Disclaimer: Die Figuren und Handlungsorte gehören alle Frau Rowling, ich verdiene kein Geld mit ihnen und leihe sie mir nur aus.

Eigentlich war es für Lily kein Problem vor Publikum zu sprechen, doch heute würde das sicher anders werden, sie spürte es einfach. Sie saß beim Frühstück und stocherte gelangweilt in ihrem Spiegelei mit Toast. Natasha saß ihr gegenüber und machte ein genauso bedrücktes Gesicht. Megan, Emma und Holly, die auch in Lilys Schlafsaal waren, befanden sich im Krankenzimmer, da sie von Peeves mit Gegenständen beworfen worden waren. Es wäre Natasha und Lily wohl genauso ergangen, hätten sie nicht heute Morgen hoffnungslos verschlafen. Dass sie es noch zum Frühstück geschafft hatten, grenzte an ein Wunder.

Irgendwann erhob sich Lily dann, um zum Unterricht zu gehen. Vor der Großen Halle wartete Malfoy bereits auf sie, aber wieder mit seinem gewohnt fiesen Grinsen im Gesicht.

„Nun Potter. Wurde ja auch mal Zeit."

„Tut mir Leid, dass ich so lange gebraucht habe, aber deine Schrift ist einfach zu unleserlich." Das entsprach zwar nicht der Wahrheit, aber sie war nicht in der Stimmung zu ihm nett zu sein. In ihrem Magen rumorte es und sie spielte mit dem Gedanken dieses ganze Referat abzublasen. Aber das ging nicht, sie wollte schließlich kein Feigling sein.

„Na, na Potter. Noch mal musst du sie sowieso nicht lesen, schließlich war das eine einmalige Sache."

„Schon klar." Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ging Richtung Klassenzimmer. Ihre Schritte verlangsamten sich umso näher sie dem Ort ihrer Angst kam.

Im Klassenzimmer saßen bereits alle auf ihren Plätzen und Professor Longbottom bat Lily gleich anzufangen. Mit zitternden Händen stand sie vorne und fing an zu erzählen, wo die Pflanze herkam, was für Heilkräfte sie besaß und so weiter. Währenddessen starrte sie immer an einen Fleck an der Wand. Was wäre, wenn die Herzen wieder auftauchen würden? Wie aus Reflex sah sie die Zuschauer in diesem Moment an und geriet fast ins Stolpern. Alle hatten einen gelangweilten Ausdruck im Gesicht, doch das war es nicht, was Lily so verstörte. Sie sah wieder die Herzen und noch etwas, dass sie nie geglaubt hätte, wenn man es ihr gesagt hätte: in manchen Herzen sah sie ihr eigenes Gesicht. Natürlich bei Natasha und bei Marek, mit den beiden war sie ja schließlich gut befreundet, doch auch bei Baldur, dem sie bei dem großen Gewitter Nachhilfe gegeben hatte, schien tiefe Gefühle für sie zu haben.

Ihr Mund stand leicht offen, aber es kam kein Ton heraus. Wie sollte auch einer kommen, wenn die Sprecherin ihren Gedanken nachhing.

In Lilys Kopf spielten sich die merkwürdigsten Dinge ab. Es blieb nämlich nicht bei den Herzen, sondern sie hörte auch Stimmen. Einige dachten bereits an Geburtstagsgeschenke, die sie noch kaufen mussten, andere waren bei Aufsätzen, die sie noch schreiben mussten und einige andere fragten sich: „Was macht sie da?"

Verwirrt schüttelte Lily den Kopf. Woher kamen diese Stimmen? Und wieso sah sie überhaupt die Herzen? Der Schlüssel lag doch sicher verwahrt in einem Kästchen oben im Schlafsaal.

Auf einmal ging die Tür auf und Professor McGonnagal stürmte herein.

„Ah, Potter, genau sie brauche ich. Professor Longbottom, darf ich ihre Schülerin kurz entführen?"

„Aber natürlich. Dann können wir auch mit dem Unterricht fortfahren. Oder wolltest du noch etwas sagen?"

Lily schüttelte den Kopf und ging hinter der Schulleiterin her. Diese ging eiligst voran und blieb erst stehen, als sie vor dem Krankenzimmer standen.

„Potter. Ihr Bruder ist gestürzt. Vom Besen. Es ist nichts Schlimmes, aber er muss voraussichtlich eine Woche im Krankenflügel sein. Ihren Eltern habe ich bereits geschrieben, aber sie können nicht kommen. Ihre Mutter wird zurzeit von Übelkeit und Erbrechen geplagt und liegt die ganze Zeit im Bett und ihr Vater will sie nicht alleine lassen." Sie öffnete die Tür und Lily stürmte herein.

Sie fühlte sich so hilflos, als sie ihren Bruder dort liegen sah, dass sie am Liebsten angefangen hätte zu weinen. Madam Pomfrey stellte sich hinter sie und berichtete ihr flüsternd, was geschehen sei:

„Es war vor 20 Minuten, auf dem Quidditchfeld, während sie Freistunde hatten. Er hatte wohl mit den Anderen eine Wette abgeschlossen, wie hoch er fliegen könne. Als er dann ungefähr 100m hoch war, erfasste ihn eine Windböe und er fiel hinunter. Die anderen haben ihn nicht aufgefangen, da sie dachten, dies sei alles Teil der Show und der Besen würde gleich kommen und ihn auffangen." Entsetzt schlug Lily sich die Hand vor den Mund. „Aber wer macht denn so etwas?", fragte sie.

„Oh bei Teenager in seinem Alter ist das durchaus normal."

„Normal? Madam Pomfrey! Mein Bruder sieht aus, als würde er nie wieder aufwachen. Überall ist er eingegipst. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, da hat sich ein Schüler einen Streich daraus gemacht, einem Gips ein Gesicht aufzumalen und ihn so zu verhexen, dass er sich bewegt."

„Aber Miss Potter, nun beruhigen sie sich mal. Das ist doch alles halb so wild. In einer Woche ist er wieder so gut wie vorher."

„Und wer soll ihn beim Quidditchspiel ersetzten? Er ist der Kapitän!"

„Ach Lily, das ist nicht meine Sorge. Ich muss jetzt die anderen Kranken versorgen."

Sie ließ Lily einfach stehen. Diese stand mit offenem Mund da. Wie hatte ihr Bruder nur so dumm sein können? Ihre Sorge verwandelte sich in Wut. Niemand konnte ihn ersetzen und das wusste er, schließlich arbeitete er seine neuen Trainingsmethoden immer ganz alleine aus. Und das auch noch von Training zu Training.

Erzürnt stürmte sie in den Gryffindorturm. Die Stunde war bereits zu Ende und Natasha kam besorgt auf sie zu. Lily ignorierte sie und fragte an Marek gewandt: „Wo ist der Jungenschlafsaal der 5.Klasse?". Marek sah sie verdutzt an und als er nicht schnell genug antwortete, raste sie einfach die Treppe hinauf, hinter sich die beiden besorgt dreinschauenden Freunde. An der ausgeschilderten Tür klopfte sie mehrmals so laut, das schon aus einem anderen Schlafsaal über ihnen gerufen wurde: „Mach die Tür auf."

Diese wurde dann von einem schlanken Junge mit braunen Haaren und einem gutmütigen Gesicht , das sofort irritiert aussah, als er erkannte, wer da an der Tür geklopft hatte, geöffnet.

„Darf ich bitte hinein? Dankeschön." Sie drängelte sich an ihm vorbei und sah sich um. Die Unordnung war überwältigend. Überall lagen Klamotten, Bücher und allerlei Verpackungsreste.

„Tut mir Leid, es ist etwas unordentlich, aber wir sind zurzeit so damit beschäftigt uns auf die ZAGs vorzubereiten, dass wir keine Zeit finden, aufzuräumen.", sagte der Junge mit einem entschuldigten Achselzucken.

„Ach kein Thema. Ich wollte schon immer sehen, wie unordentlich Jungs tatsächlich sind, wenn sie unter sich sind." Lily lächelte böse und fragte dann, auf einen Koffer deutend: „ Ist das hier der Koffer meines Bruders Albus?" Der Junge nickte und stellte sich vor, doch Lily durchwühlte bereits die Sachen ihres Bruders.

Nach 4 Minuten stieß sie einen Triumphschrei aus. Dann verließ sie das Zimmer mit den Worten: „Danke Klassenkamerad von Albus. Du hast Gryffindor davor gerettet eine klagvolle Niederlage gegen Hufflepuff einzustecken."

„Gern geschehen.", meinte der 5-Klässler und sah reichlich verwirrt aus.

Den ganzen restlichen Abend beschäftigte sich Lily mit ihren Hausaufgaben und dem Quidditchtraining. So wie sie das sah musste sie morgen ein Casting machen und sehen, wer sich als Hüter eignete. Für fast alle hatten sie Ersatzspieler, doch als Hüter taugten nur wenige.

Als Lily bereits die Augen zufielen vor Müdigkeit und sie die einzige in dem großen Gemeinschaftsraum war, tauchte plötzlich ein Hauself mit einem lauten Plop auf.

„Um Himmels willen, du hast mich erschreckt.", schreckte sie auf.

„Es tut mir Leid, Miss. Aber Gero musste die hier noch heute zu ihnen bringen." Damit überreichte er ihr ein halbes Dutzend schwarzer Rosen und verschwand dann wieder, genauso laut wie er gekommen war. Lily sah sich diese Blumen verdutzt an, dann sah sie die Karte.

Sie kannte die Handschrift, doch konnte sie sie nicht zuordnen. Es war als würde ihr der Text auf der Karte zugeflüstert werden: „Vertrau dem Schlüssel."

Damit zog sie den Schlüssel unter ihrer Bluse hervor und betrachtete ihn. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, dass sie die Kette mit ihm heute Morgen nicht um ihren Hals gebunden hatte und dennoch war er da. Hatte er vielleicht so etwas wie ein Eigenleben?

„Ach sei nicht albern, Lily. Das ist nur ein Schlüssel. Mit der Ausnahme, dass er dir die Herzen der anderen zeigen kann ist er in keiner Weise besonders." Mit diesen ermahnenden Worten ging sie zu Bett. Sie musste sich schließlich noch ausdenken, wie sie einen geeigneten Hüter in weniger als einer Woche finden und spieltauglich machen konnte.