Harry - Abschied vom Ligusterweg

Widersprüchliche Gefühle ergriffen von Harry Besitz, als er am Fenster stand und den Wagen der Durstleys aus der Einfahrt fahren sah. Sie waren weg. Das Haus war leer, er konnte gehen. Er konnte gehen, diese Worte hörten sich so seltsam an, so ungewohnt. Eigentlich hatte er noch nie einfach so gehen können. Von Hogwarts zu den Durstleys, von den Durstleys zurück nach Hogwarts. So war es all die Jahre gewesen, nun war es zu Ende. Er würde dieses Haus verlassen, bald, schon sehr bald, und nie wieder zurück kommen.

Nie wieder, wie seltsam sich dieser Ausdruck auf einmal anhörte, so endgültig. Doch hatte er nicht genau das all die Jahre gewollt? Diesen Haus entfliehen? Doch da waren auch Dumbledores Worte, die tief in seinem Inneren gespeichert waren. Ja, sie hatten ihn nie geliebt, dennoch hatten sie ihn aufgenommen und ihn somit wohl am Leben gehalten. Er verdankte den Durstleys ebenso sein Leben, wie Dumbledore. Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag in den Magen. Nie, nie war es ihm derart bewußt geworden. Er hatte immer nur die tiefe Abneigung gesehen, die seine Verwandten ihm entgegen gebracht hatten. Nie das Risiko, das auch sie damit auf sich genommen hatten. Die Dementoren vor knapp zwei Jahren waren nur ein Beispiel dafür, wenn auch das Deutlichste.

Schluckend, von einem plötzlich aufflammenden, schlechten Gewissen geplagt, sah er sich noch einmal in seinem Zimmer um. Nein, es war eigentlich nie sein Zimmer gewesen. Er hatte nur hier gelebt, mehr nicht. Einen Moment lachte er auf. Hatte er eben wirklich noch Schuldgefühle gehabt? Unsinn, den Durstleys gegenüber waren diese sicher unangebracht. Sie hatten ihn nie mehr gemocht, als er sie. Dennoch... da war dieses seltsame Gefühl in seinem Inneren, das ihm die Wut auf seinen Onkel und seine Tante gründlich vermieste.

Seufzend griff der Junge nach seiner gepackten Reisetasche und verließ das Zimmer, zum letzten Mal. Vorsichtig ging er die Stufen hinunter, wenngleich ihm eigentlich bewußt war, daß ihn ja doch niemand hören konnte. Das Haus war leer. Dann verharrte er auf einer der Stufen, die direkt über der Besenkammer lag, in welcher er so viele Jahre hatte leben müssen. Schlechtes Gewissen? Nein, was für einen Unsinn hatte er da gedacht? Sie hatten ihn in eine Besenkammer gesperrt, warum sollte dann er ein schlechtes Gewissen haben?

Mit einem Lächeln ging er weiter, bis er schließlich das Ende der Treppe erreichte und so kurz vor der Tür stand. Einen Moment kämpfte er gegen den plötzlichen Instinkt an, sich noch einmal umzuwenden, noch einmal durch das Haus zu gehen. Nein, er wollte einen Schlußpunkt setzen und zwar genau hier. So schluckte er, griff nach dem Türknauf, drehte diesen bis die Tür aufsprang und verließ dann das Haus im Ligusterweg 4 ohne noch einmal zurückzusehen.

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"Ron", Hermine lief wütend die Treppe hinauf, und stieß schließlich die Tür zum Zimmer ihres Schulkameraden auf. "Ron Weasley, wie oft muß man dich eigentlich rufen, damit du mal hörst?"

Langsam wandte sich der rothaarige Junge um und sah Hermine, die wütend schnaubend, mit in die Hüfte gestemmten Fäusten, vor ihm stand und ihn vorwurfsvoll ansah. Mit einem entschuldigenden Blick auf Hedwig hob er abwehrend die Arme, "Hedwig ist gerade gekommen, hatte einen Brief von Harry."

Hermine kämpfte ihre Wut nieder und kam statt dessen näher zu der Schleiereule und Ron heran. "Einen Brief von Harry? Aber er ist doch erst heute Morgen abgereist", murmelte sie, dann weiteten sich ihre Augen erschrocken, "ist etwas passiert?"

"Nein, nein, er will heute Abend kommen und sich im Besenschuppen verstecken, da sollen wir ihn dann abholen, verstehst du das?", mit diesen Worten hielt er ihr das Stück Pergament hin, damit sie selbst lesen konnte, was Harry geschrieben hatte.

Schnell überflogen ihre Augen den kurzen Text, wobei ihre Augen sich immer mehr zu engen Schlitzen verengten. "Ist er verrückt geworden? Wir sollen ausbüchsen?"

"So steht es da. Gut, daß du es auch siehst. Dachte schon ich hätte Halluzinationen."

Hermine keuchte erstickt auf. "Aber das kann nicht sein Ernst sein, ich meine, sie werden wissen, daß wir nach Hogwarts wollen, warum sollen wir dann weglaufen?"

"Vermutlich weil Mom und die anderen uns nicht gehen lassen würden. Überleg´ doch mal Hermine, was wollen wir sagen: ok Leute, wir gehen dann mal die Horkruxe suchen, zerstören sie und bevor wir es vergessen, Voldemort vernichten wir nebenbei auch nocht?"

"Nein, natürlich nicht, aber was bringt es uns, wenn wir ein paar Stunden Vorsprung haben? Morgen früh werden sie bemerken, daß wir nicht da sind. Spätestens dann folgen sie uns. Wäre alles für die Katz´, oder?"

"Schon, aber da hat Harry sich bestimmt was einfallen lassen, hoffe ich, sonst bringt Mom mich um!"