9. Harry - Vorbereitungen

Harry hatte seine Entscheidung getroffen. Er konnte nicht vier Wochen warten, hier sinnlos im Ligusterweg verschwenden. Er mußte zurück nach Hogwarts. Womöglich hatte Dumbledore ja auch dort Hinweise hinterlassen, wo er nach den Horkruxen suchen sollte. Der Brief – sosehr er ihn im ersten Moment getroffen hatte – hatte ihm auch neue Hoffnung gemacht. Dumbledore hatte vorgesorgt, für den Fall der Fälle. Er hatte gewußt, daß er nicht mehr lange leben würde. Er mußte irgend etwas hinterlassen haben, daß ihm helfen würde. Er hatte es ihn seinem Brief ja deutlich genug geschrieben. Er würde Hilfe bekommen. Dieser kurze Satz hatte ihm neue Kraft, neuen Mut gegeben.

Von dieser neuen Kraft getrieben, saß er auf seinem Bett und schrieb hastig eine kurze Nachricht an Ron und Hermine, daß sie ihn an diesem Abend im Fuchsbau erwarten, aber niemandem etwas von seinem Kommen sagen sollten. Hedwig sollten sie gleich dort behalten. Vermutlich war er schneller im Heim der Weasleys, als die Eule für den Rückweg gebracht hätte. Vertrauensvoll sah ihm das weiße Tier entgegen, während er aufstand und ihren Käfig öffnete. Beruhigend ließ der Junge seine Hand über ihr weiches Gefieder gleiten, ja, auf Hedwig konnte er sich immer verlassen. Sie würde seine Nachricht überbringen, ohne wenn und aber. So band er den kleinen Zettel an ihr Bein, welches sie ihm routiniert entgegen streckte und dann auf Anweisungen wartete.

"Bring die Nachricht zu Ron und Hermine in den Fuchsbau, aber nur zu Ron oder Hermine, hast du verstanden?", wie zur Bestätigung gurrte das Tier leise, bevor es aus dem Fenster hinaus flog, dem klaren, blauen Himmel entgegen.

Vor Erregung leicht zitternd sah Harry sich in dem Zimmer um. Ihm war bewußt, daß er es heute verlassen und danach nie wieder betreten würde. Ein seltsames Gefühl war das. Wenngleich er sich hier nie wohl und zu Hause gefühlt hatte, so war dies doch für viele Jahre sein Heim gewesen, war ihm vertraut. Er verband nicht viele schöne Erinnerungen mit diesem Haus, aber doch ein paar. Hier hatte er den ersten Brief von Hogwarts in den Händen gehalten. An diesen Augenblick würde er sich sein ganzes Leben lang erinnern und somit auch an dieses Haus, an Tante Petunia, Onkel Vernon und seinen Cousin.

Harry lächelte. Ja, über einige Erinnerungen konnte er jetzt sogar lachen, vielleicht würde er es irgendwann einmal über alle tun können. Mit diesen Gedanken machte er sich daran, seine wenigen Habseligkeiten, die sich in dem Zimmer befanden, zusammen zu packen. Viel war es nicht, er hatte nie viel besessen, aber ein paar Dinge schon. Er hatte noch ein paar Stunden Zeit. Die Durstleys wollten heute Abend auf eine Dinnerparty, der perfekt Zeitpunkt für ihn zu "verschwinden". Nicht, daß sie ihn aufgehalten hätten, nein, das ganz sicher nicht. Vermutlich hätte Onkel Vernon ihm noch die Tür aufgehalten, aber er zog es doch vor im Stillen zu verschwinden, ohne viel Aufsehen zu erregen.

Am Schluß, nachdem er alles andere verstaut hatte, nahm er das Bild seiner Eltern vom Nachttisch und ließ – im Gedanken versunken – seinen Finger darüber streifen. Er hatte alle Menschen verloren, die er geliebt, denen er vertraut hatte und jedes Mal war Snape daran beteiligt gewesen. Snape, jedes Mal wenn dieser Name den Weg in seine Gedanken fand, wallte eine unglaubliche Flamme des Hasses, der Wut in seinem Innersten auf, die ihn zu verbrennen drohte. Er hatte Voldemort die Prophezeiung verraten, woraufhin dieser Harrys Eltern ermordet hatte. Er hatte Sirius durch seine ständigen Attacken dazu getrieben den sicheren Grimmauldplatz zu verlassen, hatte ihn damit in den Tod getrieben und dann, dann hatte er Albus Dumbledore ermordet. Eigenhändig, kalt und gefühllos. Doch er würde dafür zahlen. Harry würde ihn für jeden seiner Morde büßen lassen. Energisch packte der Junge schließlich das Bild in seine Tasche, zog den Reißverschluß zu und atmete tief durch. Er mußte Snape stellten, er mußte ihn vernichten, bevor er Voldemort vernichten konnte, wollte ihn in derselben Lage sehen wie Dumbledore es gewesen war. Ob Snape am Ende auch um sein Leben flehen würde? Ob Harry sie ihm gewähren würde? Der Junge wußte nicht warum, aber er konnte ich diese Frage in diesem Moment selbst nicht beantworten.