10. Snape - Draco
Er fühlte sich erleichtert, zumindest ein wenig. Es hatte gut getan neben Hagrid zu sitzen, einen warmen Tee zu sich zu nehmen und was noch viel wichtiger war, es hatte gut getan zu reden. Ebenso wie es gut getan hatte zu weinen, einfach seiner Trauer freien Lauf zu lassen. Er fühlte sich tatsächlich ein wenig besser. Obwohl die Last des Verlustes weiterhin schwer auf seinen Schultern lastete, hatte es gut getan, sie mit jemandem zu teilen, soweit dies möglich gewesen war.
Müde kehrte er nach Malfoy Manor zurück. Er hatte eine lange, schwere Nacht hinter sich und brauchte dringend ein wenig Schlaf. Doch kaum hatte er die Tür des Herrenhauses hinter sich geschlossen, sah er, daß in der Bibliothek Licht brannte. Dies war ungewöhnlich. Es war noch so früh am Morgen, daß eigentlich noch niemand wach sein konnte, außer dem Personal vielleicht und dieses durfte die Bibliothek nur betreten, wenn es die ausdrückliche Erlaubnis hatte. So entschied er sich lieber nachzusehen. Möglich, daß er in seinem Zustand - in welchem er sich am gestrigen Abend befunden hatte - vergessen hatte, das Licht zu löschen.
Langsam schob er die Tür weiter auf und sah dann Draco, die Hände auf dem Rücken verschränkt, am Fenster stehen. Langsam ging er auf den Jungen zu. Er hatte ihn seit ihrer Ankunft in Malfoy Manor immer nur flüchtig gesehen, im Vorübergehen. "Draco?", flüsterte er leise, fast sanft. Auch der Junge hatte eine schwere Zeit hinter sich und ebenfalls niemanden, mit dem er seinen Kummer hätte teilen können.
"Sir?"
Severus kniff leicht die Augen zusammen. Die Kühle, die Abfälligkeit in Dracos Stimme versetzte ihm einen leichten Stich. Ganz deutlich konnte er die Spannung fühlen, die in der Luft hing, während ihn das ungute Gefühl beschlich, daß die nicht statt gefundenen Begegnungen zwischen den beiden vielleicht genau so beabsichtigt gewesen waren. Ja, wenn er es sich genau überlegte, war Draco immer sehr schnell verschwunden gewesen, wo immer er auch aufgetaucht war.
"Draco, drehen Sie sich um und sehen Sie mich endlich an. Sie scheinen mir aus dem Weg zu gehen, dürfte ich um eine Erklärung für Ihr Verhalten bitten?" Der junge Malfoy drehte sich um, ganz langsam, wie in Zeitlupe.
Snape erschrak ob der Kälte, der Abfälligkeit und Verachtung in seinen Augen.
"Das wissen Sie doch ganz genau. Warum haben Sie das getan? Der Dunkle Lord hat mir den Auftrag gegeben Dumbledore zu töten, nicht Ihnen, mir ganz allein. Aber Sie, Sie mußten sich natürlich einmischen, nicht wahr? Was hat es Ihnen gebracht, daß Sie ihn umgebracht haben?"
Snape stand ruhig da und ließ die anklagenden Worte des Jungen stumm über sich ergehen, wenngleich sie dem dumpfen Schmerz in seinem Innersten wieder Tür und Tor öffneten. Doch er hatte sich unter Kontrolle, er mußte sich unter Kontrolle haben.
"Ich weiß nicht, wovon Sie reden Mr. Malfoy. So wie sich die Situation für mich darstellte, waren Sie keineswegs im Stande Dumbledore zu töten, sie hätten versagt. Was glauben Sie, hätte der Dunkle Lord getan, wenn der Direktor lebend aus der Sache herausgekommen wäre? Ganz abgesehen davon liegt mir auch etwas an meinem Leben Draco."
Severus erkannte mit Genugtuung die kurze Unsicherheit in Dracos Augen. Er schwankte in seiner Entschlossenheit. Nein, Draco war kein zweiter Lucius, war es nie gewesen und würde es nie werden. Warum kämpfte er nun so verbissen darum, daß es so aussah, als wäre es so?
Für einen Moment hatte er fast geglaubt, den kleinen Draco wieder zu erkennen, der ihn verehrt hatte, den er hatte aufwachsen sehen. Doch es war nur ein Moment, schon Sekunden später mimte der Junge wieder das perfekte, kleine Abbild von Lucius Malfoy.
"Ich habe die ganze Arbeit gemacht! Ich habe die Todesser ins Schloß gelassen, und niemand, niemand hat bemerkt was ich vor hatte, weder diese senile alte Narr von Dumbledore, noch Sie! Ich hatte ihn genau da, wo ich ihn haben wollte. Er ist vor mir auf dem Boden gekrochen! Ich hätte es getan, ich wollte nur noch diesen Moment auskosten bis zum Letzten!"
Severus unterdrückte ein leichtes Zittern, die aufkeimende Wut in ihm. Nein, er durfte jetzt nicht die Beherrschung verlieren. Draco war ein Junge, ein kleiner, dummer Junge, der keine Ahnung hatte von was er da sprach. Es war Lucius Einfluß, ganz allein das war es, was ihn zu diesen Worten verleitete. Er durfte Draco keine Schuld an seinem Verhalten geben.
"Aber eines muß man Ihnen lassen, wissen Sie... er hat Ihnen bis zum letzten Moment vertraut. Hat wirklich geglaubt, Sie wären ihm treu. So ein alter Narr, er hat nie begriffen um was es wirklich geht, um Macht, um die absolute Macht über Leben und Tod. Niemals werde ich diesen Ausdruck in seinem Gesicht vergessen, wie er Sie angesehen hat! Diese Gryffindors, der Größte von Ihnen kriecht am Boden vor einem Slytherin und bettelt um sein Leben, nicht mehr wert, als der Dreck unter unseren Schuhen." Draco hatte sich dermaßen in Rage geredet, daß er gar nicht gemerkt hatte, wie sein ehemaliger Lehrer immer und immer näher auf ihn zugekommen war. Doch dann wurde er mit einem Mal in aus seinem Trance-ähnlichen Zustand gerissen, als die flache Hand Severus Snapes klatschend auf seine linke Wange schlug, den Jungen benommen einige Schritte zurücktaumeln ließ.
Verwirrt richtete sich sein Blick auf Severus, der ihn am Kragen packte und fest gegen die Wand drückte.
Kalt funkelten ihn die schwarzen, undurchdringbaren Augen an, während der Tränkemeister in gefährlich leisem Tonfall mit ihm sprach. "Jetzt hören Sie mir mal zu Draco. Danken Sie ihrer Mutter, danken Sie Gott oder wem auch immer, daß Sie überhaupt noch leben und wagen Sie es nie, niemals wieder in meiner Gegenwart in diesem Ton über einen Zauberer zu sprechen dessen Größe Sie nie, niemals, nicht einmal in ihren kühnsten Träumen werden erreichen können."
Severus verstärkte seinen Griff noch einmal, während er in die erschrocken aufgerissenen Augen des Jungen sah, fuhr jedoch in ruhigerem Tonfall als zuvor fort, "Haben sie nichts gelernt? Waren die restlichen sechs Jahre wirklich umsonst Draco? Wann werden Sie endlich ein Slytherin sein?"
"Ich BIN ein Slytherin!", brachte der Junge gepreßt hervor.
Snape schnaubte abfällig und ließ Draco los, der daraufhin unsanft zu Boden ging. "Nein, das sind Sie nicht Draco. Sie sind eine Schande für ihr Haus."
Mit diesen Worten verließ Severus Snape den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen. Dracos Wange glühte. Nicht so sehr von dem Schlag, nein, Scham und Wut trieben ihm das Blut in den Kopf. Snape hatte ihn erniedrigt und gedemütigt. Sein Vater hatte recht, Snape glaubte er wäre etwas besseres als die Malfoys, er, ein Halbblut nahm sich heraus über den Reinblütern stehen zu wollen? Wie konnte er so arrogant sein, ihn zu schlagen? Doch hatte er ihm nicht auch das Leben gerettet? Nein, er hätte Dumbledore schon noch getötet, er hatte nur noch ein wenig den Moment des Triumphes auskosten wollen. Je mehr er sich dies einredete, desto mehr glaubte er an diese Lüge. Es baute sein Selbstbewußtsein auf, es half ihm, den Schmerz zu vergessen.
Aber er war mehr Slytherin als Severus Snape es sich vorstellen konnte. Er brannte auf Rache, und er würde sie bekommen. Dafür würde er schon sorgen. Das hatte er von seinem Vater gelernt. Ein paar Übertreibungen hier, ein paar kleine Lügen dort, ein paar sicher gestreute Gerüchte und man konnte es getrost anderen überlassen einen unliebsamen Gegner aus dem Weg zu räumen. Oh ja, Severus hatte ihm selbst die Waffe in die Hand gegeben – in dem er ihm das Leben rettete – mit dem die Malfoys ihn schließlich vernichten würden.
Severus stieg seufzend die Treppen hinauf zu seinem Schlafzimmer. Er war müde, so schrecklich müde wie schon lange nicht mehr. Am Ziel angekommen, streifte er gerade noch seinen Mantel von der Schulter, warf ihn achtlos auf den Boden und legte sich ins Bett, wo er sofort die Augen schloß, um zumindest diesen ein wenig Erholung zu gönnen. Was war nur in Draco gefahren? Daß selbst er ihm eine solche Abneigung, einen solchen Haß entgegenbringen würde, damit hatte er nicht gerechnet gehabt. Doch hätte er das nicht tun müssen? Natürlich, Draco hatte sich beweisen wollen, zu schwer lastete die Bürde der Verantwortung, des sich rehabilitieren Müssens auf seinen Schultern.
Severus atmete tief durch. Es versetzte seinem Herz einen schmerzlichen Stich, als ihm schlagartig klar wurde, daß er jetzt wohl zwei Verluste würde beklagen müssen. Er hatte nicht nur Dumbledore verloren, sondern auch Draco. Nein, noch nicht ganz. Da war immer noch Unsicherheit in Dracos Augen gewesen. Er würde einen Weg finden wieder zu dem Jungen durchzudringen, ihn vielleicht doch noch davor bewahren können endgültig in Voldemorts Fänge zu geraten. Aber erst später, erst mußte er schlafen, endlich einmal schlafen.
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