Wie cool, passend zu meinem 18. Geburtstag heute das erste Review, daaaaanke! :D

Und danke auch an Melanie, meine neue Betaleserin =*

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Carlisle.

"Willst du jetzt nicht mal fahren?", fragte Alice neben mir. Sie hörte sich, wie schon den ganzen Tag, unsäglich nervtötend an.

"Ja, ich fahr gleich.", sagte ich nach einem Blick auf die Uhr. Seit sie heute Morgen mit Jasper vom Jagen gekommen war, wollte sie mich aus dem Haus haben. Ich war mir fast sicher, dass sie irgendetwas plante. Es war halb elf und ich musste heute erst um viertel nach elf in der Notaufnahme sein, wieso sollte ich mich also beeilen?

"Carlisle, jetzt fahr doch endlich!", stöhnte sie entnervt und setzte sich auf die Arbeitsplatte. Ich warf ihr einen Blick zu.

"Alice, wenn du mich aus dem Haus haben willst, dann sag mir, wieso. Ansonsten wäre es besser, du würdest mich noch ein bisschen allein lassen. Übrigens ist es nicht sehr menschlich, sich auf der Küchenzeile zu räkeln." Sie stieß resigniert einen Luftschwall aus und zog die Beine nach. Ich ignorierte ihr Trotzverhalten und konzentrierte mich wieder auf die Zeitung, die ich gerade las. Vermutlich tat ich genau das, was jeder Familienvater morgens tat: Zeitung lesen und am Küchentisch sitzen. Nur, dass vor mir weder ein Kaffee noch ein Brötchen standen. Und dass meine für immer 19 Jahre alte Adoptivtochter Kunststücke neben dem ausgeschalteten Designertoaster vollführte.

"Ich glaube...", sagte sie nach wenigen Minuten in einem um Aufmerksamkeit heischenden Ton. Als ich zu ihr sah, bemerkte ich, dass sie mich missmutig anstarrte.

"Was glaubst du?", fragte ich schicksalsergeben und faltete die Zeitung zusammen. Sie zuckte mit den Schultern.

"Ich glaube, du hast gerade etwas wichtiges verpasst. Toll, Carlisle, echt." Mit einem Satz sprang sie von der Arbeitsplatte und rauschte zur Küchentür heraus. Ich blickte ihr etwas verwundert nach und lief dann zur Garage, um mich auf den Weg ins Krankenhaus zu machen. Ich hörte, wie sie in einem der oberen Stockwerke in missgelauntem Ton mit Jasper sprach und schnappte Sachen wie 'ganz umsonst geschnitten' und 'nur fünf Minuten' auf. Das war typisch Alice, wenn irgendetwas nicht nach ihrem Willen ging, war sie den Rest des Tages schlecht drauf. Meistens ging allerdings alles nach ihrem Willen, da ihr aufgrund ihrer hilfreichen Visionen niemand widersprach. Ich hatte keine Ahnung, was sie heute wieder mit mir geplant hatte, aber mir war einfach nicht nach Überraschungen. Ich sehnte mich förmlich nach einem ganz normalen Tag in der Notaufnahme. Der Dienst dort fiel normalerweise nicht in die Kategorie langweilig, aber trotzdem wirkte er auf mich seltsam entspannend.

"... hättest es sagen sollen.", ertönte Jaspers Stimme gedämpft durch die Wände.

"Es wird noch andere Situationen geben.", erwiderte Alice und ich hatte langsam das Gefühl, dass die beiden nur absichtlich so laut sprachen, damit ich sie verstehen konnte. Vermutlich wollte Alice ihren Plan dadurch interessanter wirken lassen. Ich überhörte sie geflissentlich und startete den Motor, kurz darauf befand ich mich auch schon auf dem Highway. Keine zwanzig Minuten später stellte ich meinen Wagen auf dem Parkplatz ab und sah wieder auf die Uhr. Es war nichtmal elf Uhr, ich war zu früh. Ich seufzte resigniert, als ich ausstieg und ging geradewegs zur Notaufnahme. Ich kam zu früh und ich blieb zu lange. Wie praktisch, dass ich nicht schlafen musste, 24-Stunden-Schichten stellten für mich kein Problem dar. Und arbeiten war tausend mal besser, als sich mit den Fragen herumzuquälen, die mich Tag für Tag plagten. Es war so viele Jahre her und doch konnte ich die Bilder nicht vergessen. Während mir mein Gedächtnis in meinem Beruf half, hatte ich in den letzten 50 Jahren gemerkt, dass es auch ein Fluch sein konnte, sich alles merken zu können. Sich alles merken zu müssen. Der einzige Trost war, dass sie der einzige Verlust auf unserer Seite gewesen war und doch... warum ausgerechnet sie? Man hätte mir alles nehmen können und ich wäre damit besser fertig geworden, als sie zu verlieren. Nie mehr ihr Gesicht zu sehen, nie mehr ihre Stimme zu hören, ihre Haare zu berühren, sie zu riechen. Nie mehr. Das einzige, was vor mir lag, war ein unendliches Leben, dessen Leere ich nicht füllen konnte. Was nutzte mir ein immerwährendes Leben ohne sie? In dem Moment, in dem das Feuer sie vollends eingeschlossen hatte, hatte ich mein Herz zum ersten Mal als Vampir wieder gespürt. Der Schmerz war schlimmer als alles zuvor gewesen und ich hätte liebend gerne das Gift in Kauf genommen, ich hätte alles getan, um sie zu retten. In diesem Augenblick hatte ich verstanden, warum Edward damals, gegen jedwede Vernunft, Selbstmord hatte begehen wollen. Ich hätte es am liebsten selbst getan, würde es am liebsten immer noch tun. Nur die Tatsache, dass Alice, Rosalie, Jasper, Emmett, Edward und auch Bella und Renesmee, meine Kinder, meine Enkelin, übrig geblieben wären, alleine, zerstreut, die Tatsache, dass nur noch ich da war, um sie zusammen zu halten, hielten mich davon ab. Ich hegte die verzweifelte Hoffnung, dass der Schmerz wieder verschwinden würde und tatsächlich schien er nach über 50 Jahren schwächer zu sein. Aber in Wirklichkeit war er immer noch da wo eigentlich mein Herz sein sollte und sobald ich einen Moment Ruhe hatte, kroch er wieder hervor.

"Dr. Cullen!", rief eine der Schwestern und ich zuckte zusammen. Ich hatte nichtmal bemerkt, dass ich das Krankenhaus betreten hatte, geschweige denn, dass ich schon auf der Station stand.

"Wie gut, dass Sie schon da sind! Wir haben da einen kleinen Jungen mit einer Gehirnerschütterung, ist beim Spielen von der Schaukel gefallen, Zimmer zwei!" Sie drückte mir eine provisorisch angelegte Krankenakte in die Hand und schob mich zum zweiten Behandlungszimmer.

"Heute ist der Teufel los, Dr. Thompson hat alle Hände voll zu tun, Brüche ohne Ende, grad eben noch ein dummes Ding aus der Küche mit halb abgesäbeltem Finger, jetzt die Gehirnerschütterung. Ziehen Sie das über!" Sie legte mir meinen weißen Kittel über die Schultern und ich schlüpfte eilig in die Ärmel, bevor ich ins Zimmer trat. Und dann roch ich es. Ich blieb so abrupt stehen, dass die Schwester in mich hineinkrachte und fluchend um mich herumlief. Ich konnte nur auf die gegenüberliegenden Wand starren.

Der Geruch war nicht stark, fast schon verflogen, Desinfektionsmittel übertünschte ihn, es roch nach Schweiß und auch nach Tränen und Blut. Und dazwischen stoch dominierend die köstlichste Mischung heraus, die ich kannte, für Menschen vermutlich kaum wahrnehmbar. Trotz aller Widersprüche in dieser Situation kamen kurz positive Gefühle in mir hoch, Erinnerungen an alte, gute, glückliche Zeiten. Ein Hauch von Hyazinthen, kombiniert mit Apfel und Vanille. Ihr Geruch. Etwas, von dem ich gedacht hatte, dass ich es nie mehr vernehmen würde. Ich atmete so tief ein wie ich konnte, und versuchte, dem Ganzen eine Richtung zu geben. Woher kam er? Wer roch so? Fast schon gehetzt blickte ich mich um, aber es war einfach überall, gleichmäßig im Raum verteilt, am stärksten noch bei der Liege, auf der ein kleiner Junge lag. Ich blinzelte. Der Junge. Die Gehirnerschütterung. Sowohl die Schwester, als auch die augenscheinliche Mutter starrten mich an, die eine verblüfft, die andere wütend. Offensichtlich hatte ich länger an der Tür gestanden, als ich gedacht hatte. Schnell warf ich einen Blick auf den Namen auf der Akte.

"Tommy, du hörst mich, oder?", fragte ich und trat auf den Kleinen zu, der mich mit ängstlichen Augen ansah und langsam nickte.

"Sehr gut, den Kopf bitte nicht bewegen. War er bewusstlos?", wandte ich mich an die Mutter, welche bejahte. Ich ordnete ein Schädelröntgen an, um eventuelle Blutungen auszuschließen, obwohl es eigentlich nicht nötig war. Ich konnte kein Blut riechen und war mir sicher, dass der Junge am nächsten Tag mit Kopfweh wieder nach Hause konnte. Aber trotzdem wäre es sehr seltsam gewesen, wenn ich als Arzt keine Röntgenaufnahme sehen wollte. Danach eilte ich zu dem nächsten Patienten. Die Schwester hatte nicht übertrieben, es herrschte mehr als nur Hektik und das war gut, weil es mich wieder verdrängen ließ. Erst, als Michael und ich gegen vier Uhr unsere erste Pause hatten, kam mir der Geruch wieder in den Sinn. Was war das gewesen? Hatte es wirklich so gerochen? Es konnte auch gut sein, dass ich es mir nur eingebildet hatte, ich hatte vorher so viel über sie nachgedacht... aber ich hatte so oft versucht, mir ihren Geruch in Erinnerung zu rufen und ich hatte mir immer nur einen schwachen Abklatsch vorstellen können. Und das hier, das war so real gewesen... gab es jemanden in diesem Haus, der genauso roch? Es war eine Frau gewesen, da war ich mir sicher. Konnte sie etwa... ? Nein, es war nicht möglich, dass sie es war. Aber wer war es denn? War sie eine Patientin? Wieso hatte ich keine Richtung finden können? Aber eigentlich konnte ich mir diese Frage auch selbst beantworten, wie sollte man denn eine Fährte aufnehmen, die man nur verschwommen wahrnahm, wenn überall in diesem Haus Menschen waren, die durch die Gänge eilten und absolut unterschiedlich rochen, zudem noch die ganzen Medikamente und die Geräte. Ich würde sie nicht finden können. Vermutlich war das auch besser so, denn was sollte ich machen, wenn ich sie gefunden hatte? Hallo, ich bin Carlisle, Sie riechen wie meine verstorbene Frau, kann ich mich zu Ihnen setzen? Das war dumm. Es war dumm zu denken, dass es mir helfen würde, sie nochmal zu riechen. Abgesehen davon konnte es gar nicht genau dasselbe sein, es war bestimmt nur ähnlich gewesen und wenn ich die betreffende Person finden würde, würde ich enttäuscht sein. Ich würde Michael nicht fragen, wer heute alles da war, bevor ich eingetroffen war. Ich würde nicht fragen, wer in Zimmer zwei behandelt worden war.

"Das ist ein Tag, was?", sagte er und nahm einen Schluck aus seiner Flasche Cola. "Ich hab das Gefühl, es geht alles drunter und drüber. Ich bin heute schon mit insgesamt drei Personen zusammen gestoßen, alle Leute haben Unfälle und insgesamt hab ich das Gefühl, dass kein guter Stern über dem Tag heute steht." Wem sagte er das. Dass das heute kein Glückstag war, hatte ich schon gemerkt. Da ich nicht darüber nachdenken wollte, begann ich, diverse Anweisungen in die Krankenakten einzutragen, die vor mir lagen.

"Du bist so ein richtiger Workaholic.", sagte Michael schließlich und er klang fast so schmollend wie Alice heute Morgen, weil ich nicht auf sein Gespräch eingegangen war. Allerdings meldete sich in diesem Moment sein Notfallpiepser zu Wort.

"Och nee. Wieso piepsen die immer mich an? Wieso nicht mal dich?", stöhnte er auf und lief so schnell aus dem Zimmer, dass ich ihm nichtmal einen mitleidigen Blick zuwerfen konnte. Nur wenige Sekunden später klingelte mein Piepser aber ebenfalls und ich eilte wieder in die Notaufnahme.

Als die Nachtschicht uns am Abend ablöste, fühlte ich mich fast müde. Trotzdem trödelte ich noch ewig mit den Akten herum, wartete sogar noch einen Fall ab, der gar nicht mehr in mein Zeitraster gehörte, und ging erst, als die Oberschwester mich mit den Worten "Jetzt gehen Sie aber mal schlafen, Doktor!" von der Station warf. Schlafen, wie gerne würde ich das tun. Stattdessen wartete eine Nacht Grübelei auf mich. Auf dem Heimweg hielt ich noch an einem Kiosk an, um mir eines dieser Logikrätselhefte zu kaufen, denn obwohl sie nicht sonderlich anspruchsvoll waren, verschafften sie mir etwas Zeit. Wenn ich Glück hatte, würde Jasper eine Partie Schach mit mir spielen und vielleicht, nur ganz vielleicht, konnte er mich sogar etwas ruhiger stimmen...

Schon als ich den Wagen in die Garage fuhr, hörte ich, wie Alice die Treppen herunter sprang und nachdem ich ausgestiegen war, stand sie bereits neben mir.

"Und, war was?", fragte sie und küsste mich auf die Wange. Ich griff nach meiner Tasche und dem Heft.

"Nein, was soll gewesen sein?", entgegnete ich und überlegte kurz, ob ich ihr das mit dem Geruch erzählen sollte. Aber dann würde sie mich bestimmt nur wieder besorgt anstarren und versuchen, mich zu trösten. Ich war unheimlich dankbar, dass Edward, Bella und Renesmee momentan woanders wohnten, um junge Familie zu spielen, denn es reichte mir vollkommen, dass Jasper meine Gefühle spürte, da brauchte ich nicht auch noch Edward, der meine Gedanken las.

"Gar nichts?", hakte sie nach und klang beinahe enttäuscht. Ich starrte sie an. Wusste sie mehr als ich?

"Möchtest du mir etwas sagen, Alice?", fragte ich langsam. Sie lachte.

"Höchstens vielleicht, dass dein Leben nicht sonderlich spannend zu sein scheint, Carlisle. Hast du Lust auf ein Kartenspiel? Jasper will spielen, aber nicht mit mir, er findet, ich schummele." Sie verzog das Gesicht und ich musste ebenfalls lachen.

"Ja, das wäre doch mal gut. Dann kannst du das Rätselheft haben, wenn du magst." Alice grinste.

"Auja, cool, ich steh auf diese Hefte!" Herumalbernd gingen wir nach oben zu Jasper. In der Gesellschaft der beiden fühlte ich mich sofort besser. Ich liebte meine Familie und ich war unendlich dankbar, dass es sie gab.