keine Medikamente, kein… Was war das?"
„Was?", fragte Nea nervös und schaute kurz zu Anna, die ebenfalls den Blick hinaus in den Wald gewendet hatte: „Was ist los?"
„Ich glaube…", murmelte Sally: „Verdammt… Meg!"

Eilig lief Lisa zu Meg und presste eine Pranke auf ihren Mund, doch es war bereits zu spät. Die Athletin war dem widerwärtigen Einfluss des Doktors zum Opfer gefallen und hatte ihre Position preisgegeben. Sofort wuchs die Intensität des elektrischen Felds und Meg ging schwer atmend zu Boden. Keuchend lag sie auf allen vieren, bevor sie von der Hexe hastig nach oben gezogen wurde.
„Lauf", krächzte Lisa: „Schnell! Lisa lenkt ihn ab."
„Wenn er dich kriegt…"
„Lisa kommt schon klar", rief die Hexe und gab Meg einen Stoß, der sie nach vorne beförderte. Die Überlebende hatte kaum Zeit zu überlegen, denn das elektrische Feld war bereits gefährlich stark geworden. Als sie in gar nicht allzu großer Ferne einen Zweig brechen hörte, nahm sie die Beine in die Hand und rannte davon. Sie folgte der Richtung, in der sie den Pistolenschuss gehört und in die sie Max losgeschickt hatten. Hoffentlich würde Meg den Hinterwäldler bald finden, er war wohl der einzige, der sie vor dem Doktor würde bewahren können.
Lisa hielt derweil nach Carter Ausschau und rannte ihm etwas entgegen. In Gedanken plante sie bereits einen Fluchtweg und eilig schaute sie sich nach Bäumen um, die sie mit Leichtigkeit würde erklimmen können. Etwas brach durchs Unterholz und ein Rabe flog auf, sodass Lisa den Kopf drehte und nach dem Verursacher des Geräusches suchte. Sie konnte den Doktor nicht entdecken, auch wenn die Stärke seines elektrischen Feldes indizierte, dass er gefährlich nahe sein musste.
Dann sah sie ihn. In einiger Entfernung rannte er zwischen zwei Bäumen hindurch und sprang mit fliegendem Mantel über eine Wurzel. In den verkohlten Händen hielt Carter seinen eisernen Stock und mit Schrecken erkannte Lisa, dass sein Blick auf direkt auf Meg gerichtet war, die gerade hinter einer Tanne verschwand. Aber die Hexe war zu weit entfernt, um eingreifen zu können. Hilflos sah sie zu, wie der Doktor mit verrückter Entschlossenheit die Verfolgung aufnahm und in Windeseile den Weg zurücklegte, den die Athletin gerade eben entlanggelaufen war.
Meg tat derweil, was sie am besten konnte und rannte durch den Wald. Sie hörte nichts außer ihre Puls und dem elektrischen Feld des Doktors. Ihre Beine waren schwach und jeder Schritt schmerzte. Megs Muskeln protestierten, sie waren erschöpft und brauchten Ruhe, doch sie musste weiter. Sie konnte sich keine Pause gönnen. Wenn Carter sie erwischte, war es aus mit ihr. Zum Glück hatte sich Lisa dazu entschlossen, ihn abzulenken und Meg hoffte, dass es ihr ebenfalls gelingen würde, dem Doktor zu entwischen.
Sie war einen schnellen Blick über die Schulter und was sie sah, ließ ihren Atem stocken. Dort in der Ferne entdeckte sie die sadistisch grinsende Visage des Doktors, dessen glühende Augen direkt auf sie gerichtet waren. Mit unmenschlicher Kraft sprintete er ihr hinterher und brach dabei durch das Unterholz als wären es Grashalme. Meg schaute wieder nach vorne und panische Angst beflügelte ihren Schritt. Die Wunde in ihrer Schulter brannte höllisch und sie fühlte sich, als würde ihr Arm jeden Moment abgetrennt werden, doch es war nichts im Vergleich zu der schieren Angst, die der Doktor in ihr auslöste. Meg rannte so schnell sie konnte.
Hastig duckte sie sich unter einem Ast hindurch und wäre beinahe über einen Stein gestolpert. Sie konnte sich gerade noch fangen und lief weiter, während ihre Zehen schmerzhaft zu Pochen begannen. Angst, Schmerz und Verzweiflung trieben ihr Tränen in die Augen und der Wald vor ihr verschwand hinter einem engen Tunnelblick. Sie konnte kaum sehen, wohin sie ihre Beine trugen. Ihre Gedanken versanken in einem Ozean aus purer Furcht und sie konnte an nichts anderes denken als an blinde Flucht.
Nach einigen Momenten, die ihre wie eine Ewigkeit vorkamen, warf sie einen weiteren Blick über die Schulter, der ihr zeigte, dass der Doktor um mehrere Meter aufgeholt hatte. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Jagd zu Ende war und schluchzend kämpfte sich Meg weiter. Unter keinen Umständen wolle sie in seine Hände fallen. Sie wollte nicht sterben. Sie hatte es Claudette versprochen.
Den Blick auf den Boden gerichtete preschte sie davon und erst nach einem Moment fiel ihr auf, dass der Waldboden einer ebenen Wiese gewichen war. Eilig hob sie den Kopf, doch bevor sie abbremsen konnte, prallte die Athletin gegen ein Hindernis. Es war weich, elastisch, doch es gab nicht nach und Meg wurde zurück auf den Boden geschleudert. Für einen Sekundenbruchteil wurde ihr schwarz vor Augen und panisch versuchte sie ihre Sicht zurückzuerlangen. Eilig blickte sie nach oben und entdeckte eine hochaufragende Person, bewaffnete mit einer Axt und das Gesicht hinter einer Hasenmaske verborgen.
„Anna", rief Meg und wollte vor Erleichterung fast weinen, doch sofort drängte sich die drohende Gefahr zurück in ihre Gedanken. Hastig versuchte sie sich aufzurappeln, was ihr erst gelang als die Jägerin ihre Schulter packte und sie auf die Beine zog.
„Anna", rief Meg und brachte es kaum fertig ein Wort hervorzubringen: „Anna… er… er kommt… der Doktor… da."
Sie zeigte panisch zurück in den Wald, doch der Blick der Jägerin war bereits an ihr vorbeigeschossen und ruhte aus etwas, das hinter Meg lag. Hastig drehte sich die Athletin um und entdeckte Carter, der schwer atmend am Waldrand stehengeblieben war. Der Stock zitterte in seinen Händen und knisternden Blitze entluden sich in seiner Umgebung. Im nächsten Moment wurde Meg auch schon von der Jägerin nach hinten gezogen, die sich schützend vor sie stellte. Erst jetzt bemerkte Meg, dass Anna blutüberströmt und offenbar verletzt war, denn ihre Haltung war lange nicht so aufrecht und bedrohlich wie sonst immer.
„Meg", flüsterte eine Stimme und die Athletin richtete den Blick zur Seite. Im Eingang zu einer großen Holzhütte erkannte sie Sally, die mit entblößtem Kopf und vor Schmerzen gekrümmt die Hand zu ihr hinstreckte. „Komm hier her."
Meg ließ sich nicht zweimal bitten und stolperte hinüber zu Sally, die sich jedoch an ihr vorbeischob und hinaus auf die Wiese trat. Unter höchster Anstrengung stellte sich die Krankenschwester neben Anna und richtete ihren Blick auf den Doktor, der die Szene wütend beobachtete.
„Herman", rief sie, woraufhin Carter seine linke Hand nach oben riss und mit elektrischer Energie auflud.
„Halte mich nicht zum Narren, Sally", brüllte der Doktor und machte einen Schritt nach vorne: „Gib mir die Schlampe, oder ich bring euch alle um. Ich schwöre euch…"
Anna begann zu knurren und Sally konnte sich kaum auf den Beinen halten. Es war sinnlos zu verhandeln, doch sie musste es versuchen. Carter war gefährlich, er war stark und wütend und Anna war die einzige, die ihm die Stirn bieten konnte. Unglücklicherweise war die Jägerin von ihrem letzten Kampf derart mitgenommen, dass sie wohl kaum eine Chance hatte.
„Herman", rief Sally erneut: „Ich bitte dich, hör mir zu. Wir…"
„Warum sollte ich dir zuhören?", brüllte Carter und spuckte aus, während er immer noch knisternde Elektrizität in seiner Hand speicherte: „Ich werde nicht nochmal fragen. Rück die Göre raus."
„Du wirst sie umbringen", stelle Sally fest: „Oder Schlimmeres. Das kann ich nicht zulassen."
„Was interessiert es dich, was ich mit ihr mache?", fragte Carter wütend und machte einen weitern Schritt nach vorne, sodass er auf halb Weg zwischen Wald und Hütte stand. Er hatte wahrscheinlich bereits bemerkt, dass Anna nicht auf der Höhe ihrer Kräfte war und würde wohl jeden Moment angreifen. Meg blickte panisch von der Jägerin zum Doktor und wieder zurück. Aber sie konnte nichts tun, als hilflos zuzuschauen.
Ein Ast brach hinter Carter und alle Blicke wandten sich der Hexe zu, die aus dem Wald geschossen kam. Sie blieb einige Meter hinter dem Doktor stehen und für eine Sekunde sagte keiner ein Wort. Carters Blick schoss zwischen ihr und Anna hin und her. Dann blickte er zu Sally und anschließend wieder zu Lisa.
„Herman", sagte Sally flehend, doch dann ging alles rasend schnell. Der Doktor fuhr herum und entlud die Elektrizität in seiner Hand in Richtung der Hexe. Lisa wurde mit voller Wucht getroffen und ging zu Boden, doch noch bevor sie aufschlug, war Carter bereits in Annas Richtung davongestürmt. Mit hoch erhobenem Stock kam er auf die Jägerin zugeflogen. Meg trat bei dem Anblick reflexartig einen Schritt zurück und stolperte panisch, wodurch sie erneut auf dem Boden landete. Im Fallen begriffen konnte sie sehen, wie Sally zur Seite sprang und Anna ihre Axt nach oben riss, um den Hieb des Doktors zu parieren. Dann prallte sie auf den Boden auf und die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst. Eilig hob sie den Kopf und versuchte aufzustehen, während die sich Jägerin dem Doktor entgegenstellte.
Anna kämpfte mit aller Kraft, doch sie hatte keine Aussichten auf Erfolg. Beinahe lachend packte der Doktor ihre Axt am Schaft, nachdem sie zweimal nach ihm geschlagen hatte. Mit einem Ruck zog er die Waffe nach hinten und brachte Anna aus dem Gleichgewicht. Die Jägerin fiel nach vorne und Carter rammte sein Knie in ihren Magen, bevor er seinen Stock auf ihren Rücken krachen lies. Gerade als er zum finalen Schlag ausholen wollte, gellte ein langgezogenes Krächzen durch die Luft und Sally erschien wie aus dem Nichts zwischen ihm und der Jägerin. Sie hatte die Hand nach oben gehoben und konnte seinen Schlag abblocken, bevor er ihn richtig ausgeführt hatte. Mit wütendem Knurren schlug Carter ihre Hand zur Seite und rammte seine Faust in ihr Gesicht. Mit einem schrei flog Sally auf den Boden und Carter schaute ihr knurrend nach, bevor er sich wieder Anna zuwandte.
Die Jägerin hatte sich bereits halb erhoben und ging nun mit ihren bloßen Händen auf Carter los. Der Doktor lachte abschätzig und packte Anna an der Gurgel, bevor sie sich auf ihn stürzen konnte. Wieder knisterten Blitze seinen Arm entlang und entluden sich an Annas Hals, die gequält aufstöhnte. Die Elektrizität fuhr durch den Körper der Jägerin und ließ ihre Glieder unkontrolliert umherzittern. Carter lachte laut auf, als Anna erfolglos versuchte nach ihm zu schlagen. Im nächsten Moment wurde der Doktor jedoch nach hinten gerissen und ließ die Jägerin fallen, die erschöpft auf den Boden zusammenbrach. Überrumpelt und wütend schaute er sich nach dem neuen Angreifer um, der es wagte Hand an ihn zu legen.
„Anna", grunzte Max und stellte sich Carter knurrend entgegen. Der Doktor überlegte keine Sekunde lang und ließ seinen eisernen Stock auf das Gesicht des Hinterwäldlers niederrauschen. Krachend wurde Max getroffen und duckte sich zur Seite weg, doch Carter setzte ihm nach. Erneut holte er mit seinem Stock aus, dieses Mal traf es Max am Hals. Der Schlag hätte wohl einen Ochsen getötet, doch der Hinterwäldler steckte ihn ein, als ob nichts passiert wäre. Grunzend blockte er mit seinem linken Unterarm den dritten Hieb des Doktors ab und riss anschließend das Objekt in seiner rechten Hand nach vorne.
Krachend traf der Schlachthammer die Visage des Doktors und eine Mischung aus Blut und Metallsplittern flog umher. Carter stöhnte auf und machte einen Schritt nach hinten, doch Max setzte ihm sofort nach. Der Hinterwäldler war wütend. Der Hinterwäldler hatte genug. Brüllend hob Max seinen Hammer über den Kopf und ließ ihn nach unten fahren. Carter hob schützend einen Arm und Meg konnte seine Knochen brechen hören, als die Waffe des Hinterwäldlers ihr Ziel fand. Schreiend ging Carter zu Boden und kassierten den dritten Hieb auf den Rücken.
Max trat keuchend zurück und der Doktor blieb zitternd liegen. Nach einem Moment presst er seinen unverletzten Arm gegen den Boden und versuchte aufzustehen. Mühsam kam er auf die Knie und tastete mit durch Blut geblendete Augen nach seinem Stock, den er erst nach mehreren Sekunden fand. Wütend knurrend hob er die Waffe vom Boden auf und fuhr herum, gerade als ein ohrenbetäubendes Kreischen ertönte. Max hatte seine Kettensäge angeworfen und in den Augen des Doktors zeigte sich nichts weiter als kalte Angst.
Meg drückte eilig den Kopf zu Boden und versteckte ihr Gesicht im Gras. Sie wollte nicht mitansehen was nun folgte, doch ihre Ohren hielten sie auf den Laufendem. Schlagartig änderte sich das Geräusch der Kettensäge, als sie auf das graue Fleisch des Doktors traf. Blut spritze über die Wiese, Fleischbrocken wurden gewaltsam abgetrennt und polterten gegen die Hüttenwand. Der Schrei des Doktors wurde innerhalb eines Sekundenbruchteils zu einem unkontrollierten Röcheln, das jedoch vom Heulen der Kettensäge übertönt wurde. Max brüllte und zog seine Waffe nach oben, sodass sie sich durch den Oberkörper des Doktors hindurchfraß und diesen dabei entzweite. Krachend brach die Kettensäge an der rechten Schulter des Killers hervor, dessen Überreste dumpf zu Boden fielen. Der Hinterwäldler knurrte kurz und zog an einem Hebel.
Stille kehrte ein.
Krähen flatterten auf.
Meg hob den Kopf.
„Anna", grunzte Max und war bereits auf halbem Weg zur Jägerin, die regungslos am Boden lag. „Anna, Anna"
Sally hatte sich unterdessen halb aufgerappelt und schaute dem Hinterwäldler nach, bevor ihr Blick über Meg zu Lisa fuhr, die am Waldrand zu Boden gegangen war. Zwei Hände packte Meg und zogen sie nach oben. Nach einem Moment der Anstrengung gelang es der Athletin sich zu erheben und erschöpfte drehte sie sich zu Nea um, die ihr aufgeholfen hatte. Sie erkannte, dass die Schwedin am Bein verletzt worden war und nur mit Mühe stehen konnte. Sally war derweil zu Lisa hinübergestolpert und bemerkte erleichtert, dass die Hexe Anstalten machte, aufzustehen. Sie lebte. Kurz schüttelte die Killerin den Kopf und sagte dann: „Der Rotzlöffel hat Lisa ganz schön erwischt."
„Geht es dir gut?", wollte Sally wissen, ging jedoch selbst entkräftet zu Boden. Die Hexe nickte erschöpft und entgegnete: „Besser als dir auf jeden Fall."
Sally lächelte müde und fragte anschließend: „Hast du Philip und David getroffen?"
„Sie sind raus", antwortete Lisa und rappelte sich auf: „Herman hat die beiden ganz schön aufgemischt, oh ja, das hat er. Aber nicht mit der alten Lisa." Sie streckte Sally eine Hand hin und half der Krankenschwester auf die Beine. Anschließend diente sie ihr als Stütze und sagte: „Lisa hat sie hinausgeschickt, gerade noch so. Sie sind in Sicherheit."
„Dann haben wir´s geschafft", murmelte Sally und schaute zu Anna. Zitternd versuchte die Jägerin aufzustehen, was ihr allerdings erst mit tatkräftiger Unterstützung durch den Hinterwäldler gelang. Auf wackeligen Beinen schaute sie sich um und ging schließlich hinüber zu ihrer Axt, die einige Meter entfernt auf dem Boden lag. Stöhnend hob sie die Waffe vom Boden auf und wurde dabei von Meg und Nea beobachtet, die sich gegenseitig stützten.
„Was ist mit dem anderen Kerl?", wollte Lisa wissen und Sally antwortete: „Jake ist in Sicherheit. Wir haben ihn dort im Haus, aber er ist schwach und verwundet. Er braucht einen Arzt, Lisa. Einen richtigen."
„Dann also nichts wie raus hier", kicherte die Hexe und ging an die Arbeit.

Meg schlug die Augen auf und tastete nach Nea, die beim Durchschreiten des schwarzen Nebels plötzlich verschwunden war. Erschrocken schaute sich die Athletin um und entdeckte die Schwedin ein paar Meter zur ihrer Rechten. Erleichtert lächelten sich die beiden an, dann wandten sie den Blick nach vorne.
Das Gras unter Megs Füßen war nass, es hatte wohl geregnet. Die Luft war eisig frisch und es tat so unendlich gut, dem fauligen Gestank des Nebels zu entkommen. Es gab nichts Klareres, nichts Reineres als die ersten Stunden nach einem heftigen Wolkenbruch und als Meg nach vorne Schaute, erkannte sie, dass sie sich auf demselben Hügel befand, auf dem sie bereits das erste Mal herausgekommen war. Vor ihr erstreckte sich Waltonfield und lag friedlich schlummernd da, während am Horizont gerade die Sonne hinter den Wolken hervorbrach. Die hellen Strahlen ließen weiße Nebelschwaden aufleuchten und kitzelten Meg and der Nase.
Sie hörte jemanden husten und kurz darauf stolperte Anna in ihr Blickfeld. Die Jägerin schaute sich kurz um, entdeckte dann Meg und Nea und setzte ein freundliches Lächeln auf. Mit einem dumpfen Schlag fiel ihre Axt zu Boden, bevor sie sich ins Gras setzte.
Nun humpelte auch der Hinterwäldler an Meg vorbei und ließ Jake, den er getragen hatte, vorsichtig zu Boden gleiten. Anschließend tastete er aufgeregt nach dem feuchten Gras unter seinen Füßen und hob anschließend den Blick in Richtung der aufgehenden Sonne. Mit ausgestrecktem Arm wollte er seine Augen vor dem grellen Licht schützen und ausgelassen drehte er sich zu den Überlebenden um.
„Meg", rief er eifrig und gestikulierte in Richtung der Stadt: „Meg"
„Ich seh´s", kommentierte die Athletin und ließ sich ebenfalls ins Gras sinken. Tränen der Erleichterung stiegen ihr in die Augen und endlich konnte sie sich erlauben, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Zitternd fiel sie auf den Rücken und lag einfach nur schwer atmend da.
„Meg?", fragte Max nervös und humpelte zu ihr hinüber. Sally hielt ihn behutsam zurück und sagte leise: „Sie ist nur müde, Max."
Max nickte und grunzte: „Sally"
Er hatte offensichtlich verstanden. Die Krankenschwester hielt sich an ihm fest und schaute den Hügel hinab. Ein Polizeiauto stand einige hundert Meter entfernt auf einer Straße und zwei Beamten schauten den Hügel hinauf. Einer der beiden schickte sich an, zu den Killern heraufzukommen, während der andere im Wagen nach einer Funkanlage griff.
„Das war´s", murmelte Sally und konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Müde fiel sie zu Boden, wurde allerdings von Max aufgefangen und sachte ins Gras gelegt.
„Danke, Max", stöhnte sie und tätschelte seinen Arm, bevor sie die Augen schloss. Dem Hinterwäldler schien das zu gefallen und er gluckste belustigt. Dann schaute er sich um und wollte bereits hinüber zu Anna laufen, bevor er innehielt und anschließend grunzte: „Lisa"
„Was ist mit Lisa?", wollte Sally wissen und schlug die Augen wieder auf.
„Lisa", grunzte Max erneut und zeigte in Richtung des Waldes. Sally folgte seinem Blick, doch sie konnte die Hexe nicht entdecken. Besorgt drehte sie den Kopf und schaute sich um. Zuerst nach links, dann nach rechts und schließlich den Hügel hinab. Lisa war nirgends zu sehen.

Eilig lief die Hexe durch die Gänge des Institutes und versuchte das Flüstern zu ignorieren, das bereits seit langem in ihren Ohren lag. Der Zauberrabe war überall und auch wenn er geschwächt war, so hatte er keine Absicht, seine Existenz einfach so aufzugeben. Er wollte nicht verschwinden. Er wollte seine Macht wiedererlangen. Er wollte wieder töten.
Und all das sagte er Lisa, flüsterte er ihr ins Ohr und versuchte sie mit Versprechungen und Schmeicheleien zu überzeugen. Doch es half nichts. Die Hexe war eine der stursten Personen auf dem Planeten und ihre Entscheidung stand schon seit langem fest. In der Hand hielt sie das blaue Gerät des Doktors und immer wieder warf sie es verspielt in die Luft, während sie ein verträumtes Lied aus ihrer Kindheit summte. Es war schon so lange her.
Nach einer Weile erreichte sie die zentrale Behandlungskammer, in der sie David aus den Fängen des Doktors befreit hatte und schwang sich auf den Schreibtisch des mittlerweile verschiedenen Genies. Gemütlich ging sie in die Hocke, während sie nachdenklich über den Skizzen und Schriften Herman Carters brütete. Einen Augenblick später hatte sie auch schon gefunden, was sie gesucht hatte. Dort stand alles geschrieben, alles was sie wissen musste. Zum Glück hatte Sally ihr in ihrer langen Zeit im Nebel das Lesen beigebracht, sonst wäre sie jetzt wohl aufgeschmissen gewesen.
Der Zauberrabe flüsterte ihr immer energischer ins Ohr und schien langsam wütend zu werden. Doch mit seiner Wut ging ein neues Gefühl einher. Ein Gefühl, von dem er sich bisher immer nur ernährt und das er noch nie zuvor verspürt hatte. Furcht.
„Psssst", machte die Hexe und legte einen Finger auf Lippen: „Lisa muss sich auf die Buchstaben konzentrieren."
Wie erwartet hielt die Stimme nicht inne und entnervt verdrehte sie die Augen. Eifrig wandte sich Lisa wieder den Zeilen zu und las geschwind über den Text, von dem sie nur das Wenigste wirklich verstand. Doch was sie wissen wollte, das wusste sie jetzt. Sie hob den Kopf und schaute durch den Raum. Den Hebel, den sie suchte, entdeckte sie direkt hinter dem Krankenbett, das mit all den Fesseln zu einer wahren Folterbank umgebaut worden war.
„Da ist er ja", rief sie triumphierend und krabbelte über den Boden auf das Gerät zu. Eine Passform befand sich direkt daneben und als sie das blaue Steinchen in die Vertiefung drückte, passte es perfekt. Das Flüstern in ihrem Ohr schwoll zu einem verzweifelten Rauschen an und Lisa verstand nur noch einzelne Worte, wobei sich jedoch klar herausstellt, dass die Stimme der Hexe die Pest an den Hals wünschte.
„Lisa glaubt, dass das jetzt ein bisschen wehtun wird", bemerkte die Killerin und bevor sie den Hebel nach unten zog, fügte sie hinzu: „Sie hofft, dass es das tut."