Schuld und kein Trost

Caryn Freitag, 13.3

Die letzten vierundzwanzig Stunden waren wie ein einziger Alptraum an Caryn vorbeigekrochen. Sie hatte kaum etwas wahrgenommen von der Welt um sie herum, hatte sich den Vormittag über von Ort zu Ort, von einer Pflicht zur nächsten geschleppt, ohne daß irgendetwas oder irgendwer sie wirklich erreicht hätte. Lucas war noch immer beleidigt und hatte – dies glücklicherweise – nicht versucht, sie anzusprechen. Am Morgen, als sie den Gemeinschaftsraum hatte betreten wollen, hatte er sie jedoch einer bedrohlich eingehenden Musterung unterzogen und Caryn dazu veranlaßt, auf der Stelle kehrt zu machen, um schleunigst aus seinem Gesichtsfeld zu verschwinden. Was hätte sie auch beim Frühstück wollen können? Flitwick hatte sie glücklicherweise heute nicht gehabt, so daß diese Gesprächsgefahr von vornherein gebannt gewesen war. Dem Mittagessen war sie selbstredend auch ferngeblieben – war da doch die Angst dazugekommen, daß ER trotz allem gekommen sein könnte.

Schließlich war sie nicht in der Lage gewesen, von ihrem Bett, in dem sie die Mittagspause in zwanghafter Embryonalhaltung verbracht hatte, wieder aufzustehen. Und Muggelkunde mit Lucas UND Charity, die sie besorgt betrachten hätten, wäre auch ganz gewiß nichts gewesen, was sie in ihrem Zustand hätte bewältigen können. Nein, um diese schreckliche, kalte, haltlose, angsterfüllte Unsicherheit, aus der ihre gesamte Seele bestand, aushalten zu können, benötigte sie wenigstens die zweifelhafte Sicherheit der engen, begrenzenden, körperlichen Wärme ihrer Bettdecke. Sicherheit für ihre Seele existierte nicht – DAß diese Sicherheit sehr wohl bestehen könnte in ENTGEGENGESETZTER Weise, schob sie ganz schnell so weit wie irgend möglich von sich weg – nur um dann diese – sie unentwegt aus dem Hinterhalt ihrer Gedanken wie rote Stuporblitze von allen Seiten treffende – entsetzliche Vorstellung eines Lebens ohne Severus ständig mit aller Macht abwehren zu müssen.

Abwehren?! Wo soll ich dann mit meiner Liebe hin? Mit meiner Sehnsucht? Mit meiner Sexualität? Mit meiner ZUKUNFT?! MIT MIR SELBST??!

Sie zog die Decke über den Kopf und umschlang sich selbst, krampfhaft, verzweifelt. Hielt es aus. Hielt sich. Hielt sich aus. Bis sie später zu ihm gehen würde. Was sie herbeisehnte. Um es gleichzeitig zu fürchten, wie nichts jemals zuvor.

Zwischendurch unternahm sie Anstrengungen, sich zu beruhigen. Er hat mich bisher immer an sich herangelassen. Das stimmte. Sie hatte oft kämpfen müssen – fast IMMER, wenn sie es sich so recht überlegteaber bisher hatte sie es jedes Mal geschafft, trotz aller Widerstände schließlich doch noch an ihn heranzukommen.

Er WIRD mich an sich heranlassen. Ich werde nicht eher gehen. Ich werde einfach da bleiben. Bei ihm. Ich werde nie mehr gehen…

Wußte sie denn nicht, daß er sie wollte? Dessen war sie sich doch SICHER. Sie würde nicht aufgeben. Sie würde nicht aufgeben, ehe sie ihn nicht davon überzeugt hätte, daß sie miteinander glücklich sein konnten. Er WOLLTE glücklich sein. Das WUßTE sie. Das hatte er sie sogar gestern, an diesem absoluten Extrem-Ausnahmetag, wieder spüren lassen. Eigentlich bestand kein Grund, sich so schrecklich zu fühlen. Caryn war stark genug zu kämpfen! Gegen alles, was ihn bedrängte. Was ihn quälte. Was ihn von ihr fernhielt. Zu kämpfen und zu siegen! Bisher hatte sie jedes Mal gesiegt. Das würde sie wieder. Heute. Nachher. Gleich. … JETZT.

Das sich verselbständigende Schlottern – mit der damit verbundenen Erkenntnis, daß ihr Optimismus sich doch ziemlich hohl anfühlte – mühsam unter Kontrolle zwingend, schlich sich Caryn eine Ewigkeit später, während alle anderen noch beim Abendessen waren, aus dem Gemeinschaftsraum.

„Na, wie geht es Dir jetzt?" wurde sie lieb vom Türklopfer gefragt, als sie an ihm vorbeikam.

„Frag mich NIE WIEDER so etwas", erwiderte sie mit klammen Lippen und spannte das Zwerchfell an, um den Schüttelfrost zu unterdrücken.

IMMER ist eine schwierige Sache!" rief der Adler ihr nach, und plötzlich wußte Caryn, was sie versuchen könnte.

Severus

Er hatte die Tür offen gelassen, um sich im Labor hinter einem zu brauenden Zaubertrank verbarrikadieren zu können, wenn Caryn kam. Er mußte die Distanz wahren. Es galt, Körperkontakt zu unterbinden. Jedwede Art Nähe. Es hatte keinen Sinn, das Unvermeidbare noch länger hinauszuzögern. Heute mußte er seine Pflicht tun. Es hatte keinen Sinn, sie beide wieder in diesen Glückszustand zu lassen, der ihn an eben dieser Pflicht hindern wollte. Es hatte keinen Sinn, und es war gefährlich: Dieses Glück, das die Tendenz hatte auszuufern, sich auszubreiten, alles zu überschwemmen und somit eine Bedeutung zu erlangen, die über das, was es war, weit hinausging: Hormonelle Zustände. Von der Natur geschaffen, um den Fortbestand der menschlichen Gattung zu sichern. Um nichts Anderes handelte es sich. Und ER durfte vor allem die Verhütung eben dieser Gefahr nicht vergessen!

Nun, der zuständige Trank stand für Caryn bereit. Genauso wie er selbst. Angespannt, frierend, beklommen, mit um sich schlagendem Herzen, das es dennoch nicht schaffte, sein – vor zu viel Adrenalin – dickflüssiges Blut durch seinen klammen Körper zu pumpen. Schon wieder benötigte er zusätzliche Sauerstoffzufuhr.

Er mußte stark sein, unantastbar, sich für Caryn endlich unerreichbar machen. Es war allerhöchste Zeit, bevor er sie irgendwann doch noch ernstlich verletzen würde. Heute würde er die Sache mit ihr, die seine sicheren Regeln von Anfang an gesprengt hatte, der er von Anfang an hätte Einhalt gebieten müssen, die IHM als Todesser ohne eigenes Leben nicht zustand – diese Sache würde er heute beenden. SIE wird das tun, indem sie DICH nicht mehr wird ertragen können. Und daß ihm das WEH tun würde, daß er LEIDEN würde, daß er geschwächt zurückbleiben würde – DAS würde die Sühne sein. Die Strafe dafür, daß er Caryn und ihre Liebe mißbraucht hatte.

Das Alarmklicken. Erneuter Sauerstoffmangel. Zwerchfell angespannt. Aufrechte Körperhaltung. Sein Zauberstab in der einen, das Trankrezept in der anderen Hand. Abweisende Züge in seinem Gesicht. Sein Rücken zur Tür. – Und Caryn…?

An Caryn waren all diese gewissenhaften Maßnahmen verschwendet. Caryn kümmerte sich schlicht nicht darum. Sie war quer durch das Labor auf ihn zugerannt und hängte sich an ihn, drehte ihn zu sich hin, ohne Rücksicht auf seinen Widerstand, ohne sich daran zu stören, daß er beide Hände voll zu tun hatte, ohne daß er eine Chance gehabt hätte. Sie schien genau zu wissen, daß er sich ihr ergeben würde.

DAS war es dann, was seine Wut in ihm wachrief. Sie ist viel zu nah! Du LÄßT sie viel zu nah herankommen! Sie macht mit Dir, was sie will! Er schüttelte Caryns Arme ab. Die Macht, die er ihr über sich einräumte, war viel zu groß! Die Gewißheit, wie sie binnen kürzester Zeit über ihn hinweggekommen und ohne ihn glücklich sein würde (er verscheuchte das Bild, wie sie Lucas Boots vor seinem Klassenraum küßte), während SIE wußte, wie schlecht es IHM ging, womöglich über ihn triumphierte, oder – noch schlimmer – mitleidig auf ihn heransähe, war schlicht untragbar! Er schüttelte sie ab.

Dann aber Caryn dastehen zu sehen, mit gerissener Aura, mit leer herabhängenden Armen, die Augen geweitet vor Schmerz, war mit dieser Vorstellung ihres Triumphes, ja nicht einmal mit der ihres Mitleids vereinbar. ER war es doch, der SIE verletzte, rief er sich ins Gedächtnis, was konnte SIE denn dafür? Unwillkürlich öffnete er seine Fäuste und hob die Arme ein Stück. Langsam, zögernd – DU schaffst es sogar, eine wie CARYN mißtrauisch zu machen! beschimpfte er sich innerlich – kam sie zu ihm zurück, wartete diesmal ab, bis ER sie an sich zog. Es tut mir so leid, mein…– Nein, Severus, gerade ein solches Wort macht alles noch schwerer! Trotzdem hielt er sie fest. Und wurde im nächsten Moment schon wieder eiskalt erwischt:

„Ich weiß die Lösung, wie ich Dir BEWEISEN kann, daß ich Dich WIRKLICH für immer liebe!" brachte seinen Kreislauf zum Erliegen. Wußte diese Frau wirklich so genau, was in ihm vorging? War sie sich darüber im klaren, wie empfindlich sie ihn mit solchen Aussagen traf an der Stelle, von der er wußte, das ein Herz ausschließlich für den Transport des Blutes durch den Körper zuständig war? Nichts, aber auch überhaupt nichts zu tun hatte mit diesem Reißen in seiner Brust? Und warum, in Gottes Namen, setzte er ihr keine Grenzen? Mit all ihrer Kraft hielt sie ihn umschlungen und davon ab, dem Reflex nachzukommen, aus ihrer Nähe zu fliehen. Er schlug NICHT um sich. Fühlte IHR Herz heftig direkt an seinem Körper schlagen, welcher bereits wieder mit allem, was ihm zur Verfügung stand, zeigte, wie sehr er SIE wollte. Automatisch atmete er in ihrem Rhythmus und strich mit seiner rechten Hand kräftig über ihren Rücken, während die linke in ihrem Nacken dafür sorgte, daß Caryn ihm ihr Gesicht zuwenden mußte. Die Wärme in ihren Augen, das bereits wieder grenzenlose Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, machten es unendlich schwer, aber er brachte es fertig:

„Es GIBT keine Lösung dafür, Du WIRST mich nicht…" Er hob sein Kinn ein Stück, „… für immer lieben, und all das spielt auch keine Rolle." Diese wahren Worte gaben ihm die Stärke, Caryn – eine Idee zu abrupt – loszulassen und sich von ihr abzuwenden. Er griff nach dem bereitstehenden Verhütungstrank und reichte ihn ihr, die sie keine Anstalten machte, den Becher entgegenzunehmen, ihn lediglich wieder alarmiert beobachtete. „Du trinkst das, und dann…"

„Ich könnte es Dir einfach SCHWÖREN, Severus! Ich KÖNNTE es. Bei meinem Leben. Ich WÜRDE nicht sterben, weil meine Liebe stark genug IST. Das MUßT Du doch als Beweis gelten lassen!"

Sie meinte das ernst. Sie meinte das wirklich ernst. Ihm seinen ärgsten Alptraum als Geschenk anzubieten. Das Angebot, sich an ihn ketten zu lassen, sich selbst dazu zu zwingen, bei ihm zu bleiben ohne Rücksicht darauf, ob sie ihn noch lieben würde oder nicht. Er spürte jeden einzelnen verspannten Muskel um seinen offenstehenden Mund. Spürte jede einzelne Falte, die seine zusammengezogenen Augenbrauen nach sich zogen. Spürte, wie sein Herz trotzdem weiterschlug. Trotzdem. Trotzdem.

„Das ist NUR ABGRUNDTIEF DUMM!" schlug er zurück. Ihr Entsetzen reichte über die Enttäuschung über die Zurückweisung ihres Vorschlages weit hinaus. Du hältst Deine Liebe für allmächtig, nicht wahr, Caryn? „Du hältst DICH für allmächtig, nicht wahr, als habest Du die Macht, über Deine Gefühle bestimmen zu können! Ich werde Dir zeigen, daß Du das NICHT kannst, Caryn, ich werde Dir zeigen, wie Deine LIEBE…", er spie ihr das Wort vor die Füße, „…in sich zusammensacken wird wie ein unmagisches Kartenhaus!" Er hatte sich vor ihr aufgebaut, seine gesamte verfügbare Snape-Autorität zusammengeklaubt und nagelte sie fest mit seinem gefährlichsten Blick. Er mußte sich sammeln für die Worte, die er jetzt benötigte. Die Worte der Wahrheit, die ihr beweisen würden, daß er recht hatte. Daß SIE sich irrte. Caryn erwiderte seinen Blick, ohne zu blinzeln. Er zögerte. Vergaß die Worte. Fühlte.

Fühlt, wie Caryn der Gefahr ihre Existenz abspricht. Fühlt, wie der Fluß der Macht in ihren verschränkten Blicken sich umdreht. Daß nicht ER es ist, der sie mit seinem Blick fesselt. Daß stattdessen SIE seinen Blick festhält, IHN festhält. Daß nicht mehr ER, Severus, der Starke ist, der für Distanz zwischen ihnen sorgt. Daß vielmehr Caryn es ist, die ihn nah bei sich hält. Ihn auffängt. IHN HÄLT. Caryn ist NICHT in sich zusammengesackt. Caryn bleibt CARYN. Nicht furchtlos, PANISCH vielmehr, auch sie im Innersten getroffen. Aber sie hält ihm stand. Ihre Stimme dann klingt auch klar. Fest. Ihrer selbst vollkommen gewiß. Ihrer selbst und ihrer Liebe.

„Das ist nicht wahr!"

Sie ist sich vollkommen sicher. So unumstößlich SICHER. Selbst in all der Angst, ihn wirklich zu verlieren, ihn DIESMAL wirklich zu verlieren (er entscheidet einfach, daß dieses ihn überschwemmende Gefühl von IHR kommt) ist sie ihrer Liebe gewiß. Und – auf eine völlig irrationale Art, auf eine wahrhaft PARADOXE Art – ist sie SEINER, Severus', gewiß. Diese Gewißheit ist ebenso ein Gefühl wie sämtliche andere um sie beide wabernden, ihn schwindelig machenden Emotionen, und es erstreckt sich genauso auf IHN SELBST. ER könnte nach dieser ihrer Gewißheit greifen wie nach einem Anker, ER SELBST könnte nach IHR, nach Caryn, nach ihrer Liebe für ihn greifen und sich retten lassen. Retten aus einem tosenden See umherwirbelnder Emotionen. Caryn ist bei ihm inmitten dieses ihn verschlingenden Sees, aber dennoch kann sie ihn halten, dennoch kann er sich an ihr festhalten, dennoch wird er nicht untergehen, solange SIE ihn hält. UND GLEICH WIRD SIE IHN VERLASSEN.

DAS war es, das IHN in sich zusammensacken ließ, das IHN dazu zwang, sich am Arbeitstisch Halt suchen zu müssen. Sie würde ihn verlassen. Und Caryn…

Caryn tut es einfach. Greift nach IHM. Umfängt ihn wieder. Zieht ihn aus diesem Strudel. Aus den Wellen. Verankert ihn, ohne daß es etwas gibt, in das dieser Anker sich bohren könnte, es GIBT doch keine Basis, KANN doch keine geben, sie wird ihn verlassen, denn er hat doch nicht einmal ein Leben, geschweige denn, weiß sie, wer er ist, daß er Voldemort gehört, daß das Bild der Rettung aus dem See Schwachsinn ist… Aber all dieses Wissen, all diese Vernunft, all diese REALITÄT vermag nicht zu ihm vorzudringen. Caryn ist da und schirmt ihn in diesem Augenblick von all dem ab. Caryn hält ihn. Streichelt ihn. Spricht zu ihm.

„Das ist nicht wahr, Severus. Ich WERDE Dich lieben. IMMER. Das WEIß ich. Und ich würde ALLES dafür geben, daß auch DU es wissen könntest… ALLES, verstehst Du?" Sie hält ihn. Streichelt ihn Spricht zu ihm. Leise. Dunkel. Beruhigend. Fürsorglich. Beständig. Schließlich schweigend. Lange. Schweigend. Es gibt keine Worte. Keine Gedanken. Das Glück ist da. Um ihn und sie. Real. Irgendwann kann er seine Arme dazu gebrauchen, SIE zu umfangen, SIE zu halten, SIE zu… Es hatte keinen Sinn, nicht in der Realität, aber dieser Glückszustand ist zu nah… Und DENNOCH mußte er es tun. Severus Snape würde sich niemals von so etwas wie GLÜCK von seiner Pflicht abhalten lassen! NEIN. Das würde er nicht. AUCH jetzt nicht.

„Es gibt so viel, was Du von mir nicht kennst", erklärte er mit zusammengebissenen Zähnen. Aber er ließ Caryn noch nicht los. Gleich. Gleich würde er es tun. Noch nicht jetzt. Ihr Blick hing an seinen Lippen, sie wartete gespannt darauf, daß er fortfahren würde. Gespannt jetzt, keineswegs angstvoll. Sein Gesicht verzerrte sich. Sie wußte nicht, daß sie Angst haben mußte. Jetzt, obwohl er noch nicht einmal imstande war, von ihr abzulassen. Jetzt, zum ersten Mal in ihrer Beziehung, MUßTE sie Angst haben. Zum ersten – und ZUM LETZTEN MAL.

Er konzentrierte sich auf seine Sprechmuskulatur. Eiskalt artikulierte er die nötigen Worte, DIE Worte, die allem ein Ende machen würden. Und die ihn jetzt dazu trieben, sie loslassen. Weil er nicht ertragen konnte, daß SIE es in der nächsten Sekunde tun würde. IHN LOSLASSEN. Seine Stimme schleuderte die Worte hinaus wie Erbrochenes.

„Hast Du registriert, daß ich ein TODESSER gewesen bin? Menschen GETÖTET habe? Menschen GEFOLTERT? Frauen VERGEWALTIGT? Mit für alles verantwortlich bin, was Voldemort damals verbrochen hat? Du bist in der Muggelwelt großgeworden. Hast Du einen Begriff davon, was Voldemort BEDEUTET, Caryn?! – Solange Du von meiner Schuld nichts weißt, ist es ausgeschlossen, daß Du MICH lieben kannst!" DIESE WORTE sind mein wahres Ich, sind die Realität, DIESE WORTE werden Caryn treffen, sie verjagen, ihre Liebe töten. Wie es sein muß, WEIL DIE REALITÄT SO IST.

Caryn

„Geh einfach, geh endlich weg, die Sache mit uns ist beendet. Es hat keinen Sinn. Es hatte nie einen Sinn. Es tut mir leid…" Zum ersten Mal in seiner langen Rede war ihm anzumerken, daß seine Disziplin, mit der er diese Worte kalt und gefühllos aneinandergereiht hatte, allmählich zur Neige ging. Er mußte sich räuspern, bevor er weitersprechen konnte. „Es tut mir … sehr leid, daß ich... es... solange... zugelassen habe."

Diesmal jedoch war Caryn auf so etwas gefaßt gewesen. Keines seiner Worte spielte für sie eine Rolle, aber das begriff er nicht; für ihn war das, was er gesagt hatte, wirklich essentiell wichtig, das wußte sie. Sie wußte auch, daß sie keine Chance hatte, ihm die Qual, die diese Wahrheiten für ihn bedeuteten, zu nehmen; daß sie nicht imstande sein würde, ihn davon zu überzeugen, daß diese Wahrheiten keine Bedeutung für ihre Beziehung hatten. Alles was in ihrer Macht stand, war, jedes einzelne Wort aufzunehmen und sich darauf zu konzentrieren, ihn dazu zu bringen, ihr zu glauben: Daß nichts, was er ausgesprochen hatte, neu für sie war und daß nichts davon den geringsten Einfluß auf ihre Gefühle für ihn hatte. Vor allem beruhigen mußte sie ihn, damit er ihr schließlich nicht doch noch vollständig entglitt. Hastig kramte sie alle relevante Fakten in ihrem Kopf zusammen und spulte sie herunter:

„Ich weiß doch darüber bescheid. Ich wußte immer, daß Du ursprünglich auf der Dunklen Seite gestanden hast. Aber ich weiß auch, daß Du VOR dem Angriff auf Harry Potter zu Dumbledore gekommen bist. Daß Du für Dumbledore gegen Voldemort spioniert haben sollst. Damit Dein Leben für uns alle hier eingesetzt. Also in der wahren Bedeutung Wiedergutmachung geleistet hast. Und daß Dumbledore Dich nicht hier arbeiten ließe, wenn er Zweifel an Deiner Loyalität hätte!" Sie hatte schnell, aber mit Nachdruck gesprochen, und zumindest hatte er ihr erst einmal zugehört. Seine Stirn hatte sich gerunzelt. Mißtrauisch fragte er:

„Woher weißt Du das alles?" Neben der Skepsis war in dieser Frage jedoch auch ehrliches Erstaunen hörbar gewesen. Gut. Er hat sich ablenken lassen! Er war dageblieben. Er blieb. Er sprach weiterhin mit ihr. Das war gut.

„Ich habe Dich... GEHAßT. Glaubte ich zumindest. Ich wollte all das wissen. Ich wollte ALLES über Dich wissen. Ich habe Informationen gesammelt. Mit Leuten geredet. Hagrid. Filch. Flitwick. Du hast mit Deinen Strafarbeiten dafür gesorgt, daß ich genügend Gelegenheit hatte, mich nebenbei haßerfüllt über Dich zu erkundigen. Sie haben mir alles Negative über Dich verraten, was man über Dich weiß, dessen kannst Du sicher sein!"

Einige Sekunden starrte Snape sie verblüfft an. Dann faßte er sich, suchte sichtlich nach den richtigen Worten, und Caryn konnte an seinem Mund erkennen, wie er sich dazu zwingen mußte, diese Worte auszusprechen. SIE zeigte ihm währenddessen, daß sie nicht die geringste Angst davor hatte, was auch immer sie von ihm zu hören bekommen würde, indem sie ihre Augen offen und ruhig auf seinem Gesicht ruhen ließ. Da sie die Kälte in seiner Stimme erwartet hatte, konnte diese ihrer Ruhe nichts anhaben.

„ICH HABE MENSCHEN UMGEBRACHT." Das mußte doch eigentlich der schlimmste Punkt sein. Daß er so schnell dazu gekommen war, war sicher als gutes Zeichen zu werten!

„Du mußt Gründe dafür gehabt haben, Dich Voldemort anzuschließen. Ich habe Dich jahrelang gekannt mit all Deinem Haß und Deiner Verbitterung. Davon abgesehen, bin ich mir darüber im klaren, daß Voldemort keinem seiner Anhänger erlauben würde, unschuldig zu blei..."

Scharf schnitt er ihr das Wort ab:

„Das klingt nach einer Entschuldigung. Was ich getan habe, ist unentschuldbar."

Oh nein, eine Entschuldigung war ganz schlecht! Severus Snape durfte unter keinen Umständen entschuldigt werden! – Wie sollte sie aus dieser Falle wieder herauskommen? Ablenkung. Konfrontation. Ihn zur Konfrontation herausfordern!

„Hast Du Menschen zum Spaß umgebracht?" Diese unverblümte Frage zeigte Wirkung. Ließ ihn zusammenzucken. Gut, ich kann Dich ablenken, von Deiner Angst ablenken, von Deiner Schuld. Komm Severus, sag es mir!

„Nein."

Gut. Sehr gut. Weiter! „Weil Du dazu GEZWUNGEN warst."

„Ich WUßTE das vorher. Ich wußte vorher, daß Morde etwas waren, das von jedem Todesser erwartet wurde. Ich wußte vorher, daß das von MIR erwartet werden würde. Ich habe es in kauf genommen. Ich habe mich dazu ENTSCHIEDEN, zum Mörder zu werden."

„Du hast Dich AUS BESTIMMTEN GRÜNDEN dazu entschlossen."

„Das sind wieder Entschuldigungen, Caryn."

Okay, eine Sackgasse. Noch einmal von vorn. „Hast Du es genossen, Menschen zu töten?"

„Nein, das sagte ich doch gerade."

Das kannst Du gar nicht oft genug aussprechen. Das auszusprechen ist gut für Dich. Und sie konnte es wagen weiterzugehen: „Hast Du es genossen, Menschen zu quälen?"

„Nein!" Er wurde ungeduldig. Das erhöhte die Gefahr seines Rückzugs. „Aber ich…"

Stop, Severus! Warte! „Deine Entscheidung, den Todessern beizutreten, war EIN Schritt, der vieles nach sich gezogen hat, es macht doch keinen Sinn, Dich für jeden einzelnen Punkt…"

„Oh doch, Caryn, ich trage für JEDEN EINZELNEN PUNKT die volle Verantwortung." Ja klar, Verantwortung. Die ist dir wichtig, klar, ich lasse sie Dir. Hör mir nur weiter zu! „Okay. Du HAST die Verantwortung. DU entscheidest, wie Du mit Deiner Vergangenheit umgehen willst. Aber das Recht habe ICH auch! ICH entscheide, wie ICH mit Deiner Vergangenheit umgehen will. Und ich entscheide mich dafür, daß sie mir…" Nein, EGAL ist bestimmt nicht gut, besser… „…daß sie für das, was ich für Dich empfinde – für den empfinde, der Du JETZT bist – keine Bedeutung hat."

War DAS gut gewesen? Aus seiner Miene war nichts herauszulesen. Immerhin befand sie sich nach wie vor im Fokus seiner Aufmerksamkeit. Und weitersprechen mußte sie so oder so. Jetzt allerdings kam ihr stärkstes Argument, und sie war ein wenig besorgt, ihren besten Trumpf bereits jetzt aus der Hand zu geben – bevor ansehbar war, daß Severus sich auf sie zu bewegte.

„Ich liebe Dich doch, wie Du JETZT bist. Und WIE Du bist, ist doch bestimmt durch all das, was Du in Deinem Leben bisher erlebt hast! Du wärest doch ein Anderer, wenn Du ein anderes Leben gelebt hättest!" Indem sie es ausgesprochen hatte, klang dieser Gedanke abgehoben, theoretisch, fast irreal. Dabei wußte sie, daß das eine wichtige Wahrheit war! DIE wichtigste Wahrheit für dieses Problem. Doch Severus würde dieser Wahrheit ihren Einfluß auf seine REALITÄT absprechen, befürchtete sie. Zu recht.

„Du WEIßT nichts von meinem Leben." Kalt. Verbittert. Anklagend.

„Das ist unfair, mir das vorzuwerfen! Das liegt an DIR. Ich will alles von Dir wissen, was…"

„Das ist nicht wahr, Caryn. Was ich im einzelnen getan habe, WILLST Du nicht wissen."

„Ich MUß es nicht wissen, um zu entscheiden, ob ich Dich liebe!" versicherte sie ihm stur, auch wenn er ihr das natürlich nicht glauben würde.

„Da irrst Du Dich."

„Okay, dann werde ich es Dir beweisen müssen." Ein Schnauben. Aber täuschte sie sich, oder war er mittlerweile der Resignation näher als der Aggression?

„Ach Caryn!" Das klang eigentlich vielversprechend! Ja, Severus. Ich bin hier. Genügte es, auf seinen nächsten Schritt zu warten? Oder mußte sie etwas tun, um ihm den Weg zu ihr weiter zu ebnen? Was konnte sie tun? Severus starrte vor sich hin. Würde er nichts von sich aus tun? Sollte sie…?

„Warum bist Du Todesser geworden?" Als er vorzeitig den Mund öffnen wollte, fügte sie rasch hinzu: „Ich will es nicht entschuldigen. Du willst aber ja, daß ich alles verstehe. Und ich WILL Dich verstehen."

Severus

Er konnte nichts sagen. Abgehärtet hatte er sich, all die Jahre. Hatte wieder und wieder erbarmungslose Selbstgespräche geführt. Dabei in den Spiegel gesehen. Sein eigenes Gesicht angesehen, in seine Augen, während er sich gezwungen hatte, es auszusprechen. Er HATTE es ausgesprochen. Daß er schuldig war. WESSEN er schuldig war. Er hatte sich nie vor seiner Verantwortung drücken wollen. Hatte seine Schuld fühlen wollen. Nicht umsonst hatte er Lily in sich benötigt. Sein Leben lang hatte sie als Symbol für seine gesamte Schuld gedient.

Aber es war anders, mit einem anderen Menschen darüber zu sprechen. Und es diesem anderen Menschen nicht um die Ohren hauen, um ihn zu verschrecken, zur Hölle zu jagen, sondern einen Dialog darüber zu führen. Mit einem anderen Menschen? – Mit CARYN. Die er NICHT zur Hölle jagen wollte. An der er sich in diesem Moment festklammern wollte wie ein erbärmliches Kind. Wimmern. Verlaß mich nicht, bitte, verlaß mich nicht, bleib bei mir, ich will Dich nicht verlieren, ich brauche Dich, bitte ... Andere Worte gab es nicht. Und diese waren verboten. Hirnrissig. Verachtenswert. Mitleidserregend! Seiner selbst UNWÜRDIG.

Caryn hatte anscheinend eingesehen, daß von ihm keine Antwort zu erwarten war. Aber sie gab nicht auf. Sah ihn an. Die ganze Zeit. Fing wieder an zu reden. Eindringlich. Bedeutsam. Eindringlich und bedeutsam redete sie weiter auf ihn ein. Emsig. Beständig. Beruhigend. Ihre Worte lullten ihn ein. Das war nicht richtig…Auch wenn ihm in diesen Augenblicken nicht einfallen will, was falsch daran sein soll, daß sie dort vor ihm steht und ihn davon zu überzeugen versucht, daß ihr all das Schreckliche, das er getan hat, das ER ist, für sie keine Rolle spielt. Sie hat alles gehört, was er gesagt hat, und doch ist sie geblieben, steht dort an ihrem Platz und hat offenbar nicht vor abzustellen, daß ihn diese Ströme von ihr weiterhin erreichen: Wärme, Verstehen, Besorgnis – und zwar nicht vor dem, was sie von ihm hören wird, sondern Sorge UM IHN, Sorge, ihn zu verlieren. Das kann er so deutlich spüren. So deutlich…

„Es ist mir egal, daß Du diese Dunkle Vergangenheit hast", erreichte sein Sprachzentrum wieder. DAS IST MIR ALLES EGAL, das hatte sie in seinem Traum gesagt. Es war doch nur ein TRAUM gewesen… „Vielleicht hattest Du ein bißchen recht in Deinem... Erstgespräch. Daß Frauen so etwas romantisch finden. Ich bin mir dessen aber sehr wohl BEWUßT, daß es nicht romantisch IST,einen Menschen zu töten. Und ihn auf dem Gewissen zu haben. Daß es SCHLIMM ist. Und natürlich WÜNSCHTE ich, Du hättest das NICHT getan." Tja, genau das ist sinnlos. Dieses Wünschen. Du mußt mit diesem Wünschen aufhören, Caryn… „Es nicht tun MÜSSEN." Er öffnete den Mund, aber sie übertönte ihn: „Tun WOLLEN. – Aber Du bist DU. DU HAST es nun einmal getan, und ich will Dich trotzdem lieben. Ich WERDE es!"

Es war so schwer, angemessen darauf zu reagieren. Caryns verlockende Worte hatten ihn in Versuchung geführt. Das war die passende Formulierung für diese vertrackte Hoffnung, die diese – ohne daß er sich dem hätte verschließen können – in ihn eingepflanzt und dort genährt hatten: diese trügerische Hoffnung, die gestern praktisch nicht mehr vorhanden gewesen war und die er gestern endgültig hatte vernichten wollen, indem er Caryn… Aber Caryn hatte diese Hoffnung TROTZ ALLEM wieder zum Wachsen gebracht. Gestern, indem sie trotz allem bei ihm geblieben war. HEUTE, indem sie einfach dasselbe wiederholt hatte. Wiederum hatte sie – entgegen aller Logik – nicht aufgehört, ihn zu lieben. Und das machte es für ihn so verteufelt schwer, nicht zu glauben, daß alles gut sein könnte… Das machte es so schwer, die Wahrheit auszusprechen:

„Ich HABEes getan. Und das kann ich niemals ungeschehen machen. Und darum kann ich nicht geliebt werden. So einfach ist das."

Er KONNTE es nicht glauben. Egal wie sehr er sich danach sehnte. Weil er wußte, daß er es nicht glauben DURFTE. Er war müde. Zu müde. Es war zu schwer. Er wandte sich von Caryn weg und machte einen Schritt. Von ihr weg. Noch einen. Weg. Einen weiteren.

Caryn

Caryn setzte ihm nach. Unterdrückte den Impuls, sich an ihn zu klammern. Redete nur. Wunderte sich, daß sie sinnvolle Sätze produzierte, während innerlich die Panik sie immer mehr erlahmen ließ, weil sie fast alle Trümpfe ausgespielt hatte, ohne daß sie sicher sein konnte, in Sichtweite ihres Ziels gelangt zu sein. Hatte ihr Gefühl, daß die Front seines Widerstandes bereits am Bröckeln gewesen war, ehe er jetzt wieder vor ihr weglaufen wollte, sie getrogen? Sie war beinahe sicher gewesen, daß er sich danach gesehnt hatte, ihr glauben, daß nur noch ein kleiner Schritt gefehlt hätte… Was hatte sie noch vorzubringen, um ihn zu überzeugen? Und überzeugen MUßTE sie ihn! Er wollte weg. Schließlich doch von ihr weg. Unwillkürlich streckte sie die Hand nach ihm aus. Faßte den Stoff seines Umhangs. Desungeachtet machte er einen weiteren Schritt. Sie mit ihm.

„Ich liebe Dich aber!" Es gelang ihr nicht mehr wirklich, ruhig und besonnen zu klingen. Was half es? Sie mußte handeln. „Du kannst mir sagen, was Du willst: Ich liebe Dich, Severus." Du verflachst! Das sind keine Argumente! GEFÜHLSDUSELEI, wird er sagen. Damit erreichst Du ihn doch nicht, verdammt! Konzentrier Dich! EIN Argument mußte es doch noch geben! „FRÜHER warst Du Todesser. An einem Punkt hast Du Dich aber entschlossen, Voldemort zu verlassen. Das MUßTEST Du nicht. Du hättest den BEQUEMEN Weg gehen können. Auf Voldemorts Seite wärest Du nicht BÖSE gewesen. DORT hättest Du KEINE SCHULD gehabt.Wärest vielleicht sogar erfolgreich gewesen. Du hättest einfach so weitermachen können. Aber das hast Du nicht."

Caryn verfluchte das Bittende in ihrer Stimme, so hatte sie sich nicht gerade sehr überzeugend angehört. Das war nun auch wirklich alles gewesen, was ihr eingefallen war, ihn zu erreichen. Nun konnte sie nichts mehr tun. Nun kam es auf ihn an. Sie konnte nur noch warten. Hatte er ihre Worte überhaupt wahrgenommen? Angespannt untersuchte sie jedes Detail seines Anblicks. In seinem Gesicht war nicht erkennbar, was er mit diesem letzten Argument anzufangen gedachte. Aber er hatte aufgehört, sich fort zu bewegen. Immerhin. Er war stehengeblieben. Ob das gut oder schlecht war, ob er nun endgültig bleiben würde oder sie gleich anschreien und endgültig hinauswerfen, konnte sie nicht sagen. Vorerst hatte er sein Gewicht auf beide Beine verlagert. Er sah sie nicht an.

Severus

So seltsam das war: Dieser Gedanke war neu für ihn. Er hatte sich ja versagt, nach Rechtfertigungen zu suchen. Sich besser zu machen, als er war. Hatte grundsätzlich alles ignoriert, was ihn von seiner Schuld abgelenkt hätte. Weiterführende Fragen, wie, warum er zum Todesser geworden war, warum er sich von Voldemort losgemacht hatte, waren irrelevant für das objektive Ausmaß seiner Schuld. Diese Fragen führten zu nichts. Er wollte die volle Verantwortung tragen. Nichts entschuldigen. NICHTS RELATIVIEREN. Der Tod eines Menschen konnte ausschließlich absolut verstanden werden.

Und doch hatte Caryns Argument etwas Verlockendes. Er mußte sich gegen sein Verlangen wappnen, es TROTZ ALLEM an sich herankommen zu lassen. Ebenso wie die Konsequenz, die sich aus all dem hier zu ergeben schien: Sie wird heute nicht gehen. SIE WIRD HEUTE TATSÄCHLICH NICHT GEHEN. Caryn hatte sich nicht von ihm abgewandt. Sie stand dort, eine knappe Armeslänge von ihm entfernt, und hielt ihn noch immer an seinem Umhang fest.

SIE WIRD MICH HEUTE NICHT VERLASSEN.

Nein, das würde sie nicht. Alles Aussprechbare war ausgesprochen, und Caryn war bei ihm geblieben. Schien fest entschlossen, dort zu bleiben. Ihn zu lieben. Ihn nach wie vor zu lieben. Diese Erkenntnis stellte eine sehr lange Weile alles andere, das nach wie vor in ihm wütete, in den Schatten.

Er rührt sich nicht, atmet nur, hat aufgehört zu denken, zu planen, zu handeln, fühlt nichts anderes als Caryns Wärme und seine Sehnsucht, sich darin fallen zu lassen. Die Hoffnung, daß es ihm wahrhaftig vergönnt sein könnte, genau das wieder zu tun. Diese verdrehte, verfluchte, verzweifelte Hoffnung, die ihn seit WOCHEN hartnäckig verfolgt. An seinem Ich klebt. Unbeirrbar. Bar jeglicher Vernunft. Ums Verrecken nicht abzuschütteln. GENAU WIE CARYN. Nie hat es in seinem Leben etwas Verlockenderes gegeben.

Caryn

Sie sprach an seiner Stelle, gestärkt von dem Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, das sah sie ganz deutlich. Gott sei Dank! Er hatte aufgehört, sie zu vertreiben zu versuchen. Er hatte aufgegeben, vor ihr wegstreben zu wollen. Sie würde es schaffen, dieses Gespräch zu ende zu führen, ohne daß er ihr weglief. Er sah sie noch immer nicht an, aber er mußte endlich erkannt haben, daß Caryn ihn nicht verlassen würde. Noch gab er es bestimmt vor sich selbst nicht zu, aber die Tatsache, daß er noch immer dort stand und zuließ, daß sie mit ihm sprach, bewies ihr das.

„Du hast beschlossen, den Weg, den Du eingeschlagen hattest, zu verlassen. Hast einen anderen, schweren, gefährlichen, mutigeren Weg eingeschlagen. Was sollst Du denn noch tun, um..."

„Ich kann es nicht wiedergutmachen, Caryn." Dies hatte er ihr nicht mehr entgegengeschleudert wie seine Argumente zu Beginn des Gespräches. Dieser Einwand klang so, als wolle er nur sicher gehen, daß alle Karten auf dem Tisch lagen. Sie hörte selbst den begeisterten Eifer in ihrer Stimme:

„Nein, das stimmt. Aber Du kannst … es bereuen. Das TUST Du doch! Ich meine: Was sollst Du denn SONST noch tun?! Du mußt doch irgendwie WEITERLEBEN…!" Noch während sie sprach, sah sie es.

„Das MUß… ich nicht." Plötzlich war seine Stimme erstickt von auf ihn einstürzenden Emotionen, riß Caryn aus heiterem Himmel zurück in den bedrohlichen Strudel der Ungewißheit. Damit hatte sie an dieser Stelle überhaupt nicht mehr gerechnet. Zu Tode erschrocken, rief sie, wovon sie im selben Moment wußte, wie falsch es war:

„Aber sonst müßtest Du doch sterben!"

„Ja", preßte er hervor. Automatisch machte sie den sie noch trennenden Schritt auf ihn zu, aber er trat beiseite, um zu verhindern, daß sie ihn erreichte.

Severus, bitte nicht! Lauf doch nicht JETZT noch weg, nicht nach all dem, was wir gemeinsam durchlebt haben, bitte! „Aber das würde doch niemandem nützen!" rief sie schrill, wieder außer sich vor Angst, außer sich vor Sorge, vor angstvoller, verzweifelter Sorge. Severus, bitte, verlaß mich nicht, jetzt doch nicht mehr, wir waren so nah dran, wir SIND so nah dran, wir können all das hier hinter uns lassen und glücklich sein, bitte! Warum kannst Du das denn nur nicht glauben?! Ruhe, Bestimmtheit, Überzeugtheit, Überzeugungskraft mußte in ihre Stimme geladen werden, bevor sie weitersprechen durfte.„Du HAST Du die Chance, ein... zweites Leben zu leben. ANDERS zu leben. Das GUTE zu leben. Vielleicht gegen das Böse zu kämpfen. Wie Du es schon getan hast! Damals. Gegen Voldemort."

Er stand vor ihr, den Blick gesenkt, in sich selbst versenkt. Vollkommen abgeschottet von der Welt um ihn herum. Einschließlich ihrer. Caryn nahm er nicht mehr wahr. Ihre Worte waren an ihm abgeprallt. Vor wenigen Augenblicken noch hatte sie ihn erreicht, aber dann war etwas ganz fürchterlich schief gelaufen. Severus hatte offensichtlich nach wie vor nicht vor, sich zu verzeihen. Das hieß, er würde auch nicht annehmen können, daß SIEihm verzieh. Ihr wollte er vorschreiben aufzuhören, ihn zu lieben. Er wollte ihr VERBIETEN, sie zu lieben. IHR! Unwillkürlich streckte sie erneut die Hand nach ihm aus, aber er war zu weit weg. Unerreichbar. Unendlich einsam. Schweigen. Belastend. Trennend. Schweigen. Bodenlos. Bodenlose, kindliche Angst. Wohlbekannte Angst.

Du wirst Vater nie erreichen, Mädchen, Du hast die Macht dazu nicht. Du bist ihm nicht wichtig genug. Er liebt Dich nicht. Er wird Dich verlassen, obwohl Du ihn liebst. Deine Liebe genügt nicht. Deine Liebe ist nicht gut genug! DU bist nicht gut genug!

Aber Severus war anders! Sie war ihm wichtig! Er hatte sich ihr hingegeben! Er hatte ihre bedingungslose Hingabe gefordert. Er hatte ihr so wunderbare Sachen gesagt! Ich habe so etwas noch nicht erlebt! Hatte er ihr GESAGT. Auch gesagt hatte er, daß sie die Sache beenden sollten – aber er war TRAURIG darüber gewesen! Es war nicht wirklich sein WILLE, sie wegzustoßen! Es war seine Überzeugung, es tun zu MÜSSEN! Er war davon überzeugt, daß sie ihn nicht lieben KÖNNE. Daß er das nicht verdient habe, vielleicht sogar. Aber er SEHNTE sich doch nach ihrer Liebe! Hatte sie das nicht an unzähligen Zeichen ablesen können? An Blicken, Worten, Gesten, Zugeständnissen? Was es auch war, was er mit ihr wollte – und selbst wenn es nur Sex sein sollte – so wollte sie das auch. Mit ihm. IHN. Sie WÜRDE nicht aufhören, ihn zu lieben. UND sie würde nicht gehen.

Severus

Er hat keine Ahnung, wieviel Zeit vergangen ist, als sich zwei kräftige Arme um seine Körpermitte schlingen. Sein reflexhafter Versuch, sich aus dieser Umklammerung zu winden, wird beantwortet, indem der Druck um ihn verstärkt wird. Dieser feste Widerstand, mit der die Welt um ihn ihm Halt gibt, holt allmählich alle Wahrnehmungen zurück, und er findet sich in Caryns Armen wieder. Caryn. Sie flüstert. Worte für ihn, schon eine ganze Weile, aber erst jetzt gelingt es ihm, sie zu verstehen.

„Ich verlasse Dich nicht, Severus. Ich will bei Dir sein. Stoß mich nicht weg, bitte, ich bin hier. Ich liebe Dich. Ich brauche Dich. Ich will, daß Du mich in Dein Leben läßt!"

Er versteht das, was sie sagt, aber gleichzeitig versteht er nichts davon. Es IST nicht zu verstehen… „Aber warum denn nur?"

„Weil ich Dich liebe, verdammt, weil ich Dich WILL, und zwar DICH, egal wie, mit allem, was Du bist. Wir können Deine Vergangenheit nicht ändern. Wir müssen halt damit klarkommen. Ich spüre nichts davon, daß Du schlecht bist, wenn ich bei Dir bin. Ich spüre nur, wie Du Dich um mich kümmerst und daß Du manchmal Angst hast. Und daß Du davon überzeugt bist, daß niemand Dich lieben kann. Aber ich spüre nicht, daß Du ein Mörder sein sollst."

Mörder. DAS ist es. DAS ist das, was SIE verstehen muß! Wenn es ihm selbst schon so ungeheuer schwer fiel, sich von ihren Worten nicht umgarnen zu lassen, so mußte er doch wenigstens Caryn daran hindern, sich selbst damit einzulullen.

„Daß ich ein Mörder BIN. Daß ich Dich gestern VERGEWALTIGT HABE!" Doch um wirklich überzeugend zu sein, fehlte seiner Stimme das Gift. Caryn überzeugte er selbstredend auch nicht. Und – auch wenn es nichts änderte – er konnte nicht anders, als darüber froh zu sein.

„Das HAST Du nicht, Du KANNSTmich gar nicht vergewaltigen. Weil ich Dich in mir WILL." So unendlich froh. Auch wenn er das nicht sein darf. Auch viel zu ausgelaugt ist, um es wirklich zu fühlen. Caryn dagegen hat diese Kraft noch. IHRE Freude KANN er noch fühlen. Selbst jetzt, in diesem Zustand. „Ich will Dich IMMER in mir!" Severus fühlt einfach nur ihre Freude. „Und als Mörder bist Du freigesprochen, weil Du für Dumbledore arbeitest." Er müßte seinen Kopf wieder einschalten. Dürfte nicht zu froh sein. Zumal Caryn jetzt zu Inhalten kam, die er so nicht stehenlassen durfte. „Du BIST nicht schlecht, Severus", versicherte sie eindringlich. „Du hast etwas Schlechtes getan, aber das bist nicht DU. Nicht vollständig. Jeder Mensch hat gute und schlechte Anteile. JEDER. Wir sind AUCH schlecht, Voldemort war AUCH gut. Und DU erst recht! DU hast Deine negativen Anteile reflektiert! Du BEREUST sie. Wie viele von den GUTEN ignorieren ihre bösen Impulse, ohne sich je damit auseinanderzusetzen. DIEJENIGEN kann man viel eher als böse bezeichnen! DU bist ihnen weit voraus!"

Das war schlicht naiv, und er müßte das richtig stellen, denn es war einfach nicht wahr, was sie da behauptete. Er mußte sie korrigieren. Doch sein Widerstand war in sich zusammengesunken. ER sah das, und er unternahm nichts mehr dagegen. Hätte es nicht mehr vermocht, selbst wenn er gewollt hätte. Er hatte einfach keine Kraft mehr.

„Ich habe Dir bereits gesagt, daß Du naiv bist." Selten hatte er weniger nach Snape geklungen.

„Ich will so naiv sein, damit ich Dich lieben kann!" beteuerte sie prompt. „ICH KANN ES. Ich TUE es schon. Glaubst Du mir jetzt endlich?"

Was kann ich anderes tun? „Du denkst sehr idealistisch, Caryn."

„Ich finde, das ist die einzige Art, darüber zu denken, die Sinn macht. Ich bin überzeugt davon, daß Du Deine Schuld hinter Dir lassen darfst. Nicht vergessen. Aber ablegen. Damit Du die Hände frei hast... Ich möchte, daß Du für MICH die Hände frei hast, ich brauche Dich, Severus…"

Er spürte, wie sie ihn noch enger umschloß, und in diesem Moment war es ihm ausschließlich egal, daß das, was sie da über seine Schuld gesagt hatte, nicht wahr sein konnte. Er hatte einfach keine Kraft mehr, dagegen anzukämpfen. Caryns Anwesenheit ließ ihm keine Wahl. Er war nur noch unendlich erschöpft. Legte seine Arme um sie und hielt sich an ihr fest. Er benötigte eine Pause bei ihr. Ihre Liebe. Er gestattete sich das. Hatte einfach keine Wahl. Doch es war notwendig, sich noch einmal aufzuraffen. Noch einmal stark zu sein, um das auszusprechen, was wahr WAR. Jetzt nicht weniger als vor alledem, was heute zwischen Caryn und ihm passiert war. Er MUßTE diese Wahrheit aussprechen. Jetzt, bevor es zu spät war. Bevor ihn auch noch die letzte Energie verlassen haben würde. Seine Worte waren REAL. Das wußte er. Auch wenn er sie nicht fühlte. Er fühlte nichts mehr.

„Ich darf meine Schuld nicht ablegen, Caryn. DAS WEIß ICH. Und ich KANN nicht so einfach entscheiden, ein zweites Leben zu haben, wie Du sagst. Streng genommen habe ich GAR kein Leben mehr. Wenn Voldemort zurückkommt, werde ich weiter gegen ihn kämpfen. Wieder Dumbledore unterstützen. Harry Potter schützen. Ich kann mich nicht wirklich auf eine Frau einlassen." Seine Worte waren die Realität, aber er ließ sich von Caryn festhalten.

„Aber wir… Uns geht es doch gut miteinander." Sie kämpfte mit sich. „Oder?" schickte sie zaghaft hinterher. Er hielt SIE fest.

Oh, Caryn! Ich bin so müde… „Aber das ändert nichts an der Realität." Sie hielt IHN fest.

„Wir könnten einfach… zusammensein. Eine Zeit lang", sagte sie leise.

„Ich wollte, daß Du das alles weißt..." murmelte er, ehe ihm bewußt wurde, daß das keine Antwort auf ihre Frage war.

„Würdest Du gern mit mir zusammensein?" forschte sie weiter. Und zu der Einschränkung mußte sie sich zwingen, das spürte er daran, wie sich ihr Bauch an seinem verkrampfte: „Eine Zeitlang?"

Ob ich das will, spielt keine Rolle, mußte er antworten, aber er war so müde. Tat nur einen tiefen Atemzug und hielt sie immer noch fest. „Ich wäre verrückt, das nicht zu wollen, Caryn, aber das ist nicht so leicht… Und wenn überhaupt, dürftest Du Dich aber nicht an mich binden. Es ginge sowieso nur eine Zeitlang, verstehst Du?"

Caryns Stimme klang so fest und vertrauenserweckend wie eh und je.

„Das ist mir alles egal. Ich möchte Dich lieben. Ich KANN das. Weißt Du jetzt, daß ich es wirklich kann?"

„Ich... beginne, das zu wissen", sagte Severus, fühlte jedoch, wie der letzte Rest seiner Stärke ihn verließ. Endlich ließ er sie los, schaffte nicht einmal mehr, sie anzusehen. Zögernd sagte er: „Ich… würde jetzt... gern alleinsein, Caryn."

„Natürlich", antwortete sie in derselben Sekunde. Trat den ersten Schritt von ihm weg, ihr Blick ließ ihn noch nicht los. „Severus?" Alle Angst der Welt zurück in ihrer Stimme. Aber er hatte jetzt keine Kraft mehr, sich auch noch um ihre Angst zu kümmern. War ihr schuldig, es dennoch zu versuchen.

„Ja?"

„Was IST jetzt?" verlangte sie natürlich von ihm. Die Angst machte sie zittern. Und etwas in ihm mit, so erschöpft er auch war. Caryns Angst jedoch war etwas, das er am allerwenigsten fühlen wollte. Er holte Luft, als sei ER derjenige, der ihre Worte aussprechen mußte. Aber sie kamen aus IHREM Mund: „Wirst Du mich jetzt verlassen?"

Das Problem ist, daß er gerade das nicht weiß. Daß er gerade überhaupt nichts weiß. Daß er völlig leer ist. Nie hat er weiter gedacht, als bis sie alles wissen und es von sich aus beenden würde. Weiter hat er nie gedacht. Er weiß nur, daß das Ende richtig gewesen wäre, für alle, für alles. Sonst weiß er nichts.

„Ich weiß es nicht", sagt er. „Es tut mir leid, Caryn… Ich weiß es jetzt nicht."

Er sah sie ihr Gesicht verziehen, um ihre Trauer zu binden. Wie genau ich Dich kenne, wie unendlich vertraut Du mir bist, wunderte er sich liebevoll in einer Sekunde. Und wollte in der nächsten genau davor weglaufen, sich verkriechen und nur seine Ruhe. Vor ihr. Vor sich selbst, der seine Kontrolle verloren hatte, seit er den Fehler begangen hatte, sie an sich heranzulassen. Weglaufen vor all dem, was ihm gefährlich werden konnte. Vor allem, was sein vertrautes Leben bedrohte. IHN bedrohte. Caryn zog ihre Lippen zwischen die Zähne. Holte Luft.

„Kannst Du mir es beantworten, sobald Du es weißt?"

„Natürlich."

„Sagst Du mir, wenn ich wiederkommen kann?"

„Ja."

„Wie?"

Oh, Caryn, ich kann nicht mehr… „Ich werde dann… zum Frühstück in die Große Halle kommen", versprach er.

„Und dann weiß ich, daß ich am Abend zu Dir kommen darf?" fragte sie bange.

„Ja." Bitte, Caryn, laß mich endlich allein…

Caryn war schon an der Tür, als sie sich noch einmal nach ihm umdrehte.

„Aber auch, wenn Du mich verlassen willst, oder? Wir sehen uns noch einmal?"

Sein „Jaa!" schickte sie endlich weg.

Caryn

„Na?" wurde sie vom Türklopfer begrüßt.

„Ich weiß nichts", murmelte Caryn und wurde plötzlich ihrer riesigen Erschöpfung gewahr. Sie hatte eben seelische Schwerstarbeit geleistet.

„Er ist am Anfang nicht vor mir weggelaufen. Er wollte weglaufen, sich zurückziehen, aber ich bin ihm nachgelaufen und durfte ihn festhalten... Aber als ich dachte, er würde bei mir bleiben, hat er... Er weiß es noch nicht..." Ihre Tränen kamen zurück. Verzweifelt. Bodenlos. Lebensgefährlich.

„Ich habe Dir gesagt, ermuß das allein schaffen", erinnerte sie der Adler behutsam. „Und das versucht er jetzt, da bin ich sicher."

„Aber... Du kannst nicht sicher sein, daß er es schafft..."

„Nein. Aber Du weißt, daß Du ihm wichtig bist. Daß er Dich so nah an sich herangelassen hat, wie keine seiner anderen Geliebten vorher."

„Woher weißt Du das?" verlangte Caryn zu wissen, und diesmal bekam sie eine Antwort.

„Ich weiß alles, was DUweißt." Entsetzt schrie sie ihn an:

„Ich habe geglaubt, Du weißt es WIRKLICH!"

„Aber Caryn, Du weißt es doch wirklich!

„Ich weiß überhaupt nichts!"

„Vertrau Dir. Eines Tages wirst Du Dich trauen, Dir zu glauben."

„Sei nicht so weise!" schluchzte sie sauer.

„Nicht mehr als Du!" war sein letztes Wort.

Caryn durchquerte den noch recht belebten Gemeinschaftsraum und erstarrte.

„Caryn?"

Oh nein! Nicht jetzt. Lucas hatte seine Freunde extra alleingelassen, was er noch nie getan hatte, und kam zu ihr herüber. Caryn widerstand dem Impuls zu flüchten.

„Du hast geweint", stellte Lucas fest.

„Ich würde mich gern hinlegen", murmelte Caryn und wollte in Richtung Schlafsaal verschwinden. Der Junge hielt sie am Arm und sah sie scharf an. Sämtliche Augen waren mittlerweile auf die beiden gerichtet, man verfolgte jedes Wort.

„Könnt Ihr Euch bitte um Euren eigenen Kram kümmern?!" raunzte Lucas in die Runde, was lediglich zur Folge hatte, daß die Augen zurückgerufen, die Ohren dafür umso mehr gespitzt wurden. „Komm, wir gehen kurz nach draußen", bestimmte der, der sich jetzt doch wieder benahm wie ein Freund und zog Caryn mit sich. Widerstrebend ließ sie es geschehen, obwohl sie nichts weniger ertragen konnte, als so angesehen werden, wie er sie in diesem Moment ansah. Besorgt. Aber auch fordernd. Sie mußte ihre Lippen fest zusammenpressen, um nicht hemmungslos loszuschluchzen.

„Caryn, ich mache mir wirklich Sorgen um Dich. Wie Du und Snape Euch gestern gefetzt habt... Du hattest ANGST,Caryn. Das brauchst Du gar nicht abzustreiten. Ich habe Augen im Kopf. Was macht er mit Dir?"

„Lucas, ich möchte ins Bett. Ich bin müde."

„Du bist vor allem traurig und aufgelöst! Kommst nach zehn zurück und weinst... Du warst bei ihm, gib es zu!"

„Lucas, laß mich einfach in Ruhe, okay?!" Gewaltsam riß sie sich los, flüchtete zurück in den Gemeinschaftsraum und verschwand sofort im Schlafsaal. Die ihr neugierig folgenden Blicke nahm sie diesmal nur am Rande wahr. Auch daß sie Lucas seinen Verdacht kaum hatte nehmen können, schob sie einfach zur Seite.

Mehr Probleme konnte sie wirklich nicht bewältigen. Stattdessen verkroch sie sich im Bett und rollte sich unter der Decke zu einer Kugel zusammen.

Severus

Angezogen auf seinem Bett liegend, starrte er an die Decke. Es lag hinter ihm. Er hatte es ihr sagen müssen, und das hatte er getan. Aber jetzt war alles anders als er es sich vorgestellt hatte. Und doch war er, wenn er ehrlich war, weit weniger überrascht, als er hätte sein müssen.

Du hast es gehofft. Du hast gehofft, daß sie trotz allem bei Dir bleiben wolle.

Sie WAR geblieben. Sie war tatsächlich bei ihm geblieben.

Und hat Dir Deine Hintertür zugeschlagen.

Jetzt war es an ihm. Jetzt mußte ER sich entscheiden. Die bequeme Möglichkeit, sich einfach treiben zu lassen, bis SIE ihn sowieso verlassen würde, gab es nicht mehr. Caryn WÜRDE bleiben.

Er war sich darüber im klaren, daß er ihre Vergebung nicht verdient hatte. Er hatte Caryn nicht verdient. Nicht verdient, sich von Lily zu lösen. Glücklich zu sein. Was immer dieser hehre Begriff bedeutete. UND ihm war klar, daß auch Caryns Vergebung rein theoretischer Natur war. Wenn sie im einzelnen wüßte, in welche Todesser-Aktionen er verwickelt gewesen war und was er dort getan hatte, wie er den Avada Kedavra von sich geschleudert hatte, daß er Menschen hatte quälen müssen, während sein Dunkler Lord ihm ins Gesicht sah, daß er unzählige Male stumm und passiv hatte dabeistehen müssen und zusehen, wie Menschen gequält wurden, ohne einzugreifen... dann wäre es ihr nicht möglich gewesen, so leicht zu verzeihen. Aber das konnte ihm im Augenblick nicht so wichtig sein, wie es das hätte sein müssen. Die Erleichterung darüber, daß sie ihn nicht verlassen würde, war schon sehr nah an jenem Glückszustand, der jede vernünftige Reaktion bei ihm auszuschließen schien. ABER SIE WÜRDE IHN NOCH NICHT VERLASSEN.

Und DU, Severus?

Und er?

Du bist ein schuldiger Mensch.

Er müßte sie verlassen. Sein sühnendes Leben weiterführen. Büßen. Bestraft werden. Sonst würde er seine Schuld nicht ertragen können. – Das klang, als mache er sich es leichter, wenn er sich nicht auf eine Beziehung mit Caryn einließ.

Du hast ANGST, sich mit ihr einzulassen.

Es war gefährlich, sich ihr explizit auszuliefern. Mit uferlosen Verletzlichkeiten verbunden. Was, wenn sie erkannte, daß der Reiz für sie, mit ihm zusammenzusein, lediglich in seiner Unerreichbarkeit bestanden hatte? Daß sie das Interesse, ihre Gefühle für ihn verlor, sobald sie sich seiner zu sicher war? Was, wenn er gar nicht imstande war, ihre Bedürfnisse in einer ausgesprochenen Beziehung zu erfüllen? Oder wenn ER erkannte, daß es für ihn unerträglich war, diese zu erfüllen? Was, wenn er gar nicht ertragen konnte, einen Menschen auf die Dauer so nah um sich zu haben?

Da gibt es noch ein weit wichtigeres Argument!

Ja, das gab es. Falls Voldemort in den nächsten Jahren zurückkommen würde, was natürlich niemand ausschließen konnte (Dumbledore und er waren sich darüber einig, DAß er kommen würde), würde er seine Aufgabe als Spion wieder aufnehmen müssen. Aufgrund eben dieser Schuld. Und dann würde er keine Frau haben dürfen. Caryn um keinen Preis der Welt gefährden wollen. – Allerdings konnte es genauso sein, daß es noch viele Jahre dauern würde, ehe er kam. Und dann hätte er diesen Preis umsonst bezahlt. Vielleicht drückte er sich vor der wirklichen Entscheidung, wenn er jetzt Voldemort bemühte…?

Entscheidung ohne Gewähr

Severus Nacht auf Sonnabend, 14.3

Frustriert stand er auf und ging in seiner Wohnung umher, wobei er, ohne darüber nachzudenken, sämtliche leere Tassen per Zauberstab in die Küche beförderte. Hunger hatte er keinen, obwohl sein Magen seit Stunden leer war. All seine Fragen vermochte er nicht zu beantworten. Die Antworten HATTEer nicht. Er säuberte die Tassen, ließ sie in den Schrank fliegen und begab sich, seinen Umhang vom Haken aufrufend und ihn überziehend, auf den Weg durch's dunkle Schloß. Konzentrierte sich ausschließlich auf seine Schritte. Bemühte sich, seine Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben, hatte jedoch nicht die geistige Kraft, die man für Okklumentik benötigte. Somit blieb ihm nur die körperliche Verausgabung, um später Ruhe zu finden.

Ohne das Ziel bewußt ins Auge gefaßt zu haben, fand er sich am Fuß der Wendeltreppe zum Ravenclaw-Trakt wieder. Caryn war außer sich vor Angst, und er hatte keine Möglichkeit, sie zu beruhigen. Er wußte noch nichts. Würde er es jemals wissen? Wissen... Er konnte sich zumindest bei dem Adler nach ihr erkundigen. Dieser Adler kümmerte sich, wie er wußte, ausschließlich um die Belange desjenigen, mit dem er sprach. Es wäre ungefährlich, wenn er über ihn und Caryn bescheid wüßte.

„Sie ist angekommen", wurde er auf der Stelle von dem Schnabel des Türklopfers begrüßt. „Bei weitem nicht GUT, aber das weißt Du ja wohl selber."

Natürlich wußte er das! Was nahm dieses Geschöpf sich heraus, IHM das um die Ohren zu hauen?!

„Das war nicht meine Intention!" stellte er scharf klar. „Ich konnte es nicht ändern. Und Du scheinst ja genau im Bilde zu sein!"

„Ich bekomme sie immer direkt zu sehen, wenn sie von Dir kommt. Die jubelnde Euphorie oder sämtliche Tränen", erwiderte der Adler, ohne das zu bewerten.

„Caryn WEINTbei Dir?" entfuhr es Severus, und statt der verordneten Schärfe, lag jetzt nur entsetzte Besorgnis in seiner Stimme.

„Sie will Dir ihre Bedürfnisse nicht aufdrängen", erklärte der Vogel. „Sie möchte so sein, wie Du sie lieben kannst. Was ihr natürlich nicht gelingt. Caryn kann sich nicht wirklich verstellen."

„Ich weiß."

„Liebst Du sie?" fragte der Adler interessiert.

„Ich... Liebe ist ein Wort, daß ich nicht..."

„Vor dem Du Angst hast", fiel er ihm ins Wort.

„Ich... So einfach ist es nicht."

„Das scheint mir auch so, wenn Du Dich noch nicht einmal mir gegenüber traust, diese einfache Frage zu beantworten." Der Vogel musterte ihn mit seinen Adleraugen. „Wie fühlst Du Dich, wenn sie bei Dir ist?"

Severus schwieg. Hatte er nicht seine Ruhe haben wollen? Warum stand er jetzt hier und rechtfertigte sich in einem Selbstgespräch vor einem magischen Scheinwesen?

„Weil es Dir bei Deiner Entscheidung hilft, Severus", hörte er selbiges sagen. Und es hatte recht, hier war die Chance, vielleicht eine Antwort auf all die bohrenden, gefährlichen Fragen zu finden. Und er BRAUCHTE diese Antwort. Wenn er weiterleben wollte.

Will ich das?

„Ja, das willst Du", antwortete der Adler an seiner statt. Und er hatte wohl recht. Severus konzentrierte sich auf seine Gedanken und wägte sie eine Weile ab. Wollte sie nicht aussprechen, aber in seinem Kopf verschwamm alles zu einem Brei. Er räusperte sich, und brachte ein Krächzen zustande. Räusperte sich erneut und legte eine Schweigeglocke um sich und den Adler. Ein drittes Räuspern, und die Worte kamen.

„Ich denke an sie", fing er an. „Immer. Ihr gilt mein erster Gedanke morgens und der letzte am Abend. Ich sehe sie. In der Großen Halle. Im Klassenraum. ...Ich... freue mich auf sie. Will sie umarmen, wenn sie da ist. Mit ihr schlafen, aber nicht nur. Oder... es ist MEHR darin, wenn wir miteinander schlafen. Ihre Anwesenheit fordert mich, ihre Ungeduld, ihre anstrengenden Fragen, ihre Kämpfe um Antworten. Aber das gehört zu ihr. Ich will ihr das gerne geben, wenn sie das braucht. – Auf der anderen Seite könnte sie mir erfüllen, WIRKLICH geliebt zu werden. MICH. Der ich das aber nicht verdient habe. ICH VERDIENE ES NICHT. Und das ist das Problem."

„Du machst nichts ungeschehen, indem Du Dich nicht auf Dein Leben einläßt."

„Das ist mir klar. Aber es hilft nicht."

„Hilft es Dir, wenn ich Dich daran erinnere, daß Du einer Toten, Deiner Opfer gegenüber verantwortlich handeln willst, aber Dich der Tatsache verschließt, daß die lebende Caryn AUCH verantwortliches Handeln verdient?" Severus schwieg erschrocken. „Und hilft es Dir, wenn ich Dir sage, daß die Entscheidung für oder gegen Caryn in Wahrheit schon lange hinter Dir liegt?"

„Ich habe ihr NIE GESAGT, daß ich mich dazu entschlossen hätte, eine Liebesbeziehung mit ihr einzugehen!"

„Nicht GESAGT!"

„Was soll das heißen?"

„Sie fühlt sich von Dir geliebt, wenn sie bei Dir ist."

„Du kannst doch nicht meinen, daß ich sie schlecht behandeln soll, um das zu vermeiden?!"

„Ich meine, daß dieses Gefühl eine Ursache haben muß." Mit gerunzelter Stirn verengte Snape die Augen und guckte auf seine Füße. „Hat sich eine Deiner anderen Geliebten jemals von Dir geliebt gefühlt?"

Tonlos:

„Nein."

„Wie entsteht Caryns Gefühl?"

Unhörbar:

„Indem ich mich ihr gegenüber… ANDERS verhalte."

„Wie würde jemand Dein Verhalten gegenüber Caryn beschreiben, wenn er Dich bei ihr sehen könnte?"

Stotternd:

„Ich... Er würde... denken, daß ich..."

Schweigen. Dann:

„Verstellst Du Dich Caryn gegenüber?"

Trotzig:

„Nein."

„Und? Liebst Du sie?"

Warum war es so schwer, das zu wissen?

„Weil Du damit die Verantwortung für Deine Gefühle übernehmen müßtest", kam prompt zurück.

„Aber das KANN ich nicht!" Warum war das denn so schwer zu akzeptieren?

„Das ist feige", urteilte der Adler erbarmungslos. Zorn schnellte in Severus hoch wie eine Schlange aus ihrem Jagdversteck.

„Es ist vielleicht FALSCH!"

„Das kann man nie wissen", wurde ihm zugestimmt.

„Wie soll ich guten Gewissens eine Entscheidung treffen, von der ich nicht weiß, ob sie richtig ist?!"

„Kannst Du Dich guten Gewissens GEGEN Caryn entscheiden?"

Seine Wut war fort. Verpufft. Die leise Stimme, die Severus jetzt hörte, war seine eigene. Sie sprach etwas aus, das er anscheinend wußte, ohne es je gedacht zu haben.

„Ich kann mich nicht gegen Caryn entscheiden." Aber das war nicht richtig, so durfte es nicht sein. Rasch hängte er die vertrauten Argumente daran: „Mich FÜR sie zu entscheiden, wäre GENAUSO verantwortungslos. Lily gegenüber. Dumbledore gegenüber. Der Zaubererwelt gegenüber. Meiner Schuld gegenüber."

„Du mußt Verantwortung für Caryn übernehmen."

„Und wenn Voldemort wiederkommt? Wenn wir es nicht schaffen zusammenzusein? Wenn..."

„Es gibt immer ein Wenn." Severus stieß einen tiefen Seufzer aus und schwieg endlich. Der Adler sagte fürsorglich:

„Schlaf jetzt. Du wirst es schon schaffen."

„Ich weiß es nicht."

„Du wirst es wissen."

Severus Snape verbrachte die ganze Nacht auf Hogwarts Gängen. Traf und Peeves, die ihn beide ignorierten – woran er ablesen konnte, was er ausstrahlte. IN ihm war nichts. Zumindest nichts, was er spüren konnte. Als die ersten Geräusche der erwachenden Menschen an sein Ohr drangen, beeilte er sich, zurück in seine Räume zu gelangen. Wurde von plastischen Bildern an seine Greueltaten sofort wieder aus seinem Bett vertrieben, von den Schreien seiner Opfer, von Voldemorts Lachen, von Lilys Schreien, welche er nicht einmal miterlebt hatte. Lief in seiner Wohnung auf und ab, all das nur einen Schritt hinter ihm. Verdammt. Reiß Dich zusammen. Er brauchte Schlaf. Im Schlaf würde er es nicht lösen können, aber er benötigte Kraft. Um weiterzudenken. An einem anderen Tag. Ein Traumlos-Schlaf-Trank.... Ausnahmsweise.

Warten

Caryn Sonnabend, 14.3

Caryn machte sich auf den Weg in die Große Halle – so spät wie möglich, ER war ja immer der Letzte, der ankam – obwohl sich ihr Bauch schon beim Gedanken an Nahrung und vergnügliche Frühstücksgespräche ungnädig zusammenzog. Selbstverständlich würde er NICHT kommen. Aber die Tragik, daß er trotz allem dort sein KÖNNTE und aus Caryns Abwesenheit den Schluß zöge, daß SIE ihn nicht mehr wolle... Nein, sie mußte dorthin, um auszuschließen, daß er nicht doch gekommen war. Er würde NICHT gekommen sein. In so kurzer Zeit würde ein Severus Snape eine so wichtige Sache nicht entscheiden. War das ein Trost? Für ihn wenigstens eine wichtige Sache zu sein? Wenn schon nicht…

Ihr Bauch krampfte sich zusammen. Es tat die ganze Zeit nur weh! Die ganze Zeit war sie gezwungen zu kämpfen, tapfer zu sein, stark zu sein! Warum tat sie sich das an? Warum entschied SIE nicht einfach, daß SIE IHN nicht mehr wolle?

Weil ich ihn liebe, antwortete sie. Und nahm die Antwort darauf zur Kenntnis: Dann bist Du selber schuld, Mädchen. Caryn reckte den Kopf. Ja, das war sie wohl. Sie selbst entschied sich dazu zu leiden. Aber ich kann es mir leisten! dachte sie grimmig. ICH bin stark genug. ICH kann ihn lieben.

Tja, davon würde sie nur sehr wenig haben, wenn ER sie das nicht mehr TUN ließ… Die soeben aufgebaute Körperspannung verließ sie. Wenn er sie das nicht mehr tun ließe… Stark genug, DIESEN Gedanken auszuhalten, war sie nicht.

Während sie den Gemeinschaftsraum verließ, sah sie sich wider alle Gewohnheit nicht nach ihrem Freund, dem Adler, um. Nur nicht reden. Mit niemandem, aber am allerwenigsten mit jemandem, der ihr die Frage stellen würde: Wie geht es Dir? Sowieso kamen in diesem Moment einige Drittkläßler, in einigem Abstand zwei Ältere durch die Tür des Klopfers, so daß sie ohnehin kein vertrautes Wort mit ihm hätte wechseln können. Sie wollte nie wieder ein vertrauliches Wort mit ihm wechseln. Sie wollte nie wieder ein Wort mit irgend jemandem wechseln. Wenn ER sie verließe. Alles würde sich auflösen. Ihr ICH würde sich auflösen. Sie müßte ihn weiterlieben. Aus der Ferne. Und sich an ihren Erinnerungen festhalten. Und daran, daß auch er sie zumindest ein wenig gewollt hatte.

Das HATTE er doch. Das TAT er doch. Nur hatte sie davon nichts, weil ein Severus Snape niemals GEFÜHLE zur Basis seiner Entscheidungen machte. Und weil er Angst hatte, sich wirklich auf sie einzulassen. Das hatte sie gestern unmißverständlich fühlen können. Er war hin und hergerissen gewesen. Hatte sie mehrfach umarmt und festgehalten und sich zu ihr locken lassen – um sich dann wieder von ihr loszureißen, weil er glaubte, sie könne ihn ja doch nicht lieben. All ihre Argumente waren mehr oder weniger wirkungslos gewesen, weil seine innere Überzeugung, nicht lieben und geliebt werden zu dürfen, so tief in ihm verankert war. Und daß er Caryn eigentlich WOLLTE, spielte für ihn ebensowenig eine Rolle wie die Tatsache, daß Caryn IHN auch wollte. Seine GEFÜHLE, seine Sehnsucht nach ihr, die sie in so vielen kleinen Augenblicken gespürt hatte, ihre Liebe, von der sie so oft gespürt hatte, daß er sie genoß, daß er sie brauchte… Für Severus würde DAS eher ein Argument sein, die für sein von Schuld und Sühne geprägtes Selbstbild bedrohliche Beziehung zu ihr zu beenden. Er war davon überzeugt, daß er nicht das Recht habe, glücklich zu sein. Ja, daß er nicht einmal das Recht habe zu LEBEN…

Ich muß aufhören zu denken, bemühte sich Caryn. Alles spricht gegen uns. Das ist Hoffnungslosigkeit pur. So halte ich die nächsten Tage nicht durch. Diese Unsicherheit… Dann erkannte sie, daß diese Unsicherheit bezogen auf ihre Gedanken eben ein doch eigentlich gnädiger Zustand waren, und sie ballte die Fäuste und konzentrierte sich auf ihre Schritte die Treppen hinunter.

Mit dem Alptraumgefühl, nicht richtig vom Fleck zu kommen, betrat sie schließlich die Große Halle. Er wird nicht da sein, ermahnte sie sich, noch während sie die bodenlose Enttäuschung durchfuhr, DAß er nicht da WAR. Er war nicht da. Warum war er nicht da? Wie konnte er an ihnen beiden zweifeln, während sie selbst so sicher war, daß sie zusammengehörten? Wie konnte er aushalten, von ihr getrennt zu sein, während für sie NICHTS mehr einen Sinn hatte ohne ihn? Warum LIEBTE er sie nicht einfach?!

Das hast Du doch gewußt, Du dummes Kind! schalt Caryn sich und drängte die Tränen zurück. Und jetzt reiß Dich zusammen!

In diesem Moment spürte sie, daß Lucas von seinem Platz zu ihr herübersah. Hastig drehte sie sich auf dem Absatz um und flüchtete. Schluchzte einmal leise auf, nachdem sie die Eingangshalle durchquert hatte, OHNE mit einer hohen schwarzen Gestalt zusammengestoßen zu sein, die sie auf der Stelle in einen leidenschaftlichen Kuß gezogen hätte und ihr ins Ohr gehaucht: Ich liebe Dich mehr als ALLES, wie konnte ich anzweifeln, daß ich ohne DICH leben könnte! Niemand kam ihr entgegen, als sie im Laufschritt zurück in ihren Turm flüchtete. Der Adler schlief, und hier war es ein Glück, daß sich die Tür gerade öffnete, so daß sie hindurchschlüpfen konnte, in den Gemeinschaftsraum, in den Schlafsaal, in ihr Bett.

Severus

Die Welt fühlte sich nicht anders an, als er aus dem Tiefschlaf heraufdämmerte.

Er mußte sich aufraffen, sich orientieren. Sein Zeitgefühl war ihm abhanden gekommen. Seine Uhr zeigte fünf Uhr, es war so dunkel und still wie immer in seinen Kerkern. War Nachmittag? Früher Morgen?

Schwerfällig quälte er sich aus dem Bett und ging ins Bad. Zu duschen konnte er sich nicht überwinden. Zu nichts konnte er sich überwinden. Kein Geräusch, nichts drang in seine Wohnung, was ihm die Existenz einer Welt außerhalb bewiesen hätte.

Es mußte Sonntag sein. Ob nun morgens oder abends konnte nicht viel Unterschied machen. Ebensowenig wie IRGENDETWAS einen Unterschied machte. Nicht einmal tot zu sein. Obwohl DAS ein GUTER Unterschied wäre… Doch selbst dieses Argument weiterzuverfolgen, war er zu müde. Ohne weitere Gedanken legte er sich wieder hin und schlief diesmal ohne Schlaftrunk tief und traumlos.