Jillian.

"Zieh's jetzt an, los!", sagte ich entnervt. Dank Lana war gerade mein sowieso schon sehr strapazierter Geduldsfaden gerissen und ich zwang meine kleine Schwester ziemlich grob in ihr verhasstes Sweatshirt. Prompt begann sie zu heulen, woraufhin ich ein schlechtes Gewissen bekam.

"Tut mir Leid. Ich bring dir nachher Schokolade mit.", sagte ich, schnappte mir ihre Schultasche und zerrte sie dann am Arm aus der Wohnung, den Hausflur entlang. Bevor ich zur Arbeit ging, musste ich Lana immer noch in der Schule vorbeifahren. Ich verstand eigentlich nicht, wieso ich arbeiten musste, da meine Mum als Informatikerin ziemlich gut verdiente, aber sie fand, dass das zum Erwachsenwerden dazu gehörte. Also schleppte ich mich schon den ganzen Sommer jeden Morgen über die Woche ins Krankenhaus, wo ich einen Job in der Küche hatte. Sprich, ich schälte Berge von Kartoffeln und schnippelte Zwiebeln. Ab dem Herbst würde ich hoffentlich Jura studieren und wenn ich diesen Nebenjob jetzt durchzog, würde mir meine Mum eine eigene Wohnung spendieren.

Nachdem ich Lana rausgelassen hatte und im Rückspiegel noch sah, wie sie ihr Shirt wieder auszog, fuhr ich auf den Highway auf in Richtung Krankenhaus. Meine beste Freundin Blair war im Gegensatz zu mir total begeistert von meinem Job und träumte bei dem Wort 'Krankenhaus' sofort von heißen Ärzten. Das einzige, was mir bei dem Wort einfiel, waren tränende Zwiebelaugen und Spritzen. Als ich auf dem Parkplatz hin und her gurkte, um einen Stellplatz zu finden, bimmelte mein Handy los. Ich warf einen Blick auf das Display und mein Herz machte einen riesigen Hüpfer als ich den Namen Marc las. Marc! Mein Freund! Ganz allein meins! Wie immer fing ich sofort an zu strahlen, als ich an ihn dachte. Wir waren gerade zwei Monate zusammen und Marc war mein erster Freund überhaupt. Ich hatte ziemlich lange auf diesen Augenblick warten müssen und hatte mit meinen zarten fast 18 schon regelrechte Torschlusspanik bekommen. Aber schließlich führte ich doch meine erste Beziehung und ich war richtig verliebt. Während ich zum Haupteingang eilte, tippte ich eine SMS mit vielen Herzchen und Küsschensmilies und ich war so vertieft, dass ich nicht merkte, dass vor mir einer der Ärzte ebenfalls sehr vertieft war. Es kam, wie es kommen musste, und wir knallten gegeneinander.

Mit einem leisen Schrei sackte ich in Richtung Boden, woraufhin er mich am Arm festhielt und wieder hochzerrte.

"Oh je, entschuldige bitte. Hast du dir wehgetan?", fragte er besorgt und ich sah ihn verdutzt an.

"Nein, hab ich nicht, tut mir so Leid, dass ich nicht aufgepasst hab!", platzte ich heraus. Vermutlich war mein gegenüber das, was Blair unter heißem Arzt verstand. Er war noch recht jung, ziemlich braun gebrannt und hatte dunkles, verwuscheltes Haar. Nicht schlecht! Allerdings summte genau in diesem Moment mein Handy wieder los, Marc hatte geantwortet. Wir starrten beide mein Handy an.

"Äh ja, also Verzeihung bitte, Dr., ähh...", ich sah suchend auf sein Schild. "Dr. Thompson. Schönen Tag noch!" Ich lächelte ihn nochmal an, was er mit einem Zwinkern erwiderte, und rannte dann weiter in Richtung Küche. Mann, ich war echt spät dran, erst hatte Lana verpennt und jetzt das noch. Unterwegs las ich schnell Marcs SMS - er fragte, ob ich später noch vorbeikommen wolle, zu süß - und warf meine Tasche samt Handy dann in meinen Spind, als ich in der Umkleide ankam. Ich zog den weißen Küchenkittel über und setzte die blöde weiße Haube auf, die mich als Aushilfe kennzeichnete. Heute gab es bestimmt wieder viele Kartoffeln zu schälen.

Das schien auch Melissa, meine Kollegin und Freundin, zu finden, denn sie warf mir einen vollkommen entnervten Blick zu, als ich durch die Tür trat.

"Gott sei Dank, ich dacht schon, du lässt mich heute mit dem Mist hier alleine.", knurrte sie zur Begrüßung und ich griff schnell nach einem Schäler.

"Nein, nein, keine Sorge, ich hab mich nur etwas verspätet. Was gibt's zum Mittagessen?", fragte ich, während ich mir die erste Kartoffel zur Brust nahm. Melissa hackte aggressiv auf ein Stück Lauch ein.

"Scheiß Auflauf und Zwiebelsuppe.", sagte sie und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Eigentlich war Melissa okay. Sie war unendlich launisch, aber eine ziemlich gute Freundin, wie ich in den letzten Wochen festgestellt hatte. Wir unternahmen oft etwas in unserer Freizeit, meistens, wenn Marc arbeiten musste oder mit seinen 'Kumpels abhing'. Zudem verstand sie meinen Sternzeichentick und da war Melissa die erste, und zwar wirklich die erste. Meine Freundinnen aus der Schulzeit waren alle vollkommen genervt von dem 'Astroquatsch', aber ich glaubte eben daran und Melissa war von Anfang an total interessiert. Ich als typischer Krebs verstand mich mit Widdern eigentlich nicht, aber Melissas Aszendent war Fische, weshalb wir wiederrum doch gut klar kamen. Melissa hatte zudem ein unerschütterliches Selbstbewusstsein und eine riesige Klappe, was wohl der Grund dafür war, dass ich mich gerne von ihr verteidigen und in Schutz nehmen lies, was sie wiederrum Dank ihres Fische-Aszendenten gerne tat. Rund herum also die perfekte Freundschaft.

"Hmmm, Auflauf schmeckt doch!", frotzelte ich und warf die erste geschälfte Kartoffel ins Spülbecken. Melissa verzog das Gesicht und einige Zeit arbeiteten wir in stiller Eintracht. Schließlich sagte sie:

"Na, was gibt's neues von deinem Traumprinz?" Ich knipste sofort die Lampe in meinen Augen an.

"Ach, es ist alles ganz toll. Er will, dass ich nachher vorbeikomme." Ich strahlte die Kartoffel an, die ich gerade in der Hand hielt. Melissa grinste.

"Süß seid ihr. Und, gehst du hin?" Ich nickte.

"Denk schon. Sag mal, willst du am Freitag bei mir übernachten? Lana schläft bei einer Freundin und meine Mum kommt erst am Sonntag heim." Melissa warf mir einen kurzen Blick zu.

"Ja, okay.", sagte sie dann. Ich wusste, dass sie wusste, dass ich Angst hatte, nachts alleine in der Wohnung zu sein und ich war froh, dass sie im Gegensatz zu Blair nicht ständig in Kicheranfälle deswegen ausbrach. Sie fragte auch nicht die ganze Zeit, wie ich das im Herbst machen würde, wenn ich auszog und das war mir nur lieb, denn das wusste ich selbst noch nicht so ganz.

"Du könntest auch Marc fragen.", schlug sie dann vor und ich zuckte zusammen, woraufhin ich fast mit dem Schäler an meinem Finger hängen blieb. Ich musste immer aufpassen, dass ich mich nicht schnitt, da ich zu der Sorte Menschen mit sehr dünnem Blut gehörte. Ein Schnitt und ich konnte den Rest des Tages die Arbeit in der Küche und damit auch das Geld vergessen, denn ein blutender Finger war nicht gerade das, was man hygienisch nannte.

"Ich... nein, weiß nicht. Aber du musst nicht kommen.", antwortete ich schließlich. Sie sah mich nachdenklich an.

"Du willst gar nicht richtig mit ihm allein sein, oder? Also ich meine, du willst eigentlich gar nicht mit ihm schlafen oder so." Sofort lief ich dunkelrot an.

"Weiß nicht.", sagte ich wieder und schnippelte mit brennendem Gesicht an einer weiteren Kartoffel herum.

"Ich meine, ist ja nicht schlimm. Aber manchmal hab ich das Gefühl, dass er davon ausgeht, dass es bald soweit ist.", sagte Melissa und zuckte mit den Schultern. Ich sagte nichts mehr zu dem Thema und deshalb war es wieder eine ziemlich lange Zeit still in unserer Ecke. Ich wollte wirklich nicht mit Marc schlafen. Also eigentlich, es war nichtmal, dass ich es nicht wollte, aber es war halt auch nicht so, dass ich unbedingt wollte, wie es damals bei Blair gewesen war und anscheinend auch bei Melissa, die aber momentan wieder Single war. Ich war unheimlich gerne mit Marc zusammen, aber irgendwie wollte ich ihm körperlich nicht so nahe sein. Daher versuchte ich krampfhaft, Situationen zu umgehen, in denen irgendetwas sexuell anzügliches passieren konnte. Blair meinte, es wäre ihr absoluter Traum, wenn ihre Mum so oft beruflich weg wäre wie meine und sie würde Lana an meiner Stelle grundsätzlich bei Freunden einquartieren, um mit ihrem Freund Daniel alleine zu sein. Aber ich lud lieber Blair oder Melissa ein statt Marc, was dieser natürlich auch nicht so toll fand. Meistens sagte ich daher gar nichts davon und wenn es sich nicht vermeiden ließ, wollten Blair oder Melissa immer ganz unbedingt einen Abend bei mir bleiben. Naja, Blair eher weniger, weil die nicht viel davon hielt, Marc anzulügen, aber Melissa zumindest war mir in dieser Hinsicht treu. Überhaupt war sie meistens sehr loyal, ohne viel zu hinterfragen.

Nachdem wir über zwei Stunden geschnippelt hatten und die Uhr auf zehn zuging, beschlossen wir, die halbe Stunde Pause zu nehmen, die uns zustand. Meistens nahmen wir sie um die Zeit und gönnten uns in der Caféteria mit dem Mitarbeiterrabatt ein Sandwich und einen Kaffee. So auch heute, ich hatte vorher noch schnell mein Handy aus dem Spind geholt, um Marc zu versichern, dass ich Mittags zu ihm kommen würde, und dann saßen Melissa und ich auch schon an einem der Tische und kauten an unseren Salamibrötchen herum. Wir hatten beide unsere Hauben abgenommen und ich warf einen neidvollen Blick auf Melissas rotbraune Locken. Ich hätte auch gerne Locken gehabt, stattdessen hingen meine Haare in einem langweiligen Braunton glatt herunter.

"Ich will schönere Haare.", schmollte ich und stützte den Kopf auf. Melissa verdrehte die Augen.

"Dann färben wir am Freitag, okay?", schlug sie vor. Ich blickte auf.

"Echt?", fragte ich unsicher. Ich hatte noch nie über Färben nachgedacht, um ehrlich zu sein. Sie zuckte mit den Schultern.

"Wenn sie dir so nicht gefallen, mach halt was dagegen. Ich fände, so ein kleiner Goldstich würde dir gut stehen.", sagte sie. Ich schüttelte den Kopf.

"Oh nein, um Gottes Willen, bloß nicht blond, das passt einfach gar nicht zu mir!", blockte ich ab.

"Nicht blond, sondern goldstichig. Ein tiefes, dunkles braun mit schönem Schimmer.", erklärte sie und nahm einen Schluck Kaffee. "Überleg es dir mal."

Ich seufzte. Blair hätte jetzt gesagt, meine Haaren wären toll, aber Melissa war halt ehrlich. Vielleicht wäre eine andere Farbe echt mal schön. Zumindest wäre es mal ganz neu. Also wieso eigentlich nicht?

"Ja, können wir mal machen. Suchst du eine Tönung aus?" Melissa lächelte.

"Ja, klar, überlass das nur mir. Das wird perfekt." Ich beschloss, ihr zu glauben und das ungute Gefühl zu ignorieren, das mich bei dem Gedanken beschlich. Wenn es bescheuert aussah, würde die Farbe auch irgendwann wieder rausgehen, also.

Zwanzig Minuten später standen wir wieder in der Küche. Die Kartoffeln waren soweit fertig, was übrig war, waren natürlich die Zwiebeln. Üäh, dachte ich und begann, eine zu schälen, woraufhin ich natürlich sofort schniefen musste. Ich spürte förmlich, wie meine Augen anquollen und rot wurden, aber ich schnippelte tapfer weiter. Plötzlich jedoch vibrierte mein Handy, das ich in meine hintere Hosentasche gesteckt und vergessen hatte, zurückzulegen. Ich erschrak dermaßen bei der unerwarteten Bewegung, dass ich nur noch einen brennenden Schmerz im linken Zeigefinger spürte und durch meine Tränen verhangenen Augen etwas rotes an den Zwiebeln sah. Es brannte wirklich.

"Oh, nein, Scheiße!", stöhnte ich auf und Melissa zog mit einer schnellen Handbewegung mein Handy aus meiner Tasche und ließ es in ihre fallen. Handys waren verboten und wenn der Koch merken sollte, dass ich mich nur deswegen geschnitten hatte, würde ich mir vermutlich den Rest der Woche Vorträge über richtiges Verhalten in einer Küche anhören müssen. Dann presste sie mir ein Taschentuch auf den Finger. Wir warteten gute fünf Minuten, aber leider hörte es, wie zu erwarten gewesen war, nicht mehr auf zu bluten und so schickte der Koch mich in die Notaufnahme.

"Na, da ist's doch ausnahmsweise mal richtig praktisch, dass wir in einem Krankenhaus arbeiten.", scherzte Melissa, als wir durch die langen Flure wanderten, mein Finger immer noch in das mittlerweile völlig durchweichte Taschentuch gehüllt. Ich zog eine Grimasse. Ja, total, und wie gut, dass ich keine Angst vor Behandlungen aller Art hatte.