Oneshot Bonus

Bonus Kapitel 1 - Am Ende des Weges

Der Kiesweg bahnte sich zu einem Hügel hoch, nicht weit vom Spielplatz entfernt. Shiho fühlte, wie sich Conan's Griff langsam um ihre Hand löste.

„Kudo?"

„Irgendetwas passt hier nicht zusammen.", murmelte er.

„Hä?"

„Warum sollte die Organisation wieder Interesse am Gift haben?"

„Dumme Frage. Natürlich tun sie das um uns aus der Reserve zu locken."

„Nein, das meine ich nicht. Mir geht es hier um den eigentlichen Nutzen des Mittels. Was weißt du darüber?"

„Weswegen fragst du mich das? Du scheinst mir ja einiges zu verheimlichen."

„Blödsinn… mir geht es hier um das was Hive uns weitergegeben hatte. Über den Boss der Organisation… Für irgendetwas schien er das Gift zu gebrauchen."

„Vielleicht um nach Mutationen zu forschen, solche, die wie damals bei Ayumi aufgetreten waren."

„Mutationen, also… Was hat Dr. Marshall eigentlich zu den Vorfällen gesagt?"

„Nicht viel, aber eines war er sich sicher: Dass sein Gerät nicht nur die psychischen Fähigkeiten beeinflussen kann."

„Das bedeutet also, dass Natsume damals auch unter physischen Schmerzen gelitten haben könnte."

„Genau. Ich denke, damit habe er nur die Fähigkeiten der Medusa testen wollen."

Shiho blickte auf die Silhouetten der Hochhäuser im Horizont, die die Sonnenstrahlen wie hochgefahrene Schilder abfingen. Sie waren am höchsten Punkt des Hügels angekommen und sahen dem Sonnenuntergang von einer Aussichtsplattform zu.

„Willst du nicht hoch?", fragte sie zögernd.

„Was?"

„Auf meine Schultern, meine ich."

„Warum fragst du?"

„Ich dachte, so könntest du viel mehr sehen anstatt dem Geländer vor deinem Gesicht."

„Du machst dich doch nur lustig über mich, oder?", antwortete Conan genervt.

„Was redest du da für'n Blödsinn? Tu ich nicht… und jetzt komm hoch.", sagte Shiho und reichte ihm die Hand.

„Na gut."

Er nahm ihre Hand doch noch. Vergleichbar zu ihrem kleinen Ausflug Stunden zuvor, waren seine Hände ungewöhnlich rau und kalt. Mit wenig Mühe hob sie ihn auf ihre Schulter und ließ ihn den ganzen Anblick von oben genießen.

„Und wie ist's jetzt?"

„Sieht toll aus von hier."

„Wir hätten früher hierher kommen sollen. Jetzt ist die Sonne schon beinahe nicht mehr zu sehen."

„Stimmt…"

„Seit einiger Zeit haben wir beide viel um die Ohren gehabt."

Conan zögerte.

„Kann ich dich etwas fragen?"

„Was denn?"

„N-Nichts…", murmelte er unentschlossen.

„Sag schon.", antwortete sie genervt und blickte hoch zu ihm.

„Hast du… hast du es mitgehört?"

„Was meinst du?"

Wenn sie die Brille mit dem Sender schon vorher angehabt hatte, dann müsste sie jedes ihrer Worte gehört haben, das war er sich sicher.

„Das was Ayumi mir gesagt hat."

Shiho errötete leicht und blickte zu Boden.

„Also…", begann er.

„Nein, habe ich nicht.", unterbrach sie ihn mit leicht genervter Miene.

„Oh."

„Warum? Was hat sie denn gesagt?"

„Ach nichts… Nichts wirklich besonderes."

Nichts besonderes… Wie konnte er nur so etwas sagen? Shiho wollte ihm entgegnen, wie dämlich seine Aussage war, doch…

„Haibara, was… Hey Ai, was tust du… woaaah!"

Shiho fühlte, wie ihr Herz pochte, stärker den je. Das war's also. Ihre Zeit war jetzt schon wieder um. Die immer stärker werdenden Schmerzen zwangen sie sich ans Herz zu fassen, womit sie Conan's Bein losließ und er von ihrem Rücken stürzte. Beide schrien vor Schmerzen auf, während sie noch vor sich hin taumelte und wie im bewusslosen Zustand auf den harten Boden fiel.

„Haibara!", rief Conan auf, als er sich wieder aufrappelte. Die Schmerzen am Rücken ließen ihn nicht aufstehen.

„Co…"

Sie konnte nur noch vor Qualen stöhnen. Alles schien vor ihr so verschwommen, als wäre der ganze Tag nur noch ein Traum gewesen aus dem sie ausgerechnet jetzt aufwachen würde. Wie unfair.

Warum? Warum konnte dieser Tag denn nicht länger währen? Als wäre die Zeit wie im Fluge vorbeigezogen…

Mit letzter Kraft brachte sie alle ihre Sinne beisammen und begann sich kriechend auf dem Boden weiter fortzubewegen. Immer weiter. Die Arme und Beine fühlten sich an wie Gummi, ohne Knochen. Sie schrie erneut auf vor Schmerzen, jedoch hörte sie nicht auf. Schweiß drang von ihrer Stirn in ihre Augen und tropfte von ihrem Kinn auf den Kiesboden.

„Co… nan…"

„Nicht bewegen! Beweg dich nicht!", rief Conan und versuchte erneut mit aller Mühe aufzustehen.

Nein, bitte nicht so. Bitte sag das nicht, dachte sie vehement. Die Beine wurden taub. Sie spürte wie ihre Zellen sich von ihrem Körper lösten. Der Verjüngungsprozess hat wieder stattgefunden und dagegen konnte sie nichts ausrichten. Sie kroch weiter.

„Du musst dich schonen, verdammt noch mal!"

Als seien schon Stunden vergangen…

Das konstante Pochen in ihrem Herzen, das gegen ihren Brustkorb schlug, wurde beinahe unerträglich.

„Halte durch, ich bin gleich da!"

Mit letzter Kraft gab sie es auf und legte sich stattdessen auf den Rücken und betrachtete den sich weiter verdunkelten Himmel.

„Der Mond sieht wirklich wunderschön aus.", murmelte sie schwach.

Mit diesen Worten schloss sie langsam ihre Augen, als sie ihr Bewusstsein verlor. Das Letzte was sie spüren konnte, war Conan, der ihren schwachen Körper vom Boden aufnahm. Sie lächelte schwer…

Du bist ein Idiot, weißt du das? Aber deswegen bist du…

Die Erinnerungen vom heutigen Tag erschienen vor ihr, so als würde sie sie ein zweites Mal durchleben. Erst jetzt merkte sie, wie viele Dinge sie anders gemacht haben könnte. War das Angst? Würde er sie womöglich hassen, wenn sie anders reagiert hätte?

– Oneshot Bonus Kapitel 1 ENDE –

Bonus Kapitel 2 - Wenn alles verloren scheint

Conan seufzte, als er alleine den Flur im Hotel entlang ging. Kogoro ließ sich jetzt wahrscheinlich vom Inspektor und den anderen Polizisten aufs höchste Loben für den Fall, den er vor kurzem angeblich im Schlaf gelöst hatte. Was soll's…

Er schüttelte enttäuscht den Kopf und sah sich bei den Türnummern der Hotelzimmer um.

548, 547, 546, 545, 544…

(„Komm alleine. Wir müssen reden.")

Da war es. Das Zimmer 541…

Was wollte Ai so dringend mit ihm besprechen, dass sie sich extra einen Raum aussuchen musste? Er stand vor der Tür und blickte hoch auf das Nummernschild. Conan zögerte, bevor er die Hand hob und den Schlüssel durch das Loch schiebte. Dann öffnete er sie vorsichtig und die Tür schwang langsam auf. Der Raum dahinter war dunkel und die Lampen waren ausgeschaltet. Auch die Rolläden und Vorhänge waren zu. Das Zimmer war nur schwach vom Sonnenlicht beleuchtet und gab der Umgebung einen leichten dunkelblauen Farbton. Alles um ihn herum war still.

„Merkwürdig…", flüsterte er und schob die Tür weiter auf. Conan ging weiter ins Zimmer hinein und blickte sich dort um. Das Hotelzimmer war nicht besonders groß und mit nur einem Doppelbett und einem Fernseher gegenüber ausgestattet. Er fühlte die weiche Decke auf seiner Hand, als er das Bett aus reiner Neugierde musterte. Dann legte er sich auf ihr und starrte an die Decke. Vielleicht sollte er lieber auf sie warten, womöglich ist sie noch mit den Detective Boys beschäftigt. Könnte aber auch sein, dass sie sich nur um ihn lustig machen wollte, weil er so blöd war und sich auf eine ihrer Finten eingelassen hat. Conan schloss seine Augen und beruhigte sich. Die letzten Ereignisse nach der Weltreise haben ihn wirklich müde gemacht. All diese Verluste… Sie musste wirklich viel durchgemacht haben.

Gatchak…

Was war das? Er öffnete seine Augen und hob seinen Kopf. War das Ai? Ist sie doch gekommen? Er sah, an der Wand vorbei, wie der Lichtspalt bei der Tür langsam immer kleiner wurde.

„Haibara?", sagte er und sprang vom Bett auf den Fußboden. Seine Vermutungen bestätigten sich, als er sie an der Tür stehen sah. Ai antwortete nicht, sondern schloss die Tür leise hinter sich.

„Was ist los…?", fragte er.

Keine Antwort. Irgendwas stimmte nicht mit ihr.

„Du wusstest davon, oder?", murmelte er mit ernster Miene. Sie zögerte, sagte jedoch nichts und schloss die Tür ab.

„Es tut mi-", fuhr Conan fort.

„Setz dich.", sagte sie.

„Was?"

„Setz dich einfach."

Conan sah um sich und warf wieder einen Blick auf das Bett hinter ihm.

Klack!

„Haibara, was hast du…?"

Sie steckte den Hotelschlüssel in ihre Hosentasche und entfernte sich von der Tür. Conan fand keine Worte für ihr Verhalten. Sie war von Anfang an eine Person, die viele Geheimnisse mit sich brachte, welche bis jetzt immer noch nicht offen waren. Wie viel hatte sie ihm eigentlich davon erzählt?

Er fühlte ihre Hand auf seiner Schulter und wandte sich nach ihr um. Sie stand direkt vor ihm, sodass er ihren Atem spüren konnte. Ai's Hand war kälter, als er es erwartet hatte.

„Haiba…"

Sie schubste ihn auf das Bett. Die Dunkelheit machte es ihm schwer zu erkennen, was sich vor ihm abspielte. Sicher war, dass sie mehr von ihm wollte, als nur das gemeinsame Austauschen von Informationen. Sie drückte seine Arme auf die Bettlaken und machte es ihm schwer, sich von ihrem Griff zu entfernen. Doch Conan dachte nicht daran. Irgendwas hielt ihn zurück. Lag es daran, dass sie immer noch unter dem Einfluss der Medusa stand? Waren das vielleicht die Nebenwirkungen? Oder lag es doch nur an…?

„Hast du dich jemals gefragt, wie sich ein Kuss anfühlt?", fing sie an.

„Ai, was redest du denn?", antwortete Conan überrascht.

„Du hast mich gehört. Ein Kuss."

„E-Ein Kuss? Du verarschst mich doch, oder?"

„Nein, ich meine es ernst."

„Du bist nicht mehr ganz bei Sinnen. So etwas einfach nur zu sagen, das…"

„Und was, wenn niemand etwas davon weiß?"

Sie lächelte. Die schwachen Lichtfetzen aus den Fenstern hoben ihre Gesichtszüge ein wenig hervor, als sie sich langsam hinunterbeugte, immer näher an sein Gesicht heran. Er blickte ihr in die Augen. Nein, das wollte er nicht akzeptieren. Er hatte ja immer noch… aber Ai war… er musste doch…

Conan kämpfte erneut mit sich selbst, während er plötzlich einen Windhauch in seinem Ohr spürte. Dann legte sie ihren ganzen Körper auf seinen und beide spürten ihre Körperwärme. Ihre Herzrhythmen beschleunigten sich, zwar unregelmäßig, fanden mit der Zeit jedoch einen Halt und begannen vereint einen schnellen Rhythmus abzugeben. Ai spürte es tief in ihr. Sie war glücklich. Sie würde alles tun, um ihre Vergangenheit zu vergessen. Alles, um diese schreckliche Wahrheit endlich ruhen zu lassen. Trotz ihrem hohen Puls atmete sie langsam und vorsichtig.

Conan spürte zuerst etwas Warmes und Feuchtes an seinem Ohr, danach wurde die Stelle kalt.

„Hai… bara…", murmelte er und versuchte sich von ihrem Griff zu befreien, doch Ai legte ihre Beine um seine, sodass er sich nicht auflehnen konnte.

Sie fuhr fort.

Für eine Weile starrten sie sich gegenseitig an. Ihre Atmung blieb stets konstant und gleichmäßig. Sie nahm vorsichtig seine Brille aus seinem Gesicht und blickte ihn mit einem zufriedenen Lächeln an.

„So musst du wohl als Kind ausgesehen haben. Die Brille steht dir wohl nicht."

Keine Antwort. Conan bewegte sich nicht mehr, sondern blickte nur in ihre Augen. Nichts war mehr zu hören außer ihre Atmung.

(Warum…?)

„Ich wünschte nur, ich hätte dich damals früher kennengelernt. Dann würde ich doch noch mein Glück finden können."

„Haibara…"

„W-Weißt du…", begann sie stotternd.

Nein, anderes Thema.

„Ich hätte niemals das APTX erfunden, wir wären nie geschrumpft worden, du hättest deinen Körper zurück und ich meine Eltern. Hast du dir mal darüber Gedanken gemacht?"

„Bitte…"

Sie näherte sich seinen Lippen.

(Nein, warum…?! Warum denn nur?)

Conan regte sich immer noch kein Stück, sondern starrte sie nur mit enttäuschtem Blick an.

(„Denn das, was man hinter dem Horizont erblicken kann, sieht man nur, wenn die Sonne aufgeht.")

Den Scharfschützen? Nein, nicht ihn. Ihn wollte sie doch vergessen.

„Oder bist du doch mit ihr glücklicher gewesen?", flüsterte sie.

Sie öffnete ihren Mund. Ihre Hände zitterten stark.

(„Willst du wirklich dorthin zurück?")

„Shiho… hör auf.", murmelte Conan. Als sie ihren Namen hörte, hielt sie an. Irgendwas Feuchtes landete auf seiner Wange. Dann ein weiteres Tröpfchen. Und noch eins.

„Bitte. Lass mich los.", flüsterte er.

Er sah zwar die Tränen auf ihrem Gesicht, doch er blieb ernst.

„Das bist nicht du.", murmelte er und befreite seinen Arm aus ihrem zitternden Griff, der sich langsam lockerte. Conan wollte vom Bett aufstehen, doch sie zog an seinem Arm. So kam es, dass er für eine kurze Ewigkeit in ihren Armen lag, sodass sein Gesicht ihre Wange berührte.

„Bitte geh nicht.", sagte sie und ihre Tränen liefen auf seine Wange über.

„Was?"

Er erinnerte sich an das, was Ayumi damals zu ihm sagte, als sie noch hohes Fieber hatte.

„Ich will dich nicht auch verlieren. So wie-"

So war das also. Nach seinem Tod fand sie niemanden, an den sie sich noch wenden konnte. Niemand, der ihr noch das Gefühl der Familie gab. Conan lächelte.

„Du hast doch noch uns. Genta, Mitsuhiko, der Professor, Ayumi und ich… wir sind alle für dich da."

Sie wischte sich die Tränen von den Augen.

„Ich…"

„Aber das, was du tust, geht etwas zu weit."

Ai verharrte in der Position für eine Weile und drückte ihn immer fester zu sich.

„Warum tust du mir immer sowas an?", fragte sie.

„Was meinst du?"

„Nichts.", sagte sie.

Die Zwei blieben ganze 5 Minuten in dieser Stellung, während sie sich fest an ihn klammerte. Es kam ihm vor, als wäre sie gerade in ihrer verwundbarsten Verfassung.

Sie ließ ihn los.

„Da-Danke, das reicht…", murmelte sie leise und blickte bedrückt zu Boden.

Conan reichte ihr die Hand und lächelte.

„Komm runter… Wir sollten fahren. Der Fall ist gelöst."

Ai wischte sich erneut die Tränen vom Gesicht und grinste.

„Also gut."

Sie nahm seine Hand und folgte Conan durch die offene Tür hinaus in den Hotelflur. Ai blickte ihm nach und dachte an das Gesicht, das sie im Auto vor einem halben Jahr zum ersten Mal gesehen hatte. Wer hätte gedacht, dass das Schicksal sie zusammen bringen würde?

– Oneshot Bonus Kapitel 2 ENDE –