Die Aufhebung des Schwurs
Caryn Dienstag, 10.3
Sie hatte sich schon beinahe daran gewöhnt, daß sie nie wußte, wie Severus und sie zueinander standen, wenn sie zu ihm ging. War es etwa auch das, was – frei nach SKINNER – die Ratte in ihr so völlig unmagisch anzog? Letztes Mal hatte er, deutlicher als sie je zu hoffen gewagt hätte, offen ausgesprochen, daß er sie... naja, zumindest, daß sie ihm etwas bedeutete, MEHRals diese Anderen jedenfalls. Und dann hatte sie ihn WIEDER überfordert mit einer unbedachten Aussage, und er hatte sich WIEDER zurückgezogen. Am Sonntag Abend hatte er ihr trotz allem den Genuß seiner Augen gewährt. Heute Morgen in Zaubertränke dann jedoch nur eines einzigen, nicht wirklich vertraulichen Blickes gewürdigt. Alles wie üblich.
Und genau wie üblich schlug ihr das Herz bis zum Hals, als sie den Gemeinschaftsraum verließ. Sie brachte es nicht einmal über sich, diese innere Ratte zu verfluchen. Viel zu sehr drängte es sie, endlich in seine Arme zu gelangen.
„Na, wieder zu Deinem Liebsten?" flüsterte ihr Freund, der Türklopfer-Adler ihr nach.
Caryn blieb stehen und drehte sich zu ihm um.
„Du kannst mir nachher eine Frage zum Behaviourismus stellen", scherzte sie.
„Ich denke, eher eine zu FREUD, daß er sich geirrt hat, als er annahm, Einsicht sei der erste Schritt zur Gesundung!" neckte der Adler zurück.
„Wie kannst Du eigentlich über alles im Bilde sein?" wollte Caryn wissen.
„Ein paar Geheimnisse wahre ich sogar gegenüber meinen Freunden", gab der Vogel zurück.
„Gibst Du Deinen Freunden einen Rat?"
„Ich weiß, daß Du auf dem richtigen Weg bist."
Ach, wenn das doch wahr wäre! „Bist Du sicher?"
„Vertrau Deinen Gefühlen."
Caryn lächelte gequält.
„Heißt das, ich darf mich geliebt fühlen?" fragte sie sehnsüchtig.
„Du kannst es nicht tun und es gleichzeitig hinterfragen", war die trockene Antwort. „Was IHN jedoch auf die Dauer nicht davon anhalten darf, die Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen."
„Er hat Angst." Warum entschuldigte sie ihn?
„Das ist keine Entschuldigung."
„Ich werde es irgendwann schaffen, ihm die zu nehmen." War sie davon so überzeugt, wie sie sich anhörte?
„Das muß er ALLEIN schaffen", war nicht die Antwort, die sie gerne hörte.
„Wir werden uns zunächst um unseren Schwur kümmern", wurde sie ohne Umschweife von einem geschäftigen Snape begrüßt, der ihr aus seinem Labor entgegenkam, um hinter ihr die Bürotür zu versiegeln. „Ich habe extra noch einmal in einigen neueren Büchern nachgelesen: Einen unbrechbarenSchwurzu verändern, ist in der Tat unmöglich. Die Todesgefahr läßt sich nicht bannen, indem man den Inhalt widerruft, neu gestaltet, erneut schwört oder sonst etwas versucht." Er war bereits wieder auf dem Weg zurück ins Labor. Caryn folgte ihm aufgeregt.
„Du hast ja glücklicherweise die Klausel drin, daß Du ihn aufheben kannst, indem Du den Geheimnisstatus aufhebst!"
„Das haben wir Deiner Dreistigkeit zu verdanken!" bemerkte er, sich zu ihr umwendend, so daß sie sich neben seinem mit aufgeschlagenen Büchern überdeckten Arbeitsplatz gegenüberstanden. Zum ersten Mal heute lächelte er. War es das, was dieselbe Dreistigkeit auf ihre Lippen beförderte?
„Weil ich Dich heiraten wollte", stellte sie feierlich klar, ehe sie sich davon abbringen konnte. Und sah seine schwarzen Augen in ihren noch schwärzer werden, während sein Lächeln verblaßte. „Weil ich Dich IMMER NOCH heiraten will!" war sie nun auch noch gezwungen zu berichtigen, und das machte es natürlich noch schlimmer. Verdammt, Caryn, kannst Du nicht EINMAL IM LEBEN Deinen Mund halten?! Nun bist Du selber schuld, wenn er wegläuft! Er lächelte nicht mehr. Sah sie eine, zwei Sekunden stirnrunzelnd an. Läßt Du mich allein, Severus? Er wandte sich ab. Lehnte sich, die Augen seitwärts auf einen Text gerichtet, rücklinks an die Tischkante. Nein, er BLEIBT! Ging auf das, was ihn bewegt hatte, nicht ein. Aber er blieb.
„Ich werde also den Schwur lösen, indem ich das Geheimhaltungsgebot aufhebe..."
Caryn trat neben ihn und beugte sich über dasselbe Buch. Warf ihm einen verstohlenen Seitenblick zu. Ihre körperliche Nähe schien für ihn in Ordnung zu sein.
„Ist dann der gesamte Schwur ungültig? Also auch das, was DU MIR versprochen hast?" In ihren Worten klang ausschließlich Neugier, was Snape zu einem forschenden Blick veranlaßte; sie selbst wunderte ihre Sicherheit nur einen kurzen Moment. Nein, es war keine Frage für sie, daß er sich weiterhin auch um SIE kümmern würde, auch freiwillig. Jetzt lachte Severus. Stellte sich aufrecht hin, wohl um eindrucksvoller auf sie herabblicken zu können.
„Das weit größere Problem besteht darauf, daß DU in der Lage sein wirst, mich nach Azkaban zu bringen", erklärte er ironisch. „Oder es Deiner Mutter zu erzählen, die dann dafür sorgt, daß ich von der Schule fliege", fügte er, wohl scherzhaft, hinzu. SIE fand das absolut NICHT witzig!
„Das ist nicht Dein Ernst, oder? Du weißt, daß ich Dich NIEMALS verraten würde!"
„Vielleicht nicht jetzt, aber später..."
„Severus, Du tust mir weh, wenn Du so etwas denkst!" rief sie entsetzt. Er drehte sich direkt zu ihr, und sie folgte ihm automatisch in Position, so daß sie sich nun sehr dicht gegenüberstanden. Und im nächsten Moment machte er sie GLÜCKLICH!
„Ich vertraue Dir, Caryn, und das ist womöglich…", er machte eine unbestimmte Geste, „…das Kurioseste an... an ALLEM hier." Caryn strahlte für ihn!
„Ich bin aber auch bereit, einen neuen Schwur zu schwören", versicherte sie. Er überging das.
„Andererseits hast DU keinen Grund, MIR zu vertrauen. Es wäre wahrscheinlich... angenehmer für Dich, wenn ich Dir wiederum schwören würde..."
Nein, um Himmels Willen! „Severus, ich WEIß, daß Du mich nicht mißbrauchen würdest." Ja, das war wirklich die Wahrheit! Trotz aller Zweifel und Sorgen und Ängste war sie sich dessen hundertprozentig sicher. „Ich habe das IMMER schon gewußt. Ich habe Dir schon an diesem allerersten Abend vertraut."
Voller Verwunderung erkannte sie, wie ihn diese Worte trafen. Daß er… erleichtert darüber war, unglaublich ERLEICHTERT. Er hat unendliche Sehnsucht danach, daß man ihm vertraut... Ein überwältigendes Bedürfnis, ihn zu trösten überkam sie, ihn zu schützen vor all den mißgünstigen, ihn hassenden Menschen – und am meisten vor ihm selbst. Es gibt KEINEN Menschen, der es mehr verdient hätte, daß man ihm vertraut, erkannte Caryn bewußt, und es kam ihr überhaupt nicht mehr irrational vor.
„Wie... kannst Du...?" Das war eigentlich keine Frage. Ungläubig, mit hängenden Schultern, stand er vor ihr, und sie umschlang ihn automatisch mit den Armen, ohne daß er darauf reagierte.
„Ich WEIß es! Das ist ein Gefühl. Eine GEWIßHEIT. Daß Du mich nie verletz..."
„Ich verletzte Dich doch ständig!" unterbrach er sie mit einer erschreckenden Bitterkeit, und einen Augenblick sah es aus, als wolle er wieder einmal die Flucht vor ihr ergreifen. Und vor sich selbst! Ihren Griff um seine Mitte verstärkend, sprach sie hastig weiter. „Aber nicht, weil Du das möchtest... VORSÄTZLICHmöchtest. Sondern weil Du... in dem betreffenden Moment keine andere Möglichkeit siehst. Weil ich Dich verletzt habe. Weil Dir etwas zu weh tut. Weil Du Angst hast...." Sie spürte, wie er sich ein Stück weit von ihr löste, weil er ihr nicht glauben konnte, aber er blieb, noch, noch hielt er ihre Umarmung aus, weil er ihr glauben WOLLTE. Und Caryn suchte händeringend nach besseren, ausdrucksvolleren Worten. Mit offenem Mund starrte er sie unentwegt an.
„Denkst Du das WIRKLICH?"
„JA!" gelobte sie inbrünstig. Er schüttelte den Kopf, blickte ins Leere. Sie hatte ihn noch nicht erreichen können. Befürchtete, daß er ihr jeden Moment doch noch endgültig entgleiten würde. Unter Druck nachzudenken, lag ihr überhaupt nicht. Aber es war wichtig. LEBENSWICHTIG. Irgendwie mußte sie ihn ihr glauben machen. Es war ESSENTIELL WICHTIG für den weiteren Verlauf ihrer Beziehung, daß er ihr das glaubte! „Ich meine nicht den Unterricht…", redete sie einfach drauflos. „Dakönnte man ja schon auf den Gedanken kommen, daß Du bestimmte Leute gerne quälst..." Das klingt ganz falsch, verdammt! Schnell haspelte sie weiter: „Aber das meine ich nicht! Das ist nur äußerlich! Du haßt das Unterrichten. Die Schüler..." Komm zum Punkt! Besorgt bemühte sie sich, ihn wenigstens mit ihrem Blick, mit ihrer Liebe bei sich zu halten. Lies doch bitte meine Gedanken, Severus, dann mußt Du doch erkennen, daß ich es ernst meine! Daß es die WAHRHEIT ist! Er blieb dort stehen. Zumindest das. Sollte sie weitersprechen? Sie tat es. Vorsichtig. „Aber wenn Du bei mir bist, bist Du anders." Oh nein, schon wieder ein tabuisiertes Wort! „Es MACHT Dir keinen Spaß, mich zu verletzen!" beteuerte sie verzweifelt. „Das WEIß ich! Du WILLST mich nicht wirklich verletzen! Du…" Schon wieder ein Tabu, aber das ist jetzt notwendig! „Ich fühle mich …" … GELIEBT, nein, sag es nicht, lieber doch nicht… „… GEACHTET, wenn ich bei Dir bin." Ja, das war das richtige Wort. Ein GUTES sogar. Und es wirkte. Endlich nahm Severus sie in seine Arme, hielt mit einer Hand ihren Kopf an seinem Hals, so daß sie seine Stimme aus seinem Mund ebenso hörte wie an seinem Hals und aus seiner Brust.
„Es macht mir keinen Spaß, Dich zu verletzen, Caryn, das ist wahr. Wenn ich auch nicht immer die Kontrolle darüber habe. In Extremfällen. Und dummerweise fällt unsere gesamte... diese SACHE unter diese Überschrift Extremfall. Du hast es da wirklich schwer mit mir..."
„Ich habe mir Dich aber ausgesucht, Severus. Und ich weiß das alles. Du wirst irgendwann ganz aufhören, mich zu verletzten." Sie lachte hell auf. „Ich will aber nicht, daß Du das schwörst!" und zuckte zusammen. Das war ein gefährlicher Scherz gewesen!Gott sei Dank, war sein Schnauben amüsiert.
„Soviel zum Thema Vertrauen!" spottete er gutmütig.
„Wer weiß, wie streng die zuständige Magie über Kontrolle urteilt!" Er lachte leise, aber lange in ihr Haar und drückte sie noch einmal an sich. Löste sich dann, so daß sie sich wieder ohne Berührung gegenüberstanden, als wolle er ihr die Gelegenheit geben, sich noch einmal zu besinnen. Nachdenklich sah er sie an.
„Bist Du sicher, daß Du nicht möchtest, daß ich erneut schwöre, Dich nicht zu mißbrauchen?"
„Aber NATÜRLICH bin ich das! JA!" Als er jetzt irgendwie anders in ihre Augen eintauchte, spürte sie, daß er sich darauf konzentrierte, Schwingungen von ihr aufzufangen. Traute er ihr etwa nicht zu, sich dessen sicher zu sein?! Trotzig verengte sie ihre Augen, und er nickte.
„Gut. Dann gib mir Deine Hand. Und nimm Deinen Zauberstab."
Sie legte ihre Hand in seine, wie sie es vor... einer Ewigkeit getan hatte und hatte diesmal – inmitten des Glücksrausches, daß sie mit ihrer Liebe entgegen aller Widernisse das VERTRAUEN Severus Snapes gewonnen hatte – noch mehr das Gefühl, sie würden heiraten. Als er nach einem stummen Augenblick, in der lediglich für den Bruchteil einer Sekunde die Lichtschlangen aufgeblitzt waren, seinen Zauberstab wegsteckte, wurde ihr erst vollständig klar, daß seine Worte, daß ER IHR vertraue, sich über einen längeren Zeitraum erstreckten als über die zwei Minuten, bevor der zweite Schwur getätigt worden wäre. War das sein Ernst?
„Ich soll Dir gar nichts mehr schwören?" fragte sie vorsichtig, um das Glücksgefühl besorgt, welches sich bereits in jeden Winkel ihres Ichs geschlichen hatte.
„Ich habe doch gesagt, daß ich Dir vertraue", gab er erstaunt zur Antwort, während er sich schon abwenden wollte. Diesmal warf sich regelrecht in seine Arme und war so stürmisch, daß er sie hochheben mußte und sich mit ihr ein Stück in ihren Schwung hineinbewegen, damit sie nicht auf der Stelle umfielen.
„Ich danke Dir so sehr... Severus, ich liebe Dich so sehr, ich will immer..."
Er drehte sich mit ihr auf dem Arm und lachte. Nicht wirklich amüsiert. Ironisch jedenfalls. Spöttisch. Aber herablassend. Dennoch nicht verletzend gemeint – Was nützt Dir das, wenn er Dich damit trotzdem verletzt? – nein, nicht wirklich verletzend, dafür war er selbst zu involviert. Resigniert war er. Und traurig. Doch, das bildete sie sich nicht ein: Severus war TIEFTRAURIG. Er ließ sie los. Würde sie jeden Augenblick allein lassen. Caryn krallte ihre Hand in seinen Umhang. Er machte einen ruckartigen Schritt, verharrte dann jedoch, ohne sich von ihr loszureißen. Die Bitterkeit in seiner Stimme riß dessenungeachtet an ihr.
„IMMER lassen wir mal schleunigst aus dem Spiel, das ist dann doch lächerlich lang – wenn man nicht gerade siebzehn ist!" Wieder lachte er sarkastisch auf. „Und DU wirst mich schon bald für einen liebenden jungen Mann verlassen – und im Sommer für immer verschwunden sein aus Hogwarts."
Severus
Caryn verringerte den Abstand zu ihm, den Stoff seines Umhangs noch immer fest im Griff. Sie suchte seine Augen. Schaffte es, seinen Vorsatz zu umschiffen, beide Kontakte mit ihr zu verhindern. Er sah sie an. In ihrem Blick stand die nackte Angst. ANGST. Sie hat sie genauso wie ich, erkannte er wieder. Seine eigene war, wie üblich, gut versteckt: Und er hatte trotz seiner Angst, die sich genau DARAUF bezog die Kraft gehabt, ihr an den Kopf zu werfen, daß sie ihn spätestens an ihrem letzten Schultag hier verlassen würde. Caryn handelte entgegengesetzt: Indem sie ihn zu verpflichten versuchte, ihr ewige Treue zu schwören. BEIDE Strategien haben keinen Sinn, Caryn…
„Verlaß mich nicht, Severus, bitte..." bat sie verzweifelt, und er wandte sich NICHT angeekelt von ihr ab, wie er immer gedacht hatte, es tun zu wollen, wenn er einmal in diese Situation geriete. Was sie sagte, daß sie ihn anflehte, WAR nicht ekelerregend. Es war Balsam. Balsam für seine eigene Angst. Würde er diesen Moment nicht speichern können und sich später, wenn sie ging, davon trösten lassen?
Wenn das so einfach wäre! Denk lieber an:„Ich weiß, daß James Potter ein arroganter Scheißkerl ist." Er dachte GAR nicht. Plapperst stattdessen! Lächerliche Worte! Gefährliche Worte! Unzulässige, leidbringende! VERBOTENE WORTE!
„Ich möchte Dich jetzt nicht verlassen, Caryn. Ich möchte jetzt..." Er griff nach ihr, um sie zu küssen, und plötzlich klammerten sie sich aneinander, als müßten sie sich einer Macht widersetzen, die sie von verschiedenen Seiten auseinanderzureißen versuchte. Da war nichts als verzweifelte Sehnsucht nach purer Vereinigung, Besiegelung, Versprechen...
DU KANNST IHR NICHTS VERSPRECHEN! Du DARFST es nicht!
Er trug sie ins Labor und öffnete, mittlerweile mit Übung, ihren kleinen Raum. Ja, es war Caryns geworden, einfach, weil all die Anderen aus seinem Bewußtsein verschwunden waren, als hätten sie nie existiert. Sie HATTEN nie existiert. CARYN existierte. Angenehm schwer drückte ihr Gewicht auf seine Arme, und ihr Mund wurde, kaum daß er sie auf dem Bett abgelegt hatte, bis auf weiteres zur einzigen Realität. Ihr Stöhnen in seinen Mund holte ihn mit einem Schlag in die Erinnerung, stieß in ihn hinein, stieß ihn ins Wissen, daß er dorthin zurückwollte, wo er letztes Mal gewesen war. Er wollte sie nehmen, in sie eindringen, in SIE stoßen, ihr seinen Samen geben, sich in ihr verlieren. SOFORT. Auf sein Aufstöhnen hin schob sie ihr Becken gegen ihn, rieb sich, sammelte sein Blut dort, so daß er sie unverzüglich mit beiden Händen an seine Härte pressen mußte. Sein Zauberstab mußte her, eine Bewegung später waren sie beide nackt, und all ihre Kleidung lag auf einem Haufen auf dem Boden neben dem Bett. Egal, er würde einen Ausziehzauber entwickeln müssen, bei dem die Stücke sich ordentlich hinlegten... Aber nicht JETZT.
Caryn hatte ihn sogleich mit Armen und Beinen und Lippen umschlungen, und Severus zwang sich, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, obwohl sein steifes Glied direkt in ihre feuchte Spalte geraten war. Trotzdem war es erst ihr zweites Mal. Er wußte nicht einmal, ob sie es heute auch wirklich wollte, zumal es am Freitag für ihren Körper an sich zu früh gewesen war...
Caryns Feuchtigkeit in Verbindung mit den winzigen Seufzern, die ihre kontinuierlichen Beckenbewegungen begleiteten, machte das Denken nicht einfacher. Jetzt unterbrach sie ihren Kuß, zog Severus auf sich und führte sein Glied an ihren Eingang.
„Tut es Dir nicht mehr weh?" rang er sich ab, und sie antwortete glücklicherweise das Richtige. Langsam drang er in sie ein, wobei noch ein kleiner Widerstand spürbar war und Caryn sich kurz verkrampfte, um sich dann sofort zu entspannen. Severus war in ihr. Atmete auf. War vorerst am Ziel. Wurde ruhig und schaute Caryn an.
Caryn
Sie atmete auf. War vorerst am Ziel. Wurde ruhig und schaute Severus an. In seinen schwarzen Augen war ein hintergründiges Flackern, das unausweichliche Bewegungen ihres Beckens nach sich zog, welche wiederum augenblicklich seine Lust an ihr offen in seinen Augen zu Tage treten ließen. Nichts Erregenderes auf dieser Welt als das Wissen darum, daß SIE ihn dazu bringen konnte, diesen Ausdruck in seinen Augen zu haben. Nichts Aufregenderes als die Erfahrung, daß IHRELustäußerungen diesem Ausdruck bei ihm eine Intensität verliehen, die wiederum ihre eigene Lust anschwellen ließ und sie sich ihm entgegendrängen. Bis schließlich diese körperliche Empfindung, wirklich VON IHM AUSGEFÜLLT zu sein, alles andere wegschwemmte, sie dazu brachte, sich ausschließlich und blind und atemlos auf diese besitzergreifenden Wellen einzulassen und sich forttragen und überschwemmen zu lassen von einem Höhepunkt, welcher – anders als alle vorigen in ihrem Leben – sich mit dem Druck seiner tickenden Spitze tief in ihr bis in ihren Bauch ausbreitete und ihr Stöhnen in einen langgezogenen Ton verwandelte, fast wie Singen.
„Caryn..." war da an ihrem Ohr, und Severus hatte seine Bewegungen nicht verlangsamt, begleitete ihre letzten Kontraktionen mit eigenem, verhaltenem Stöhnen, bis Caryn ihn sich in ihr aufbäumen und das Pumpen seines Samens bis in ihren hintersten Winkel spürte. Bis genau dorthin breitete sich ein Glücksgefühl aus, das sie seinen Blick suchen ließ und ihn anstrahlen, sobald sie ihn gefunden hatte.
Severus
Er erwiderte ihren Blick einfach, nahm ihr Strahlen auf im Bewußtsein, daß er dieselben Bewegungen gemacht hatte wie bei allen Anderen zuvor und dennoch Caryn erreicht hatte..., weil sie bereits DAgewesen war, weil eine Verbindung zwischen ihnen bestand, die von Spielen und Macht und Lust unabhängig war – obwohl genau diese Dinge es waren, die das Fundament für sie beide bildeten. Das überwältigende Gefühl ergriff ihn, daß er und Caryn ganz am Anfang standen, daß sich alle Möglichkeiten vor ihnen ausbreiteten und daß die Zeit nie ausreichen würde, ihr Verlangen nacheinander abzunutzen.
Er mußte den Blickkontakt vorsichtshalber abbrechen, wollte Caryn aber um nichts in der Welt loslassen und platzierte seine Lippen an ihre Halsbeuge, saugte die zarte Haut zusammen mit ihrem Duft ein, während Caryn ein kleiner Laut des Kummers entfuhr darüber, daß sein Glied sie in diesem Moment verlassen hatte.
„Ich werde gerne dorthin zurückkehren, wenn Du mich läßt", lächelte Severus an ihrem Hals. Er spürte, wie neulich schon, ihren Mund in seinem Haar, hörte sie seinen Geruch einziehen, und – auch völlig vergessend, sich legilimentisch zu vergewissern – er fühlte sich wieder genauso wertgeschätzt, angenommen, GELIEBT. Er vergaß, womit er gerade beschäftigt gewesen war, und auch Caryn tat nichts, ihn daran zu erinnern. Im Gegenteil, ohne ihn loszulassen, rutschte sie ein Stück auf dem Bett nach hinten, so daß sie halbaufrecht am Kopfteil saß.
Aus einem ihm unerfindlichen Grund fragte er sich nicht, was sie mit ihrer Aktion bezweckte, und fand schließlich seinen Kopf an ihre Brust gebettet wieder. Ihre Hände, zärtlich in seinem Haar vergraben, verhinderten, daß er, ohne Gewalt anzuwenden, aus dieser Position herauskam, und wohl aus denselben schleierhaften Motiven wollte er ihr diese Gewalt nicht zumuten. Du willst nur nicht losgelassen werden, versuchte seine Vernunft ihn von dort zu vertreiben, aber alles andere war stärker. Er ließ es zu. Schob sogar den ketzerischen Gedanken fort, wie lächerlich unsnapisch er für einen Außenstehenden aussehen mußte, wie er hier an Caryns Brust lag. Stattdessen fügte er sich ihrer archaisch menschlichen, mütterlichen Zärtlichkeit. Fügte sich hinein wie ein Stein in ein Mosaik, das dadurch endlich vollendet wurde.
Caryn
Nur ganz allmählich spürte sie, wie sein Widerstand gegen diese ursprüngliche Liebeshandlung schmolz. Mütterliche Zuwendung sprudelte aus ihr heraus und floß in die streichelnden Bewegungen ihrer Hände an seinem Kopf, in seinem Gesicht, auf seinem Rücken. Zu gleicher Zeit tobte in ihr die wilde, euphorische Freude darüber, daß er ihr nicht angetan hatte, sich gewaltsam aus ihrer Umarmung zu befreien, denn sie hatte sehr wohl dahingehende Muskelimpulse bei ihm wahrgenommen. Sie bemühte sich, ihr Zwerchfell unter Kontrolle zu halten und spannte nur ihre Bauchmuskeln an, auf ihrem Gesicht lag das unzensierte Strahlen – das sah er ja nicht. Langsam wich auch ihre Anspannung, und am Schluß lagen sie beide entspannt beieinander und dösten.
Caryn wurde wach, als Severus' Gewicht von ihrer Brust wich. Automatisch griff sie nach ihm, um zu verhindern, daß er weglief. Zu ihrer Überraschung lachte er leise, belustigt, ohne jede Ironie.
„Ich laufe Dir nicht weg."
Das wäre ja mal etwas ganz Neues, lag ihr auf der Zunge. Übernahm nun etwa SIEan seiner Stelle den sarkastischen Part?! Und augenscheinlich hatte die Nähe, die er zugelassen hatte, schon wieder größenwahnsinnig gemacht, zumindest erkundigte sie sich in kindlichem Ton:
„Nie mehr?"
Glücklicherweise nahm er ihren Scherz wieder belustigt auf. Schnaubte ironisch:
„Ich hoffe, Du kannst Dir in Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde verkneifen, einen weiteren Beziehungsstreit vom Zaun zu brechen?"
„Ich wollte Dir eigentlich lediglich versichern, daß Du mir den schönsten Abend meines bisherigen Lebens geschenkt hast", erklärte Caryn ernst, trotz ihres leisen Lächelns. Beide Augenbrauen flogen nach oben.
„Was?" Tief, entgeistert, verständnislos.
„Du hast uns von dem Zwang des Schwurs befreit. Hast mir vertraut, daß ich das nie mißbrauchen werde. Du schenkst mir Deine... Zuwendung jetzt freiwillig. Und Du hast mir Deinen Samen geschenkt... und dann hast Du mir erlaubt, Dich zu... ABSOLUT zu LIEBEN. Und mich bei Dir schlafen lassen." Sie überlegte eine Sekunde. „UND DANN bist Du noch nicht einmal vor mir weggelaufen!" setzte sie ihrer Aufzählung noch die Krone auf. Er sah sie noch immer ungläubig an. „Ich liebe Dich nämlich, und Du hast mir heute alles gegeben, was ich mir von Dir erträume", half sie ihm.
„Mehr nicht?" Er sah verdattert aus. In seinem Erstaunen war ihm wohl gar nicht bewußt gewesen, daß er diese Frage tatsächlich ausgesprochen hatte.
„Ich wünsche mir auch, daß Du mich LIEBST. Obwohl... das ist nur ein theoretischer Wunsch. Wenn ich nicht bei Dir bin. Wenn ich bei Dir bin, so wie eben... da hat mir nichts gefehlt."
Severus
Bei ihrem zweiten Satz hatte er schon sarkastisch loslachen wollen, ihr Zusatz jedoch hatte ihn wieder verstummen lassen. Er blieb zutiefst überrascht, betroffen, aus der Bahn geworfen. So einfach ist das? Mehr brauchte sie nicht?? DAS war auch ER in der Lage, ihr zu geben…
Er hatte heute ebenfalls alles gehabt, wonach er sich immer gesehnt hatte, selbstredend ohne sich das je eingestanden zu haben. Wie hatte er all die Jahre Lily ins Zentrum seines Handelns und seines Denkens stellen können, ohne Caryn zu vermissen? Wie hatte Caryn es geschafft, trotz seines routinemäßigen Vorgehens am Anfang diese echte Beziehung in Gang zu setzen? Gedenkst Du die ausschließliche Verantwortung bei ihr zu belassen? Severus schreckte aus seinen Gedanken, als ihm Caryns forschender Blick bewußt wurde. Noch mehr von ihr konnte er heute nicht mehr verarbeiten!
„Du mußt nach oben, Caryn", sagte er automatisch, „Es wäre sehr schlecht, wenn Du Filch nach zehn Uhr in die Arme laufen würdest. Außerdem habe ich noch eine Dosis von dem Verhütungstrank. Nächstes Mal müssen wir uns dann mal um bessere Methoden kümmern."
Caryn hatte die Barmherzigkeit, ihrem Bedürfnis nach wortmäßiger Bekräftigung ihres Miteinanders nicht weiter zu folgen, sie gab ihm nur einen kleinen, aber dringlichen Kuß auf den Mund und robbte zur Bettkante. Sobald der Kontakt ihres Körpers zu seinem unterbrochen war, hatte er das Gefühl, in sich zusammenzustürzen. Severus hatte plötzlich nicht mehr die Kraft aufzustehen und Caryn zur Tür zu begleiten. Oder sie anzulächeln. Auf ihren alarmierten Blick hin nickte er ihr kurz zu. Bewirkte damit, daß sie ihn sanft anlächelte, ebenfalls nickte – wie eine Verschwörerin, die ihm zu verstehen gab: Ich weiß, daß Du Dich an unser Glück erst gewöhnen mußt, aber wir bekommen das schon hin! Gequält stöhnte er auf. Schenkte ihr noch einen kurzen Blickkontakt, um die in ihren Augen aufkeimende Angst zu besänftigen.
„Ich versiegele die Tür einfach provisorisch?" fragte sie ihn vorsichtig, nachdem sie sich angezogen hatte, und er nickte wieder. Fiel regelrecht in eine taube, betäubende Unsicherheit, nachdem sie den Raum, das Labor, das Büro verlassen hatte.
Dabei war doch alles gut…?
Viel ZU gut.
Aber es WAR doch gut. Caryn fehlte nichts, wenn sie bei ihm war. Sie waren miteinander… glücklich. ER war in der Lage, sie glücklich zu machen. Und daß SIE IHN glücklich machte, war ihm doch schon lange klar. Caryn versicherte ihm, daß sie IHN LIEBTE. Und sie war so beständig in ihren Versicherungen. In ihren Empfindungen. Er wollte ihr glauben. Er MUßTE ihr glauben. Sie ließ ihm gar keine andere Wahl, als ihr ihre Liebe zu glauben. Als ihr zu VERTRAUEN. Sie WOLLTE ihn nicht verlassen, verletzen, schädigen. Sie WÜRDE es nicht…
Das ist nicht Dein Ernst! Das KANN nicht Dein Ernst sein! Das ist nicht zu GLAUBEN, in welche emotionale Lage Du Dich manövriert hast!
Aber es WAR doch so. Sie liebte ihn, und er… Caryn liebte ihn, alles war gut. Er mußte sich nur trauen, DAS wirklich anzunehmen…
Ach ja?! Alles ist GUT? Bequemst Du Dich vielleicht endlich einmal, Deinen KOPF EINZUSCHALTEN?!
Weshalb fühlte er sich dann so... bedrückt, beklommen, beunruhigt?
Er kannte jeden Gedanken tausendmal:
DU KANNST NICHT LIEBEN. DU KANNST NICHT GELIEBT WERDEN. SIE MEINT NICHT WIRKLICH DICH. DU BIST JEMAND, VON DEM SIE KEINE AHNUNG HAT! UND DU HAST KEIN LEBEN.
Das könnte ihm egal sein. Er konnte mit ihr schlafen, bis zum Ende des Schuljahres. Ihren Körper genießen, sogar ihre LIEBE. Es mitnehmen, einfach annehmen, was sie – zufällig, aufgrund ihres Irrtums – ihm gab. Dazu gab es die Regeln, seine sichere Struktur. Die existierte nach wie vor. Alles war nach wie vor unter Kontrolle. Am Ende des Schuljahres – spätestens – würde sie ihn verlassen. Er würde leiden. Sich dann aufrappeln und weiterleben. So einfach ist das. ES IST SO EINFACH!
Was war das für ein zweifelhaftes Prinzip, was für ein vermaledeites Bedürfnis, von ihr nur das annehmen zu wollen, was WIRKLICH für SEINE PERSON war? Die sie noch immer nicht kennen konnte, was wußte sie schon von ihm? Du hast ihr diese Person die ganze Zeit absichtlich vorenthalten! Sie hatte ihm neulich doch offen ihre Bereitschaft signalisiert, von IHM zu hören. Du wolltest verhindern, daß Eure Beziehung sich mit Deiner Offenbarung ihrem natürlichen Ende zu bewegt. Du wolltest Caryn bewußt täuschen! Du bist ein erbärmlicher FEIGLING, Severus!
Er wurde sich selbst untreu, indem er ihr falsche Tatsachen vorgaukelte. Er hielt sie in den Armen, sah sie an – und gab ihr das Gefühl geliebt zu sein. Er TAT so, als könne er sie lieben. Als habe er die Voraussetzungen dafür. Leugnend, daß er schuldbeladen war. Daß sein Leben verplant war. Daß er Lily gegenüber verpflichtet war. Daß er seelisch, emotional gar nicht fähig war zu lieben. Mit all dem versprach er ihr SICH SELBST, ohne SELBST über sich verfügen zu können.
Und gleichzeitig sorgst Du dafür, daß sie nicht ahnt, daß der reale Severus Snape nicht ihr Sivírus IST. NIE SEIN KANN. Und daß sie diesen realen Severus Snape NICHT liebt. NICHT LIEBEN KANN.
DIESE Tatsachen bewirkten sein Gefühl des Schmerzes, der sich bis in den hintersten Winkel seines Ichs ausgebreitet hatte. Der Ausweglosigkeit. DER PANIK.
SO BIST DU. SO IST DEIN NICHT VORHANDENES LEBEN. So ist es. Immer gewesen. UND SO WIRD ES IMMER SEIN!
Es gab keinen Ausweg. Ein Problem ohne Lösung.
Doch, Severus, es GIBT eine Lösung. EINE EINZIGE LÖSUNG.
Er mußte es ändern. Er mußte seine Feigheit überwinden. Das war er Caryn schuldig. ER tat IHR an, daß sie sich an einen Menschen hängte, den es nicht gab. IHR mutete er Schmerzen zu, weil auch SIE trauern würde. Um ihn. Darum trauern, daß es den Mann ihrer Liebe nicht GAB. AUCH SIE würde verlieren. Nicht IHN, aber das Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte. Und dieses Bild LIEBTE sie. Mit all ihrer Kraft. Ihrer beträchtlichen Kraft.
Er würde sie unglücklich machen, weil er vergessen hatte, daß sie nicht IHN verletzte, indem sie ihn verließ, wenn er sich als jemand anderer herausgestellt haben würde. ER verletzte SIE, indem er sich als Anderer ausgab. Sich ihr VIEL ZU SPÄT zu erkennen gab. Und sie verletzen wollte er nicht. Das wußte er so tief wie nie: Er wollte diese Frau unter gar keinen Umständen verletzen.
Das ließ ihm nur eine einzige Möglichkeit: Er MUßTE sich ihr zeigen. So schnell wie möglich.
Severus spürte selbst, wie sein Gesicht zu einer verzerrten Maske entartete. Heute war das letzte Mal gewesen, daß sie miteinander glücklich gewesen waren. Freitag schon würde Caryn erfahren, WER ER WAR. Und sie würde sich abwenden. Weinend. Aber sie WÜRDE sich abwenden. WEINEN würde sie. Und sie würde sich NICHT trösten lassen. Nicht mehr von IHM. Nie mehr. Die eiskalte Leere, die von jedem Winkel seiner Seele Besitz ergriffen hatte, lähmte jeden Muskel, jedes Gefühl, jeden GEDANKEN in ihm.
Er mußte an seine Strukturen gelangen. Es war unerläßlich, daß er sein Leben aufrechterhielt. Der Schmerz würde vorübergehen. Er würde weitermachen wie gewohnt. Severus Snape sein wie gewohnt. Niemand würde einen Unterschied bemerken. Er litt, aber er würde das niemandem zeigen. Wie eine Maschine stand er auf. Zerrte Kleidungsstück für Kleidungsstück aus dem Haufen vor dem Bett. Zog sich an. Ging aus dem Schlafzimmer. Um endlich seine Tür zu versiegeln. HINTER ihm. Diese Nacht gehörte den Gängen von Hogwarts.
Freundschaft
Caryn Dienstag, 10.3
„Willst Du mir denn gar keine Frage stellen?" fragte Caryn erstaunt den Türöffner an der Tür zum Ravenclaw-Gemeinschaftsraum.
„Hast Du heute nicht die wichtigste Grundlage für menschliches Zusammenleben erfahren?" kam die Gegenfrage.
Caryn schmunzelte.
„VERTRAUEN!"
„Siehst Du? Was sollte ich Dir noch beibringen!" neckte der Adler.
„Was redest Du eigentlich immer so lange mit unserem Adler-Freund?" wurde sie aus einer Ecke des schon fast leeren Gemeinschaftsraumes begrüßt. Lucas saß mit einem seiner Kollegen an einer Hausaufgabe.
„Weil er mein Freund ist", gab Caryn zur Antwort und machte Anstalten, gleich in den Schlafsaal zu gehen.
„Und warum strahlst Du so? – Kommst Du nicht von Deinem anderen Freund? Unser aller Freund Snape?"
Caryn erstarrte.
„Hey, ich wollte Dich nicht ärgern! Warst Du etwa gar nicht nachsitzen heute? Ich habe allmählich den Überblick verloren über Eure ganzen Dates!"
Caryn drehte sich um und baute sich vor den beiden Jungen auf. Wütend zischte sie Lucas an:
„Kannst Du bitte aufhören, dummes Zeug zu reden und Dich um Deinen eigenen Kram kümmern?!"
„Siehst Du? Sie kommt tatsächlich von Snape!" amüsierte sich Lucas' Freund.
„Macht ganz den Eindruck. Na dann: Gute Nacht. Erhol Dich", sagte Lucas sarkastisch.
Und Caryn konnte in diesem Moment ihren Liebsten wirklich nachvollziehen, wo sie aus Angst vor Entdeckung verletzend geworden war, obwohl sie eigentlich Lucas gerne an sich herangelassen hätte.
„Tut mir leid... Ich bin wirklich müde."
„Schon okay." Lucas sah nicht mehr auf.
Schnell verschwand Caryn im Schlafsaal. Hier waren alle so gewöhnt an ihre abendlichen Termine, daß niemand von ihr Notiz nahm. Was, wenn sie Lucas jetzt für immer verloren hatte? Warum mußte er auch so indiskret sein, noch dazu im Beisein eines Dritten? Sie würde sich morgen noch einmal entschuldigen...
Jetzt wollte sie schwelgen! In den wundervollen Erinnerungen an diesen Abend. Wo die reine Liebe, die sie nachher miteinander geteilt hatten – und für die er ihr sozusagen den Beweis geliefert hatte, indem er das Gespräch darüber abrupt beendet hatte – beinahe ihr erneutes Feuchtwerden unterband. Beinahe.
Caryn Mittwoch, 11.3
„Na, hast Du den Snape in Dir überwunden?" Lucas hatte sich in der Eingangshalle am Fuße der Treppe inmitten des Schülerstroms in Richtung Mittagessen vor Caryn aufgestellt, so daß sie ihm zwangsläufig in die Arme hatte laufen müssen. Er war allein diesmal, gut. Sie blieb auf der letzten Stufe vor ihm stehen, so daß sich die hinter ihr ankommenden Schüler gezwungen waren zu stoppen und sich hinter ihr in den Mittelstrom einreihen zu müssen, und bemühte ihr freundlichstes Gesicht.
„Es tut mir leid, ich wollte nicht so ätzend sein gestern…", beteuerte sie. Lucas blickte noch skeptisch drein. Fragte herausfordernd:
„So ätzend kenne ich Dich doch auch gar nicht. An dieser Laune war eben ER schuld, nicht wahr?" Gequält verzog sie das Gesicht, sprang die Stufe hinunter und schob sich an ihm vorbei.
„Ach laß das doch einfach, ja?" Schwur hin oder her, ER wäre absolut NICHT begeistert, wenn sie mit Lucas über sie beide redete! Und Severus vertraute ihr! Niemals würde sie DAS auf's Spiel setzen! Lucas drehte sich um, um ihr zu folgen.
„Was ist denn los, Caryn?" verlangte er prompt zu wissen. Fürsorglich klang er, aber zweifellos auch neugierig. ZU neugierig. Von Schülern links und rechts wurden sie aneinander geschoben, und ihr Kamerad legte ihr im Gehen freundschaftlich seinen Arm um die Schulter. Diese Geste der Vertraulichkeit war Caryn nicht unangenehm, keine Frage. Der Junge mochte sie wirklich, und SIE hätte überhaupt nichts dagegen gehabt, sich ihm anzuvertrauen. Eine Meinung von außen zu hören. Eine männliche Meinung. Und nichts dagegen, endlich ihre Beziehung symmetrisch zu machen, denn Lucas erzählte IHR längst alle Einzelheiten seiner Beziehung mit Lauren, während Caryn ihm gegenüber noch immer nichts Privates preisgeben konnte. Dennoch durfte sie ihn auf keinen Fall ermutigen, zu sehr in sie zu dringen, was ihre Beziehung zu Severus betraf. Außerdem fragte sie sich, was Severus wohl davon hielte, wenn sie sich von anderen Männern umarmen ließ. Eifersüchtig wäre er auf keinen Fall, warum sollte er auch? Abgesehen davon, daß er sie ja ohnehin wieder loswerden wollte, wußte er ja, daß sie IHN liebte und daß Lucas eine andere Freundin hatte. Dennoch reagierten Männer – in Büchern zumindest – manchmal seltsam, wenn es um ihre männliche Ehre ging. Und wo sie gerade bei dem Thema der Beständigkeit ihrer, Caryns, Liebe waren, was ihn VIELLEICHT davon überzeugen könnte, sie doch widerzulieben, so wollte sie in dieser Hinsicht auf keinen Fall ein Risiko eingehen! Also machte sie sich nachdrücklich los, lächelte den ein wenig pikiert dreinschauenden Jungen aber herzlich an.
„Gar nichts ist los!" versicherte sie. Und auch wenn das doch stimmte, war ihr blonder Begleiter nicht überzeugt. Naja, er war natürlich verletzt, weil sie ihn zurückgewiesen hatte, und zweifellos nicht in der Stimmung, sich mit Ausflüchten abspeisen zu lassen.
„Was IST das denn mit Euren endlosen Streitigkeiten? Du bist die einzige, die er zum Nachsitzen zu sich in die Kerker bestellt, und das nur, um sich dann weiter mit Dir zu streiten? Wie bringt er Dich denn dazu, Deinen Freund anzuschnauzen, wenn er Dir netterweise eine Gute Nacht wünschen will? Das kommt mir schon ein wenig merkwürdig vor!"
Caryn starrte ihn einen Moment lang an. Er bezeichnete sich als ihren Freund?! Das war allerdings absolut rührend! Daß er das tat, auch während sie ihm gegenüber so reserviert bleiben mußte, rechtfertigte wohl absolut, daß er von ihr größere Offenheit einforderte – welche sie ihm aber nicht gewähren konnte. Ich möchte nicht darüber sprechen, würde ihn verletzen. Ich kann nicht, wäre quasi das Eingeständnis: Snape macht etwas Verbotenes. Sie KONNTE gar nichts sagen!
„Du willst mir nichts erzählen!" stellte Lucas jetzt bitter fest. „Da war ich wohl etwas voreilig, was die Verwendung des Begriffs Freundschaft angeht!" Er beschleunigte seine Schritte, um ohne sie weiterzugehen. Caryn hielt ihn am Umhang zurück.
„Lucas, ich wollte nicht…!"
„KÖNNTE ich Sie dazu anregen, Ihre Ehestreitigkeiten VIELLEICHT nicht mitten im Türrahmen zu vollziehen?!" schnitt ihr eine wohlvertraute, in diesem Moment aber absolut kalte, bissige Stimme das Wort ab. Severus drängte sich an ihnen beiden vorbei, ohne sich noch einmal umzusehen. Verdammt, hatte sie IHN jetzt doch damit verärgert? Hätte er nicht normalerweise eine spöttisch-sarkastische Bemerkung gemacht und ihr wenigstens einen klitzekleinen Blick geschenkt? Sollte er tatsächlich annehmen, daß Caryn ihn mit Lucas betrügen wollte?! Severus, das kann nicht Dein Ernst sein!
„DAS wirft doch auch wieder eine Menge Fragen auf!" rief sich ihr Freund ins Gedächtnis. Er war stehengeblieben, Caryn halb zugewandt, und blickte Severus nach, der in seiner typischen ausschreitenden Art auf den Lehrertisch zueilte. „Belustigt klang das aber nicht gerade! Was HABT Ihr miteinander, Caryn?"
„Kannst Du BITTE aufhören, mir mit Snape in den Ohren zu liegen?!" fauchte Caryn so leise wie möglich, obwohl die allgemeine Geräuschkulisse sowie die noch immer hinter ihnen die Große Halle betretenden Schüler ohnehin zuverlässig verhindert hätten, daß jemand den Inhalt ihrer Unterhaltung mitbekommen würde. „Ich denke, Du bezeichnest Dich als meinen Freund! Anscheinend interessierst Du Dich aber nur für Professor Snape!"
„Weißt Du, ich spüre nur ziemlich genau, daß Du mir da etwas vorenthältst! Etwas, was Dich beschäftigt. Und meiner Meinung nach sollten Freunde sich das, was sie beschäftigt, anvertrauen. Aber offensichtlich legst Du keinen Wert auf meine Freundschaft. Schade, Caryn!" Mit diesen Worten ließ er sie stehen und verschwand bei seinen Freunden am Ravenclawtisch. Betroffen blieb Caryn zurück. So leicht war es also, einen Freund zu verlieren. Aber was hätte sie machen sollen? Was könnte sie jetzt machen? Traurig wandte sie sich ab, um sich einen anderen freien Platz zu suchen.Sie spürte Severus' Blick auf sich, aber als sie zu ihm hinübersah, hatte er sich bereits abgewandt. War er wirklich über Lucas sauer? Hatte er denn nicht mitbekommen, daß sie eben IHM Lucas geopfert hatte? Was verlangte er denn noch als Beweise für die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten?!
Es war wohl eher so, daß ihre Begegnung gestern mit ihrer geballten liebevollen Nähe ihm wieder einmal zu viel abverlangt hatte. Daß er wieder einmal das Gefühl hatte, sich abgrenzen, sie zurückstoßen zu müssen. Das konnte sie natürlich keineswegs wundern. Wieder einmal würde sie um ihn kämpfen müssen, wenn sie sich das nächste Mal sahen. Seufzend schob sie ihren unberührten Teller von sich weg. Und wenn sie einmal müde war? Wenn sie einfach keine Kraft mehr hätte zu kämpfen? Und keine Lust…?
Severus
Die beiden hatten sich gestritten. Boots hatte Caryn umfassen wollen, und sie hatte das unterbunden. Ihm, Severus, zuliebe? Daß sie den Jungen gern hatte, wußte er. Sie war gern mit ihm zusammen, lächelte ihn oft an, redete eifrig, freute sich, wenn er auf sie wartete. Sie beeilte sich sogar, um ihn nicht so lange warten zu LASSEN, selbst wenn sie zu dem Zweck früher sein, Severus', Klassenzimmer verlassen mußte. Den jungen Ravenclaw hatte getroffen, daß sie seine Umarmung vereitelt hatte. Wahrscheinlich waren sie darüber aneinandergeraten. Caryn hatte den Jungen zurückgewiesen und ihn damit verletzt. Warum hatte sie das getan, wo sie ihn doch mochte? Anders gefragt: Warum sollte sie das getan haben, wenn nicht um seiner, um Severus' willen? DAS war es gewesen, was ihn zornig gemacht hatte, dazu bewogen, sie anzuherrschen, als er die beiden überholt hatte. Ging dieses Mädchen etwa davon aus, daß sie ihn, Severus, eifersüchtig machen würde, indem sie ihren jungen Freund umarmte?!
Da hast Du es, Severus! Sie weiß äußerst genau, was sie mit Dir angestellt hat! Quatsch, wieso sollte ER auf diesen blondgelockten Bubi eifersüchtig sein?! Caryn interessierte sich nicht als Mann für ihn. MICH will sie, mich allein…– Ja, Severus, immer wieder beeindruckend, wie GUT Du in der Lage bist, die Realität zu vergessen. Daß sie DICH nämlich NICHT will – jede Frau sucht in Wahrheit einen liebevollen, fürsorglichen, gesunden Mann. Der ihr eine glückliche Zukunft bieten kann. Wie James… oder wie LUCAS… DARUM geht es hier! NUR darum sitzt Du hier herum mit diesem Knoten in den Eingeweiden und LEIDEST!
Caryn war auch traurig – bezeichnender Weise verbarg sie es ihrem Freund gegenüber NICHT, so wie sie es bei Severus allzeit automatisch tat. Die beiden sind sich vertraut. Sie STREITEN, weil sie sich wichtig sind. Caryn war jetzt traurig, weil sie entzweit waren. In ihrem Blick für ihn, Severus, hatte auch Unverständnis gelegen: Warum bist Du sauer, ich habe nichts getan, was Dich hätte verärgern können?! Definitiv WAR er auch keineswegs verärgert. ER saß hier vor seinem vollen Teller und wußte, daß sie ihn Freitag verlassen würde. Dann würde sie nicht mehr nötig haben, den jungen hübschen Ravenclaw abzuweisen. ER würde ihr Freund bleiben. ER würde sehen, daß Caryn traurig wäre, weil er, Snape, ihr wehgetan haben würde. Sie mit der Realität konfrontiert haben würde. Boots würde wieder seinen Arm ritterlich um Caryn legen. Und DANN würde sie seinen Arm NICHT mehr abschütteln. DANN würde sie sich zu ihm umdrehen. Sich an ihn schmiegen. Seine Hand auf ihrem Rücken spüren, während sie um IHN, Severus, weinte. Um irgendwann zu weinen aufzuhören.
Und das sollte Dich FREUEN! DU solltest Dich doch wohl darüber freuen, wenn Caryn glücklich wird!
Severus biß die Zähne zusammen. Schluckte. Dachte die Gedanken der Realität.
Sie braucht mich nicht. ICH bin der Letzte, den sie braucht, um sie zu trösten. Selbstverständlich wird das ihr bester Freund, beständiger Begleiter und womöglich zukünftiger Ehemann, Lucas Boots, übernehmen. NOCH will sie MEINE Arme, noch schickt sie ihn weg. Aber er wird warten. Für sie da sein. Ohne zu zögern. Ohne etwas von ihr zu verlangen. Früher oder später wird sie nachgeben. Früher oder später wird sie sich von IHM umarmen lassen. Anfangen zu weinen. Sich von ihm trösten lassen. ER WIRD SIE IM ARM HALTEN UND TRÖSTEN. MICH vergessen helfen. SIE WIRD MICH VERGESSEN. ALLES vergessen. Das entwerten, was zwischen uns war. Beginnen, IHN zu lieben. Mich vergessen. MICH VERGESSEN HABEN. GLÜCKLICH sein. Mit IHM.
Er HAßTE es. SICH. Sein verhindertes Leben. Boots. Caryn, weil sie ihn vergessen würde. WEINEN würde sie, wehklagen, um ihn, Severus, kämpfen. Vielleicht. Eine Zeitlang. Aber schließlich sich fügen. Sich anderweitig trösten lassen. IHN vergessen. Und am Ende ihren liebevollen Lucas heiraten. Wie er das HAßTE!
