Sonntag
Caryn Sonntag, 15.3
Alle Selbstdisziplin hatte sie aufbringen müssen, um sich wiederum auf den Weg zum Frühstück nach unten zu machen. Er würde nicht da sein, das wußte sie ebenso gut wie gestern; daß sie sich dennoch vergewissern mußte, bewies allerdings, daß sie es in Wahrheit doch wieder hoffte. Daß sie keinen Grund zur Hoffnung HATTE, änderte daran nicht das Geringste. Auch nicht die Tatsache, daß es – selbst WENN sie auf eine positive Entscheidung hätte hoffen dürfen – für Severus' Entscheidung heute noch zu früh war.
WAR es zu früh? Er hatte eine Nacht und einen Tag und eine Nacht Zeit gehabt… Worüber wollte er denn jetzt noch nachdenken?! Nachdenken war, davon abgesehen, etwas, das fast automatisch zu einer negativen Antwort führen müßte. Bisher hatte es jedesmal Caryns Anwesenheit bedurft, ihn dazu zu bringen, seine Distanziertheit, die er durch Nachdenken zu ihr aufgebaut hatte, wieder zu überbrücken. Bei Licht betrachtet, wartete sie hier auf etwas Unmögliches. Egal wie unspektakulär, wie greifbar es einem erscheinen mochte – daß nämlich Snape einfach an einem Morgen die Große Halle betreten würde – es würde niemals eintreten. Weil es UNMÖGLICH war…– Andererseits fühlte es sich heimtückischer Weise nicht unmöglich AN.
Würdest Du gern mit mir zusammensein? hatte sie gefragt. Eine Zeitlang? – Und er hatte geantwortet? Ich wäre verrückt, das nicht zu wollen, Caryn… Sie war sich immer wieder so sicher gewesen, daß er sie wollte, so sehr sicher sogar…
Dann, jedesmal, wenn ihr Gefühl ihr ein WENIG Sicherheit geben – vorgaukeln! – trat wieder die andere, realistische Seite auf den Plan, um sie zurechtzuweisen, daß Severus Snape niemals eine Gefühlsentscheidung treffen würde. Niemals! Und daß – selbst, wenn sie ihm wiederum ihre Anwesenheit aufdrängen würde, ihn wieder herumkriegen würde, sie an sie heranzulassen, und das würde ihr vielleicht gelingen – das keine bewußte ENTSCHEIDUNG von ihm wäre.
Dies war das erste Mal, daß wirklich ER sich allein entscheiden mußte, da hatte der Adler recht. Diesmal konnte sie, Caryn, nichts beeinflussen, so sehr diese Ohnmacht sie innerlich zerriß. Dieselbe Ohnmacht, die ihr unmöglich machte, ihr Herz daran zu hindern auszusetzen, als ihr Blick seinen leeren Platz erfaßt hatte. Auf dem Absatz kehrte sie um und stürzte in den Schlafsaal zurück. In diesem Zustand gab es nur einen einzigen Ort, an dem sie zu sein ertragen konnte: ihr Bett.
Frauengespräch
Caryn Sonntag, 15.3
Irgendwann konnte Caryn trotz aller Mühe nicht verhindern, daß sie vollständig wach wurde. Nun, schon gestern hatte sie ausreichend Gelegenheit gehabt, sämtlichen Schlaf nachzuholen, den sie in den Wochen zuvor mit ihren hunderttausend Gedanken an Severus vertrieben hatte. Da half es leider überhaupt nichts, wenn ihre Seele am liebsten die nächsten hundert Jahre einfach verschlafen hätte. Ob noch Vormittag war? Der Schlafsaal war leer, durch die geschlossenen Fenster drangen gedämpfte Spielgeräusche zu ihr herauf. Es schien ein strahlender Herbsttag zu sein, stellte sie fest, und die Schüler von Hogwarts verbrachten den Sonntag auf den Ländereien.
In ihrem Innern rumorte es, und es dauerte einen Moment, bis sie die Empfindung einordnen konnte: Es war Hunger. Was anstrengend war, weil bereits der Gedanke an Nahrung Übelkeit bei ihr auslöste. Caryn fingerte einen Keks aus der offenen Schachtel unter ihrem Bett und zwang sich, ihn in den Mund zu schieben. Mehl. Staub. Nur trocken. Und die Leere in ihrem Bauch wurde dadurch nur noch verstärkt. Sie benötigte richtige Nahrung. Ob sie wollte oder nicht. Sie würde sich zur nächsten Mahlzeit nach unten quälen müssen.
Eine Zeitlang war sie gezwungen, auf der Bettkante sitzen bleiben, ehe ihr Kreislauf sich so weit stabilisiert hatte, daß sie aufstehen konnte. Das IST eine Krankheit! Ich will nie wieder irgend jemanden lieben! Nie wieder! Langsam zog sie sich an und ging hinunter in den belebten Gemeinschaftsraum. Registrierte mit Genugtuung, daß es bereits drei Uhr am Nachmittag war. Der Tag also absehbar. Auf der anderen Seite war das Abendessen noch Stunden entfernt. Froh, daß niemand Notiz von ihr nahm, durchquerte sie den Raum in Richtung Bäder. Lucas schien gar nicht da zu sein, zum Glück. Auch wenn der bestimmt auch mittlerweile aufgehört hatte, sich für sie zu interessieren. Umso besser. Sie trank mit Mineralien versetztes, gekühltes Wasser und fühlte sich schon ein wenig besser.
Sich im Gemeinschaftsraum niederzulassen, war ausgeschlossen. Wenn Lucas dann doch käme, könnte sie ja nicht einfach aufstehen und gehen. Es war höchste Zeit, sich um die Hausaufgaben für morgen zu kümmern, aber sie konnte sich nicht vorstellen, daß sie auch nur in der Lage sein würde, ein einziges Wort zu lesen oder zu schreiben. Nein, raus mußte sie. Sofort. Draußen würde es sich auf jeden Fall besser aushalten lassen. Rasch holte sie ihren Umhang und machte sich auf den Weg. Sie drehte sich nicht zum Adler um und beachtete niemanden auf den Treppen. Stand wenig später draußen vor dem Portal, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte.
Ohne daß sie die Antwort darauf gedacht hätte, war sie in Richtung Kerkertrakt unterwegs. Wohin solltest Du auch sonst gehen wollen?! Es EXISTIERT ja nichts anderes mehr für Dich außer Severus! Wie konntest Du zulassen, daß ER Dein ganzes Leben werden konnte?! Langsam wanderte sie an der Schloßwand entlang, bis sie die Fenster seines Büros erreichte. Stoppte, ehe sie von drinnen hätte gesehen werden können. Ihrem Bedürfnis, sich hier an der Wand niederzukauern und mit selbiger zu verschmelzen, gab sie nicht nach. Zu gefährlich, falls sich doch jemand hierher verirrte.
Auf die Idee hineinzuspähen, kam sie gar nicht. Nicht auszudenken, wenn er sie hier sähe! Was er wohl in diesem Moment machte? Was tat er, wenn er nachdachte? Dachte er überhaupt noch nach? Daß er Gefühle hatte – GEHABT hatte, berichtigte sie sich traurig, daß sie jetzt noch da waren, konnte sie nicht wissen –, wußte sie ja, und der Adler hatte recht: Sie war sich auch sicher, daß sie ihm etwas bedeutete. Ja gut, bedeutet HATTE! Was oder wieviel? Keinen Schimmer. Aber es war ihm schlecht gegangen, als er sie fortschickte. Obwohl das natürlich keineswegs bedeuten mußte, daß es ihm in diesem Moment nicht schon lange wieder gut ging. Vielleicht hatte er ihre Person, ihre Beziehung in den hintersten Winkel seines Ichs verbannt und erkannt, daß er besser ohne sie dran war? Würde morgen zum Frühstück gehen, um ihr zu sagen, daß es aus war. Oder noch schlimmer: Er würde ihre Frühstücksbotschaftsvereinbarung vergessen! Und sie würde ihn am Dienstag in Zaubertränke sehen, ohne daß er sie beachtete? Sie ansah? Wortwechsel inszenierte? Ohne daß IRGENDETWAS zwischen ihnen wäre? Und Caryn würde nichts tun können. Nichts. SIE KONNTE NICHTS TUN.
Sie hatte sich umgewandt, um – mit einer Hand die Schloßmauer berührend, um sich zumindest die Illusion von Halt zu geben – Schritt für Schritt den Weg zurückzugehen, bevor sie auf die Idee kommen konnte, zu den Fenstern seiner Wohnung weiterzugehen. So nah war sie ihm gekommen, und sie hatte nie seine Räume betreten. Hatte keine Ahnung, welches sein Schlafzimmerfenster war. Wie sein Bett sich anfühlte. Wie seine Küche aussah. Und sie würde ihn wieder verlieren, ohne jemals zu erfahren, wie er lebte. Weiterleben würde. Ohne sie….
Darüber kamen die Tränen. Die sie an der Schloßmauer zusammensinken ließen und sich zu einer Kugel zusammenrollen, um so irgendwie für Halt um sie herum zu sorgen. Ohnmächtig. Schluchzend. Lange. Von mir aus für immer…
Irgendwann kroch die Oktoberkälte in ihren Körper, und ihr leer knurrender Magen erinnerte sie daran, daß sie leben wollte. Zumindest noch so lange, bis… sie Gewißheit hatte. Caryn rappelte sich auf und zog den Umhang fest um sich. Ließ das Blut in ihre Beine zurückkehren und lief erst langsam, dann schneller am Schloß entlang in Richtung Hauptportal.
„Caryn! Wo kommst Du denn her? – Hast Du geweint?" Sie hatte Charity, die offenbar gerade vom Eisernen Tor heraufgekommen war, gar nicht kommen sehen. Jetzt war es zu spät. Es gab keine Möglichkeit mehr, ihrer sichtlich besorgten Lehrerin zu entkommen, die direkt vor ihr stehengeblieben war und sie genau unter die Lupe nahm. Caryn preßte die Lippen aufeinander und holte tief Luft. Das hielt die Andere selbstverständlich nicht davon ab, es erneut zu versuchen. „Lucas sagte am Freitag, Dir gehe es nicht gut. War Deine Krankheit da auch schon... auch eher seelischer Natur?"
Caryn schwieg noch immer. Schluckte. Spürte, daß sich bereits neue Tränen in ihr gebildet hatten, die sich nicht würden aufhalten lassen, wenn sie auch nur den Mund öffnete. Charity schien das begriffen zu haben. Achtlos stellte sie ihre Tasche ab und nahm Caryn einfach in ihre Arme. Das genügte den Tränen völlig. Hilflos schluchzend stand Caryn umarmt da, ihre Arme um sich selber geschlungen, wie um ihre Lehrerin nicht zu sehr zu bedrängen.
„Caryn, was ist denn mit Dir? Warum bist Du so traurig? Komm, laß uns in mein Büro gehen. Ich glaube, Du könntest jemanden nötig haben, der Dir zuhört." Caryn schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht darüber reden." Sie machte sich von Charity los. „Aber danke. Mir geht es schon besser." Jetzt nur schnell weg!
„Es ist Professor Snape, nicht wahr?" Ließ sie mitten in der Bewegung erstarren. Charity nickte schwermütig, als habe damit sich ihre schlimmste Sorge bestätigt. „Lucas macht sich auch große Sorgen um Dich. Er meint, es war ziemlich schlimm im Zaubertränkeunterricht in der letzten Zeit. Vor allem letzten Donnerstag. Da ist er abends zu mir gekommen. Er meinte, Du und Snape... hättet Euch auf einer versteckten Ebene... gestritten und Du seiest nach dem Unterricht noch dageblieben. Es klang für mich, als hättet Severus und Du... als hättet Ihr eine Beziehung miteinander. Wie auch immer die aussieht. Aber sie scheint Dir nicht gut zu tun, Caryn." Ihre Lehrerin hatte mit sanfter Stimme gesprochen, doch in ihrem Ausdruck war auch die Bereitschaft hörbar, Maßnahmen zu ergreifen, wenn sie der Meinung sein würde, daß solche Maßnahmen notwendig seien. Caryn erkannte, daß sie reden mußte, daß sie die Dinge richtig stellen mußte, um Schlimmeres zu verhüten.
Verzeih mir, Severus... „Okay, ich rede mit Dir. Unter der Bedingung, daß Du NIEMANDEM davon erzählst."
„Caryn, wenn es notwendig ist, werde ich..."
„Es ist NICHT notwendig. Glaub mir. Daß es mir jetzt schlecht geht, ist nicht seine Schuld. Ich meine, er kann nichts dafür... er tut es nicht absichtlich, verstehst Du?"
„Gehen wir in mein Büro, okay?"
„Versprichst Du es mir?"
„Caryn, Severus Snape tut Tag für Tag Menschen absichtlich weh. Da fällt es mir schwer zu glauben..."
„Er tut mir nicht absichtlich weh. Manchmal kann er nur nicht anders..."
„Er ist ERWACHSEN, Caryn!"
„Seine Seele ist es... manchmal NICHT..." sagte Caryn leise. „Bitte versprich es mir!" Die junge Lehrerin seufzte.
„Gut, ich habe wohl keine andere Chance. – Aber..." als Caryn sie erleichtert mitzog, „wenn ich den Eindruck habe, daß Du in Gefahr bist, gilt mein Versprechen nicht."
„Ja!"
In Charitys Büro schob diese Caryn zum Sofa und wandte sich zur Küchenzeile, um Tee zu machen. Erst jetzt wurde Caryn vollends bewußt, was sie eigentlich im Begriff war zu tun. Wie hatte sie sich freiwillig in eine solche Situation begeben können?! Severus würde sie umbringen, soviel war klar. Aber sie hatte doch wirklich keine Wahl, oder? Charity ging bereits davon aus, daß zwischen ihm und ihr etwas war – Caryn war gezwungen, das richtig zu stellen! Wenn sie sich ihrer besorgten Lehrerin nicht öffnete, würde diese bestimmt irgendwelche Maßnahmen einleiten. Mit ihrem Verdacht zum Direktor gehen. Oder zu Severus selbst! Caryn erschauderte. Wie zornig er dann sein würde, vermochte sie sich überhaupt nicht vorzustellen!
Ihr einen dampfenden Riesenbecher Kräutertee in die Hand drückend, setzte sich ihre Lieblingslehrerin zu ihr auf's Sofa. Dankbar sog Caryn den Duft der Kräuter ein, während Charitys Augen aufmerksam auf ihr ruhten. Seltsamerweise war ihr das plötzlich gar nicht mehr unangenehm. Vielmehr hatte sie zum ersten Mal seit sie IHN das letzte Mal gesehen hatte, das Gefühl, daß sie noch lebendig war.
„Du liebst ihn?" fragte ihr Gegenüber unumwunden. Sie wußte es also. Das rechtfertigte doch wirklich ohne Zweifel, daß Caryn hier saß und daß sie antworten würde. Denn sie wollte antworten. Wollte – wenn sie nicht bei IHM sein konnte – nirgendwo sonst sein als hier im mitfühlenden Interesse ihrer älteren Vertrauten, die sie umsorgte, sie anteilnehmend ansah, die ihr suggerierte, daß sie ihr helfen wolle… Natürlich GAB es für Caryn keine Hilfe, aber das war in dieser Situation irgendwie vollkommen belanglos. Alleinig, hier bei Charity zu sein, hatte Caryn von ihrem Schmerz entfernt. Hier zu sein und mit Charity über Severus sprechen zu können, gab ihrer Liebe für ihn wieder Raum – Raum, den ER ihr genommen hatte, indem er sie mit ihren Gefühlen ohne überzeugte Hoffnung in der Luft hatte hängen lassen und gegangen war. Nun fühlte es sich einfach nur gut an, hier zu sitzen. Und es war wunderbar, den Mund aufzumachen und sagen zu können:
„Ja. Wahnsinnig." Das endlich einmal in der Außenwelt auszusprechen, tat wirklich unglaublich gut! „Ich liebe ihn wahnsinnig!"
„Die Frau für starke Gefühle, was?" schmunzelte Charity. Caryn sah abschätzend zu ihr. „Einen Mann wie Snape zu wählen, läßt schon Schlüsse über Deine Bereitschaft zur Leidenschaft zu!" erklärte die Ältere und erfüllte Caryn unwillkürlich mit Stolz.
„Ja! Er... er ist alles wert. ALLES! Es ist wunderschön mit ihm. Ganz schrecklich mitunter. Ich bin oft ganz schrecklich nervtötend, und er schrecklich verletzend, aber wenn er mich dann in die Arme nimmt, wenn er mich ansieht, wenn er..." Sie holte Luft. „Dann ist alles wunderbar. Und..."
„Erregend", ergänzte die andere Frau wissend.
„UNENDLICH erregend", murmelte die jüngere leise. Die junge Lehrerin nickte.
„Ein solches Wechselbad der Gefühle MUß ja wenigstens erregend sein, wieso solltest Du IHN sonst einem liebevollen, verläßlichen Partner wie… Lucas zum Beispiel vorziehen?" Bevor Caryn darauf antworten konnte, schob Charity rasch eine Frage nach: „Ist er... gewalttätig?"
„Was? – Was soll das?" Caryn wollte aufspringen, aber die Ältere hielt sie zurück.
„Das soll kein Angriff sein. Ich muß das nur WISSEN", erklärte sie nachdrücklich.
„Warum denken das alle?" beklagte Caryn bitter.
„Weil er sich benimmt, als hätte er sadistische Tendenzen?" schlug Charity provokativ vor.
„Nein. Verletzend ist er nur mit Worten."
„Gut." Caryn ärgerte sich über diese Wertung. Wäre es nicht ihre Sache, wenn sie sich von ihm schlagen ließe?! Es geht niemanden etwas an, daß ich ihn dennoch wollen würde! War eine Vergewaltigung nicht auch Gewalt? – Doch waren nicht seelische Verletzungen ohnehin viel schlimmer?– Außerdem WOLLTE er sie nicht verletzen, nicht wirklich. Das war die Wahrheit!
„Schlaft ihr miteinander?"
„Das beantworte ich nicht", versuchte Caryn.
„Okay, ich weiß es, aber Du hast es mir nicht erzählt. Einverstanden?"
„Kein Kommentar."
Die junge Lehrerin lachte.
„Ich sehe, Du bist vorsichtig. – Viel wichtiger ist doch aber auch: Warum geht es Dir so schlecht?"
„Es ist alles nicht so einfach. Severus ist... vorbelastet. Hat an seiner Vergangenheit zu tragen. Hat viel Angst. Vor..."
„Nähe", half Charity nach.
"Wir sind uns total nahe gekommen!" rief Caryn inbrünstig. Wurde dann still. „Wir sind uns so nahe gekommen, daß er... sich jetzt entscheiden muß."
„Was muß er entscheiden?"
Caryn überlegte angestrengt.
„Ob er... ein zweites Leben beginnen kann. Ein zweites Leben nach seiner… Vergangenheit."
„Ein Leben mit Dir?"
Durfte sie das so sagen? War es möglich, daß ein zweites Leben nur eine Zeitlang dauerte…?
„…ja…."
„Liebt er Dich, Caryn?" Bitte nicht diese Frage… Was sollte sie darauf antworten? Wäre nein die Wahrheit gewesen? Aussprechen konnte sie es nicht. Hätte sie es unter Veritaserum getan? Was hätte ER unter Veritaserum auf diese Frage geantwortet?
„Ich weiß es nicht. Ich… bedeute ihm etwas. So viel, daß..." All ihre Erlebnisse mit ihm, all ihre Gespräche, all seine Blicke und Lächeln und Seufzer breiteten sich in ihr aus. Brachte sie zum Lächeln. Charity spiegelte es.
„So viel, daß er sich entscheiden muß", faßte sie zusammen.
„Manchmal fühlt es sich so an, als liebe er mich. MANCHMAL glaube ich das. Aber dann auch wieder nicht. Dann ist es wieder fast ausgeschlossen. Aber in manchen Augenblicken…" Sie schüttelte den Kopf. „Er würde das niemals zugeben. Auch nicht dann, wenn es sich gerade so anfühlt. Und... aber… auf jeden Fall liebt er mich nicht so sehr, daß er alles über den Haufen werfen würde und mich heiraten und für immer..."
„Caryn, ich glaube, wenn Du so etwas erwartet hättest, hättest Du Dir nicht Severus ausgesucht, oder?" Erstaunt riß Caryn ihre Augen auf ob der unerwarteten Hilfe seitens seiner Kollegin.
„Du meinst, er… KÖNNTE mich auch lieben, ohne daß er… DAS tut?" fragte sie unsicher und bemerkte, wie ihr wieder die Tränen kamen vor Sehnsucht, ein Ja zu hören. Charity berührte sie tröstend am Arm.
„Wie ich schon sagte: Severus ist erwachsen. Hat eine Vergangenheit. Verantwortung, die er zu tragen hat. Verletzungen, mit denen er klar kommen muß. Und ÄNGSTE,wie Du eben schon sagtest. Natürlich ist er kein einfacher Mann. Eine Beziehung mit ihm würde nicht leicht sein. Auch dann nicht, wenn er sich dazu entscheiden sollte, das zu versuchen. Ganz zu schweigen von dem Altersunterschied. Und der Tatsache, daß Du seine Schülerin bist."
Caryn nickte nur. Es tat so gut, mit einem anderen Menschen über ihn zu sprechen. Auch wenn sich alles in ihr zusammenschnürte: Es gab ein Leben für sie außerhalb von ihm. Auch wenn sie ein solches Leben nicht würde ertragen wollen...
„Lächelt er Dich an?" fragte Charity plötzlich in einem ausschließlich neugierigen Tonfall. Caryn lachte hell auf.
„Aber ja! Sehr oft sogar! Und er lacht. Und redet. Und... küßt mich..." Dies ganz leise.
„Macht er das gut?" fragte die andere ebenso leise.
„Oh ja..." Wo soll ich mit all meiner Feuchtigkeit für Dich hin…? Charity lächelte versonnen.
„Das ist wichtig."
Die beiden Frauen schwiegen eine Weile einvernehmlich. Dann fing die Ältere an zu sprechen.
„Ich glaube, daß ich guten Gewissens mein Versprechen halten kann. Ich werde Euch nicht verraten. Auch wenn ich sicher bin, daß Minerva oder Albus es ganz sicher NICHT gutheißen würden. Aber ich weiß noch gut, daß man mit siebzehn seine eigenen Entscheidungen treffen muß. Und ich mag Severus. Ich halte ihn für einen verantwortungsbewußten Mann. Trotz allem."
Caryn strahlte die Wärme aus, die diese Zuneigungsbekundung ihrer Lehrerin für ihn in ihr wachgerufen hatte. Dankte am Rande wem auch immer dafür, daß Charity keine Ahnung von den Anderen hatte. Und dafür, daß diese Anderen für Caryn selbst ihren Schrecken verloren hatten.
„Caryn?"
„Ja?"
„Versprich mir, daß Du seine Entscheidung akzeptierst."
„Ich werde kämpfen!" war sich Caryn auf einmal bewußt. Charity betrachtete sie nur stumm. Seufzte dann, lächelte resigniert und stand auf, um ihrer Schülerin die ausgestreckte Hand hinzuhalten, um diese ebenfalls hochzuziehen.
„Na, DA hat der arme Mann sich ja mit der Richtigen eingelassen!" Als Caryn daraufhin gequält ihr Gesicht verzog, wehrte ihre Lehrerin das lachend ab, legte ihr begütigend die Hand auf den Arm und stellte richtig: „Severus BRAUCHT eine Frau wie Dich; was denkst Du denn, wie weit eine leidensunwillige Frau wie zum Beispiel ich bei einem Mann wie ihm kommen würde, die sich gleich gekränkt zurückzieht, sobald sie einmal angeschnauzt wird? Die kämpfen LÄßT, anstatt bereit zu sein, irgendwelche Entbehrungen in Kauf zu nehmen?" Sie lachte gut gelaunt, und auch in Caryn breitete sich ein warmes Gefühl aus. Vielleicht hatte Charity recht. Vielleicht WAR sie die richtige Frau für ihn. Und wenn SIE ihn nicht bekommen würde, würde es vielleicht auch keiner anderen gelingen… „Komm, wir gehen in die Große Halle!" Charity bugsierte sie zur Tür. „Das Abendessen hat schon begonnen. Und essen mußt Du!"
„Ich habe Hunger", spürte Caryn auf einmal wieder, und der Gedanke an Essen fühlte sich jetzt nicht mehr unerträglich an.
„Wird ER unten sein?" wollte Charity wissen.
Oh Gott, doch wohl nicht…? Das würde er ihr doch wohl nicht antun? Früher oder später WIRD er das. Spätestens morgen Mittag… „Ich weiß es nicht. Wenn er weiß, wie es weitergeht, wird er zum Frühstück kommen."
„Na, dann drücke ich Dir morgen früh die Daumen!"
Ein schlechtes Gewissen gegenüber Severus konnte sie nicht ganz von sich weghalten, aber dennoch war das Wissen, mit ihrem Geheimnis nicht mehr allein zu sein, ungeahnt tröstlich. Charity tätschelte ihr im Mittelgang zum Abschied den Rücken, was dem Mädchen die Kraft gab, sich dem Ravenclawtisch zuzuwenden, ohne zu seinem leeren Platz am Lehrertisch hinüberzusehen. Dem forschenden Blick von Lucas allerdings wollte Caryn nur entkommen. So weit wie möglich von ihrem Kameraden entfernt suchte sie sich einen Platz. Glücklicherweise schaffte sie es trotz ihres Rückstandes, vor ihm fertig zu sein und sich im Schlafsaal in Sicherheit zu bringen. Eine letzte Nacht in Sicherheit, bevor sie morgen seinem Anblick beim Mittagessen ausgesetzt sein würde. Seiner Nichtachtung. Seiner Nichtliebe. Übermorgen dann sogar in seinem Unterricht. Wie sollte sie all das ertragen? Sie mußte ins Bett. Nur ins Bett. Und auch wenn sie sich in dem Augenblick, in dem sie sich hinlegte, nicht vorstellen könnte, jemals wieder die Müdigkeit aufbringen zu können, die notwendig wäre, um zu schlafen, war sie bereits weit weg, als irgendwann die ersten Mitschülerinnen hereinkamen.
Entscheidung auf gut Glück
Severus Montag, 15.3
Als Severus zum zweiten Mal erwachte, war da ein sehr einfacher Gedanke. Er war jetzt siebenunddreißig Jahre alt. Würde auf unabsehbare Zeit als Lehrer an Dumbledores Schule bleiben, um ihm und der Zaubererwelt, in deren Schuld er stand, für die Zukunft zur Verfügung zu stehen. Seine Vergangenheit hatte ihn fest im Griff. Die wichtigste Person in seinem Leben war eine Tote, die er aber auch nicht wirklich an sich heranließ. Alle anderen Menschen interessierten ihn nicht, störten ihn oder waren ihm sogar unerträglich.
Jetzt war da Caryn. Eine ernsthafte, intelligente, leidenschaftliche junge Frau, die ehrliches Interesse an ihm zeigte. Die bereit war, sich auf ihn einzulassen, ihn kennenzulernen, sich ihm hinzugeben, ihn zu LIEBEN. Eine starke junge Frau, die sich von seinen schlimmsten Seiten nicht abschrecken ließ. Die ihn in ihrer zuweilen radikalen Naivität manchmal an Lily erinnerte. Die mit ihrer Erotik alles in den Schatten stellte. An die er unentwegt dachte. Von der er... träumte. Die in seinem verfahrenen Leben... MÖGLICHKEITEN eröffnet hatte.
Irgendwann würde er auf seinem Sterbebett sein Leben Revue passieren lassen. Seine Schuld würde den größten Teil dieses Rückblicks ausmachen. Ob diese der einzige sein würde, lag bei ihm. Es würde nämlich noch etwas auftauchen: Eine Gelegenheit, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. DIESE Gelegenheit.
Vielleicht DIE LETZTE GELEGENHEIT.
Wie trostlos, wie überflüssig, wie... unvernünftig, wie UNVERANTWORTLICH, diese Chance nicht zu nutzen. Es einfach zu VERSUCHEN. In einer Beziehung mit einem anderen, interessanten Menschen zu leben. Einfach zu beobachten, wie es ihm dabei ging.
Er ging ein Risiko ein. Vielleicht würde es Leiden geben. Vielleicht würde seine Schuld ihn vernichten. Vielleicht würden Caryn und er sich wieder verlieren. Aber wie schmerzvoll würde es sein, es schon jetzt zu beenden? Und war es nicht wirklich widersinnig, Caryn womöglich irreversibel zu verletzen, so wie er damals verletzt worden war? Um einer Toten und seinen übrigen Opfern Sühne zu geben, welche diesen schon lange nichts mehr nützte?
Caryn hatte es nicht verdient abgewiesen zu werden. Und er wollte nichts weniger als sie abweisen! KONNTE es nicht. Er konnte nicht verantworten, diese wundervolle Caryn zu zerstören. Seine leidenschaftliche, denkende, energiegeladene, kämpferische, eigenwillige, unbequeme Caryn. Die nichts einfach hinnahm, die zu ihren eigenen Schlüssen kam, sich nicht abwimmeln ließ. Die immer das letzte Wort haben mußte. Caryn, die klug, schlagfertig, ironisch, witzig war. Die ihm die Fähigkeit wiedergegeben hatte, über einen Menschen zu lachen. Jemanden zum Lachen zu bringen. Mit jemandem gemeinsam zu lachen. Seine Caryn, die ihn gewollt, die sich von ihm nicht hatte kleinkriegen lassen. Die ihm nachlief, wenn er vor ihr flüchtete. Seine Caryn, die ihn liebte. Die er... Caryn in seinen Armen...
Wem nützte es, wenn er sich Caryn versagte? Niemand wüßte es zu würdigen, wenn er auf sie verzichtete. Am allerwenigsten seine Toten.
Dumbledore hatte es damals gesagt, als er hatte sterben wollen.
„Ist das Reue, Severus?" Welchen Sinn sollte es haben, Reue zu empfinden?
„Ich wünschte ... ich wünschte, ich wäre tot ..."
„Und was würde das irgendwem nützen?", hatte Dumbledore kalt gesagt. „Wenn Du Lily Evans geliebt hast, wenn Du sie wahrhaftig geliebt hast, dann ist Dein weiterer Weg klar."
Sein Weg WAR klar. War all die Jahre klar gewesen und würde das auch in Zukunft sein. Das war nicht zu ändern. Er schützte Harry Potter auf seinem Weg zum Endkampf mit Voldemort unter Einsatz seines Lebens und seiner Seele. Er würde seine Pflicht tun, wenn Voldemort an die Macht zurückkommen würde. Dann würde es keine Frau an seiner Seite geben dürfen. Doch in diesen Tagen war Voldemort weit weg. Lily war weit weg.
Caryn war DA. So nah, wie ihm nie ein Mensch gewesen war. Caryn war nahe bei ihm, und genau dort wollte er sie. Er hatte sie so gern… um sich. Wenn er auch nicht immer wußte, wie das richtig zu handhaben war. Wie alles richtig lief. Wie sie mit ihm klar kommen würde. Wie er eine Frau auf die Dauer so nah bei sich aushalten würde.
Ungeachtet all dieser Unsicherheiten war da eine unanzweifelbare Tatsache:
Daß er noch weniger wußte, wie er OHNE SIE weitermachen sollte. Das war Schwachsinn, natürlich wäre das kein Problem. Und er würde das ja auch tun. Spätestens wenn ihre Schulzeit hier zu ende war. Eine Zukunft mit ihr konnte es nicht geben. Und dennoch war er im Moment noch nicht in der Lage, sie sofort wegzuschicken. Es stimmte, was der Adler gemeint hatte: Diese Entscheidung hatte bereits hinter ihm gelegen. Als er sie zum ersten Mal geküßt hatte. Als er zu sich zum Nachsitzen bestellt hatte. Als er damals nach ihrer Akte gegriffen hatte. Als sie… begonnen hatte, ihn zu hassen…
Halb sieben. Er schwang sich aus dem Bett und ging ins Bad. Zu seinem Erstaunen blickte ihm aus dem Spiegel ein ausgeschlafenes, entspanntes, ... frohes – wenn auch unleugbar bärtiges Gesicht entgegen. Dabei mußte es Montagmorgen sein! Nach einer Dusche und sorgfältiger Rasur zog er sich frische Kleidung an und trat energiegeladen in sein Wohnzimmer. An einem Montagmorgen!
Er überlegte nicht, ob er seine Entscheidung einen weiteren Tag und eine Nacht überdenken sollte. Die arme Caryn hatte schon viel zu lange warten müssen! Ein weiterer Blick auf seine Uhr zeigte ihm, daß die Frühstückszeit bereits vor einer Weile begonnen hatte. Caryns bezüglich mußte er sich bei Dumbledore absichern. Hatte auch schon eine Idee... Mit beschwingten Schritten rief er seinen Umhang, sprang seine Treppe hinunter und begab sich schnurstracks in die Große Halle zum Frühstück.
Zu Caryn!
Happy End auf Snapisch
Severus
Die Halle war vollbesetzt. Heute Morgen störte ihn der Geräuschpegel nicht. Auf den ersten Blick hatte er Caryn nicht ausmachen können. Aber das hieß nichts. Vielleicht saß sie woanders als sonst. Vielleicht war sie einfach zu spät heute... Oder ging es ihr etwa so schlecht, daß sie nicht in der Lage war, herunter zu kommen? Dann würde er sich etwas anderes ausdenken müssen…
Ist es nicht ein wenig vermessen, daß Du keinen Gedanken daran verschwendest, daß sie womöglich… bereits…
Nein, ausgeschlossen, Caryn nicht. Ihr blonder Jüngling saß auch schon dort mit seinen männlichen Begleitern. Und Caryn WAR nicht so. Caryn würde sich nicht innerhalb eines einzigen Wochenendes von ihm abwenden! Ganz egal, wie sie gelitten haben würde. Es würde eine sehr lange Zeit brauchen, um eine Frau wie Caryn dazu zu bringen, ihre Liebe für ihn loszulassen. Nein, nein. Gleich würde sie die Halle betreten, ihre Augen würden ängstlich alle Anwesenden streifen, um dann – sein Herz schien es zu sein, das das Adrenalin ausschüttete – an IHM, Severus Snape, hängenzubleiben, sich zu weiten, noch, ohne die Angst verloren zu haben, denn sie wüßte ja noch nicht, WIE seine Entscheidung ausgefallen wäre. Er würde ihren Blick erwidern, eine Augenbraue hochziehen… Allein diese Bilder brachten ihn wieder nahe an den Glückszustand, den er sich – eine Zeitlang – erlauben würde. Die Kontrolle des Impulses, seine Gesichtsmuskeln zu einem Lächeln zu verziehen, beherrschte er so sicher wie immer.
„Guten Morgen", grüßte er seine Kollegen, nicht zu gut gelaunt, um keinen Verdacht zu erregen, dennoch wandten sich ihm mehrere erstaunte Blicke zu, da er es wohl doch an Griesgrämigkeit hatte mangeln lassen. Was soll's? Caryns Nächstenliebe-Tante lächelte ihn an. Reflexhaft verengte er mißtrauisch die Augen.
„Welch ein seltener Anblick am Montag Morgen, Severus! – Auch wenn ein Lächeln wohl zu viel verlangt wäre, oder?"
„Wollen wir es mal nicht übertreiben!" erwiderte er leichthin und wunderte sich, daß die junge Lehrerin sich darüber äußerst zu freuen schien.
„Albus", wandte Snape sich an seinen Direktor, der den kleinen Dialog offensichtlich verfolgt hatte, zumindest strahlte er gerade die muggelliebe Frau an. Freust Dich, daß ich wenigstens einmal von einer Frau ANGELÄCHELT werde, nicht wahr, Albus? Würdest Du am Ende Caryn und mir Deinen Segen geben, nur weil meine arme Seele es doch so nötig hat geliebt zu werden?!
Jetzt war er unfair. Dumbledore hatte nicht wenig Einfluß auf seine Entscheidung für Caryn gehabt, einfach weil der alte Mann es damals verstanden hatte, Severus eine echte zweite Chance zu schenken, die er auch anzunehmen imstande war. Ohne Dumbledore wäre Snape heute nicht mehr im Besitz seiner Seele... Er wartete, bis Dumbledore ihm seine Aufmerksamkeit zugewandt hatte und richtete das Wort an ihn.
Caryn
Sie war spät heute Morgen. Der Schlafsaal war bereits leer gewesen, und auch der Gemeinschaftsraum beherbergte nur einige Erstkläßler, die immer gleich um sieben zum Frühstück gingen. Zum Frühstück. Dorthin mußte sie. Das war nicht abzuwenden. Auch wenn sie gleich nicht würde ertragen können, daß er wieder nicht gekommen sein würde. Und genau das würde sie müssen. Gleich, und dann alle weiteren Morgen in Zukunft. Alle weiteren Gedanken in diese Richtung krampfhaft hinunterschluckend, verließ Caryn mit tauben Schritten den Gemeinschaftsraum, ließ die Tür hinter sich ins Schloß fallen und war im Begriff, die Treppe hinunterzulaufen, als sie die leise Stimme des Adlers hörte:
„Er liebt Dich."
Das muß er tun, er muß es einfach, ich kann nicht ertragen, wenn er das nicht tut… Sie fuhr herum. „Wieso sagst Du das?! Du brauchst mir gar nichts mehr zu erzählen, hast doch eh nur Erkenntnisse aus MEINEM Kopf! Tu doch nicht so, als ob Du das WÜßTEST!" schnauzte sie das magische Wesen wütend an.
„Welch eine Begrüßung! Dabei war ich gerade im Begriff, Dir eine weitere Seinsart von mir darzulegen..."
„Was soll das heißen?" unterbrach sie ihn barsch.
„Ich muß sagen, da war ER Freitag Nacht sehr viel freundlicher", erwähnte der Adler beiläufig.
„WER?!"
„Dein Geliebter war hier." Caryn traf fast der Schlag.
„WAS?! ER?! HIER…?" Hieß das denn nicht, daß… Aber… „Freitag schon…? – Aber… was WOLLTE er hier…?" Er war hier gewesen? So nah bei ihr? Und sie hatte nichts ahnend im Schlafsaal gelegen, während er… Aber am Freitag… da konnte er sich ja noch nicht entschieden haben… Die kleinen Knopfaugen funkelten scharfsichtig.
„Ihm ging es mindestens so schlecht wie Dir. Und er nutzte die Gelegenheit, durch mich mit sich selbst zu sprechen."
Eine zögerliche Wärme breitete sich in Caryns Bauch aus. Er hatte die Entscheidung jedenfalls in ANGRIFF genommen. Anstatt von vornherein die negative Möglichkeit zu wählen. Er hatte NACHGEDACHT. Na gut, das an sich war ja schlimm genug. Aber immerhin: Es hätte noch schlimmer sein können… Ihr Herz schlug schnell.
„Was hat er gesagt?" forschte sie atemlos. Was hatte der Adler zu Beginn des Gesprächs gemeint? „Er hat doch niemals gesagt, daß er mich liebt!" sprach sie vorsichtig aus.
„Nein, gesagt hat er es nicht. Aber ich weiß es." Seltsam distanziert fühlte sie, wie ihr Herz von der Lust verlassen wurde weiterzuschlagen. Hatte der Adler geglaubt, er könne sie mit einer solchen Aussage trösten?!
„Wenn Du es weißt, wie ich es weiß, könnte es auch anders sein!" schnaubte sie. Es hatte alles keinen Sinn, und das wußte sie schließlich. Alles hatte von vornherein keinen Sinn gehabt, und sie war so wahnsinnig gewesen, sich trotzdem auf Severus einzulassen! Und jetzt war es zu spät. Jetzt mußte sie damit klarkommen, daß er sie nicht liebte.
„Ich bin sicher, er liebt Dich. – Nur wie ihn das in seiner Entscheidung beeinflußt, weiß ich nicht."
„Und selbst WENN es so wäre, so wüßte ER das auch nicht", bestätigte Caryn mutlos. „Er war gestern nicht beim Frühstück. Und heute...?"
„Leider ist Liebe nicht das einzige Argument", stellte der Adler ernst fest.
„Wenn er mich… liebte... Wenn er mich… GENUG liebte…" Sie konnte nicht weitersprechen, weil ihr ihre verflixten Vater-Tränen dazwischenkamen.
„So, mein Mädchen", erhob der Vogel seine Stimme. „Auch wenn Du nicht wieder hinein willst, stelle ich Dir eine wichtige Frage, und Du beantwortest sie mir!" Caryn putzte sich die Nase. „Sind Kinder in der Lage, ihre Eltern gesund zu machen?"
Unter Tränen lächelte sie ihn an.
„Nein", sagte sie laut und deutlich.
„Immerhin WEIßT Du es. – Nächste Frage: Liegt es daran, daß Du nicht liebenswert genug bist, wenn ER sich gegen Dich entscheiden sollte?"
„Ja", sagte sie leise. Der Adler fluchte.
„Falsche Antwort!"
„Ich danke Dir für alles", erwiderte Caryn nur.
„Sieh nach, ob er unten ist", bekam sie mit auf den Weg. WAS sollte sie anderes tun?! Mit dem schwer auf ihr lastenden Gefühl unendlich vieler trostloser Morgen vor ihr ohne Zeichen von ihm betrat sie die Große Halle. Und erstarrte im ersten Augenblick.
Die dunkle Gestalt ihres Geliebten hatte ihr in die Augen gestochen wie ein Blitz. Wohl auf dem Weg zu seinem Platz war er hinter Dumbledore stehengeblieben und sprach gerade mit dem alten Schulleiter, welcher sich zu ihm um- und hochgewandt hatte. Für eine Sekunde flog Severus' Blick zu ihr, bevor er sich wieder auf seinen Direktor konzentrierte. Oh Gott. Für eine positive Entscheidung war es zu früh, oder? Oh, Severus, das kannst Du nicht tun, das kannst Du mir nicht antun, das kannst Du… Offenbar konnte er sich das sehr wohl antun.
Sie mußte weglaufen. Ins Bett zurück. Die Decke über den Kopf ziehen. Wie sollte sie die Ungewißheit bis heute Abend aushalten? Akzeptier sein Nein. Du mußt ja nicht unsicher sein! Er wird Dir sagen, daß er Dich nicht mehr will. So einfach ist das!
Unwillkürlich straffte sie sich, zwang die Tränen zurück hinter die Augen und ihre Angst unter Kontrolle. Sie würde das schlicht nicht akzeptieren! Sie liebten sich doch, zumindest fühlte es sich so an. Das konnte er nicht so einfach ignorieren, indem er sich vor ihr zurückzog! Sie könnte ihm eine rein sexuelle Beziehung anbieten, so eine, wie er mit all den Anderen auch geführt hatte. Sie würde ihm versprechen, ihn nie mehr zu bedrängen. Er müßte einfach nicht mit ihr sprechen. Nur küssen mußte er sie. Nur mit ihr schlafen.
„Guten Morgen, Miss Willson, Sie sehen nicht aus, als ob Sie Hunger hätten." Zu Tode erschrocken und in derselben Sekunde schwankend vor unendlicher Erleichterung richtete sie ihre Augen in diese so vermißten schwarzen, welche spöttisch, aber durchaus freundlich auf sie herabblickten. Er wäre nicht gekommen vor allen Leuten. Wenn er sie zum Teufel jagen wollte, wäre er dieses Risiko nicht mehr eingegangen… Der freundliche Ausdruck in seinem Blick verschwand nicht, als er sachlich fortfuhr, laut und deutlich, ohne sich um die Leute zu kümmern, die auffällig unauffällig ihre Ohren in ihre Richtung gedreht hatten: „Ich habe gerade mit unserem Schulleiter abgesprochen, daß ich Ihre Anfrage bejahen kann: Ich werde Sie ab dem 15. Oktober als meine Assistentin einstellen. Solange Ihre Prüfungsvorbereitungen das zulassen und wir beide einigermaßen miteinander auskommen. Einzelheiten und Vertrag könnten wir heute Abend klären."
Caryn hustete den Impuls weg, sich in seine Arme zu werfen, und zwang ihr überglückliches Ganzkörperlachen ausschließlich in ihre Augen.
„Vielen Dank, Professor! Oh, Sssir, ich danke Ihnen, daß Sie mir so schnell bescheid sagen, ich..."
„Wo es doch bereits tragisch genug ist, daß Sie so dringend Geld brauchen, daß Sie sich in MEINE Gesellschaft begeben müssen!" spottete er für die Zuhörer.
„Ich brauche… es… sehr… dringend, S...ir..." erwiderte Caryn eine Spur atemlos.
Severus
Caryns überglückliche Strahlen, so sehr sie es auch zu verbergen versuchte, sowie ihre ihn wie ein Strudel zu ihr hinziehende Liebe, die von ihr ausging, wiesen ihn nachdrücklich auf sämtliche in ihm verbliebenen Unsicherheiten hin. Sie war zu glücklich. Das konnte nicht gut sein, daß sie so glücklich war. Daß sie ihn in dieses Glück locken wollte. Alles andere zu vergessen, die Realitäten zu vergessen. Er DURFTE die Realität nicht vergessen. Er durfte die Kontrolle nicht verlieren. Auch jetzt nicht. JETZT ERST RECHT NICHT! So schluckte er seine Antwort hinunter und runzelte seine Stirn.
„Ich erwarte Sie nach dem Abendessen in meinem Büro." Damit rauschte er aus der Halle, ohne sich darum zu kümmern, daß er gar nicht bis zu seinem Platz gekommen war. Was er erst einmal brauchte, war eine Kanne selbstgebrauten Kaffees!
Caryn
Sie stand, in Gedanken versunken, noch am selben Fleck, als sie erneut zusammenzuckte. Eine Hand hatte sich auf ihre Schulter gelegt, Charitys Hand. Die junge Frau strahlte Caryn an.
„Na, alles gut?" fragte sie einfach, und Caryn lächelte zurück. „Es hat mich so gefreut, ihn so… gut gelaunt zu sehen!" flüsterte die Ältere ihr nun zu. „Und jetzt geh frühstücken! Gestern Abend konntest Du ja kaum etwas hinunterbringen!"
Und schon wieder guckte Lucas sie auf eine Weise an, die ihr sämtliche Illusionen ein für allemal nahm, daß sie ihre Beziehung mit Severus vor ihm würde geheimhalten können. Sie mußte dringend Schadensbegrenzung betreiben, damit er sein Wissen wenigstens für sich behielt. Erst einmal lächelte sie ihrer Lehrerin verabschiedend, ihrem Kameraden begrüßend zu, welcher ihrer gemeinsamen Lehrerin bedeutungsvoll zunickte und dann demonstrativ zur Seite rutschte, um Caryn Platz zu machen.
„Mach Dir keine Sorgen. Ich verrate Euch nicht", murmelte er neben ihr. „Solange er sich Dir gegenüber anständig benimmt", fügte er nach einer Sekunde warnend hinzu. „Und wenn Du endlich aufhörst, es abzustreiten!" Caryn seufzte.
„Aber ICH entscheide, was anständig heißt!" gab Caryn leise zurück.
„Donnerstag war er NICHT anständig."
„So ist er nun mal manchmal. Aber ich will ihn trotzdem, verstehst Du?"
„Nee, beim besten Willen nicht. Aber das kann ich als Mann wohl sowieso nicht beurteilen." Caryn schmunzelte bei der Bezeichnung Mann, und wurde von einem Glücksgefühl überschwemmt, daß sie wieder schmunzeln konnte. Und sich nebenbei auch noch darüber freuen, daß Lucas und sie trotz allem immer noch Freunde waren.
Severus
Den Tag über versuchte er, sich emotional weitestgehend treiben zu lassen, nicht zu viel nachzudenken und sich davon zu überzeugen, daß er beruhigt oder sogar glücklich sein könne, jetzt, nachdem er sich schließlich entschieden hatte. Sich für Caryn entschieden hatte. Doch die Panik war er nicht wirklich imstande zu unterdrücken, die aus dieser Endgültigkeit erwuchs.
Quatsch, wer redet von Endgültigkeit, Du sollst sie ja nicht heiraten!
Und das glaubte Caryn ja wohl auch nicht.
Moment. Was ist, wenn Sie es sich anders überlegen, und wir heiraten?
Bis wir heiraten, ist das so in Ordnung…
Ich will Dich immer noch heiraten, Severus!
Nein, sie hatte keinen Grund, das von ihm zu glauben. Nichtsdestotrotz war notwendig, dieser wegen seiner Entscheidung nun ausdrücklich existierenden Beziehung eine Struktur zu geben. Alles unter Kontrolle zu haben. Durch die offizielle Anmeldung von Caryns Anwesenheit in seinen Räumen bei Dumbledore hatte er ja bereits den ersten Schritt getan. Diese Arbeitsbeziehung würde er benutzen, um... Caryn auf Mindestabstand zu halten.
Sie durfte sich nicht einbilden, daß er sie heiraten würde! All seine Zeit, all seine Energie und all sein Interesse allein für sie reservieren würde. Sie durfte sich nicht einbilden, daß er plötzlich ihr Märchenprinz wäre! Sie sollte gefälligst...
ihn lieben. Ja, genau das wollte er. SEHR.
Irgendwann war der Abend da, und Caryns rennende Schritte hallten den Kerkergang entlang. Erweckten den Eindruck, daß ihr Echo seinen ganzen Körper zum Schwingen brachte. Aus einer Laune heraus hatte er nicht gewollt, daß sie heute anklopfen mußte, und die Tür offen gelassen. So flog sie in sein Büro und weiter direkt in seine Arme. Im ersten Moment fing er einfach sie auf und ließ sich in ihre unbändige Freude fallen. Leicht fühlte er sich, fast schwerelos, so, als seien tatsächlich alle Probleme verschwunden. Das war eine Illusion, heute ebenso wie Freitag, aber jetzt war es doch eigentlich unnötig, sich unentwegt an die Realitäten zu erinnern. Er DURFTE sich treiben lassen, eine Zeitlang, einige Monate. Wenn sie ihn denn so lange aushielt.
Plötzlich kam ihm diese Freiheit doch bedrohlich vor, und außerdem war diese Freiheit begrenzt. SEHR begrenzt. Darauf würde er Caryn erst einmal hinweisen müssen. Daß es nach wie vor Regeln gab, an die sie sich beide zu halten hätten.
Daher machte er sich von ihr los und legte ein paar Schritte zwischen sie und sich.
Prüfend beobachtete er sie. Die Erinnerung an die Tortur des letzten Freitags hatte sie reflexhaft in ihre Angst zurückgestoßen, und er beeilte sich, sie zu beruhigen, ohne dem Impuls zu folgen, sie sofort wieder an sich zu ziehen. Jetzt war Distanz notwendig. Vernunft. Kontrolle. WORTE.
„Ich habe mich entschlossen, es zu versuchen", sagte er streng. „Wir werden eine Zeitlang – spätestens bis Ende Deiner Schulzeit hier – eine…" Dieses Wort mußte er wohl gebrauchen, „… eine Beziehung zu führen." Das Glück, das dieser Begriff in Caryn auslöste, konnte er so nicht stehen lassen. Diese Frau würde ihn mit Haut und Haaren verschlingen! Er bemühte seinen eindrucksvollsten Snape-Ton. „Das heißt aber NICHT, daß ich plötzlich ein anderer Mann geworden bin. Und das heißt auch nicht, daß Du nach Belieben über mich verfügen darfst. Ich werde nicht zu Deinem Eigentum."
Caryn nickte ernsthaft, wobei sie es nicht schaffte, das Strahlen aus ihrem Gesicht zu verbannen. Severus kräuselte die Lippen und sprach rasch weiter:
„Wir werden weiterhin ein Gerüst haben. Offiziell wirst Du unter der Woche an drei Abenden für mich arbeiten, und das werden wir TATSÄCHLICH. Du darfst Deine Prüfungen nicht aus den Augen verlieren. Und am Sonnabend treffen wir uns privat. Ich benötige trotzdem Zeit für mich allein." Caryn sah ihn unverwandt ruhig an. Das strahlende Lächeln in ihrem ganzen Gesicht hatte er mit seinen Worten nicht zum Verblassen bringen können. Aber es war alles gesagt. Mit diesem Gerüst würde er es schaffen, sie auszuhalten. Sie von sich ABzuhalten. Zumindest so weit, daß er nicht vollständig ins Trudeln geriete. Severus entspannte sich und gestattete sich, Caryns Lächeln zu spiegeln.
Caryn
„Ich akzeptiere Deine Bedingungen. – Aber ich habe auch welche." Sie unternahm einige Anstrengungen, ihn ihre Nervosität nicht spüren zu lassen, auch wenn sie da natürlich nicht viel Hoffnung hatte. Severus hob erwartungsvoll eine Braue und senkte das Kinn, wohl in der Annahme, dann könne er sich getrost erlauben, ihre Bedingungen abzulehnen. Caryn bemühte sich um mehr Strenge: „Ich möchte das Recht haben, in Ausnahmefällen auch außerhalb dieses Gerüsts zu Dir kommen zu können. Wirklich in Ausnahmefällen, wenn ich Dich wirklich brauche. Und natürlich nur dann, wenn niemand mich sieht." Er nickte. Erstaunlicherweise schien er nicht das Bedürfnis zu haben, die Ausnahmefälle jetzt sofort zu definieren. Gut. Der nächste Punkt war nicht so leicht auszusprechen. Sie räusperte sich und startete einen Versuch:
„Und... Du... wirst doch nicht... ich meine..." Oh verdammt, Severus, kannst Du nicht einfach meine Gedanken lesen und mir die Antwort direkt geben? Die richtige natürlich… Kläglich war sie verstummt. Rang nach besseren Worten. Um Ruhe, die ihn ihr rasendes Herz nicht spüren ließe. Vielleicht wäre Legilimentik hier doch keine so gute Idee?? Doch sie war einfach nicht in der Lage, es aussprechen! Severus sah sie lediglich abwartend an. Dachte nicht daran, ihr zu helfen. Du bist doch ein Sadist! dachte sie ärgerlich und zwang sich weiter im Text:
„Ich… könnte es nicht ertragen, … wenn Du… noch… Andere... neben mir…" Mit Erstaunen erkannte sie, daß er ehrlich entrüstet war. Seine Augen waren eng.
„Ich kann Dir versichern, daß Du sehr wohl in der Lage bist, sowohl mein Bedürfnis nach zwischenmenschlichen Aktivitäten im Allgemeinen, als auch nach Erotik im Besonderen zu befriedigen, Caryn", versicherte er ihr kühl. Sie hatte ihn wirklich verärgert. Das fing ja gut an! Er war im Begriff gewesen, sich von ihr wegzudrehen, überlegte es sich jedoch anders. Er sah sie nicht an. Sein Gesicht zeigte keinen Ärger mehr. Bange harrte Caryn der Dinge, die da kommen würden. Diesmal fiel es IHM wahrnehmbar schwer zu sprechen. „Wahrscheinlich… habe ich Dich letzte Woche zu sehr… enttäuscht, aber ich werde mich bemühen, Dich davon zu überzeugen, daß ich Dich im Normalfall NICHT verletzen will."
Die einzig mögliche Antwort waren die Schritte auf ihn zu. Ihn in die Arme zu schließen. Jetzt erwiderte er ihre Umarmung sofort. Caryn fühlte seinen Atem in ihrem Haar und zerquetschte ihn fast vor lauter Liebe.
„Mehr brauche ich nicht", murmelte sie an seinem Hals und spitzte die Lippen, um seine pochende Halsschlagader zu berühren. Seinen geliebten Körper leben zu fühlen. Seine Lunge sich füllen und leeren. Seine Hände sacht auf ihrem Rücken. Und das kleine Zucken seines Zwerchfells hatte fast Ähnlichkeit mit einem entspannten Aufschluchzen eines endlich getrösteten Kindes. So ein Quatsch, laß ihn nur nicht merken, daß Du Dir wieder Märchen ausdenkst!
Nach einer langen Stille spürte sie, an einem bewußten Luftholen und an sich an seinem Hals anspannenden Muskeln, daß er zu sprechen anheben wollte. Er zögerte, entschied sich dann aber dafür, es auszusprechen:
„Ich habe keine von den Anderen geküßt." Caryn zuckte zusammen, als wisse ihr Körper, daß eine dramatische Reaktion von ihr erwartet wurde, auch wenn ihr Kopf noch nicht in der Lage war, zu entscheiden, welche die richtige sei. Was genau hatte er da gesagt? Unbeirrt fuhr Severus fort: „Ich habe mich mit ihnen nicht geduzt, und ich habe im Bett grundsätzlich Blickkontakt nicht zugelassen. Daß ich mich um deren Bedürfnisse nicht geschert habe, weißt Du bereits. Und daß ich das, was wir beide zusammen haben, vorher noch nicht erlebt habe, weißt Du auch schon.
Im ersten Moment völlig überfordert von diesem Geständnis hatte Caryn sich in seinen Armen so weit von ihm entfernt, um in seinem Gesicht lesen zu können. Er hatte das WIRKLICH gesagt. Severus sah an ihr vorbei. Sie starrte ihm stumm ins Gesicht, auf dem sich Erleichterung ausgebreitet hatte, als hätte ihm, daß er ihr diese Wahrheiten die ganze Zeit vorenthalten hatte, auf der Seele gelegen. Er hatte das auch GEMEINT! Er sagte nichts mehr, sah sie immer noch nicht an, als habe er Angst davor, daß ihre Freude darüber nicht groß genug sei.
Oh Severus, daß Du so etwas zu mir sagen würdest… Dabei waren diese Freude, diese Erleichterung, dieses Glück so riesig, daß es eine Weile dauerte, bis sie einen Ton herausbrachte: „Severus...?"
Severus
„Severus…?" Heiser klang sie, nicht so, als sei ER derjenige, der sich gerade IHR ausgeliefert hatte. Daraufhin hob er den Blick. Registrierte wieder bestürzt ihre Tränen. ICH habe doch DIR die Möglichkeit gegeben, MICH zu verletzen! Dann hatte ihn ihre riesige Freude erreicht. „Du ahnst nicht, wie glücklich ich bin."
Im ersten Moment von der Intensität überwältigt, runzelte er die Stirn. Blieb stumm, so daß Caryn den Blick abbrach und sich wieder eng an ihn schmiegte. Erst jetzt kamen die Worte für sie.
„Das beruht – wiederum glücklicherweise – auf Gegenseitigkeit." Das war die Wahrheit. Und Aufrichtigkeit war das, was er ihr geben KONNTE. Caryn drückte ihn nur an sich. Manchmal war es leicht mit ihr. Und was er nun tun würde, war auch schon längs überfällig. „Darf ich Dich in mein Schlafzimmer einladen? Ich habe aber nicht aufgeräumt." Der Jubel, den er damit in ihr wachrief, spürte er direkt in dessen Entstehen an ihrem Zwerchfell dicht an seinem Magen.
„Ich fühle mich umso geehrter." Als er ihr galant seine Hand bot, legte sie ihren Kopf schief und versuchte ironisch einen Augenaufschlag. Er kannte seine Rolle und bemühte seine Braue:
„Traust Du mir zu, daß ich uns beide heil meine Treppe hoch befördern kann?"
„Du bist so herrlich stark!" schmeichelte Caryn, und er seufzte, machte dann eine unvorhersehbare Bewegung, schnappte sich Caryn und warf die quietschende, zappelnde Frau wie einen Mehlsack über die Schulter.
„Seit wann bemühst Du Muggelmethoden, Severus?" kicherte sie ihm in den Nacken.
„Oh...", antwortete er nachdenklich. „Manchmal haben solche Methoden tatsächlich ihre Vorzüge!" Und klatschte ihr liebevoll auf den Po.
Und wie im richtigen Leben ist es jetzt noch NICHT zu ende! Es geht weiter jenseits von Snapes Wohnungstür… ;)
