Liebe littledragonfly, ich danke Dir abschließend und insgesamt und allumfassend und absolut für Deine Kontrollesung! Und Dein dezenter Hinweis, wie viele offene Stellen es in Caryn und Severus' Leben noch gibt, ist natürlich nicht auf taube Ohren gestoßen! Nein, nein, NICHTS – nicht einmal Lucas und Nelly – könnten mich endgültig aus dem Zweiten Leben vertreiben! Versprochen!! :)
Liebe SeetLinny, Dir danke ich an dieser Stelle GAANZ HEERZLICH für Deine Begleitung bei dieser Geschichte – und ich hoffe, daß auch Du Lust hast zu verfolgen, wie es mit Caryn und Severus weitergeht! Es ist noch nicht alles fertig – aber ich habe schon begonnen, eine eigene Geschichte über DIESEN Lucas und Caryns und Severus' Tochter Nelly zu schreiben. Es gibt noch allerhand zu erzählen! :) Nahtlos weiter geht es in „Willkommen im zweiten Leben", wo wir Zeuge werden, was es heißt, mit Severus Snape eine Liebesbeziehung zu führen!
Der Beginn
Caryn Montag, 16.3
„Laß mich runter, ich will gucken!"
„Was willst Du?"
Severus war mitten in seinem Wohnzimmer stehengeblieben und drehte sich auf der Stelle, um der bäuchlings geschulterten Caryn einen ersten Überblick zu verschaffen. Diese zappelte, um endlich heruntergelassen zu werden.
„Ich muß Deine Wohnung angucken! – Ich liebe Dich schon so lange, und Sonntag bin ich an der Schloßmauer entlanggegangen bis zu Deinen Bürofenstern... Und ich wußte nicht, wie es dort aussah, wo Du in diesen Minuten WARST…"
Sie war still geworden, und er ließ sie in seine Arme rutschen lassen. Sie sahen sich an.
„Dann sollten wir das ändern", stellte er ernst fest.
Wie er seine Wohnung wohl eingerichtet hätte, hatte Caryn schon immer brennend interessiert, auch in den vergangenen Zeiten ihrer Haßbeziehung. Es schien ihr von seinem Charakter her jedoch einfach klar gewesen zu sein: Zumindest war sie nicht überrascht über das, was sie hier vorfand. Seine Räume waren nicht häßlich – aber eindeutig zu vernachlässigt, um gemütlich zu sein. Alte dunkle Holzmöbel vor weiß verputzten Wänden hätten, mit edlen Stoffen in dunklen Rottönen oder so kombiniert, durchaus geschmackvoll sein können. Allein ließen sie den Raum zumindest auf den ersten Blick vor allem streng und kühl wirken, was durch die Weitläufigkeit der Kerkerräume in Verbindung mit der sparsamen Möblierung noch verstärkt wurde. Fast alle Stellwände waren allerdings – wieder erwartungsgemäß und sehr reizvoll – mit hohen Bücherregalen vollgestellt, in denen die Bücher in den gedachten Reihen vor lauter neueren, darauf oder davor abgelegt, kaum mehr zu sehen waren. Auch überall sonst lagen Bücher herum.
Auf allen Ablagen stand außerdem eine Auswahl gebrauchter Teetassen oder Kaffeebecher, lagen Notizzettel mit diversen Schreibfedern oder Pergamentrollen. Sein Sekretär unter dem höher liegenden, langen Fenster, das die gesamte Länge der Wand einnahm, war genauso voll wie sein Schreibtisch im Büro, was ihn ja aber auch nicht davon abhielt, dort zu arbeiten. Und dieses Denk-Chaos strahlte eine Wärme aus, die wiederum – wenn man den Inhaber desselbigen kannte – erstaunte.
Im Kamin brannte ein brandsicheres Permanentfeuer, der Kaminsims stand voll mit verschiedenen verstaubten alten Kerzenleuchtern aus Silber, von denen kein einziger eine Kerze enthielt. Vor dem Kamin fehlten bequeme Sessel. Auch so etwas wie ein Sofa suchte Caryn vergeblich. Aber er entspannte sich wahrscheinlich nie. Kein Teppich auf dem kalten Boden, kein Bild an den weißverputzten Wänden. Keine Gardinen vor den hoch liegenden Fenstern.
Ein Seitenblick auf den sie beobachtenden Severus neben ihr gab ihr die Erlaubnis, sich auch von ihm wegzubewegen. Neugierig betrat sie sein Schlafzimmer. Das hier mußten die Fenster sein, die neben denen seines Büros lagen. Jetzt, im Dunkeln, konnte sie draußen nur Gras ausmachen, welches vom Licht aus der Wohnung angestrahlt wurde. Wenn sie sich gestern ein wenig weiter vorgewagt hätte, hätte sie sein sehr breites Bett sehen können (Hatte es eine Frau an seiner Seite gegeben? Hatte er trotz allem mit einer gerechnet?), den riesigen Kleiderschrank (dessen eine Tür offenstand und den Blick auf mehrere schwarze, lange Kleidungsstücke freigab; über der offenen Tür hing sein Reiseumhang zum Lüften), das Nachtschränkchen (mit einem tickenden Muggel-Wecker auf einem schwankenden Bücherstapel) – sonst nichts auf dem dunkelgrauen Steinboden.
Alle Möbelstücke ebenso aus schwarzen Holz vor weißen, rauhen Wänden. Das Bett lüftete anscheinend noch, zumal ein Fenster offenstand. Kalt war es hier. Und wirklich nicht sehr einladend. (Zumindest wies hier nichts darauf hin, daß eine Frau dieses Zimmer mit eingerichtet hatte.)
Obwohl ihm das Äußere dieser Räume dem Augenschein nach nicht wichtig war, spürte man Snapes Präsenz ganz stark in allem, was sich hier befand. Es waren seine Gedanken, denen er hier freien Lauf ließ, seine fehlende Anspannung, wenn er hier im sicheren Rückzug war. Dies war seine markante Privatsphäre, und Caryn fühlte sich allein dadurch hier auf Anhieb wohl.
Severus hatte die Pause genutzt und in der Küche Tee gemacht. Dort standen ein kleiner Eßtisch vor einer Zeile Hängeschränke über einer Arbeitsplatte und – das überraschend: ein antiker Muggelherd, der früher mit Holz beheizt worden war. Der Tisch war leer bis auf eine Kaffeekanne auf einem Muggelstövchen und einem gebrauchten Kaffeebecher – seinem morgendlichen Frühstück wahrscheinlich – und einem Buch, das offensichtlich ebenso zum Frühstück gehörte.
Caryn trat von hinten an Severus heran und schob eine Hand um seine Taille.
„Wie kommt es, daß Du so viele Muggelsachen benutzt?" wollte sie wissen.
„Weil ich finde, daß diese gewissen Dinge magischen gegenüber einen Vorzug haben", war die Antwort.
„Meine Schreibtischlampe von zu Hause fehlt mir auch. Das Licht ist gut zum Arbeiten, nicht wahr? – Wie hast Du Deine verzaubert, daß die Glühbirne hier leuchtet?"
„Ich kann es Dir bei Gelegenheit zeigen", bot er an. „Setz Dich. Hier ist ein Tee."
„Und der alte Herd?" fragte Caryn weiter, während sie sich am Tisch ihm gegenüber niederließ.
„Der gehörte meiner Großmutter."
„Du hast eine MUGGEL-Großmutter?!"
„Mein Vater war Muggel", war die knappe Erklärung.
„Ich habe immer geglaubt, Du wärst Reinblüter! Aus einer ewig alten Zaubererfamilie. Alle Slytherin..."
„Das war meine Mutter."
„Und sie hat sich in Deinen Vater verliebt und sich mit ihrer Familie überworfen?"
Caryn machte sich keine Mühe, ihre Neugierde zu zügeln.
„Und der hat es ihr nicht gedankt. – Aber laß uns bitte das Thema wechseln, die Ehe meiner Eltern gehört zu den Dingen meiner Vergangenheit, die ich lieber vergessen möchte."
„Das Thema Mischehen interessiert mich brennend! Ich habe vor, nach Hogwarts Muggelkunde an der Uni zu studieren." Severus sah sie interessiert an.
„Daher auch Dein Unterricht bei der personifizierten Nächstenliebe, obwohl Du alles über die Muggelwelt weißt."
„Charity, ja!" lachte sie, obwohl sie ein mulmiges Gefühl bekam: Sie mußte ihm mitteilen, daß Charity von ihrer Beziehung wußte. Erst einmal sagte sie dennoch das, was ihr auf der Zunge lag:
„Sie ist wirklichdie LIEBSTE Lehrerin, die ich mir vorstellen könnte! Und bis auf Lucas, der ein Muggelmädchen liebt, haben alle in Muggelkunde einen Muggelelternteil."
„Ah, die berühmte Freundin von ." Caryn legte den Kopf schief und blickte versonnen drein.
„Du hast mich früher oft öffentlich angesehen und angesprochen. Seit wir... zusammen sind, bist Du damit sehr geizig geworden..."
„Na komm, Caryn, wir sind als Paar bekannt genug. Da fehlen nur noch ebendiese Kleinigkeiten, um handfeste Gerüchte in Gang zu setzen!"
„Weiß ich ja." Sie sah ihn verschmitzt an. „Was hast Du damals eigentlich gedacht? Als Du Lucas und mich beim Verlassen der Großen Halle geärgert hast?"
„Nichts", kam eine Idee zu früh, und Caryn schmunzelte:
„Aha!"
„Du Biest!" grinste er und bot ihr mit offenen Armen seinen Schoß an. Sie war sofort da und ließ sich umschlingen. „Ich mußte DRINGEND herausfinden, ob Du ihn LIEBTEST!" raunte er ihr übertrieben dramatisch ins Ohr. „Und zu meiner GRENZENLOSEN Erleichterung gab mir Boots SOGLEICH die Antwort, die ich gewollt hatte. – War es das, was Du hören wolltest?" erkundigte er sich beflissen.
Und Caryn wußte einerseits, daß er VIELLEICHT die Wahrheit gesagt haben könnte. Andererseits hatte er mit seiner Art wieder einmal erreicht, daß sie sich nie darauf würde berufen können. Trotzdem gab sie ihm einen dankbaren Kuß auf die Nasenspitze. Besser sie hörte es auf diese Weise, als überhaupt nicht!
„Ich habe immer gedacht, daß meine versnobten Slytherin- Junioren es nötiger hätten, Deine Charity zu besuchen", nahm Severus das Gespräch wieder auf.
„Niemand weiß, wie toll das Fach ist!" schwärmte Caryn. „Gerade die Berührungspunkte der beiden Welten sind total spannend! Mischehen, Rassismus, Geheimhaltungsstatut in gemischten Familien, Wissenschaft und Zauberei... Das will ich später richtig studieren! UND Psychologie bei den Muggeln! Mein Traum ist es, Therapeutin zu werden für die unzähligen Opfer aus unglücklichen Mischehen..."
Plötzlich war ihr bewußt geworden, was sie da eben von sich gegeben hatte, und war abrupt verstummt. Snape jedoch lachte nur.
„Aha! Jetzt weiß ich endlich, warum Du so versessen darauf bist, gerade MICH glücklich zu machen!" Caryn nahm ihn fest in ihre Arme und schmiegte sich an ihn.
„Schaffe ich das denn ein wenig?" murmelte sie leise und unauffällig, aber Snape hatte den Druck seiner Arme um sie unüberspürbar verstärkt. Das Empfinden ihres eigenen Glückes über seine Entscheidung dafür, sie – eine Zeitlang – in seinem Leben haben zu wollen, breitete sich in ihr aus und brachte ihr Zwerchfell zum Hüpfen. Dann jedoch fiel ihr ein, daß sie ihn noch über ihre Mitwisser aufklären mußte. Was ohne weiteres gleich das Ende allen Anfangs hier bedeuten konnte, so wie sie Severus kannte. Sie spannte ihren Bauchbereich an und räusperte sich.
„Du, Severus?"
„Hmm?"
„Ich muß Dir etwas sagen."
Er rückte von ihr ab und sah sie an.
„Das klingt nicht angenehm."
„Es IST unangenehm. – Aber es ist EIGENTLICH nicht meine Schuld. Und ich konnte auch nicht anders, ich hätte es nur noch schlimmer gemacht, wenn ich nichts gesagt hätte…." Severus schob Caryn von seinem Schoß und stand auf. Starr vor Angst verfolgte sie seine Schritte zum Fenster.
„Ah, Deine Lieblingslehrerin. Sie benimmt sich mir gegenüber... so überaus HERZLICH." Seine Ironie machte einen normalen Eindruck. Einen Moment blickte er in die Schwärze hinaus. Bis zum äußersten angespannt wartete Caryn eine lange Folge aneinandergereihter Atemzüge ab. Sollte SIE etwas machen? Aufstehen, für Körperkontakt sorgen? Oder würde er erst recht sauer? Etwas sagen müßte sie wohl. Spielte es eine Rolle, was es war? Es dauerte viele neue Atemzüge, ehe sie sich überwinden konnte:
„Es… Schuld war unser... Streit in Zaubertränke letzten Donnerstag." Genau, auch Severus trug Mitverantwortung! „Lucas hatte sich Sorgen gemacht. Und dann war ich am Freitag nicht bei Muggelkunde..." In der spiegelnden Fensterscheibe konnte sie sehen, wie Severus unwillig den Mund verzog. „Und als Lucas dann Charity von unserem auffälligen Verhalten im Unterricht erzählte und sie sich wohl an die Dinge erinnerte, die sie von Flitwick mitbekommen hatte..." Er drehte sich zu ihr um. Sein Ärger, hoffte sie jedenfalls, galt auch ihm selbst. Und er sprach mit ihr, anstatt sie jetzt für immer fortzujagen.
„Und sie hat Dich daraufhin angesprochen?"
„Sonntag Nachmittag war ich doch draußen. Ich bin ihr in die Arme gelaufen, als sie von zu Hause zurückkam." Caryn sah vor sich auf die Tischplatte. Die Panik in ihr war noch nicht überflüssig. Dabei war er doch wirklich genauso daran schuld, daß Leute Verdacht geschöpft hatten! Trotzig hob sie ihr Gesicht und schaute ihn an. „Sie hat gesehen, daß es mir schlecht ging und hat gesagt: Es ist Snape, nicht wahr? Ihr habt eine Beziehung, und sie tut Dir nicht gut, und sie hat keinen Zweifel daran gelassen, daß sie Dich beobachten würde und... vielleicht sogar zu Dumbledore gehen. Ich mußte das einfach richtig stellen. Wenn ich gelogen hätte... Sie WUßTE es bereits, Severus, und sie war davon überzeugt, daß sie mich vor Dir retten mußte!"
Die Verzweiflung klang unüberhörbar in ihren Worten, und endlich erreichte sie ihn wieder. Severus kam zu ihr und zog sie zu sich hoch. Zwang sich zu einem schiefen Lächeln.
„Das ist in der Tat schlecht – aber Du hast natürlich recht: Daß sie es wußte, war genauso – oder noch mehr – mein Verdienst. Du konntest nicht lügen, und das solltest Du auch nicht." Er dachte einen Moment nach. „So wie Deine LIEBE Charity mich heute Morgen angestrahlt hat, konntest Du sie offensichtlich davon überzeugen, daß ihre Annahme falsch war? Daß ich Dir nicht gut tue?" Caryn hob ihr Gesicht und lächelte ihn an.
„Im Gegenteil! Sie hat Dich sogar in Schutz genommen!" Zeit für die Augenbraue. „Sie hält Dich für einen verantwortungsbewußten Mann, der seine Entscheidung nicht von seinen eigenen Bedürfnissen abhängig macht." Sein Schmunzeln zeigte Spuren von schlechtem Gewissen.
„Dann sollte ich wohl etwas netter zu ihr sein..." Caryn schob die Unterlippe ein Stückchen vor.
„Aber nicht ZU nett!" Die andere Braue folgte der ersten und nahm sie noch ein stück weiter mit nach oben. Bevor Caryn rot werden konnte, redete sie weiter: „Ich will nicht, daß Du siehst, daß sie viel hübscher ist als ich. Und erwachsener. Und toller. Und mehr Busen hat als ich..."
„Und daß sie verheiratet ist mit einem jungen, hübschen Muggel, wie ich aufgeschnappt habe." Auf Caryns gequälten Blick hin schüttelte er den Kopf, zog sie näher an sich und sagte geduldig, wie zu einem Kind (auch wenn der Gedanke an einen Snape, der geduldig zu einem Kind sprach, natürlich einen Widerspruch in sich darstellte):
„Deine Nächstenliebetante ist SO hübsch und interessant, daß ich neulich eine Zeitlang überlegen mußte, wer sie ist und wie sie heißt. Neulich, als ich sie zusammen mit Dir in die Halle kommen sah." Das war unanzweifelbar sehr lieb von ihm, ihr das so zu sagen…
„Und jetzt?" hauchte sie, sich immer noch unbehaglich fühlend.
„Jetzt ist sie in soweit interessant, als ich ihr freitags Grüße für Dich mitgeben kann!" spottete er gutmütig.
„Du bist gemein!" Caryn drückte sich aus seiner Umarmung.
„Caryn, mich interessieren Menschen nicht, weil sie hübsch sind. Davon abgesehen: Wenn einer NICHT hübsch ist, dann bin ICH es!"
„Ich mag keine hübschen Männer!"
„Siehst Du? Da passen wir, glaube ich, ganz gut zusammen!" Diese ja womöglich auch über diesen Zusammenhang hinaus gültige wundervolle Aussage versöhnte Caryn und ließ sie sich an ihn kuscheln. Bevor ihr Lucas einfiel und sie sich versteifte. Severus spürte das wohl, stieß einen resignierten Seufzer aus und kam ihr zu Hilfe:
„Hast Du jetzt Angst, weil Du mir noch nicht von Boots erzählt hast?"
„Hmm. Er hat uns heute Morgen in der Halle gesehen. Beziehungsweise mich, danach..." Zu ihrer Überraschung lächelte Severus... liebevoll.
„Tja, Dein Strahlen wird da natürlich für sich gesprochen haben!"
„Für UNS!" bekräftigte Caryn zaghaft.
„Dem Jungen muß ich das Gedächtnis verändern."
„Er wird nichts verraten. Er hat es mir versprochen." Snape guckte skeptisch.
„Wie kannst Du ihm vertrauen, wo Du ihn erst kürzlich näher kennengelernt hast? – Gerade seine Kumpane mit ihren Allüren..."
„Ich weiß über seine Freundin auch bescheid."
„Die aber nicht seine Lehrerin ist."
„Nein, aber eine Muggelfrau."
„Aha, und Du willst später ihre Kinder therapieren!"
„Er wird uns nicht verraten, Severus."
„Ich werde darüber nachdenken."
„Severus?"
„Ja?"
„Könntest Du mich, während Du nachdenkst, womöglich… einmal küssen?"
„Haben wir das heute überhaupt schon getan?" kam erstaunt aus seinem Mund, bevor dieser sich auf Caryns senkte.
Der Weisheit letzter Schluß
Caryn Nacht zu Dienstag, 17.3
„Na? Ich hatte auf ganzer Linie recht, nicht wahr?" klang die leicht krächzende magische Stimme des Adlers die Wendeltreppe herunter, noch bevor Caryn oben angekommen war. Sie beschleunigte ihre Schritte und kam außer Atem auf dem Treppenabsatz an. Ihn anstrahlend, baute sie sich vor ihrem alten Freund auf.
„Ich bin mir nicht sicher, ob wirklich DU es bist, der recht hatte: Ich denke, es war die ganze Zeit meine EIGENE Weisheit, mit der Du um Dich geworfen hast!" Wieder einmal fragte sie sich, wie es sein konnte, daß der Adler mit seinem Schnabel grinsen konnte. Vielleicht lag das ausschließlich an seinen blitzenden Augen, in denen sein Amüsement offen zutage trat.
„Eben das meinte ich: Ich hatte darin recht, Dir zu sagen, daß Du Dir und Deinen Gefühlen vertrauen kannst." Caryn wurde ernst.
„Ich glaube, es war gut für ihn, daß er mit Dir gesprochen hat Freitag Nacht."
„Er ist von sich aus hergekommen..."
Caryn lächelte wieder, diesmal versonnen.
„Das ist jetzt mein Happy End, nicht wahr?"
„Und? Wie fühlt es sich an?"
Ihre Antwort war schon die ganze Zeit dagewesen.
„Wie ein Anfang!"
Aus dem Schnabel kam ein Schnauben.
„Ich empfehle Dir Ratgeber wie: Wie Sie im Alltag Ihr Eheglück erhalten..."
„Seit wann bist Du so zynisch?" Dann keimte Mißtrauen in ihr auf, und sie fragte drängend: „Was hat er gesagt, daß Dich so pessimistisch macht?" Sie ging so nah wie möglich an den Türklopfer heran. Die erneute Panik machte sie regelrecht bedrohlich, das spürte sie selbst. Der Gesichtsausdruck des Vogels blieb allerdings desungeachtet ausschließlich ironisch:
„Verzeih mir bitte, ich meinte natürlich, daß Du einen solchen Ratgeber VERFASSEN sollst!"
„WAS hat er gesagt?!" Sie war keinen Millimeter zurückgewichen.
„Spaß beiseite." Jetzt schien er wirklich ernst zu sein. Caryn trat einen Schritt zurück und sah ihn mit noch gerunzelter Stirn an. „Ich habe nur zu viele Happy Ends erlebt, als daß ich das Märchen von ...und sie lebten glücklich bis an ihr Ende... noch im Ansatz ernst nehmen könnte. – Dein Geliebter hat sich – all seinen Ängsten zum Trotz – sich mit Dir einzulassen entschieden. – Und Du hörst Dich so an, als wollest Du ihn immer noch?"
„Natürlich will ich ihn!"
„Dann habt Ihr die gleiche Chance wie alle anderen glücklichen Liebespaare auch." Das klang plötzlich merkwürdig in Caryns Ohren, denn allmählich dämmerte ihr durch die Betäubung ihrer Euphorie wieder, daß sie Severus lange nicht so viel bedeutete wie er ihr. Waren sie wirklich ein glückliches Liebespaar? Severus würde sarkastisch schnauben und ihr an den Kopf werfen, daß sie wohl doch nicht aufgehört habe, ihn in ihren Traumprinzen verwandeln zu wollen. Dabei WAR er das doch einfach...
„Sag ihm das aber nicht!"
„Danke, Du brauchst mir wirklich keine Dinge zu sagen, die ich selbst gerade denke!" Aber sie würde Severus beständig geben, was er sich von einer Frau wünschte. Sie würde es ihm so leicht wie möglich machen, sie irgendwann widerzulieben... Wenn sie sich nur genug anstrengte...
„Du bist SO richtig, wie Du bist."
„Ich verzichte auf nichtssagende Allgemeinplätze, auch wenn sie als große Weisheiten getarnt sind!" Mit ärgerlicher Resignation war Caryn bewußt geworden, daß ihre Unsicherheit, ihre Sehnsucht, ihre Angst durch dieses Happy end nicht im mindesten kleiner geworden war. War das ihr persönlicher Fluch?
„Wenn Du nicht so biestig geworden wärest, hätte ich Dir gesagt, daß ER diese Aussage gemacht hat."
„Was?! Er hat..."
„Sagen wir: sinngemäß." Enttäuscht nahm Caryn diesen Rückzieher zur Kenntnis. Der Adler räusperte sich, als wolle er ihr Gespräch jetzt förmlich beenden.
„Ich möchte Dir noch zwei Dinge mit auf den Weg geben..."
„Wieso?" fragte sie überrascht. „Ich bin doch noch über ein halbes Jahr hier!"
„Du wirst höchst wahrscheinlich erst einmal zu glücklich und zu beschäftigt sein, um das Gespräch mit mir zu suchen. – Zumal Du ja mittlerweile auch menschliche Freunde gefunden hast. – Aber das erste, das ich Dir sagen will: Wir sprechen uns bestimmt irgendwann wieder. Was jetzt keine düstere Prophezeiung sein soll, sondern ein Angebot, daß ich Dich gerne unterstützen werde, wenn Du mich brauchst." Jetzt lächelte sie gerührt und streckte ihre Hand nach ihrem Weggefährten aus, um seinen Kopf zu streicheln. Er spreizte daraufhin das Gefieder im Nacken und schloß seine Augen einige Sekunden. Dann lächelte er Caryn zärtlich an und sagte feierlich:
„Und: Du bist die richtige Frau für Severus Snape. Das war das zweite." Betroffen starrte Caryn ihn mit offenem Mund an. Tat einen tiefen Atemzug, um die Tränen der verzweifelten Sehnsucht wegzuatmen danach, daß das eine absolute Wahrheit war. Überwandt sich dann auch zu fragen:
„Ist das meine Ansicht oder Deine oder... seine...?" Letzteres lautlos. Der Adler versetzte sein Lächeln mit noch intensiverer Zärtlichkeit:
„Sagen wir... Es gibt einige Menschen, die dies zur Antwort gäben, wenn ich sie fragte. – Was ich natürlich nicht tue, keine Sorge!"
„Bist Du sicher?"
„Caryn, was war die erste Erkenntnis von heute?"
„Daß ich meinen eigenen Gefühlen vertrauen soll?"
„Das war die richtige Antwort auf meine Frage, und ich werde Dich hereinlassen!"
Die Tür schwang auf, und Caryn betrat den dunklen Gemeinschaftsraum.
Der erste All-Tag
Caryn Dienstag, 17.3
Sie hatte sich bemüht, ihrer offiziellen Begegnung in Zaubertränke nicht zu viel Bedeutung beizumessen. War sie nicht am Ziel ihrer Träume angekommen? Sie durfte Severus lieben und war morgen Abend mit ihm verabredet, um den zeitlichen Rahmen ihrer Beziehung zu klären und – gemäß den Anforderungen ihrer Assistentenstelle – zu arbeiten. Woran sie gestern Abend nicht mehr in der Lage gewesen waren, einen Gedanken zu verschwenden. Caryn seufzte und ignorierte das penetrante Kribbeln zwischen ihren Beinen.
Ob sich im Unterricht die Gelegenheit seiner unverfänglichen Beachtung ergab, konnte man vorher nicht wissen. Und Snape hatte ihr unmißverständlich gesagt, daß sie um jeden Preis auffällige Dialoge vermeiden mußten. Was keine Frage war. Nein, es war völlig egal, ob er sie gleich beachten würde. Morgen Abend würde er...
„Hey, hör auf zu träumen, sonst gibt es wieder Punktabzug von Ravenclaw!" flüsterte Lucas ihr zu und blinzelte ihr vom Nachbartisch, den er sich mit seinem Freund Jake teilte, verschwörerisch zu. Caryn lächelte zurück, während die Tür des Klassenraums in Snapes Manier an die Wand geschlagen wurde und der Verursacher nach vorne schwebte.
Oh Gott, wie sehr ich Dich liebe! Schnell riß sie ihre Augen von ihm los und sammelte das Blut, das sich zu weit unten staute, willentlich in ihrem Kopf. Hoffentlich gab es wenigstens etwas Interessantes auf dem Lehrplan heute!Professor Snape begann mit dem Unterricht, ohne Caryn eines Blickes zu würdigen, doch da es um die Nebenwirkungen bestimmter Substanzen ging und deren unterschiedliche Ausprägung und die Ursache dafür in unterschiedlichen Tränken, fiel es ihr nicht schwer, sich ganz auf den Unterricht zu konzentrieren. Plötzlich spürte sie SEINE Augen auf sich und erschauderte wohlig. Vorsichtig hob sie ihren Kopf.
„Es scheint Ihnen wieder gut zu gehen, Miss Willson. Wie schön für uns, daß Sie Ihre Unpäßlichkeit überwunden zu haben scheinen. WER AUCH IMMER Ihnen dabei behilflich war. – Nicht wahr, ?" Lucas grinste, und Caryn durchforstete ihren Kopf nach einer angemessenen gehässigen Erwiderung, während sie zufrieden registrierte, daß aller Blicke auf sie und Lucas gerichtet waren.
„Würden Sie BITTE davon ansehen, mein Privatleben zum Gegenstand Ihres Unterrichts zu machen, Herr Professor Snape?" versetzte sie spitz. Er lächelte sein überhebliches Lehrerlächeln, welches im Normalfall in seinen Augen lediglich Verachtung war. In ihrem Fall... nahm ihr die Unergründlichkeit darin für einen Augenblick den Atem.
„Dabei ist die Versuchung SO groß, LIEBE Miss Willson..." hauchte er sarkastisch in Ihre Richtung, bevor er sich dem Unterricht zuwandte und Caryn mit ihrer davon freigesetzten Feuchtigkeit allein ließ.
Severus Dienstag, 17.3
Als er Charity an diesem Mittag in der Großen Halle begegnete und diese ihm vertraulich zugelächelt hatte, widerstand er seinem ersten Impuls, sie so kalt wie möglich in ihre Schranken zu weisen, und riß sich zusammen. Stattdessen schickte er versuchsweise ein kleines Lächeln in seine Augen. Wunderte sich über ihr Strahlen darüber.
„So komme ich doch noch in den Genuß Ihres LÄCHELNS, Severus? – Ich hoffe nicht, daß Sie mich NUR bestechen wollen!" flüsterte sie ihm zu, damit Flitwick, der nicht verbergen konnte, wie sehr er an ihrer Interaktion interessiert war, ihre Worte nicht verstehen konnte.
„Eine andere Reaktion auf Ihren liebreizenden Anblick fiele mir schlicht und ergreifend nicht ein, meine Liebe", gab er ebenso samtig wie ironisch zurück, allerdings ein wenig lauter. Es konnte überhaupt nicht schaden, wenn man ihn mit anderen Frauen flirten?! sah, das würde neugierigen Fragen bezüglich seiner Assistentin entgegenwirken. Ob die junge Frau seine Intention durchschaute oder nicht, sie schien es zu genießen. Und auch er konnte nicht leugnen, daß es ihm eigentlich nicht sonderlich unangenehm war.
„Was habe ich all die Zeit versäumt, Severus?" hauchte sie, ebenso ironisch, und ihr Lachen tönte jetzt durch die Geräuschkulisse der Großen Halle. Prompt wurde ihm Caryns äußerst angespannter Blick bewußt. Und auch wenn ihm natürlich NIEMALS einfallen würde, sie gerne LEIDEN zu sehen, konnte er doch nicht anders, als ihre Eifersucht ein WENIG zu genießen. Dann sandte er ihr jedoch einen ernsten Blick, welcher sie beruhigen sollte. Sofort beugte sich der zweite Teilhaber ihres Geheimnisses zu SEINER Geliebten herüber und schien ihr etwas Tröstendes zu sagen, nicht ohne Snape einen tadelnden Blick zu senden.
Wo bin ich da nur hineingeraten?! Er legte mit einer ironischen stummen Aufforderung den Kopf schief und zog beide Augenbrauen hoch, um dem Jungen zu verstehen zu geben, daß er sich bitte keine Sorgen machen solle, er, Severus, wisse schon, was er tue. Der Angesprochene grinste und zuckte die Schultern.
Wo bin ich da hineingeraten?! Nun wurde er auch noch von einem SCHÜLER angelächelt! Vielleicht sollte er erst einmal endlich etwas essen!
Caryn
Auch wenn sie nicht ernstlich annahm, daß Severus sich in Charity verlieben würde (aber konnte man das so genau wissen?), behagte ihr überhaupt nicht, daß die beiden eindeutig flirtend miteinander umgingen. Sie rief sich zur Ordnung. Immerhin war SIE der Grund dieser neuen Vertrautheit, und sie sollte sich doch freuen, daß Charity Severus wirklich zu mögen schien. Nicht zuletzt war genau das notwendig, um die Loyalität ihrer Lehrerin zu sichern. Aber ich will nicht, daß er eine andere Frau ansieht! Mit ihr spricht. Sie zum Lachen bringt. SIE wollte die einzige sein, die die andere Seite in ihm zum Vorschein brachte!
Immerhin sah er jetzt zu ihr her und blieb einen Moment ernst in ihren Augen. Lucas beugte sich zu ihr herüber und flüsterte ihr etwas zu, was sie inmitten der Gesprächsfetzen um sie herum nicht verstand. Schnell lächelte sie ihrem Kameraden zu, damit er nicht etwa dachte, sie brauche Schutz gegen Severus. In der Tat WAR seine bloße Anwesenheit neben ihr ein gewisser Schutz. Bot ihr Gelegenheit, jetzt sich einfach zu unterhalten und nicht auf weitere Zeichen vom Lehrertisch zu achten.
Als Caryn nach dem Mittagessen die Große Halle verließ, wurde sie verhalten von Charity gerufen, die im Strom der Schüler bis auf einige Schritte an sie herangekommen war.
„Dein Geliebter hat wunderschöne Augen, wenn sie lächeln", raunte sie ihr, geschützt von der Menschenmenge, zu. „Und er liebt Dich so sehr, daß er sich sogar herabläßt, MIR das zu zeigen!" Caryn wäre ihr am liebsten um den Hals gefallen und strahlte sie an.
Caryn Mittwoch,18.3
„Na, läuft alles zu Deiner Zufriedenheit?" erkundigte sich der Adler, als Caryn oben auf dem Treppenabsatz angekommen war. Sie schmunzelte, weil der Türwächter ihr so die Gelegenheit gab, seine Frage mit Ja zu beantworten und sofort einzutreten, wenn sie nicht das Bedürfnis hatte zu reden. Doch Magisches Scheinwesen oder nicht, sie fühlte für ihn wie für einen Freund, und den mochte sie auf keinen Fall zurückstoßen.
„Wir sehen uns heute Abend zum ersten Mal offiziell als Meister der Zaubertränke und dessen Assistentin", erzählte Caryn, während sie sich fragte, ob diese Information für sie so wichtig sei, daß sie ein magisches Selbstgespräch darüber führen mußte. Zumindest zeugte der ironische Unterton, der sich bei ihr eingeschlichen hatte, von gewissem Redebedarf.
„Es ist ganz gut, bestimmte Dinge klar zu strukturieren", kam prompt die Antwort des Weisheitsinhabers.
„Wie Severus' Struktur!" Typisch, dachte Caryn, schon zwei Tage nach dem Happy End war sie dabei, an allem und jedem zu zweifeln. Naja, besser hier dem Adler gegenüber als gegenüber Severus, mit dem sie eben diese Struktur gestern Abend festgelegt hatte.
„Er braucht die äußere Struktur, um nicht in Eurer Nähe zu versinken, das weißt Du."
„Um nicht zu ersticken in meinen Krakenarmen!" rief Caryn bitter.
„Hätte er sich dazu entschieden, mit Dir zusammenzusein, wenn er Deine Arme so empfinden würde?"
„Nein, oder?" fragte sie schüchtern, und der Adler lachte auf.
„Du siehst, Du benötigst für Klärung der offensichtlichsten Sachverhalte die Meinung eines Außenstehenden!"
„SEHR außenstehend bist Du!"
„Immerhin war ich Zeuge seines Entscheidungsprozesses!"
„Und Du meinst, diese Struktur ist NICHT das Zeichen dafür, daß er mich nicht liebt?"
„Du weißt, daß er Dich lieben MUßTE, um sich für Eure Beziehung zu entscheiden!"
„Aber nicht, wie sehr..."
„Wie war das mit der Basis zwischenmenschlicher Beziehungen?" half er ihr.
„Wie war das mit der Übernahme von Verantwortung?" setzte sie dagegen.
„Ich glaube, daß er GERADE verantwortungsbewußt vorgeht, indem er Dir nur so viel verspricht, wie er sicher ist, auch halten zu können. Wie ich, glaube ich, schon mal erwähnte: Liebe ist keineswegs das einzige Argument."
„Aber das MÜßTE sie sein!" Beide mußten lachen über das trotzige kleine Mädchen, welches hier zum Vorschein gekommen war.
„In Deinen Liebesromanen, ja." Sie sahen sich an.
„Okay, gilt Deine Frage als beantwortet?" seufzte Caryn, die selbst die Nase voll hatte von ihrem unendlichen Zweifeln.
„Ob alles zu Deiner Zufriedenheit laufe?" wiederholte der Adler.
„Also wenn Du mich SO fragst: Ich bin die GLÜCKLICHSTE Frau auf der Welt!" Und das stimmte! Sie wollte Severus auf welche Art auch immer, und auf eine Art HATTEsie ihn, mehr als sie sich je hatte träumen lassen.
„Oh, gut, daß Du das noch einmal gesagt hast, ich hätte fast einen falschen Eindruck bekommen!" krächzte der Adler sarkastisch und ließ die Tür zum Gemeinschaftsraum aufschwingen. Caryn seufzte erneut, diesmal mit resigniertem Lächeln, und betrat den leeren Gemeinschaftsraum.
Diese Freistunde der Siebtkläßler am Mittwochnachmittag genoß sie immer besonders. Gleich – nach deren Mittagessen, das sie gerade ausfallen ließ – würden einige ihrer Jahrgangskollegen sich ebenfalls hier niederlassen, aber dann würde sie bereits auf ihrem Lieblingsplatz sitzen und die Aufgaben für Verwandlung erledigen, zu der sie an den folgenden Abenden in ihrer frisch strukturierten Liebesbeziehung mit ihrem Zaubertränkeprofessor womöglich nicht kommen würde – wenn sie Glück hätte und alles zu ihrer Zufriedenheit liefe. Sie hatte rasch aus dem Schlafsaal die Packung Kekse geholt, die eigentlich gar nicht so übel waren, und richtete sich ihren Arbeitsplatz ein, als sie Lucas' Stimme draußen mit dem Adler sprechen hörte. Sonst war die Geräuschkulisse hier zu laut, um die Gespräche der anderen Ravenclaws mit dem Türklopfer verfolgen zu können, daher spitzte Caryn gespannt die Ohren.
„Frag mich bitte nichts Schwieriges heute, ich möchte schnell rein, ja?"
„Hat das einen Grund?" erkundigte sich der Adler in einem Ton, den Caryn nicht einzuordnen vermochte. Sie hatte erwartet, daß er die Frage erörtern würde, wie Lucas endlich Lauren reinen Wein einschenken könnte.
„Ja!" Auch Lucas' Zorn war seltsam, aber die Antwort beendete das Gespräch, ehe es recht begonnen hatte, und der blonde Junge kam mit einem Lächeln zu Caryn herüber. Sie lächelte zurück. „Darf ich Dir Gesellschaft leisten?"
„Gern. Ich muß nur die Hausaufgaben für McGonagall fertig kriegen. – Läßt Du auch das Mittagessen ausfallen? Willst Du einen Keks?" Der Junge holte sich einen Sessel heran und ließ sich gegenüber von Caryn nieder.
„Ich hab' keinen Hunger. Brauchst Du Hilfe? Sonst wollte ich Lauren einen Brief schreiben."
„Mach ruhig." Caryn tauchte die Feder ins Tintenfaß und schrieb das Datum oben auf das entrollte Pergament. Nachdem sie sich einige Sekunden gefragt hatte, wie sie beginnen sollte – Wie vermindere ich den Rückverwandlungsimpuls der Moleküle aus lebendigen Wesen? –, sah sie auf und musterte ihren noch immer einfach dasitzenden Kameraden. „Brauchst DU bei Deinem Brief Hilfe? Wir könnten überlegen, wie Du ihr schreiben könntest, daß Du ein Zauberer bist."
„Nein. Das habe ich schon so oft versucht. Die Gefahr ist zu groß, daß ich dann nie wieder von ihr hören würde."
„Aber Ihr LIEBTEuch doch!" begehrte Caryn auf.
„So einfach ist das nicht! Denkst Du etwa, daß einen LIEBE vor allem beschützt?!" Jetzt war es an Lucas, SIE genau zu fixieren. „Gerade DU müßtest doch wissen, daß das Leben so nicht ist!"
Caryn senkte den Blick.
„Wenn ICH jemanden liebe, ist es ganz einfach..." begann sie, doch noch während sie es aussprach, wurde ihr bewußt, daß das schlicht Unsinn war. Allein daß sie es bei aller grenzenlosen Liebe nicht auf die Reihe bekam, sich mit den Eigenheiten von Severus' Persönlichkeit wirklich abzufinden, ohne ständig zu bohren und zu kämpfen, obwohl sie sich so sicher war und sich so danach sehnte, ihm geben zu können, was er so sehr wollte: Geliebt zu werden, wie er war, bewies doch wohl eindeutig, daß auch ihre Liebe weit entfernt davon war, perfekt zu sein. Lucas lächelte, jedoch nicht sarkastisch, wie ihre vorschnelle Äußerung es verdient hätte.
„Ja, ich glaube, Deine Art zu lieben, ist wirklich etwas Besonderes..." Caryn starrte ihn eine Sekunde mit offenem Mund an. „Ich denke wirklich, daß es unfair ist, daß gerade Snape in den Genuß DEINER Liebe kommt. Gerade er, der diese Liebe so oft mit Füßen tritt, hat Dich überhaupt nicht verdient!" Jetzt war sie wirklich sprachlos. Lucas nickte trotzig. „Das ist mein Ernst!" Caryn hatte das übermächtige Bedürfnis, Severus zu schützen.
„Ich habe mir ihn ausgesucht, weil ich IHN will, und die Tatsache, daß es mit ihm nicht so einfach ist, habe ich da durchaus mit eingerechnet! Und außerdem sind wir erst seit vorgestern wirklich ZUSAMMEN.Du weißt also noch gar nicht, wie er mich behandelt..."
„So haßerfüllt, wie er Dich am letzten Donnerstag angefahren hat..."
„Er war verzweifelt, er hatte Angst, er..."
„Ist es fair, diese Angst an Dir auszulassen?!" Caryn spürte, wie sie wütend wurde. Was nahm sich Lucas heraus, über Severus zu urteilen? Lucas, der vom Leben keine Ahnung hatte? Der von SEVERUS keine Ahnung hatte! Der...
„Er KANN manchmal nicht anders. Aber ich liebe ihn TROTZDEM! Und gerade deswegen umso mehr!" rief sie leidenschaftlich.
„Du bist Masochistin!"
»Ich genieße nicht, Schmerzen zu haben, wenn Du das meinst, und Severus schlägt mich auch nicht, falls Du das damit sagen wolltest!» Ihr Ton war allmählich giftig geworden. Lucas winkte ab.
„Ich will mich nicht mit Dir streiten. Es ist nur meine echte Meinung, daß er Dich nicht verdient hat." Er holte per Accio sein Schreibzeug aus dem Schlafsaal, welches mit leisem Geflatter durch den Raum auf ihren Tisch gesaust kam und sich mitten auf Caryns noch immer ungeschriebenen Aufsatz landete. „Aber vielleicht bin ich ja auch nur neidisch...." murmelte er in die damit verbundenen Geräusche und Ablenkungen hinein. Caryn erstarrte schon wieder. „Ich meine nur: Ich glaube, bei DIR würde ich mich trauen, Dir zu erzählen, daß ich ein Zauberer bin..." sagte er schlicht, Caryn auf eine Weise anlächelnd, die sie sich unsicher fühlen ließ. „Du mußt Deinen Aufsatz schreiben, sonst brummt Dir McGonagall sonst was auf", fügte er schnell hinzu und beugte sich über sein Pergament. Dann guckte er noch einmal hoch und lachte. „Und Du hättest einem Muggelmann auch gleich am ersten Tag ALLES gesagt, stimmt's?"
Die Chance ergreifend, die seltsame Stimmung zwischen ihnen zu vertreiben, lachte Caryn mit:
„Und Severus hätte seine undurchdringliche Abschreckung hochgefahren, BEVOR er überhaupt Kontakt zu einer Muggelfrau hätte aufnehmen können!" Auf der Stelle sträubte sich alles in ihr bei dem Gedanken, daß Severus eine andere Frau attraktiv finden könnte. Selbst Lucas hatte sich in das schönste Mädchen auf dem Bahnhof verliebt, wie er bei jeder Gelegenheit betonte... Schon wieder spürte sie das Lächeln ihres Klassenkameraden auf sich.
„Ich kann mir nicht vorstellen, daß Severus Snape sich auf den ersten Blick verlieben könnte. Er wird Dich bestimmt monatelang geprüft haben, bevor er Dich überhaupt in seine Nähe gelassen hat!" Caryn versteckte hastig die Existenz jener Anderen in sich, während sie sich darüber ärgerte, daß sie Sehnsucht danach hatte, daß Lucas' Ansicht zutraf. Definitiv war Severus' Annäherung an sie dermaßen schnell vonstatten gegangen, daß allein das Tempo an sich alles infragestellte.
Verdammt! Findest Du vielleicht noch mehr, worüber Du grübeln kannst?
War sie vielleicht unfähig, ein Happy End zu ertragen? Hatte sie eine psychische Störung? War sie beziehungsunfähig?
„Ich bin für Dich da, wenn Du mich brauchst", betonte Lucas, der anscheinend ganz gut mitbekam, wie es Caryn ging. Und diese Aussage war doch wohl ohne Zweifel zu übersetzen mit Ich möchte Dein Freund sein. Und das wollte Caryn gern. Daher schluckte sie die eigentlich notwendige Zurechtweisung des Jungen – nämlich daß SIE ALLEIN darüber entschied, ob sie Hilfe benötigte – hinunter und sagte schlicht:
„Ich danke Dir.
Hunger und Spiele
Severus Mittwoch, 18.3
Er war bereits eine Weile mit seiner Arbeit fertig, hatte Caryn einen Schlummertee hingestellt und sich wieder hingesetzt, um sie zu betrachten. Sie schrieb einen Aufsatz für Muggelkunde. Selten hatte er sie in seinem Unterricht so sehr in eine Arbeit versunken erlebt, daß sie alles um sich herum vergessen hatte. Sogar ihn. Genauer gesagt, hatte er das in der ganzen Zeit, in der er Caryn beobachtet hatte, noch nie erlebt. Es gefiel ihm. Erfüllte ihn mit der Zuversicht, daß sie ihn nicht vereinnahmen würde, daß es möglich sein könnte, in ihrer Anwesenheit auch zu anderen Dingen zu kommen, als sich permanent mit ihr beschäftigen zu müssen. Daß es möglich sein würde, sein Bedürfnis nach ihr erst zu spüren, bevor er es erfüllt bekam.
So wie sich dieses Verlangen nach ihrer Nähe in diesen Augenblicken in ihm zu formieren begann. Doch, gerade das fühlte sich gut an. Er ließ seine Augen auf ihr ruhen und bedachte die zahlreichen Stellen an ihr, die ihm in so kurzer Zeit so lieb und vertraut geworden waren, die er in Besitz genommen hatte und in regelmäßigen Abständen besuchen mußte, wie um sich und Caryn dieses Besitzes zu versichern...
Von diesen irrationalen Gedanken ahnte Caryn selbstverständlich nichts. Das durfte sie auch nicht. Diese Sehnsucht, sie zu besitzen, vertrug sich weder mit seinem eigenen Bedürfnis nach Ungebundenheit, noch mit der Tatsache, daß diese Beziehung ohne jeden Zweifel nur einen Übergang darstellte, bis Caryn nach ihrem Schulabschluß in die Welt hinaustrat. Na, das gefällt Dir weniger, was, Severus? Das stand nicht zur Debatte!
Vollkommen in ihre Arbeit vertieft, bewegten sich Caryns Lippen, runzelte sich von Zeit zu Zeit ihre Stirn, überflogen ihre Augen die Buchseite neben ihr, flog ihre Feder über ihr Pergament. Schließlich las sie prüfend ihren letzten Absatz noch einmal durch, nickte zufrieden, klappte das Buch zu und sah auf.
„Oh… danke, Severus, für den Tee…" Sie nahm einen Schluck. „So ist alles gut, oder? Ich finde, es fühlt sich gut und richtig an."
„Es ist GUT. Ob es RICHTIG ist…" Darüber ging sie hinweg. Sich reckend, lächelte sie ihm zu.
„Es ist spät, nicht? Ich geh' auch gleich. Ich muß nur noch kurz…" Sie stand auf, kam zu ihm herüber und setzte sich ihm auf den Schoß. Er schlang von hinten die Arme um sie, sie hielt mit überkreuzten Armen diese um sich herum fest. Schwärmerisch sagte sie: „Es ist wunderschön, bei Dir zu arbeiten. Ich kann mich viel besser konzentrieren, als wenn ich im Hinterkopf Sehnsucht nach Dir haben muß, wenn Du so weit weg bist..." Sie legte den Kopf in den Nacken, so daß ihr Hinterkopf seine Stirn berührte. „Und wenn ich nur ganz kurz auf Deinen Schoß kommen darf, dann reicht es schon..." Im selben Moment wurde ihm ihr Hintern bewußt, der genau dort drückte... Aber sie hatte recht, heute war es schon zu spät und wohl unumgänglich, bis übermorgen zu warten, ehe sie diesem Bedürfnis nachkamen. Beim Seufzen mußte er eine Bewegung gemacht haben, denn Caryn stöhnte leise und setzte sich ein wenig zurecht. Dann lachte sie und drehte sich ihm zu, umarmte ihn und stand auf.
„Ein wenig Sehnsucht hat noch keinem geschadet!" Sie legte verschmitzt den Kopf schief, ihre Augen leuchteten. Ihr Spaß war ansteckend. „Wenn ich morgen drei Minuten zu spät in die Klasse komme, dann bedeutet das, daß ich mich nach Dir verzehre und ich eigentlich ganz dringend einen Kuß brauche."
„Und wenn ich Dich dann zur Schnecke mache, soll das bedeuten, daß ich Deine Sehnsucht teile und die Stunden bis zu unserem nächsten Treffen zähle, nicht wahr?" Ironisch resigniert faßte er ihre ausgestreckte Hand und ließ sich hochziehen.
„Genau das wollte ich damit sagen. Außerdem machst Du das doch ohnehin immer so", stellte Caryn gut gelaunt fest. Und schritt von dannen. Doch, diesen Hang zu spielen, der sich bei ihnen beiden zuweilen formierte, hatte etwas sehr Erfüllendes!
Severus Donnerstag, 19.3ier
Am nächsten Tag schaffte Caryn es perfekt, ihre dreiminütige Verspätung einzurichten. Er legte seinen finster-genervten Snape-Blick auf sie, und seine schneidende Stimme hallte durch den Kerker:
„Unsere Klassenbeste hat sicher einen guten Grund, uns alle warten zu lassen."
„Entschuldigen Sie bitte, Professor Snape, ich hatte…" Sie fing ganz kurz seinen Blick auf. „…wirklich einen guten Grund."
Schnell setzte sie sich auf ihren Platz und schlug die Augen nieder. Als sie wieder aufsah, erwiderte er finster ihren Blick eine Zehntelsekunde, dann wandte er sich der Klasse zu.
„Danke, Miss Willson, für diese detaillierte Information", raunzte er sie an. Dann verzog er sein Gesicht zu einem boshaften Grinsen: „Den genauen Grund werden Sie mir heute Abend bei Ihrer Strafarbeit erläutern dürfen! – So. Vielleicht können wir dann endlich anfangen?" Caryn schaffte es tatsächlich, weder rot zu werden noch ihre Freude über diesen Extratermin zu zeigen. Nur ganz kurz blinzelte sie überrascht, aber für einen Nicht Eingeweihten war das nicht wahrnehmbar gewesen. Und Boots grinste sein Grinsen freundlicherweise ziemlich unauffällig. Zufrieden nahm Severus den Unterricht auf.
Caryn
ierAm Ende dieses Tages erwartete er sie an der Tür zum Kerkergang.
„Sie kommen spät, Miss Willson", stellte er mit hochgezogener Braue fest.
„Es tut mir sehr leid, Professor. Andererseits..." Sie lächelte verschmitzt, während sie mit wiegenden Hüften an ihm vorbei in sein Büro schritt.
„Ja?"
„Mir war so, als belohnten Sie kleine Verspätungen mit besonderen Versprechungen...."
Zufrieden stellte sie eine kleine Verzögerung vor seiner Antwort fest.
„MIR war so, als wäre da ihrerseits eine solche Versprechung vorangegangen...?" Caryn stieß einen tiefen Seufzer aus und wandte sich ihm zu.
„Eigentlich brauchst Du mich doch neuerdings nicht mehr so zu quälen, oder?" Sie fühlte sich selbst in seinem nachdenklichen Gesicht.
„Dann komm..." sagte er.
So einfach war das.
Alles.
Zumindest in diesem Augenblick.
ENDE
Aber es geht weiter in „Willkommen im zweiten Leben"!
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