Snape - Voldemorts Ruf 2
Von der Wucht des Fluches zu Boden gerissen erkannte Severus nur schemenhaft, wie Draco näher auf ihn zukam. War das derselbe Junge, den er seit dessen Geburt kannte, den er hatte aufwachsen sehen, den er geschützt und verteidigt hatte gegen alles und jeden? Den er zu retten versucht hatte? ´Ich habe versagt´, klang es in seinem Hinterkopf, immer und immer wieder. ´Schon wieder habe ich versagt, nicht einmal diesen Jungen konnte ich vor diesem Monster schützen´, mehr konnte er nicht mehr denken, als ein zweiter Fluch seinen ohnehin schon zitternden Körper traf, eine weitere Welle des Schmerzes von ihm Besitz ergriff. Er wußte nicht, wie viele noch folgten, verzweifelt verwand er alle Kraft, die er noch aufbringen konnte darauf, sich mit all seinem Denken in die letzte Ecke seines Körpers zurückzuziehen, sich gegen die kaum noch erträglichen Schmerzen abzuschirmen.
Alles was er noch wahrnahm waren die kurzen Pausen zwischen den Flüchen, um seinen, bei jedem Atemzug schmerzenden, Lungen die Möglichkeit zu geben sich qualvoll mit Luft zu füllen. Wie durch Watte hörte er ein splitterndes Geräusch, woraus er schlußfolgerte, daß mehrere seiner Knochen gebrochen sein mußten. Doch er konnte nicht lokalisieren welche, sein ganzer Körper brannte unter immer wiederkehrenden Schmerzen. Severus konnte mit Folter umgehen, zu oft hatte er sie erleiden müssen, viel zu oft. Er konnte seinen Körper beherrschen, doch unter den ständigen physischen Schmerzen bröckelte seine innere Abwehr von Minute zu Minute.
Immer und immer wieder versuchte er sich vorzubeten, daß Draco keine Schuld traf, er unter Voldemorts Einfluß stand, er nichts dafür konnte. Doch mit jedem Fluch schwand ein kleines Stück Hoffnung, daß er recht haben könnte. ´Dumbledore... Draco... beide verloren...´, war der letzte halbwegs klare Gedanke, den er fassen konnte, bevor ihm die Sinne schwanden und sein Körper sich in eine erlösende Ohnmacht flüchtete.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------
Er zitterte, fast genauso wie der Körper, der vor ihm auf dem Boden lag. Er hatte alles genauso ausgeführt, wie sein Vater und Voldemort es von ihm verlangt hatten. Wie sie es ihm seit über einer Woche immer und immer wieder vorgebetet hatten. Jetzt mußte der Dunkle Lord doch zufrieden sein, oder? Ja, das war er wohl. Selbstgefällig waren die roten, glühenden Augen auf den am Boden liegenden Todesser gerichtet, wobei ein Lächeln der Genugtuung die schmalen Lippen Voldemorts umspielten. ´Er genießt es´, überlegte Draco, während er dankbar war für die Maske die er tragen mußte, nein, tragen durfte. Die weitere Robe überdeckte das Zittern seines Körpers, die Maske verbarg die Abscheu, welche er auf sich selbst empfand, vor den Augen der beiden Männer, die ihm gegenüber standen. Sein Vater, zurück aus Askaban, wo er seiner Meinung nach gerne hätte bleiben können.
Die
übrigen Todesser waren nach der Beendigung von Snapes Bestrafung
schnell disappariert, wohl in der Angst, selbst auch noch Opfer von
Voldemorts Lüsternheit nach Blut und Folter an diesem Tag zu
werden. Doch er hatte sich ausgetobt. Sein Gesicht war nicht mehr so
verspannt, so verbissen wie noch kurz zuvor. Alles in Draco
rebellierte, als er sah, wie sein Vater Snape unsanft mit dem Fuß
in die Seite stieß, doch er blieb stehen, ungerührt,
unbewegt. "Was soll mit ihm geschehen mein Lord?"
"Oh
Malfoy, ich weiß durchaus, was du gerne mit ihm machen würdest.
Aber nein, noch wirst du ihn nicht töten. Ich brauche Severus
Snape noch."
Malfoy blickte erstaunt auf, er hatte seine Maske
inzwischen abgenommen. "Mein Lord..."
"Willst du mir
widersprechen Lucius?"
"Nein mein Lord", sofort senkte der
weißhaarige Mann den Kopf, sah untertänig zu Boden.
Wieder ergriff Draco tiefe Abneigung gegen seinen Vater. Severus
hatte sich nie so unterworfen...
"Das ist gut Lucius, du willst
dein Leben doch nicht einfach so wegwerfen, nachdem dein Sohn es dir
gerade eben gerettet hat?", damit wandte er sich wieder an Draco,
"Das war eine beeindruckende Vorstellung Draco. Du hast dich als
würdig erwiesen im Kreis meiner Todesser. Ab heute kannst du das
Dunkle Mal, welches du vor wenigen Tagen erhalten hast, mit Stolz
tragen.", mit diesen Worten wandte er sich wieder an Lucius Malfoy.
"Laß uns gehen, ich bin sicher, deine Frau ist dankbar aus
diesem stickigen Verließ zu kommen."
Draco sah den beiden Männern nach, die nur wenige Augenblicke später disapparierten. Im selben Moment, in welchem sie verschwanden, riß er sich die Maske vom Gesicht, kniete neben Severus auf dem kalten, harten Erdboden nieder und versuchte erst gar nicht, die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. ´Was habe ich getan? Bei Merlin, was habe ich nur getan...", schluchzend griff er nach den Schultern des Mannes, der in unnatürlich verrenkter, gequälter Haltung am Boden lag. Die schwarze Robe war zerrissen, rot verfärbt von Blut, das aus unzähligen Schnittwunden aus dem Körper des Bewußtlosen rann.
Draco wußte noch selbst sehr gut, welche Schmerzen der "Sectumsempra" auslöste, doch waren seine Kenntnisse nicht so weit fortgeschritten, daß er die Verletzungen hätte heilen können. Voldemort hatte bei seinem ´Unterricht´ nicht viel Wert auf das Erlernen von Heilzaubern gelegt. Langsam spürte Draco, wie Panik von ihm Besitz zu ergreifen drohte. Was sollte er tun? Er konnte ihn ja wohl schwer hier liegen und verbluten lassen.
"Sir, bitte, wachen Sie doch auf, nur einen Moment, Sie müssen mir doch sagen, was ich tun soll!", flehte er mit erstickter Stimme, während seine Tränen unaufhaltsam auf die Robe Severus´ tropften, diese feucht werden ließen. Draco scherte sich nicht drum, nein, er schämte sich nicht seiner Tränen. Die Scham hatte bereits von ihm Besitz ergriffen, als ihm ins Bewußtsein gedrungen war, was er tat. Der Blick von Severus, als er Draco als denjenigen erkannte, der den Fluch auf ihn abgefeuert hatte, hatte ihm mehr Schmerzen bereitet, als alles, was er je zuvor in seinem Leben erleiden mußte.
Er verehrte Severus, hatte es immer getan. Sein Lehrer war ihm immer ein Vorbild gewesen, jahrelang hatte er nur den einen Wunsch gehabt, ihm nachzueifern. Dann das. Voldemort hatte ihm klar gemacht, daß er seine Aufgabe als nicht erfüllt ansah, daß das Leben von ihm selbst, von seiner Familie noch immer verwirkt war. Doch er wollte ihm noch eine Chance geben, die Bestrafung von Severus Snape. Eine Woche lang hatte Voldemort ihn unterrichtet, ihm jeden Folterfluch beigebracht, den er heute hatte anwenden müssen. Einige Zeit hatte Draco mit dem Gedanken gespielt, sich Severus anzuvertrauen, doch er hatte es nicht übers Herz gebracht. Zu groß war die Angst um das Leben seiner Mutter. So war er Severus aus dem Weg gegangen, hatte sich dessen Einfluß entzogen, wobei der Einfluß Voldemorts und seines Vaters immer stärker geworden war. Ja, er hatte ihnen geglaubt, am Ende hatte er jedes ihrer Worte geglaubt. Es war alles so logisch, so einfach logisch gewesen. Dann hatte ihn Severus heute Morgen noch geschlagen, das erste Mal, daß er überhaupt erlebt hatte, daß der ehemalige Lehrer physische Gewalt angewendet hatte. Es war der Tropfen gewesen, der gefehlt hatte, um die Worte seines Vaters endgültig als wahr zu akzeptieren. Doch Severus Blick bei dem ersten Fluch hatte die gesamte Festung der Lügen, die Voldemort und sein Vater aufgebaut hatten, mit einem Wisch beiseite gefegt.
Verzweifelt sah er sich um, er wußte nicht einmal wo er war, geschweige denn, wo er hingehen sollte. Er konnte Severus unmöglich nach Hogwarts bringen, aber wohin dann? Nach Malfoy Manor? Nein, unmöglich. Dort war sein Vater inzwischen sicher wieder. Dann kam ihm eine Idee, ja, er konnte seine Mutter holen. Sie hatte sicher eine Möglichkeit, unbemerkt das Haus zu verlassen, sie würde Severus helfen können. "Keine Sorge Professor, ich komme bald wieder, ganz bestimmt. Mum wird Ihnen helfen, bleiben Sie nur einfach ganz ruhig.", flüsterte er heiser, wohl wissen, daß der Bewußtlose ihn nicht hören konnte, doch es machte ihm selbst Mut. Dringend nötigen Mut, um mit den Folgen seiner Tat zumindest im Moment umgehen zu können. Mit einem letzten Blick auf Severus disapparierte er.
