Purity

3. Was ist schon „Normal"?

Es war ein verregneter Nachmittag. Manche Gryffindors und Slytherins hatten sich bei Professor Trelawney, der die Lehrerlizens noch immer nicht entzogen worden war, im Turm ein und ließen sich auf den Sitzkissen nieder, die um die zahlreichen Tische herum verstreut waren.

Draco fragte sich selbst insgeheim, warum er dieses unnötige Fach eigentlich belegt hatte, als ihm wieder in dem Sinn kam, dass er mit seiner Großmutter eine Wette abgeschlossen hatte, dass er es niemals schaffen würde in allen Fächern den besten Grad zu erhaschen. Deswegen musste er auch so ein seltsames Teil benutzen, das die Zeit etwas zurückdrehte, auf das er auch die Fächer besuchen konnte, die gleichzeitig stattfanden.

Irgendwann würde ihn sein Stolz noch ins Grab bringen, soviel war sicher. Nun saß er da, nachdem er zuvor Arithmantik beigewohnt hatte, welches zum gleichen Zeitpunkt stattfand.

„Nun meine Lieben… heute werdet ihr in euer Innerstes eintauchen. Es ist nicht gerade einfach auf den Grund der eigenen Seele zu blicken, aber wir werden es versuchen.", meinte Professor Trelawney dümmlich grinsend und Draco rollte mit den Augen. Ach ja, es wäre günstig an dieser Stelle noch einmal daran zu erinnern, dass ihre Gruppe aus ganzen fünf Schülern bestand. Zwei Gryffindors, eine Ravenclaw, ein Huffelpuff und … Tatata! Ein Slytherin. Wenigstens war Draco nicht der einzige Kerl in der Runde, sonst würde er bei Browns und Patils Gegacker noch durchdrehen. Wobei Mcmillan war auch nicht gerade die Hilfe.

„Wir beginnen mit einer Art Hypnose. Jeder einzelne von ihnen wird hervortreten und ich werde einmal testen, ob ihr hypnosefähig seid. Seid ihr es nicht, wird es euch unmöglich sein auf den Grund eurer Seele zu blicken. – Nun… Mrs. Padama Patil, machen Sie den Anfang? Dann könnte… Mr. Mcmillan, Mrs. Pavati Patil, Mrs. Brown und Mr. Malfoy zu mir kommen."

Oh Merlin! Er war in der Hölle gelandet! Oder zumindest im Kindergarten! Auf den Grund der Seele sehen! Pff! Was für ein Quatsch!

Wie Draco bemerkte, stand Patil nach wenigen Minuten unter Hypnose und der Rest der Gruppe sollte ihr eine Frage stellen, ehe sie wieder aufgeweckt wurde. Einfach nur lächerlich! Da zog der Blonde es lieber vor aus dem Fenster zu starren, bis er aufgerufen wurde und mit gelangweiltem Blick nach vorne trat.

„Setz dich, Liebes.", meinte die alte Wetterhexe vergnügt und zeigte Draco ein Bild. „Starre auf die Mitte des Bildes und sag mir, was du siehst."

Auf die Mitte des Bildes? Was sollte der Quatsch?! Warum benutze sie nicht das Pendel, wie bei allen anderen auch? Auf die Mitte des Bildes. Das war Nichts bis auf Wald!

„Ich sehe nichts bis a-", wollte Draco schon protestieren, verfiel aber regelrecht, als er plötzlich mitten im Wald stand. Obgleich sie 11 Uhr Morgens hatten, hatte sich die Dämmerung über den Wald herabgelassen und zog alles in ihr Zwielicht.

„Was zum-?", wisperte der Blonde verwirrt und schaute um sich.

„Siehst du das Mädchen?", fragte plötzlich eine verzerrte Stimme und Draco blickte um sich.

„Nein.", antwortete er schließlich gewissenhaft, als sich plötzlich vor ihm ein Gebilde auftat.

„Oh Merlin… ", hauchte er schockiert und starrte auf das Gebilde.

„Siehst du dich selbst?", fragte auf einmal eine Stimme, die ganz nach Prof. Trelawney klang.

„Ja.", hauchte der Blonde und war von diesem grauenvollen Anblick gebannt.

„Was genau siehst du?", fragt sie.

Draco schwieg.

„Draco, was siehst du? Beschreibe mir was du siehst.", wiederholte sie, doch Draco blieb weiterhin stumm.

Nicht mehr als fünf Meter von ihm entfernt befand sich sein „Ich", das ihn Dornenranken hing, welche ihn einen halben Meter vom Boden entfernt in der Höhe hielten. Die Ranken, jedoch, wuchsen nicht aus, sondern in den Boden hinein. Ihr Ursprung, war das riesige Loch, welches in Dracos Brust klaffte, genau dort wo das Herz sein sollte. Doch das war noch nicht alles. Von der Mitte seiner Brust aus wuchs eine Eisenkette mit großen Gliedern aus dem bleichen Fleisch, welche zu einer Person führte, die rechts neben Draco kniete. Ein Metallring lag um dessen Hals und eine schwarze Binde verdeckte die Augen, doch der Blonde erkannte die Gestalt wieder. Es war der in schwarz gekleidete Mann, der Dracos Hass forderte. Derjenige, der behauptete an ihn gebunden zu sein.

Plötzlich kam ein Sturm auf und der Wind sog den Blonden von diesem Ort weg. Draco blinzelte verwirrt, als er Prof. Trelawneys erfreutes Gesicht sah.

„Gratulation. Ich wusste, dass sie es gleich auf den Grund ihrer Seele schaffen würden."

Bitte was?!

„Was haben sie gesehen? Mir scheint, es ist plötzlich die Verbindung zwischen Ihnen und mir gerissen."

„Erm… ich habe mich selbst gesehen, sonst nichts.", log der Slytherin, ehe er sich erhob und auf seinen Platz zurück flüchtete. Was in drei Teufelsnamen war das?!

Diese Frage hielt Draco so sehr fest, dass er selbst beim Nachtmahl grübelte, anstatt etwas zu essen.

„Was ist mit dir los, Draco? Bist du krank, oder auf Diät?", fragte Blaise, der sich bereits einen Nachschlag holte.

„Uhm… was bedeutet es, wenn jemandem Ranken aus der Brust wachsen?", wollte Draco wissen und sah Blaise nun endlich in die Augen.

„Weiß nicht. Was für Ranken sind es? Dornenranken, Schlingpflanzen, oder die Maneater von Tante Minki?", scherzte, der Dunkelhaarige und kassierte einen bösen Blick, ehe er grinsend vorschlug, „Warum schaust du nicht in der Bibliothek nach, wenn es dir so wichtig ist?"

Schon war Draco aufgestanden und verließ die große Halle.

Hermione war nach dem Essen umgehend in die Bibliothek gegangen, um ihre Zusatzaufgaben zumachen. Sie wollte wieder mal an einem der abgelegenen Ecken, die so manche Schüler für andere Aktivitäten nutzen, als sie beinahe in Draco Malfoy hineinlief, der sich nach einem Buch in den oberen Regalen streckte.

„Oh, entschuldige.", nuschelte sie und zwängte sich an ihm vorbei. Unter normalen Umständen würde sie sich einen anderen Platz suchen, aber seitdem sie zusammen in diesem Raum waren, war nichts mehr normal.

„Ist nichts passiert.", murmelte der Blonde abwesend und blätterte in einem Buch.

Eigentlich ging es sie ja nichts an, aber…

„Was suchst du?"

„Eine Erklärung für eine Metapher.", gab Draco halb abwesend zurück und war schon wieder dabei das Buch zurück zu stellen.

Hermione erhob sich, nahm ein Buch aus einer Reihe und hielt es dem Blonden entgegen. „Das hier könnte helfen. Da geht es um Symbolen aus Mythen und Metaphern."

„Oh danke.", erwiderte Draco kurz angebunden, nahm sich das Buch und setzte sich auf den Fenstersims, um das Buch zu lesen. Hermione schüttelte lächelnd den Kopf und machte sich endlich daran ihre Zusatzaufgaben zu machen. Es verging eine ganze Weile, ehe der Slytherin wieder das Wort ergriff.

„Was machst du da?"

„Zusatzaufgaben. Warum fragst du?", lautete die Antwort.

„Ach, nur so. Ist dir langweilig, dass du dir nach wie vor welches holst?"

„Was geht dich meine Arbeitsweise an.", murrte sie abweisend, ehe sie nachharkte, „Hast du gefunden, was du gesucht hast?"

„Nein.", meinte er und klappte das Buch zu, um es wieder zurückzustellen.

„Welche Metapher hast du gesucht?", wollte sie nun wissen und wandte sich ihm zu, da er nun direkt hinter ihr, mit dem Gesicht zum Regal, stand.

„Dornenranken, die aus der Brust wachsen, genau da wo das Herz liegt.", erwiderte er resigniert und schaute das hohe Regal empor.

„Autsch.", meinte sie und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. „Das hätte ich dir auch so sagen können."

Schneller als sie schauen konnte, saß Draco neben ihr und verlangte, „Na dann, raus mit der Rede. Was bedeutet es?"

Sie hatte gerade den Aufsatz zu Ende gebracht und klappte das Buch zu. „Schmerz.", meinte das Mädchen, während sie sich erhob und das Buch zurückstellte. Draco drehte sich zu ihr und wiederholte ungläubig, „Schmerz?"

Hermione kehrte dem Bücherregal den Rücken zu und lehnte sich leicht daran, „Weißt du, Ranken haben viele Bedeutungen, aber in diesem Fall. Ich nehme an, dass es sich in dieser Metapher um dich handelt. Die Ranken, die aus der Brust wachsen… und dann noch direkt über dem Herzen… Wie hat diese „Metapher" genau ausgesehen?"

Draco wich kurz ihrem Blick aus, als hätte sie ihn ertappt. Er zögerte, bevor er sprach, „Die Ranken hatten sich um meinen Körper geschlungen, hielten mich in der Luft und bohrten sich in den Boden… dann war da noch eine Eisenkette…"

„Was? Eine Eisenkette auch noch?", echote das Mädchen, hielt jedoch den Mund, als er sie böse anblickte.

„Sie ging von der Mitte meiner Brust aus und führte zu einem Kerl mit verbundenen Augen, der rechts neben mir am Boden kniete. Er… hielt die Hände so vor der Brust, als würde er beten, aber eigentlich war er gefesselt. Uhm… die Eisenkette endete bei so einem Halsbandähnlichen Metallring, der um den Hals dieses Typen lag. Kannst du mir etwa erklären, was da alles bedeutet?", fragte der Blonde und seine Stimme zeugte davon, dass er an einer möglichen Antwort zweifelte.

Seine graublauen Augen verfolgten die Gryffindor, als sie zum Tisch ging und ihm gegenüber Platz nahm.

„Nun…", begann sie zögernd, ehe sie den Blick hob und mit fester Stimme sprach, „Die Ranken stehen ganz eindeutig für seelischen schmerz, der nicht nur sozusagen „dein Herz erfüllt" sondern es so sehr überlagert, dass er quasi schon „heraus fließt" – Stell dir einfach vor, die Ranken wären das Gefühl, dann verstehst du eher, was ich sage."

Draco machte „Mhm" nickte, legte zwar die Stirn in Falten, hörte allerdings weiterhin aufmerksam zu.

„Und dass sie in den Boden hineinwachsen… Vielleicht geht das Gefühl ja schon so sehr in die Tiefe. Wer weiß. Und die Kette. Uhm…. Wie sah der Kerl noch einmal aus, der an dich geb-" Hermione stutzte. „Sag bloß, es war der eine Mann, der so komisch daher geredet hatte und deinen Hass wollte."

Jetzt wich er deutlich ihrem Blick aus und kaute ganz untypisch für ihn – zumindest nach dem, wie Hermione ihn kannte – auf der Unterlippe herum.

„Jetzt verstehe ich!", rief sie aufgeregt aus, drosselte aber ihre Stimme, als sie merkte, wie laut sie geworden war. Unter ihrem Atem wisperte sie, „Der Typ hat doch gesagt, dass er an dich gebunden wäre. Und das ist er scheinbar wirklich. Wenn die Kette Mitten aus deiner Brust, und zwar hier-" Sie deutete auf eine Stelle, zwischen ihren Busen. „- raus kam, heißt das, dass er an deine Seele gebunden ist. Die Augenbinde… Die Fesseln… das bedeutetet, dass er ohne dich weder sehen, noch handeln kann! Und wenn du schon vom seelischen Schmerz so gelähmt bist, dass du nichts machen kannst, ist klar, dass ein mächtiges Gefühl in dir hervorrufen will, um dich und somit auch sich selbst zu befreien!"

Draco blinzelte erstaunt, „Wow! Du bist besser, als Holmes und Freud zusammen. Was du sagst, ergibt tatsächlich einen Sinn."

„Siehst du.", meinte sie grinsend und lehnte sich zurück, „Vertraue einer Gryffindor und du wirst sicher an dein Ziel kommen."

„Es sei denn, diese Gryffindor hat Höhenangst und wird beim Absturz bewusstlos.", erinnerte er mit einem süffisanten Grinsen und lehnte sich nach vorne.

Hermione nahm diese offenkundige Herausforderung an, lehnte sich ebenfalls nach vorne und sagte halb schnurrend, halb gehässig, „Na immerhin kann diese Gryffindor Auto fahren, sonst würden wir ganz schön Alt aussehen."

Draco beugte sich noch ein Stücken weiter über den Tisch und schnurrte, „Deine Neugierde kannst du auch nicht zügeln."

Hermione tat es ihm gleich, auf dass sich fast ihre Nasenspitzen berührten, „Hauptsache der Herr überanstrengt sich so sehr, dass er in den günstigsten Momenten zusammen klappt."

„Ist das nicht egal?", wisperte der Blonde und überbrückte die letzten cm, die ihre Lippen von einander getrennt hatten.

Zunächst war Hermione vor Schreck erstarrt und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Noch ehe sie zur Flucht ansetzen konnte, nippte er zärtlich an ihren weichen und höchst sensiblen, auf das sie alle Bedenken vergaß und auf diesen Kuss sogar einging. Eine Stimme wollte in Hermione aufschreien, als er mit der Zunge um Einlass bat, erstickte jedoch sofort im Keim, als sie bereitwillig ihre Lippen öffnete. Ein leises Keuchen entwich ihren rosigen Lippen, während seine warme weiche Zunge die ihrige massierte.

Die Zeit schien still zu stehen, obgleich nur wenige Sekunden vergingen, ehe der Blonde sich zurückzog. Ebenso wie Hermione, war er rot angelaufen. Er räusperte verlegen und erhob sich.

„Erm… danke für den Tipp.", stammelte er verwirrt, nahm bei seiner Flucht beinahe noch das Bücherregal mit, bevor er dann hinter demselbigen verschwand.

Die Frage „Oh-mein-Gott,-was-habe-ich-gerade-getan?!" kam bei der Gryffindor gar nicht erst auf, da sie sich selig seufzend auf ihren Platz setzte und weiterhin die Zusatzaufgaben mache.

Wie bereits erwähnt, war schon seit Tagen zwischen den Beiden gar nichts mehr normal.