Die Stunde der Wahrheit
Severus Donnerstag, 5.3
Sie war heute nicht beim Mittagessen gewesen. Das war ungewöhnlich – normalerweise ließ sie keine Möglichkeit aus, ihn zu sehen, selbst wenn es nur aus der Ferne war – und wenn sie keinen Hunger hatte, aß sie halt nichts. Er hatte sich gestattet, sich bei Minerva nach der ebenfalls fehlenden Madam Pomfrey zu erkundigen – unter dem Vorwand, daß sie ihm heute die Liste mit den wieder benötigten Tränken habe zukommen lassen wollen – und keinerlei Hinweise auf besondere Krankheitsfälle erhalten. Nun, es konnte alle möglichen Erklärungen geben. Letztendlich hatte er beschlossen, sich keine weiteren Gedanken über Caryns Abwesenheit zu machen. Schließlich würde er sie später in seinem Unterricht treffen.
Jetzt stand Severus wie zu Beginn jeder Nachmittagsstunde, wo die Pause nicht lang genug war, den Klassenraum zwischen den beiden Unterrichtsblöcken zu verlassen, vor seinem Pult und wartete auf sie. Auf die Schüler der siebten Klasse. SIE gehörte dazu. Wie neuerdings immer hatte er ein spöttisches Lächeln aufgesetzt, welches sich mit seinen Gedanken besser vertrug als die abweisende Kälte, die er sonst immer verspürt und ausgestrahlt hatte.
Diese desinteressierte Kälte in und um ihn war etwas, das er in diesen Tagen viel seltener verspürte als früher. Selbst wenn er abends allein in seinen Räumen war, war er meist mit anderem beschäftigt, so daß dieses vertraute Nicht-Gefühl gar keine Gelegenheit hatte, Besitz von ihm zu ergreifen wie früher. Wo es ihm gefolgt war wie ein Schatten, zu jeder Zeit, überallhin. Nein, sein tägliches Leben hatte sich unleugbar verändert. War nicht mehr eintönig und leer. Sondern spannend. Erfüllend. Amüsant. … Schön. Selbst mancher Unterricht.
Caryn hatte immer ein Abschiedslächeln für ihren Kameraden Boots auf den Lippen, bevor sie sich auf ihren Platz abseits setzte, aber dieses Lächeln war es nicht, das sie so… besonders aussehen ließ. Das ganz …leichte Lächeln in ihren Augen war es, ein Lächeln anderer Qualität, in ihren intensiven Augen, denen sie immer nur für einen kurzen Moment gestattete, zu ihm, Severus, zu schweifen – und die sich in dem Moment leicht weiteten, wenn er sie – ebenfalls nur für einen kurzen Moment – in seinen landen ließ. Das war eine kleine Geste – aber eine, die Caryn dazu brachte, die ganze Stunde zu strahlen wie die Glut eines ausbrennenden Feuers noch die ganze Nacht Wärme abstrahlt. Nur im ersten Moment konnte man am Muskelspiel ihrer Wangen erkennen, wie sie routiniert dieses äußere Lächeln aus ihrem Gesicht heraushielt. Danach tat sie es bereits automatisch. Blickte ihn an mit ausdruckslosem Gesicht – oder sogar mit offenem Unwillen, wenn er einen ihrer Kämpfe begonnen hatte – während er sie jede Sekunde fühlen konnte: Diese strömende Wärme für ihn, die nur zum Teil die Sehnsucht ihres Körpers war, vordergründig gar nicht einmal so sehr ein Sehnen, ein Haben-Wollen – sondern etwas, … ein Ausdruck dessen, was DA war, was sie für IHN, Sivírus Snape, hatte. Zuverlässig zu jeder Zeit. Auch im Unterricht, bei den Mahlzeiten, auf dem Gang, in den Pausen. Einfach in jedem Moment, in dem sie aufeinandertrafen. – Und das wiederum hatte auch nur zu einem kleinen Teil mit Erotik zu tun.
Das durfte nicht so sein, keine Frage. In SEINEM Leben durfte es so etwas nicht geben. Es war… schön, schon vertraut, schon… erwartet, gewollt, da brauchte er sich leider gar nichts mehr vorzumachen – und es bestätigte sich verhängnisvoller Weise trügerisch beständig. Trügerisch.
Es WAR eine vorübergehende Geschichte. Nichts, worüber er sich Sorgen machen müßte. Caryn würde sich früher oder später von ihm anwenden. Das stand außer Frage. So tiefgehend und ehrlich diese ihre Gefühle für ihn zu sein schienen – sich anfühlten – so vergänglich waren sie. Caryn würde da keine Ausnahme sein, so … besonders sie ihm auch ansonsten vorkam. Sie würde ihn verlassen, und da war es gänzlich gleichgültig, wie er dazu stand – was sie ihm bedeutete. Gehen würde sie so oder so. Und letztes Mal hatte sie seine Vergangenheit bereits ins Spiel gebracht, so daß ihre gemeinsamen Tage gezählt waren.
Severus unterdrückte ein Husten, als die drei männlichen Ravenclaws als erste den Klassenraum betraten – wo IST Caryn? – und beschloß, sich heute ausnahmsweise einmal an sein Pult zu setzen, bis alle da waren.
Auch von ihrer mittäglichen Abwesenheit abgesehen, war es ungewöhnlich, Boots ohne sie zu sehen. Schon seit… mehreren Wochen kamen die beiden immer zusammen. Jetzt setzte sich der Junge, ohne ihn, Snape, zu beachten. Demnach wollte er Caryn nicht von sich aus bei ihm entschuldigen. Daß er den Impuls unterdrücken mußte, ihren Freund jetzt gleich nach ihr zu fragen, war schon beunruhigend – Professor Snape fragte ganz gewiß niemanden privat nach einem Schüler – zumal das ohnehin überflüssig war! Die beiden jungen Leute mochten sich gestritten haben… Oder Caryn verspätete sich bloß geringfügig – warum auch immer – gleich würde er mit ihr darüber streiten und ein wenig flirten können...
Er stand auf und ließ schon jetzt das heutige Trankrezept an der Tafel erscheinen. Kontrollierte noch einmal die bereitstehenden Körbe mit den erforderlichen Zutaten, die er gestern zusammengestellt hatte. Drehte sich nicht um, um die eintrudelnden Schüler zu begutachten – das war schließlich auch nicht nötig, Caryn hätte er schon gespürt. Dennoch war ihr leerer Platz der Ort, zu dem seine Augen zuerst huschten, als er sich schließlich der Klasse zuwandte und die Tür mit einem Schlenker seines Zauberstabes geräuschvoll ins Schloß fallen ließ. Und Caryn damit außen.
Professor Snape nahm souverän und stringent wie immer seinen Unterricht auf. Die alphabetische Reihenfolge der Anwesenheitsliste setzte seine Frage nach ihr zwangsweise ans Ende. Ohne den Blick von dem Pergament zu nehmen, erkundigte er sich lässig:
„Nun, , wo ist denn meine Lieblingsschülerin heute?"
„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Professor", begann der Junge freimütig zu erzählen. „Normalerweise ist sie vor dieser Stunde immer im Gemeinschaftsraum – heute war sie nicht da."
„Und Ihre Beziehung ist nicht derart eng, daß Sie sich über ihr Fehlen bereits beim Mittagessen gewundert hätten? ?" hakte Severus mit gehässigem Unterton nach. Die Mißbilligung in seinem Gesicht galt ihm selbst. Eine Unterhaltung über eine fehlende Schülerin allein war absolut untypisch für ihn. Geschweige denn die Tatsache, daß es ihn interessierte, ob jemand beim Essen gewesen war oder nicht! Das war UNPROFESSIONELL! Überflüssig! Gefährlich! Auch wenn der nette junge Ravenclaw es offenbar nicht weiter verwunderlich fand.
„Heute Mittag hatte sie einen Termin mit Professor Flitwick", gab dieser unbedarfte Knabe Auskunft.
Danke, , da kann ich ja ganz beruhigt sein! wäre auch in sarkastischer Tarnung zu verfänglich gewesen – beruhigt, was soll das heißen? Daß Du Dir Sorgen um Euer Date morgen machst, Severus? „Na dann weiß ich ja, wen ich zurate ziehen muß, falls sich herausstellen sollte, daß Miss Willson gänzlich verschwunden ist…" sagte er stattdessen und ging zur Tagesordnung über.
Daß er sich darüber ärgerte, wie oft sein Blick von ihrem leeren Platz angezogen wurde und er gegensteuern mußte, bekam niemand mit. Nun ja, streng genommen war das auch nicht anders, wenn sie DA war. Aber warum kam sie nicht? Filius würde sich doch wohl nicht herausnehmen, eine Schülerin zu spät in seinen, Snapes, Unterricht kommen zu lassen! War sie etwa doch plötzlich krank geworden? Sie wird schon nicht gleich sterben, Severus, also: Was soll dieses ganze Herumgedenke?!
Mit einem Ohr lauschte er dem Alarmklicken, das sie auslösen würde. Daß dieses Geräusch ausblieb, machte sich in seinen Gedanken immer breiter. Wann hatte sie das letzte Mal gefehlt? Sie hatte NIE gefehlt, seit sie… mit ihm kämpfte. Sie WÜRDE nicht freiwillig fehlen, nicht freiwillig eine Begegnung mit ihm versäumen, selbst wenn dies Sich-Begegnen nur in ihrem kurzen Blickkontakt bestand – und in inszenierten Kämpfen.
Selbstverständlich wäre niemand der anwesenden Schüler – auch wenn sie nicht mit dem Brauen eines Tranks beschäftigt gewesen wären – auf die Idee gekommen, daß ihr Professor beim Klang dieses Klickens innerlich zusammenfuhr. Früher war er in der Lage gewesen, seine Herzfrequenz zu kontrollieren – er würde das wieder trainieren müssen – hier war niemand imstande, zu merken, daß er nicht ganz gleichgültig war, als er sich der sich öffnenden Tür zuwandte.
Caryn war gelaufen, dazu war sie also gesund genug – und ihr war es immer noch wichtig, keine Minute ihrer relativen Begegnung zu verpassen, was er mit einem spöttischen Lächeln bedenken konnte.
„Miss Willson! Ich habe Sie SEHR VERMIßT!" setzte er sarkastisch in Szene – und der Sarkasmus darin war wiederum an ihn adressiert – weil diese Feststellung zweifellos ZU nah an der Wahrheit war. NIE hatte er eine Schülerin VERMIßT, und NIE hatte sein Herz einen Aussetzer getan, wenn er sie schließlich wiedergesehen hatte. NIE! Er hatte allerdings auch nie vorher diese Wärme ihn umschmeicheln gespürt, diese warme Welle, die ihn im selben Moment getroffen hatte, als ihre Augen ihn fanden. Unwillkürlich atmete Severus tiefer als gewöhnlich, wie um diese ihre Wärme aufzunehmen, um keinen Tropfen davon zu verschwenden. Was WILLST Du damit, was WILLST Du mit etwas, das Du nächste Woche verlieren wirst?
„Es tut mir leid, Professor, ich bin von Professor Flitwick gebeten worden, mich einer kranken Erstkläßlerin anzunehmen…"
Er sah Nasen sich rümpfen ob ihrer gewählten Ausdrucksweise, ihm gefiel das, daß sie keine Gelegenheit versäumte, sich von den anderen abzuheben – sie soll Dir allein gehören, nicht wahr? – sie TAT das, WOLLTE das, jetzt noch, bevor sie ihn wirklich kennengelernt hatte, und er selbst würde später sich dringend über verschiedenes klar werden müssen. Im Augenblick schenkte er ihr einen arroganten Blick und lehnte sich in der Luft zurück, seine Arme üblicherweise vor der Brust verschränkend, und schon zu Voldemorts Zeiten war diese Körperhaltung eine gute Hilfe gewesen, die innere Haltungslosigkeit durch ein äußeres Gerüst zu unterstützen.
„Ich nehme an, Sie haben eine schriftliche Entschuldigung von Ihrem Hauslehrer – MIT Unterschrift von Madam Pomfrey UND der Bescheinigung, daß die eigentlich zuständige Vertrauensschülerin ebenfalls unpäßlich war!" blaffte er sie an. Caryn zeigte sich davon unbeeindruckt.
„Aber Professor Snape!" rief sie aus und hatte die Dreistigkeit, ihn anzulächeln. „Sie wissen doch, daß ich NIEMALS auch nur eine MINUTE IHRES Unterrichts versäumen würde, wenn ich eine WAHL hätte!"
Vielleicht haben Sie ja nur Sehnsucht nach einer SPEZIALBEHANDLUNG! Die Unterdrückung als verfänglich einzustufender Worte funktionierte noch immer einwandfrei. Ja, genau DAS hättest DU gern, Severus! Nein! Er wollte sie heute auf keinen Fall länger in seiner Nähe als nötig, er brauchte DRINGEND Abstand, all das hier ging entschieden zu weit! Zu allem Überfluß guckte Caryn ihn genau SO an, als ob sie auf seine Einladung heute Abend warte. Er brach den Blick ab und erlebte im selben Moment, wie der Strom ihrer Wärme flackerte, wie sich Enttäuschung – Angst – einen Wimpernschlag lang beimengten – Das Abschotten ist Dir auch schon einmal besser gelungen, meine Liebe! Desungeachtet tat er das, was er tun mußte: Er wies sie harsch darauf hin, daß sie sich so schnell wie möglich an die Arbeit machen solle und machte für den Rest der Stunde einen großen Bogen um sie.
Daß sie sich mit dem Brauen ihres Trankes NICHT beeilen würde, hätte ihm natürlich klar sein müssen. Alle Schüler hatten den Raum bereits verlassen, nur Caryn war dem Anschein nach emsig mit den Tätigkeiten für ihren Trank beschäftigt. Auch wenn sie gleichzeitig nicht sparte mit unruhigen Wellen verschieden gearteter Aufgeregtheit, die sie aussandte – wobei es sich fast ausschließlich um negative Aufregung handelte. Dieses Mädchen hatte ein beängstigend gutes Gespür für das, was in ihm, Severus, vorging. Und die logische Reaktion auf die mühsam gezügelte Besorgnis – wie wäre es mit dem Begriff Panik, Severus? –,die in ihm brodelte, war ANGST. Caryn hatte Angst, ihn zu verlieren – und dieses Gefühl war bedrohlich ähnlich dem, was er selbst empfand. Alles was er wollte, war, daß sie hier blieb, bei ihm blieb. Das, was er tun mußte – alles, was er tun durfte –, war, dafür zu sorgen, daß sie so schnell wie möglich aus seinem Leben verschwand.
JETZT. Jag sie weg, sag ihr, daß sie nie wiederkommen soll!
Das war unmöglich.
WARUM, ZUM TEUFEL?!
Darüber würde er später nachdenken. In ihrem Beisein, unter ihrem angsterfüllten Blick, den sich weitenden Augen – vor vorweggenommenem Entsetzen, nicht vor Lust, wie sonst, wie es richtig gewesen wäre – JETZT war er zu keinem sinnvollem Gedanken fähig.
„Geh bitte", sagte er ruhig. Allein daß er sie nicht anschrie, war der Beweis, daß alles ganz entsetzlich falsch lief! „Ich werde für Dich aufräumen, aber geh jetzt."
„Habe ich etwas falsch gemacht?" fragte sie erstickt.
ICH SCHAFFE ES NICHT, ES RICHTIG ZU MACHEN!
„Nein", antwortete er, wiederum vollkommen neben sich.
„Und morgen?" war ein Flüstern.
Nein, er würde sich nicht zwingen, jetzt bereits Nägel mit Köpfen zu machen. Er mußte nachdenken. Erst einmal alles bedenken. Einen Plan machen vielleicht. Diese Sache einfach von einer Minute auf die andere abzubrechen, war nicht mehr möglich, wäre unverantwortlich. Gefährlich obendrein, Caryn wäre womöglich so verzweifelt, daß sie einen tödlichen Fehler begehen könnte – er mußte zuerst den Schwur lösen, ja, das war zweifellos notwendig. Und das war etwas, das keinesfalls überstürzt geschehen durfte. Nein, nein, das mußte genau geplant werden. Morgen vielleicht, wenn sie kam. Vielleicht auch erst nächste Woche. Die Apparierstunde fiel ja aus, von da aus standen sie also nicht unter Druck.
Außerdem mußte er mit ihr schlafen. RICHTIG. Das war er sich schuldig. Und IHR, immerhin hatte sie ihn gewählt, sie zu entjungfern. Und sie sollte zumindest DAS in guter Erinnerung behalten – was ist DAS wieder für ein Gedanke, Severus? – völlig egal, völlig ungefährlich also auch, jedenfalls WOLLTE er das, WENIGSTENS das. Dazu würde es wahrscheinlich nötig sein, ein PAAR Mal mit ihr zu schlafen. Und kam es denn noch darauf an? Er hatte es so weit kommen lassen, daß er mit diesen völlig UNTRAGBAREN EMOTIONEN hier vor ihr zu stehen gezwungen war – da war es ja nun wirklich belanglos, ob es eine Woche früher oder später zu ende war.
„Morgen ist Freitag", erwiderte er ohne eine Spur seines Spottes, und Caryn sah ihn lediglich – vorerst – erleichtert an, freundlicherweise bereit, ihn zu lassen, ihm ihre bedrängende Seite zu ersparen. Zu gehen. Bis Morgen. Caryn ging, und ihr Platz blieb leer zurück. Um ein vielfaches leerer, weil ihr Kessel gefüllt war, ihr Feuer brannte, ihre Messer daneben lagen, die restlichen Zutaten…
Und ER stand hier, außerhalb jeglicher Rolle, ernstlich beunruhigt.
Du hast ANGST, Severus, anders kann man das nicht nennen!
Allmählich konnte er sich nichts mehr vormachen. Die Sache WAR ihm entglitten. Ließ sich nicht mehr auf das berechenbare Gebiet der Sexualität beschränken. Er FÜHLTE, daß er mit ihr schlafen mußte, bevor alles zu ende wäre, und wußte gleichzeitig, daß das Gefühl, daß sie ihn nicht verlassen durfte nichts mit Sex zu tun hatte. (Nicht daß dies irgendwelche Konsequenzen haben würde.) Es war verwirrend, hier kannte er sich nicht aus, hier wucherten Bedürfnisse aus rudimentären Bereichen, aus TOTGEGLAUBTEN Bereichen seiner Person, und er hatte aus irgendeinem Grund versäumt, ihnen rechtzeitig Einhalt zu gebieten. Es war sinnlos, sich etwas vorzumachen: Es war zu spät, sie hatten sich bereits in ihm ausgebreitet, ihn vereinnahmt, sogar das, was er doch hatte genießen wollen: Sich auf Caryns Entjungferung zu freuen, selbst DIESES Verlangen schien sich von seinen sexuellen Bedürfnissen losgemacht zu haben.
Das besonders Erschreckende war, daß sein Denken sehr wohl funktionierte, daß es keinen Sinn machte, von sich zu behaupten, er sei nur aus der Blutleere im Gehirn heraus vorübergehend unzurechnungsfähig. Vielmehr war es so, daß er zuschauen konnte, alles, was in ihm vorging, analysieren und kommentieren – und zwar so schonungslos zynisch, wie er wollte – aber es geschah DENNOCH, ohne daß er Einfluß nehmen konnte. Schlimmer noch: Er konnte sich nicht einmal darauf zurückziehen, daß da etwas mit ihm geschah, weil ER SELBST es war, der es geschehen ließ. Ohne daß er den Willen aufzubringen vermochte, es zu stoppen.
Caryns Anwesenheit, ihre Gefühle für ihn waren es gewesen, die ihm gefehlt hatten eben, die ihm IMMER fehlten, sobald sie nicht bei ihm war. IMMER – wie eben diese ihre Gefühle ihm dann, als Caryn schließlich gekommen war, erbarmungslos hatten klar werden lassen. Ihm hatten klar werden lassen, WIE SEHR. Diese ihre Gefühle für ihn waren es, die ihn jetzt, hier, mitten in seinem leeren Klassenzimmer stehen ließen, mit unkontrollierten Schülertischen, mit unversiegelter Tür, mit geschlossenen Augen ihren Blick erwidernd, den er eben abzubrechen imstande gewesen war.
Immerhin ahnt sie nichts davon, was mit Dir los ist!
Was in drei Teufels Namen WAR mit ihm los? Wie war es möglich geworden, daß all dies sich so hatte entwickeln können?! Wie hatte er so schwach, so erbärmlich, so BEMITLEIDENSWERT werden können?!
Diese Selbstzerfleischung half da auch nicht weiter. Er mußte die Zusammenhänge lediglich ganz verstehen, mußte begreifen, was genau es war, das ihn so schwach, so empfänglich für ihre Blicke machte, was WAR es denn, was ihn so beschämend bedürftig für Caryn sein ließ?!
Ich liebe Dich so sehr, nur DICH, wirklich DICH… Das sagten ihre Augen. Ich brauche Dich… So fühlte sich das an, was sie in ihm damit auslöste. Das WAR erbärmlich, beschämend, mitleiderregend, gefährlich, so durfte der ehemalige Todesser und zukünftige Spion Professor Severus Snape nicht sein, so verletzlich durfte er sich gegenüber einer Frau niemals machen – das war ihm selbstverständlich klar, aber…
Was WAR denn das Problem?!
Daß seine langjährigen emotionalen Reflexe versagt hatten. Daß es nichts Wichtigeres mehr gab. Daß er selbst Lily in seinem Ich nicht mehr richtig zu finden vermochte, nicht mehr auf sie zurückgreifen konnte, wie er all die Jahre hatte tun können, um seinen Horizont wieder gerade zu rücken.
Diesmal war da weit und breit nur Caryn. Die ihn ansah und ihm einreden wollte: Das ist alles egal, ich liebe Dich, und das genügt für den Rest unseres Lebens…
Er HATTE kein Leben mehr zu verschenken. Er besaß kein zweites. So einfach war das, und das würde sie akzeptieren müssen. Und gehen. Ihn verlassen. Ihn zurücklassen. OHNE Leben. Das würde so sein. Sie WUßTE es noch nicht, und sie würde es ihm nicht glauben. Das ist mir alles egal! Ich werde alles tun, was Du willst! Ich liebe Dich, Sivírus, ich liebe Dich…
Es GAB keine Liebe, zumindest nicht für ihn, denn für Liebe BENÖTIGTE man ein Leben.
Das Dumme war nur, daß er sich so unverschämt lebendig FÜHLTE. Strotzend vor Freude und Erregung und Sehnsucht und Zärtlichkeit – ja, verdammt, Zärtlichkeit! – und Caryn bekam all das von ihm – weil er es nicht fertigbrachte, es vor ihr zu verstecken – und sie reagierte darauf mit NOCH MEHR LIEBE– und mit noch mehr Forderungen, die er ebenso wider besseres Wissen erfüllte. Weil er sie wollte. Weil er ihr DAS geben wollte. Weil er es KONNTE. Ein Teufelskreis! Denn er HATTE kein zweites Leben, aber es fühlte sich genau so an.
Er hatte sich verstrickt in sinnlosen, jedweder Realität entbehrenden Vorgängen, entfernte sich immer weiter von dieser Realität – und rannte gleichzeitig, so schnell er konnte, davor davon, um diesen Zustand nicht beenden zu müssen. NIE hatte er von sich geglaubt, daß er so SCHWACH sein könnte, so UNFÄHIG zu leben, so… leichtsinnig. Er spielte mit Caryn, machte ihr Hoffnungen, machte SICH Hoffnungen, sog ihre Blicke auf, badete in diesen warmen, zärtlichen Strömungen, die sie ihm schenkte, sehnte das nächste Treffen herbei – und fürchtete das Ende. Das unausweichliche, logische Ende.
Weil ihre Liebe endlich war. Weil er ein Leben auf Pump lebte, das IHM nicht mehr gehörte. Seines hatte er vor langer Zeit verschenkt. Und an wen er es verschenkt hatte, war das, was allein schon ausreichte, Caryns Liebe zu beenden. Ach was! UNGESCHEHEN zu machen! Denn sie meinte nicht IHN. Sie kannte ihn nicht. Alles, worüber er sich jetzt Gedanken machte, beruhte auf einer riesengroßen Illusion.
Daher hatte er eigentlich keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Er konnte schwach sein, soviel er wollte, verlassen würde SIE ihn, auch wenn er an der Stelle versagen sollte. Die einzige Konsequenz der Tatsache, daß er sich zu weit auf Caryn eingelassen hatte, bestand darin, daß er wohl nicht verhindern konnte, daß er leiden würde, wenn sie ging. Und das konnte ihm doch gerade recht sein: DAS würde ihn lehren, es nicht noch einmal so weit kommen zu lassen! Mit diesem ungeplanten Leiden würde er bestraft werden für seine Unfähigkeit, die er in dieser Geschichte bewiesen hatte. Nein, dieses Leiden würde ihm willkommen sein! Und Caryn WÜRDE nicht leiden, weil sich ihre Liebe bereits verflüchtigt haben würde. Was schwer vorstellbar war im Augenblick, gerade wenn er sich ins Gedächtnis rief, wie sie eben dort gehockt, ihn bange angesehen hatte… Ihre Liebe fühlte sich so…
Das IST das Wesen von ILLUSIONEN, Du Idiot!
Caryn LIEBTE, aber sie liebte einen Mann, der über ein Leben verfügte. Sie liebte diesen Mann. Der sich verhängnisvoller Weise genauso anfühlte wie Severus selbst. Ihre Liebe fühlte sich so an, als ob sie tatsächlich ihm, Severus, gelten KÖNNTE, wenn… alles anders wäre.
NICHTS war anders, aber Severus stand hier und dachte und änderte nichts daran, daß sie morgen zu ihm kommen würde und ihn ansehen und küssen und lieben, und er würde sie in die Arme schließen und ansehen und küssen und … so tun, als sei er anders. Und all das fühlte sich auch noch schön und richtig an.
So sehr er sich jetzt auch zerfleischte und wand und … ALL DAS zu erdrosseln versuchte: Das Leben sickerte durch die Ritzen zwischen seinen Fingern und sammelte sich um sie beide herum, um ihn und Caryn, und erfüllte sie beide miteinander wie … ein tatsächliches neues Leben.
Und Severus stand hier mitten in seinem leeren Klassenzimmer, war ernsthaft beunruhigt und konnte nicht verhindern, beim Bild Caryns, wie sie morgen durch seine Bürotür spazieren würde mit ihrem – ihre grenzenlosen Erwartungen zu verschleiern suchenden – Lächeln im Gesicht seinerseits zu lächeln.
Beunruhigt wolltest Du sein!
Beunruhigt KONNTE er sein, denn die Male, die sie zu ihm kommen würde, waren gezählt. Obwohl gerade DAS der Grund sein durfte, weswegen er NICHT beunruhigt sein mußte. Seine Schwäche würde keine Konsequenzen haben. Die letzte Phase dieses unerträglichen, dieses unerträglich schönen Zustandes hatte angebrochen. Wenn diese Phase zu ende sein würde, wäre alles wieder in Ordnung. Professor Severus Snape würde wieder ausschließlich unwilliger Lehrer und zukünftiger Todesserspion sein, der Mann mit dem verpfuschten Leben. Daß er etwas hinterher trauern würde, das ihm vorgegaukelt hatte, ein ZWEITES LEBEN zu sein, würde niemand ahnen. Am allerwenigsten diejenige, die dieses zweite Leben mit ihm geteilt hatte. Der wortlose Ratzeputz geriet zum Evanesco, und Caryns Platz war wirklich LEER.
Vielleicht Vereinigt
Severus Freitag, 6.3
Er war gerade in der Nähe der Tür gewesen, als sie klopfte, und öffnete ihr persönlich. Hatte gar keine Zeit beiseite zu treten, weil sich sogleich ihre Arme um ihn schlangen und ihr Busen sich an seinen Magen preßte.
„Ich hatte solche Angst, daß Du… aber Du küßt mich, oder? Du jagst mich noch nicht weg…", beschwor sie ihn durch den Stoff seines Hemdes über seinem Schlüsselbein, als hätte er seine Robe extra zu dem Zweck abgelegt. „Ich brauche Dich so sehr, ich habe immerzu an Dich denken müssen..."
Du darfst leider nicht wissen, daß das auf Gegenseitigkeit beruht, meine.... – verdammt! Hör auf, so etwas zu denken!
„Du hast an DAS denken müssen, was ich mit Dir gemachthabe", verbesserte er sie trocken. Vielleicht GING es doch in Wahrheit ausschließlich um Sex, vielleicht waren doch nur verdammte Körperfunktionen schuld an diesem bedrohlichen Zustand! Vielleicht waren nur sexuelle Bedürfnisse vollkommen aus dem Ruder gelaufen und spielten sich jetzt auf zu einem eigenen Leben! Zur Untermauerung seiner These schob er seine Hand durch die Knopfleiste ihrer Bluse – wunderbar anregend, daß sie nie BHs trug und ihre Strickjacke so weit aufgeknöpft... Ob sie das extra für ihn tat, bevor sie an seine Tür klopfte...? – Ein äußerst erregender Gedanke, dem er durchaus sentimentale Nebenwirkungen zutraute…Zumal es jetzt gerade so leicht war, alles andere, Anstrengende, Bedrohliche, Gefährliche zu vergessen und sich den Empfindungen seines Körpers hinzugeben, die Caryn auslöste, als seine Finger an der Spitze ihrer Brust ihr in diesem Moment einen tiefen Atemzug entlockten und ihm selbst ein Aufstöhnen, als er die enorme Frequenz ihres Herzschlags unter ihrer nackten Haut fühlte.
„Caryn!" entfuhr es ihm unwillkürlich, und natürlich freute sie das und veranlaßte sie, ihre Umarmung mit einer Kraft zu verstärken, die ihn nach Luft schnappen ließ.
„Caryn!" war diesmal eine Ermahnung, aber sie seufzte nur:
„Ich liebeDich…"
„Du liebst das, was ich..."
„MACH das mit mir!" raunte sie atemlos, und er verschloß schnell ihren Mund mit seinem, wobei es in Wahrheit anders herum war: Sein Verlangen, ihrer Aufforderung nachzukommen, war schlicht übermächtig. Ihre Hände in seinem Nacken, seinem Gesicht, seinem Haar, auf seiner Schulter, während ihre Zunge seine Zärtlichkeiten intensiv erwiderte, zeugten davon, wie schnell dieses Mädchen lernte, ihre Empfindungen zu koordinieren.
„Können wir nicht..." begann sie zwischen zwei Küssen, aber er brachte sie vorerst zum Verstummen, bis er selbst eine Kußpause nutzte:
„Möchtest Du Dich hinlegen?" fragte er sie dann mit hoher Braue, welche ihm ein strahlendes Lächeln einbrachte. Er nahm es, er erwiderte es, er wollte sich jetzt treiben lassen, erst einmal, jetzt, heute.
„Nicht allein!"
„Das wäre auch wirklich zu viel verlangt..."
Er war bereits in Richtung Labor unterwegs, seine Hand ihr auffordernd entgegengestreckt.
„Halt!" hielt sie ihn auf, als er vorgehen wollte.
„Ja?"
„Trag mich!"
„Aha! Da werden sofort wieder Ansprüche gestellt!" entrüstete er sich aus Spaß. SPAß. Ja, es machte ihm Spaß! Caryn und er konnten Schönes miteinander haben, Lust, Lachen. Alles, was er dafür tun mußte, war, sein Denken abzuschalten, sich einfach auf die Situation einzulassen, sich einfach hineinfallen zu lassen. Er konnte das. Wenn er es sich erlaubte, KONNTE er das. Und nichts anderes wollte er.
„Warum sollte ich mich mit weniger zufrieden geben, als mit all dem, was Du für mich hast?" fragte Caryn keck.
„Das klingt vernünftig", gab er zu und hob sie ohne Mühe hoch. Erwiderte ihren Kuß im Gehen und angelte nach seinem Zauberstab.
Caryn
Sie unterdrückte den Impuls, ihn zu bitten, sie den Raum öffnen zu lassen. Er würde sofort durchschauen, daß ihr es darum ging, die zukünftigen Schülerinnen auszuschließen. Er schaffte es auch, ließ sie auf die Matratze fallen und sich neben ihr nieder, und diesmal zog sie ihn sofort entschlossen auf sich. Sie durfte auch nicht verpassen, ihn ganz auszuziehen, bevor sie mit dem Denken aufhörte. Im Augenblick war sie allerdings vollständig mit dem Gefühl ausgelastet, das Gewicht seines Körpers auf sich zu spüren. Sie hielt ihn davon ab, sich abzustützen.
„Du legst wert darauf, jetzt gleich von mir erdrückt zu werden? Vorher hatte ich eigentlich noch vor, ein paar Dinge mit Dir zu machen, wie Du eben bestellt hast..."
„Ich will Dich ganz nahe haben, Du mußt mir nur nah genug kommen..."
Er befreite sich aus ihrer Umklammerung und lächelte über ihr mit ironisch schiefgelegtem Kopf.
„Um dieses Ziel zu erreichen, könnte ich Ihnen auch eine andere Methode zeigen, Miss Willson."
„Ja, Professor?"
Ihre Stimme war nur gehaucht, aber sie bewirkte, daß seine Pupillen sich erweiterten, was die Schwärze seiner Augen noch mehr vertiefte. Diese Schwärze pure Verheißung, die sie ganz schwach machte. Er setzte sich auf und begann, ihre Bluse aufzuknöpfen. Vom Anblick ihres nackten Busens wurde er bis auf weiteres von seinem Professorenzweitjob abgelenkt. Und irgendwie waren über die einsamen Nächte tatsächlich Nervenbahnen entstanden, so daß die Reize seiner Hände, welche beide Brüste synchron umfaßten, kneteten, und seines Mundes an und um ihre Brustwarzen durchaus ihren vorgesehenen Weg durch ihren Körper nahmen.
Sie drückte seinen Kopf an ihr Herz und wuschelte mit ihren Händen in seinem Haar: so erstaunlich weich und nach ihm duftend und so fein, daß es von fern so strähnig und ungewaschen wirkte. Sie vergrub ihren Mund darin und meinte zu zerspringen vor Glück, ihm so nah sein zu dürfen.
Severus verharrte in diesem Augenblick an ihrer Brust. Bevor Caryn dies hätte analysieren können, richtete er sich abrupt auf, nahm ihr die Bluse ab und forderte ihre Mithilfe, um sie von Rock, Strumpfhose und Höschen zu befreien, so daß sie schließlich nackt vor ihm lag. Aufmerksam musterte sie sein Gesicht, während er nun seine Augen mit unübersehbarem Wohlgefallen über ihren Körper gleiten ließ. Unwillkürlich streckte sie eine Hand aus und legte sie an seine Wange. Mißtrauisch guckte er auf sie herunter, Caryn bewegte ihren Kopf ein Stück zur Seite, so daß sie diesem Blick strenger begegnen konnte.
Da ließ er sie gewähren, wie sie über seine Wange streichelte, ihre Hand an sein Ohr führte, von dort wieder in sein Haar gelangte und sich dort am Ziel fühlte. Sie zog seinen Kopf zu sich herunter und ließ ihre Nase in seinen Haaren verschwinden, während ihre Finger darin herumfuhren und gleichzeitig verhinderten, daß er sich von ihr wegbewegte.
„Caryn..." hörte sie ihn in einem völlig undeutbarem Tonfall, seine Stimme von etwas erstickt, das in diesem Moment gewiß nicht von neu verstärkter sexueller Erregung herrührte. In Caryn zog sich alles zusammen zu einem großen Schluchzen, das zu gleicher Zeit riesige Trauer und riesiges Glück war. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie wußte, daß er diese nicht bemerken durfte, wenn sie ihn nicht an sein Schneckenhaus verlieren wollte.
Severus
Sie versuchte, dieses große Gefühl vor ihm zu verbergen, und das rührte ihn mehr, als jedes verzweifelte Gemisch aus Lachen und Weinen es vermocht hätte. Er war ihr dankbar, daß sie ihm die Suche nach einer vertretbaren Reaktion ersparte. So mußte er nur für sich selbst den Impuls unterdrücken, sie bis zum Zerquetschen an sich zu drücken und ihr zu sagen, daß er sie brauchte und sie ihn niemals verlassen dürfe.
Tickst Du nicht mehr richtig?! Reiß Dich zusammen, Severus!
Er riß sich los von ihrem Herzschlag und von ihren liebevollen Händen in seinem Haar, faßte grob ihre Handgelenke und drückte sie auseinander. Schämte sich eine Sekunde für die Bestürzung in ihrem Blick, bevor er sie hart auf den Mund küßte und seinen Körper, noch immer vollständig angezogen, über sie schob, wie um ihre überfließende Liebe zu begrenzen und von sich wegzuhalten. Warum liebte sie ihn? SIE LEIBTE IHN, und warum durfte er sich nicht einfach gehenlassen und ihre Liebe annehmen?
Du kennst die Antworten darauf, und diese Antworten werden sich niemals ändern!
Caryn erwiderte seinen Kuß mit einer Wildheit, die ihn in ihre Haßbeziehung zurückversetzte Das gab ihm seine Selbstsicherheit zurück, so daß er sich traute, sie aus seinem Griff und Kuß zu entlassen und ihr ins Gesicht zu sehen. Sie erwiderte seinen Blick trotzig.
„Ich werde nicht aufhören, Dich zu lieben", stellte sie fest mit einer Eindringlichkeit, die ihm eigentlich viel zu nahe kam und die dennoch den Teil von ihm erreichte, der genau das zu hören verlangte. „Auch wenn Du Dich mir entziehst."
Es antwortete ein anderer Teil von ihm.
„Ich tauge nicht dazu, geliebt zu werden, Caryn, spar Dir Deine Liebe auf und such Dir einen jungen, gesunden Mann. Ich kann Dir nicht das geben, was Du willst."
„Du gibst mir das doch gerade! – Ich will keinen anderen Mann. Ich will Dich!"
„Das kommt Dir jetzt so vor. Glaub mir, so etwas ändert sich schneller, als Du Dir vorstellen kannst."
„Das wirst Du ja sehen!"
Regelrecht zornig funkelte sie ihn an. Sein Lachen darüber war ungläubig, gleichzeitig voll von Verbitterung.
„Soll das eine Drohung sein?"
„Warum willst Du meine Liebe nicht?"
Nur Trauer war noch in ihr wahrnehmbar, obschon sie sie, wie das ihre Art war, in sich zu halten versuchte.
Wenn Du wüßtest, wie sehr ich Deine Liebe wollen möchte...
Er verschloß sich dagegen, hatte dennoch das Gefühl, sie trösten zu wollen. Liebeskranker Narr!
„Das hat mit Dir nichts zu tun. Ich muß allein bleiben."
„Warum?"
„Laß das Bohren, Caryn, Du kennst unsere Bedingungen. Dies hier bin ICH."
„Bis Du Dich dazu entschließt, anders zu sein."
„Du bist naiv. Aber das darfst Du mit siebzehn auch sein."
„Dann will ich immer siebzehn bleiben!"
Ihr Trotz hatte sich in grimmige Befriedigung verwandelt, die Snape zutiefst nachempfinden konnte. Das hätte er an ihrer Stelle auch gesagt.
„Du bist sehr schön", entfuhr es ihm, und er lehnte sich rasch über sie, um sie von neuem hart zu küssen und sie damit von seinen snape-unangemessenen Worten abzulenken. „Und jetzt kein Wort mehr!"
Alle Härte zurück in seiner Stimme, wie es sein sollte.
Caryn
Sie wurde nicht aus ihm schlau. Es schien doch eine Seite von ihm zu geben, die Snape entgegenarbeitete, aber er verwischte sie jedes Mal so schnell, daß sie im nachhinein nie sicher war, ob sie nicht etwas mißverstanden, mißgedeutet hatte, sich selbst etwas vormachte.
Ihr Gespräch hatte er zumindest zweifelsfrei beendet, und Caryn entschied, daß sie jetzt lieber ihn genießen wollte, anstatt über seine Persönlichkeit nachzugrübeln.
Auf dem Rücken liegend, strich sie mit beiden Händen über seine Brust über ihr (die ohne seinen stattlichen Gehrock viel schmaler wirkte) unter dem weißn Hemdenstoff und wandte sich dessen Knöpfen zu. Der Stoff teilte sich und gab seine Brust frei.
Konzentriert ließ sie ihre Handflächen über seine helle Haut mit mehreren kleineren Narben fahren. Sie mochte, was sie vorgefunden hatte: nur wenige Haare, schmal, wenig ausgeprägte Brustmuskeln, gerade soviel, daß die Konturen klar hervortraten, wenn er sich – wie im Moment – über ihr abstützte.
Seinen Körper kaum berührend, stoppte sie ihre beiden Handflächen über seiner Brust, schloß die Augen und bewegte ihre flachen Hände ganz sacht, als würde sie seine Brustwarzen sich aufzurichten beschwören. Dieses Gefühl war wundervoll...
Caryn öffnete ihre Augen, weil sie bemerkt hatte, daß Severus sie gebannt ansah. Ihr Lächeln erwiderte er nicht. Aus Angst, ihn zu überfordern, stemmte sich auf ihre Ellenbogen, um seine Hose zu öffnen, er half ihr, sie auszuziehen.
Dann erstaunte er sie, indem er sich von ihr weg aus dem Bett lehnte, um Hemd und Hose ordentlich neben dem Bett auf dem Boden zurechtlegte, seine Unterhose dazu, darüber seinen Zauberstab.
Auf ihren fragenden Blick hin erläuterte er mit entschuldigender Geste:
„Für den Fall, daß jemand kommt, muß ich einen Anziehzauber anwenden. Und der funktioniert nur bei absoluter Ordnung der Kleidungsstücke."
Caryn lachte.
„Ich hätte sonst gedacht, ich hätte es mit einem pingeligen Psychopathen zu tun!"
Er kam ganz ins Bett zurück und ließ sich neben ihr auf der Seite nieder.
Ganz von allein rückte ihr Körper an ihn heran, und die Empfindung seiner Haut an ihrer ließ sie in diesem Moment alles vergessen. Sie schmiegte sich an diesen Mann, bekam ihr Sehnen nach seinen Armen um sie herum erfüllt, ehe sie das hätte aussprechen können und hielt ihn ihrerseits fest. Einander zugewandt, auf der Seite liegend, blieben sie.
Severus
„Das ist so schön…" drang es spontan aus ihr heraus.
Er nahm die Schwingungen ihrer strömenden Wärme, die ihr Körperkontakt in ihr wachrief, in sich auf. In ihm verwandelte diese Wärme sich in ein intensives Glücksgefühl.
Das ist nur ihre Haut an Deiner. Gespeicherte Erinnerungen aus der Säuglingszeit.
Pures Glück.
Illusion!
„Es ist sehr schön", übertönte er sämtliche mißtönenden Stimmen in seinem Innern entschlossen. Wie unvernünftig wäre es, ein so wertvolles Geschenk nicht gebührend zu würdigen! Sanft küßte Caryn ihn auf den Mund, wie um ihm zuvorzukommen, hatte er doch vorhin sämtliche unsnapische Äußerungen mit harten Küssen bestraft.
Es tut mir leid, mein Herz…
Diesmal stöhnte sie in das weiche Spiel ihrer Lippen und erwiderte die sanfte Liebkosung seiner Zunge mit ihrer. Ihr Stöhnen suchte sich parallel einen anderen Ausdruck, indem sie ihren Venushügel an seine Erektion preßte, und er stöhnte seinerseits laut auf als Ausdruck dieses ersten direkten Kontaktes. Er zog sie ein Stück auf sich, um den Druck auf sein schmerzhaft geschwollenes Glied durch das Gewicht ihres Körpers zu vergrößern. So konnte er dann beide Hände über ihren Rücken gleiten lassen, fühlte die Verschmälerung ihrer Taille, dann die Rundung ihrer Hüften und schließlich die Wölbung ihres Pos, drückte den gegen sich, während sie noch enger an ihn heranrutschte und ihren Unterleib instinktiv auf ihm bewegte. Ihre Feuchtigkeit zeigte seinem Geschlecht, wonach es schon so lange und jetzt auf der Stelle verlangte.
Caryns Hand wanderte zwischen ihren aneinandergedrückten Bäuchen hinunter, umfaßte sein steifes Glied und verstärkte so die Reibung zwischen ihren Schamlippen. Er stöhnte auf, überrascht von ihrem Erfindungsreichtum, allerdings schmerzhafter als sie, ausschließlich lustvoll; er war ebenso unerträglich nah dran wie unerträglich weit entfernt, seine Erfüllung zu finden. Ihrem Körper dagegen genügte dieser Kontakt vollkommen. Ein rührender Laut entwich ihrem Mund, und Severus tat einen tapferen Atemzug, um sich von seinem Verlangen, in sie einzudringen, zu distanzieren. Wenn er die Bedürfnisse ihres Körpers ernst nahm, und das tat er, mußte er dessen Tempo akzeptieren. Sie war noch nicht so weit. Und das war ihm klar gewesen, bis er so nah an das Ziel seines Sehnens getragen worden war.
Du willst die Sache nur weiter hinauszögern, mach Dir doch nichts vor, Du willst nur verhindern, daß Eure Trennung zu schnell erfolgt!
Er war nicht in der Lage, diesen Gedanken vollständig zu erfassen, knetete ihre Hinterbacken und drückte sie auseinander, wie sie es letzte Woche so gern gehabt hatte, als sie sich an ihm verkrampfte.
„Nein…" Sie rückte ein Stück von ihm ab und sah ihn bittend an. „Ich möchte Dich IN mir haben."
Er mußte grinsen vor Rührung.
„Nein, das willst Du nicht. Dein Körper zumindest noch nicht, Caryn", erklärte er.
Ein seine Herzfrequenz beschleunigender entschlossener Ausdruck trat in ihr Gesicht.
„Oh doch, ICHWILL DAS, und DUwillst es auch. Außerdem war ich schon zweimal egoistisch und gemein zu Dir!"
„Gemein sein ist MEIN Job. Und ich sorge dafür, daß Dein Körper zu seinem Recht kommt. Ich kann warten."
„Nein", beharrte sie unnachgiebig. „Du sollst nicht länger warten, ich will es, UND ZWAR JETZT. SOFORT!"
Caryn
„Caryn, ich werde beinahe wahnsinnig, weil ich Dich auf der Stelle…, und ich biete Dir meine Geduld an, weil es für Dich besser ist, noch zu warten. – Ich denke, Du willst Liebesbeweise?" fragte er heiser, und sie mußte ihn ganz schnell ablenken und retten, klammerte sich an ihn und flüsterte:
„Severus, bitte…! Das ist mir alles egal, ICH WILL, daß Du in mich eindringst. Ich brauche das! Bitte..." DU brauchst es und meine SEELE, und meine Seele will alles für Dich tun! Wäre die Wahrheit gewesen, aber DAS war natürlich tabu.
Resigniert aufseufzend, legte er sich voll auf den Rücken und zog sie über sich. Er nahm ihre Hand und legte sie um sein Glied, während er ihren konzentrierten Blick einfing und feststellte:
„Es wird weh tun."
Caryn wurde überschwemmt von grenzenloser Liebe, die sie nicht daran hindern konnte, aus ihren Augen zu strahlen, doch aus irgendeinem schleierhaften Grund wurde er nicht von Reue gepackt über seine erneute unsnapische Äußerung, sondern wartete ernst auf eine Antwort.
„Das ist mir alles egal,..." wiederholte sie stur, Ich liebe Dich, verkniff sie sich vorsichtshalber.
„Du mußt mich an Deinen Eingang führen, so kannst Du selbst entscheiden, wie tief Du mich hineinläßt", erklärte er, indem er ihr Gesicht wachsam beobachtete.
Was sich so leicht anhörte, war in der Praxis weitaus schwieriger, als sie sich es vorgestellt hatte. Vorsichtig half er nach, indem er mit seiner besseren Kenntnis der anatomischen Winkel seine Spitze in eine richtigere Position brachte. Und Caryn wunderte sich zum wiederholten Mal, wie technisch die Fertigkeiten des Geschlechtsverkehrs erworben werden mußten, gar nicht mal so unterschieden von Laufenlernen oder Fahrradfahren. Es kostete sie doch gewisse Überwindung, ihren angeborenen Widerstand zu übergehen, der nicht nur anatomisch war, wie sie immer angenommen hatte, sondern wider Erwarten viel mit ihrer Seele zu tun hatte. Mit ihrer Seele, die diesen Mann unbedingt in sich wollte und die dennoch ihm wie ihr selbst deutlich zu verstehen gab, daß es ein besonderes Zugeständnis an ihn war, ihm zu erlauben, diese Barriere in ihr zu überwinden.
„Caryn, wir müssen das jetzt nicht tun", schenkte er ihr, und das gab ihr den Mut, sich ganz über ihn zu schieben. Ihre Verkrampfung um den stechenden Schmerz wurde von ihrer Feuchtigkeit wieder gelöst, als Severus behutsam begann, sich in ihr vor und zurück zu bewegen. Sein tiefer Seufzer entschädigte sie für ALLES. Gespannt schaute sie in sein Gesicht unter ihr und landete überrascht in seinen tiefen schwarzen Augen, die sie anscheinend die ganze Zeit über mit unverborgener Wärme angesehen hatten. Jetzt mußte es raus:
„ICH LIEBE DICH SO SEHR..."
Er verengte die Augen reflexartig, als wolle er sich gegen zu gleißendes Licht schützen. Dann aber entspannte er sich ein Stück weit und schenkte ihr ein beinahe scheues Lächeln, welches Caryn erneut in eine Welle heftiger Liebe stürzte und sie sich noch schwerer auf ihm niederlassen ließ, ohne jedoch ihren Kopf zu bewegen, um ihn auf keinen Fall aus ihren Augen zu verlieren. Seltsamerweise ließ er den Blickkontakt zu – wie verzaubert, surreal, wie in einem anderen Leben…
Nie wieder werde ich Dich mit dummen Fragen über unsere Beziehung zu nerven, NIE WIEDER, mein Geliebter, weil sie sich schlicht und unendlich ergreifend VON IHM GELIEBT FÜHLTE, zutiefst verehrt, unermeßlich wertvoll. Das nächste Ich liebe Dich so sehr! schluckte sie wiederum hinunter, das überglückliche Strahlen konnte sie nicht verhindern.
Severus
Alles in und um ihn verschwommen, da ist nur Caryn und ihre liebevollen Augen in seinen; Caryn, die ihn vollständig umschließt; Caryn, deren Seele ihm erlaubt, in sie einzudringen, obwohl ihr Körper noch gar nicht das Bedürfnis danach gehabt hat.
Und diese Gedanken erscheinen ihm in seinem Rausch nicht einmal beängstigend. Dafür ist einfach alles zu schön. Eine Erkenntnis schwimmt vorbei: daß Caryn mit ihrer unglaublichen Intensität dafür sorgt, heute nicht die einzige Jungfrau zu sein, die dies absolut Neue erfährt. Diese Erkenntnis bewegt ihn dazu, sie noch fester zu halten und das antwortende Strahlen aus ihren Augen in sich aufzunehmen, ohne es vorher zu relativieren. ALLE Relativierungen kann er zur Seite schieben, und er gibt sich diesem Zustand des absolut Körperlichen hin, das zugleich auch das absolut Seelische ist.
Die nächste Erkenntnis trifft ihn wie ein Blitz. DU HAST VORHER NOCH NIE EINE FRAU GELIEBT.
Lily damals hätte er wohl lieben können, wenn sie ihn an sich herangelassen hätte. Aber sie hatte ihn nicht gewollt, und so war seine Liebe zu ihr eine theoretische Möglichkeit geblieben.
Jetzt hier in Caryns Strahlen ist all das unwichtig. Jetzt hier tut ihm Lilys Verweigerung nicht länger weh. Jetzt hier ist er am Ziel seines Sehnens, und die Tatsache, daß die Realität ihn nachher wieder einholen wird, kann ihn in diesem Augenblick, den er mit Caryn in ihren Augen teilt, noch nichts anhaben. Ungläubig sieht er der Erkenntnis zu, die aus diesem mit ihrem verschränkten Blick erwächst, wie sehr die SEELE in einem derart KÖRPERLICHEN Akt involviert sein kann, wenn man es zuläßt. Und wie er diesen Akt unzählige Male aus diesem Zusammenhang gerissen hat, um sich und Lily und alle Frauen zu bestrafen, zu verletzen, zu entweihen. Wie Caryn es geschafft hat, ihn dazuzubringen, sie zu lieben...
… hatte er keine blasse Ahnung. Ein Zauber mußte es sein, eine besondere Art emotionaler Magie... Er hatte bis jetzt seine Bewegungen in ihr auf ein Minimum reduziert, um ihrem Körper Gelegenheit zu geben, sich an ihn in sich zu gewöhnen.
Obschon er an ihr nicht wahrnehmen konnte, daß er ihr wehtat, blieb ihre sexuelle Erregung abgeflaut. Es war noch zu früh gewesen, dachte er bedauernd. Wenn er seinem Verlangen nicht schon nachgegeben hätte, hätte womöglich ihr Körper ihn in dieser Hinsicht geführt, wie bei den vorherigen Schritten auch....
Nichtsdestotrotz war es wunderbar, in ihr zu sein, und allmählich konnte er seinen Körper nicht länger davon abhalten, seinerseits die Führung zu übernehmen. Er hielt Caryn an den Hüften und schob sie sanft auf sich vor und zurück, und sie übernahm diese Bewegungen und bescherte ihm auf der Stelle die ersten Ausläufer der Lustwellen. Gleichzeitig forschte er in ihrem Gesicht nach ihren Empfindungen, was sie mit einem Lächeln belohnte:
„DU bist heute dran, Du mußt nicht auf mich warten..."
„Tut es doch noch weh?" wollte er wissen.
„Es ist nicht schlimm, aber ich glaube, das allererste Mal ist nur für Dich..."
Von diesen Worten in Verbindung mit ihrem Tonfall einer bewundernden Beobachterin, die eine überaus wertvolle Erfahrung sehr bewußt erlebt, fühlte Severus sich in einer Weise beschenkt, die ihn dazu brachte, seine Hand ehrfürchtig an ihre Wange zu legen. Caryns Blick war so involviert, daß es ihm nicht unangenehm war, seiner Lust zu verfallen, auch wenn sie ihm nur mit ihren Augen folgte. Wie weit entfernt mußte er von den früheren Frauen gewesen sein, wo er ausschließlich seiner Lust gefolgt war, während es war ihm absolut egal gewesen war, ob sie mitkamen oder ihn ansahen oder apathisch dalagen....
Wie nah ist Caryn, die ihn mit ihren Augen begleitet, sich empathisch mit ihm bewegt und seine Seufzer mit ihren bedenkt, auch wenn sie seine Lust nicht mit ihrem KÖRPER teilt. Wie nah ist er ihr, wenn er sie durch die ansteigenden Wellen seiner Lust so genau wahrnehmen kann.... Er spürt ihre Augen weiter auf sich, als seine sich schließen und ihm diese Fähigkeit, Caryn wahrzunehmen, entgleitet. Ihre auf seinen Lidern gefühlten Augen sind es, die ihn sich ihr anvertrauen und der nächsten Welle anschließen lassen und sein Gesicht verziehen und seine Stöße verheftigen und verhäufigen und sich endlich, endlich in ihr auflösen.....
Caryn
Er schenkte sich ihr, und soherum schien es ihr viel logischer als die verbreitete Annahme, daß die Frau sich dem Mann schenkte. Severus gab sich ihr in ihren Augen hin. Und gerade die Tatsache, daß sie nicht in eigener Lust mit sich selbst beschäftigt war: gerade daß er nicht davon abgelenkt wurde, auf sie Rücksicht zu nehmen; gerade die Tatsache, daß er ihr erlaubte, ihn in seiner Lust zu sehen, schenkte ihr eine intime Nähe zu ihm, die sie nicht für möglich gehalten hätte. Das WAR körperliche LIEBE,und obwohl er ihr nicht hatte schwören wollen, ihr dies hier zu geben, schenkte er ihr es aus freien Stücken.
Überrascht spürte sie, daß die Wellen SEINER Lust, die sich in heftigeren und häufigeren Stößen ausdrückten, sich auf ihren Körper übertrugen und sie eine Art Echo fühlen ließen, welches durch sein kurzes Aufbäumen und die rhythmischen Kontraktionen seines Glieds in ihr verstärkt wurde und ihr den Abdruck SEINES Höhepunktes bescherten, aber auf eine geheimnisvolle Weise nicht ganz körperlich. Ein empathischer Höhepunkt, der sie zutiefst befriedigte, weit mehr als alle, die sie je in ihrem Leben gehabt hatte.
Endlich hatte sie seinen Samen in sich! Jetzt, da er ihn ihr geschenkt hatte, war ihr erst bewußt, wie groß die symbolische Bedeutung dieser Tatsache war. Leider – natürlich im Moment Gott sei Dank – hatte sie am 25. Zyklustag keine Chance auf eine Empfängnis. Aber sie WOLLTE ein Kind mit ihm, SEIN KIND, oh ja, sie wollte das! Wenn sie etwas älter war. Und da mußte er ja vielleicht gar nicht gefragt werden... Zumal er sich über Verhütung offensichtlich auch keine Gedanken gemacht hatte... Der Gedanke, mit ihm über Verhütung zu reden, machte ihr Spaß. Obwohl... mußte er da nicht Übung haben? Nach seinem Lebenswandel in den letzten Jahren?
Zerstör es nicht, Mädchen, bleib bei ihm, denk jetzt nicht darüber nach...
Severus
Eine Weile lag sie ruhig auf ihm, und er genoß ihr Gewicht auf sich wie eine schwere Decke, die ihn noch immer abschirmte von seinen sonstigen Gedanken, von seinem sonstigen Leben. Noch jetzt konnte er sich nicht vorstellen, daß er gleich dorthin zurück müßte. Caryn bewegte nur ihren Kopf und verursachte dennoch damit, daß er zusammen mit dem Rest seines Samens aus ihr herausglitt, was sie unwillkürlich einen herzerweichenden Laut des Bedauerns ausstoßen ließ. Dadurch fühlte er sich als Mann in einer Weise wertgeschätzt, daß er wieder nicht anders konnte, als seine Hände in ihr Gesicht zu legen, um seiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Sie sahen sich an und lächelten.
„Ich danke Dir..." sprach sie in die Stille um sie herum, gerade als er den Mund öffnete, um das gleiche zu ihr zu sagen.
„Ich danke DIR!"wurde so zu seiner Antwort, und Caryn brachte es auf den Punkt:
„Geben und Nehmen, nicht wahr?"
„Du hast mir sehr viel gegeben, Caryn", sagte er ernst.
„Es ist das Wunderschönste, mit Dir zu schlafen, weißt Du?" drückte sie aus, und er nickte einfach.
Entsymbiotisierung
Caryn
Wie seltsam, wie unvollständig sie sich anfühlte ohne ihn in sich. Ihre Schamlippen waren klebrig und fühlten sich ungewohnt an. Sie kuschelte sich neben ihm in seinen Arm und legte ihr Ohr an seine Brust. Spürte seinen wieder ruhigen Herzschlag, wie sein Brustkorb sich hob und senkte, und war so eingelullt von der sie beide umgebenden LIEBE, daß sie wirklich vergessen hatte, daß dieser Zustand nicht für immer anhalten würde.
„Wir sollten aufstehen, Caryn, Du darfst nicht zu spät nach oben kommen." Severus fackelte nicht lange, setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett.
„Ich will Dich aber gar nicht loslassen", begehrte sie auf und schmiegte sich von hinten wie ein Gürtel um seine Hüften. Lässig beugte er sich noch einmal zu ihr herunter, um ihr einen flachen Kuß auf den Mund zu geben, aber er sah sie kaum mehr an, und Erbarmen hatte er keines.
„Wir werden uns wiedersehen, nehme ich an?" Seine ironische Frage wirkte gedankenverloren, automatisiert, so als seien ihm seine Worte kaum bewußt. Caryn wurde von Panik überflutet, wie sie ihn dort stehen sah, aufrecht neben dem Bett, vor sich aus dem Fenster sehend, schon unendlich weit von ihr entfernt.
„Morgen?" rutschte ihr heraus, war gar nicht beabsichtigt gewesen, schlicht der Angst entsprungen, ihn von Sekunde zu Sekunde ihr weiter entgleiten zu sehen. Hilflos. Machtlos. Sieh mich an, bitte! „Morgen, Severus?" drängte wider besseres Wissen aus ihr, und von diesem Augenblick auf den nächsten war ihr Severus vollständig verschwunden.
„Wir haben REGELN!" sagte er kalt. Ohne das geringste Gefühl. Als sei da nie Gefühl gewesen. Als sei all das eben nie passiert. „Ich erwarte von Dir, daß Du ENDLICH diese Regeln einzuhalten bereit bist! Wir können nicht… DIES HIER tun, wenn Du diese Regeln nicht endlich akzeptierst!"
„Aber wieso..." war nur ihre Verzweiflung darüber. Zu fragen gab es nichts.
„Caryn, wir führen keine Liebesbeziehung", erinnerte er sie emotionslos. „Wir hatten vor, uns mit unseren Körpern zu beschäftigen. Das haben wir getan…" Mit angehaltenem Atem wartete sie sein Zögern ab. „Was sehr… schön war. Aber es ändert nichts. Wir werden unsere getrennten Leben weiterführen."
Nein! Severus… „Nein!" Das geht nicht! „Ich liebe Dich doch, und Du..." Sie achtete selbst überhaupt nicht auf ihre Worte, wollte in diesem Moment nur um jeden Preis verhindern, daß ihr Gespräch aufhörte. Daß er sich endgültig von ihr abwandte und sie zurückließ. Leer. Ausgezehrt. Mehr ALLEIN als je zuvor in ihrem Leben. Wenigstens sollte er zu ihr sprechen. Auch wenn ihr entsetzlich weh tat, wie er dem, was eben zwischen ihnen geschehen war, mit jedem seiner Worte einen weiteren Teil seiner Existenz aberkannte.
„Ich habe Dir gesagt, ich werde Dich nicht lieben. Das hast Du gewußt."
„Du HASTmich doch aber geliebt, eben..." Ihren Lippenbewegungen entkam kein Laut. Aber es war doch die Wahrheit… Es hatte sich ANGEFÜHLT wie die Wahrheit. WAR es die Wahrheit?
„Ich habe gesagt, daß es sehr schön war. Das heißt aber nicht, daß ich Dich heiraten werde."
„Aber Du HAST mich doch ..."
Severus
„Ich werde mich nicht an Dich binden, Caryn. Ich dachte, das hätten wir geklärt."
In Wahrheit war es eben DAS, was er in diesem Moment verzweifelt benötigte: Er brauchte dringend KLÄRUNG. RETTUNG. ABSTAND. SICHERHEIT. Er mußte wieder vollständig werden. So schnell wie möglich die Sicherheit seines vertrauten Lebens wiederherstellen. Seine Einsamkeit. Seine Person. Ohne äußere Einflüsse. Diese äußeren Einflüsse nämlich WAREN nicht äußerlich, sielösten ihn auf, innerlich, sein Leben, alles, was er je gewußt und gedacht hatte. ER BRAUCHTE ALLES, was er gewußt und gedacht hatte. Er WAR das alles. Sonst war er nichts. Ein schuldbeladener, verachtenswürdiger Todesser, der nichts besaß, nicht einmal ein eigenes Leben. Und KEINE LIEBE. Vor allem keine Liebe.
Sobald er sich aus Caryns Armen, aus ihrem Bett entfernt hatte, hatte sich, schleichend zuerst, die lähmende irrationale Angst immer weiter in ihm ausgebreitet, die von Caryns erneutem Angriff auf seine Regeln noch verstärkt worden war. Das zwang ihn, sich auf gewohnte Weise von dieser Frau zu distanzieren, indem er sich an seine vertrauten Gedanken und Sätze hielt. ES MUßTE WIE IMMER SEIN. Er spürte, daß er sie damit verletzte, wie er ihre Aura des Glücks, in die sie ihn mit ihr zusammen eben eingehüllt hatte, damit zerstörte. Darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Er mußte weg. Erst einmal weg.
Er atmete auf. Abstand machte es leichter. Je weiter er sich von Caryn entfernte, desto unwirklicher erschien ihm sein Zustand in ihrer Umarmung und desto stärker wurde das Wissen, daß er nach wie vor ER SELSBT war. Er brauchte lediglich Abstand zu gewinnen von den Illusionen vorgaukelnden Hormonen. Von den in den Knochen gespeicherten Erinnerungen aus dem Mutterleib. Dann würde es ihm möglich sein, in die Realität zurückzukehren.
Es GIBT nur diese Realität, es GIBT nur mein normales Leben, es WAR nur Sex, NUR SEX, es wird alles in Ordnung kommen, sobald ich nur wieder in mein normales, reales Leben zurückkehre.
Es war richtig und NOTWENDIG, in sein reales Leben zurückzukehren. Alles andere war eine Illusion. Er HATTE nur dieses eine Leben, welches ihm nicht einmal wirklich gehörte. Er war so, wie er war. IHN liebte sie nicht, und sie würde ihn sowieso verlassen.
Caryn starrte ihn voller Entsetzen an.
„Ich würde mich freuen, wenn Du weiterhin dienstags und freitags zu mir kommst", hörte er sich sagen. Kühl. Unbeteiligt. Das war falsch, das war gefährlich, aber irgendwie auch nicht zu ändern. Noch nicht jetzt.
Sich konzentrierend, sprach er einen Reinigungszauber, der Caryns Flüssigkeiten von seiner Haut entfernte – er tat das mit einem Widerstreben, über das er nicht weiter nachdenken wollte – und zog sich mit einem Schlenker seines Zauberstabs an.
„Severus!"
Er drehte sich nur mit dem Oberkörper zu der Frau in seinem Bett um und musterte sie streng.
„Ich werde mich NICHTin einen anderen Mann verwandeln, Caryn, auch JETZT nicht."
„Wer bist Du jetzt, und wer warst Du eben?" ließ ihn wanken. Schlucken. Atem schöpfen. Verkrampft.
„Wer ich jetzt bin, das WEIß ich. Wer ich eben war..." Er zögerte. Das Wissen, daß sie Aufrichtigkeit verdient hatte, war noch da. Er wandte sich ihr gänzlich zu. „Wer ich eben war, weiß ich nicht, Caryn. Bitte laß mich jetzt..."
Sie schluckte. Eine Welle ihrer Trauer und Angst kam an ihrer Kontrolle vorbeigeschwappt, und etwas in ihm verkrampfte sich. Das war SEINE Trauer. SEINE Angst. DIESELBE Angst. Dann hatte sie sich wieder im Griff und stand ebenfalls auf, so daß sie sich gegenüberstanden. Er vollständig bekleidet, sie nackt.
„Du brauchst Abstand", entschied Caryn mit fester Stimme. „Das ist in Ordnung." Sie verzog das Gesicht, schickte leiser hinterher: „Versprichst Du mir nur, daß Du mich nicht vergißt?"
Dankbar für ihren Rückzug küßte er sie auf die Wange, darauf achtend, sie sonst nicht zu berühren.
„Das könnte ich nicht, selbst wenn ich es wollte."
Sie rang sich ein Lächeln ab.
„Vergiß nicht, daß ich Dich liebe."
„Du weißt, wie ich darüber denke, Caryn."
Er entfernte sich endgültig aus ihrem Strahlungsbereich und wartete, bis sie sich angezogen hatte und ging. Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloß gefallen war, sprach er mechanisch einen Reinigungszauber für das verborgene Schlafgemach, versiegelte die Tür, welche gleichzeitig verschwand. Alles Denken schob er erst einmal beiseite und konzentrierte sich darauf, sämtliche Unterrichtsstunden der kommenden Woche vorzubereiten.
Caryn
Sie weinte, sobald sie ihm den Rücken gekehrt hatte. Langsam, widerstrebend, erschöpft entfernte sie sich Schritt für Schritt von dem Ort, wo sie sein wollte und für immer bleiben. Erst jetzt, seinen betörenden – und verstörenden – Reizen entkommen, fühlte sie, wie wund ihre Scheide sich anfühlte. Wund und doch gesegnet, kam ihr in den Sinn, sie hatte seinen Samen in ihrem Schoß, und für diese Samenzellen war es egal, daß sie sich in Disharmonie getrennt hatten.
Es war so unsagbar schön, so PERFEKT gewesen... und er hatte das kaputt gemacht mit Worten, die allem, was Caryn zuvor gefühlt hatte, widersprachen. Geliebt hatte sie sich gefühlt, geehrt, ihm so nah, wie es zwischen zwei Menschen möglich war. Und dann… hatte er sich ihr entzogen.
Er ist aufgestanden. Hat gesagt: Wir sehen uns wieder. Wollte einfach Auf Wiedersehen sagen. Du hättest in der Lage sein müssen, danach sofort zu gehen, Dich ganz unauffällig zurückzuziehen – dann hättest Du diese Nähe vielleicht erhalten können!
Er war so kalt gewesen. Hatte so getan, als sei all das Wunderschöne niemals passiert. Er hatte sich rigoros zurückgezogen – und Caryn war in Panik geraten. Hatte krampfhaft versucht, ihn festzuhalten. Und er hatte das als einen Angriff auf seine Regeln verstanden.
Du WEIßT doch, daß er diese verdammten Regeln braucht! Er braucht sie, um sich überhaupt auf Dich einzulassen. Es ist wichtig für ihn, daß Du Dich an die Regeln hältst. Ihm sein Gerüst läßt. Seine Kontrolle.
Stattdessen hatte sie genau das schon wieder nicht geschafft. Hatte ihm zu verstehen geben müssen, daß sie sein Gerüst zerstören wolle. Daß das, was er ihr gab, ihr nicht genüge. Daß ER ihr nicht genüge! Und das WAR doch seine Überzeugung, die er so verbittert vertrat: Daß niemand wirklich IHN lieben konnte. Weil er selbst nicht liebenswert war. Damit hatte sie ihn in den Rückzug getrieben.
Ich hatte solche Angst. Er hat mich allein gelassen. Alles kaputt gemacht.
Sie WAREN sich nah gewesen. Er HATTEsie voller Liebe angesehen, ihr Gesicht gestreichelt, ihren Namen geflüstert... So viel Nähe war für ihn zu viel gewesen. Seine tiefsitzende Angst, der sie diffus immer wieder in ihm und seinem Verhalten begegnete, BEZOG sich doch gerade auf solch eine Nähe zu einem anderen Menschen, darauf, aus einer solchen Nähe heraus verletzt zu werden.
Er ist davon überzeugt, daß Du ihn verlassen und verletzen wirst. Er glaubt Dir nicht, daß Du ihn wirklich liebst…
Aber heute hatte Severus sich ihr anvertraut, mehr als je zuvor, und sich dann panisch zurückgezogen, um seine Unabhängigkeit erst einmal wiederzuerlangen. Bitte laß mich jetzt... hatte er sie gebeten.
Das hatte sie schließlich getan. Aber war es da schon zu spät gewesen? Caryn war stehengeblieben, kämpfte mit ihrer puren Panik: Hatte sie ihn jetzt für immer verschreckt? Hatte SIE mit ihrer Unfähigkeit, ihn zu akzeptieren, alles kaputtgemacht? Hatte sie ihm jetzt beweisen, daß ihre Liebe nicht stark genug war?
Alles in ihr schrie danach, zu ihm zurückzurennen und sich zu entschuldigen, Besserung zu geloben, ihm zu versichern, daß sie ihn nehmen wollte, wie er war, damit zufrieden sein, was er ihr zu geben bereit war. Aber warum sollte er ihr das überhaupt noch glauben? Warum war sie so ungeduldig und unersättlich? Wie oft waren sie darüber aneinandergeraten?
Bisher hatte er ihr immer verziehen. Sie ertragen. Er HATTEsie so genommen, wie sie war. Hatte ihr das Zugeständnis gemacht, sie ZWEImal in der Woche zu ihm kommen zu lassen. Sie hatte ihm versichert, daß sie damit würde leben können. Und sie, die ihm ausdrücklich VERSPROCHEN hatte, ihn als ihn selbst zu lieben, war unfähig dazu? Verdammt, warum bin ich nur so?!
Was konnte sie tun? Würde sie alles noch schlimmer machen, wenn sie jetzt zu ihm zurückginge? Ich muß zu ihm zurück! Ich muß! Ich muß! Stattdessen stieg sie die steile Wendeltreppe zum Ravenclaw-Turm hoch und entfernte sich mit jedem Schritt weiter von seinen tiefen Kerkern. Wie sollte sie aushalten, ihm all dies nicht sagen zu können? Wie sollte sie die Ungewißheit ertragen, ob er sie nächstes Mal überhaupt noch hereinlassen würde? Ihn bei den Mahlzeiten zu sehen? Dienstag in Zaubertränke seine Rache zu spüren zu bekommen…
„»Rien n'est plus cruelle d'une femme répudié.« Heißt übersetzt?" riß sie der Adler in der Tür zum Ravenclaw-Gemeinschaftsraum aus ihren Gedanken. Verwirrt stellte sie ihre Augen auf ihn ein, als er freundschaftlich hinzufügte: „Von wem dieses Zitat stammt, frage ich lieber nicht, ich möchte Dir nicht zumuten, hier schlafen zu müssen!"
„Was?"
„Es war, wie es scheint, anstrengend bei Deinem Liebsten..."
„GRAUSAM? – Verdammt, meinst Du das auch? Bin ich das?"
„Zuweilen bestimmt… aus seiner Sicht. In der Liebe ist er wahrscheinlich verletzlicher als andere", meinte der Adler nachdenklich. „Aber sprich es ruhig einmal aus, das kann nicht schaden. Das nächste Mal ist dann ERdran."
Caryn lächelte ihn an.
„Nichts ist grausamer als eine zurückgewiesene Frau. – Ich werde Dich vermissen, wenn ich Hogwarts eines Tages verlassen muß, weißt Du?"
Oh Gott, denk nicht daran, wie es dann mit Severus weitergehen wird...
Sie würde sich zusammenreißen. Und Severus jetzt vor allem seine verdiente Ruhe vor ihr gönnen. Aber morgen. Morgen würde sie zu ihm gehen und sich entschuldigen. Ihm von ihrem Freund, dem Adler, erzählen. Er würde darüber lachen, und alles würde nicht mehr so schlimm sein...
Ohne sich um die letzten Mitschüler im Gemeinschaftsraum zu kümmern – Lucas war glücklicherweise nicht dabei –, schlüpfte sie hindurch zu ihrem ruhigen Schlafsaal und ihrem Bett. Dank dem weisen Türklopfer konnte sie gleich einschlafen.
Severus
So, das war der letzte Trank. Er stellte die Zutaten in einen Korb, legte das Rezept dazu und verstaute beides in dem dafür bestimmten Hängeschrank in seinem Labor. Mit einem aufmerksamen Rundblick überprüfte er, ob alles aufgeräumt und sauber war, bevor er das Licht löschte und im Dunkeln in Richtung Treppe zu seiner Wohnung eilte.
Ob Caryn sehr geknickt war? Er hatte in ihren Augen sicherlich alles kaputtgemacht. HATTEdie Aura des strahlenden Glücks zerstört, die sie umgeben hatte – die sie BEIDE umgeben hatte – bevor er sich aus ihrer Nähe gelöst hatte.
Diese Nähe ist eine Illusion! Du kannst keiner Frau nah sein. Du BIST nicht so.
Er hatte diese Illusion beendet. Und damit wieder einmal geschafft, Caryn in ihre Trauer zu stoßen.
Sie wird Dich auch verletzen, schneller als Du denkst, sie wird aufhören, Dich zu lieben, Dich verlassen, und zwar schon bald…
Indem er auf diese Weise mit ihr umging, würde er diese Prophezeiung zu einer sich selbst erfüllenden machen, soviel war klar.
Sie hat schon wieder versucht, Eure äußere Struktur, sein Gerüst in Frage zu stellen, und das, nachdem Du sie so nah an Dich heran hast kommen lassen!
Sie hatte ihm zuvor ihren Körper und ihre Seele geschenkt, und sie hatte nicht umhin gekonnt zu bemerken, daß ihr seine Seele dabei begegnet und diese ihr dabei extrem nahe gekommen war.
Sie hat sich geliebt gefühlt, hat sie gesagt. Das hast DU zu verantworten!
Er HATTEdas getan. Er wollte es wieder tun. Die ganze Zeit. Immer.
Du kannst nicht lieben. Du kannst nicht geliebt werden. Sie wird Dich verlassen.
Er wiederholte sich.
Du brachst Abstand, Unabhängigkeit, Einsamkeit. Dein vertrautes Leben.
Er war nicht mehr einsam. Er wollte nicht mehr einsam sein. Wenn er Caryn Glauben schenken würde, BRÄUCHTEer nicht mehr einsam zu sein, vielleicht niemehr...
Wenn man Dich so denken hört, müßte Dir angst und bange werden! Du vergißt die Realität. Mußt Dich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen! Nur weg aus ihrer Nähe! Sie macht Dich verrückt!
„Ich weiß, dass James Potter ein arroganter Widerling ist", hatte Lily gesagt, und in dem Moment hatte ihr auch so gerne geglaubt... Diese Worte hatte Lily zu dem Zeitpunkt, als sie sie ausgesprochen hatte, noch selbst geglaubt. Während Severus im Innersten die Wahrheit bereits gekannt hatte. Dennoch... hätte er vielleicht nicht doch die Möglichkeit gehabt, diese Wahrheit zu verändern...? Wenn er sich selbst geändert hätte...?
Verlangte Caryn, daß er sich ändern müsse? Was verlangte sie von ihm? – Daß sie eine Liebesbeziehung führten. Das konnte er nicht. Für ihn war es zu spät. Sein Leben hatte er vor Jahrzehnten verloren. Selbst wenn er es wollte, selbst wenn er sich auf ihre Liebe einlassen WOLLTE: Er HATTE kein Leben mehr, in das er Caryn lassen könnte, das er mit ihr teilen könnte. NICHTS hatte er. Kein Leben. Keine Liebe. EGAL WAS ER WOLLTE!
Und was WILLST Du, Severus?
Vergessen. Aufhören zu denken.
Bewußtlos sein. Schlafen.
Schlafen.
