Liebe littledragonfly, mit diesem Kapitel haben wir dann unsere Snapes wieder vereinigt, nicht wahr? ;)
Wo soll das hinführen?
Caryn Freitag, 22.3
Beim Aufwachen hatte sie es für das Ende dieses bizarren Traumes gehalten – eines Alptraumes. Wieso war sie aber dann so traurig darüber, daraus aufzuwachen?! Dann fühlte sie das Kribbeln ihrer beanspruchten Lippen, und ihr Körper bewies ihr, daß der Kuß Wirklichkeit gewesen war. Sie hatte Severus Snape geküßt!
Und nicht nur DU. Er hat jede Menge Mädchen verletzt und mißbraucht und DICH in diese Serie eingereiht...
Hatte er? – Sie hätte nein sagen können. Sie hätte gehen können. Wie hatte er gesagt? Ein kleiner Gedächtniszauber, und wir werden uns nicht mehr in die Quere kommen. Aber genau das wollte sie. Ihm in die Quere kommen. ALLES wollte sie mit ihm! Und vor allem anderen wollte sie versuchen, um ihn dazu zu bringen, sie zu lieben. Mit ihm schlafen würde sie ja. Wobei sie nicht gänzlich sicher war, ob sie das wirklich wollte. – Aber gehörte das nicht dazu? Sie waren Mann und Frau, zumindest legte Caryn wert darauf, bereits als Frau wahrgenommen zu werden. Und sie vertraute ihm uneingeschränkt. Auch unabhängig von der Tatsache, daß er durch einen unbrechbaren Schwur dazu verpflichtet war, sich – wie hatte er es ausgedrückt? – um die Bedürfnisse ihres Körpers zu kümmern. Er hätte sie auch sonst nicht vergewaltigt, dessen war sie sich hundertprozentig sicher. So etwas würde er niemals tun. Verhöhnen würde er sie vielleicht und dann wegschicken, wenn sie sich doch weigerte, mit ihm Sex zu haben. Was natürlich weitaus schlimmer war, als wenn er sie mit Gewalt nehmen würde, und das wußte er auch.
Nein, Caryn wollte ihm nahe sein, egal wie! Und vollkommen unvorhergesehener Weise hatte er sich bereit gezeigt, sie auf eine Art an sich heran zu lassen, die gemeinhin mit Liebe assoziiert wurde. Auch wenn ER das selbstverständlich ausschloß. Sie wollen von mir geliebt werden, vergessen Sie es! Das konnte sie nicht. Doch als Ersatz für seine Liebe würde sie jede Form seiner Zuwendung genießen! Erst einmal heute Abend weiterküssen!
Verteidigung gegen wen?
Caryn
Verteidigung gegen die Dunklen Künste hielt eine Überraschung für sie bereit.
Anstelle von Professor Lupin eilte ihr Meister der Zaubertränke durch den Klassenraum. Caryns Herz tat wilde Sprünge, und ihre Augen folgten diesem wunderbaren Mann, wie er seinen Umhang schwungvoll hinter sich herflattern ließ.
Gierig verschlang sie jeden Lichtstrahl seines Anblicks.
Snape würdigte sie keines Blickes, als er seine unverwechselbare Stimme in dem hohen Raum erhob. Caryn achtete nicht auf den Inhalt seiner Worte, schnappte lediglich auf, daß Lupin unpäßlich sei und wünschte sich mit schlechtem Gewissen, daß er das gerne noch ein paar Tage bleiben könnte... Es fühlte sich an, als seinen ihre Augen von Severus' Anblick gefangen. Sie war irgendwie nicht in der Lage, sie von ihm loszureißen...
Sein Kuß, ihr geteilter Kuß kam ihr nunmehr fremd vor, so als habe sie ihn nicht selbst erlebt, als habe sie einem anderen Mädchen beim Küssen zugeschaut. Oder sie war die weibliche Hauptperson in einem Liebesroman gewesen, die ihr langersehntes Happy End erlebt hatte.
Jeder Gedanke daran war unglaublich aufregend, sie war die ganze Zeit aufgeregt, unentwegt. Ein Roman wäre natürlich jetzt zu ende... Oh nein, ihre Geschichte sollte ANFANGEN! Sie liebte ihn so sehr, sie wollte ihn küssen, Severus küssen, alles wieder erleben, auf der Stelle. Und mehr. Viel mehr! Heute Abend. Und immer! Wieso vergingen die Stunden so langsam...
„Sie wollen doch NICHT SCHON WIEDER dem Gerücht Nahrung geben, daß ich Liebestränke anwende, Miss Willson", raunzte Snape sie aus heiterem Himmel an. „Auch wenn ich in diesem Zusammenhang hier wohl den Imperiusfluch nehmen müßte. – Das könnte mich meinen Job kosten, und ich bin nicht sicher, ob Sie das wert wären", fügte er in grausamem Hohn hinzu.
Caryn verzog ihr Gesicht, um ihre Verletztheit in sich zu halten, sie nicht aus sich herausdringen zu lassen. So klein wie möglich machte sie sich auf ihrem Platz.
Warum verletzte er sie?
So ist Snape, Du dummes Ding! Schon vergessen? Was glaubst Du, warum er nicht geschworen hat, gerade DAS nicht zu tun?
Sie hatte das in der Tat bereits vergessen. Er hatte sich so zärtlich angefühlt gestern. Zuerst war er grausam und verletzend gewesen, aber dann hatte das aufgehört. Er war anders gewesen. GANZ ANDERS! Und hatte er nicht sogar Dinge gesagt, die darauf schließen ließen, daß sie sich von seinen früheren Mätressen unterschied? Er hatte ihr gezeigt, daß er sie auch wollte. Körperlich nur. Aber er hatte sie umarmt, er hatte ihr einen weiteren Kuß geschenkt, als sie ihn darum gebeten hatte. (Sie konnte sich nicht helfen, aber die Vorstellung, daß er all die anderen so zärtlich geküßt hatte, schien ihr absurd. Das tat kein Mann, der junge Mädchen sexuell mißbrauchte. Bei ihr, Caryn, war das anders…) Alles hatte sich richtig angefühlt….
„Was ist mit Ihnen los, Miss Willson?" riß seine hämische Stimme sie aus ihren Gedanken. „Wie es scheint, ist Ihr Verstand, von dem ich dachte, daß Sie ihn besitzen, diesem ihrem Zustand zum Opfer gefallen!"
Was wollte er denn jetzt? fragte sie sich verzweifelt. Wollte er alles in Frage stellen? Alles unwahr erscheinen lassen? Hatte sie sich geirrt? WAR da nichts Besonderes gewesen? Gab es den zärtlichen Mann nicht, dem sie gestern am Schluß begegnet war? Hatte er nicht bei jeder Gelegenheit beteuert, daß seine Fassade, an der er sie eben hatte abprallen lassen, keine Fassade WAR? Daß es NICHTS gab als DEN Mann, den sie als Professor Snape kannte? Der sie eben geschlagen hatte und getroffen und verletzt?
Caryn kämpfte gegen die Tränen an. Wenn sie jetzt weinte, würde er das als Beweis dafür nehmen, daß sie mit den vereinbarten Regeln nicht umgehen konnte, daß sie ihn mit ihren Bedürfnissen auffressen würde. Und erst recht wegrennen von ihr. Ihr Kopf schaltete sich nachdrücklicher ein. Natürlich wollte er versuchen, alles Schöne – sie – in Frage zu stellen. Vor Caryn und auch vor sich selbst. Er mußte panische Angst haben davor, sich einem Menschen zu nähern. Wie verzweifelt und kaputt mußte einer sein, der Jahre seines Lebens mit lieb- und zukunftslosen Mißbrauchsbeziehungen zubrachte, anstatt sich eine Frau zu suchen und zu lieben und geliebt zu werden und eine Familie zu gründen? Ob Fassade oder nicht, das unausstehliche Verhalten, das er an den Tag legte, konnte doch keinem anderen Zweck dienen als dem, alle Menschen auf Abstand zu halten, um gar nicht erst in die Versuchung zu kommen, enge Beziehungen einzugehen. Warum auch immer er so geworden war, er mußte Gründe dafür haben. Und in Anbetracht der Schwere seiner sozial-emotionalen Störung schienen das schlimme Verletzungen zu sein. Er schlug wild um sich. Wollte Caryn so sehr verletzen, daß sie sich zurückzog und ihn sein Überlebensmuster, den Schutz gegen diese Traumata, weiterführen ließ. Bewies das nicht zweifelsfrei, daß sie ihm nahegekommen war? Nun, dann würde sie seine Schläge eben aushalten müssen!
Sie war die einzige Frau, die ihn heilen konnte. Die einzige, deren Liebe stark genug sein konnte. Sie würde ihn gesund machen, und er würde sich mit ewiger Liebe zu ihr bedanken. Sie beide würde ein Band zusammenhalten, das so stark sein würde, daß es für immer hielt. Sie WOLLTE ihn so sehr! Irgendwann würde er sich nicht länger gegen sie wehren. Er würde einsehen, daß Caryn es war, die er brauchte. Würde ihr seine Liebe gestehen, und sie würden heiraten und glücklich sein....
„Sie sind mit Ihren Gedanken sonstwo, Miss Willson, nur nicht bei dem, was Sie gerade tun sollen. Fünf Punkte von Ravenclaw!"
Severus
Sie tat es nicht absichtlich. Sie konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden. Er konnte die Wellen ihrer Verliebtheit deutlich spüren, und diese Gefühle hatten es an sich überzuschäumen, selbst bei Frauen, die nicht über Caryns emotionale Intensität verfügten.
Derartigen visuellen Klebkram hatte er immer verabscheut und jedesmal so heftig wie möglich zugeschlagen, um den Mädchen das abzugewöhnen. So wie eben.
Wenn er ehrlich war, hatte er das heute jedoch in erster Linie getan, um sein eigenes Sehnen niederzubügeln. Sein Sehnen... sich zu erlauben... die Möglichkeit zuzulassen... daß ihre Liebe doch ihm gelten könnte... daß Caryn in der Lage sein könnte, wirklich ihn zu lieben.... Ihn so leidenschaftlich zu lieben, wie sie ihn früher gehaßt hatte. Er hatte überlegt und dann zugeschlagen.
So bin ich, Mädchen, ich verstecke nicht Deinen Traumprinzen hinter einer Schutzmauer, die Du mit Deiner Liebe einreißen könntest, um ihn zu befreien! Es gibt ihn nicht, diesen Traummann. Hier bin nur ich!
Ihre intensiven Liebeswellen waren gebrochen. Trauer hatte diese ersetzt. Trauer, die Caryns Aura störte, weil sie versuchte, die Traurigkeit in sich zu halten, sie nicht nach außen dringen zu lassen. Er hatte sie wirklich verletzt.
So bin ich nun einmal, damit mußt Du klarkommen, wenn Du mich lieben willst!
Sie dachte über ihn nach, und er hatte den Verdacht, daß sie sein Verhalten vor sich rechtfertigte, wieder einen echten, liebevollen Snape bemühte.
Laß diese Ausflüchte! Ich bin hier, Caryn, und sieh, wie gemein ich zu Dir bin, was willst Du noch von mir? Nimm Deine sogenannte Liebe und verschwinde aus meinem Leben!
Ja, es war notwendig, daß sie das wußte. Daß sie nicht an ihn herankommen würde. Sie mußte akzeptieren, daß sie mit ihm schlafen konnte, aber nicht ihm näher kommen. Er würde sich an keinen Menschen binden. Das Risiko, welches eine wirklich Beziehung mit sich brachte, konnte durch nichts aufgewogen werden.
Davon abgesehen, daß keine von Euch eine Beziehung mit mir will. Lily wollte einen Mann wie James. Such Dir einen James, Caryn. Ich will Dich auch nicht!
„Sie sind mit Ihren Gedanken sonstwo, Miss Willson, nur nicht bei dem, was Sie gerade tun sollen. Fünf Punkte von Ravenclaw!"
Und Du, Severus?
Der Fluch der sozialen Eingebundenheit
Caryn Freitag, 22.3
„Na, gehen wir zusammen?" fragte Lucas nach dem Mittagessen.
Severus guckte ihnen zu, wie sie sich durch die Schülermenge drängelten. Sie traute sich nicht, seinen Blick zu erwidern, Lucas wäre das bestimmt aufgefallen. Anscheinend registrierte Severus jedesmal, wenn sie Kontakt zu Mitschülern hatte... Naja: zu Lucas. Schade, daß Lucas ihm letzte Woche erzählt hatte, daß er eine andere Freundin hatte. Sonst hätte Snape ein bißchen Eifersucht wirklich gutgetan! – Ach Quatsch, Du kindische Ziege, wieso sollte ER eifersüchtig sein? Du bist ihm doch gleichgültig!
„Du warst ja nach den letzten Unterrichtsstunden immer gleich weg. Wie war denn Dein Nachsitzen bei Snape?"
„Naja... Ich muß heute zum letzten Mal hin..." murmelte Caryn.
„Echt? Ihr zofft Euch abends weiter? – Und eben hat er zu Dir rübergesehen. Also wirklich, allmählich frage ich mich..."
„Laß es einfach, ja?" fiel ihm Caryn scharf ins Wort. Scheiße, war das jetzt gerade verdächtig gewesen? Lucas sah sie ebenso scharf an, entschied sich dann, das Thema fallenzulassen.
„Entschuldige. Ich möchte nur jetzt nicht darüber nachdenken, okay?" lenkte Caryn ein.
„Klar. Ist ja auch egal. Solange es Dir damit gut geht..."
„Ich komme klar."
Der zweite und der dritte Kuß
Caryn Freitag, 22.3
Den ganzen Nachmittag war sie immer besorgter geworden, regelrecht beklommen wie selten in ihrem Leben. Mit zitternden Beinen machte sie sich auf den Weg in die Kerker. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß er sie nach seinen Angriffen heute Morgen an sich heranlassen würde. Warum sollte er sie erst zurückstoßen, wenn er vorgehabt hätte, sie wieder zu küssen?
Sie war unsicher, ob und wieviel Druck sie auf ihn ausüben durfte, um ihn nicht zu überfordern. Ihr war klar, daß sie vorsichtig und strategisch vorgehen mußte. Leider wurde ihre Fähigkeit dazu stark beeinträchtigt durch dieses überaus mächtige Sehnen überall in ihr, von dem sie keine Ahnung hatte, wie sie das außerhalb seiner Arme aushalten sollte. Und ihre angeborene Ungeduld war auch nicht gerade förderlich....
Seine Tür war verschlossen. Das war ein schlechtes Zeichen, oder?
Severus
Er hatte sich an seinem Schreibtisch hinter seiner Arbeit verbarrikadiert.
Sie würde nicht kommen. Und wenn sie kam, würde sie sich durch eine simple verschlossene Tür nicht abwimmeln lassen, davon ging er aus. Er bräuchte natürlich einfach nicht zu öffnen. Könnte sie draußen stehenlassen, Abend für Abend. Bis sie irgendwann wegbleiben würde. Dann würde die nächste darauf kommen, daß er das ideale Liebesobjekt für sie sei, er würde einige Male mehr oder weniger guten Sex haben und dann wieder seine Ruhe.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus. Seine Zwerchfellgegend war angespannt, eine Beklommenheit resultierte daraus, die er nicht mehr gespürt hatte, seit Lily sich damals vor ihm zurückgezogen und ihn nicht mehr an sich hatte herankommen lassen.
Wie lächerlich, Caryn ist ein kleines Mädchen!
Gerade das war Lily auch gewesen. Und er ein grüner Jüngling. Wie war es möglich, daß er sich sein Inneres noch ebenso anfühlte wie damals?!
Verdammt! Nie wieder hast Du das erleben wollen!
Aber Caryn HATTE ihn gar nicht zurückgewiesen. ER hatte das getan.
Sie wird Dich auf jeden Fall im Stich lassen! Früher oder später. Auf jeden Fall schneller als Du es Dir jetzt vorstellen kannst!
Da. Das Alarmklicken. Sie hatte die Treppe betreten, die zu seinem Kerkergang führte. Wenig später ihr Klopfen.
„Ja?" sagte er automatisch.
Caryn kam kaum zögernd einen Schritt herein und blieb in der offenen Tür stehen. Auch ohne sie anzusehen, nahm er ihre Aufregung wahr. Ihre bange Aufregung. Auch ihr ging es offensichtlich nicht gut. Hatte Angst vor ihm. Kein Wunder, so wie er sie heute behandelt hatte. Warum hatte er keinen Handlungsplan? Er mußte sie auf Abstand halten, ihr deutlich zeigen, daß er derjenige war, der über den Fortgang ihrer Beziehung bestimmte, und zwar ALLEIN. Sie mußte sich mit seinen Bedingungen arrangieren. Und ansonsten wegbleiben.
Noch immer sagte sie nichts. Severus hob den Kopf. Caryn erwiderte tapfer seinen Blick. Eine Weile sahen sie sich an. Die Erinnerung an ihre gestrige Begegnung drängte sich dazwischen. Mehr! klang in seinen Ohren. Es war seine Aufgabe, sie in die Freuden der körperlichen Liebe einzuführen, wie er geschworen hatte. Und sie war im Übermaß dazu bereit gewesen. Gestern.
„Soll ich gehen?"
Ihre Stimme war leise. Nicht angstvoll. Eher... müde. Hatte sie schon resigniert? Und wenn er jetzt ja sagte?
„Nein", kam aus seinem Mund. Welcher unleugbar eigene Pläne für diesen Abend hatte. Was sollte es, er konnte doch körperlich mit ihr verkehren. Was bedeutete das schon?! Ja, Severus, träum weiter!
Er stand auf und kam um den Schreibtisch herum. Stellte sich vor sie hin und hatte noch immer keinen Plan, was er jetzt tun würde.
Caryn
Er stand vor ihr, und sie war ziemlich sicher, daß er unsicher war. Ein gutes Zeichen, oder? Dieser Mann war eindeutig ein anderer als der kalte, aggressive Snape von heute Morgen. Sie faßte sich ein Herz und sagte zaghaft:
„Ich... würde… Dich… gern küssen."
Einen Moment war sein Gesicht unergründlich. Er kam weiter auf sie zu, drängte jedoch an ihr vorbei, um die Tür zu verschließen. Drehte sich dann zu ihr um, während sie das auch tat, sie beide drehten sich langsam zueinander auf der Stelle, so als tanzten sie miteinander. Die Andeutung eines Lächelns stahl sich in seine Züge.
„Dann komm." Seine sanfte Stimme machte alles wieder gut. Caryn machte den Schritt in seine Arme, welche sie an ihn heranzogen und sofort in einen Kuß, welcher gleich dort weiterging, wo ihr letzter gestern aufgehört hatte. Ihr Mund wußte bereits, wie es ging, und über Nacht schienen ihrem Körper weitere Ideen gekommen zu sein, was er mit diesen Reizen anfangen konnte... Von ihren Lippen aus verbreiteten sich die Empfindungen in ihrem übrigen Körper, und heute war sie in der Lage, diese übrigen Bereiche mit dem Küssen zu verbinden, alles auf einmal zu spüren, auch seine sich über ihrem Rücken bewegenden Hände, seinen Bauch an ihrem Magen, darunter... der Grund dafür, daß er gerade jetzt seinen Mund einen Millimeter von ihrem abhob, um ein kaum hörbares Stöhnen entweichen zu lassen... Unwillkürlich stöhnte sie mit, und er hielt sie ein Stück von sich ab, um ihr aufmerksam ins Gesicht zu sehen.
Severus
„Na?.... Höre ich heute nichts?"
Mit großen Augen sah sie zu ihm auf, und daran, wie dunkel und umwölkt diese wirkten, erkannte er, daß sie heute die Distanz nicht mehr hatte, das Wort dafür zu finden, daß sie mehr wollte; daß sie zu sehr in ihre Empfindungen verwickelt war, um jetzt sprechen zu können. Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz, der durch jede Nervenfaser seines Körpers fuhr und ihn in derselben Sekunde nach Luft schnappen ließ, um nicht zu implodieren vor nie gekanntem Begehren. Reflexhaft wollte er sie wieder an sich reißen, sich ihr mit Leib und Seele hingeben, aber er schaffte es, sich aus ihrer unmittelbaren Nähe zu zerren und einige Schritte zwischen sie beide zu legen.
„Sie können nächsten Freitag wiederkommen!" sagte er barsch zu ihr, die sie starr an derselben Stelle stand und ihm verwirrt nachgesehen hatte. Wahrscheinlich war sie unfähig, sich zu bewegen. Er richtete seine Konzentration auf sie und nahm wiederum Trauer wahr, so wie heute Morgen. Er hatte sie wieder verletzt... nein, diesmal war es anders, sie war nicht gedemütigt, ihre Trauer war auf SEINE Person gerichtet, ihre Trauer galt IHM. Caryn war traurig, weil er sich von ihr entfernt hatte, weil sie sich nach ihm sehnte, nach mehr Nähe zu ihm, auch wenn sie vorhin nicht imstande gewesen war, das Wort zu finden und auszusprechen. Einen Moment kämpfte er mit sich, ob es denn so schlimm wäre, ihr dieses MEHRjetzt gleich zu geben.
Du sollst sie auf Abstand halten und Deine alleinige Macht demonstrieren! Nicht zuletzt Dir selbst, Du erbärmlicher, liebeskranker Idiot!
„Gehen Sie jetzt, Caryn." In diesem Ton wird das nichts, Severus, da kannst Du ihr gleich einen Heiratsantrag machen! „Es reicht für heute! Geh jetzt, die Stunde ist vorbei!"
Schon besser. Geht doch.
„Habe ich etwas falsch gemacht?" fragte Caryn in bangem Ton.
Laß mich einfach in Ruhe, Mädchen!
„Ich will einfach, daß Du jetzt gehst. Warum, hat Dich nicht zu interessieren. Geh einfach." Verdammt, warum duzte er sie zu allem Überfluß auch noch?! Aber sie war endlich gegangen, und er war allein.
Caryn
Nach ein paar Schritten konnte sie nicht mehr weiter. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die harte, kalte Steinmauer des Kerkerganges und ließ den Kopf im Nacken gegen den Stein stoßen.
Sie war ihm zu nah gekommen. Ohne jeden Zweifel hatte er sie begehrt, das war ihr in seiner Umarmung ja nicht verborgen geblieben. Sie seufzte verzweifelt. Sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers in seine Arme zurück, wollte ihn so sehr, so unglaublich sehr. Und er hatte sie schon wieder zurückgestoßen.
Das wird garantiert nicht das letzte Mal gewesen sein, mein Mädchen!
Okay, sie wollte ihn, und wenn sie ihn wollte, würde sie mit diesen Schwierigkeiten, seinen Nähe- und Distanz-Spielchen leben müssen. Er hatte gesagt, daß sie erst Freitag wiederkommen solle. Und sie war sicher, es niemals so lange ohne ihn aushalten zu können! Sie könnte darauf vertrauen, daß es zumindest Teile von ihm gab, die sie wollten, die sie umarmen und küssen wollten. Und die sie zum Beispiel morgen in die Arme nehmen würden, wenn sie zu ihm ginge. Auf der anderen Seite könnte Druck von ihrer Seite ihn noch stärker in den Rückzug treiben. Eben war wahrscheinlich nichts anderes geschehen, als daß er sie nach seinem Geschmack zu sehr gewollt hatte. War es nicht im Moment besser, ihm die Sicherheit zu geben, daß sie sich an seine Regeln hielt? Oder verfestigte sie auf diese Weise gerade seine Regeln, mit denen sie auf die Dauer nicht würde leben können? Sie würde für ihre seelischen Bedürfnisse allein sorgen müssen. Und wenn sie von ihm nichts forderte, würde er es ihr freiwillig wohl kaum geben. Obwohl es einen Teil von ihm gab, der sie wollte. Sehr sogar. Ein Teil, der vielleicht sogar ihre Liebe wollte... Und sie liebte ihn! Sollte sie es einfach morgen versuchen?...
Severus
Ihre Schritte hatten sich nicht entfernt. Sie war noch da draußen. Vor seiner Tür. Weil er sie weggestoßen hatte. OBWOHL er sie weggestoßen hatte. Weil sie nicht aus seiner Nähe wegwollte.
Weil sie Dich belagert. Dich bedrängen will. Dir ihren Willen aufzwingen. An Dir klebt. Du sie nie wieder loswirst.
Weil sie ihn liebte und einen anständigen Abschied verdient hatte? Snape öffnete seine Tür und überspielte seine Unentschlossenheit mit forschen Schritten auf den von nur wenigen Fackeln beleuchteten Gang hinaus. Caryn hatte sich zwei Meter neben seiner Bürotür an die Mauer gelehnt und war aufgeschreckt, als sie ihn gehört hatte. Augenscheinlich hatte sie nicht erwartet, daß er ihr nachkommen würde.
Du läufst ihr nach wie ein sentimentaler Schwachkopf!
Er machte die Schritte auf sie zu, während sie ihm mit ihrem wachsamen Blick aus großen Augen folgte. Warum will ich Dich nur so sehr? Grob faßte er sie an den Oberarmen und küßte sie hart auf den Mund. Ohne daß er sich auf sie konzentriert hatte, schwappte Caryns Verwirrung über sein Auftauchen hier sowie über die wieder völlig neuen Reize seiner Grobheit zu ihm herüber.
Wie groß seine Macht über sie war! Er war in der Lage, sie zu verletzen oder sie zu trösten, sie freudig und glücklich zu machen. Und traurig. Und erregt. Oder alles auf einmal. Verwirrt. Wie jetzt. Bevor er sich seiner eigenenVerwirrtheit bewußt werden mußte, riß er sich von ihr los und floh zurück in sein Büro.
Beiderseits anfallende Kosten
Caryn
Seine Tür fiel hinter ihm ins Schloß, bevor das Echo seiner Schritte im Gang gänzlich verhallt war. Was soll das, Severus?! Er schickte sie weg, um ihr dann hinterherzulaufen? Um sie auf eine Weise zu küssen, die sie nicht deuten konnte. Wollte er sie demütigen? Ihr wehtun? Sich selbst weh tun? Eigentlich hatte er sich eher verwirrt angefühlt und gar nicht als Herr seiner Selbst. Jedenfalls war er nicht der gemeine Professor Snape von heute Vormittag gewesen... Oder konnte sie sich das nur nicht vorstellen, weil dieser Professor niemals küssen würde, nicht einmal so... Moment, meine Liebe! Eben dieser Snape hatte seit Jahren Sex mit irgendwelchen... Mädchen... und daß er die geküßt hatte... Hatte er? Hatte er... nicht...?
Klammer Dich nicht an eine zweifelhafte Hoffnung, Mädchen, er liebt Dich nicht, verdammt, und das wird er nie...
Aber einer der Snapes hatte sie so liebevoll behandelt... Einer war ihr nachgekommen. –
Ja, und andere lassen keine Gelegenheit aus, Dich zu demütigen!
Wie konnte es sein, daß sie über unzählige unterschiedliche Personen nachdachte, wenn er von sich behauptete, es gäbe nur den EINENSnape?
Caryn seufzte tief und wiederholte ihr neues Mantra: Du willst ihn, und dann mußt Du mit ihm leben, wie er ist. Das war auch das, was er von ihr verlangte, nicht wahr?
Severus
Wie hatte er ihr nachlaufen können?! Severus Snape lief keinen Frauen nach!
„Es tut mir leid."
„Das interessiert mich nicht."
„Es tut mir leid!"
„Spar dir deine Worte."
Es war Nacht. Lily, die einen Morgenrock anhatte, stand mit verschränkten Armen vor dem Porträt der fetten Dame am Eingang des Gryffindor-Turms.
Severus schüttelte den Kopf, um die ungebetene Erinnerung zu vertreiben. Caryn hatte mit Lily nichts zu tun. Lily hatte er verletzt, und er hatte sich geweigert, sich ihr zuliebe zu ändern. Dich selbst aufzugeben.
„Ich kann mich nicht mehr verstellen. Du hast deinen Weg gewählt, ich den meinen."
„Nein – hör zu, ich wollte dich nicht –" (...)
Er kämpfte mit Worten, die ihm nicht über die Lippen wollten, doch Lily wandte sich mit einem verächtlichen Blick ab und kletterte durch das Porträtloch zurück..."
Solch einen Blick hatte ihm keine andere Frau danach zugeworfen. Nie mehr. Dafür hatte er gesorgt. Alle danach waren selbst gedemütigt, ihrer Wut ausgeliefert, traurig gewesen. Nie mehr verächtlich.
Auch Caryn konnte er verletzen. Sie würde ihn nicht verachten, solange er mächtiger als sie bleiben würde. Solange er die Macht über sie behalten würde, würde sie nicht ahnen, daß sie in Wahrheit stärker war als er. Sie würde ihre Stärke nicht gegen ihn wenden können.
Und das willst Du erreichen, indem Du ihr nachläufst, so wie eben?!
Wo war seine all die Jahre perfektionierte Selbstkontrolle? Er gab Caryn gegenüber viel zu viel von sich preis. Im Augenblick war sie noch in hohem Maße mit sich selbst beschäftigt, aber das würde nicht mehr lange so bleiben. Dann würde sie ihn mit ihren intensiven Augen durchdringen und ihre Mischung aus intellektueller und emotionaler Macht auf ihn anwenden. Sie würde ihn durchschauen und ihn ebenso verächtlich mustern wie Lily damals....
Bevor das eintreten konnte, mußte Severus sich ihr gegenüber verläßlich im Griff haben. Durfte ihr keine Zugeständnisse machen. Solche spontanen Ausbrüche wie eben mußten unbedingt unterbunden werden! Die Distanz mußte um jeden Preis gewahrt bleiben.
Lily wurde er heute nicht mehr los.
Das war natürlich nichts Neues. Auch unabhängig von Caryn waren ihm mehr oder weniger regelmäßige nächtliche Übergriffe seitens Lily und den mit ihr verbundenen Gespenstern der Vergangenheit durchaus vertraut. In Zeiten solcher Gefährdung pflegte er sein Bett so lange wie möglich zu meiden und lieber auf den nächtlich verlassenen Korridoren des Schlossen umher zu wandern, bis seine Erschöpfung groß genug war, in einen traumlosen Schlaf zu finden. Selbstverständlich kannte er sämtliche wirksamen Schlaftränke; diese hatten allerdings (erst recht bei mehrmaliger Anwendung) schwerwiegende Nebenwirkungen. So ließen sie nämlich auf die Dauer gerade die für ihn so wichtige Kontrolle seiner Gedanken und Gefühle erlahmen. So zog er es vor, seine Nächte außerhalb des Bettes zu verbringen.
Und auch wenn sie lediglich der Auslöser für diese Nacht ohne Ruhe war: Er haßte Caryn dafür, daß sie ihm das antat. Er mußte den Kontakt zu ihr abbrechen. Sie würde alles noch schlimmer machen. Seine Vergangenheit war nicht zu ändern. Er würde wenigstens zu seiner Schuld stehen. Dazu benötigte er Lily in sich. Caryn schloß Lily aus. Das durfte er nicht zulassen. Zumindest das war er Lily schuldig. Sowie all seinen anderen Opfern.
Er haßte dieses Leben! Er haßte seine erbärmliche Person mit all seinen Schwächen. Er haßte diese alten Gänge dieses kalten Schlosses! Er haßte jeden einzelnen Geist! Filch! Dieses Katzenvieh! Dumbledores Wasserspeier mit der damit verbundenen endlosen Reihe alberner Paßwörter aus Muggelnaschkram! Er haßte Freitag Abende!Er haßte diese kichernden Gryffindor-Erstkläßler, die er auf dem nächtlichen Gang aufgegriffen hatte. Er haßte es, daß sie nächste Woche wieder hier anzutreffen sein würden, egal wieviele Hauspunkte er ihnen abzog.
Er haßte die steile Wendeltreppe am Fuß des Ravenclaw-Turms, wenn er, so wie jetzt, ein verliebtes Siebtkläßler-Pärchen dort vorfand, wie Romeo und Julia über dem Handlauf knutschend. Und die abgezogenen Hauspunkte waren ein geringer Trost dafür, daß das Mädchen in diesem Augenblick die Treppe hinaufstürmte und in demjenigen Schlafsaal verschwinden würde, wo Caryn in diesem Augenblick schlief. Caryn.
„Schaffen Sie es, die Frage Ihres Türklopfers richtig zu beantworten, oder soll ich Ihnen behilflich sein?!" brüllte er der Siebtkläßlerin hinterher, sämtliche sexistische Aggressivität in seine Stimme legend, derer er fähig war. Obwohl das Mädchen ihm natürlich auf gar keinen Fall den Gefallen getan hätte, ihn um Hilfe zu bitten.
Hast Du Nerven, Severus? Findest wohl Gefallen an dem Gedanken, Deine Geliebte aus dem Schlafsaal zu holen, um hier anstelle des pubertierenden Jünglings mit der Küsserei fortzufahren?
Er riß sich los vom Anblick der Wendeltreppe und folgte dem Jungen in Richtung des Hufflepufftrakts. Verfluchte Caryn! Caryn, die noch mit niemandem an dieser Treppe beschäftigt gewesen war… die alleinig mit IHM, Severus, in seinem Büro gestanden hatte… die ihm, Severus, ihren allerersten Kuß geschenkt hatte, die ihn verzaubert hatte mit ihrer ursprünglichen, unzensierten Erotik… wundervolle Caryn, die IHM, Severus, alles schenken wollte, wonach ein Mann sich nur sehnen konnte…
Caryn, die er, Severus behandelt hatte, als sei SIE schuld an seiner hassenswerten Person, an seinem verpfuschten Leben, an seinen Zwängen, an seiner Schuld.
Caryn, die das nicht verdient hatte.
Sie hat etwas Besseres verdient als Dich.
Sie würde einen besseren Mann bekommen. Aber jetzt wollte sie IHN! Sollte er ihr nicht einfach diese Entscheidung überlassen? Vorerst…?
Liebe und Tod
Severus Nacht zu Sonnabend, 23.3
Die allererste Apparierstunde unter dem sonnig blauen Himmel... die Sonne so heiß, der Innenhof überfüllt mit Schülern, Reifen und Lehrern.
Severus besorgt, er hat etwas vergessen, kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern, was.... Seine Beine bewegen sich selbständig über den Hof und er muß aufpassen, Caryn nicht zu nahe zu kommen, damit nicht ein Unglück geschieht.
CARYN!
Es hat mit ihr zu tun, was er vergessen hat, sie wird ihn verlassen, wenn er sich nicht rechtzeitig erinnern kann... Severus will weg, nur weg, zu Dumbledore, das Denkarium ausleihen, er benötigt Klarheit, und wenn er dermaßen vereinnahmt ist von seinem Verlangen nach ihr, kann er sich nicht erinnern, kann nicht richtig funktionieren, wird versagen, sterben... Aus heiterem Himmel hat Caryn – nackt – in seine Armen Gestalt angenommen, ihn umgeworfen, sie liegen auf dem Steinpflaster des Hofes, von tausend Augenpaaren angestarrt, er spürt ihren schnellen Herzschlag an seiner nackten Brust – warum, verflucht, ist er nackt? – ihre Lippen an seinen...
SIE IST TOT; SEVERUS; DU HAST SIE UMGEBRACHT!
Nein, diesmal ist es anders!
ICH LIEBE SIE, ICH WILL IHR NICHT WEH TUN!
Natürlich lebt sie, sie hat sich bewegt, aber wo ist ihr Herz?...
WIR WISSEN JA, DAß DU EIN MÖRDER BIST, SEVERUS! NUN HAST DU AUCH SIE AUF DEM GEWISSEN!
Er bekommt keine Luft mehr, Gott sei Dank, diesmal wird er sterben, noch einmal muß er das nicht erleben...
ICH BIN NICHT TOT, SEVERUS, ICH WERDE DICH NICHT VERLASSEN! ICH LIEBE DICH, VERTRAU MIR, ICH GEHE NICHT WEG…
Caryn in seinen Armen, um ihn herum, er muß in sie hinein in perfekter Vereinigung, und sie will das, sie will ihn, er stößt in sie, und sie will das, sie drängt sich ihm entgegen, seinem Glied entgegen, seinem Samen entgegen, entgegen...
Schweißgebadet, noch schwer atmend erwachte Severus ohne ihre Wärme. Die Apparierstunde. Morgen Mittag. Das hatte er vergessen.
Er mußte dafür sorgen, daß Caryn am Leben und bei ihm blieb.
Aber noch lebte sie, und morgen würde er sie beschützen.
Distanzbedingte Besessenheit
Severus Sonnabend, 23.3
Unausgeschlafen stand er am frühen Morgen vor seiner Wohnungstür auf dem Treppenabsatz, unfähig sich zu seinem Vorhaben für heute zu motivieren, in seine Vorratskammer hinüberzugehen und seine Vorräte zu kontrollieren, um dann in Hogsmeade Nachschub zu kaufen.
Obendrein hatte er nach dem Mittag wieder Aufsicht bei der Apparierstunde der Siebtkläßler. Und er hatte versäumt, sich über das Problem Gedanken zu machen. Immer wieder Caryn. Die Möglichkeit, daß sie erneut beim Apparieren von ihm angezogen werden könnte, war nicht nur unangenehm, weil es wieder Gerede geben würde; auch aufgrund des Schwurs machte er sich Sorgen. Sicher war es letztes Mal keine bewußte Absicht von ihr gewesen. Aber konnte er eine Lebensgefahr für sie hundertprozentig ausschließen? Gerade jetzt, da sie ihn … liebte? Zumindest ihre beider Körper sich unüberspürbar gegenseitig anzogen? Er würde heute dafür sorgen müssen, daß ihr nichts passierte. Und falls die Gefahr sich nicht bis dahin erledigt haben würde, müßte er vor der nächsten Stunde in zwei Wochen eine sicherere Lösung finden...
Caryn.
Verdammt! Er wollte mit ihr schlafen. Wie sehr wollte er das! Sie war alles, worum seine Gedanken kreisten, die ganze Nacht gekreist waren. Er wollte sie in seinen Armen und unter seinen Lippen und unter sich haben. ER WOLLTE SIE. Nur Sex. Sonst war da nichts. Da war nichts dabei. Wenn er sie gehabt hätte, würde sich dieses Chaos in seinem Inneren im wahrsten Sinne des Wortes in Wohlgefallen auflösen, und er wäre wieder der Alte.
Wenn Du in der Lage bist, Dich an die Spielregeln zu halten, Severus....
Erst am Freitag würde sie wieder hier stehen. Erst dann würde er sie küssen und ihre gemeinsame Erregung spüren, und er würde einen Schritt weitergehen. Einen Schritt weiter, um ihren verheißungsvollen Körper in die Lust einzuführen...
Aber wahre Deine Distanz, zum Teufel!
Meine Güte, er wollte doch nur seinen Spaß mit ihr haben! Wo war das Problem?
Wenn Du weiterhin die ganze Woche Tag und Nacht in dieser Weise mit ihr beschäftigt bist, IST das ein Problem.
Vielleicht sollten sie der Sehnsucht im Augenblick nachgeben? Er hatte schon so oft erlebt, wie sich dieses Verlangen nach kürzester Zeit in Luft auflöste. Dann könnten sie sich diese aufreibende Verdrängung der gedanklichen Besessenheit sparen...
Merkst Du nicht, wie Du Dir Rationalisierungen zurechtlegst, die Dich rechtfertigen sollen, wenn Du Dich zum Sklaven Deiner Bedürfnisse machst?!
Außerdem war es notwendig, Caryn klarzumachen, daß sie nicht über ihn verfügen konnte. Daß sie keine Liebesbeziehung führten, sondern getrennte Menschen mit getrennten Leben bleiben würden. Darum ging es. Und deshalb durfte er gar nicht erst damit anfangen, einmal festgelegte Regeln abzuändern.
Meine Güte, Severus! Worum geht es hier eigentlich? Es wird Dir ja wohl möglich sein, Deine sexuellen Bedürfnisse FÜR EINE WOCHE zurückzustellen!
Entschlossen straffte er die Schultern und lief schwungvoll die Treppe ins Labor hinunter.
Anziehung mit Bedacht
Caryn Sonnabend, 23.3
Zu allem Überfluß fand diese Apparierstunde jetzt auch noch in der Großen Halle statt, wo deutlich weniger Platz war.... Obwohl Snape wohl selbst hier so weit weg war, daß sie sich nicht in die Quere kommen würden...
Hör jetzt auf, an ihn zu denken!
Wenn Sie sich nur besser fühlen könnte, was ihn anging! Wenn sie nur sicher sein könnte, daß sie Freitag zu ihm gehen dürfen und ihn küssen würde! Wenn sie sich doch gestern nur anders getrennt hätten! Vielleicht hatte er von ihr genug? Würde sie nie mehr an sich heran lassen?
Severus, wo bist Du?
Ihr Kontrollblick sagte ihr, daß er sich im vorderen Bereich des weitläufigen, zu diesem Zweck leergeräumten Raumes aufhielt. Also stellte sie sich so weit wie möglich nach hinten und konzentrierte sich, um ihren Geist, der unabänderlich auf ihn ausgerichtet war, von dieser Besessenheit zu befreien. Denk an etwas anderes, an irgendetwas, an was auch immer, an… Wenn er doch nur nicht hier wäre, was will er denn jetzt dort hinten? Tat er das absichtlich? Aber warum sollte er das tun? Er wollte sie doch gar nicht…
Resigniert brach sie ihr Unterfangen ab. Wenn sie vor zwei Wochen, ohne sich seiner Attraktivität für sie überhaupt bewußt zu sein, zu ihm appariert war, hätte sie heute keine Chance. Ihr Herz machte Hüpfer, wenn sie nur an ihn dachte, geschweige denn, schlüsselreizmäßig auch nur einen Fetzen seines schwarzen Umhangs sah...
Oder reichte die Tatsache aus, daß sie sich der Gefahr bewußt war, um es nicht wieder geschehen zu lassen? Wenn sie nur Gelegenheit hätte, das Apparieren richtig zu lernen. Dann wäre das Problem automatisch gelöst...
Gerade als der Apparierlehrer die Menge begrüßte, nahm sie aus den Augenwinkeln wahr, wie Snape mit wehendem Umhang in Richtung Ausgang schwebte. Ihr Kopf bewegte sich, wie mit unsichtbaren Fäden an seinen Anblick gebunden, mit. Erleichtert sah sie ihn die Halle verlassen und die Tür hinter sich schließen.
„Konzentrieren Sie sich", tönte Twycross' Stimme über das übliche Geschnatter der Menge hinweg. „Die goldene Dreierregel: Ziel, Wille, Bedacht! –Ihr Ziel liegt vor Ihnen in Gestalt ihres Reifens. – Lassen Sie Ihren Willenin sich wachsen, sich mit ihrem Körper dorthin zu begeben! – Wenn Sie so weit sind, erspüren Sie Ihren Weg hinein ins Nichts, bewegen Sie sich mit Bedacht!"
Mit aller Kraft vertrieb Caryn alles: IHNaus ihrem Bewußtsein und ließ sich von dem Willen durchströmen, ihre Blamage vom letzten Mal wettzumachen.
Schwarzes, beklemmendes Nichts, dann war sie in der Lage, Luft zu holen, und öffnete vorsichtig die Augen. Vorschriftsmäßig stand sie in ihrem Reifen und hatte wieder die Blicke ihrer Umgebung auf sich, und sie empfand das nicht sonderlich angenehmer als die skandalwitternde Aufmerksamkeit vom letzten Mal. Caryn zuckte zusammen, als Flitwick plötzlich vor ihr stand.
„Phantastisch, Miss Willson! Sie können es wirklich! Treten Sie jetzt einmal einige Meter mehr zurück und versuchen Sie es noch einmal. Sie werden sehen, daß sie in allen drei Schritten mehr Konzentration aufbringen müssen, je weiter ihr Ziel von
Ihnen entfernt ist!"
Ängstlich sah Caryn sich um, ob Severus noch immer abwesend war. Zumindest konnte sie ihn nicht entdecken. Ach was! Sie hatte es einmal geschafft, sie würde es wieder schaffen!
Daran, daß sich Flitwicks Stimme vor Begeisterung förmlich überschlug, merkte sie, daß auch ihr zweiter Versuch erfolgreich gewesen war, noch während sie die Augen geschlossen hatte.
„Perfekt, Miss Willson, lassen Sie uns die Distanz noch einmal vergrößern. Kommen Sie bitte mit zum Eingang, Sie sollen es von dort aus zum Lehrerpodest versuchen!"
Das erste, was Caryn sah, als sie ihre Augen wieder öffnete, war Snapes hohe, schwarze Gestalt, die in diesem Moment den Raum betrat. Noch während sie ihn verfluchte, weil sein Blick nicht nach ihr suchte, fand sie sich von Flitwick emsig am Ellenbogen gefaßt und von ihm mitgezogen.
„Professor Flitwick, ich glaube, ich möchte heute nicht mehr..."
„Machen Sie sich keine Gedanken, Miss Willson!" rief der kleine Zauberer mit eifriger Quiekstimme. „Sie haben eindeutig eine Begabung für's Apparieren, und mich würde interessieren, ob das mit einem besonderen Gespür für molekulare Konfigurationen zusammenhängt. Kommen Sie!"
Hilflos guckte sie sich nach Severus um. Wohin ging er? Achtete er überhaupt nicht auf sie? War er sich der Gefahr für sie beide bewußt? Würde sie vielleicht nur vortäuschen können, apparieren zu wollen und am Eingang stehenbleiben können, ohne daß es jemand bemerkte?
Kurz vor dem Eingang stieß ihr Blick mit einem wohlvertraut-ersehnt-gefürchteten anderen zusammen. Snape führte offensichtlich einen anderen Schüler hierher, der ebenfalls die größte Distanz dieses Raumes ausprobieren sollte. Seine spöttisch dreinblickenden schwarzen Augen blieben in ihren hängen, und prompt konnte sie sich weder auf ihre zittrigen Knie noch auf die Richtung ihrer Gedanken verlassen.
„Da kann ich ja froh sein, mich diesmal hinter Ihnen zu befinden, Miss Willson. – Ich gehe davon aus, daß Ihre Fähigkeiten wohl zumindest ausreichen, um mit Bedacht vorne von hinten zu unterscheiden?"
Severus
Er hatte auf den ersten Blick wieder seine Macht über sie gefühlt, wie seine Person imstande war, ihr Herz aus dem Takt zu bringen und ihr Gesicht mit einer Röte zu überziehen... Und ERwürde es sein, der ihren Körper lehren durfte, diese Körperfunktionen mit den wirklich erotischen Reaktionen zu verknüpfen... würde diese in ihr auslösen.... ihre Wollust genießen... Er würde... ER WOLLTE... SIE…
Seine an sie gerichteten Worte enthielten Ironie für sie beide, was von außen jedoch nicht erkennbar war. Auch Caryn konnte das nicht ahnen. Im ersten Moment krächzte sie nur, dann gelang es ihr, die Stimme frei zu bekommen:
„So liebenswürdig, wie Sie mich behandeln, Professor Snape, wird es mir unsagbar schwer fallen, mich von Ihnen zu entfernen, BEDACHT hin oder her!"
Routinemäßig verhinderte er das Erscheinen seiner Anerkennung ihrer beeindruckenden Entgegnung in seinem Gesicht. Caryns Antwort war nicht nur schlicht gut gewesen. Sie hatte obendrein – ganz so, wie er, Snape, es geplant hatte – durch ironisiertes offenes Aussprechen von Snapes anziehender Wirkung auf Caryn (und umgekehrt, Severus?) Flitwicks eigene Gedanken zu diesem Thema überflüssig erscheinen lassen. Ein ungewohntes Gefühl – Stolz… auf Caryn? – durchflutete ihn aus heiterem Himmel, und er gab seinem persönlichen Schutzreflex nach, mit offenkundiger Herablassung zu erwidern:
„Nun unterstellen Sie mir nicht, daß ich gerade SIEbevorzugen würde, Miss Willson!"
Jetzt zuckte sie getroffen zusammen, und ihre Aura von emotionaler Energie sank in sich zusammen. Wieder einmal war er über das Ziel hinausgeschossen. Und diesmal hatte sie – anders als gestern – wenig Anlaß, seinen spontanen Ausbruch auf seine Person zu beziehen und nicht auf sich selbst. Seine jähe Reue mußte vor der Außenwelt verborgen bleiben.
Auf diese Weise wirst Du sie todsicher verlieren!
Kein Mensch, der ihn in diesem Moment beobachtete, am allerwenigsten Caryn, wäre auf die Idee gekommen, daß er für eine Sekunde ausschließlich erfüllt war vom Verlangen, sie auf der Stelle um Vergebung zu bitten.
Caryn
Auch das noch! Es war ihr ohne weiteres gelungen, Snapes erste Äußerung auf die Wahrung des äußeren Scheins schieben; darauf, daß es klug war, Flitwicks eventuelle Gedanken über Snapes offenkundige Anziehung auf Caryn und Caryns Sorge einer Wiederholung offen auszusprechen, um die beiden Gefahren zu bannen.
Ihre Antwort darauf konnte ihn nicht verärgert haben. Warum verletzte er dann sie persönlich und auch noch mit ihrem Schmerz, daß er sie nicht liebte?
Sie kämpfte den Impuls nieder, weinend aus der Halle zu laufen, als sie Flitwicks erstaunten Blick auf sich fühlte, nachdem er zuvor seinem großen Kollegen einen ebensolchen zugeworfen hatte.
Das geschieht Dir recht, Severus!
Auch Snape hatte die Verwunderung des Zauberkunstlehrers wahrgenommen. Er wandte sich mit unverminderter Verachtung seinem Slytherinschüler zu und erteilte diesem Anweisungen, ohne sich weiter um Caryn und Flitwick zu kümmern.
„Wir mögen uns nicht", erklärte diese gut vernehmlich ihrem verdutzten Hauslehrer, und die Genugtuung dieser Rachehalf ihr, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Ruhig rief sie sich die Dreierregel ins Gedächtnis, konzentrierte sich auf ihr Ziel VORsich und tat den Schritt durch den Raum der Großen Halle.
Flitwicks hohe Piepsstimme übertönte das allgemeine Stimmengewirr:
„Erstklassig, Miss Willson, einfach erstklassig. Kommen Sie auf demselben Weg zurück, und ich möchte etwas anderes mit Ihnen ausprobieren!"
Oh, nein! Konnte sie sich darauf verlassen, daß ihre Wut auf Snape ausreichen würde, um sie von ihm abzuhalten, der er unmittelbar neben Flitwick stand, noch immer auf seinen Schüler einredend? Sollte sie sich lieber die Blöße geben, zu Fuß zurückzugehen, oder war das gerade auffällig?
Konzentrier Dich, Caryn, nimm zur Not Flitwick, um ihn umzuapparieren!
Caryn holte tief Luft und sammelte ihren Geist. Als sie sich eine Sekunde später auf allen vieren an der Stelle wiederfand, an der Severus sich vor derselben Sekunde noch befunden hatte, war dieser anscheinend einen großen Schritt zur Seite gesprungen. Und ihr Unterbewußtes hatte wohl damit gerechnet, von ihm aufgefangen zu werden...
„Leiden Sie an Verirrung Ihres Hasses, oder sollte ich mich wirklich ernstlich fragen, was in Sie gefahren ist, Miss Willson?" zischte er ihr zu, und obwohl sowohl sein Schüler als auch ihr Hauslehrer seine Worte gehört hatten, war Caryn klar, daß er wahrhaftigsauer auf sie war. Sie war ihm gleichgültig, und sie machte ihm nur Ärger. Er würde sie nie wiedersehen wollen. Er wird mich nie wieder küssen.... Diesmal konnte sie die Tränen kaum davon abhalten, in ihren Augen zu bleiben, und ohne den Gedanken an eine Erwiderung wandte sie sich ab. Wieder spürte sie Flitwicks verwunderten Blick auf sich, und wieder gab ihr die Erkenntnis, daß ihr Hauslehrer gesehen hatte, daß Snape sie zum Weinen bringen konnte, eine Art grimmigen Trost. Weswegen war er so gemein zu ihr? Wie sollte sie die Zeit bis Freitag aushalten? Wie auch noch die Angst, daß Severus sie zum Teufel jagen würde?
„Ich glaube, für heute haben Sie genug geübt, Miss Willson. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich im Anschluß an diese Aufsicht hier mit Ihnen den Verschwindezauber einüben. Um zu erfahren, auf welchen magischen Gebiet ihre Apparierbegabung begründet liegt."
Somit brachte Flitwick sie auf andere Gedanken, indem er sie in seinem Büro den Evanesco probieren ließ, welcher im Lehrplan der Magierausbildung eigentlich nicht vorkam. (Den sie beherrschen wollte, seit sie vor nunmehr einem Jahr Severus ihn hatte ausführen sehen, um beim Duellierclub diese Schlange zum Verschwinden zu bringen. Damals war ihr zum ersten Mal bewußt geworden, daß er ein MANN war. Auch wenn er es sie wieder vergessen gemacht hatte mit seiner unausstehlichen Art. Danach hatte sie irgendwann begonnen, mit ihm zu kämpfen…)
Jetzt war Caryns Ehrgeiz erwacht, und sie schaffte es beim dritten Versuch, Flitwicks Teetasse zum Verschwinden zu bringen, wenn auch ohne Inhalt. Aber den Ratzputz hatte sie sich für Zaubertränke bereits angeeignet.
„Was ist das zwischen Ihnen und Professor Snape, Caryn?" fragte Flitwick plötzlich. Caryn zuckte beim Klang ihres Vornamens zusammen und starrte ihn eine Sekunde zu lange an, bevor sie die von ihm wiederbeschaffte Teetasse betrachtete. Könnte sie eigentlich an so einer Unachtsamkeit sterben?
„Wir... mögen uns nicht besonders", wiederholte sie erst einmal.
„Er scheint wirklich besonders extrem zu Ihnen zu sein, auch in Anbetracht all des Nachsitzens bei , das er Ihnen in letzter Zeit angeordnet hat. Ich frage mich, ob ich als Ihr Hauslehrer mit ihm reden sollte..."
„Nein, nein, Professor, das ist nicht nötig, ich kann mich da recht gut zur Wehr setzen!"
„Ich habe nur eben gesehen, wie er sie ohne Grund verletzt hat. Das kann ich nicht gutheißen!"
Caryn lächelte den kleinen alten Mann an.
„Ich danke Ihnen trotzdem, Professor Flitwick", sagte sie weich.
Dieser musterte sie noch einen Moment gedankenverloren, bevor er sich wieder ihrem Thema zuwandte.
„Jedenfalls scheint sich mein Verdacht zu bestätigen, daß Sie ein Gespür für die Magie des Raumes hinter den Molekülkonfigurationen haben! Das werden wir im Auge behalten, Caryn! Wenn Sie bereit sind, den Verschwindezauber bis nächsten Samstag zu perfektionieren, könnten wir Beschwörungen aus der Luft ausprobieren!"
Freudig registrierte sie, daß er anscheinend ganz dazu übergegangen war, sie bei ihrem Vornamen zu nennen. Und daß sie da anscheinend endlich einmal etwas außergewöhnlich gut konnte. Dieses Gefühl tat ihr äußerst wohl, auch wenn es ihre traurige Gewißheit, für Severus Snape nichts Besonderes zu sein, nicht wirklich zu lindern vermochte.
Ein Segen, daß sie eine Woche Hausaufgaben nachzuholen hatte! Den Rest des Nachmittags verbrachte sie in der Bibliothek, wo sie – um erst einmal einen Überblick zu bekommen – auf einem der Arbeitstische die Materialien sämtlicher Fächer ausbreitete – und sogleich an Snapes übervollen Schreibtisch erinnert wurde. Wenn sie nur dort unten in seinen Kerkern arbeiten dürfte! Wenn sie doch nur bei ihm sein könnte! Wenn sie doch wenigstens die Gewißheit hätte, daß er sie wieder küssen würde...
Und wenn sie sich die Gewißheit verschaffen würde? Ihn einfach fragen?
Seufzend entschied sie sich für Zauberkunst, um von ihrem Eifer in Apparieren profitieren zu können. Ihre Konzentrationsfähigkeit war nicht die beste. Die unstete Herzfrequenz spiegelte ihre Unentschlossenheit wider: Sollte sie das Risiko eingehen und ihrem Drang, zu ihm zu gehen, nachgeben? Oder abwarten? Und eine Woche leiden?
Zum ersten Mal hätte sie gerne eine beste Freundin gehabt, mit der sie dieses Problem hätte diskutieren können. Eine andere Perspektive. Eine Frau mit größerer Erfahrung mit Männern am liebsten. Andererseits würde sie sterben, wenn sie mit einem Dritten über ihn sprach. Sie zermarterte ihr Gehirn nach Informationen aus irgendwelchen Liebesromanen. Männer wollten jagen. Man durfte ihnen nicht hinterher rennen. Man mußte sich rar machen. Sie eifersüchtig machen? Eifersucht!
Wenn jemand Grund zur Eifersucht hatte, dann sie selbst. Hatte er nicht mit Dutzenden Mädchen geschlafen? Allen seine Bedingungen aufgezwungen. Alle mißbraucht. Nicht geliebt. Verletzt. Caryn durfte sich nicht mit denen auf eine Stufe stellen lassen. Jeden Freitag hatte garantiert für diese gegolten. Und er ließ sich keine Gelegenheit entgehen, Caryn weh zu tun, wie er allen anderen wehgetan hatte. Sie würde darauf bestehen, daß für sie andere Regeln gelten müßten! Aber was hatte sie davon, wenn er sie daraufhin gänzlich verließe? Er war nicht an sie gebunden. Hatte sie gerade zweimal geküßt. Dreimal. Und sie begehrt. Was sie gespürt hatte. Aber davon, ihre Liebe zu erwidern, war er meilenweit entfernt....
Sie würde noch wahnsinnig werden, wenn das so weiterging!
Hör auf zu denken! Arbeite!
Was sollte sie nur tun?
Besuch im Kerker
Caryn Sonnabend, 23.3
Gegen Abend gab sie auf. Sie MUßTE sich das nicht gefallen lassen! Er hatte kein Recht, so mit ihr umzugehen. Mit der Rechtfertigung: Ich bin nun einmal so. Anständig behandelt zu werden, war nicht zu viel verlangt! – Er hatte sich ja schon geweigert, ihr das zu schwören! Damit durfte er nicht durchkommen!
Nach dem Abendessen (quasi ohne Nahrungsaufnahme, und ER war nicht einmal in der Großen Halle gewesen) machte sie sich wutgestählt auf den Weg in seine Kerker. Klopfte so heftig an sein Büro, daß sie selbst erschrak, wurde ungerührt, gelangweilt hereingebeten – und zwang sich, seinen skeptischen Blick dazu zu nutzen, ihren Zorn zu schüren. Aufrecht stellte sie sich vor seinen Schreibtisch hin, wobei sie über die Barriere zwischen ihnen wohl genauso froh war wie Severus dahinter.
„Warum haben Sie mich gestern Abend so behandelt? Warum tun Sie mir dauernd weh?" fragte sie herausfordernd, was sich ziemlich jämmerlich anhörte mit dieser zittrigen Stimme, die wie die einer Fremden in ihren eigenen Ohren schallte. Wo war denn ihre ganze Wut?! Außerdem hatte sie Du sagen wollen, aber das nicht über die Lippen gebracht. Snape erwiderte ihren Blick nicht.
„Weil ich Ihnen keine falschen Hoffnungen machen will" gab er ohne die geringste Denk-Verzögerung zur Antwort. „Sie und ich sind einen magischen Vertrag eingegangen. Wir haben", hier machte er eine kaum wahrnehmbare Pause, die sie sich vielleicht auch nur eingebildet hatte, „uns geküßt. Aber ich werde Sie nicht lieben. Ich KANN es nicht. WILL es auch gar nicht. Liebe wird es zwischen uns nicht geben."
Das tat weh. Der Schmerz ihrer Zähne in ihrer Unterlippe war da leichter. Wie weit war sie schon hierin verstrickt?
Was heißt hier LIEBE?! Was sollte Professor Snape mit Liebe zu tun haben?!
WAS tat sie dann hier mit IHRER LIEBE? Die doch für ihn gar nicht sein konnte, sie kannte ihn doch kaum! Beziehungsweise KANNTE ihn – wenn es denn stimmte, daß es da mehr zu kennen nicht gab – und WUßTE, daß man DIESEN MANN nicht lieben konnte! Und doch war sie hier. CARYN. MIT ihrer Liebe. Mit allem, was sie für einen Mann hatte.
Was ich HÄTTE. Wenn er denn ein Mann wäre, der etwas von mir haben wollte.
Desungeachtet HATTE sie das für ihn. WAR es für ihn. War hier mit ihrer ganzen Person, SIE SELBST. Und gab ihm damit eine Macht, sie so tief verletzen zu können. Ausgerechnet IHM.
„Warum…" Sie schluckte und schaffte es diesmal, die künstliche Nähe des DU zu beschwören: „willst Du mich dann küssen? Warum… redest Du mit mir? Warum bist Du so... zärtlich zu mir gewesen?" Ihrer Stimme war leider anzuhören, daß auch der lächerliche Rest ihrer Wut mittlerweile erschöpft war.
„Wie sind DEINE Theorien?" Seine war schneidend, auf ganzer Linie defensiv. Auch wenn er sie schließlich auch geduzt hatte, fühlte er sich auf diese Weise nur noch distanzierter an. SO würde sie von ihm nicht bekommen, was sie brauchte.
Du wirst es überhaupt nicht bekommen, Du dämliche Gans! Nicht von HM.
„Meine Theorien willst Du doch nicht. Und Du weichst meiner Frage aus", versuchte sie, sachlich und selbstbewußt zu klingen. Zumindest setzte ihr das Du nicht mehr so sehr zu.
„Nicht im geringsten, Professor Willson." Seine herablassende Ironie an sich abprallen zu lassen, kostete Caryn ihre gesamte Energie. Glücklicherweise sprach Snape anschließend neutral weiter. „Die Gründe dafür habe ich Dir bereits in unserem ersten Gespräch gegeben. Ich mache es, weil ich Dich für vernünftig halte. Für intelligent und einfühlsam genug, um zu begreifen, daß DAS HIER mein ICH ist. Nicht mehr und nicht weniger." Er verschob einen Stapel Pergamente vor sich auf dem Schreibtisch. Sagte nun zu sich selbst, leise, sein gesamter Sarkasmus in diesen leisen Worten, er murmelte nur. Aber konnte man sarkastisch murmeln? „Ich bin mittlerweile siebenunddreißig Jahre alt, und ich frage mich, ob es nicht eine einzige Frau auf diesem Planeten gibt, die MICH aushalten kann." Mutlosigkeit strahlte er plötzlich aus, Resignation, Hoffnungslosigkeit. Gleichzeitig war er unendlich weit davon entfernt, bedürftig zu scheinen. Er war allein, aber er hatte dieses Schicksal lange angenommen. Er würde auf jedem herumhacken, der versuchte, ihm nahe zu kommen, nur um seine Einsamkeit zu erhalten, die mittlerweile das einzige war, das ihn in diesem Leben aufrecht erhielt. Die Tatsache seiner Einsamkeit war nicht in der Lage, ihn zu verletzen. Ob sie, Caryn, da war, diese Worte zu hören oder nicht, war ihm gleichgültig.
Ich will, daß Du mich ansiehst! Daß Du siehst, daß ich da bin! ICH BIN HIER, SEVERUS! Ich will bei Dir sein…
Er ließ sich auf seinem Stuhl zurückfallen und den Kopf auf die Brust sinken. Nutzte dann einen tiefen Atemzug, um sich aufzurichten. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Um LIEBE geht es hier nicht."
DU LÜGST! Caryn widerstand dem Drang, ihm zu widersprechen. Doch, Severus, darum geht es. Du BRAUCHST meine Liebe! Du mußt sie wollen! Ich will Dich festhalten, Dich trösten, alles wieder gut machen. Alles ungeschehen, was Dich so sehr verletzt hat.
So sehr verwundet, daß es ihn die Verletzungen, die er nun selbst sich zufügte, nicht einmal mehr spüren ließ! In der Beziehung zu ihm, ihn in den Arm nehmen zu dürfen, ihn trösten zu dürfen, stand Caryn nicht, das wurde ihr grausam klar. Und IHR TAT das weh. So weh. Mehr als das, was er IHR gesagt hatte. Zu ihr sagen KÖNNTE. SEIN Schmerz war es, der ihr WIRKLICH weh tat. Diese Erkenntnis tröstete sie seltsamerweise: Er konnte sie nicht tiefer treffen, als er sich selbst verletzen konnte.
„Worum geht es DANN?"
„Ich habe keine Ahnung." Ein spontanes Seufzen.
„Was?!"
Sein Lachen war wie ein Zubeißen. Direkt in ihr Innerstes. Er SELBST ist verletzt! Vergiß das nicht! Zum ersten Mal in diesen Minuten trafen seine Augen ihre. Inmitten seines Sarkasmus' blieb er trotz Blickkontaktes total distanziert. Biß erneut zu.
„Na, desillusioniere ich Sie schon wieder? Der mächtige Zaubertränkemeister von Hogwarts durchschaut und bewältigt jede Situation!" Seine Augen schließend, fuhr er sich von seiner angespannten Stirn aus beidhändig durch's Haar. Wieder lachte er ironisch auf. Doch diesmal …anders… Doch! Er WAR anders. Da war wieder… ER. „Aber worum es HIER geht, habe ich keine Ahnung!"
Caryn schaute ihn gebannt an. Jetzt, aus dieser Distanz heraus konnte sie es eindeutig erkennen. So überdeutlich saß er vor ihr: der echte, unverstellte Snape, von dem er immerzu behauptete, er existiere nicht.
Es stimmt also doch? Es GIBT ihn? Einen wahren Snape unter all dem Zynismus und der Ironie?
Mittlerweile maß er sie wieder mit seinen unergründlich tiefen schwarzen Augen.
„Nein, Miss Willson", spottete er, als hätte er ihre verbotenen Gedanken gehört. Dieses erbarmungslose Lachen war so verletzend, auf Caryn herumhackend, sie beide zerfleischend. Damit wollte er ihre Hoffnung auf der Stelle bestrafen, ausmerzen, zerstören. Ihre Hoffnung? SEINE? Caryn selbst. SICH selbst! ER ist verletzt! ER ist schwach! ER ist allein! Ihm blieb nur, Caryn anzufauchen: „HIER wird etwas komplexeres Denken von Ihnen erwartet!"
Sich wieder in sich zusammensinken lassend, verfiel er in Schweigen. Caryn stand. Wankte auf der Stelle. Wußte nicht, wohin mit ihren Armen. Augen. Füßen. Gegangen wäre sie um keinen Preis der Welt. Er würde sie hinauswerfen. Jede Sekunde. Und das wäre das Ende. Dagegen könnte sie dann nichts tun. NICHTS konnte sie tun. Nur abwarten. Ob er ihr eine Chance geben würde. Ob es die Wahrheit gewesen war, was er ihr eben zu verstehen gegeben hatte: Es ist egal, ES IST MIR EGAL, ob Du mich lieben willst.
Denk nach, Caryn! Natürlich ist ihm das NICHT egal!
Er hatte ihr seine Hoffnungslosigkeit gezeigt. Sie gefragt, ob eine Frau ihn aushalten könne. Gut, er hatte es wenigstens in ihrer Gegenwart ausgesprochen. Er HATTE es in ihrer Gegenwart ausgesprochen. Und jetzt duldete er immerhin, daß sie hier stand und auf ihn wartete.
Er hat nicht vor, Dich hinauszuwerfen. Er WILL, daß Du bleibst. Er hätte Dich schon lange hinausgeworfen!
Er wollte ihre Nähe? Sonst HÄTTE er sie hinausgeworfen. Selbstverständlich hätte er das! So vorgegeben wie seine tägliche schwarze Kleidung!
Wag etwas! Kämpf um ihn! Er GIBT Dir doch die Chance! Er wartet auf DICH!
„Was wollen Sie von mir, Professor Snape?" Verdammt, warum PROFESSOR?! Severus heißt er. IHN mußt Du erreichen, verdammt noch mal! Sollte sie es wiederholen? War es zu spät? Er würde niemals vergessen, daß er der hoffnungslose Professor Snape war! Einen langen Augenblick dachte sie, er würde ihr nicht antworten. Jetzt müßte sie gehen. WOLLTE nicht gehen. Dann sprach er doch. Mit seiner normalen Stimme. Ernst. Ohne Sarkasmus. DER ECHTE SNAPE. Nein. SEVERUS!
„Ich will, daß Du akzeptierst, daß ICH das hier BIN." Sie hing an seinen Lippen. Das WAR er. DIESEN Mann wollte sie. Ihn allein in einem solchen Moment ohne Maske erleben zu dürfen, entschädigte sie für alles! Ihr Zwerchfell tat einen verstohlenen Hüpfer. „Keine Ausflüchte. Keine Entschuldigungen. ICH BINso, wie Du mich all die Jahre kennengelernt hast." Er lachte freudlos. „Und deshalb kannst Du mich nicht lieben. So einfach ist das."
Er hatte Du zu ihr gesagt! Obwohl SIE ihn gesiezt hatte. Er hatte sie aus FREIEN Stücken geduzt. Und etwas verlangt. Etwas, das Caryn KONNTE. Er wollte geliebt werden, natürlich wollte er das! Aber als ER SELBST. Sie sollte endlich IHN sehen. Keine Ausflüchte. Keine Entschuldigungen. Sie frohlockte. Konnte nicht anders. Nein, Severus! Ich will das! Ich will nichts anderes! Ich WILL DICH selbst!
Sie sortierte die Worte.
„Ich …WILL das… DICHakzeptieren. Ich will nicht, daß Du anders sein sollst. Ich meine nur…" Sein sie in der Falle wissender Blick traf sie schonungslos. Seine Befriedigung darin war es wieder, die sie am empfindlichsten traf.
„JETZT kommen die Einschränkungen!"
„NEIN! Ich wollte nur sagen…" Hastig hatte sie widersprochen, ehe sie sich darüber klar geworden war, was sie denn sagen könnte. Was gut war. War es gut? Notwendig. Doch, das war notwendig: „…daß ich NICHT akzeptiere, wenn Sie… äh, wenn Du mich ABSICHTLICH verletzt. Das KANN es nicht heißen."
Das merkwürdigerweise hatte seine Überlegenheit in sich zusammenfallen lassen wie seine Schultern. JETZT war er betroffen. DAMIT hatte sie ihn erreicht! Getroffen. Seine Abwehr geschwächt. – Wohl um dem entgegenzuwirken, sprang er – mit einer für seine momentane Schwäche überraschenden Kraft – von seinem Stuhl auf und machte noch mehr Schritte von ihr weg. Die Härte in seinem Gesicht war von seinem Schwächeanfall unangetastet geblieben. Erst einen Augenblick später veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Offenbar hatte er sich das nun bewußt erlaubt.
„Ich BIN aber so!" beharrte er. Nun absolut ernst. Ohne weitere Gefühle dahinter. Aber auch ohne das Abweisende, das sonst fast immer mitschwang in seinen Äußerungen. Er WAR definitiv NICHT abweisend. Auch nicht trotzig. Er tat sich nicht leid. Tat SIE ihm leid? WOLLTE er nicht SO sein? WAR da nicht der Hauch einer Sehnsucht gewesen, anders sein zu können? Danach, zulassen zu können, daß Caryn es versuchte? IHN zu lieben? „Genau DAS meine ich doch, Caryn! Daß Du aufhören sollst, Ausflüchte zu suchen! Ich BIN so, wie ich bin, Ich KANN niemanden LIEBEN, und ich kann von niemandem GELIEBT WERDEN. So einfach ist das. Wir können ein sexuelles Arrangement haben, wenn Du Dich darauf einlassen kannst. MEHR NICHT." Das beinahe bittende Verstehst Du das, Caryn?! Sagten nur seine Augen.
„Ich will S… DICH aber lieben. Ich kann das. Mir ist egal, ob Du mich verletzt. Ich bin stark genug, das auszuhalten." SIE hörte sich trotzig an. Und sehnsüchtig. Und er wich zumindest nicht vor ihr zurück. Er stieß sie nicht zurück! Wirklich nicht!
Er WILL, daß ich bleibe! Er sehnt sich danach! Da ist sie! In seinen Augen. Die Sehnsucht!
Da WAR sie eben gewesen, ganz sicher!Er HATTE diese Sehnsucht. Caryn würde es gelingen, sie ihn fühlen zu machen. Sie würde es schaffen! Sie WÜRDE ihn lieben! Und er würde von ihr geliebt werden WOLLEN. Da konnte er sie von sich stoßen, so viel er wollte! Sie würde wiederkommen, wieder und wieder, denn jetzt WUßTE sie es. Er WOLLTE geliebt werden, da war sie sich ganz sicher! Er SEHNTE sich danach, geliebt zu werden! Und sie, Caryn Willson, war diejenige, die stark genug war. Ja, sie WAR stark. Das würde er sehen!
„Du suchst schon wieder nach MEHR!" wurde sie gnadenlos von ihm ertappt.
„Aber in diesem Moment bist Du doch... anders!" wandte sie verzweifelt ein.
„Ich rede nur darüber, daß ich NICHT anders bin."
„Du irrst Dich. Du erwartest zuviel von Dir."
„DU bist es, die zuviel erwartet."
„Ich erwarte gar nichts. Ich habe mir gar nicht unbedingt ein Bild von Dir gemacht, wie Du behauptest. Ich habe nur angenommen, daß Du...", Vorsicht jetzt! Vom GELIEBT WERDEN zu hören, war zweifellos zu viel für ihn! „…eine … liebesbedürftige Seite… an Dir hast."
„Und genau da fängt es doch schon an! ICH BRAUCHE KEINE LIEBE. Ich muß allein bleiben. Ich bin alleine zufriedener." Das war aufrichtig gewesen. Gelogen war es trotzdem, aber er glaubte es. Dann jedoch veränderte sich sein Ton. Caryn kauerte sich innerlich zusammen. Glaub ihm nicht, jetzt will er Dich von sich wegstoßen. Laß das nicht an Dich heran! Egal, was er sagt: Er lügt! „Und ich VERABSCHEUE Frauen, die AN MIR KLEBEN und mich mit ihrer vermeintlichen LIEBE ersticken!" spie er ihr vor die Füße.
Ihre Stärke war dahin. Sie fühlte sich nicht mehr ansatzweise stark. Getroffen war sie. Verwundet zusammengezuckt. Krümmte sich um diese Wunde.
Das war NICHT er, das war vorgeschoben! Das IST nicht die WAHRHEIT!!
Mit aller Disziplin drängte sie ihre Verletztheit weg.
Das hat nichts mit DIR zu tun. Er hat Angst! Er verteidigt seine Abwehrstrukturen!
Wie konnte sie so vermessen sein und DAS entscheiden? Sie kannte ihn doch gar nicht! Das hier waren nur IHRE Gefühle. IHREVermutungen. Schüsse ins Blaue. Sie würde es nie WISSEN! Dennoch sprach sie sie aus. Die vermeintliche Wahrheit. DEINE Wahrheit, Caryn. Die Du Dir zurechtkonstruierst. Ausflüchte!
Sie wollte auf ihr Gefühl vertrauen. Sie KONNTE das. Caryn Willson verfügt über ausgeprägte intuitive Fähigkeiten! Das hatte sogar ihr Vater gewußt. Caryn hat eine erstaunliche Intuition! Sie VERTRAUTE ihrer Intuition. Und sprach sie aus. Die WAHRHEIT! Mutig, wenn auch mit belegter Stimme:
„Du WÜNSCHST Dir eine Frau, die Dich aushält, so wie Du bist."
Seine Entgegnung war extrem schnell, wie ein Gegenschlag aus dem Affekt.
„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe mich nur gefragt, ob es eine solche GIBT!"
„Ob ICHdas bin."
„Aber NICHT, weil ich mir das WÜNSCHTE", klang fast höhnisch.
„Du liebst mich ja nicht", ergänzte Caryn in tiefer Resignation.
„Du hast es begriffen." Wieder ein Schlag. Grimmig. Vernichtend. BEFRIEDIGT.
Du hast nichts mehr zu verlieren, Caryn, mach weiter!
„Hast Du andere Frauen geliebt?" Zaghaft. Angstvoll. Sag nein, gib mir wenigstens dieses Nein!
„Weshalb sollte ich gerade DIR eine derart persönliche Frage beantworten?" Hämische Verachtung. Sie kam nicht an ihn heran.
Weiter. Versuch es weiter. Mehr weh tun kann er Dir nicht.
„Weil Du mich ausgesucht hast, mit Dir dieses Gespräch zu führen."
„Ich habe Dich nicht ausgesucht. DUhast Dich in mich verliebt."
Komm, Caryn, das klang aus seinem Mund schon einmal ganz anders! Denk nach!
Sogar in ihrem allerersten Alptraumgespräch hatte er ziemlich deutlich zum Ausdruck gebracht, daß er sie AUCH wollte. Anscheinend war sie ihm heute so nahe gekommen, daß er sie erneut reflexhaft zurückstieß. Mit Aussagen, die seinen früheren widersprachen.
Nicht mit mir, Severus! Sie straffte sich. „Hast Du mit jeder Deiner Geliebten solche Gespräche geführt?"
„Ich habe diese Mädchen nicht GELIEBT, und ich habe mit ihnen auch keine Gespräche geführt."
Ha!
Severus
„Warum führst Du mit MIRdieses Gespräch?"
„Ich weiß auch nicht, warum ich mir das antue! Besser, Du gehst jetzt." Allmählich reichte es ihm wirklich.
„WARUM?" Sie gab nie auf. Penetrantes Fragen und Fragen und Fragen. Er schlug wieder und wieder zu, und sie zuckte zusammen und wurde traurig und trauriger, aber sie stand noch immer vor ihm und bombardierte ihn mit ihren Fragen, die alle die gleiche Antwort verlangten, welche er ihr nicht geben konnte. WOLLTE! Wer war sie, daß er nicht fähig war, sie zu verjagen, damit sie ihn endlich in Ruhe ließ?! Hatte er nicht gewußt, worauf er sich mit ihr eingelassen hatte?
„Warum Du gehen sollst? – Weil heute nicht Freitag ist."
„Du weißt, was ich meine."
„Caryn, ich weiß sehr genau, was Du von mir hören möchtest, ich bin nicht dumm. Und wenn Du Dich auf den Kopf stellst: Das wirst Du nicht von mir hören."
„Warum nicht, Severus?" flüsterte sie mitleidsheischend. Damit würde sie bei ihm nicht durchkommen!
„Weil ich Dich nicht liebe. Verdammt, und nun reicht es. Wir drehen uns nur im Kreis."
Trauer stieg in ihr auf. Er konnte sie sehen. Sehen, wie dieses Gefühl sich wie ein Mantel um ihre Schultern legte. Selbst während Caryn bemüht war, dieses Gefühl in sich einzuschließen, war jede Legilimentik bei ihr überflüssig: Die Tatsache, daß sie ihre Trauer gerade nicht ausstrahlte wie die übrigen Emotionen, zeigte ihm diese – wie ein Negativ-Abdruck – in ihrem ganzen Ausmaß. So mächtig jedoch ihre Traurigkeit war: Sie ergriff nicht Besitz von Caryn, ließ sie nicht zusammenbrechen. Dieses Mädchen stand darin versunken und dachte weiter ihre Gedanken, auch während sie mit ihren Tränen kämpfen mußte. Und sie kämpfte dagegen. Strengte sich an, um sie nicht herauszulassen. Anstatt zu versuchen, sie als Druckmittel einzusetzen wie unzählige vor ihr. Sie war schon eine beeindruckende Frau…
Langsam wandte sie sich zum Gehen. Wollte sie ihn jetzt wirklich ohne ein weiteres Wort verlassen?
„Miss Willson! Wo bleibt Ihr berühmtes letzte Wort?" war nicht mehr ganz so schroff über seine Lippen gekommen. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn einen Wimpernschlag lang kummervoll an. Dann wandte sie sich wieder ab.
Warum mußte es so sein, daß er sie fortwährend von sich stieß, wo er sie so gerne in seiner Nähe hatte? Sie war zu ihm gekommen, und er hatte sich im allerersten Moment gefreut. Dann hatte sie ihm diese Freude ausgetrieben, weil sie nur gekommen war, um ihn anzugreifen. – Hat sie das? – Hatte sie nicht ein Recht darauf, Klärung zu verlangen, so wie er sie gestern behandelt hatte? So wie er sie heute Mittag behandelt hatte? Weil sie nicht wußte, woran sie bei ihm war. Weil ER noch weniger wußte, woran er bei sich SELBST war? Weil er sie küssen wollte, festhalten wollte, von ihr geliebt werden wollte? In diesem Augenblick WOLLTE er sie küssen und festhalten. Hier festhalten. Bei sich. Es konnte nicht sein, daß er sie gehen ließ, wo er gerade jetzt um jeden Preis wollte, daß sie blieb. Wenn er sie jetzt gehen ließ, würde sie kaum jemals zu ihm zurückkommen...
„Komm her!" forderte er sie auf. Es klang barsch. Als sie sich erneut zu ihm umdrehte, hatte er ihre Wut erreicht. Wie damals in ihren sicheren Haßspielchen schrie sie ihn an. Leise, ohne wirklich zu schreien:
„WAS SOLL DAS?! Willst Du das Spiel von gestern Abend weiterspielen? Du jagst mich weg und dann kommst Du mir nach und tust mir auch noch mit Deinem Kuß weh?! Weil Du eben so BIST, ja? – Aber so geht das nicht, Severus! Darauf kannst Du Dich nicht ausruhen. Ich bin nämlich bereit, Dich" sie zögerte kurz, … mich mit Dir einzulassen." Das Gesicht verziehend, drehte sie es von ihm weg. „Schön blöd, aber ich will es immer noch. Ich möchte Dich küssen und umarmen und … und ich dachte... es fühlte sich so an…. als ob Du… das AUCH wolltest..." Im letzten Satz war ihre Stimme immer leiser geworden. Ihr Zorn war verraucht. In diesem Augenblick stand sie mit jetzt deutlich sichtbarer Trauer vor seinem Schreibtisch. Erschöpft. Wirklich verletzt. Zu erschöpft, um sich ihm zu verschließen.
Ja, Severus, SO bist Du. Sie steht hier und WILL SICH MIT DIR EINLASSEN, und Du tust ihr nur weh.
Er war aufgestanden, bevor er seinen Beinen den Befehl dazu erteilt hatte. Ging zu ihr hinüber und blieb dicht vor ihr stehen. War versucht, wieder einen Schritt zurückzutreten; diesen nahen Abstand empfand sie in diesem Moment als weiteren Angriff. Er konnte nicht. Es wäre einer Kapitulation gleichgekommen. Seine Arme hingen schlapp herab, SIE brauchten einen bewußten Befehl, damit sie sich hoben, die Barriere durchbrachen und die Frau dort direkt vor ihm berührten. Als er dies endlich geschafft hatte, taten sie den Rest von allein: Schlossen sich fest um sie. Caryn... Hielten sie fest. Jetzt KONNTE sie nicht weg. Aber sie wehrte sich nicht. Sein Mund landete automatisch in ihrem Haar, ihr Duft in seiner Nase. So ist es richtig. – Richtig für DICH. Was in IHR vorging, war nur Trauer. Das kann nicht richtig sein, Severus! Loslassen konnte er sie nicht mehr. Ungeschickt bewegte er seine Hand auf ihrem Rücken. Caryn rührte sich nicht. Die Worte, die ihm kamen, waren fremd.
„Es tut mir leid." Vielleicht bewirkten sie deswegen nichts. Er mußte eigene Worte finden, mußte noch viel mehr sagen, aber er hatte keine Ahnung, was. Oder ob das gut war. Er durfte ihr doch wirklich keine Hoffnung machen. Aber er hatte keine Wahl. Wie gelähmt stand sie an ihm, ohne sich im mindesten an ihn zu lehnen. Er hatte sie verloren. Hatte er sie denn gehabt? Ihr Bedürfnis danach hast Du ihr gründlich ausgetrieben! Etwas in ihm zog sich zusammen. In… Panik, beinahe. Das war beschämend. Dennoch war da nichts anderes in seinem Kopf als: Es darf noch nicht zu spät sein!
„Ich möchte das, Caryn", sagte er leise. „Ich möchte Dich küssen. Und daß Du am Freitag wieder zu mir kommst."
Seine Umarmung erwiderte sie noch immer nicht.
„Warum?"
Er hatte es verdient, daß sie das fragte. Ein tiefer Atemzug und durch.
„Weil… ich gerne in Deiner Nähe bin." Das ist ziemlich VIEL Wahrheit, Severus. Zu viel, das weißt Du. IHR reichte es trotzdem nicht. Noch immer kamen ihre Arme nicht um ihn.
„Warum?"
Du bist wirklich erbarmungslos, Mädchen! „Caryn, es ist wahr, daß ich keine Liebesbeziehung führen kann. Gar nicht fähig bin dazu. Mit niemandem. Das hat nichts mit Dir zu tun. Du... bist..." Seine Stimme wurde zu emotional. „Das liegt nicht an Dir!" setzte er hart dazu. Abrupt. Der Sinn war damit verloren gegangen.
Aber er hatte Caryn endlich zurück. Zögerlich spürte er ihre Arme um sich. Bestechlich bist Du, wie alle Frauen!
Nur daß Du, Severus, bisher noch keine einzige bestochen HAST, nicht einmal Lily! Aus Prinzip nicht. Wie erklärst Du Dir das, Severus?
Nein, um Bestechung war es hier nicht gegangen. Es war die Wahrheit gewesen. Es LAG nicht an ihr, daß er sie nicht lieben würde. Caryn hatte diese Wahrheit gebraucht. Er hatte wiedergutmachen müssen, was er ihr zuvor angetan hatte. Sonst hätte er sie verloren.
Du weißt, daß Du sie früher oder später sowieso verlierst!
Aber noch nicht jetzt. Noch nicht. Unwillkürlich drückte er sie ein wenig fester, was sie erwiderte; und in ihrer Nähe und ihrem Geruch und den Empfindungen des Drucks ihrer Hände auf seinem Rücken fühlte er statt der Gefahr ihre Erleichterung so stark, daß er nicht umhin konnte sich einzugestehen, daß es genauso seine eigeneErleichterung war. Er hatte sie noch nicht verloren, noch nicht... Und das fühlte sich so… eindeutig zu eng an. Krampfhaft holte er Luft, vorbei an dieser Enge. Klaubte allen Sarkasmus zusammen, der in diesem Moment in ihm übrig war. Daß er sich anhörte wie immer, hatte eine andere Erleichterung zur Folge, doch die machte ihm das Atmen wieder leichter.
„Auch wenn ich Dich warnen möchte, es mit SOLCHEN Gesprächen nicht zu übertreiben. Wenn ich es in Deiner Gegenwart aushalten soll."
Und Caryn nahm allen Ernstes die vielleicht ein wenig zu gutmütig erscheinende Ironie in diesen Worten zum Anlaß, eben DIESES Gespräch fortzuführen!
„Heißt das, daß ich Dir zumindest so wichtig bin, daß Du in Kauf nimmst, wenn ich unbequem bin?"
Wo nahm sie diese Dreistigkeit her?! Und wie kam es, daß er diese Dreistigkeit sehr wohl ertrug? Daß seine Mundwinkel sich unwillkürlich nach oben verzogen hatten ob ihres mutigen Unverschämtheit, eine derart klare Aussage von ihm zu verlangen? Von IHM! Und er blieb, sie weiterhin umarmend, stehen, obschon ihre Frage doch nur eine Variation von Liebst Du mich? Liebst Du mich? war. Und genau diese Tatsache, daß ihn Caryns Drängen nicht wirklich abstieß, war es, die sie bestätigt haben wollte. Was diese Tatsache für IHN bedeutete und ob es gut war, ihr diese auch noch zu bestätigen, überforderte ihn in diesem Augenblick. Was er WUßTE, war, daß er sie nicht loslassen wollte. Warum auch immer! Und daß es die Wahrheit war: Er WÜRDE ihre Unbequemlichkeit in Kauf nehmen. Nur um in ihrer Nähe zu sein. Warum auch immer. An dieser Stelle hatte er keine Wahl. Wiederum schob er alles, was DIESE Erkenntnis an unangenehmen Interpretationen nach sich ziehen könnte, rigoros beiseite.
„Wenn ich einen Kuß bekomme, werde ich Dir Deine Frage beantworten", forderte er sie heraus. Zog seine Augenbraue hoch. Ließ das daraus resultierende Wohlgefühl in seine Lippen. DAS war SEINE Rolle. Überlegenheit. Macht. Sicherheit.
Würde Caryn ihre Verletztheit hinter sich lassen können? Sich ihm hingeben, auch wenn sie wußte, daß er sie verletzt hatte und es wieder tun würde? Daran scheiterten doch fortwährend alle seine Frauen! Gespannt beobachtete er sie. Die sie ihm tapfer ihr Gesicht entgegenhielt, ihre Augen geschlossen. Das rührte ihn aus heiterem Himmel dermaßen, daß er erschrocken die Luft einsog: Wie brachte diese Frau es fertig, ihm jetzt noch so… BLIND zu vertrauen? Nach allem, was er ihr angetan hatte, stand sie da in seinen Armen und… GAB sich ihm hin, auf daß er mit ihr tun könne, was immer er gerade wollte?! Sie konnte doch nicht wissen, daß er nichts anderes mit ihr tun wollte, als sie küssen, sie küssen, sanft, ohne sich daran zu erinnern, was er hier tat und nicht tun durfte, weil er dazu nicht der richtige Mensch war.
Endlich berührten sich ihre Lippen, anstatt distanzierte Worte zu produzieren, die doch nur alles verkomplizierten oder gar zerstörten. In diesem Kuß wurde all das Anstrengende und Schmerzhafte und Gefährliche klein, durchsichtig, nebensächlich. DAS HIER war ganz um ihn herum, plastisch, konkret, unanzweifelbar DA. Da war absolut unwichtig, wie man das nannte, was Caryn ihm schenkte: Sie SCHENKTE es ihm. Gerade IHM. Etwas unermeßlich Wertvolles, und alles, was er wollen konnte, war, ihr genau DAS zurückzugeben. Ob das Liebe sein konnte oder nur menschliche Nähe oder Wärme oder was auch immer. Nur daß Du das mit keiner Frau bisher zugelassen hast! Doch nicht einmal diese Erkenntnis störte diese Erfüllung, dieses Erfülltsein von… – von was? Von… Caryn... – in diesem Moment. In dem sie ihn eiskalt erwischte, indem sie sich plötzlich – vollkommen unerwartet! – von ihm löste und ihn auffordernd ansah.
„Und?"
Was…? Woher nahm dieses Mädchen JETZT die Distanz, ihr Küssen zu beenden?! Während er eine weitere Sekunde benötigte, um seine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu bekommen, um die Stirn runzeln zu können? Er sah in ihr ironisch erwartungsvolles Gesicht und war ehrlich erstaunt – VÖLLIG PERPLEX! – daß sie es fertigbrachte, sich an ihre Frage zu erinnern sowie darüber, daß sie nach allem, wozu er sich zu sagen und zu tun hatte hinreißen lassen, seine Antwort immer noch nicht wußte.
„Hast Du die Antwort in unserem Kuß denn nicht gehört?" Oh, selbst DAS war schon wieder zu viel! Falsch! Absolut falsch!
„Da bin ich mir nie sicher, ob ich richtig gehört habe. Vor allem später... Und die Zeit bis Freitag ist noch unendlich lang."
Laß sie los! Geh auf Distanz! Du bist heute nicht mehr zurechnungsfähig! Sag einfach: SO SIND DIE REGELN!
„Ja", sagte er leise.
„Wie?" fragte sie unsicher. Bevor sie sich straffte und in strengstem Lehrerinnenton fortfuhr: „Könnten Sie bitte in vollständigen Sätzen sprechen, Professor Snape?"
Er lachte laut. Professor Snape! Unzurechnungsfähig. Gefühlsduselig. So verflucht OFFEN, daß es einfach nur PEINLICH war. Und dann DAS!
„Sie sind mir zumindest so wichtig, daß ich die mit Ihnen verbundenen Unbequemlichkeiten in Kauf nehme, Professor Willson", antwortete er übertrieben unterwürfig.
„Wenn Du das zumindest zurücknimmst und weiter hinten ein gern hinzufügst, wäre ich bereit, Dich noch einmal zu küssen", neckte sie ihn, und das MACHTE ihm SPAß! Eine Sekunde lang. In dieser Sekunde lachte er, und er konnte froh darüber sein, daß Caryn wieder fröhlich war. Daß sie es geschafft hatten, alles hinter sich zu lassen. Daß er jetzt noch immer hier stand und sie im Arm hielt. Es war wunderbar, eine lachende Frau im Arm zu halten! Wunderbar. Nicht GUT. ES IST NICHT GUT. Es ist falsch. GANZ VERFLUCHT FALSCH! Das, was sie miteinander haben konnten, konnte nicht FRÖHLICH sein. ER konnte nicht fröhlich sein. Sie mußte sich mit den Gegebenheiten abfinden. Sie durften keine Luftschlösser bauen! Er hielt sie von sich ab und musterte sie streng. Streng, Severus. Hart. Sprich sie aus, die Realität! Es dauerte einen Moment, ehe er dazu bereit war. Und doch war das, was dann aus seinem Mund kam, ganz anders. GANZ ANDERS.
„Ich WERDE Dich küssen", und er erschauerte, als SIE bei dieser fast harten Ankündigung an IHM erschauerte. Ihre Lider schloß. Eine Sekunde so verharrte. Ihr Mund wurde so weich, daß ihre Lippen sich öffneten. Sie WOLLTE von ihm geküßt werden, und ER würde das tun. Oh, ja, das WÜRDE er, durch nichts würde er sich davon abhalten lassen, durch keine Unbequemlichkeit der Welt. Auch nicht von sich selbst.
Die REALITÄT, SEVERUS! Sie durften die Realität nicht verleugnen. Das ABER fehlt, Severus. Du wirst sie küssen, ABER…!
Caryns Mund blieb so, auch als ihre Augen sich wieder öffneten. Er sah sie an. Achtete nicht darauf, wie seine Augen für SIE aussehen würden, weil er IHRE sah. Ihre Augen, die jetzt fast schwarz waren, so weit waren ihre Pupillen.
„ICH WERDE DICH KÜSSEN", wiederholte er, im selben Ton, weil er prüfen mußte, ob es auch ein weiteres Mal funktionierte, und diesmal stöhnte Caryn leise. Ließ ihre offenen Lippen sich um ihre Zunge schließen, um sie zu befeuchten. Sein Glied schmerzte, weil viel zu viel Blut auf einmal hineingeströmt war.
Was IST das, Caryn? WAS BIST DU? Was machst Du mit mir?
Er zwang sich, den Atem anzuhalten, versuchte, sich hart zu machen, um auszusprechen, was ausgesprochen werden mußte: Ich kann Dich küssen, aber alles, was wir tun, hat nichts mit Liebe zu tun. Nichts mit Liebe, hörst Du? Ich werde Dich nicht lieben. Ich KANN Dich nicht lieben! Diese Worte auszusprechen, war ja wohl kein Problem! Dich verhärten, Severus, das ist etwas, das Du im Schlaf beherrschst!
Hart war nur etwas anderes, und DAS war es, das ihn erwischt hatte. Nicht mehr und nicht weniger, aber er war in der Falle. DIESE Härte war es, die ihm unmöglich machte, die unbequemen Worte auszusprechen. Nicht, weil sie Caryn traurig machen würden. Es ist mir völlig egal, ob sie traurig ist! Er vermochte es nicht auszusprechen. Einzig und allein, weil es sie dazu bringen würde, sich aus seinen Armen zu winden und wegzugehen. Und DAS durfte unter gar keinen Umständen geschehen. Er mußte Caryn hier haben, Caryn mußte hier sein, eng an ihn gepreßt, seiner Erektion Gegendruck geben, BEI IHM BLEIBEN. Er mußte sie haben um jeden Preis, SIE war das, was er immer gewollt hatte. GEWOLLT. Pures Wollen. Ihre Augen, die schon lange wieder geschlossen waren, ihr Mund, der von ihm geküßt zu werden verlangte, ihren Mund, ihn mußte er mit seinen Lippen spüren, UNTER seinen Lippen spüren, ihre Zunge schmecken, die sie ihm eben so aufreizend gezeigt hatte, er mußte ihrem Mund in Besitz nehmen, seine Zunge – wenigstens seine Zunge – in sie bringen, weil das alles war, was er heute tun durfte, und er sollte das GAR nicht tun, er sollte sich freimachen und die nötigen Dinge aussprechen, aber er stand hier und hielt sie fest an sich gepreßt und fühlte, wie sie sich seinen Händen entgegenbewegte, wie sie … das aber nicht mehr vollständig tat, wie sie jetzt ein Stück von sich zurückhielt…
Ihr Körper war noch nicht so weit, das KONNTE er jetzt deutlich fühlen, und das war es, das ihn schließlich einigermaßen zur Vernunft brachte. Für sich schmerzhaft spannende Hose war es viel zu früh, so unbeirrbar deren Inhalt sich auch an sie drückte. Und er hatte vergessen, etwas zu sagen. Etwas Notwendiges. Er MUßTE das noch tun. Tu es, Severus! Wie konnte ihm das so schwer fallen?! Wie penetrant WAR denn dieses Verlangen nach ihr? Vorbei an allen Notwendigkeiten! Fortschicken würde er sie stattdessen. MUßTE er stattdessen. JETZT, damit er sich nicht auf sie stürzte und auf der Stelle entjungferte, ehe sie wirklich für ihn bereit war.
Schick sie weg, Severus!
Es war nicht so, daß sie ihn nicht wollte, natürlich wollte sie ihn. Auch SIE genoß das, was er hier mit ihr tat. Sie brauchte nur Zeit. Und seine in diesem Augenblick wirklich beschämend drängende, irrationale Hoffnung, daß sie sich nicht wegschicken ließe, daß sie NEIN sagen, ihn mit sich zu Boden ziehen würde und ihn erlösen, zeigte ihm, daß es sich lohnen würde, auf sie zu warten. Diese junge Frau war es wert, daß er alles tat, damit es ihr in seinem Bett gut ging. Daß er alles richtig machte. ANDERS als sonst.
Alle Selbstdisziplin zusammenraffend, unterbrach er alles, was er mit ihr tat und alles, woran er dachte, mit ihr zu tun. Er schaffte es, ein Stück von ihr abzurücken. So sehr sie eben seine erotische Nähe genossen hatte, so unverzüglich ließ sie jetzt geschehen, daß er diese beendete. Das war die Bestätigung: Es WÄRE zu früh gewesen, natürlich wäre es das. Erleichtert, daß er die Kurve bekommen hatte, suchte er ihren Blick, und anstatt sich in seine Augen fallen zu lassen, brach sie den Blick in der nächsten Sekunde wieder ab, legte den Kopf an seine Schulter und seufzte tief. Sie WAR erschöpft. Von ihrem Streit bestimmt und wohl auch von den wiederum überwältigenden neuen Eindrücken dessen, was wirklich eine überwältigende Erotik WAR. Sogar IHN überwältigend. Als seiest ausgerechnet DU der Erotik-Experte, nicht wahr, Severus?
„Du mußt jetzt gehen", war er endlich in der Lage auszusprechen, und Caryn seufzte wieder – tief und in einer Weise ergeben, daß er lächeln mußte. „Du bist erschöpft!" stellte er fest und hörte auf zu lächeln, weil ER es gewesen war, der sie so angestrengt hatte mit seinen Verletzungen am Anfang. Es tut mir leid, Caryn, war in seinen Gedanken. Sein Mund sagte: „Wenn… Du das möchtest, kannst Du am Freitag wiederkommen…"
Caryn nickte heftig. Sein automatisches Aufatmen war erbärmlich! Ebenso wie ihre Stummheit absolut rührend war. Er tastete ihr müdes Gesicht mit seinen Augen ab. Registrierte plötzlich, was er tat und erwischte einen Zipfel Ironie:
„Ich werde Dich nicht in Deinen Schlafsaal tragen können!" hörte er sich mit einer absolut übertriebenen Samtstimme sagen. Gib ihr noch deutlicher zu verstehen, daß Du genau DAS zu tun begehrst, Severus! Sie auf ihrem Bett abzulegen und…
Caryn lächelte ihn an. Mit schweren Augen, die IHM zu verstehen gaben, daß sie in ihr Bett wollte, aber allein. Seine Hand war plötzlich an ihrer Wange, und daran, wie … innig sie sich in seine Handfläche hineinschmiegte, konnte er erkennen, daß diese Geste angemessen war. Er verhielt sich viel zu liebevoll, aber das war ihm egal.
„Vergiß nicht, daß das hier NICHTS mit LIEBE zu tun hat!" beschwor er sie zum Abschied, nur ungenügend die Weichheit aus seiner Stimme haltend. In welch erbärmlich gefühlsduseliger Stimmung befand er sich eigentlich hier? Und was bei Merlins Fähigkeiten war das, was es ihm so schwer machte, sich aus dieser Stimmung herauszuziehen?! „So sind die Regeln: KEINE LIEBE!" wiederholte er, und jetzt hörte er sich ausreichend unbarmherzig an. Es war ihm dich auch nie schwer gefallen, unbarmherzig gegen sich selbst zu sein! Dann wäre es ja wohl lächerlich, wenn es jetzt hier ein Problem dargestellt hätte!
„Das ist mir egal!" war Caryns Erwiderung, leise, müde, dadurch aber nicht im mindesten die Stärke ihres Trotzes mindernd. Sie sagte das tatsächlich. In der REALITÄT. Die Worte, die in seinem Traum ER sie hatte sagen lassen. „Ich will Dich trotzdem, Severus. TROTZDEM!" Diesmal erkannte er das Gefühl in sich sofort. Stolz. Es heißt Stolz, Severus.
Caryn
Nein, diesmal hatte nicht ER sie hinausbeordert.
„Ich WERDE Dich küssen."
Alles in ihr hatte sich zusammengezogen. Alles und überall, auch dort, wo sie nicht einmal geahnt hatte, daß SIE dorthin reichte. Dort… Dorthin… Mit ihm. NUR mit ihm. Jetzt! Immer! Noch nie hatte sie etwas so sehr gewollt. IHN.
Seine Augen waren unergründlich gewesen, doch sein Atem, die Art, wie er sie an den Oberarmen gefaßt hatte, ein unvertrauter Zug um seinen Mund, die Erinnerung an seinen Wahnsinnskuß... All das hatte ihr gezeigt, daß er sie bei sich hatte haben wollen, in seinen Armen und...
„Ich WERDE Dich küssen." Streng. Unerbittlich. Unabwendbar. Rücksichtslos. Nichts würde ihn davon abbringen können. Auch Caryn nicht. Diese Ankündigung war absolut egoistisch gewesen. Er wollte sie. Für sich. Und sie wollte, daß er sie wollte. Niemals hatte sie etwas so sehr gewollt.
Als sie jetzt allein in ihrem Bett lag, hätte sie sich ohrfeigen können, daß sie ihrer Erschöpfung nachgegeben und sich nicht gezwungen hatte, dennoch heute mit ihm zu schlafen – wo der Wunsch danach so herrlich eindeutig von ihm ausgegangen war. Hatte sie ihre Macht über ihn ein für alle Mal verspielt, indem sie diese Chance heute ungenutzt hatte verstreichen lassen?
Andererseits LIEBTE er sie nicht – egal was er ihr heute sonst gesagt hatte. Ich werde Sie nicht lieben. Und dann: Vergiß nicht, daß das hier NICHTS mit LIEBE zu tun hat!" Es hatte geklungen wie eine nie veränderbare Tatsache. Und mit jemandem zu schlafen – zum allerersten Mal – der einen nicht liebte, hätte Kraft gekostet. Stärke. Unverletzbarkeit. Und all das hatte sie – nach ihrem Streit heute, nach der Apparierstunde, nach seinem unberechenbaren Verhalten gestern – einfach nicht mehr gehabt.
„ICH WERDE DICH KÜSSEN."
Er HATTE es getan. Und wie… Dieser Klumpen im gesamten Bauch, in der Brust, innen und außen, überall… diese Erregung, die noch so anstrengend war, so… sie gänzlich vereinnehmend, so… erschöpfend… Sie war so unendlich müde und gleichzeitig so wach und aufgekratzt wie noch nie. Schlafen? Unmöglich! Denken? Sie konnte nur daran denken. Es war so schrecklich gewesen, sie so unglücklich, so hoffnungslos, so verletzt wie noch nie vorher… Und dann war es auf geheimnisvolle Weise ins Gegenteil umgeschlagen. Er war ihr näher gewesen, als sie je für möglich gehalten hätte… Seine Umarmung das SCHÖNSTE. Seine Küsse…
„Ich WERDE Dich küssen."
Keinen Zweifel hegte Caryn mehr daran, daß er das auch am nächsten Freitag tun würde.
„Wenn… Du das möchtest, kannst Du am Freitag wieder kommen…" Sie hörte seine wundervolle Stimme. Samt und Seide. Schon diese Begriffe bescherten ihr einen neuen Schauer über den Rücken. Natürlich wollte sie! Noch nie hatte sie etwas so sehr gewollt. Freitag. Oh Gott! Erst Freitag?!
Severus
Unruhig wälzte er sich schon wieder auf die andere Seite. Seines Samens hatte er sich bereits entledigt, heftig und unverzüglich; seine schmerzhafte, viel zu lange währende Erektion hatte ihm keine andere Wahl gelassen.
Worin zum Teufel bestand diese immense Anziehung, die dieses Mädchen auf ihn ausübte? Was war es, das ihn in ihrer Nähe dazu verleitete, sich wie ein verliebter Jüngling aufzuführen, der blind und prompt jede Liebeshandlung ausführte, die seine Angebetete ihm erlaubte? Hätte sie ihm heute erlaubt... Er erschauerte von neuem, als er daran dachte, wie ihre schwarzen Pupillen fast die gesamte Iris eingenommen hatten. Wie ihre Zunge zwischen ihren Lippen hervorgeschnellt war. Ihre Lippen befeuchtet hatten, befeuchtet, feucht…
Severus, es reicht! Denk lieber daran, wie anstrengend sie gewesen ist! Wie anstrengend Euer Streit gewesen ist! Wie verheerend die Realität ist!
Auch ihr Streit – war es einer gewesen? – war für Caryns Erschöpfung am Ende verantwortlich gewesen, das war ihm klar. Daran hatte auch nichts geändert, was zu sagen er sich danach hatte hinreißen lassen!
Wahrscheinlich mußte sie alles, was sie aus ihm herausgelockt hatte, erst einmal in Ruhe verarbeiten. Ihm war mehr als ein wenig beklommen zumute bei dem Gedanken, daß sie jede seiner Äußerungen auf die Goldwaage legen würde, um sie anschließend aufzubewahren und ihn damit festzunageln in Zukunft. Peinlich genug, wie vollständig er in seinem sexuellen Verlangen gefangen gewesen war! Seine allzeit verläßliche Kontrolle weit davon entfernt, verläßlich zu sein. Nie, so kam es ihm vor, war ihm eine Frau nur im entferntesten gefährlich geworden wie Caryn. Das war mindestens ebenso besorgniserregend wie all die dummen Worte, die dieser Zustand ihn hatte aussprechen lassen. Schwanzgesteuert, hieß es nicht so? Wie hatte er andere Männer dafür verachtet! Er stieß einen Seufzer aus in der Hoffnung, die sich wieder aufbauende Erregung auf diese Weise hinausatmen zu können.
Schlaf endlich, verdammt!
