Verabredung zum Nachsitzen
Caryn Dienstag,19.3
Caryns Augen ruhten auf der Tafel, an der Snape gerade das heutige Trankrezept hatte erscheinen lassen. Noch nie hatte sie mit angesehen, wie er die Wörter in seiner schwungvollen Handschrift dort anbrachte. Ob sein Zauberstab seine Schrift imitieren konnte? Oder hatte er das Rezept muggelmäßig angeschrieben, um es dann lediglich unsichtbar zu zaubern? Sein Ärmel wäre dabei heruntergerutscht und hätte den Blick auf sein Handgelenk freigegeben... das er normalerweise immer unter seinen überlangen Ärmeln verborgen hielt...
„Miss Willson, Sie sind offensichtlich so von sich überzeugt, daß Sie es als überflüssig erachten, meinen Ausführungen zu folgen."
Snapes seidige Stimme troff vor Ironie. Er hatte sich vor ihrem Platz aufgebaut und sah auf sie herab.
„Sag einfach nichts!" hörte Caryn Lucas hinter sich murmeln. Wenn das so einfach wäre! Snapes Vorwurf war diesmal ja wirklich berechtigt, wo war sie auch mit ihren Gedanken gewesen! In der folgenden Sekunde überflog sie das Rezept und erfaßte eine Auffälligkeit in der Reihenfolge der Zutaten. Das konnte sie ihn fragen!
„Entschuldigen Sie vielmals, wenn ich Ihnen widerspreche, Herr Professor Snape, aber ich war sehr wohl mit meinen Gedanken beim Thema", erwiderte sie sanft, um ihm zumindest die Gelegenheit zu geben, die Kampfansage zurückzunehmen.
„Ich hatte mich nur gerade gefragt, warum Hahnenfuß im Vielsafttrank zuerst mit der Baumschlangenhaut in Wechselwirkung tritt und sich hier mit den Eiweißen anscheinend nicht im Vorfeld verbinden soll."
„Sie brauchen gar nicht erst zu versuchen, mich mit Ihrem Pseudowissen zu bestechen. Ich werde Ravenclaw trotzdemfünf Punkte abziehen", knurrte er sauer.
Gerade weil er sie durchschaut hatte, fühlte Caryn mindestens ebenso saure Wut in sich aufsteigen. Immerhin war ihre improvisierte Frage trotzdem eine echte gewesen und eine interessante dazu. Sie zügelte ihre Wut, ordnete ihre Gedanken eine weitere Sekunde und gab dann kühl zurück:
„Es ist schade, daß Sie jedes echteInteresse für Ihre Inhalte im Keim ersticken."
Seine Antwort kam auf der Stelle:
„Zehn Punkte Abzug für ungefragte Darstellung der eigenen, zu allem Überfluß auch noch gänzlich unqualifizierten Meinung."
Das Geflüster ihrer Ravenclawkameraden war lauter geworden, daß sie im Interesse des Hauspokals es doch bitte gut sein lassen solle. Mittlerweile kochte Caryn jedoch vor Zorn. Sie beruhigte ihren Atem, das Sprühen in ihren Augen konnte sie nicht verhindern. Spürte, wie sie diesen widerwärtigen Kerl amüsierte. Wie er sie aus der Reserve locken, sie eiskalt vorführen wollte. Auf keinen Fall jedoch konnte sie ihm den Sieg kampflos überlassen!
„Es ist eine anerkannte, empirisch überprüfte pädagogische Erkenntnis, daß Menschen am besten lernen, wenn sie sich gedanklich und emotional," – also wenn Du Dir Gedanken über seine Handgelenke machst, haha! – „mit ihrer ganzen Person in den Unterricht einbringen können, anstatt lediglich das zu konsumieren, was der Lehrer ihnen vorsetzt! Wir wären dann als ganze Menschen hier beteiligt, und nicht lediglich als passive Schüler. – Aber unglücklicherweise können Sie Menschen ja nicht ertragen, Herr Professor Snape!"
Sie hatte geschafft, ihren Ton trotz ihrer zusammengebissenen Zähne einigermaßen sachlich klingen zu lassen. Dennoch hatte da eine Verletztheit in ihrer Stimme gelegen, die sie nicht hatte verbergen können, und die sie selbst ebenso verwundert hatte wie – offensichtlich – Snape. Zwei lange Sekunden musterte er sie unverwandt, nachdenklich, wachsam, ausschließlich auf ihre Person bezogen. Bevor er den Inhalt ihrer Worte an sich herankommen ließ, sich mit den Händen auf ihrem Tisch abstütze, so daß sich ihre Augen auf gleicher Höhe befanden. Sein Geruch umfing sie und brachte sie dazu, tiefer einzuatmen. Mit wieder undurchdringlichen Miene und kalter Wut zischte er sie an, wie sie es mit ihrem persönlichen Angriff bezweckt hatte:
„Wie recht Sie haben, Miss Willson! Ich kann Sie tatsächlich nicht ertragen! Und wenn Sie noch einmal wagen, sich zu einer derartig persönlichen Äußerung hinreißen zu lassen, werden Sie mich kennenlernen!"
Caryn spürte, wie sich ihre Augen von selbst zusammenzogen und den Blickkontakt zu ihm unterbrachen, bevor sie den Stich über seine direkte persönliche Zurückweisung wahrnahm. Sie öffnete den Mund und... hatte keine Ahnung, was sie erwidern sollte. Waren diese ewigen Kämpfe nicht sinnlos? Snape taxierte sie aus unveränderter Position. Er war so nah. Caryn schwieg. Registrierte erstaunt, daß er sie dennoch ansprach mit Worten, die eine Entgegnung auf einen weiteren Angriff von ihr waren, den sie doch unterlassen hatte.
„In meinem Unterricht lasse ich mich von neunmalklugen Schülern nicht maßregeln. Noch einmal zehn Abzugspunkte für Ravenclaw!" kam es kalt aus seinem schmal verzogenen Mund. Caryn war nicht in der Lage, Zorn zu empfinden. Eine leise Angst schlich sich bei ihr ein: Was war mit ihr los? Wieder nahm sie in einem Moment bei ihm wahr, daß er ihr eine Art von Aufmerksamkeit entgegenbrachte, welche sie aus so unmittelbarer Nähe äußerst nervös machte. Sie wollte sich vor ihm verschließen, doch es war schwer, nicht in seinen Augen zu landen. Sie fixierte den schwarzen Stoff über seiner Brust, die so nah war, daß sie das Heben und Senken des Brustkorbs wahrnehmen konnte. Sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Dann jedoch kam nur kalter Spott:
„Hat es Ihnen die Sprache verschlagen, Miss Willson?"
Caryn biß sich auf die Unterlippe. Verwirrt schüttelte sie den Kopf, weniger als Reaktion auf seine Frage als auf das undefinierbare Gefühl in ihrem Innern. Verbissen hielt sie ihren Blick gesenkt. Wenn sie seine schwarzen Augen ihre jetzt treffen ließe, wäre sie ihm ausgeliefert.
„Sehen Sie mich an", forderte er grausam, als nehme er genau darauf Bezug. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Kribbelnd. Aufwühlend. Unentrinnbar. Er würde es als Feigheit auslegen, dachte Caryn verzweifelt. Sie gönnte ihm den Triumph nicht, sie endgültig besiegt zu haben. Aber sie wollte auch nicht, daß er dachte, sie hätte den Kontakt zu ihm aufgegeben. Hatte sie KONTAKT zu ihm?
Er soll mich weiterhin ansehen...
Warum in drei Teufels Namen fiel es ihr auf einmal so unsagbar schwer, ihm in die Augen zu sehen? Sein herablassender Blick auf ihr verlagerte sich nicht, als er sich jetzt aufrichtete. Seine Arme vor der Brust verschränkend, blieb er, ihr zugewandt, vor Caryn stehen.
„Sie denken gar nicht daran zu tun, was ich von Ihnen verlange, nicht wahr, Miss Willson? Das haben Sie überhaupt nicht nötig! Sie entscheiden allein, was Sie wann tun."
Diese völlig unangemessene Reaktion mit der ihr innewohnenden erbarmungslosen Ironie erreichte Caryns Stolz und damit endlich wieder ihre Wut. Sie wußte, daß er gerne mit ihr kämpfte. So gerne, daß er sie jetzt nicht in Ruhe ließ? Auf ihr herumhackte! Zornig hob sie den Kopf und blitzte ihn an. Ihren Zorn durfte er ruhig sehen!
„Können Sie nicht ertragen, wenn ich aufhöre, mit Ihnen kämpfe, Herr Professor Snape?!" griff sie ihn mit bebender Stimme an, mühsam verhindernd, daß sie ihn hysterisch anbrüllte.
Schlagartig war seine Überlegenheit verschwunden, und echter Zorn hatte sich seiner bemächtigt. Lauernd beugte er sich noch weiter zu ihr vor. Aber jetzt hatte Caryn keine Angst mehr. Sie erwiderte seinen Blick offen und von berauschender Macht erfüllt, jetzt ihrerseits ihn dazu gebracht zu haben, um seine Selbstkontrolle kämpfen zu müssen. Weil er den Kontakt zu ihr ebenso wenig beenden wollte! Davon ließ er sich nach außen leider wenig anmerken:
„Ah, die unverschämte Miss Willson ist zurück! Mit einer neuen Unterstellung, die dem Faß den Boden ausschlägt. Angesichts dieser eskalierenden Entwicklung werde ich mir neue Schritte überlegen müssen. Sie kommen heute Abend zu mir. Zum Nachsitzen. Hierher."
Severus
Sein Ton war immer schneidender geworden, und er hatte vor ihr nicht verbergen können, daß sie ihn wirklich getroffen hatte. Zu allem Überfluß und ohne das geplant zu haben, hatte er sie zu sich bestellt anstatt zu Filch, wie sonst. Er richtete sich eine Idee zu hastig auf und verließ Caryns Platz.
Bis heute Abend würde er Zeit haben, darüber nachzudenken, was eben mit ihm passiert war. Und wie er sich heute Abend verhalten würde.
Was Caryn betraf, so hatte er keinen Zweifel daran, daß sie einen Schritt näher daran war, sich in ihn zu verlieben. Zum ersten Mal war da eine Spur Verletztheit ihrerseits gewesen, die er mit seiner ihr aufgezwungenen Nähe hatte verstärken können. Und indem er sie persönlich abgelehnt hatte. Auch wenn sie anschließend in ihren gemeinsamen Kampf zurückgefunden hatte. Er brauchte nur abzuwarten, ob sich wiederholen würde, daß er sie treffen konnte.
Was ihn verunsicherte, war eher die Tatsache, daß sie nicht nur – wie gewohnt – ihn in unkontrollierte Wut hatte stürzen können, sondern daß sie ihn wirklich hatte verletzten können.
Du HAST Angst davor, daß sie aufhört zu kämpfen!
Und sie hatte das erkannt, selbst in einem Zustand echter Verunsicherung! Wie war das möglich, daß nicht einmal eine emotionale Anspannung sie davon abhalten konnte, ihn zu durchschauen? Oder war ihr Angriff aus reinem Instinkt so effektiv gewesen? Wenn sie instinktiv in der Lage war, ihn zu verletzen, war wirklich Vorsicht geboten! Verdammt, das durfte sich auf keinen Fall wiederholen! Was war in ihn gefahren, dann auch noch beim Nachsitzen seine Distanz aufzugeben?!
Egal.
Eigentlich bekam er in letzter Zeit auch zu viele Fragen von Dumbledore und ihrem Hauslehrer, Flitwick, darüber, wie es möglich sei, daß eine umgängliche, vernünftige, begabte Schülerin so oft mit ihm aneinandergeriet. Wenn sie zu ihm selbst kam, würde davon niemand wissen. Er mußte lediglich besser aufpassen, daß ihre Wortwechsel nicht ausuferten. Und überhaupt war es auch viel unterhaltsamer, wenn er sich persönlich mit ihr herumzuschlagen konnte...
Caryn
Nach der Stunde beeilte sie sich, um so schnell wie möglich aus seinem Klassenzimmer zu verschwinden. Was war nur eben in ihrem Kampf passiert? Warum fühlte sie sich so... schwach? Snape war doch genauso gewesen wie sonst... Oder? Es mußte an ihr liegen... Die Hormone konnten es nicht sein, sie hatte ihre Periode gerade hinter sich. War seine Nähe schuld gewesen? War er ihr näher gekommen als sonst? Sie hatte sich bedrängt gefühlt. Aber gleichzeitig auch... anders...
Was sie davon halten sollte, daß Snapesie heute zu sich bestellt hatte statt wie üblich zu Filch? Das konnte ja heiter werden! Jedenfalls mußte sie bis heute Abend ihre Distanz wiedererlangen. Seine Gegenwart würde sie auf jeden Fall interessanter finden als die des dummen, verknöcherten Hausmeisters. Und sie würde sich in Reichweite eines Labors befinden. Zweifellos ein Ort, zu dem sie sich hingezogen fühlte. Wenn schon nicht zum Inhaber dieses Ortes...
„Mensch, Caryn!" tönte Lucas' Stimme von hinten. Er ließ seinen Freund allein gehen und sagte leise: „Was war das denn heute?"
Caryn wurde klar, daß sie eigentlich Einzelgängerin war: Sie mochte jetzt absolut mit niemandem sprechen.
„Nichts", murmelte sie nur. „Ich muß mich beeilen. Hausaufgaben..."
Lucas machte keinen Einwand.
„Wir sehen uns Freitag, was? Und halt die Ohren steif! Immerhin mußt Du nicht zu Filch. Obwohl ICH nicht weiß, wen ich schlimmer finde..."
Caryn rang sich ein Grinsen ab und lief in Richtung Bibliothek.
Etwas Neues
Caryn Dienstag,19.3
Hoch erhobenen Hauptes betrat sie nach dem Abendessen Snapes Büro, dessen Tür lediglich angelehnt gewesen war. Vor Jahren war sie einmal hier gewesen und erinnerte sich deutlich an ihre Assoziationen einer Hexenküche aus den Muggel-Zauberergeschichten ihrer Kindheit.
Mehrere hoch liegende kleine Fenster ließen selbst jetzt im Hellen nur gedämpftes Licht herein. An allen Wänden des teilweise runden Kerkers befanden sich deckenhohe Regale voller Glasgefäße und Flaschen – alle gefüllt mit mehr oder weniger abstrusen und widerlichen Inhalten. Einige von ihnen strahlten ein geheimnisvolles Licht ab, die einzigen Lichtquellen des Raumes, von einer altmodische Muggelschreibtischlampe abgesehen, die augenscheinlich von Snape magisch manipuliert worden war und ein intensives, fast ausschließlich auf die Tischplatte gerichtetes Licht ausstrahlte. Caryn dachte wehmütig an ihre Schreibtischlampe zu Hause, die wohl das einzige war, was sie wirklich vermißte. Merkwürdig, daß ausgerechnet Snape, der Prototyp eines Slytherin, ein Muggelartefakt den gängigen Fackeln vorzog!
Sein Schreibtisch, in der Mitte des Raumes, bog sich unter der ungeordneten Last von Bücher- und Pergamentstapeln. Dort saß Snape jetzt und arbeitete, was bestimmt nicht einfach war in der Unordnung um ihn herum. Da er keine Notiz von Caryn nahm, ließ sie ihren Blick weiter durch den vollgestopften Raum schweifen.
Sogar auf dem Steinboden stapelten sich Bücher, Zeitschriften, Schachteln mit Pergamentrollen, beschriftet mit den einzelnen Klassenstufen und Jahreszahlen. Unter einem der Fenster stand eine Art Aktenschrank, beide Türen weit offen und somit den Blick auf das verblüffende Innere freigebend: Er war gänzlich leer. Daneben ein dort abgestellter Stuhl, wohl für Besucher. Daß er bis zur Oberkante der Lehne mit Pergamentrollen belegt war, zeugte von der Seltenheit solcher Besuche, die darüber hinausgingen, vor dem Zaubertränkemeister zu stehen und so früh wie möglich wieder zu entfliehen. In seinem Klassenzimmer war es stets peinlich sauber und aufgeräumt, daher überraschte Caryn dieses Chaos, welches aber zu dem Eindruck der Küche des Hexenmeisters paßte.
Ehrfürchtig war sie stehengeblieben und ließ alles auf sich wirken. Noch immer kümmerte Snape sich in keiner Weise um sie. Worauf wartete er? Sie bewegte sich durch den Raum zum Schreibtisch und stellte sich unmittelbar neben ihn. Sah ihn herausfordernd an. Er hob seinen Blick nicht von seinem Pergament.
„Ich dachte mir, ich könnte anfangen, Ihre offenkundige Bereitschaft zur Extraarbeit auszunutzen und Sie Basistränke herstellen lassen, um meinen Bestand wieder aufzufüllen", sagte er beiläufig, ohne Caryn auch nur einmal angesehen zu haben. Offenbar wußte er auch so, daß sie es war. „Zur Trankbrauerei sind Sie ja selbständig in der Lage. Drüben in meinem Privatlabor auf dem Tisch liegt das Rezept. Fangen Sie mit der Herstellung einer Nährlösung für tierische Stoffe an. Das nächste Mal machen Sie mit der für die pflanzlichen weiter."
Caryn war stehengeblieben. Ihren Blick auf ihn gerichtet. Wollte seltsamerweise jetzt, daß er sie ansah, wenn er mit ihr sprach, wollte sich nicht ignorieren lassen.
Na, hast Du seine nahe Aufmerksamkeit heute Morgen mehr genossen, als Du zugeben willst??
Nachdem er genau das einige Sekunden lang versucht hatte: Caryn zu ignorieren, sah er widerwillig (oder hatte sie eine Spur Neugier in seinen Augenwinkeln leuchten sehen?) auf.
„Was stehen Sie noch hier herum? Wollen Sie die Arbeit verweigern?" schnappte er.
Caryn – erleichtert, daß sie keine Unsicherheit mehr verspürte – war jetzt ihrerseits neugierig geworden. Gespannt auf seine Reaktion und ohne Kalkulation der Folgen, fragte sie dreist, aber ohne sich im Mindesten herausfordernd anzuhören:
„Was würden Sie tun?"
Wenn er überrascht war, so hatte er keine Spur davon nach außen sichtbar werden lassen. Gleichgültig knurrte er:
„Sie können sich gleich vormerken, morgen zu gleicher Zeit hier zu erscheinen!"
Plötzlich erschien ihr das sich ewig wiederholende Spiel zwischen ihnen unerträglich vorhersagbar und langweilig und ermüdend und... traurig. Sie sah auf ihn herab.
„Das ist alles, was Ihnen dazu einfällt? Immer mehr Gewalt, Erpressung, Strafen?"
Das war kein Angriff gewesen. In ihrer Stimme klangen nur Müdigkeit, Resignation, Enttäuschung.
Jetzt hatte sie seine gesamte Aufmerksamkeit. Er versuchte, sie mit seinem Blick festzunageln. Caryn sah ihm in die Augen. Alle Gefühle lösten sich auf, sie war plötzlich leer, leicht.... Abrupt wandte er seinen Blick von ihr ab und sich wieder seiner Arbeit zu.
„Ich erwarte Sie die ganze restliche Woche hier bei mir zur Strafarbeit", bemerkte er gelangweilt. „Wenn Sie jetzt die Güte hätten, sich an die Arbeit zu machen."
Auf diese Weise aus seinen Augen hinausgeworfen, spürte Caryn, wie Wut von ihr Besitz ergriff.
Heute Morgen wolltest Du seinen Blick um jeden Preis vermeiden – und jetzt?
Die ganze Zeit ihres Kampfes über hatte sie gewollt, daß er sie bemerkte, sie ansah, sich ihr endlich zeigte. Mit Haß hatte sie darauf reagiert, daß er mit niemandem in wirklichen Kontakt trat, daß er sich hinter seiner Fassade versteckte. Und es damit gleichzeitig als gegeben hingenommen. Wut brachte sie bei ihm nicht weiter. Im Unterricht heute war irgendetwas anders gewesen, ohne daß sie jetzt imstande wäre, das im einzelnen zu analysieren... Vorerst kapitulierte sie und begab sich an die Arbeit. Dabei würde sie besser nachdenken können.
Gegenüber seinem Schreibtisch führte eine Tür zu seinem privaten Labor, einem großzügigen Kerkerraum, in dem es so ordentlich war, wie sie es von seinem Klassenzimmer kannte.
Das Auffälligste war, daß sich in dem fensterlosen Raum in allen vier Wänden je eine Tür befand, durch die man das Labor verlassen konnte. Die Tür rechts von Caryn befand sich auf dem Absatz einer halbhohen Treppe, die an der Wand wohl zu seiner Privatwohnung führte. Die übrigen drei Türen befanden sich alle in der Mitte der jeweiligen Wand: die in Snapes Büro und eine links zum Kerkergang (die Caryn von der anderen Seite her kannte, denn sie befand sich neben dem Klassenzimmer). Die dritte, gegenüberliegende, stand offen und gab den Blick auf eine kleine Kammer frei, die von oben bis unten mit hohen Regalen vollgebaut war, in denen wohl sämtliche Tränkezutaten gelagert wurden.
An den verbleibenden Wänden standen übereck Arbeitstische mit magischen Abzügen, Feuerstellen, Kühlschränken. In ebenfalls übereck angebrachten Hängeschränken befanden sich Geschirr und sämtliche anderen Gerätschaften, die man im Labor brauchte. In Ermangelung von Fenstern sorgte hier die normale Fackelbeleuchtung für mäßige Helligkeit, aber unter einem der Hängeschränke befand sich eine magische Lichtquelle für den darunterliegenden Arbeitstisch, wo Caryn das Rezept für sie liegen sah.
Durch die ungewöhnliche Eckenlastigkeit des Raumes und dadurch, daß die Mitte frei war, hatte Caryn das Gefühl, sich bewußt orientieren zu müssen, was auf eine seltsame Weise Denkpotential freisetzte, sie inspirierte: Sie wurde plötzlich von der Lust ergriffen, sofort einen Trank in Angriff zu nehmen, und zwar einen richtigen, schwierigen. Oder einen ganz neuen zu entwickeln! Oder...
Plötzlich wurden ihr bewußt, daß Snape sie sehen konnte, wie sie dort in der Tür stand und träumte. Ein rascher Blick über ihre Schulter sagte ihr, daß ihn das offenbar nicht interessierte. Ihm kam es wohl darauf an, daß der Trank fertig wurde, egal wie lange sie dazu benötigte.
Also zum Rezept. Die Zutaten durfte sie sich anscheinend allein aus seiner Vorratskammer nehmen. Das allein schon machte Spaß! Sie las sich das Rezept durch und ging damit in Snapes Vorratskammer. Nachdem sie sich vergewissert hatte, ob er noch in seine Arbeit vertieft war, genoß sie das Gefühl, allein zu sein mit dieser geballten Magie in Form der tausend bevorrateten Pflanzen, Tierteile, Pilze, Früchte jeweils wieder in tausend unterschiedlichen Zubereitungen und Aggregatzuständen... Bestimmt reizte Snape an seinem Job die Macht, die ein Tränkebrauer innehatte, die geheimnisvollen Wirkungen und Wechselwirkungen durchschauen und anwenden zu können. Sie selbst war einfach die Muggel-Wissenschaftlerin, die diese Wirkungsweisen erfahren wollte, ohne sie unbedingt nutzen zu wollen, der das ehrfürchtige Warum noch immer näher war als das Wozu...
Als Snape nach einer Zeit das Labor betrat, um in einer anderen Ecke an einem anscheinend privaten Projekt zu arbeiten, war Caryn vorschriftsmäßig dabei, den geforderten Trank herzustellen. Sie bemühte sich, ihren Professor keines Blickes zu würdigen. Obwohl auch er sie nicht offen ansah, spürte sie, daß das Schweigen zwischen ihnen sie irgendwie in Bezug zueinander stehen ließ. War sich ziemlich sicher, daß er mit ihrer Anwesenheit beschäftigt war, womöglich sogar über sie nachdachte.... Es hatte vorhin nicht den Eindruck gemacht, als ob ihr kampfloser Rückzug ihn verwundert hätte. Wahrscheinlich war sie ihm völlig gleichgültig. Andererseits: Hatte er ihr nicht eben einen unauffälligen Blick zugeworfen?
Sie sah ihren eigenen Gedanken zu, die sich in ihrem Kopf bildeten. Ideen, Bilder, Theorien, warum er so war, wie er war. Erinnerungen an all die Gemeinheiten, all die gehässigen Kommentare, die spöttische Ironie, die genau berechneten Demütigungen der Schüler. Er war dabei allzeit total distanziert. Schroff. Abweisend. Kühl. Emotionslos. Ausschließlich kopfgesteuert. Aber seine Wut, die manchmal hervorbrach, war echt. Da war er ganz nah. Da fühlte er sich stark und lebendig. Und nicht selten hatte sie das Gefühl gehabt, daß er ihre haßerfüllten Wortwechsel genossen hatte. (Was sie zur Weißglut gebracht hatte, sie hatte ihn ja treffen wollen.)
Indem sie mit ihm dieses Haßspiel gespielt hatte, hatte sie sich auf seine Ebene begeben.
Haß war ein Gefühl, das einen sich stark fühlen ließ. Viel leichter auszuhalten als Trauer oder Angst. Da gab Caryn den Psychologen recht, die sie gelesen hatte. Wut oder Haß konnten auch als Tarnung genutzt werden, wußte sie. Tiefere gefährlichere Emotionen zu verdrängen, zu ersetzen. Ja, sie war sich sicher, daß bei ihm etwas dahinter war, das freizulegen sich lohnte. Und wie?
Sie hatte jetzt fast ein Jahr damit zugebracht, ihn herauszufordern, zu provozieren. Und er hatte mit seinem Repertoire an distanzierten Gemeinheiten reagiert. Manchmal war es ihr gelungen, ihn wütend zu machen. Sehr befriedigend. Immerhin an seine äußerste Gefühlsschicht war sie vorgedrungen. Aber weiter würde sie damit nicht kommen. Heute Morgen war er irgendwie näher gewesen. Aber vielleicht –wahrscheinlich sogar – war es lediglich sie selbst gewesen, die ihre Distanz zu ihm verloren hatte...
Merkwürdigerweise hatte sie ihn vorhin nicht verblüffen können, indem sie sich plötzlich kampflos zurückgezogen hatte. Aber er hatte darüber, über sie nachgedacht, dessen war sie sich ziemlich sicher. Vielleicht sollte sie diesen Weg weitergehen... Vielleicht war es an der Zeit, ihre offen zelebrierte Abneigung aufzugeben und stattdessen....?
In diesem Moment spürte Caryn seinen Blick auf sich und fing ihn ein. Sie sah in seine tiefschwarzen Augen, die ihren Blick ein bißchen spöttisch, aber ruhig erwiderten, und etwas in ihrem Innern war wieder anders.... aber ganz anders... Irritierend. Aufwühlend. Da war etwas Neues in ihr erwacht..... Sehnsucht.....
Eine Sehnsucht, die vielleicht doch schon immer dagewesen war, die sie aber bisher in ihrem Haß auf ihn nicht wahrgenommen hatte. Die Sehnsucht, hinter seine Fassade zu blicken. Den wirklichen Snape zu sehen. Den er alle Zeit hinter seiner geballten Häßlichkeit und Gewalt verborgen hielt, womöglich sogar vor sich selbst.
Warum sollte ihr nicht möglich sein zu erreichen, daß er sich ihr zuwandte? Ihr sein wahres Ich zeigte...
Sie war aus tiefstem Herzen davon überzeugt, daß niemand so sein konnte. Daß jeder Mensch einen guten Kern besaß, der freigelegt, der gerettet werden konnte – wenn es noch nicht zu spät war. Sie hatte über verschiedene psychologische Theorien gelesen. Über Therapien. Über Grundhaltungen einem Menschen gegenüber, die ihm erleichterten, sich zu öffnen, sich zu verändern... Was ihr Vater nie geschafft hatte. Bei Snape könnte sie es versuchen... Sie WOLLTE es versuchen, nichts in der Welt schien ihr in diesem Moment verlockender. Severus Snape. Severus… Sie wollte ihn entdecken, kennen… Den MENSCHEN Severus Snape…
Ob er die Veränderung in ihr bemerkt hatte? Seine unglaublichen Augen vermittelten einem den Eindruck, als bliebe ihnen nicht die kleinste Nuance in den Gedanken des Gegenübers verborgen. Ein Gefühl, das beängstigend sein konnte, wenn man vor ihm etwas verbergen wollte. In diesem Augenblick jedoch war Caryn am Ziel ihrer Wünsche: Severus Snape befand sie, Caryn Willson, für interessant genug, ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit und sogar sein gesteigertes Interesse entgegenzubringen, in sie hineinzusehen.... UND hatte sie dazu verdonnert, ihm diese Woche jeden Abend Gesellschaft zu leisten. Das konnte eigentlich nur spannend werden...
Severus
Da war es. Das Zeichen, auf das er gewartet hatte, nachdem heute Morgen die erste unmerkliche Veränderung eingetreten war. Caryn hatte den Kampf mit ihm aufgegeben. Diesmal allerdings nicht aus einer Verunsicherung heraus, sie hatte ihn aus freien Stücken beendet. Und bei allem Bedauern, die das in ihm wachrief, verspürte er in diesen Minuten vor allem das Prickeln dessen, was ihn mit ihr erwartete…
Eine Weile später war er extra zu ihr ins Labor gegangen, um sie unauffällig zu beobachten, während sie den geforderten Trank bereitete. Ihre Gedanken kreisten um ihn, das konnte er auch ohne Blickkontakt deutlich legilimentisch erspüren.
Komm, sieh mich an!
Prompt hob sie ihr Gesicht.
Bist Du genauso lächerlich vorhersagbar wie alle Frauen?
Er ließ ihre Blicke sich verschränken.
Na, was denkst Du?
Sie war glücklich, von ihm angesehen zu werden.
Das ging aber schnell.
Als ob man den Schalter umgelegt hätte, hatte sich ihr Von-ihm-abgestoßen-Sein umgekehrt ins Gegenteil verkehrt: in Sehnsucht verwandelt.
Schön. Dann dauert es nicht mehr lange, und Du wirst mit klopfendem Herzen und feucht im Schritt vor mir stehen...
Er holte Luft, ein wenig besorgt über die Heftigkeit seiner Erregung, welche ihn unbestreitbar ergriffen hatte. Normalerweise blieb er selbst lange relativ unbeteiligt. Spürte vielleicht eine prickelnde Vorfreude auf einen besonders knackigen oder üppigen Körper. Aber die Erektion kam erst, wenn er sie nackt in den Händen hatte.
Wo war seine übliche Distanz? Wo seine Verachtung für Caryns voraussehbare Entwicklung? Wo sein Bedauern darüber, daß er in ihr eine ebenbürtige Spielpartnerin verlor?
Er runzelte die Stirn und versuchte, den Blutstau in seinem Schritt aufzulösen. Konzentrierte sich wieder auf ihre Augen. Wollte sie denn den Blickkontakt nicht endlich abbrechen? Er würde nicht zuerst wegsehen! Eine Intensität lag in ihrem Blick, die ihn schaudern machte. Hatte er nicht um die Heftigkeit ihrer Emotionen gewußt? So wie sie ihn ansah, war es notwendig, besonderes Augenmerk darauf zu legen, daß er um jeden Preis die Kontrolle über die Affaire inne behalten mußte. Sie durfte sich nicht zu tief in ihren Gefühlen verstricken. Nicht daß der Genuß des Ganzen – und womöglich ein größerer Genuß als sonst – von ablenkendem Liebesgeschwafel, ermüdenden Beziehungsstreitereien und hysterischem Geheule getrübt würde...Er würde sie im Auge behalten.
Was Du bisher wohl getan hast?
Jetzt brach er den Blick erst einmal ab. Sie konnte nun nicht erwarten, daß er den ganzen Abend damit zubrachte, ihr in die Augen zu sehen. (Noch keine verliebte Schülerin war imstande gewesen, ihn im Augenkontakt zu besiegen. Das konnte nichts Gutes bedeuten...)
Egal.
Er gedachte nicht, die Regel, beim Sex niemals Augenkontakt zuzulassen, ihr zuliebe zu streichen! (Wie mußte sich das anfühlen? In einen Blick von solcher
Intensität gezogen zu werden, der einem den Samen quasi aus dem Körper sog...?) Er erschauderte schon wieder und versuchte, nicht auf die unbequeme Härte zwischen seinen Beinen zu achten. Schon die Phantasien im Vorfeld waren bei ihr eindeutig besser!
Caryn
„Möchten Sie meinen Trank kontrollieren?"
Sie hatte geschafft, ihre Stimme ganz neutral klingen zu lassen, ohne irgendwelche Emotionen. Snape stand auf und kam zu ihr herüber. Sie sah ihn an. Ohne ihre sonstige gerunzelte Stirn. Sah er, daß sie einen Waffenstillstand vorschlug? Er ließ sich zumindest nichts anmerken. Nahm ihr nur die Flasche ab und prüfte den Inhalt.
„Danke, Miss Willson, der scheint in Ordnung zu sein. Sie können gehen", stellte er von oben herab fest.
„Gute Nacht, Professor Snape", sagte sie freundlich, musterte ihn ganz kurz und verließ den Raum.
Es war ein seltsames Gefühl gewesen, ihn nett zu behandeln. Normales, freundliches Verhalten trieb er ja allen Menschen systematisch aus mit seiner unglaublichen Unausstehlichkeit. Womöglich war es seine Absicht, genau das verhindern? Daß man nett zu ihm war? Selbst seine Kollegen, die natürlich höflich mit ihm umgingen und ihn auch – wie im Kollegium üblich – mit seinem Vornamen ansprachen, waren unterschwellig genauso feindselig wie die Schüler. Na gut, von Dumbledore abgesehen, aber für den war der gütige Umgang mit allen Menschen Lebensphilosophie... Der alte Schulleiter war wohl auch der einzige Mensch in Hogwarts, der den wahren Severus Snape kannte. Für alle übrigen war er nur das Ekel Snape...
Das würde sie ausprobieren. Sie würde einfach sein wahres Ich ansprechen. So tun, als ob seine äußere häßliche Hülle nicht existierte. Vielleicht würde sein Inneres sich irgendwie bemerkbar machen... Natürlich durfte sie es nicht übertreiben. So könnte es durchaus kontraproduktiv sein, ihn zum Beispiel anzulächeln. Das würde auch lächerlich wirken. Nein, sie würde ihm einfach offen begegnen und seiner abweisenden Art den Wind aus den Segeln nehmen. Mal sehen, was passieren würde...
Severus... ein Name, der ihr geschrieben immer schön und besonders vorgekommen war, den sie jedoch nie gerne gesprochen gehört hatte. Severus... ein häßliches Zischen... schlangenmäßig halt: Slytherin. Dabei steckte doch severe, ernst in den Buchstaben. Sivírus müßte es heißen. Sivírus Snape, ja, so klang es richtiger. Snape WAR ernsthaft. Und hatte absolut nichts von einer Schlange. (Obschon er ausgesprochen schön ausgesehen hatte, als er im Duellierclub letztes Jahr diese Schlange zum Verschwinden gebracht hatte... Und wenn sie es genauer betrachtete, so hatte sie bereits damals erkannt, daß es sich bei Severus Snape um einen… besonderen Mann handelte…)
Sivírus…
Caryn gestattete sich, ihn in ihren Gedanken mit dem Namen zu versehen, den sie ihm gegeben hatte. Ob sie jemals in die Verlegenheit kommen würde, ihn auch so anzusprechen??
Erwartungen und Desillusionen
Severus Mittwoch, 20.3
Am nächsten Abend wartete er gespannt auf ihre Ankunft. Wenn sie gleich mit der vertrauten Ausstrahlung ihrer Wut und Abneigung erschiene, würde alles wie immer sein. War es nicht das, was er lieber wollte? Ihr amüsantes Spielchen weiterspielen, das den langweiligen Unterricht ein wenig auflockerte? Wenn die Affaire ihren Lauf nahm, würde er das Spiel mit Caryn verlieren. Eine Weile würde er sich auf andere Weise mit ihr vergnügen können. Aber sobald sie ihre Illusionen über ihn verloren hätte, würde sie jeglichen Kontakt zu ihm abbrechen. Wie auch er, denn zu dem Zeitpunkt würde sie für ihn jeden Reiz als Mensch wie als Frau verloren haben.
Eigentlich mehr als ein wenig enttäuschend...
Andererseits war er nicht zuletzt aufgrund eines zugegebenerweise überragenden Orgasmus gestern Abend – dank den von ihr handelnden Phantasien – in bloßer Erwartung ihrer Ankunft schon wieder steif. Er wollte sie, das war schwer zu leugnen.
Pünktlich um sieben betrat sie das Labor, dessen Tür er für sie offengelassen hatte.
Er hatte es so eingerichtet, daß er sie von seiner Arbeit aus sehen konnte, und hob den Kopf. Sofort fing sie seinen Blick ein. Wollte ihn festhalten, das spürte er. Automatisch runzelte er seine Stirn, verengte die Augen und vergrößerte so die Distanz. Wann er ihr in die Augen sah, bestimmte er selbst.
„Guten Abend, Professor", sagte sie dann leichthin und ging ohne weitere Verzögerung an die Arbeit. Unauffällig betrachtete er sie dabei. Sie hatte – im Gegensatz zu gestern – keine Schuluniform mehr an. Nun, das paßte dazu, daß sie seine Aufmerksamkeit erregen wollte, stellte er befriedigt fest. Stattdessen trug sie einen kurzen, weiten Jeansrock mit dunkler Strumpfhose – ein von ihm als unbequem empfundenes Kleidungsstück, immer im Weg, wo man doch einfach den Rocksaum hochschieben könnte… Sie sollte es für ihn durch einen Wärmezauber ersetzen… Wie immer hatte sie flache Schuhe an – Absatzschuhe wären ihr bei ihrem permanent schwungvollen Gang auch im Weg gewesen. Schließlich ein figurbetontes weißes T-shirt mit einem Ausschnitt, der ihren schönen schlanken Hals betonte. – Das war noch eine Besonderheit an ihr: Auch wenn sie sich körperbetont anzog, Haut zeigte: Sie wirkte nie direkt sexy, eher mädchenhaft unschuldig. Was ihrer Attraktivität keinen Abbruch tat, im Gegenteil: Ihre Weiblichkeit war unaufdringlich, aber umso intensiver, tiefgründiger, wenn man erst einmal begonnen hatte, sie genauer unter Betrachtung zu nehmen. Man wußte, daß sie viel mehr zu bieten hatte als bloßen Sex...
Blödsinnige Gedanken!
Eigentlich WAR es wie immer. Sie verrichtete ihre Arbeit (die ihr offensichtlich leicht von der Hand ging und die sie gerne tat), während sie ihn, Snape, permanent beobachtete. Bisher hatte sie das getan, um sofort zuzuschlagen, wenn er etwas ihr Mißfallendes tat. (Eigentlich verhielt sie sich da genau wie er sich denen gegenüber verhielt, die er auf dem Kieker hatte: Potter, Longbottom oder ähnlich). Diese Aufmerksamkeit war jetzt auch da. Nur jetzt ohne Zweifel ANDERS. Nein, er machte sich nichts vor, was die Veränderung ihrer Empfindungen anbelangte. Caryn Willson hatte Feuer gefangen. Jetzt war nur die Frage, wie schnell und wie intensiv sich ihr neuer Zustand entwickeln würde…
Caryn
Ab und zu warf sie einen Blick zu ihm hinüber. Er schien in Gedanken versunken. Manchmal spürte sie, daß er auch zu ihr hersah. Einmal begegneten sich ihre Augen. Sie sah ihn offen an. Fragte ihn stumm, ob er ihr sein wahres Ich nicht zeigen wolle. Er erwiderte den Blick, wenn auch zweifellos ablehnend und auch mit einer mitschwingenden Frage.
Was willst Du von mir?
SIE WÜNSCHTE SICH; IHM NAHE ZU KOMMEN.
Hatte ihn die ganzen letzten Monate gespiegelt, hatte Haß empfunden über seine Rolle, genau wie er seinen Haß auf die Welt und ihre Bewohner. Haß war Caryn in ihrem Leben vorher nicht vertraut gewesen. Mit allen Mitteln, die kleinen Mädchen zur Verfügung stehen, hatte sie früher um die Liebe ihres Vaters geworben. Sie hatte ihn für seine Gleichgültigkeit ihr gegenüber nicht gehaßt. Erinnerte sich an Verzweiflung, irgendwann Resignation, Rückzug aus ihrer Liebe zu ihm. Ihr Kopf hatte sein Verhalten gedeutet, entschuldigt, irgendwann für unwichtig erklärt. Als er starb, hatte sie ihm bereits nicht mehr nahegestanden. Auch heute haßte sie ihn nicht. Seit sie nach Hogwarts gekommen war, hatte sie sich emotional von ihrer Muggelherkunft völlig gelöst. Sie war in der Zaubererwelt zuhause, hatte kaum Berührungspunkte mit ihrer Heimat.
Aber er, Snape, hatte das Gefühl des Hasses in ihr geweckt. Sie hatte sich darin wiedergefunden. Haß wäre eine Möglichkeit gewesen, auf die fehlende Bereitschaft ihres Vaters zu reagieren, mit ihr in einer Beziehung zu stehen. Snape hatte für seine Person, für sein Leben offensichtlich diese Möglichkeit gewählt, während sie an seiner Stelle den Abbruch der Beziehung vorgezogen hätte. Mit Snape dagegen WAR sie in eine solche Haßbeziehung getreten. Als hätte sie seine Sprache gelernt, um mit ihm zu kommunizieren. Außerhalb dieses Hasses fühlte sie, daß es Parallelen gab zwischen ihnen, vielleicht sogar eine Art... Seelenverwandtschaft? Er war mit Sicherheit in sich so isoliert wie sie selbst.
Nicht daß ihre Einsamkeit sie kümmerte. Sie war froh, mit ihren Büchern und Gedanken und Träumen in Ruhe gelassen zu werden, wollte niemals Teil dieser kichernden und jungenjagenden Cliquen sein. Und um eine beste Freundin
auszuhalten, war man gezwungen, sich für deren Liebesleben zu interessieren und vor allem selbst eines zu haben. Dennoch war da natürlich eine Sehnsucht in ihr, einem Menschen nahe zu sein. Und ein so Aussätziger wie Snape schien ihr da erträglicher und erreichbarer als jeder andere.
Sie sehnte sich danach, ihm nahezukommen.
Sah ihn offen an und wünschte sich, er würde sich ihr öffnen. Von dem Wunsch ließ sie nichts durchschimmern. Ahnte, daß sie ihn mit zwischenmenschlichen Bedürfnissen von vornherein hoffnungslos überfordern würde. Er durfte wissen, daß da Interesse war. In welche Richtung dies ging, darüber sollte er sich lieber selbst Gedanken machen... Er brach den Blickkontakt ab. Sah sie heute nicht mehr an. Und ließ sie schmerzlich damit fühlen, leidenschaftlich fühlen, wie sehr sie seine Blicke wollte. Sie WOLLTE, daß er sie ansah. Am liebsten unentwegt. Sie wollte seine schwarzen Augen auf sich. IN sich. IHN…
Severus
Es war noch immer so. Sobald er sie ansah, waren da sofort ihre Augen. Irgendwo zwischen blau, grün und grau. Aber von einer Intensität, die ihn immer wieder beeindruckte. In diesen Augen, die er jetzt mit gerunzelter Stirn betrachtete, trat jedes Gefühl klar zutage. Sie machte Legilimentik wirklich überflüssig.
Lodernden, leidenschaftlichen Haß war er von ihr gewohnt, umso deutlicher empfing er jetzt die unverwechselbaren Schwingungen ihrer vielfältigen Sehnsüchte... Welche noch weitgehend asexuell waren, wie bei einer Jungfrau der Normalfall. Jenseits des ersten Kusses (den sie von ihm nie bekamen; das war eine weitere seiner Regeln. Küsse waren zu intim) lag für diese jungen Dinger alles in einem Nebel des Mysteriums. Für diese Mädchen stand die ewige seelische Liebe im
Mittelpunkt, oder, wie in Caryns Fall: die Sehnsucht nach wirklicher Nähe.
Mensch, Mädchen, Du willst Dir doch nur beweisen, daß es diese Nähe zu einem Mann für Dich nicht geben kann. Sonst würdest Du Dir doch nicht ausgerechnet mich ausgucken, um so etwas zu versuchen!
So isoliert, wie sie war, wunderte ihn eigentlich nicht, daß sie sich gerade ihn aussuchte: Indem sie ihn heilte, wollte sie versuchen, Macht über ihn zu erlangen, die sich darin äußern sollte, daß er ihr für die Dauer seines ganzen Lebens zu Füßen lag. Weil sie sich nicht zutraute, einen Mann mit fairen Mittel dorthin zu bringen. Und das Risiko, daß er sich nicht heilen ließ, war einkalkuliert. Das würde ihr dann beweisen, daß sie nicht schön, begehrenswert und liebenswert genug sei, um überhaupt geliebt zu werden. Es würde damit enden, daß sie vor Selbstmitleid zerflösse und er Madam Pomfrey stimmungsaufhellende Tränke für sie bringen mußte. Dazu wollte sie IHN mißbrauchen. Genauso wie dutzende unsichere kleine Mädchen vor ihr. Eigentlich sollte er die Sache wirklich gar nicht erst anfangen...
Er seufzte und wandte den Blick ab. Sogar seine Erregung war verschwunden. Wirklich abturnend, diese liebessüchtigen Frauen!
Caryn Mittwoch, 20.3
An diesem Abend kam Caryn irgendwie ihr Posten als Beobachterin abhanden. Ihr eifriges Analysieren und Planen bezüglich ihres Verhaltens Snape gegenüber schien ihr vermessen und irreal. Leer und mutlos kam sie sich vor. Warum sollte er sich ihr öffnen wollen? Was sollte er für einen Grund haben, sein eingefleischtes Muster ausgerechnet ihr gegenüber aufzubrechen? Warum sollte er IHR nah sein wollen?
Ihre Klugheit oder ihre mit ihm geteilte Interessen waren ihm offensichtlich gleichgültig. Sie war weder schön noch verführerisch, nicht mal einen großen Busen hatte sie zu bieten. (Es fiel ihr allerdings auch schwer, sich Snape den Reizen einer schönen Frau erlegen vorzustellen...) Nein, es war wohl schlicht so, daß überhaupt NIEMAND etwas an sich haben konnte, das diesen Mann dazu bringen könnte, einen Menschen wenigstens ein bißchen interessant zu finden... Andererseits... hatte er sie nicht angesehen? Über sie nachgedacht in irgendeiner Weise? – Vermutlich hatte er sich nur gefragt, wann sie endlich aufhören würde, ihn zu belästigen...
Ihre Wut blieb verschwunden. Traurigkeit beherrschte Caryn stattdessen. Wenn sie ihren Vater nicht davon hatte überzeugen können, daß sie liebenswert sei, warum sollte sich jemand anders für sie interessieren? Und warum ausgerechnet derjenige, der sie eher umbringen würde, als ihr mit selbstloser Nächstenliebe zu begegnen? Sie sehnte sich in den Zustand ihres Hasses zurück. Der war in der Tat viel angenehmer als dieses... unglückliche Sehnen...
Beidseitige Verstrickung in Träumen unterschiedlicher Bewußtseinsstufen
Severus Nacht zu Donnerstag, 21.3
Eine trostlose Reihe, ein Mädchen neben dem anderen, wie Puppen. In unendlicher Vielfalt sehen alle gleich aus. Endlose Wiederholung immer desselben Spiels, das er allein spielt, einsam, immer....
Er braucht sie, wo ist Lily?
Er sucht nach ihr, langsam kriecht Panik in ihm hoch: Was, wenn er sie nicht rechtzeitig finden kann? Es wird zu spät sein. Er ein Gefangener, lebenslänglich. Sie kommen ihm nach, lassen sich nicht abschütteln, sie werden ihn kriegen...
SEVERUS, KOMM ZU MIR, SIEH MICH AN!
Aber das ist nicht Lily, Caryns Gesicht ist aus der Menge all der anderen Mädchen heraus aufgetaucht mit ihrem intensiven Blick, der ihn – wie nur sein eigener es kann – durchleuchtet, ihn analysiert und seine Person auseinandernehmen will. Er muß weg, sie darf ihn nicht erkennen!
Es ist zu spät.
ICH WILL DICH, SEVERUS, ALLES IST GUT, HAB KEINE ANGST, DAS MIT UNS IST RICHTIG!
Er möchte ihr glauben, vielleicht könnte er Caryn vertrauen, alles könnte leicht sein, ohne Zweifel, die Buße hinter ihm... Da hört er sie, Lily, verzweifelt schrill in seinem Kopf:
DU HAST MEIN LEBEN AUSGELÖSCHT, DU HAST JAMES GETÖTET, DU HAST HARRY DIE ELTERN GENOMMEN!
DU KANNST NICHT WEG! NIEMALS!
Er kann nicht weg.
Er muß weg! Er muß Luft bekommen, er kann nicht mehr, er erstickt, er muß hier raus!
DAS GEHT NICHT, SEVERUS; DU MUßT DIE KONSEQUENZEN DEINER TATEN TRAGEN!
Lily hat recht, er weiß, daß sie recht hat.
DAS IST MIR ALLES EGAL, sagt Caryn ruhig und sieht ihn immer noch an. Dann ist sie verschwunden, aber Severus weiß, daß er zu ihr muß, sie braucht ihn, es ist ihr egal, wer und wie er ist, sie braucht ihn, wirklich IHN. Deswegen ist sie in seine Arme appariert, das ist eine Tatsache, der Beweis. Und er muß zu ihr, weil er dort Atem schöpfen kann. Leben kann. Weil auch er sie braucht.
DU FINDEST SIE NICHT. DU KANNST SIE NICHT FINDEN, CARYN IST NUR EIN TRAUM…
Schweißgebadet war er aufgewacht und hatte dieses Mädchen verflucht.
Natürlich ist sie nur ein Traum. Sie soll aufhören, so zu tun, als sei sie real!
Er wußte doch, daß sie genauso war wie alle anderen! Sie war ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, wie alle verliebten Schülerinnen. Keine davon hatte je interessiert, was für ein Mensch er wirklich war. Keine hatte auch nur in Erwägung gezogen, daß er einfach so war, wie sie ihn kannten. Schlecht. Verdorben. Bitter. Tot. Daß es nichts DAHINTER gab, was sie freischaufeln konnten. Sie liebten ausschließlich das Bild, das sie sich von ihm gemacht hatten. Und sobald sie erkannten, daß es dieses Bild nicht gab, suchten sie das Weite. Und er würde allein bleiben. Wie es richtig war. Severus Snape stand allein. So war es richtig. So war es gewollt.
Caryn Donnerstag, 21.3
Im Halbschlaf kam eine Erinnerung, die sie all die Jahre bewahrt hatte: Inmitten des Rausches Ich bin eine Hexe, ich darf Teil dieser faszinierenden Welt sein, ich gehöre nach Hogwarts und darf zaubern lernen…ihre allererste Zaubertränkestunde.
Jener beeindruckend dunkle, geheimnisvolle Zauberer in seinen langen schwarzen Roben mit einer geradezu magischen Stimme, mit der er leidenschaftlich von der Zaubertrankbrauerei sprach…
„Ich kann Sie lehren, den Geist zu betören und die Sinne zu umgarnen…Ich erwarte nicht, daß Sie wirklich die Schönheit eines leise brodelnden Kessels mit seinen schimmernden Dämpfen verstehen, die feinsinnige Macht der Liquide…"
Diese Faszination hatte sie auf der Stelle nachempfinden können. Und auch wenn sie – gleich in den folgenden Minuten – hatte herausfinden müssen, daß dieser Mann, dessen Leidenschaft sie bereit war zu teilen, der unangenehmste Lehrer war, den sie sich hatte vorstellen können, war Zaubertränke immer eines ihrer Lieblingsfächer geblieben. Die ewigen Verwandlungen von Nadelkissen in Igel und Schildkröten in Schmuckdöschen hatte sie irgendwie auch nie anders als silly incantations betrachten können... Doch, damals hatte sie sich ihm verbunden gefühlt, bevor er ihr das systematisch ausgetrieben hatte...
Severus Donnerstag, 21.3
Kaffee half immer. Nach der halben Kanne war er meist stark genug, daß seine Gefühle unter Kontrolle waren, seine Gedanken wieder in geordneten Bahnen liefen. Seine nächtliche Schwäche verstaute er in seinem Inneren. Lily gehörte nicht in den Tag.
Jetzt war Tag.
Er war stark. Er war durchaus in der Lage, seine Person auszuhalten, die Konsequenzen seiner Taten zu tragen. Er haßte es, er haßte sich, er haßte sein Leben, aber er war dazu in der Lage. Solange ihn alle in Ruhe ließen, war es erträglich.
Caryn sollte ihn in Ruhe lassen. Sollte von ihm aus neben Lily ruhen, ohne ihn weiter zu stören. Sie hatte keine Ahnung, und vor allem kannte sie ihn nicht. Würde ihn nie kennen. So wie keine ihn kennengelernt hatte. Lily hatte ihn gekannt, und sie hatte die einzig mögliche Konsequenz daraus gezogen: Sie hatte ihn verlassen.
Sich zu verstellen, war für ihn nie in Frage gekommen. Einer Frau einen liebenswürdigen Menschen vorzugaukeln, der er nicht war, nur um sie zu bekommen oder zu halten. Nein, nicht einmal für Lily, die er wirklich geliebt hatte damals und die immer noch die wichtigste Person in seinem Leben war, hatte er sich ändern wollen.
Wenn niemand ihn so lieben konnte, wie er war, dann war das eben so. Das war sein Schicksal. Seine Persönlichkeit.
So hatte er Lily verloren, und sie war zum Prototyp aller seiner Frauen geworden. Und Caryn würde sich durch NICHTS von diesen Anderen unterscheiden. Sie würde ihren Traumprinzen in ihm suchen. Den nicht finden. Und gehen. Wie jede einzelne vor ihr. Wie überflüssig, sich diese Gedanken überhaupt zu machen! Wie DUMM! Wie hatte Caryn nach all den Jahren plötzlich diese alte Sehnsucht, die für sich schon lange abgehakt gewesen war, wieder in ihm wachrufen können? Die Sehnsucht, ALS ER SELBST GELIEBT zu werden (die doch per se unter Menschen utopisch war). SO beschämend, etwas zu ersehnen, was es gerade für ihn nicht geben konnte!
Er mußte Caryn von sich weghalten. Von ihm auf diese Weise mit Bedürfnissen assoziiert, erhielt sie viel zu viel Macht über ihn.
Meine Güte, sie ist siebzehn!
Es war stets ein netter Zeitvertreib von ihm gewesen, die einzelnen Mädchen der Jahrgänge durchzugehen und sich zu fragen, ob wohl eine dabei war, die ihm irgendwann Avancen machen würde. Manchmal war eine darunter, die einen Körper nach seinem Geschmack zu entwickeln versprach. Doch letztlich und AUSNAHMSLOS war ihm die Identität seiner Gespielinnen gleichgültig gewesen. Schülerin gleich Schülerin. Unreif, voller Illusionen, von vornherein nicht in der Lage, ihm mehr zu bieten als ihren jungen Körper. Noch nie in all den Jahren hatte er ein Mädchen dahingehend beeinflußt, daß sie sich ihm zuwenden sollte. Niemals hatte er auch nur das Bedürfnis danach verspürt! Gegen ihren Willen wollte er keine mißbrauchen. Vielmehr bestand der erste Punkt seines üblichen Vorgehens darin, einer neuen Kandidatin noch einmal in aller Ausführlichkeit vor Augen zu führen, wie unausstehlich er war. Wer ihn danach noch wollte, war selbst schuld. Die mußte dann die Konsequenzen tragen.
Von seinen zahlreichen Verehrerinnen waren die meisten seiner Vorauslese zum Opfer gefallen, geschlafen hatte er in den letzten dreizehn Jahren seiner Lehrertätigkeit hier vielleicht mit... einem Dutzend? So in etwa. Nicht eine einzige von ihnen war ihm - in welchem Sinne auch immer - WICHTIG gewesen. Und auch durch ihre sexuelle Beziehung nicht wichtig GEWORDEN. Es gab nur die Abstufungen aufregend, annehmbar und langweilig.
Daß Caryn für ihn – in welchem Sinne auch immer – wichtig war, das konnte er nicht abstreiten. Wenn er ehrlich zu sich war, dann hatte sie mit der Zeit einen festen Platz in seinen Gedanken eingenommen. Er dachte ÜBER SIEnach, aber eigentlich dachte er AN sie. All die Monate hatte er sie beobachtet und ihre Zuwendung in Form ihrer offen zur Schau gestellten Abneigung angenommen. Hatte diese Auseinandersetzung, die in seiner Sprache ausgetragen wurde, genossen. Sie hatte ihn gehaßt, und zwar war es ER SELBSTgewesen, den sie gehaßt hatte.
SIE HATTE EINE BEZIEHUNG ZU IHM.
DU hast eine Beziehung zu ihr!
Eine Beziehung, die nichts zu tun hatte mit seiner offensichtlichen Lust, mit ihr zu schlafen. Was weit schlimmer war: Er WOLLTE diese Beziehung zu ihr, unabhängig von Sex. Und das war eindeutig wider seine Regeln.
Sie sollte ihn in Ruhe lassen! Was sollte er von ihr wollen? Er brauchte sie nicht. Er fühlte sich wohl in seiner Einsamkeit. Er brauchte seine Unabhängigkeit. Er war von niemandem seelisch abhängig. Würde es nie mehr sein. Niemand würde ihn je wieder verletzen.
Caryn Willson war ihm in Wahrheit so gleichgültig wie alle anderen. Sie interessierte ihn doch nicht wirklich! Sex mit ihr wollte er. Den konnte er allem Anschein nach haben. Er mußte die Affaire mit ihr vorantreiben, und dann würde alles ein Ende haben.
Aber war sie schon verliebt genug? Er würde ihren Zustand analysieren und sich sein weiteres Vorgehen überlegen. Heute war ihre zweite Zaubertränkestunde dieser Woche. Und heute Abend würde sie zum dritten Mal in seine Kerker kommen...
Caryn Donnerstag, 21.3
Ihre Augen warteten auf den schwungvoll hereinkommenden Lehrer für Zaubertränke. Ließen sich nicht davon abhalten, an ihm haften zu bleiben, während er nach vorne eilte und sich auf den Fersen umdrehte, wie sie es unzählige Male in den vergangenen sechs Jahren gesehen hatte. Und doch… war ihr eigentlich nie aufgefallen, daß er ohne Zweifel über eine... nicht auf den ersten Blick wahrnehmbare... Attraktivität verfügte... Da waren die schlanken, eleganten Hände, die in manchen Reden geradezu betörende Stimme und der Geruch, den sie nicht mehr vergessen konnte und der sie manchmal dazu brachte, näher an ihm vorbeizugehen, als sie normalerweise getan hätte…: Diese Eigenschaften hatte sie in der Vergangenheit meist konsequent von seiner Person abgespalten können. Heute nahm sie seine geschmeidigen Bewegungen wahr, seine schöne Statur, die Aura von Macht und Magie, Männlichkeit und Stärke... und selbst sein Gesicht.... immer hart von Haß, daher waren ihr irgendwie nie seine markanten Gesichtszüge aufgefallen...
Irgendeine Art von Anziehung zu bewirken, war natürlich überhaupt nicht von ihm bezweckt. Im Gegenteil tat er ja nichts anderes, als jeden Menschen abzuweisen und zu verletzen. Wahrscheinlich fiel es daher niemandem auf... Er war ja nicht mehr der Jüngste – mußte schon an die vierzig sein – hatte jedoch nichts von seiner… jugendlichen Vitalität eingebüßt. Und das, obwohl sein Gesicht bereits Furchen hatte.
Was er hatte wohl erleben müssen...?
„Miss Willson, Ihre Klassenkameraden werden denken, ich hätte Ihnen einen Liebestrank verabreicht, wenn Sie nicht aufhören, mich so anzustarren! Machen Sie mich nicht lächerlich!"
Ihr blieb die Luft weg. Tränen traten ihr in die Augen, als hätte er sie in den Magen geschlagen. Wie hatte sie so dumm sein können, auch nur ansatzweise... An eine Erwiderung war nicht zu denken, zumal er sie schon lange links liegen gelassen hatte. Sie fühlte sich beschmutzt, zutiefst verletzt. Tief traurig. Wo war ihre Wut? Warum konnte sie ihm keinen haßerfüllten Kommentar seiner Widerwärtigkeit hinterher schleudern? Und danach stolz sich von ihm abwenden? So wie sonst?
Stattdessen blieb sie verwundet und gedemütigt zurück?
Caryn drängte ihre Tränen mit aller Gewalt zurück und bemühte sich um ihren Kopf.
Ob er nicht lediglich das bezweckt hatte? Sie – mit total unfairen Mitteln – zur Rückkehr in ihr Haßschema zu bewegen? Natürlich war ihm ihre vertraute Haßbeziehung viel sicherer. Zweifellos hatte sie ihn verwirrt, indem sie den Haß beiseite gelegt hatte, auch wenn er das vor ihr verborgen hatte. Sie war sich sicher gewesen, daß er sich gedanklich mit ihr beschäftigt hatte.
Schließlich verletzte er alle und jeden. Er war eisern entschlossen, sich zu schützen vor jeder Nähe zu einem anderen Menschen. – Klar, der sicherste Weg, sie sich vom Leib zu halten, bestand darin, Caryn so zu verletzen, daß sie das Weite suchte.
DEN Gefallen tue ich Dir nicht!
Oh nein! SO leicht würde sie es ihm nicht machen! Sie würde heute Abend zu ihm gehen und ihm unbefangen, offen und freundlich begegnen. Und seine Schüsse an sich abprallen lassen. Sie würde ihn sich als ein Tier vorstellen, das sie zähmen wollte. Sie WÜRDE ihn zähmen! Keine andere, aber SIE ALLEIN! Sie KONNTE es. Er würde sie LIEBEN! Ihr zu Füßen liegen! Das geschah ihm recht!
Severus
Sie war so weit. Sie liebte ihn bereits. (Was sie halt unter LIEBEverstand) Er hatte sie getroffen. Endlich! Sie stand nicht länger emotional über ihm. War nicht mehr unverwundbar. Gegen die Tränen hatte sie ankämpfen müssen. Er hatte sie verletzen können mit seinem Angriff auf ihre Würde als Frau. Alles verlief plangemäß.
Eine positive Nebenwirkung solcher sexistischen Übergriffe bestand darin, daß er damit den übrigen Schülern suggerierte, wie absurd es war anzunehmen, Professor Snape ziehe auch nur in Erwägung, sich mit einer Schülerin einzulassen.
Der eigentliche Zweck belief sich darauf, daß er damit die zartbesaiteten unter seinen Verehrerinnen von vornherein ausmerzte. Selbstmordgefährdete Mimosen konnte er nicht in seinem Bett gebrauchen! Daher wandte er diese Methode an dieser Stelle der Ereignisentwicklung immer an.
Nach seinem Angriff hatte er sich auf der Stelle von Caryn weggedreht und gespannt gewartet, ob sie diesen als eine Einladung zur Rückkehr in ihr altvertrautes Kampfspiel auffassen und mit einer haßerfüllten Erwiderung reagieren würde.
Bei ihnen, Professor Snape, würde nicht einmal ein Liebestrank helfen! hätte sie ihm an den Kopf werfen können. Er hätte dann kühl geantwortet:
Sie werden bei Ihrer Strafarbeit Gelegenheit bekommen, ihre Ansicht zu überdenken!
Oder etwas ähnliches, je nachdem, wie die Stimmung in der Klasse gewesen wäre. Obwohl die meisten anderen die Zweideutigkeit darin sowieso nicht kapiert hätten. Er hatte vergeblich gewartet. Caryn hatte vor sich hingestarrt, ohne daß er per Legilimentik an sie heran gekommen wäre.
Das war erstaunlich. Caryn schien – anders als in allen übrigen Emotionen – sich in ihrer Trauer abzuschotten, schloß er beeindruckt. Daß sie dazu in der Lage war, bedeutete, daß sie ihre Umwelt an all ihren übrigen Gefühlen wirklich freiwilligteilhaben ließ! Sie war stärker als er gedacht hatte...
Nach einer Weile hatte sie angefangen zu arbeiten. Ohne ihn weiterhin anzusehen.
Nun, er hätte bei ihr auch nicht mit einer sofortigen Rückkehr in das alte Schema gerechnet. Sie würde ihr Ziel, ihm in der LIEBE nahezukommen, durch Verletzungen von ihm nicht sofort aufgeben. Dafür war sie zuvor in ihrem Haß zu beständig und stark gewesen.
Er wollte sich nichts vormachen. Sein verletzendes Verhalten war nicht NUR ein Test der Belastbarkeit ihrer Gefühle gewesen. Und hatte auch nicht nur der routinemäßigen Vorsicht gedient. Ihr Blick am Anfang der Stunde hatte ihn an den Blick der Caryn in seinem Traum erinnert. Durchdringend, abschätzend, für... annehmbar befindend... wirklich IHMgeltend...
Warum zum Teufel fiel ihm nur bei Caryn so schwer, der Versuchung zu widerstehen, MEHR in ihre Gefühle hinein zu interpretieren, bei Merlin: hinein zu WÜNSCHEN?! Was war mit ihm los, wo seine jahrelang gepflegte Distanz?!
Die Sache mußte ein Ende haben! Heute Abend würde er ihr sein Angebot machen, welches ansich schon einen sehr hohen Auslesefaktor hatte. Nur die wenigsten nahmen es an. Wenn er Caryn ernsthaft wollte, hätte er damit noch ein paar Wochen warten, hätte ihrer Sehnsucht nach ihm Gelegenheit geben müssen zu wachsen. Hätte Caryn selbst mehr Zeit geben müssen, unter ihrer unerfüllbaren Sehnsucht zu leiden, ihn immer heftiger zu begehren. So überstürzt würde sich alles von vornherein auflösen. Sie würde vor ihm zurückschrecken, und er könnte zur Tagesordnung übergehen, ohne weiter über seine eigenen Anteile ihrer Beziehung zu ihm nachdenken zu müssen. Nach ihrer Ablehnung würde er ihr Gedächtnis verändern, wie er es immer tat, und sie würde ihm in Zukunft absolut gleichgültig gegenüberstehen. All seine Gedanken über sie hätten sich automatisch erledigt. Bereits heute Abend würde seine Beziehung zu Caryn auf allen Ebenen unwiderrufbar vorbei sein.
Er zwang sich, nicht darüber nachzudenken, was er von dieser Tatsache hielt. Er zwang sich, überhaupt nicht nachzudenken.
Alte Wunden
Severus Donnerstag, 21.3
Dumbledore hatte ihn bereits in den Ferien darum gebeten, für den Werwolf bei Vollmond den Wolfsbanntrank herzustellen. Heute hatte er ihn daran erinnert und ihn gleichzeitig gefragt, ob er Lupins Unterricht während dessen Unpäßlichkeit übernehmen wolle. Dazu reichte anscheinend sein Vertrauen in ihn. Immerhin.
Snape hatte diesen Trank bisher nur ein Mal zu Übungszwecken gebraut, und es gefiel ihm, das äußerst komplizierte Gebräu für eine wirkliche Anwendung zuzubereiten. Auch wenn Lupin für Severus alle Zeit eindeutig zu eng mit James und Lily und dieser ganzen erbärmlichen Zeit assoziiert bleiben würde. Lupin selbst hatte sich nie an James' und Sirius' Grausamkeiten beteiligt, war allerdings auch nie dagegen eingeschritten, wie Lily das verläßlich getan hatte. Ferner war Lupin als James' Freund prädestiniert, automatisch der Freund dessen Sohnes zu werden; als Gryffindor war er Dumbledore definitionsgemäß näher; UNDer hatte Severus' begehrte Stelle als Lehrer für Verteidigung inne.
Für Severus bedeutete das, daß er Lupin niemals verzeihen würde, auch wenn er mittlerweile nicht mehr sagen konnte, daß der stille, freundliche Mann ihm unsympathisch sei. Im Gegenteil, er machte einen engagierten, kompetenten Eindruck und hatte sich bemüht, gerade Snape offen und zugewandt zu begegnen. Nun, so etwas war an Snape verschwendet. Severus genoß seine Macht, die er als Braumeister von Lupins Medizin innehatte, und er gefiel sich durchaus in der Rolle als Feind, der sich herabläßt, einem Abhängigen zu helfen.
Als es vor dem Abendessen klopfte, öffnete er Lupin die Labortür und ließ ihn herein.
Es war das erste Mal, daß sie sich alleine begegneten, und Severus drängte das Wissen darum zur Seite, daß sie verschiedene seiner verhaßtesten Erinnerungen teilten – nur aus entgegengesetzter Sicht. An der Erscheinung des anderen Mannes zeigten sich die Symptome des nahenden Vollmondes: Er sah grau aus, krank, müde.
„Das ist sehr lieb von Dir, Severus, mir den Trank zu bereiten. Ich wäre froh, wenn Du... mir vielleicht mein früheres Verhalten vergeben könntest. Ich war nie so mutig wie Lily, mich für Dich einzusetzen..."
Laß Lily aus dem Spiel! Genau dieser Einsatz war der Anlaß, daß ich sie von mir getrennt habe!
„Manche Weichen sind einfach gestellt, Lupin, daran ist nichts mehr zu ändern. Wenn Du mich jetzt bitte allein lassen könntest, ich erwarte gleich noch einen Schüler zum Nacharbeiten."
„Es wäre schön, wenn wir diese alten Weichen hinter uns lassen könnten und miteinander auskommen", beharrte Lupin.
„Ich werde Dir diesen Trank trotzdem bereiten, und ansonsten wüßte ich nicht, weshalb wir miteinander auskommen müßten", gab Severus kalt zurück, und der andere seufzte, bedankte sich noch einmal und ließ ihn allein.
Jetzt würde sich Snape auf seine Rede für Caryn vorbereiten.
