14. Grausame Erinnerungen

„Emily…?"

Draco ging über die große Wiese, sie in warmes Dämmerlicht getaucht war und sah sich suchend um. Hie und da tanzen einpaar losgelöste Blüten durch die Luft, wurden von dem lauen Wind in die Höhe getrieben.

„Ich wusste, dass du kommst.", meinte plötzlich eine Stimme hinter Draco und er spürte, dass Emily mit dem Rücken zu ihm hinter ihm stand.

„Ich erinnere mich zwar noch immer nicht aber… wir reisen heute übers Wochenende zu diesem Typen, der mir vielleicht wieder weiter helfen kann."

Er spürte, dass sie ihre Hand in seine legte und die Finger mit einander kreuzte. Ihre Haut war außergewöhnlich warm, obgleich sie eiskalt und eine Berührung unmöglich sein sollte.

„Das ist schön. An diesem Ort gibt es so etwas Ähnliches wie der Spiegel Nerhegeb. Wir werden uns dort sicher wieder begegnen."

Ein schwaches Lächeln legte sich kurzweilig auf Draocs Lippen. „Bestimmt."

„Draco… egal was bei diesem Mann passiert, egal woran du dich erinnerst, verzweifle nicht an der Wahrheit. Ich weiß, dass sie nur schwer zu ertragen ist, aber du musst dir immer vor Augen halten, dass du di Vergangenheit nicht ändern kannst. Du hast damals mehr als nötig riskiert, um mich zu retten, aber hier sind höhere Mächte am Werk und du weißt, dass Erebus nur durch eine List zu besiegen ist."

Draco wollte etwas erwidern, brachte allerdings kein Wort heraus.

„Draco, auch wenn du es bereits geschworen hast… du musst Erebus töten. Egal ob Erebus, Subere, oder Ebresu. Ein einziger reicht und alle sind in Sicherheit. Subere ist das schwächste Glied, Erebus ist nur durch eine List zu töten und Ebresu ist nur durch die anderen zwei zu töten. Völlig gleich welche du von den Drei tötest, Hauptsache du tust es. Sonst steht das Wohl der Welt auf dem Spiel."

Emilys Worte jagten Draco eisige Schauer durch de Körper. Er spürte, dass sie ihn losgelassen hatte und wollte sich zu ihr umdrehen. Ein Sturm kam auf und trieb vereinzelte Blüten an Draco vorbei. Dieser stand nun wieder alleine auf der Wiese und starrte in die Ferne, wo eigentlich Emily noch sein sollte, doch sie war nicht da.

Schwer seufzend verließ Draco den Hohlgrammraum. Draußen traf er auf Belinda, die hinter ihm die Türe schloss und zusperrte.

„Ist sie erschienen?", wollte sie sogleich wissen und schaltete das Programm ab.

Draco nickte wortkarg, ging dann voraus, da die anderen bereits unten im Bus auf sie warteten. Kurz vor ihrer Abreise hatte Draco Belinda gebeten ihn in den Hologrammraum zu lassen, da er hoffte, noch einmal mit Emily reden zu können. Sobald er durch das Portal schritt, blies ihm der Wind ins Gesicht und sie Sonne blendete ihn für einen Augenblick. Nach einpaar Schritten hatte er sich an die Helligkeit gewöhnt und erblickte wenige Meter von ihm entfernt den Bus.

Leise seufzend blieb er stehen, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürte. Er hob den Blick und schaute direkt in Belindas Augen.

„Schon bald wirst du dich an alles erinnern, aber die Frage lautet, willst du das überhaupt? Von dem, was mir deine Mutter erzählt hatte, hast du wirklich schwere Zeiten durchgemacht und das alles aus deinem Bewusst sein gebannt. Ich meinte, wenn du es dir anders überlegt hast…"

„Nein, ich will die Wahrheit kennen. Außerdem interessiert mich, was Emily so sehr verzweifeln ließ, dass sie damals nicht zu mir kam und sich freiwillig in den Tod treiben ließ."

Belinda machte einen besorgten Eindruck, strubbelte Draco kurz durchs Haar, bevor sie an ihm vorbei ging und meinte, „Hoffentlich reißt dich die Wahrheit nicht in die Tiefe…"

Irgendwie machte sie ihm mit diesen Worten Angst. Nichts desto trotz setzte er sich in dem Bus neben Hermione und ließ es zu, dass sie seine Hand ergriff. Während der ganzen Fahrt verlor er kein Wort, versuchte allerdings ständig das ungute Gefühl, welches in ihm hochkam, zu unterdrücken. Schließlich flüchtete er sich in einen traumlosen Schlaf, was ihm die Unruhe etwas nahm.

Dafür war er umso nervöser, als sie ankamen und aus dem Bus stiegen. Dunkle Wolken hatten sich am Himmel breit gemacht und verdeckten jegliche Sicht auf das schöne Blau. Nahezu erfurchtsvoll schaute er zu dem großen Schloss auf, folgte Belinda dann durch die Tore in den Innenhof. Ein grausiges Gefühl ergriff von dem Blonden besitz, je mehr sie sich dem Portal und somit auch dem Besitzer dieses Schlosses näherten. Ohne dass Belinda auch nur ein Wort verlor, richtete der hochgewachsene Mann seine blauvioletten Augen auf Draco, der zögernd aufsah, um regelrecht gebannt zu werden.

„Mordred…", begann Belinda, doch der Mann hob eine Hand und bracht sie zum schweigen.

„Später… ich führe euch später… Er ist im Moment wichtiger… Du bist doch hier, um dich wieder an deine Vergangenheit zu erinnern."

Draco senkte den Blick und nickte knapp. Er versuchte das Zittern zu unterdrücken, welches mehr und mehr von seinem Körper Besitz ergriff. Er hatte Angst, obgleich er sich nicht sicher war, was er nun fürchtete.

„Dann folgt mir."

Sie ging ein eine Weile durch viele Korridore, bis hin zu einem Saal in dem mehrere Sesselreihen und auf der Bühne ein Klavier standen. Die Meisten taten das Richtige. Sie nahmen Platz. Draco wollte sich ihnen anschließen, doch Mordred ergriff seinen Ärmel und zog ihn auf die Bühne.

„Was? Nein!", wollte Draco protestieren, verstummte jedoch sofort, als Mordred sich zu ihm umwandte und ihm intensiv in die Augen sah. Für einen Moment glaubte Draco, dass dieser Mann auf den Grund seiner Seele blicken würde und fühlte sich entblößt.

„Ich kann dich erst in Hypnose versetzen, wenn ich weiß, wie du tickst. Du spielst doch Klavier, Junge."

„Nun…", begann Draco, wich seinem Blick aus. Draußen blitzte und donnerte es zu gleich, woraufhin Draco erschrocken zusammenzuckte. Normalerweise hatte er nichts gegen den Regen und es störte ihn sonst auch nicht, wenn viele Tropfen gegen Fensterscheiben prasselten, aber jetzt machte ihn dieses Geräusch nur noch unruhiger. Er fühlte sich wie in einen schlechten Horrorfilm versetzt.

„Setz dich und spiel.", drängte Mordred und drückte Draco auf den kleinen samtbezogenen Hocker. Er öffnete das Tastenbrett, trat dann zurück und verschwand im Schatten der schweren Vorhänge, die die Bühne umsäumten. Mit einem unsicheren Blick schaute der Blonde in die Zuschauermenge und erkannte, dass er erwartungsvoll angesehen wurde. Er hasste nichts mehr, als vor Publikum zu spielen. Damit verband er einfach keine guten Erinnerungen.

Abermals hallte der Donner durch den Saal, als Draco seine bebenden Hände nach vorne ausstrecke und an die Tasten legte. Er fühlte die altbekannte Kühle unter seinen Fingern, die Glätte, die jede einzelne Taste besaß. Wie viele Jahre ist es wohl her, seitdem er das letzte Mal Klavier gespielt hatte? Erst jetzt verspürte er seine Sehnsucht nach dem Spiel. Wieso hatte er das Klavier nur all die Jahre gemieden, obwohl sie mindestens drei in Malfoy Manor stehen hatten?

Ehe er sich versah, spielten seine Hände ganz alleine eine Melodie, die er nicht kannte, welche ihm allerdings bekannt vorkam. Sie begann langsam und ruhig, sponn sich immer weiter, bis in Draco ein Gefühl wuchs. Er hatte dieses Stück schon einmal gespielt. Der Raum war hell gewesen, warm und freundlich. Zu seiner Rechten stand an dem Klavier immerzu eine Person, die ihm lauschte und des Öfteren lächelte.

Sogar jetzt spürte er ihre Anwesenheit. Mit einem Mal schaltete er seine Umgebung, die Zuschauer, das Gewitter, alles aus und nahm nur mehr die Musik und Emilys Anwesenheit wahr. Er schloss seine Augen und meinte, sie sehen zu können. Eine Leichtigkeit ergriff von ihm Besitz. Wärme und Fröhlichkeit drang in seine Brust und lösten in ihm fast schon den Wunsch aus, laut zu schluchzen. Er glaubte, etwas Altes wieder gewonnen zu haben, wieder frei zu sein, wieder er selbst zu sein.

Das Stück endete, Draco erhob sich und verließ so schnell wie möglich die Bühne. Den Applaus seiner Mitschüler ignorierte er, Mordreds Zuspruch überhörte er. Er fühlte sich diesen wunderbaren Gefühls beraubt und ihm war klar, dass er es so nie wieder erlangen würde. Er wollte sich nur noch verkriechen und alleine sein.

„Das hast du gut gemacht. So und jetzt folg mir."

Diese Worte lösten in Draco eine wahre Trotzreaktion hervor. Er war doch kein Hündchen, das zur Belohnung Streicheleinheiten von Herrchen brauchte! Sein Trotz half ihm allerdings nicht weiter, da er von Blaise, der wieder einmal wie ein Wasserfall schwafelte, weitergeschoben wurde.

Sie kamen zu einem Raum, in dem eine Stuhlreihe kreisförmig angeordnet war. In dessen Mitte befand sich ein Stuhl, der Draco stark an eine Therapeutenliege, oder einen Zahnarztstuhl erinnerte. Folglich blieb Draco wie angewurzelt stehen, während die anderen sich auf den freien Plätzen nieder ließen. Neben der Liege schwebte eine große Glaskugel, die Draco sonst nur von Belinda kannte. Scheinbar hatte sie sich eine von diesem Mordred liefern lassen.

„Draco, bist du dir sicher, dass du das willst? Immerhin kann das ziemlich anstrengend werden und bei mir sind immer danach alle in Tränen ausgebrochen, was noch mehr anstrengt."

Draco blinzelte überrascht. Stand Mordred nicht vor kurzem noch weiter weg? Noch dazu, woher, wusste er seinen Namen? Hatte ihm Belinda davon geschrieben? Das würde zumindest seine Reaktionen und Aktionen erklären.

„I-ich bin mir sicher.", brachte der Blonde räuspernd hervor, auch wenn sein Blick von etwas anderem zeugte. Deswegen fügte er noch rasch hinzu, „Ich bin mir aber nicht sicher, ob sich hypnosefähig bin."

„Hmm…" Mordred schaute nachdenklich zu Boden, dann hob er den Blick und seine Hand.

„Lass uns einen kleinen Test machen. Konzentriere dich auf meine Hand."

Draco tat wie ihm geheißene als sich plötzlich all sein Muskeln lockerten und sich eine ungewohnte Leichtigkeit über ihn legte. Ehe er sich noch wehren konnte, kippte er nach vorne in Mordreds Arme und befand sich in tiefster Trance.

„Ja, er ist hypnosefähig.", meinte Mordred grinsend und hob Draco auf seine Arme. Belinda sah so drein, als wolle sie protestieren, doch Mordred versicherte ihr, „Die meisten muss ich zur Liege tragen. Eigentlich bekommen alle immer Schiss, wenn sie diesen Raum sehen."

Behutsam legte er den Blonden auf die besagte Liege, legte dann noch so etwas, wie Elektroden an seine Schläfen und aktivierte mit einem Wink seines Zauberstabes die große Kugel.

„Wem das hier zu viel wird, der kann jeder Zeit den Raum verlassen. Nur damit ihr es wisst. Ich werde ihm nicht schaden, sondern dort unterstützen, wo er mich braucht."

Er zog einen Stuhl heran.

„Gib's zu. Du hattest vor drei Tagen eine Vision, dass er kommen würde, um deine Hilfe ein zu vordern…", mutmaßte Belinda mit einem anerkennenden Grinsen.

„Und bin dann drei Tage mit Fieber im Bett gelegen. Was sonst…", bestätigte der Magier, während er auf seinem Klemmbrett Notizen machte. „Na gut, fangen wir an. Draco, kannst du mich hören? Wenn ja, dann beweb deine rechte Hand."

Tatsächlich krümmte Draco für einen Augenblick seine rechte Hand, bevor er sie wieder entspannte und seinen Kopf auf die andere Seite rollte, als würde er schlafen. Die Hypnose wirkte.

„Sehr gut. Du befindest dich in einem Gang und vor dir liegt eine Tür." In der gläsernen Kugel erschien ein Korridor, der in Dämmerlicht getaucht war. „Du näherst dich langsam der Türe und streckst deine Hand nach der Klinke aus."

Dracos Arm erschien im Bild. Er drückte die Klinke hinunter und die Türe schwang gespenstisch langsam auf. Dahinter lag tiefste Dunkelheit.

„Das Tor zu seinem Unterbewusstsein.", wisperte Belinda ehrfürchtig.

„Tritt ein.", ermutigte Mordred den Blonden, welcher tatsächlich einen Schritt in das Nichts wagte und in die Tiefe stürzte.

Schließlich wurde es heller. Ein riesiges Pendel schwang hin und her, an der Innenseite des Turmes befand sich eine Uhr. Draco lag mit dem Rücken auf dem steinernen Boden starrte zum Pendel hoch. Er setzte sich auf, sein Blick war leer. Schwerfällig erhob er sich, wandte sich dem Gang zu, der sich vor ihm aufgemacht hatte und durchwanderte diesen.

Er gelangte ins Freie, ging immer weiter, während eine karge Landschaft ihn umsäumte. Vor ihm wuchsen Gräber aus der Erde und ein kleiner Hügel mit einem Baum erhob sich. Auf diesem Hügel stand völlig verwaist ein einzelnes Grab, auf das der Blonde zu steuerte. Der Himmel war grau, wirkte trostlos, genauso wie Draco der vor dem Grab auf die Knie sank. Langsam streckte er seine Hand nach dem Medaillon aus, das an dem steinernen Kreuz hängte. Als es ihm aus der Hand glitt, schlug es wieder auf den Stein und man konnte nun die Inschrift lesen:

Emily Malfoy

05.06.1980-06.06.1988

R.i.p.

Draco legte sich ins Gras zurück und seine Umgebung verschwamm. Er wandte seinen Blick nach links, wo nun die acht-jährige Emily lag. Draco streckte seine Hand nach ihr aus, strich ihr sanft einpaar Haarsträhnen aus dem Bleichen Gesicht, dann zog etwas seine Aufmerksamkeit auf sich. Von oben stürzte ein Körper genau auf die Stelle, wo Draco lag. Allerdings flog er glatt durch den Blonden hindurch, prallte vom Boden ab, so dass sich die Wirbelsäule des kleinen Körpers durchbog und mit einem grausigen Knacken brach.

Nahezu panisch sprang Draco auf, seine Augen waren nun wieder voller Leben. Mit Furcht wandte er sich den beiden Leichen zu und erblich. Vor ihm lagen nun Emily und er selbst, die Gesichter einander zugewandt, Blut floss aus den Mundwinkeln.

„Zwei Kinder stürzen ab, eines ist tot, das andere-", murmelte Draco, bracht jedoch ab, als sich eine schwarzgekleidete Person auf die beiden Kinder zu bewegte. Hatte sie die ganze Zeit dort hinten an der Mauer gelehnt und zugesehen?

Sie kniete sich nieder, wobei ihr einpaar ihrer roten Haarsträhnen ins Gesicht rutschten. Draco kannte diese Frau. Irgendwo hatte er sich doch schon einmal gesehen.

„Lebe.", hauchte sie und streute einen silbrigen Staub über den Körper des Jungen, welcher darauf wieder zu atmen begann.

Draco war so als hätte man ihm soeben den Boden unter den Füßen runter gerissen. Entsetzt stolperte er zurück, während die Frau, welche er als den personifizierten Tod wiedererkannte, sich gelassen erhob und von den Kindern zurückwich. Ein leises Keuchen entwich Dracos rosigen Lippen, da er mit dem Rücken gegen die Mauer gestoßen war. Jetzt verstand er, wollte es aber dennoch nicht glauben.

Er schloss die Augen und seine Umgebung veränderte sich erneut. Es kam ihm beinahe schon so vor, als wäre er im Hologrammraum, obgleich er genau wusste, dass er sich dort nicht befand. Er sah sich um und erkannte den Friedhof, den Hügel den Baum, das Grab, welches offen lag. Eine Gemeinschaft schwarz gekleideter Menschen stand um den Sarg herum, welcher langsam in das Grab abgeseilt wurde. Der Deckel war aus Glas und Metal, so dass Draco auf Emilys Gesicht hinabblicken konnte. Sie sah so aus, als würde sie friedlich schlafen und dennoch hatte er die eisige Gewissheit, dass dem nicht so war.

Die Menschen warfen Rosen in das Grab. Eine kleine Gestalt hervor, hielt eine weise Rose in der Hand und starrte auf Emily hinab. Die blonden Haarspitzen, die unter der Kapuze hervorlugten, verrieten, dass es Dracos jüngeres Ich war. Schließlich streckte er den Arm nach vorne und ließ die Rose aus der Hand gleiten. Nicht einmal zwei Sekunden später wirbelte der Kleine herum, drängte sich durch die Menge und stürmte weinende davon. Der Donner grollte und Regentropfen fielen kalt wie Eis auf den gläsernen Sargdeckel.

Draco wandte sich von dem Friedhof ab. Er hatte genug gesehen. Er merkte, wie sehr ihn alles belastete. Die Finsternis seiner Vergangenheit raubte ihm den Atem, legte eiserne Ketten um seine Brust. Er wollte das alles nicht mehr sehen. Es nicht mehr hören. Nicht mehr fühlen.

Seine Umgebung verdunkelte sich, wurde pechschwarz. Wieder verlor er den Boden unter den Füßen, stürzte ins Nichts. Er fiel, warte auf den Aufprall und war sich dennoch dessen gewahr, dass dieser nie kommen würde. Er tauchte in dunkles Wasser ein, ohne an dessen Oberfläche aufzuschlagen, sank immer tiefer in die Finsternis. Dann, plötzlich, hörte es auf. Er bewegte sich nicht mehr, lag auf festem Grund.

Seine Hand stich über die Erde, die tot war und dennoch… er streifte etwas Flüssiges. Er spürte wie etwas aus ihm floss und mit ihm seine gesamte Energie. Dennoch erhob er sich, wankte einen Moment lang, sah sich um. Der Himmel war grau, das Land karg und trocken. Draco setzte einen Schritt nach vorne. Als ein klatschendes Geräusch unter seinem Schuh erzeugt wurde, schaute er hinter sich und schrak zurück vor dem kreisförmigen Zeichen, dass sich aus Blut auf dem Boden ausgebreitet hatte. Er kannte dieses Mal. Es war genau dasselbe, das Erebus und seine Gefolgsmänner in den Ferien verwendet haben, um ihn zu quälen.

„Sieht nett aus."

Erschrocken wich Draco von dem Todesengel zurück, der aus dem Nichts neben ihm erschienen war.

„Wie-?"

„Junge, wir zwei sind mit einander verbunden. Natürlich kann ich da auch in dein Unterbewusstsein.", schnarrte der Dunkelhaarige und Draco fiel zum ersten Mal auf wie ähnlich er ihm sah. „Sieht entsetzlich aus, seitdem deine Schwester von uns gegangen ist und deine Seele in zwei gerissen wurde."

„Bitte was?"

Die violetten Augen des Todesengels funkelten schelmisch. „Ja, was dachtest du, passiert mit Zwillingen, wenn man sie auf so eine Art und Weise trennt. Dein Seelenreich hat früher übrigens anders ausgesehen, nämlich so." Er schnipste mit den Fingern. Binnen weniger Sekunden wuchsen Gras, Blumen, Bäume und Sträucher. Die Sonne schien und Schmetterlinge tanzten durch die Luft.

„Sieht doch viel besser aus, aber…"

Mit einer weiteren Handbewegung verdorrte das Gras, die Bäume und Sträucher zerfielen zu Staub. Dunkle Wolken bedeckten den blauen Himmel, sperrten das Sonnenlicht weg.

„Und so sieht es jetzt in mir aus?", fragte Draco und musste bei dem Anblick schwer schlucken. Eine schmerzliche Schwere legte sich auf sein Herz. Was war nur mit ihm geschehen? Ein Schrei wollte seiner Kehle entweichen, erstickte jedoch im Keim. Verzweifelung und eine tiefgehende Trauer schlichen sich in Dracos Herz und krallten sich dort fest.

„Er hat dich ganz schön zerstört. Dabei wolltest du nur zu ihr zurück." Der Todesengel sah durchdringend in Dracos Augen. „Junge, bist du tot und möchtest du wieder dort hin zurück, wo du eigentlich hingehörst."

In der Ferne erschien Emily.

„I-ist sie… wirklich…?", stammelte er, spürte, wie sehr sein Herz nach ihr schrie. In diesem Augenblick vergaß er sein Kind. Er vergaß Hermione, wollte nur mehr zu Emily zurück.

„Geh zu ihr. Das ist dein wirklicher Platz. Du gehörst schon lange nicht mehr ins Reich der Lebenden. Kehre zu ihr zurück. Zu ihr. Deinem Zwilling. Deiner zweiten Seite. Deiner Schwester."

Draco strauchelte an dem Todesengel vorbei, langsam auf Emily zu.

Draco! Draco, wenn du mich hören kannst, kehre zurück!

Er hörte Mordred laut und deutlich, aber dennoch wollte er nicht beenden, was er gerade im Begriff war zu tun.

Seine Schritte wurden schneller, die Sehnsucht größer. Seine Umgebung wurde freundlicher und heller, je näher er Emily kam. Das Gras wuchs wieder, Blumen blühten auf. Der Wind strich durch die grünen Blätter der Bäume und Sträucher. Schmetterlinge tanzten durch die Luft. Draco lief, so schnell er konnte. Tränen trieben ihm in die Augen, er spürte, dass dies das Richtige war. Emily streckte ihre Arme nach ihrem Bruder aus, lächelte freundlich.

Draco war von der ganzen Wärme und Freundlichkeit so geblendet, dass er nicht sah, dass der Todesengel hinter ihm hämisch grinste. Schließlich fiel Draco seiner Schwester in die Arme und alles wurde plötzlich schwarz.

ooOoo

„Verdammt! Das sollte gar nicht passieren!!!", fluchte Mordred, der sein Schreibzeug bei Seite geworfen hatte und nun Draco Hemd aufriss um, ihn mittels Herzmassage wiederzubeleben. Das Herz des Blonden hatte einfach so ausgesetzt, nachdem er zuvor Kammernflimmern erlitten hatte.

Mordred wich zurück, zog den Zauberstab und sandte einen Stromschlag in Dracos Oberkörper, der von der Wucht in die Luft geschleudert wurde und wieder auf die Liege zurücksackte. Ein weiterer Stromschlag wurde in den Körper gejagt, aber das Herz wollte immer noch nicht schlagen. Mordred versuchte es weiter und weiter, aber nichts half.

„Wartet!", rief Blaise und stürmte nach vorne. Mordred wollte schon einen weiteren Stromschlag und Dracos Leib jagen, doch Belinda hielt ihn zurück. Blaise hatte sich unterdessen an Dracos Seite gesetzt und zog ein Quäntchen mit einer silbrigen Flüssigkeit aus dem Mantel. Er entkorkte es und ließ die Flüssigkeit in den eigenen Mund fließen, dann ho er Dracos schlaffen Oberkörper an, öffnete seinen Mund, um ihn sogleich mit den eigenen Lippen zu versiegeln. Wenige Tropfen der Flüssigkeit liefen Dracos Mundwinkel hinab, dann zog Blaise sich zurück, schaute in das Gesicht seines besten Freundes.

„Komm schon… das kannst du mir nicht antun… Draco… verdammt… denk doch an Hermione und an dein Kind… tu uns da nicht an…"

Nichts geschah. Draco lag weiterhin regungslos in Blaise Armen, doch plötzlich begann die silbrige Flüssigkeit durch den Körper hindurch zu schimmern, als wäre er nicht dicker als Papier. Man konnte gut sehen, wie sie in die Arme und Beine floss und as Herz mit ihrem silbrigen Licht erfüllte, welches langsam wieder zu schlagen begann. Lautlos atmete der Blonde tief ein, seine Lieder flatterten und er setzte sich auf.

„Puh…! Es dreht sich alles…", beschwerte er sich, wurde jedoch von einer aufgelösten Hermione stürmisch umarmt.

„Mione, was-?" Verwundert sah er auf das schluchzende Bündel in seinem Armen.

„Tu das nie wieder.", mahnte sie mit erstickter Stimme. Verdattert sah er auf sie hinab, hob den Blick und sah in die Runde. Er verstand nicht, was passiert war, dass alle so aufgelöst aussahen.

„Bestimmt nicht.", versicherte er mit ruhiger Stimmer und legte einen Arm um sie. Was um alles in der Welt war nur geschehen? Er konnte sich an nichts erinnern. An gar nichts.

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