Severus spürte die starken,
breiten Hände des Wildhüters an seinen Oberarmen.
"Severus", eine Stimme drang zu seinem Bewußtsein vor,
versuchte immer und immer wieder ihn zu erreichen.
Doch Severus
wollte nicht reagieren. Er wollte nicht aufstehen, wollte Hagrid
nicht ansehen müssen. Wollte den Vorwurf, die Enttäuschung
in seinen Augen nicht erleben müssen. Er wollte hier bleiben,
hier bei Dumbledores Grab. Wollte ihm so nah sein, wie es noch irgend
möglich war. Warum wollte ihn Hagrid hier weg bringen?
´Natürlich´, meldete sich sein Verstand. ´Du
hat ihn ermordet, du hast kein Recht hier zu sein´. Mit dieser
Erkenntnis brach sein Widerstand gegen die Hände, ließ er
sich in die Höhe ziehen. Seine Beine waren noch immer
butterweich, noch immer zitterte er am ganzen Körper. So ließ
er es zu, daß Hagrid ihn unter den Arm packte und ihn so
stützend zu seiner neuen Hütte führte.
Er wußte später nicht, wie er in die Hütte gekommen war, es war ihm auch egal. Er schien gefangen in einer Zwischenwelt und konnte sich nicht so recht entscheiden, wo er hin wollte. Zurück ins Leben oder sich dem Wahnsinn hingeben. Letzteres war leicht, so furchtbar leicht. Für das Leben brauchte er Kraft, mehr, als er im Moment glaubte aufbringen zu können. ´Du hast es versprochen´, rief er sich stumm zur Ordnung. Müde zwang er sich, sich aufrecht hinzusetzen. Er wollte Hagrid zumindest in die Augen sehen um sich dessen Vorwürfe anzuhören.
"Warum
hast´ das gemacht Severus?"
Snape spannte alle Muskeln,
diese Frage war zu erwarten gewesen, wieso hatte er keine Antwort
darauf? Was sollte er Hagrid sagen? Daß es Dumbledores Wunsch
gewesen war? Nein, selbst für ihn hörte sich diese
Erklärung lächerlich an, wenngleich er wohl der Einzige
war, der wußte, daß es nun einmal eben so gewesen war.
"Warum hast´ das gemacht Severus?", wiederholte der
Wildhüter leise seine Frage. "Warum bist du alleine hin?
Hättest doch erst zu mir kommen können, hättest dir
´ne Laterne holen können, wär´ auch mit dir
gegangen, hättest nicht allein gehen müssen, vielleicht
wär´s dann nicht so schlimm gewesen."
Severus
fühlte einen leisen Hauch der Erleicherung. ´Hagrid,
Hagrid´, dachte er dabei, ´du bist manchmal wirklich zu
gut für diese Welt´. "Was meinen Sie?", brachte er
dann gleichmütig hervor.
"Hättest nicht alleine zum
Grab gehen müssen, wär´ mir dir gegangen. Kannst auch
nicht immer alles alleine machen Severus, kannst auch du nicht."
"Ich
habe ihn ermordet Hagrid, erinnern Sie sich?"
"Hm, sicher",
murmelte der Halbriese, kam nun von der Anrichte zum Küchentisch
an dem Severus saß und drückte diesem eine Tasse mit
dampfenden Tee in die Hand, bevor er sich zu ihm setzte.
"Ich
töte Dumbledore und Sie laden mich zu einer Tasse Tee ein? Sie
müßten Angst vor mir haben, Hagrid."
"Blödsinn,
vor dir doch nicht."
"Hagrid, ich habe Dumbledore
umgebracht und Sie wissen ganz genau...", Severus stockte, er
wollte nicht, daß Hagrid merkte, wie ihm die Stimme versagte,
während eine neuerliche Welle des Schmerzes ihn zu übermannen
drohte. Doch der Wildhüter kannte ihn natürlich viel zu
lange und viel zu gut, um nicht zu sehen, was in dem ehemaligen
Lehrer vor sich ging.
´Armer Junge´, dachte Hagrid
bei sich, bevor er antwortete, "Ich weiß, daß du
Dumbledore nie aus Bosheit getötet hättest, das reicht
doch. Und ja Severus, ich weiß, ich weiß...", mehr
mußte der Wildhüter nicht sagen. Sie wußten beide,
welche ungesagten Worte in der Luft hingen, quittierten sie beide mit
einem stummen Nicken.
"Dennoch habe ich es getan Hagrid.
Dumbledore ist tot, nur das zählt. Sie wissen ja, Severus Snape
ist und bleibt ein kaltblütiger Mörder, ein
Todesser."
"Kein kaltblütiger Mörder bricht am Grab
seines Opfers derart zusammen, bist keiner, sag mir einer was er
will."
Severus sah den Wildhüter dankbar an. Es tat gut
ein freundliches Wort zu hören, so unglaublich gut. Viele würden
es in seinem Leben nicht mehr werden, das wußte er. Aber Hagrid
verurteilte ihn nicht einfach, so wie die Anderen es taten. Er
vertraute ihm einfach, so, wie Dumbledore es immer getan hatte. Bis
in den Tod. Müde senkte er seinen Blick, hielt ihn stur auf den
Tee gerichtet.
"Er fehlt mir Hagrid, er fehlt mir so sehr, daß
ich wahnsinnig werde bei dem Gedanken, daß es für immer
sein wird."
"Erzähl´s mir Severus, weißt,
kannst mir immer alles erzählen."
"Ich weiß
Hagrid", flüsterte der Tränkemeister. Ja, Hagrid hatte er
immer alles erzählen können, doch diese Last konnte er
nicht auf die Schultern des Wildhüters abwälzen, das konnte
er ihm nicht antun.
"Ist schon gut Hagrid, eines Tages
vielleicht, ich verspreche es dir."
Hagrid nickte zufrieden.
Wenn Severus jetzt nicht wollte, gut, er konnte warten. Bis zum
jüngsten Tag wenn es sein mußte. ´Der Junge braucht
einen Freund´, ja, das hatte Dumbledore zu ihm gesagt und er
war es 25 Jahre lang gewesen. Einen Teufel würde er tun, jetzt
damit aufzuhören, jetzt, wo Severus ihn am nötigsten
brauchte. ´Zumindest sagt er wieder "du" zu mir, ist
doch ein Anfang´, überlegte er lächelnd, während
er dem jüngeren Mann dabei zusah, wie dieser seinen Tee leer
trank.
"Ich muß gehen.."
"Ich weiß,
kommst du wieder?"
"Nach Hogwarts? Wer weiß Hagrid,
eines Tages vielleicht..."
"Versprich´s mir Severus,
versprich´ mir, daß du wieder kommst."
Der
Tränkemeister überlegte einen Moment schweigend. Er wollte
Hagrid nicht noch mehr Kummer machen. So entschied er sich für
eine für ihn vertretbare Lösung. "Ich verspreche dir, daß
ich am Ende nach Hogwarts zurückkommen werde, sollte es in
meiner Macht stehen Hagrid."
Severus versuchte noch ein Lächeln zustande zu bringen bevor er die Hütte verließ, scheiterte jedoch kläglich an diesem Versuch. So beließ er es bei einem Kopfnicken in Richtung Hagrids, bevor er die Tür hinter sich schloß. Am Rande des Verbotenen Waldes drehte er sich noch einmal um, gerade in dem Moment, in dem die Sonne hinter Hogwarts aufging und das Schloß in ein rot-goldenes Licht hüllte. Ja, er würde zurück kommen, am Ende würde er hierher zurück kommen
