Hey ihr Lieben!

Danke für die Kommentare, das motiviert einen richtig :D

Sorry, dass es diesmal so lange gedauert hat, ich hoffe, es geht in Zukunft wieder schneller, aber ist im Moment alles so stressig wegen Abi und Führerschein.

Danke an Melli!

Carlisle.

"Ich geh mir eine Cola kaufen, soll ich dir etwas mitbringen?", fragte Michael mich gegen zwanzig nach drei, als wir erstmals an diesem Tag einige ruhige Minuten hatten und in der Stationsküche standen. Ich dachte kurz nach. Mitbringen musste mir grundsätzlich keiner etwas, aber theoretisch könnte ich mitgehen. Vielleicht wäre es gut, mal ein paar Minuten der Station und dem Blutgeruch zu entfliehen. Normalerweise stellte menschliches Blut keine Versuchung mehr für mich dar, aber trotzdem war die Tatsache, dass ich seit fünf Stunden nichts anderes gerochen hatte nicht sehr förderlich für meine Laune.

"Ich komme mit.", sagte ich daher nur und wir machten uns auf den Weg zum Kiosk. Dank Alice und Jasper war die Nacht relativ fröhlich verlaufen. Ich hatte ihren Duft heute nicht mehr wahrgenommen, aber ich musste leider einsehen, dass er die Situation wieder verschlimmert hatte. Es war wie eine Wunde, die gerade erst aufgehört hatte, zu bluten. Und dann rammte man wieder ein Messer hinein und der gesamte Heilungsprozess begann von vorne. Wenn wenigstens Emmett und Rosalie noch da wären oder Bella, Edward und Renesmee... aber seit sie nicht mehr da war, waren wir alle nach und nach auseinander gedriftet. Ich hatte nie bemerkt, wie wichtig ihre ruhige Art für uns alle gewesen war. Sie war wie ein ruhiger Pol in unserer Mitte, sie war diejenige, die bei so vielen unterschiedlichen Charakteren immer einen Kompromiss fand. Als sie plötzlich von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war, waren wir alle in unvorstellbarer Trauer gefangen gewesen. Doch während die anderen nach einigen Jahren den Schmerz zumindest erfolgreich verdrängen konnten, konnte ich den Verlust meiner zweiten Hälfte nie verwinden. Ich konnte weder Edward und Bella verübeln, dass sie sich erstmal als kleine Familie abgesetzt hatten, noch Rosalie und Emmett, dass sie ihr übliches frisch-verheiratet-Ritual durchzogen und vorübergehend woanders lebten. Ich hatte Tag für Tag damit gerechnet, dass auch Alice und Jasper vorläufig ausziehen würden, aber zu meiner Überraschung taten sie es nicht. Ich konnte nicht begreifen, wie Jasper meine Gefühle ertragen konnte, aber ich war ihnen dankbar, dass sie blieben, auch wenn ich manchmal gerne alleine gewesen wäre. Doch ich wusste, dass ich dann vermutlich gar nicht mehr aus meiner miesen Stimmung erwachen würde und wenn niemand meiner Liebsten mehr um mich herum war, würde ich mein Leben in einem verzweifelten Moment auf einmal doch beenden. Vermutlich sah Alice mich in einer Version schon tot und blieb nur deshalb bei mir.

"Das ist schon wieder ein Tag, was?", begann Michael wie üblich ziemlich belanglos ein Gespräch. Er beschwerte sich jeden Tag über den Stress und ich stimmte ihm jeden Tag zu, obwohl es mir eigentlich nichts ausmachte.

"Ja, ist viel los heute.", antwortete ich und versuchte, so viel Entrüstung wie möglich in meine Stimme zu legen.

"Soley ist sauer auf mich. Sie findet, dass ich zu oft hier bin und zu wenig Zeit für sie hab. Meinst du, ich soll meinen Urlaub dieses Jahr doch früher nehmen als geplant? Dann wäre sie vielleicht nicht mehr so wütend...", er sah mich fragend an. Soley war Michaels Langzeitfreundin und soweit ich das beurteilen konnte, war sie immer wegen irgendetwas schlecht auf Michael zu sprechen.

"Ja, mach das doch, dann wird sie sich freuen.", sagte ich aufheiternd und registrierte nebenbei, dass auf dem Flur, der den, durch den wir gingen, gleich kreuzen würden, zwei Leute liefen. Es war ungewöhnlich, dass soweit abseits der Hauptwege um diese Uhrzeit jemand herumlief, Besucher waren es jedenfalls nicht. Es musste jemand vom Personal sein.

"Du hast recht, ich werde ihn vorverlegen. Dann können Soley und ich vielleicht ein Wochenende ans Meer. Das wird super!" Michael begann zu strahlen und ich senkte unwillkürlich die Augen zu Boden. Ich konnte diese verliebten Blicke nicht mehr sehen.

"... hat mir die Haare gemacht, es sieht so toll aus, ich zeig's dir gleich, sobald ich vorbeikomme!", flog die Stimme eines Mädchens zu uns herüber, für Michael noch zu leise. Zwei Mädchen. Eine musste telefonieren, denn ich hörte nur leichtes Murmeln als Antwort und sie lachte. Wir würden ihnen jeden Moment begegnen. Eine Wolke Chemie, vermutlich Haarspray, überlagerte sie, aber mir fiel trotzdem auf, dass sie gut roch. Da waren Äpfel und Vanille und... Ich erstarrte und blieb ruckartig stehen.

"Ich weiß nicht, die stinken jetzt zwar total nach Haarspray, aber dafür fallen sie voll schön." Und Hyazinthen. Ich streckte die Hand aus, um Michael festzuhalten, aber er bog schon in den Flur ab. Wie hatte ich das nicht bemerken können? Wieso hatte ich sie vorher nicht gerochen? Ich starrte auf den Boden und versuchte verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen. Der Drang, einfach um die Ecke zu rennen und sie an mich zu reißen, war fast zu groß. Ich hatte mich gestern geirrt. Der Geruch war nicht nur verdammt ähnlich, er war gleich. Was sollte ich tun? Das beste wäre es, einfach wegzulaufen und sie zu ignorieren. Ich zwang mich dazu, einen Schritt rückwärts zu machen.

"Äh, Carlisle?", sagte Michael und lachte. "Wieso bleibst du stehen?" Mein Körper erstarrte. Ich musste weg hier, sofort. Ich wollte sie nicht riechen, ich wollte sie nicht ertragen. Im nächsten Moment packte Michael mich am Arm und zog mich nach vorne. Der Druck war fast schon lächerlich schwach, der einfache Griff eines Menschen, und trotzdem gab mein Körper sofort nach.

"Schau mal, das sind Jillian und Melissa, sie arbeiten in der Küche. Jillian war gestern wegen ihrem Finger in der Notaufnahme." Wir waren um die Ecke. Ich wollte weiterhin auf den Boden schauen, aber meine Augen gehorchten mir nicht. Ich sah ein Mädchen mit rotbraunen Locken vor mir stehen und sie roch nach Moschus. An sich auch nicht schlecht, aber ich interessierte mich nicht für sie und mein Blick glitt weiter. Er traf auf dunkelblaue Augen, die mich neugierig musterten. Sie sah hübsch aus. Ihre langen hellbraunen Haaren fielen glatt bis zur Taille und wirkten unendlich weich. Mein Mund wurde vor Schreck ganz trocken, als ich bemerkte, dass ich sie berühren wollte. Ich hatte Esmes Haare geliebt. Wenn ich mein Gesicht in sie gepresst und tief eingeatmet hatte, waren alle meine Sorgen vergessen gewesen und ich hatte mich beruhigt. Genau das brauchte ich jetzt. Ich musste sie einfach berühren. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Sowohl Michael als auch das andere Mädchen stellten kein Hindernis dar. Ich könnte innerhalb einer Sekunde beide ausgeschaltet haben und bei ihr sein. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und verkrampfte mich.

Sie senkte den Blick und das Rauschen in meinen Ohren wurde schwächer. Ich würde niemanden bewusstlos schlagen. Ich würde stehen bleiben.

"... dem Finger wieder gut.", drang Michaels Stimme wie durch einen Schleier zu mir. Dann herrschte Stille. Mir wurde klar, dass das Mädchen - Melissa - und Michael beide etwas irritiert zwischen ihr und mir hin und her blickten. Selbstbeherrschung. Ich arbeitete jeden Tag in der Notaufnahme und hatte Blut vor mir. Ich konnte mich beherrschen, das wusste ich. Ich musste es auch jetzt tun. Ich hielt die Luft an und brachte so viel Willenskraft wie nur möglich auf, um meine Stimme ruhig klingen zu lassen.

"Das freut mich.", sagte ich und sofort sah Jillian wieder auf. Sie hatte auch schöne Augen. Sie sahen ganz anders aus als Esmes, aber der fürsorgliche Ausdruck darin erinnerte mich schmerzhaft an sie. Im nächsten Moment verabschiedete Melissa sich und Jillian plötzlich und zerrte sie förmlich weg. Mein Verstand empfand sofort eine starke Zuneigung zu Melissa, die anscheinend als einzige das Groteske an der Situation erkannt hatte, aber mein Instinkt hasste sie dafür. Doch es war eindeutig das beste, wenn das Mädchen nicht so nah bei mir war. Ich würde ihr niemals etwas antun, aber ich bezweifelte sehr, dass sie sich darüber freuen würde, wenn ein wildfremder, offiziell 31 Jahre alter Arzt und Vater sie plötzlich an sich drücken und an ihren Haaren schnüffeln würde.

Ich sah ihr nach, wie sie mehr durch den Flur stolperte als ging und sie blickte den ganzen Weg über zurück. Wir unterbrachen den Augenkontakt erst, als sie um die nächste Ecke gebogen war. Ich hörte angestrengt hin, ob sie irgendetwas zu Melissa sagte, aber es blieb still und bald waren sie zu weit weg. Ich zuckte zusammen, als Michael plötzlich seine Hand vor meinen Augen hin und her wackeln ließ.

"Bist du noch geistig anwesend?", fragte er und klang misstrauisch. Ich schüttelte den Kopf und versuchte, wieder klarer zu denken.

"Ja, natürlich. Entschuldige.", antwortete ich und lächelte ihn beruhigend an. Sofort grinste er wieder.

"Komische Mädels, was?", sagte er munter und wir liefen langsam weiter. Ich antwortete nicht mehr.

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An diesem Abend war ich ausnahmsweise froh, als meine Schicht zuende war und das erste Mal, seit ihr hier arbeitete, verließ ich die Station pünktlich. Ich merkte, dass die Oberschwester und eine der Schülerinnen mir verdutzt nachstarrten, aber ich ignorierte es. Meine gesamten Gedanken kreisten nur noch um Jillian. Wer war dieses Mädchen? Wieso roch sie genau wie Esme? Warum musste sie jetzt ausgerechnet in mein Leben treten? Und, das wichtigste, wie sollte ich mich jetzt verhalten? Der Drang, sie näher kennen zu lernen, war groß, aber war es auch empfehlenswert?

So aufgewühlt wie ich war, konnte ich unmöglich nach Hause. Jasper würde sofort merken, dass noch weniger stimmte als sonst. Aber wo sollte ich hinfahren? Nachdenklich legte ich meine Hand auf das Lenkrad, ließ den Motor aber aus. Wo fuhr man hin, wenn man unbedingt nachdenken musste? In ein Hotel oder ans Meer. Vielleicht auch beides.

Ich nahm mein Handy heraus und schrieb eine SMS an Alice, dass ich die Nacht im Vittoria's, dem Strandhotel etwas außerhalb der Stadt, verbringen würde. Sie antwortete nur wenige Sekunden später und ihre Nachricht bestand nur aus einem Wort: Okay. Ich seufzte und fuhr los. Ahnte Alice etwas? Normalerweise war sie neugieriger. Vielleicht hatte sie aber einfach schon gesehen, dass ich die Nacht nicht nach Hause kommen würde.

Eine Viertelstunde später parkte ich vor dem Vittoria's. Ich hatte kein Gepäck dabei und das war auffällig. Also griff ich nach meinem Arztkoffer, das würde dann immerhin so aussehen, als hätte ich etwas eingepackt und steckte meinen Geldbeutel vorsorglich in die Jackentasche, damit ich den Koffer nicht öffnen musste. Ich checkte an der Rezeption ein und bezahlte für eine Nacht im Voraus. Länger würde ich wohl kaum bleiben. Als ich in das geräumige, stilvoll eingerichtete Zimmer trat und meine Tasche abstellte, spürte ich plötzlich eine unglaubliche Erschöpfung von mir Besitz ergreifen. Resigniert lehnte ich mich neben der Tür an die Wand und ließ mich zu Boden rutschen. Es kam mir ziemlich erbärmlich vor, wie ich dasaß, die Arme um die Knie geschlungen und aus dem Fenster starrend, und doch blieb ich einige Zeit in dieser Position und versuchte, meinen Kopf leer zu bekommen. Aber die Gedanken ließen sich nicht aufhalten und so warf ich irgendwann einen Blick auf die Uhr. Erst zehn Uhr. Die Nacht war noch lang. Ich stand auf und ging in das angrenzende Bad. Es war ebenfalls ziemlich groß und auf eine seltsame Weise war der Anblick der weißen Eckbadewanne tröstlich. Ohne groß nachzudenken drehte ich den Wasserhahn auf und kippte das komplette Döschen mit Badeöl, das auf dem Wannenrand stand, hinein. Ein paar Minuten später ließ ich mich in heißes Wasser und eine riesige Menge Schaum sinken. Für meine Körpertemperatur war das Wasser eigentlich viel zu warm und wäre ich ein Mensch gewesen, hätte ich vermutlich sofort Verbrennungen erlitten. Aber so merkte ich nur, wie meine Haut sich langsam aufwärmte. Ich atmete so ruhig ein und aus wie ich konnte.

Fakt war, dass im Krankenhaus ein Mädchen namens Jillian arbeitete, das wie meine tote Frau roch. Auf der einen Seite war diese Tatsache erfreulich, denn ich genoss es, Esme zu riechen. Aber andererseits war mir nicht ganz klar, wie das jetzt weitergehen sollte. Ich konnte nicht einfach in Jillians Leben treten und davon ausgehen, dass sie sich darüber freute. Ich wollte ihr näherkommen, aber nicht um ihretwillen und das war, wenn man es näher betrachtete, ziemlich ungerecht ihr gegenüber. Ich hatte also zwei Möglichkeiten, entweder ich tat so, als würde sie nicht existieren, oder ich erklärte ihr die Situation in sehr groben Zügen und hoffte, dass sie mich nicht für absolut psychisch gestört hielt, wenn ich sie fragte, ob ich ab und zu an ihrem Haar riechen durfte. Bei der ersten wusste ich jetzt schon, dass ich früher oder später implodieren würde. Bei der zweiten war mir allerdings ebenfalls klar, dass sie mich auf jeden Fall für verrückt halten und meiden würde. Was sollte ich also tun?

Während ich hin und her überlegte wurde mir bewusst, dass es für Möglichkeit eins sowieso schon zu spät war. Wenn ich heute Mittag weggerannt wäre, hätte ich sie vielleicht noch strikt durchziehen können, aber mittlerweile konnte ich es nicht mehr, jetzt, da ich so lange ihren Duft eingeatmet hatte. Vielleicht könnte ich mich auch einfach mit ihr anfreunden. Vermutlich war das eine sehr naive Vorstellung, aber es stellte durchaus eine gute Basis dar. Wenn wir befreundet waren, konnte ich um sie herum sein und sie riechen, ohne ihr wehzutun. Die Frage war, wie machte man einer Teenagerin die Freundschaft mit einem 31 Jährigen schmackhaft? Ich überlegte, was die weiblichen Mitglieder meiner Familie dazu sagen würde. Rosalie würde mir vermutlich raten, ihr etwas schönes zu kaufen. Doch auch wenn Rose bei so etwas als junges Mädchen immer schwach geworden war, bezweifelte ich, dass es Jillian gefallen würde. Bella zum Beispiel würde sich bei so etwas eher gekauft vorkommen und Alice würde sich vermutlich sogar belästigt fühlen. Und Esme? Was würde Esme dazu sagen? Beim Gedanken an sie durchfuhr mich wieder ein stechender Schmerz und ich schloss unwillkürlich die Augen. Allerdings war das keine gute Idee, denn statt wohltuender Schwärze sah ich jetzt ihr Gesicht vor mir, ihre Grübchen, ihren Mund, ihr Lächeln... ich riss die Augen mit einem gequälten Stöhnen wieder auf und starrte wieder an die weiße Wand. Wenn sie nur noch leben würde. Esme hatte gerne gebadet. Wenn sie noch bei mir wäre, hätte ich sie abholen und spontan hier her einladen können. Dann würde ich jetzt nicht alleine in einer riesigen Eckwanne liegen, sondern mit ihr zusammen. Wir würden uns stundenlang unterhalten, regelmäßig warmes Wasser nachlaufen lassen und vermutlich die halbe Nacht durchlachen. Und ich könnte ihr die Haare waschen. Ich wusste nicht, wieso, aber sie hatte es immer gemocht, wenn ich das tat und mir meistens wortlos das Shampoo in die Hände gedrückt.

'Schluss jetzt!', befahl ich mir selbst und schnippte eine Schaumflocke von meinem Knie. Die ganze Grübelei brachte ja doch nichts, sie war nunmal tot und sie würde es auch bleiben. Ich sollte dankbar dafür sein, dass ich mit ihr so eine wunderschöne Zeit hatte verbringen dürfen... und jetzt musste ich mir endlich überlegen, wie ich mich in Zukunft Jillian gegenüber verhalten sollte.