FREUDsche Verhütung
Severus Sonnabend,7.3
Gegen Morgen verwandelte sich Lilys Gesicht in Caryns.
„Verlaß mich nicht", fleht Severus. „Ich liebe Dich, bleib bei mir, ich kann nicht ohne Dich leben, schwöre mir, daß Du bei mir bleibst..."
„Ich werde Dich nie verlassen, wir gehören zusammen! Wir werden für immer zusammensein", antwortet Caryn und legt seine Hand auf ihren Bauch, der sich in einer wunderschönen Linie wölbt.
„Dein Sohn hat ein Recht darauf, um Lilys Sohn hast Du Dich genug gekümmert. Jetzt darfst Du eine eigene Familie gründen!"
Oh Gott! Er schrak hoch. Das hatte er völlig vergessen!
Daß er Caryn gestern entjungfern würde, war ja nicht geplant gewesen. Der Einmalig-Verhütungstrank konnte bis zu vierundzwanzig Stunden nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Würde Caryn die Geistesgegenwart besitzen, daran zu denken und zu ihm zu kommen? Wußte sie als Muggelgeborene überhaupt über magische Verhütungsmethoden bescheid? Sicher waren ihr diese künstlichen Muggelhormone vertrauter... Aber so überstürzt, wie ihre Annäherung geschehen war, hatte sie mit Sicherheit nicht geschafft, einen Gynäkologen zu kontaktieren? Caryn darf nicht schwanger werden! Zumindest das stand – bei allen verheerenden und streitenden und erschöpfenden Impulsen in ihm – außer Frage.
Was sollte er tun? Sie in der Großen Halle ansprechen? Ihr eine Eule schreiben? Einen Slytherin mit einer Botschaft zu ihr schicken? Ihr im Gang auflauern? Noch besser: in Hogsmeade hinter eine Hausecke ziehen?
Bist Du derselbe Mann, der das Thema Verhütung bereits im Erstgespräch abzuhandeln pflegt? Der jeder Kandidatin bereits das Pulver in die Hand drückt, bevor er den Schwur anleitet, und sich die gewissenhafte Anwendung von ihr schwören läßt?
Bist Du derselbe Mann, der zusätzlich zu dieser ziemlich sicheren Maßnahme an jedem Morgen eines Treffens einen Trank gegen die Beweglichkeit seiner Spermien zu sich nimmt?
Bei Caryn war alles so anders gewesen. So unvorhergesehen, so rasant, so... anders.
Das ist FREUD, mein Lieber. Dein Unbewußtes will sie an Dich binden, indem Du ihr ein Kind machst. War ein Teil von ihm in Versuchung gewesen, den gleichen erbärmlichen Fehler zu machen wie seine Mutter? – Da konnte er dieser penetranten Stimme in seinem Kopf direkt dankbar sein, die ihm diesen Traum geschickt hatte...
Zunächst mußte er sich um den Trank selbst kümmern!
Zumindest war der andere Punkt bei kühler Betrachtung kein Problem.
Es kam alles auf seine Ausstrahlung an. Selbst Professor Snape erschien manchmal zum Frühstück in der Großen Halle. Und selbst für Professor Snape war nichts dabei, eine Schülerin zu sich zu bestellen, wenn er keine Spur einer Verfänglichkeit darin erkennen ließ.
Caryn war, wie immer, bereits auf ihrem Platz am Ravenclaw-Tisch, als er den Mittelgang entlangkam. Normalerweise ließ er seine Augen nur ganz kurz zu ihr, begnügte sich ansonsten mit gelegentlichen legilimentischen Stipvisiten, bei der er in diesen Tagen stets ihr Sehnen in seine Richtung aufgefangen hatte, so als habe er alle fünf Minuten das Bedürfnis gehabt, sich dessen zu vergewissern. Heute ging er ohne Umschweife zu ihr, nahm ihr Herzklopfen wahr, das im ersten Moment bei ihnen beiden alles andere überdeckte und sagte, als er dicht neben ihr stand, in seinem typischen desinteressierten Lehrertonfall:
„Sie haben etwas Wichtiges vergessen bei ihrer letzten Strafarbeit, Miss Willson. Kommen Sie bitte nach dem Abendessen heute kurz in mein Büro. Auf jeden Fall aber vor acht Uhr."
Caryn sah ihn erstaunt an, und er registrierte zufrieden, daß sie mehrere andere Gefühle erfolgreich aus ihren Gesichtszügen heraushielt: Angst, Freude, ...LIEBE... ANGST…
Liebe und Angst gehören zusammen, Caryn, da kann ich Dir nicht helfen. Ich kann mir ja selbst nicht helfen… Ohne ein weiteres Wort oder auch nur ein Lächeln wandte er sich ab und machte sich auf den Weg zu seinem Platz. Caryns verzweifelte Hilflosigkeit hatte sich an ihm festgesaugt. Ihre LIEBE. Sie LIEBTE ihn. IHN. Sie WUßTE noch nicht, daß sie damit aufhören würde. Caryn hatte Angst. Die riesige Sorge, ihn zu verlieren. Dieselbe Angst vor demselben Schmerz wie er selbst. Machte es einen Sinn, daß sie beide dieselbe Furcht hatten, ohne sie zu teilen und gemeinsam aus dem Weg zu räumen?
Als ob es DARUM ginge, Severus! Und DU wirst Caryn auch gar nicht VERLIEREN, sondern Du HATTEST sie nie. Nie wirklich. DU BIST NICHT DER MANN, den sie liebt. Der sie lieben kann. DU BIST NICHTS.
Und wie konnte es dann sein, daß er NICHTS war als die pure Sehnsucht, wieder bei ihr zu sein? Sie einfach wieder in seine Arme zu nehmen, sie zu trösten, sie zum Bett zu tragen, damit sie wieder glücklich miteinander sein konnten?
DU BIST NICHTS! UND ERST RECHT NICHT GLÜCKLICH!
Er wandte alle Selbstdisziplin auf, nicht panisch von seinem unberührten Platz aufzuspringen und aus der Halle zu rennen. Streckte seine Hand nach der kalten Kaffeetasse vor sich aus. Hinderte sich daran, seinen Geist auf Caryn zu richten, die es in diesem Moment TAT: Sie stand hastig auf und … rannte immerhin nicht, sondern machte nur sich mühsam nicht allzu sehr beschleunigende Schritte. Gleich würde sie rennen, sobald sie die Halle verlassen hätte, weinen vielleicht, sich allein auf ihr Bett werfen… Und Severus saß hier und konnte an nichts anderes denken, als daß sie heute Abend zu IHM laufen, er sie in die Arme reißen würde, sie küssen und zu SEINEM Bett tragen und … sich mit ihr treiben lassen.
Das wollte er tun, und er KONNTE es auch. Nicht heute, er mußte dafür sorgen, daß die Wochentag-Struktur aufrechterhalten blieb, gerade jetzt, wo er… wo sich sonst so viel Struktur auflöste, wenn sie zusammenwaren. Die Regeln waren das Gerüst, welches ihnen auf der anderen Seite Freiheiten erlaubte. Solange dieses Gerüst bestand, war alles kein Problem. Bis sie Dich verlassen wird. Das WÜRDE sie, sie würde alles Schöne beenden, er würde sie verlieren, und das würde ihm weh tun. Aber er würde es überleben. Mit Hilfe seines Gerüsts. Welches Caryn auf Abstand halten konnte. Ihm so ermöglichen, sein gewohntes Leben nicht zu verlieren, so daß er nachher dort würde weitermachen können. Wieder als Severus Snape, nicht als Sivírus. Er würde es schaffen. Ohne Caryn. Ohne Liebe. Mit seinem Gerüst. So einfach war das.
Hogsmeade
Caryn Sonnabend, 7.3
Ihr Inneres schien ausschließlich aus ANGST zu bestehen. Einer Angst, die sämtliche ihrer Eingeweide mit wütendem Rumoren füllte, sie zu gleicher Zeit von innen aushöhlte, gefühllos und taub machte. Zu leer für alles andere, was nicht dieses Gefühl war. Nie hatte sie SO oft SO viel Angst gehabt wie in diesen Tagen ihrer Annäherung an Severus. Mußte das so sein in der Liebe? War dieser Mann diesen ewigen Psychoterror wert?
JA!!! Schrie alles in ihr. Noch nie war sie so glücklich gewesen wie gestern in seinen Armen! Und es hatte sich so angefühlt, so EINDEUTIG so angefühlt, als sei das für ihn auch so gewesen... Aber dann... hatte er sich wieder unendlich weit von ihr entfernt, unerreichbar gemacht…
Sie machte sich keine Illusionen, daß Snape sie heute aus Sehnsucht zu sich bestellt hatte. Nein, daß er zum ersten Mal, solange sie zurückdenken konnte, zum Frühstück in der Großen Halle erschienen, daß er zu ihr gekommen war, sie öffentlich zu sich eingeladen hatte, konnte nur etwas Schreckliches bedeuten. Wollte er ihre Beziehung beenden, weil es ihm gestern zu eng geworden war? Weil er wütend auf Caryn war, weil sie wieder seine Regeln nicht akzeptiert, sondern ihn wieder bedrängt hatte? – Aber würde er sich deswegen die Mühe machen, extra offiziell mit ihr zu sprechen, um sie freiwillig an einem Sonnabend zu sich kommen zu lassen? Würde er in dem Fall nicht warten, bis sie regulär zu ihm kam? – Sollte sie tatsächlich etwas vergessen haben? – Was sollte das sein? Was würde ihn dazu bringen, sein Prinzip zu verraten, sie nur an Dienstagen und Freitagen an sich heranzulassen? WAS? ....
Es GAB nichts. Alles Grübeln half nichts. Ihr blieb nichts, als die Angst auszuhalten. Wieviele Stunden bis zum Abend?
Erst einmal lag der Ausflug nach Hogsmeade an. Professor McGonagall stand am Portal und kontrollierte bei den Drittkläßlern die Einwilligungserklärungen der Eltern, während Flitwick dafür sorgte, daß sich die Älteren erst einmal auf dem Vorplatz sammelten, damit alle Schüler gemeinsam die Dementoren am Tor passieren konnten. Es behagte Caryn überhaupt nicht, heute an diesen – hier vom Zaubereiministerium zum Schutz gegen den entflohenen Häftling Sirius Black aufgestellten – Kreaturen vorbei zu müssen. Auch wenn Dementoren sie als die bei weitem abstoßendsten Wesen der Zaubererwelt immer besonders interessiert hatten. Sich von schlimmen Gefühlen ernährend, den Menschen alles Glück raubend, einer Person die Seele durch den Mund heraussaugend... Konnte sich jemand etwas Furchtbareres ausdenken?
Zum Glück stellte sich heraus, daß die erste Aufgabe der Lehrer darin bestand, an der Pforte mittels Patroni die Wächter von Azkaban in Schach zu halten, so daß die Schülerscharen unbehelligt hindurchziehen konnten. Caryn erfaßte die Szenerie mit einem Blick: Severus fehlte wieder einmal. Was natürlich nichts Besonderes war. Und gewiß nichts mit ihrer heutigen Verabredung zu tun hatte. Wenn sie es sich recht überlegte, wäre es sogar hochgradig erstaunlich gewesen, wenn Professor Snape der Öffentlichkeit etwas so Privates wie seinen individuellen Patronus gezeigt hätte.Garantiert hatte niemand der hier Anwesenden jemals seinen Patronus gesehen. Welche Gestalt der wohl annahm? Irgendein schwarzes Tier. Ein Rabe vielleicht. Auf den ersten Blick häßlich. Zerzaust bestimmt. Caryn lächelte liebevoll. Mit kräftigen Schwingen. Ursprünglich. Weise. Zutiefst MAGISCH. Stolz strahlte in ihr. Er war so ein wunderbarer Mann! Ich LIEBE ihn so sehr! Warum ist es für Dich so schwer, Severus, warum kann es nicht immer so sein wie gestern? Warum können wir nicht einfach miteinander glücklich sein?
Müßte sie als seine Geliebte nicht wissen, welche Gestalt sein Patronus hatte? Sicher, sie kannte ja noch nicht einmal ihren eigenen Patronus. In den letzten beiden Wochen, in denen sie den Zauber in Verteidigung gegen die Dunklen Künste übten, hatte sie bisher lediglich silbrigen Dampf zuwege gebracht. Sie war extrem gespannt, welches Tier SIE verkörpern würde. Katzen hatten es ihr angetan, aber daß ausgerechnet sie sich zu Minerva McGonagall gesellen würde… Eulen, die sie auch toll fand, kamen ihr zu weise vor….
Es gab Zauberergeschichten, in denen sich in der Patronusgestalt Liebesbande ausdrückten. Würde ihr Patronus vielleicht dieselbe Gestalt haben wie Severus'? Und er würde das durch Zufall herausfinden und den Beweis darin sehen, daß sie zusammengehörten! Würde seine Widerstände aufgeben, sie für immer in die Arme schließen, und ihre beiden Raben würden um sie beide herumfliegen… Obwohl sie sich ihn auch mit einem Panther vorstellen konnte. Einer Katze! Die würde auch besser zu ihr selbst passen. Ein Rabe WAR sie nicht, nein, ihr wäre bestimmt nicht möglich, einen Raben hervorzubringen…
Wie Severus wohl wirkte, wenn er seinen Zauberstab sowie sein magisches Augenmerk auf etwas so Persönliches wie seinen Patronus richtete? Das wollte sie sehen! Flitwicks Fuchs, McGonagalls Katze, Lupins Hund (es war wohl eher ein Wolf), Charitys Pferd... Diese Ansammlung unterschiedlichster Patronusgestalten, die sich unter der Kontrolle ihrer Erzeuger auf dem Weg tummelten, zog die Aufmerksamkeit der Schüler dann auch viel nachdrücklicher in ihren Bann als jene in einiger Entfernung am Zaun dicht an dicht zusammengekauerten Dementoren. Dennoch war Caryn erleichtert, als sie diesen Engpaß hinter sich gelassen hatte. Jetzt stand ihr dies Unterfangen nur noch einmal auf dem Rückweg bevor...
Nun all ihre Sinne auf die Schlüsselreize ihrer Verliebtheit in den großen, schwarzen Zaubertränkemeister ausgerichtet, war sie zusammen mit Joan und Polly in einer lockeren Gruppe Siebtkläßler ins Dorf hinunter gewandert. Um dann feststellen zu müssen, daß ihr Liebster offensichtlich der einzige Hauslehrer war, der es vorgezogen hatte, im Schloß Aufsicht zu führen. Er gönnte ihr auch gar nichts!
Lucas war am Morgen mit dem Hogwartsexpress zu Lauren gefahren, und das hatte den Mädchen eine Weile Gesprächsstoff geliefert, bevor sich die Freundinnen anderen Inhalten zugewandt hatten. Caryn hatte ernsthaft versucht, sich auf die Themen ihrer Mitschülerinnen einzulassen, ohne sich überflüssig zu fühlen oder sich zu langweilen, hatte sich dann doch wieder abgesetzt. Beinahe nahtlos war sie Professor Flitwick in die Arme gelaufen, der erfreut ein Gespräch mit ihr begonnen hatte. Wenig später hatten die beiden Hagrid und Charity Burbage getroffen, die sich ihnen angeschlossen und sich nett mit ihnen unterhalten hatten, während sie durch das Dorf geschlendert waren, um die jüngeren Schüler zu beaufsichtigen. Auf diese Weise war es für Caryn doch noch ein ganz schöner Nachmittag geworden, der sie die klamme Aufregung ob der Ungewißheit bezüglich Severus' Vorladung am Abend zumindest phasenweise hatte vergessen lassen.
Als die Schülerschar aus Hogwarts sich gegen fünf allmählich auf den Rückweg ins Schloß machte, schlossen die vier sich an. Plötzlich erinnerte Flitwick sich offenbar an Caryns Verhältnis zu Snape, und er ließ sich durch die Anwesenheit der beiden anderen nicht davon abhalten, Caryn daraufhin anzusprechen.
„Wie läuft es denn mit Ihrem... Professor Snape?" wollte er neugierig wissen. „Brauchen Sie vielleicht doch meine Unterstützung?"
Caryn rechnete damit, hier auf Hogsmeades Hauptstraße tot umzufallen, da ihre Wangen sich so heiß anfühlten. Wieso redete er von ihrem Professor?! Waren sie und Severus so etwas wie dasprominente Schulpärchen?!
„Du hast Ärger?" erkundigte Charity sich mitfühlend.
„Hat mit Professor Snape zu tun, wissen Sie, Caryn ist doch in ihn reinappariert, hab'n Sie das nicht mitgekricht?" erklärte Hagrid großspurig.
„Ja, davon habe ich natürlich gehört", antwortete Charity. „Und das hat er Dir so übel genommen, daß er Dir das jetzt nachträgt?"
„Bei aller Hochachtung vor meinem Kollegen: Ich finde Severus' Umgang mit Caryn ein wenig... besorgniserregend!" ereiferte sich der kleine Zauberkunstprofessor mittlerweile regelrecht. Caryn hatte zunehmend sauer von einem zum anderen geguckt, die sich über ihren Kopf hinweg über sie unterhielten. Mit ärgerlicher Nachdrücklichkeit fiel sie ihnen ins Wort:
„Es ist sehr lieb von Ihnen und Euch, sich über mich Gedanken zu machen, aber ich habe das alles im Griff." Sorgsam suchte sie nach den richtigen Worten. „Professor Snape und ich führen... eine Art Kampfspiel, das, glaube ich jedenfalls, uns beiden … ein bißchen Spaß macht, und manchmal fetzen wir uns ganz schön. Aber daran ist nichts Besorgniserregendes."
„Naja, Snape und Spaß in ei'm Satz is' schon'n büschen komisch, oder?" grinste Hagrid, und Caryn unterdrückte aus purem Überlebenswillen Severus' Verteidigung, die ihr auf der Zunge lag. Da kam Charity ihr zu Hilfe und löste damit in Caryn ein tiefes Verbundenheitsgefühl aus:
„Och, ich hatte immer schon den Eindruck, daß Severus über einen beachtlichen Sinn für Humor verfügt, wenn der auch meist so von Zynismus geprägt ist, daß man lieber nicht darüber lachen möchte. – Aber auch Minerva hat Spaß mit ihm in ihren Schlagabtauschen, selbst wenn sie sich um die abgezogenen Hauspunkte der Gryffindors zoffen!" Die junge Frau musterte Caryn forschend: „Wahrscheinlich ist das sogar Severus' Art, jemandem seine Zuneigung zu zeigen..."
Oh nein, nicht schon wieder! Ich will LEBEN, laßt uns doch bitte einfach in Ruhe! Diesmal,Merlin sei Dank, war es Flitwick, der sie rettete, indem er Charity sofort vehement widersprach:
„Charity, wenn ich Caryn fast weinen sehe, nachdem er ihr völlig ungerechtfertigt Dinge vorwirft, für die sie nichts kann, vermag ich das beim besten Willen nicht mit Zuneigung in Verbindung zu bringen!"
Charitys Auge ruhten immer noch auf Caryn, und jetzt nahm das bloße Unwohlsein allmählich panische Züge an. Bitte denk bloß nicht weiter über Severus' Zuneigung nach, laß mich am Leben!
„Du sagtest eben, daß Du nicht das Gefühl hast, daß Severus Dir Böses will?" fragte Charity fürsorglich, als Caryn stur geradeaus guckte, ohne sich zu äußern.
„Nein", mußte sie ja sagen. Und was noch? Sie spürte noch immer den nachdenklichen Blick ihrer Muggelkundelehrerin auf sich und war sich darüber im klaren, daß sie auf diese stumme Weise gerade verdächtig war. Verdammter Mist!
Glücklicherweise schien Charity zu akzeptieren, daß Caryn nicht genau antworten wollte, denn sie sagte nur:
„Falls Du in irgendeiner Weise Hilfe brauchst: Ich bin für Dich da." Damit schien das Thema wirklich beendet zu sein, denn die junge Lehrerin wandte sich mit einer anderen Frage an Flitwick, der darauf einging. Caryn schickte ihr ein dankbares Strahlen nach und war plötzlich traurig, daß sie niemals der Älteren, die Severus' Humor und Zuneigung zutraute, über ihre Beziehung mit ihm würde reden können. Es müßte schön sein, Charitys Gesprächsangebot annehmen zu können. Mit ihr befreundet zu sein und von ihr Tips zu bekommen, wie sie sich ihrem schwierigen Liebsten gegenüber verhalten sollte...
Als sie sich, in der Großen Halle angekommen, voneinander verabschiedeten und die Lehrer zum Hohen Tisch gingen, nahm Caryn wahr, daß Severus, der allein auf seinem Platz saß und mit seinem Essen beschäftigt war, von allen dreien Blicke unterschiedlicher Beschaffenheit zugeworfen wurden. Mit seinem gefährlichsten Blick vertrieb er die neugierigen Augen. Und sie hatte keinen Anlaß anzunehmen, daß er gleich zu IHR anders sein würde. Was wollte er nur von ihr? Müßte nicht auch ER die Sehnsucht haben – Caryn spürte, wie sich eine warme Erregungswelle von ihrem Bauch aus überallhin in ihren Körper ausbreitete – ihre wunderschöne Vereinigung von gestern wieder zu erleben? In sie einzudringen… Wund war sie noch, aber das wäre so egal! In sich wollte sie ihn haben, die ganze Zeit! Warum konnte sie nur nicht darauf vertrauen, daß er das auch wollte…!
Severus
Aus den Augenwinkeln hatte er Caryn die Große Halle betreten sehen in Begleitung von Flitwick, Hagrid und der Muggelkundelehrerin, einer hübschen, netten, nicht weiter interessanten jungen Frau, die erst seit zwei Jahren hier unterrichtete. Wohl direkt von der Uni kommend. – Wie hieß die noch gleich? Burgadge oder so ähnlich, Vorname irgendetwas Albernes... Amanda? Irgendwas mit Liebe jedenfalls, nein, schlimmer: Nächstenliebe! Charity hieß sie. So äußerst passend, wenn man bedachte, daß sie als Muggelfreundin ständig Anfeindungen ausgesetzt war.
Glücklicherweise hatte er als Hauslehrer von Slytherin definitionsgemäß wenig mit ihr und ihren Problemen der mangelnden Nächstenliebe zu tun. Wobei gerade die kleinen arroganten Reinblüter es natürlich nötig gehabt hätten, sich ein wenig Allgemeinwissen über ihre Parallelgesellschaft anzueignen!
Caryn hatte anscheinend Muggelkunde belegt, obwohl sie bei Muggeleltern aufgewachsen war. Und schien sich mit Charity gut zu verstehen, diese hatte Caryn freundschaftlich eine Hand auf den Arm gelegt, als sie sich verabschiedete. Beide männliche Begleiter verdienten diese Bezeichnung kaum. Aber mußte Flitwick seiner Lieblingsschülerin die Hand geben – und gar nicht wieder loslassen? Das war wieder dieser Beschützerinstinkt des kleinen, alten Zauberers! Als ob Caryn es nötig hätte, von diesem Zwerg beschützt zu werden! Naja, Severus... die letzte Apparierstunde hast Du augenscheinlich vergessen…? Er schnaubte innerlich. Fühlte im selben Moment gleich drei Blicke auf sich gerichtet: Flitwicks mißtrauisch, Hagrids nachdenklich, Charitys... forschend? Nicht mißgünstig, vielmehr... interessiert. Sein finsterster Todesblick vertrieb die aufdringlichen Augen. Das Grüppchen um Caryn mußte über ihn gesprochen haben! Flitwick natürlich, der sich Sorgen gemacht hatte! Und Caryn damit in Lebensgefahr gebracht! Naja, sie war ja nicht dumm, und augenscheinlich erfreute sie sich bester Gesundheit, wie sie jetzt den am Rand sitzenden Schüler aufforderte, ihr am Ravenclawtisch Platz zu machen. Jetzt erwiderte sie noch ein Abschiedwinken von Flitwick, der sich gerade auf seinem Platz am Lehrertisch niedergelassen hatte. Sie hatte offensichtlich einen netten Nachmittag in Hogsmeade verbracht. Was man von ihm, hier im Schloß, ja nun beim besten Willen nicht behaupten konnte! – Obwohl ihre Augen, die jetzt zu ihm selbst gekommen waren, nur besorgt blickten. Angstvoll. Liebe und Angst gehören zusammen, Caryn. Sogar für Dich…
Der Trank
Caryn
Nach dem Essen ging sie zuerst in die Bibliothek, um ja keinen Verdacht zu erregen, bevor sie sich mit schweren Beinen auf den Weg in die Kerker machte. Diese verdammte Angst... Unsinn! Sie konnte sich wirklich sicher sein: Um sie zum Teufel zu jagen, hätte er sie nicht zu einem Extratermin eingeladen. Und was hatte er gesagt? Sie haben etwas Wichtiges vergessen. Etwas, das nicht bis Dienstag warten konnte. Denn sonst hätte er doch nie und nimmer...
Zaghaft klopfte sie an sein Labor.
„Ja?" Seine Stimme klang wie immer. Nicht genervt. Neutral. Sie betrat den Raum und blieb unmittelbar an der Tür stehen. Zwang sich, seinen Blick zu suchen. Der nicht sauer war, nicht auffordernd. Erleichtert? Zugewandt. Eindeutig nicht snapisch.
„Severus, ich... es tut mir wirklich so leid. Daß ich immer so... falsch bin. Daß ich nie damit zufrieden sein kann, was Du mir gibst." Sie verzog ihr Gesicht. Wie sollte er ihr glauben können, daß sie es erst meinte? Krampfhaft suchte sie nach den richtigen Worten. „Also: Ich BINeigentlich damit zufrieden. ICH WILL DAMIT ZUFRIEDEN SEIN! Ich WILL mich an Deine Regeln halten. Ich liebe Dich, und es ist mir ganz egal, was ich dafür bekomme, ich will Dich um jeden Preis, aber es ist so schwer, ich bin so DUMM, und..." Sie hatte sich derart in Fahrt geredet, daß sie Severus gar nicht mehr wahrgenommen hatte, und so zuckte sie zusammen, als er plötzlich direkt vor ihr stand.
„Caryn..."
Sie verstummte und wartete gebannt. Sein Ton war ziemlich barmherzig.
Severus
Das war anscheinend auch noch dabei gewesen, neben ihrer Angst vor seinem Rückzug. Ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn wieder einmal bedrängt hatte. Ihr ist die Angst, wegen ihrer Fehler verlassen zu werden, auch nicht fremd..., stellte er für sich fest und fühlte sich paradoxerweise in seiner eigenen unzulässigen Angst vor dem Ende ein wenig erleichterter.
Sicher, ihre fordernde Unbescheidenheit nervte ihn. Aber für ihn gehörte das einfach dazu. Zu Caryn. Die in all ihren Emotionen unzensiert und spontan und… eben ABSOLUT war. Die ihm absolutes Geliebtsein schenken wollte. Die bereit war (zumindest theoretisch), ihn absolut zu lieben, so wie er war. Und auf der anderen Seite natürlich auch hohe Ansprüche stellte. – War, den Liebsten täglich zu sehen, für eine Siebzehnjährige ein hoher Anspruch? Und von ihm geliebt zu werden? – Das wohl schon eher... – Caryn war aber sehr wohl in der Lage, über ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten zu reflektieren, zu diskutieren und Dinge einzusehen, sobald sie die unmittelbare Situation verlassen hatte. Er hätte auch nicht erwartet, daß sie sich widerspruchslos und bequem in alles fügte, was er ihr vorsetzte. Diese junge Frau hatte ihn fasziniert, WEIL sie so war, wie sie war. Als ob er je in Erwägung zöge, sie DESWEGEN zu verlassen!
Etwas anderes machte ihn nervös. Sein eigenes Unwohlsein angesichts ihrer Angst. Er wußte: Ihre Angst gab ihm Macht über sie. Früher hätte er diese Angst geschürt. Ausgenutzt. Früher. Nicht nach spätestens gestern. So irreal und irrational das gewesen sein mochte, was sie miteinander erlebt hatten, so groß war seine Sehnsucht danach, es wieder mit ihr zu haben, wieder und wieder. Und SEINEAngst war es gewesen, die ihr Miteinander zerstört hatte. Die für Caryn erst notwendig gemacht hatte, ihn zu bedrängen. Weil er sie, wieder einmal, von sich gestoßen hatte. Sie in ihre eigene Angst gestürzt.
Während ER sich aus dieser Angst heraus reflexhaft zurückzog und sich freiwillig in schmerzhafte Einsamkeit hüllte, um den Verletzungen zuvorzukommen, die er fürchtete, versuchte Caryn, der gefürchteten Einsamkeit zu entfliehen, indem sie sich mit Gewalt an ihn klammerte, wobei sie Verletzungen von ihm in Kauf nahm. Die Angst stand ihnen im Weg, trennte sie voneinander, obwohl sie im Grunde bei ihnen beiden identisch war.
Ruhig stand er ihr nun gegenüber und sprach in ernsten, sachlichen Worten.
„Caryn, ich bitte Dich noch einmal, unsere Struktur zu akzeptieren. Uns fest zweimal in der Woche zu treffen, kommt mir... richtig vor. Und fair. Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich dann für Dich da bin. Und ich kann... meinen Freiraum behalten." Er hörte sich so an, als ob er vorhabe, sich für einen längeren Zeitraum hier mit ihr einzurichten. Das wünschst Du Dir, nicht wahr, Severus? Und es ist sinnlos, das zu wünschen! Caryn würde ihn vielleicht schon nächste Woche verlassen! „Ich brauche diesen Freiraum, Caryn, ich..."
„Es tut mir so leid, Severus, ich hatte mir so fest vorgenommen, es diesmal zu schaffen! Ich will DIR ALLES GEBEN, was Du brauchst. Ich weiß, daß Du Freiraum brauchst! Das ist in Ordnung. Ich..."
War ihr bewußt, daß sie etwas versäumt hatte, indem sie ihm ins Wort gefallen war? Als hätte sie ihn vor dem, was er ihr hatte sagen wollen, bewahren wollen... Wobei er sich bis jetzt nicht darüber klar war, was er ihr eigentlich hatte sagen wollen. Und warum nahm er ihre Entschuldigung nicht an und war froh, dieses Gespräch jetzt beenden zu können? Er hatte das BEDÜRFNIS weiterzusprechen.
„Caryn, Du … hast mir gestern sehr viel gegeben. Es tut MIR leid, daß ich uns danach so schnell in die Realität zurückbefördern mußte."
Ihre Aura verschleierte sich. Die Erleichterung, die sie bis eben ausgestrahlt hatte und an der er so gern teilgenommen hatte, die er hatte verstärken wollen, indem er ihr diese Worte schenkte – war ihre Erleichterung ihm doch der Beweis gewesen, daß er bei ihr noch immer nichts zerstört hatte – war verschwunden. Was hatte er denn gesagt?
„Aber das WARdie Realität, Severus", traf ihn wie ein Schnitt in die Brust.
Das wäre schön, Caryn... „Ich fürchte nicht, Caryn..."
„Was war es dann?" Kaum hörbar.
Glück? „Ich weiß es nicht..."
Sie schlang die Arme eng um ihren Körper, und ihm blieb schlicht nichts anderes übrig, als die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken und ihre Arme durch seine zu ersetzen. Sie festzuhalten und zu warten, bis sie ihre Arme zwischen ihnen beiden herausziehen und um ihn legen würde. Stattdessen machte sie sich von ihm los, um ihm herausfordernd ins Gesicht zu sehen.
„Aber es war ein schöner Traum, oder?" In ihrer Stimme waren die Tränen zu HÖREN, die sie in ihren Augen und ihrer Aura versteckte. Er konnte nichts sagen, nicht denken, was er sagen könnte. Öffnete nur spontan erneut die Arme. Bemerkte, daß er die Augen geschlossen hatte, als er ausschließlich SPÜRTE, wie sie sich an ihn warf und sich diesmal so weit wie möglich um ihn schlang, wozu sie ja lediglich ihre Arme benutzen konnte. Mit seinen Armen verdoppelte sich der Druck, mit dem sie sich aneinanderdrängten. Ihre Stimme vibrierte in seinem Brustbein.
„Es ist so verlockend, daß es sich so real ANFÜHLT. – Und schon zerrede ich es wieder, verdammt..."
Severus stieß resigniert Luft aus seiner Brust. Wollte, warum auch immer, SO gern antworten. Wußte, daß er auf keinen Fall antworten durfte. Verdammt! Sie hatte so verdammt recht. Diese Illusion war verdammt gefährlich verlockend. Hier, jetzt, heute, immer noch. Um seinem Mund keine Möglichkeiten für irgendwelche Dummheiten zu geben, küßte er sie heftig. Sie umfuhr sein Gesicht dabei drängend mit den Fingern. Löste ihre Lippen von seinen und sagte, noch immer angstvoll:
„Wenn Du so sauer auf mich bist, weil ich so... unerträglich bin, daß Du beinahe mich verlassen willst: Könntest Du mir dann bescheid sagen und mir eine allerletzte Chance geben?"
Wie, in Merlins Namen brachte diese Frau es fertig, ihm ständig Dinge zu sagen, die ihn mitten ins Herz trafen? Aus einem Reflex heraus machte er sich los und flüchtete hastig in die räumliche Distanz, wo er die seelische schon wieder verloren hatte. Er sah Caryn nicht an, hatte ihr Gesicht mit ihrer gedämpften Trauer dennoch in allen Einzelheiten vor Augen. Vor weniger als vierundzwanzig Stunden hatte er trotz allem, was dagegen sprach, absolute Nähe zu ihr erlebt und zugelassen. Jetzt sagte sie etwas, was er so schmerzhaft zu hören wünschte, was seine Seele für sie öffnen könnte, weil diese sich durch ihre Worte geschützt und sicher fühlte – und er ergriff die Flucht, um Caryns Nähe zu beenden? Was wollte er denn noch MEHRvon ihr? Sie WIRD aufhören, Dich zu lieben! Sie wollte ihm beweisen, daß er sich irrte....
„Du meinst, das geht nicht, oder? Aber es ist jetzt doch noch nicht zu spät?" Da war sie laut und deutlich. Caryns Angst, ihn zu verlieren. Meine Angst. Dieselbe Angst. UNSERE GEMEINSAME ANGST. Und er stand hier, Meter und Meter von ihr entfernt, und brachte den Mut nicht auf, diese Angst zu vernichten? Man KANN Angst nicht vernichten! Was dann? Wie sonst?
Caryn befand sich noch an derselben Stelle. Langsam bewegte er sich auf sie zu. Ihre Augen begleiteten jeden Schritt. Dieselben Augen, in denen er gestern so losgelöst und glücklich gewesen war. Illusion oder nicht: Caryns Augen waren noch DA. Da, IHMzu folgen, bis er dicht vor ihr stehenblieb und nichts tun konnte, als sie wieder in seine Arme zu ziehen. Er sah nichts mehr. Hörte seine eigene Stimme beruhigend auf sie einreden, und das war so anders als alles, was er normalerweise tat, und es hörte sich dennoch so richtig an. Er KONNTEdas: Caryn TRÖSTEN. Ja. Das konnte er.
„Ich bin manchmal wütend auf Dich, das stimmt. Aber Du bist mir nicht unerträglich, Caryn. Im Gegenteil. Du…" Werd hier jetzt nicht sentimental! Dies ist keine Liebesschnulze! J „Aber", fing er noch einmal an, sie von sich abhaltend und streng musternd, „wenn Du jetzt fragen willst, was das Gegenteil von unerträglich genau ist, dann kann ich nicht garantieren, daß ich meine Meinung nicht ändere!"
Sie begriff und lächelte ihn an.
„Ich liebe Dich WIRKLICHSeverus."
Caryn
Und daß er auf diese ihre Aussage hin schnell das Thema wechselte, traute sie sich jetzt – mitten in diesem Gespräch, in dem sie sich schließlich wieder nahe gekommen waren – einfach als Ausdruck seiner Angst zu sehen und nicht als verschlüsseltes Du bist mir gleichgültig. Es war einfach typisch Snape. Den sie liebte. Den sie SO SEHR liebte.
„Der Grund, daß ich Dich herbestellt habe, ist ein anderer", erklärte er sachlich, während er sich von ihr losmachte und sie in Richtung Labor leitete. „Wir haben gestern etwas Wichtiges vergessen."
„Nämlich?" fragte sie gespannt.
„Du hast also vor, nächstes Jahr ein Baby zu bekommen?" fragte er mit einem Hochbrauenblick von der Seite zurück.
„Wenn Du mich dann heiraten würdest."
„WAS?!"
Sie grinste über seine Entrüstung.
„Das war ein Scherz! Ich bin gerade am 25. – ich meine heute am 26.– Zyklustag, da ist es leider total unwahrscheinlich, schwanger zu werden."
„Liebe Caryn, Du bist eine Hexe. Und ich ein Zauberer, in aller Bescheidenheit. Es hat schon ganz andere magische Babys gegeben als solche des... 25. Zyklustags!"
„Ehrlich?!" Ihre begeisterte Hoffnung war nicht zu überhören. Er war an seinem Arbeitstisch für Privatprojekte angelangt und hatte sich drohend zu ihr umgedreht.
„Caryn!"
Willst Du keine Kinder? Schaffte sie zu unterdrücken.Warf ihm lediglich einen sehnsuchtsvollen Blick zu, worauf er... allen ernstes lächelte!! Schmerzlich. Gequält. Unendlich traurig. Du willst das doch, Severus, Du WILLST mich doch, ich SEHE das doch… Mit all ihrer Selbstdisziplin hinderte sie sich daran, ihre Frage doch noch auszusprechen. Sein Lächeln löste sich in Resignation auf.
„Das ist sehr lieb von Dir, Caryn", seufzte er, und selbst Severus Snape brachte nicht fertig, beim Seufzen ironisch zu sein.
„Was?"
„Daß Du Deine Frage nicht ausgesprochen hast."
„Wie?"
Er nahm einen Becher von seinem Arbeitstisch und reichte ihn ihr. Caryn nahm ihn entgegen, sah ihn jedoch nur erwartungsvoll an.
„Ich habe eine gewisse Begabung, diese auch noch entsprechend trainiert früher..., gewisse Bedeutungen der Gedanken oder Gefühle bei einem Gegenüber... wahrnehmen zu können."
„Du hast meine Gedanken gelesen?!" Das fühlte sich nicht bedrohlich an, im Gegenteil, sie fand es wunderbar, daß für IHN IHRE Gedanken wirklich interessant genug waren, daß er sie kennen wollte! Genauso wunderbar wie die Tatsache, daß er wirklich etwas so Faszinierendes beherrschte (das Gerücht von snape'schen heimlichen Legilimens-Angriffen hielt sich also nicht zu unrecht in Hogwarts, solange sie zurückdenken konnte! „Ohne Legilimentikzauber?" Voller Stolz betrachtete sie ihn.
„Das ist zu viel gesagt", schwächte er ab. „Aber manchmal gelingt es mir, die eine oder andere Schwingung aufzufangen, die mir gewisse Rückschlüsse erlaubt."
„Das heißt, daß Du genau weißt, was die Menschen in Deiner Umgebung..."
„Normalerweise wende ich das nicht bewußt an. Schon gar nicht im Alltag, was interessiert mich das Innenleben meiner Schüler und Kollegen?!"
„Aber eben hast Du meine Gedanken...?" Und sie hatte es nicht einmal bemerkt!
„Bei Dir geschieht das oft spontan. Jetzt sowieso, aber auch früher schon, bevor... wir begonnen haben, uns zu treffen."
Dann BIN ich etwas Besonderes für Dich…?! „Und das ist besonders?" fragte sie zögernd.
„Normalerweise, bei fremden Menschen, muß ich Blickkontakt aufnehmen und mich mit aller Macht auf diesen Akt der Legilimentik konzentrieren. Bei Dir geht das meist einfach so."
Und das IST doch wunderbar…Denn das müßte doch bedeuten…„Warum... ist das so?" überwand sie sich zu fragen.
Severus
Seltsam, wie unsicher sie ihrer Bedeutung für ihn war! Hatte er nicht das Gefühl, für sie vollkommen durchschaubar zu sein in dem, wie er sich ihr gegenüber verhielt? So durchschaubar und verletzlich, daß er ständig den Drang verspürte, Caryn vor den Kopf zu stoßen, um die Distanz zu ihr künstlich zu vergrößern? Und sie schien sich nicht zu trauen, ihren Gefühlen, die ihr das sicher sagten, Glauben zu schenken... Eine direkte Antwort kam selbstredend nicht in Frage, das was dann aus seinem Mund kam, war aber eindeutig nicht besser!
„Bei Dir handelt es sich nicht um irgendwelche Flausen einer x-beliebigen Schülerin, sondern um Gedanken einer Frau, der ich... mittlerweile ziemlich nahe gekommen bin, ...falls Ihnen das bisher entgangen sein sollte, verehrte Miss Willson." Er lächelte grimmig bei der Erkenntnis, wie er sich schon wieder dazu hatte hinreißen lassen, ihr Sachen zu sagen, die er schon in derselben Sekunde bereute. Seine Ironie zwecks Abschwächung half da wenig. Vor allem nicht dagegen, daß es die Wahrheit gewesen war, die er da ausgesprochen hatte. Selbst Caryn würde aus diesen Worten schließen können, daß… Dann erst sah er sie erstarren. Sah sie ihn mit vor Angst verdunkelten Augen anschauen. Krampfhaft schlucken. Außer lähmender Angst drang nichts zu ihm. Mit verständnislos gerunzelter Stirn beobachtete er sie, unsicher, wie er reagieren sollte.
„Meiner Meinung nach habe Dir eben etwas Positives gesagt", half er ihr ratlos.
„Ich..." Sie räusperte sich. Schluckte wieder. Jetzt fühlte er praktisch ihren Schmerz. Mehr gab sie ihm nicht preis. Rasch nahm er ihr den Becher wieder aus der Hand, um zu verhindern, daß sie etwas verschüttete.
„Was ist, Caryn?" fragte er verständnislos.
„Ich... darf ich … Dir eine von meinen Fragen stellen, ohne daß... Du mich verläßt?"
Er schloß die Augen und tat, unmerklich den Kopf schüttelnd, einen tiefen Atemzug.
Oh, Caryn… „Ja doch!"
„Warst Du... diesen Anderen...auch so... nah?"
Vor Verblüffung schüttelte er seinen Kopf jetzt richtig. An DAShatte er schon so lange überhaupt keinen Gedanken mehr verschwendet!
„NEIN!" Aufrichtigkeit verdiente sie, sie anzulügen, kam nicht in Frage. Das war in diesem Fall zweifellos absolut falsch, aber das war ihm in diesem Moment egal. Er gab ihr zu viel Macht über ihn, indem er sie wissen ließ, was sie ihm bedeutete, und dennoch war da ein sehr starker Teil in ihm, der – auch um diesen Preis – WOLLTE, daß sie es wußte. Heilige Verdammnis, aber so war das nun einmal! Und Caryn hatte das sehr WOHL zur Kenntnis genommen. Hatte ihren Blick, eben noch auf den Boden gerichtet, zu ihm schnellen lassen. Dennoch sehr skeptisch. Zweifelnd. Wie unsicher sie war! Und warum nutzte er diese Unsicherheit nicht aus, um sich jetzt doch noch über sie zu stellen? Von seiner eigenen Unsicherheit abzulenken? Er konnte nichts anderes wollen, als ihr DIESE Angst zu nehmen, wenigstens DIESE. Eindringlich sah er sie an. „Caryn, warst Du gestern dabei, als wir gestern... beieinander lagen?!"
„Ich weiß ja nicht... vielleicht bist Du immer so, wenn Du... bei einer Frau..."
Du sollst die Distanz zwischen Euch aufrechterhalten! Unantastbar bleiben! Sei froh, daß sie sich Deiner so unsicher ist! Das ist ein Segen! NOTWENDIG! Unzurechnungsfähig war er, aber er zerstörte diesen notwendigen Segen. In endgültiger, ihm keine Hintertür lassender Weise. Und trotzdem tat er es. WOLLTE es.
„Sei dessen versichert, daß ich... SO ETWAS... in der Form noch nicht erlebt habe", stellte er trocken fest. Tränen strömten plötzlich über ihr Gesicht, und sie machte keine Anstalten, sie zurückzuhalten. Verzog ihr Gesicht und kniff die Lippen zusammen, um zumindest nicht loszuschluchzen. Bestürzt machte Severus eine Bewegung auf sie zu, während sie sich ein Stück zusammenkauerte, ihre Arme eng angelegt und seine Umarmung lediglich passiv hinnahm. Ja, Severus, es reicht nicht, daß Du ihr hier eine lächerliche LIEBESERKLÄRUNG nach der anderen machst, nein, jetzt mußt Du sie auch noch TRÖSTEN, Dich in die wievielte Umarmung heute schleichen, obwohl weder Dienstag noch Freitag ist – wie wäre es gleich mit einem Heiratsantrag?!
„Caryn, ich dachte, das wüßtest Du... mittlerweile, ... daß Du keine von den Anderen bist..."
Sie schluchzte noch immer nicht, wischte sich jetzt die Tränen ab, während neue nachkamen und schlang schließlich ihre Arme um ihn. Drängte sich gegen ihn, und ihn traf mit einem Schaudern eine Folgerung aus diesem Gespräch: Sie hatte sich ihm absolut hingegeben, sie hatte ihn GELIEBT, während sie sich nicht einmal DIESERTatsachesicherwar? Hilflos strich er ihr über das Haar.
„Kann ich davon ausgehen, daß das Tränen der Erleichterung waren, oder weinst Du jetzt, weil Du mich jetztnicht mehr reinen Gewissens verlassen kannst?" wollte er ironisch von ihr wissen. Und Du glaubst doch wohl nicht wirklich, daß es nicht sogar für SIE offensichtlich sein muß, daß das – bei aller Ironie – Dein voller Ernst war?! Doch, diesmal HATTEsie seine Zugeständnisse zwischen den Zeilen – IN den Zeilen, Du liebeskranker Idiot! – sehr wohl entschlüsseln können, denn sie fragte ihn kummervoll:
„Was kann ich tun, damit Du glaubst, daß ich wirklich Dich liebe und viel zu sehr, um Dich verlassen zu können? Zu WOLLEN!"
Darauf gab es keine Antwort. Es KONNTE keine Antwort darauf geben.
„Trink jetzt bitte den Trank, Caryn. Ich muß gleich in den Gemeinschaftsraum zu meinen Schülern." Na, GOTT sei Dank!! Hast Du es schließlich doch noch geschafft!
Caryn
Daß er ihr auf ihre letzte Frage antworten würde, hatte sie selbstredend nicht erwartet. Für ihn GAB es keine Antwort darauf. Und womöglich gab es überhaupt keine. Keine, die JETZT existierte. Es wäre so leicht, Severus! Du müßtest mir nur die Chance geben, es Dir einfach unser Leben lang zu BEWEISEN…
Auch ohne einen Heiratsantrag oder ein potentielles magisches Baby – ein wunderbarer Name ihres gestern Nacht erwachten Traums! – war sie so erfüllt von seinen nie für möglich gehaltenen offenen Worten, was sie für ihn bedeutete, daß sie ihre Schritte nicht ruhig zu halten vermochte. Um ein lautes Jauchzen zu verhindern, begann sie zu rennen, so schnell sie konnte, durch die Gänge von Hogwarts. Er liebt mich doch! Beinahe! Oder es wäre zumindest MÖGLICH!
Aber hatte er nicht gestern noch das genaue Gegenteil davon gesagt? Ich werde mich nicht an Dich binden. Ich liebe Dich nicht. Hatte sie seine Worte heute überbewertet? Caryn ließ ihre schnellen Schritte auslaufen.
Sei dessen versichert, daß ich... SO ETWAS... in der Form noch nicht erlebt habe.
Naja, über Liebe sagte das strenggenommen ja auch nichts aus. Aber zum erneuten Durchstarten reichte es doch zweifellos. Sie WAR keine von den Anderen! Und zum Teufel jagen wollte er sich auch noch nicht. NOCH NICHT.
Severus
Kalte Dunkelheit umfing ihn, als er seine Bürotür entsiegelt hatte und den Raum betrat. DAS war es doch! Sein Leben. Wie es WAR. Wie es sein MUßTE. Wie konnte er sich nur so gehen lassen, wie konnte er nur so zu tun, als ob…
Mit harten Schritten ging er ins Labor hinüber. Dort stand noch der leere Becher, den Caryn vorhin schließlich ohne Murren ausgetrunken hatte.Mit einem strahlenden Gesicht. Wie hatte er ihr so viel sagen können? Ebensogut hätte er so etwas aussprechen können. Ich liebe Dich. Welch ein Wahnsinn! Ihr so viel Macht über ihn zu geben. Indem er sie wissen ließ, wie sehr sie ihn verletzen würde, wenn sie ginge. Nichtsdestotrotz WAR es doch so. Sie WÜRDE ihm weh tun. Weil er sie… Aber stimmte das denn? Und was würde er ihr damit versprechen, wenn er derartiges sagte?
Du gibst ihr den Freibrief, nach Belieben über Dich verfügen zu können. All Deine Zeit mit ihr zu verbringen. Von Dir zu verlangen, Deine Zukunft mit ihr zu teilen…
Das konnte er nicht. Er HATTE keine Zukunft. Er hatte ja nicht einmal ein Leben. Das hatte er ihr gesagt. Und auch heute nicht verleugnet. Er hatte ihr nichts versprochen. Dennoch war Caryn am Schluß eindeutig zu GLÜCKLICH gewesen – auch wenn sie sich redlich bemüht hatte, ihn das nicht zu deutlich merken zu lassen. Heute konnte er sich nicht die Illusion machen, daß sie das Ungesagte zwischen seinen Worten nicht gelesen haben könnte. Etwas wirklich Schlimmes ausgesprochen hatte er aber ja nicht und ihr somit wenigstens nicht das Recht gegeben, daraus Ansprüche und Forderungen abzuleiten. Und das darf auch niemals geschehen!
Er griff nach dem Becher, ließ Wasser aus der Spitze seines Zauberstabs hineinlaufen, setzte den Reinigungszauber an, wandte den Blick ab, als er ihn gedankenverloren zurückstellte.
Außerdem wäre er wahnsinnig, derartige Worte auszusprechen und sich ihr damit NOCHverletzlicher zu machen. Sie kennt nur einen Bruchteil von mir. Sie wird mit einem Schlag aufhören, mich zu lieben, sobald sie erkennen wird, WER ICH BIN. Wenn sie erkannt hätte, daß er ein Todesser gewesen war und was das im einzelnen bedeutete. Was das noch immer bedeutete, nach all den Jahren, was es in Zukunft bedeuten würde. In DER EINZIGEN Zukunft, die er hatte. Severus verschränkte seine Arme vor der Brust, und wer ihn jetzt beobachtet hätte, hätte nur Snapes vertraute, distanzdemonstrierende Geste wahrgenommen. Nicht daß er innerlich dem haltlosen Frieren Einhalt gebieten mußte. Kalt war es um ihn. IN IHM. Unendlich kalt.
Was kann ich tun, damit Du glaubst, daß ich wirklich Dich liebe und viel zu sehr, um Dich verlassen zu können? Zu WOLLEN! Das hatte sie wirklich GEMEINT. Sie war DAVON ÜBERZEUGT, daß das wahr war. Caryn. Caryn mit ihrer überschäumenden, warmen Zärtlichkeit, die sie für ihn, Severus, empfand. Für den Mann, den sie für MICH hält. Für den Mann, den ER in manchen Momenten für sich selbst hielt. Sie fühlte sich so sicher an, so …. absolut SICHER. Caryn hatte keine Zweifel daran, daß sie IHN liebte…
Selbst wenn sie sich NICHT plötzlich zurückziehen wird: Sie wird mich immer weniger lieben, je besser sie mich kennenlernen wird.
Nein, es gab keine Lösung. Es war nicht möglich, daß sie ihn liebte. Es war einfach unmöglich. Und daher war es abgrundtiefer Schwachsinn, ihr auf die Nase zu binden, wieviel sie ihm bedeutete. Mit einem solchen offenen Bekenntnis würde er von ihr verlangen, daß sie Verantwortung für ihre Beziehung übernahm. Daß sie seine Erwartung ertragen müßte, bei ihm zu bleiben. Und der Gedanke an eine Frau, die nur aus Pflichtgefühl, geschweige denn, aus MITLEID bei ihm bliebe, war ihm mehr zuwider als – beinahe – ALLES auf der Welt.
Das wird niemals geschehen!
Entsetzt registrierte er, daß er die verborgene Tür hatte erscheinen lassen, einfach indem er die betreffende Wand angestarrt hatte. Verfluchte Geschichte! Verdammt verfluchte Schwäche!
Verdammte HOFFNUNG, Severus. Verdammt verlockende nicht totzukriegende Hoffnung!!
Caryn Sonntag, 8.3
Gespannt betrat Caryn zum Abendessen die Große Halle. Ein Kontrollblick zum Lehrertisch: Severus war nicht anwesend. Sonntags Abends kam er nicht zuverlässig. Leider nahm ER nicht jede Gelegenheit wahr, einen kleinen Blick mit Caryn zu tauschen. Und bei den Mahlzeiten hatte er diese kleine Geste, die sich erstaunlicherweise eingebürgert hatte, ohnehin wieder eingestellt – sie zogen im Unterricht schon genug Aufmerksamkeit auf sich, das war ja auch richtig…
Caryn stieß einen Sehnsuchtsseufzer aus und suchte jetzt den Ravenclawtisch ab: War Lucas zurück? Ob er Lauren sein großes Geheimnis mitgeteilt hatte? Sie sah ihn zwischen seinen Freunden sitzen, ohne sich an deren Gespräch zu beteiligen. Auch Appetit schien ihm zu fehlen. Gegenüber von ihm war eine kleine Lücke, in die Caryn sich nun quetschte.
„Hallo Du!"
Er hob den Kopf und verzog den Mund zu einer Art Lächeln.
„Hey, Caryn."
„Ist es schiefgelaufen?" fragte sie mitfühlend.
„Naja... Ich hab... Es hat sich einfach nicht ergeben..."
„Du hast ihr nichts gesagt?"
„Es war so schön diesmal. Total harmonisch. Sie wollte..." Er beugte sich zu ihr vor und senkte die Stimme: „Sie wollte mit mir schlafen. Zum ersten Mal, verstehst Du...?"
Caryn grinste ein wenig verächtlich.
„Und da konntest Du natürlich nicht riskieren, diese Chance zu gefährden. Ich verstehe schon." Sie beugte sich ebenfalls näher zu ihm. „Sag mal, ist Dir eigentlich klar, daß sie viel mehr an Dich gebunden ist, nachdem ihr miteinander geschlafen habt? Daß sie jetzt viel verletzlicher ist?!"
Lucas sagte nicht sofort etwas. Dann ein wenig zerknirscht:
„Das hat mir auch viel bedeutet. Und vielleicht..."
„Vielleicht WAS…?!"
„Vielleicht WOLLTE ich ja, daß sie erst mehr an mich gebunden ist, bevor ich es ihr sage..."
„Sollte sie das nicht frei entscheiden können?"
„Was? Sie hat sich doch dazu entschieden, MICH zu nehmen!"
„Aber Du bist magisch!"
„Aber doch nicht NUR!"
Caryn kam eine Idee.
„Würdest Du es ihr verheimlichen? Ich meine: GANZ? IMMER?"
„Du meinst, mich als Muggel ausgeben?"
„Ja."
„Naja... das tue ich ja nun schon eine Weile."
„Und?"
„Ich weiß ja nicht, ob und wie lange wir zusammenbleiben werden. Und sie weiß ja schon, daß ich eine Eule habe, die Post erledigen kann, und daß ich auf einer völlig unbekannten Schule in Schottland bin und daß ich merkwürdige Eltern habe, die sie deswegen immer noch nicht kennengelernt hat."
„Du meinst, sie weiß eigentlich schon, daß Du zaubern kannst!" stellte Caryn ironisch fest.
„Weißt Du, daß Du manchmal Deinem Snape alle Ehre machst?"
„Er ist nicht MEINSnape!" berichtigte sie automatisch. Was für ein Gedanke, daß der Schwur sie hier am Tisch tot umfallen lassen würde! Und Snape glänzte durch Abwesenheit! Würde er sonst aufspringen und zu ihr rennen? Sie in seine Arme reißen? Immerhin hatte er sich mehrfach um ihr Leben gesorgt. Ob Dumbledore den schwarzmagischen Fluch als Todesursache ermitteln könnte?
„Er guckt übrigens gerade", unterbrach Lucas sie in ihren Gedanken.
Caryns Kopf zuckte reflexhaft, obwohl sie genau wußte, daß sie sich doch nicht einfach nach ihm umsehen durfte!
„Er war doch eben gar nicht..."
„Na, das hast Du schon registriert, was? Er ist eben hinter Dir vorbeigeschwebt. Gar nicht bemerkt?"
Caryns Herz schlug so heftig, daß sie ohnehin nichts hätte erwidern können. Das war es also. Todesursache: Herzversagen. Diese Herzrhythmusstörungen hier die letzte Verwarnung seitens des Schwurs. Vielen Dank auch, Severus! Caryn bezwang das Verlangen, sich zurückzulehnen, um ihn sehen zu können, und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihren Teller. Lucas musterte sie noch einen Augenblick spöttisch, bevor er seinen Freund neben sich ansprach.
Severus
Er war nach einem Spaziergang im Wald zu spät zum Abendessen gekommen. Zügig durchschritt er die Halle, wobei ihm nicht entging, daß Caryn so sehr in ein Gespräch vertieft war, daß sie ihn nicht bemerkte. Sonst bemerkte sie ihn IMMER,auch wenn sie, wie jetzt, mit dem Rücken zum Mittelgang saß.
„Mahlzeit", brummelte er der versammelten Lehrerschaft zu und ließ sich auf seinem Platz nieder. Von dort überprüfte er seinen ersten Eindruck: Ja, sie sprach konzentriert mit ihrem jungen Freund, diesem Boots. Das war neu. Normalerweise war der Junge die ganze Zeit mit seinen beiden Kollegen zusammen, bis auf freitags auf dem Weg zu ihrer gemeinsamen Muggelkunde. Hmm. Worüber sprachen die beiden dermaßen intensiv? Er konnte Boots frustrierten Gesichtsausdruck erkennen. Caryn redete anscheinend auf ihn ein. Snape verzog den Mund. Ob sie anderen gegenüber auch so anstrengend beharrlich war? Ob er kurz versuchen sollte, ob er erspüren konnte, was in ihr vorging?
„Severus, darf ich Dich kurz stören?" Erschrocken fuhr er zusammen. Sein Direktor hatte sich von hinten genähert und ihm die Hand auf die Schulter gelegt. „Ich wollte Dich nur an die Dienstversammlung morgen Abend erinnern. Ich hatte sie an's Schwarze Brett im Lehrerzimmer gehängt, aber ich bin nicht sicher, ob Du am Wochenende dort warst..." Das alte gütige Gesicht lächelte auf ihn herab. Severus verengte die Augen. Dumbledore hatte doch wohl nicht bemerkt, womit er beschäftigt gewesen war?
„Albus, ich war selbstverständlich NICHTim Lehrerzimmer am Wochenende! Was Dich wohl auch gewundert hätte." Er klang ziemlich verbiestert. Also einen Gang zurück: „Aber danke, daß Du es mir persönlich sagst." Und wie nett, daß es nicht am Dienstag Abend ist, fügte seine innere Stimme – an seine eigene Adresse gewandt – hinzu.
Dumbledore entfernte sich, noch immer lächelnd. Snape mußte wirklich vorsichtiger sein! Ein Blick zum Ravenclawtisch zeigte ihm, daß Boots sich wieder seinen Freunden zugewandt hatte und Caryn im Begriff war aufzustehen. Jetzt waren ihre Augen bei ihm, und er brauchte nichts zu tun, um die Wärme von ihr zu fühlen. Er schenkte ihr einen kurzen, intensiven Blick – sein Lächeln problemlos in sich haltend – und holte Luft, weil sein Herz sich selbständig machen wollte. Er verlagerte das Gewicht und wandte sich endlich seinem Essen zu. Als er das nächste Mal aufsah, war Caryn verschwunden. Er WÜRDE sie noch nicht gehen lassen. Irgendwann würde sie weglaufen, und er würde sie nicht daran hindern können. Aber noch war sie da. Noch liebte sie ihn. Noch wartete sie auf ihr nächstes Treffen ebenso sehr wie er. Übermorgen.
Lehrerkonferenz
Severus Montag, 9.3
Wie üblich war er zuerst in Dumbledores Büro gewesen, um kurz mit seinem Direktor über die neuesten politischen Entwicklungen – und in diesen Tagen über den Stand der Fahndung nach Sirius Black – zu sprechen. Die angenehme Nebenwirkung dieser Gewohnheit bestand darin, daß ihm so erspart blieb, zur Begrüßung die Runde um die bereits Anwesenden zu machen. Auf diese Weise brauchte er nur von Zeit zu Zeit widerwillig seine Hand – und bei bestimmten Leuten seine Augen – zu heben, wenn seine Kollegen ankamen.
Allmählich füllten sich die Plätze in der Runde. Zuletzt hetzte die Nächstenliebe herein und mußte mit dem letzten freien Platz – neben ihm – vorlieb nehmen, nachdem sie ihn überraschenderweise angelächelt hatte. War die Frau verrückt geworden? Snape verzog das Gesicht.
„Können Sie auch richtig lächeln?" fragte diese Person keck.
Darauf haben Sie keinen Anspruch. „Warum interessiert Sie das?" brummte er widerwillig.
„ICH lächle gern", antwortete sie leichthin.
„Und wie kommen Sie auf die Idee, daß MICH DAS interessiert?" giftete er jetzt.
„Oh, ich würde mich niemals Illusionen hingeben, Professor", kam von ihr zurück, indem sie sich von ihm abwandte. Na also. Geht doch.
Filius Flitwick räusperte sich vom anderen Ende der Runde.
„Severus, ich will Dir nicht zu nahe treten. Dennoch empfinde ich es als meine Pflicht, Dich darauf hinzuweisen, daß bestimmte Damen meines Hauses sich über Dich und Deine mangelnde Höflichkeit beschwert haben..."
Da hörte doch wohl alles auf! Wie konnte sich dieser alte Zwerg erdreisten, dieses Thema wiederaufzuwärmen, das er vor dreizehn Jahren nach Snapes Dienstantritt zuerst aufgebracht hatte – und das Severus mit viel Geduld ausgesessen hatte, bis es mit Albus' Unterstützung endlich hatte zu den Akten gelegt werden können! Was bildete sich dieser alte Mann ein, was Caryn für ihn, Filius, sein durfte?!
Caryn wäre die letzte, die sich bei Dir über mich beschweren würde, Du alter Narr!
Dumbledore hob an, seinen Lehrer für Zauberkunst in die Schranken der Tagesordnung und der Gepflogenheiten der Kritik unter Kollegen zu weisen, wurde jedoch von Minerva übertönt, die sich diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen ließ.
„Du kannst doch nicht im Ernst die Hoffnung haben, daß Severus auch nur in Erwägung ziehen könnte, einem solchen indirekten Appell zu folgen?!" ereiferte sie sich inbrünstig. „Du kennst ihn doch, das ist pure Energieverschwendung! Außerdem wäre sein völlig unfaires Verhalten meinen Gryffindors, allen voran Hermine Granger gegenüber das erste, was er gefälligst überdenken sollte!"
„Also ICH beschwere mich nicht, Filius", warf erstaunlicherweise – oder auch nicht, wenn man ihren Namen ernst nahm – die personifizierte Nächstenliebe ein, während desungeachtet Severus im selben Moment losgiftete:
„Ich bin sicher, daß die betroffenen DAMEN durchaus in der Lage sind, es selbständig mit mir zu regeln. So groß kann ihre Angst vor mir nicht sein! Ich habe bisher an dieser Schule noch niemanden umgebracht, Filius!"
„Severus, ohne Zweifel war solch eine Anspielung nicht Filius' Absicht!" schritt Dumbledore jetzt vehementer ein, und Severus bekämpfte seine Verlegenheit über die Einmischung des Chefs in seine Angelegenheit und konzentrierte sich auf die Suche angemessener Erwiderungen.
„Ich möchte Severus lediglich bitten, ein wenig Rücksicht auf die Seelen gewisser weiblicher Wesen zu nehmen, bevor er sie so behandelt, wie unsere Charity eben!" schnappte Flitwick in seiner quiekigen Stimme.
„Wir können für unsere Seelen meist ganz gut allein sorgen, Filius!" versicherte Charity jetzt, nicht ohne einen kleinen Seitenblick in Snapes Richtung herüberzuschicken.
„Diese Antwort solltest Du der Betreffenden besser selbst überlassen! Außerdem verstehe ich nicht, wieso Ihr alle Severus beschützt, wo doch statt seiner seine Opfer Schutz nötig hätten!" Flitwick hörte sich regelrecht trotzig an. Wenn Caryn wüßte, wie sehr sich ihr alter Hauslehrer für sie ins Zeug legte! Wie kam der nur dazu, sich als ihr Beschützer aufzuspielen!
„So weit, von Opfern zu sprechen, brauchen wir, glaube ich, nicht zu gehen, lieber Filius!" Dumbledore stand auf, wie um seinem Direktorenwort den nötigen Nachdruck zu verleihen. „Severus, wahrscheinlich weißt Du, um wen es hierbei geht. Ich traue Dir zu, selbständig die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, die erforderlich sind, das Seelenheil dieser Person zu erhalten."
Wenn Du wüßtest, wie recht Du hast, würdest Du Dich vor Lachen nicht mehr einkriegen, Albus! „Wie gesagt, ich neige nicht mehr dazu, Menschen umzubringen."
„Mit solchen Kommentaren vermeidest Du perfekt, Dich mit Deinem Verhalten auseinanderzusetzen!" grummelte Filius sich in seinen weißen Bart, während der Schulleiter in seiner Funktion seine Stimme magisch verstärkte und alles in dieser Sache Ungesagte schlicht übertönte.
„Ich darf Euch alle herzlich zu unserer zweiten Konferenz in diesem Schuljahr begrüßen! Auf der Tagesordnung: – ", Albus schwenkte seinen Zauberstab, um an der Wand die einzelnen Tagesordnungspunkte erscheinen zu lassen, „ – Reflexion über den ersten Ausflug nach Hogsmeade am vergangenen Sonnabend, Umgang mit den Dementoren auch im weiteren Verlauf des Schuljahres, Verabschiedung der Aufnahme des Patronuszaubers in den Prüfungsplan der sechsten und siebten Klassen aus gegebenem Anlaß und schließlich Verschiedenes."
Severus schaltete ab. Diejenige Reflexion des Hogsmeadeausflugs, die für ihn wichtig war, hatte er bereits zu hören bekommen. Was ihn wunderte, war die Nachdrücklichkeit, mit der diese Charity ihn unterstützt hatte. Caryn hatte zu dieser Frau einen freundschaftlichen Draht. Was ihm noch schleierhafter machte, daß diese ihm trotzdem derart wohlgesonnen war, nachdem Flitwick ohne Zweifel Caryn im Beisein Charitys dazu hatte bringen wollen, dessen Hilfe gegen Snape zu erbitten. Und wenn Caryn ihrer Lehrerin glaubhaft hatte machen können, daß sie keine Hilfe benötigte (Und das an dem Tag nach Snapes gewaltsamer Entsymbiotisierung, als Caryn außerdem noch geglaubt hatte, daß Snape sie lediglich als eine von vielen ansah – wie stark war dieses Mädchen in ihrer Liebe zu ihm?!) – wie hatte dann der alte Ravenclaw-Hauslehrer den Schluß ziehen können, daß er bevollmächtigt war, in Caryns Namen Snape anzugreifen? Noch dazu vor dem versammelten Kollegium?
Den Rest des Abends beteiligte er sich mit keinem Wort an dem Gespräch seiner Kollegen und hatte auch nicht den geringsten Grund, irgendjemanden anzulächeln.
„Obwohl ich finde, daß ich heute ein klitzekleines Abschiedslächeln verdient hätte!" lächelte die Nächstenliebe, indem sie sich am Ende der Sitzung erhob. Nun ja, sie hatte recht. Das war nicht zu leugnen. Severus stand rasch auf und sah ihr ins Gesicht – aus dieser erhöhten Perspektive weitaus angenehmer. Den Gefallen zu lächeln tat er ihr selbstverständlich nicht.
„Danke für Ihr rettendes Eingreifen, Sie machen Ihrem Namen alle Ehre, liebe Frau Kollegin", sagte er und fand, daß seine Ironie sich nett genug angehört hatte. Die Angeredete intensivierte ihr Lächeln.
„Ich stelle fest, daß Sie witzig sein können, Herr Kollege! – Obwohl ich schon darauf vorbereitet war, weil eine gemeinsame Bekannte das einmal erwähnt hat...." Sie guckte verschmitzt zu ihm auf, bevor sie sich zum Gehen wandte. „Viel Spaß noch, Severus! Lassen Sie sich Ihre Laune nicht verderben!"
„Mit solchen unqualifizierten Äußerungen kann man ebendies TODsicher erreichen!" schnappte er, jetzt sauer. Diese Frau wurde ja sofort übermütig! Und Caryn sollte sie gefälligst aus dem Spiel lassen! Charity zog in gespieltem Schuldbewußtsein den Kopf zwischen die Schultern, blinzelte ihm zu und ging beschwingt aus dem Zimmer.
„Was hast Du mit den Ravenclaw-Frauen am Hut, Severus?" Auch Albus' Stimme war von jener Belustigung durchdrungen, von der Snape heute bereits eine eindeutig zu hohe Dosis inhaliert hatte.
„Ich muß wohl aufpassen, daß ich nicht demnächst eine von ihnen heirate, Albus!" versetzte er giftig und eilte so schnell wie möglich aus dem Zimmer.
„Das wäre mit Sicherheit nicht das Schlechteste für Dich, Severus!" nahm der Alte sich auch noch heraus. Was bildeten sich heute Abend eigentlich alle ein?! Das plätschernde Lachen seines Direktors ignorierend, rauschte er durch die schülerfreien Gänge. Caryn und er würden in Zukunft aufpassen müssen, daß sie der Gerüchteküche nicht zu viele Zutaten in Form von öffentlichen Vorstellungen in ihrem gemeinsamen Unterricht lieferten!
In ZUKUNFT?!
Auf einen erneuten, ermüdenden Dialog mit seiner inneren Stimme jedoch konnte er nach diesem stressigen Abend nun wirklich verzichten! Zumal er etwas Wichtigeres erledigen mußte: Unanzweifelbar war es spätestens jetzt als wirklich notwendig anzusehen, den gefährlichen unbrechbaren Schwur schnellstmöglich aufzulösen – ehe all dieses Interesse an Caryn und ihm wahrhaftig zu einem Unglück führen würde! Das hieß, daß er heute Abend noch einmal gewissenhaft klären mußte, was er morgen würde tun müssen, um die einschränkende Klausel zu aktivieren, die Caryn überglücklicherweise damals von ihm gefordert hatte! Nicht auszudenken, aber sie hätten NICHTS tun können, wenn das anders gewesen wäre! Merlin sei Dank würden den schwarzen Fluch abwenden. Über alles weitere würde er sich anschließend Gedanken machen!
