„Wir haben nichts." Esposito ließ sich auf seinen Stuhl fallen, das Möbelstück ächzte unter dem plötzlichen Gewicht, und Kate widerstand das gleiche Geräusch auszustoßen.
Sie waren, leider, immer noch ahnungslos, warum Ben Willis Sue Longreach durch die Stadt gefolgt war. Die Finanzen waren gut. Der Hintergrund sauber.
„Wir könnten ihn unter Beobachtung stellen?", schlug Ryan vor, seine Finger ballten sich zu Fäusten, während er das Bild ihres Verdächtigen anschaute. Er schien die neueste Entwicklung als persönliche Beleidigung zu nehmen. Entweder das, oder er griff nach Strohhalmen…
„Ich kann die Arbeitsstunden nicht genehmigen." Sie verzog ihr Gesicht. Sie hatte sich nie viel Gedanken um Montgomery oder Gates gemacht, als sie solche Anträge gestellt hatte, den Fall zu lösen ihre einzige Priorität. Wie die Dinge sich verändert hatten, und zum Schlimmeren.
„Ernsthaft, Captain?" Espo schaute sie finster an – genau wie sie es in der Vergangenheit getan hatte – stand genervt da. „Wir sind wortwörtlich in einer Sackgasse, denn, wenn wir es nicht schaffen etwas an diesem Typen zu finden, bleibt er frei."
„Hey."
Sie drehte sich zu Castles Stimme und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Alexis stand zögerlich an der Seite ihres Vaters, ihr Blick flackerte zu den Jungs und dann zu Kate.
„Hi, Alexis." Sie trat vorwärts, umarmte den Rotschopf, und ignorierte das empörte Geräusch, das ihr Ehemann von sich gab, als sie ihn ignorierte. „Was bringt dich hier her?"
„Nichts. Unterricht ist wegen eines Stromausfalls im Vorlesungssaal ausgefallen, also waren wir Kaffee trinken. Oder Dad hat Kaffee getrunken, während ich versucht habe, ihn davon zu überzeugen, dass er durchgeknallt ist." Alexis verdrehte ihre Augen.
„Warum glaubt das jeder?", erhob Castle seine Stimme und warf seine Hände in die Luft. „Es ist eine gute Idee."
„Was ist eine gute Idee?", fragte Ryan, ehrlich interessiert.
„Frag nicht", warf Kate ein, bevor Castle anfangen konnte. Es war schlimm genug, dass er die letzte Nacht damit verbracht hat, ihr zu erklären, dass sein Vorschlag eine Familientagestätte zu eröffnen, vernünftig war; die Tatsache, dass er dann den Morgen damit verbracht hat seine Tochter damit zu bedrängen, machte es noch verrückter.
„Yo, Castle, wenn du heute nichts vorhast, könntest du all diese Privatdetektivstunden nutzen und Mr. Willis folgen. Beckett weigert sich uns zu lassen."
„Das habe ich nicht gesagt."
„Du willst es nicht bezahlen."
„Ich bezahle auch Castle nicht."
„Du kannst ihn auf andere Art bezahlen."
„Iiihhh," unterbrach Alexis, zum Glück, bevor sie Espo für seine Dummheit verletzen musste.
„Und ich kann nicht", warf Castle ein. „Er hat mich mit Kate am Tatort gesehen. Ihr könntet Hayley anrufen, fragen ob sie euch einen Gefallen tut?"
Nickend, griff Kate nach ihrem Handy; sie würde auch nicht in der Lage sein die Zeit der Privatdetektivin zu bezahlen, aber ihr einen Gefallen zu schulden, war nicht so schlimm, wie einen Killer entkommen zu lassen.
„Können sie nicht, Dad, Hayley ist in DC und arbeitet an ihrem eigenen Fall. Aber ich kann." Alle wandten ihren Blick zu Alexis, Einwände von allen vieren vermischten sich zu einem allgemeinem „Nein." Nicht, dass ihre Argumente ihre Stieftochter davon in irgendeiner Weise abhalten würden.
„Ich kann es", wiederholte sie. „Er hat mich nicht gesehen und ich weiß, was ich tue. Es wird einfach sein, ihm zu folgen und zu sehen, ob irgendwas Ungewöhnliches passiert." Alexis schaute Castle eindringlich an. „Ich werde nichts Gefährliches tun, ich verspreche es."
Der Kampf in Castle war offensichtlich, und Kate unterdrückte das Bedürfnis es Alexis zu verbieten, nur um den Ausdruck von seinem Gesicht zu wischen. Aber sie hatten beide eingesehen, dass seine – bald - älteste ihren eigenen Weg in ihrem sich ständig verändernden Leben finden musste. Dass das letzte Jahr die Hölle gewesen war, nicht nur für sie, sondern auch für seine Tochter, gezwungen ihrer Genesung von ihren Schusswunden zuzusehen, nur um dann ihre beste Freundin zu verlieren.
„Nichts Dummes, Alexis." Rick deutete mit einem Finger, als wäre sie sechs und er hätte etwas Kontrolle über ihr Leben. „Du gehst nicht zu ihm, und du rufst jede halbe Stunde an."
„Jede Stunde. Und ich nehme das Pfefferspray mit."
Rick wischte mit seinem Finger über den Bildschirm seines Handys. Die Bewegung erweckte es zum Leben, aber bewies nur, dass es keine verpassten Anrufe gab. Alexis war zwanzig Minuten zu spät mit ihrem Anruf.
„Es ist fast fünf. Vielleicht hat sie aufgegeben und ist nach Hause gegangen?" Kate hob eine Augenbraue in seine Richtung, schaute nicht von ihrem Papierkram hoch, durch den sie sich den Nachmittag über langsam gearbeitet hatte. Er hatte geholfen, größtenteils mit Gesellschaft und sicherstellen, dass sie genug trank, aber die Zeit verging trotzdem schleichend.
„Hi."
Er sprang von der Couch auf und stürmte zu seiner Tochter in der Tür, ihr Winken zum Gruß erstarrte in der Luft. „Du bist spät."
„Ich habe nicht mitbekommen, dass ich zu einer festen Zeit zurückkommen sollte."
Er wedelte mit seinem Handy als Antwort, und sie verdrehte ihre Augen. Verdrehte tatsächlich ihre Augen in seine Richtung! „Ich war auf dem Weg hierher, also war es sinnlos anzurufen. Ich dachte ich liefere meinen Bericht persönlich ab."
„Hast du etwas, Alexis?", unterbrach Kate und Castle warf verzweifelt seine Hände in die Luft.
„Ja und nein." Seine Tochter trat ins Büro, die Jungs hinter ihr.
„Also wie ist es gelaufen, Red?" Espo gab seiner Tochter einen sanften Fauststoß, ihre Freundschaft lockerte die Panik, die sich um sein Herz gelegt hatte. Selbst, wenn sie Schwierigkeiten hätte, ihre Familie wäre sofort bei ihr.
„Ich bin Mr. Willis ohne Probleme durch die Stadt gefolgt, und er schien auch nicht misstrauisch zu sein. Wanderte locker in und aus der U-Bahn, schaute nie über seine Schulter. Wenn er euer Killer ist, dann hat er sich nicht so verhalten." Alexis zuckte ihre Schultern, schob ihre Tasche von ihrer Schulter. „Er hat nach neuen Tagesstätten gesehen. War insgesamt bei vier. Sie schienen okay zu sein. Außer der letzten."
Castle hob eine Hand, signalisierte ihr aufzuhören. „Woher weißt du, dass die gut waren?"
„Oh, naja, nachdem er fertig war und nach Hause ging, habe ich seine Spur zurückverfolgt. Ich habe einfach vorgegeben, dass ich eine werdende Mutter bin, die ihre Adresse von Freunden bekommen hat, und sie haben mich ohne Probleme reingelassen."
Er blinzelte, sein Unterkiefer klappte herunter. „Du hast was?"
Alexis zog ihre Augenbrauen zusammen, stoppte ihre Suche in ihrer Tasche. „Was?"
„Du bist keine werdende Mutter. Du bist nicht mal alt genug um eine Mutter zu sein." Er deutete zwischen sich selbst und Kate hin und her. „Wir sind werdende Eltern."
Seine Tochter, Esposito, und Beckett glucksten, als hätte er etwas Lustiges gesagt. Das war nicht lustig. Wenigstens Ryan tätschelte seinen Rücken mitfühlend.
„Entspann dich, Dad. Und schau," sie zog ihre Hand aus ihrer Tasche, Finger um farbige Papiere gelegt. „Ich habe dir und Kate ein paar Flyer mitgebracht. Für den Fall, dass deine Tagesstätte nicht funktioniert."
„Warte eine Minute." Er nahm ihr die ausgestreckten Dokumente ab, bevor sie die Hände seiner Frau erreichte. „Die werden nicht nötig sein."
„Du startest deine eigene was?", lachte Esposito. Laut.
„Wirklich?" Ryan positionierte sich vor seinen Partner, blockierte sein Blickfeld. „Welche Stunden bietest du an?"
Rick trat einen Schritt zurück.
„Hast du darüber nachgedacht, was für Gebühren du verlangst?"
Und noch einen Schritt.
„Stellst du Windeln und Feuchttücher zur Verfügung, oder ist das etwas, was wir mitbringen müssen?"
Seine Hände in Kapitulation hebend, schüttelte Castle vehement seinen Kopf. „Ich. Warte. Was?" Das geriet zu schnell außer Kontrolle.
„Okay, Jungs", unterbrach Kate, rettete ihn davor Ryans eher panikweckende Fragen zu beantworten. „Ihr könnt später Nummern austauschen." Sie drehte sich zu Alexis. „Was meinst du, außer der letzten?"
„Mr. Willis hat das Gebäude betreten, und ich habe gesehen, wie er den Fahrstuhl betrat, der im vierten Stock anhielt. Aber als ich die Treppen hoch bin um zu sehen, ob ich rausfinden kann, in welche Wohnung er wollte, tat er das nicht."
„Tat er was nicht?", fragte Kate.
„Er ging nirgendwo hin, stand nur im Flur und starrte auf eine geschlossene Tür." Alexis grinste, Befriedigung schob ihre Wangen hoch als sie eine dramatische Pause einlegte. „Es war Apartment 4D."
Rick traf Kates neugierigen Blick, als er fragte. „Was hat er da getan?"
Alexis zuckte mit einer Schulter. „Keine Ahnung, er stand einfach für eine oder zwei Minuten da, bevor er sich umdrehte und nach Hause ging."
„Danke, dass Sie gekommen sind, Mr. Willis. Oder bevorzugen Sie Ben?" Kate setzte sich ihrem Verdächtigen gegenüber, stellte sicher, dass ihre Körpersprache entspannt und unbedrohlich blieb. Uniformierte Beamte hatten ihn von zu Hause abgeholt und berichtet, dass er sie auf der gesamten Fahrt hierher belästigt hatte.
„Es ist mir egal, wie Sie mich nennen, ich will wissen, warum ich hier bin. Ihr Cops denkt, ihr könnt Leute einfach zum Spaß schikanieren. Warten Sie, bis mein Anwalt davon erfährt."
Offensichtlich würde das Verhalten andauern.
„Fragen Sie nach ihrem Anwalt, Mr. Willis? Haben Sie etwas zu verbergen?"
Er plusterte sich vor ihnen auf, und Castle versteifte sich in seinem Stuhl. Das letzte, was sie brauchte, war ein Ego-Streit.
„Ich habe nix zu verbergen."
„Das ist gut, dann wird das schnell gehen. Haben Sie sich je mit Sue Longreach außerhalb der Arbeit getroffen?
„Nein."
„Sind Sie oder Ihre Frau ihr jemals auf der Straße oder in einem Einkaufszentrum begegnet?"
„Nein." Ben schlug auf den Tisch, seine Handfläche brannte sicherlich nach solch einer Darstellung von Genervtheit, und Castle änderte die Taktik.
„Mochten Sie Sue?"
Ihr Verdächtiger zog sich zurück, Augen geweitet und scheinbar von der Frage unvorbereitet getroffen.
„Es ist schwer, jemanden Ihr Kind anzuvertrauen, es Ihnen zu übergeben und zu gehen." Er konnte nicht anders, als einen Blick auf Kate zu werfen. „Sie müssen eine Beziehung aufbauen, die Kommunikation zwischen Ihrer Familie und Sue aufrechthalten. Also mochten Sie sie?"
Mr. Willis' Körper fiel vor ihnen zusammen, eine Vene trat auf seiner Stirn hervor, seine Nasenflügel flatterten. Aber immer noch nichts.
„Ich war in ihrer Wohnung, habe den Schmutz auf den Oberflächen gesehen, die kaputten Spielsachen in den Regalen. Sie haben Ihr Kind, Ihren einzigen Sohn, dazu gezwungen jede Woche dorthin zu gehen, in dem Dreck, dem –"
„Genug!" Mr. Willis stand auf einmal auf, der Stuhl kratzte mit Gewalt über den Boden, als er sein Gesicht zu Castle drehte.
„Setzen. Sie. Sich." Becketts scharfer Befehl ließ ihm keine andere Wahl, und ihr Verdächtiger schmollte, aber tat, was sie verlangte.
„Sie haben keine Ahnung, keine Ahnung von meinem Sohn, oder–" Bens Lippen schlossen sich für einen Moment. „Ich mochte das Miststück nicht, und ganz sicher gefiel es mir nicht, dass mein Sohn dorthin ging. Aber ich hatte keine Wahl."
„Warum?" Was in der Welt könnte einen Vater dazu zwingen, sein Kind gegen seinen Willen zu verlassen?
Ben fuhr mit seinen Fingern durch sein ergrauendes Haar, wandte seinen Blick ab. Seine Schultern fielen abrupt. „Wir wussten es nicht, nicht am Anfang. Auch… auch jetzt denke ich, ich kenne nicht die gesamte Geschichte. Wenn Sie zu dem Interview gehen, bevor sie mit der Betreuung anfangen, scheint alles in Ordnung zu sein, die Wohnung ist sauber, Kinder spielen fröhlich."
Rick hielt seinen Atem an; die Geschichte, die sich aufbaute, war nicht die, die er vor der Befragung in seinem Kopf geschrieben hatte.
„Aber?", fragte Kate, als die Stille länger als eine Pause wurde.
„Meine Frau hat sich größtenteils um das Wegbringen und Abholen gekümmert. Ich hatte keine Zeit dafür." Ben hatte wenigstens den Anstand zerknirscht auszusehen. „Aber dann wurden meine Stunden gekürzt, also…"
Er war eingesprungen.
„Was haben Sie gesehen?"
„Es war nicht, was ich gesehen habe. Mehr ein Gefühl."
Beckett öffnete den Ordner, der zwischen ihnen lag, um das Foto von Ben zu offenbaren, der Sue und Joy am Rockefeller beobachtete. „Ein Gefühl nach dem Sie gehandelt haben?"
„Ich…" Bens Gesicht wurde grün. „Ich bin ihr gefolgt. Ich brauchte Beweise, etwas, das ich meiner Frau zeigen konnte, etwas um meine Familie aus ihren Klauen zu befreien."
„Warum nicht einfach gehen? Woanders Betreuung finden?" Rick schüttelte seinen Kopf, die komplette Fassungslosigkeit verunsicherte ihn. War es das, was man im Tagesstätten-Geschäft tun musste?
„Meine Frau hat sich geweigert, und alles, was ich denken konnte, war, dass Sue etwas gegen sie in der Hand haben musste. Sie ist jünger und", Ben räusperte sich, „ich denke sie hat eine Affäre. Deswegen konnten wir nicht weg, deswegen waren wir gezwungen, die Betreuung jede Woche zu bezahlen, auch wenn ich da nicht sein wollte."
„Also dachten Sie, sie kriegen Sue zuerst, erpressen sie, um zu verschwinden?" Kate breitete die vernichtenden Bilder in einem Halbkreis aus. „Aber als das nicht funktioniert hat, haben Sie sie getötet."
Überrascht schaute Ben vom Tisch auf. „Nein. Nein, das ist es ja, ich habe endlich Bestätigung gefunden, ich brauchte sie nicht zu töten." Er beugte sich in seinem Sitz vor, seine Stimme ein aufgeregtes Flüstern. „Ein Freund von mir, seine Frau arbeitet beim Jugendamt. Als ich ihnen kurz erzählt habe, was ich durchmache, hat sie sich Sues Akte angesehen, die Beschwerden, die gegen sie gemacht wurden. Sie konnten nichts tun, fehlende Beweise, wenn sie zu Besuch waren, aber es war genug für uns. Ich habe mit den Dokumenten in der Hand die Kündigung eingereicht und das Miststück hat nicht mal mit der Wimper gezuckt."
Nun, da ging ihr Mordmotiv flöten.
