14. Potter - Zurück in Hogwarts
Dichte Nebenschwaden hingen über dem Fuchsbaus, als Harry bei Einbrauch der Dunkelheit dort ankam. Leise öffnete er die Tür des Gartenzauns – welcher das Heim der Weasleys umgab – und sah sich für einen Moment um. Es war alles dunkel, kein Licht drang vom Inneren des Fuchsbaus hinaus in die Nacht. Offensichtlich waren alle früh schlafen gegangen, was ihn keineswegs verwunderte. Es war ein langer Tag gewesen, schon sehr früh hatten sie ihn begonnen, um ihn – Harry – schließlich zum Ligusterweg zu bringen. War das wirklich erst heute morgen gewesen? Ja, es war heute, erinnerte er sich, während ihm gewahr wurde, daß auch ihm die Müdigkeit langsam in die Knochen drang.
Vielleicht wäre es klüger gewesen, erst ein wenig zu schlafen, um neue Kräfte für das Bevorstehende zu sammeln, doch alles in ihm wehrte sich gegen Schlaf. Er hätte ohnehin keinen gefunden. Zu angespannt war sein Körper, sein Geist gefüllt mit Gedanken, Vorstellungen und Pläne. Er mußte er erst mit McGonagall sprechen. Erst, wenn der Weg frei war für seine Pläne konnte er schlafen, war an Schlaf überhaupt nur zu denken.
Anstatt den Fuchsbauch zu betreten, wandte er sich nach links, ging einen kleinen, schmalen Kiesweg entlang und erreichte am Ende von diesem schließlich den Besenschuppen, wo er auf Ron und Hermine warten wollte. Zumindest hatte er ihnen in seinem Brief mitgeteilt, daß sie am Abend hierher kommen sollten, hier würde er auf sie warten.
Zu seinem Erstaunen konnte er aus dem Inneren des Schuppens einen schwachen Lichtschein erkennen, der offensichtlich von der Spitze eines erleuchteten Zauberstabes stammte, konnte Stimmen hören, die von Innen heraus an sein Ohr drangen. Mit einem flüchtigen Lächeln ordnete er diese ihm so vertrauen Stimmen Ron und Hermine zu und war erleichtert. Die erste Hürde – daß die beiden sich unbemerkt aus dem Fuchsbau schleichen konnten – war genommen.
Vorsichtig öffnete er die Tür zu dem Schuppen, woraufhin die beiden ihm freudig entgegen kamen, er Hermine kurz umarmte und von Ron ein paar kräftigen Schläge auf die Schulter abbekam.
"Mensch Harry, was ist das für eine Aktion?", murmelte sein Freund leise, als könne sie jemand hören.
"Hab´ ich in meinem Brief doch alles erklärt, wir müssen nach Hogwarts und mit McGonagall sprechen. Tante Petunia hat mir einen Brief von Dumbledore gegeben, er hat ihn vor seinem Tod an sie geschickt, also hat er gewußt, daß Snape ihn verraten", seine Stimme verliert bei der Erwähnung dieses Namens jede Freude und nimmt einen gedrückten, zornigen Klang an, "und daß er sterben würde. Vielleicht hat er auch in Hogwarts einen Hinweis für uns hinterlassen, wo wir nach den Horkruxen suchen müssen. Was sonst könnte er mit der Hilfe gemeint haben, die er in seinem Brief erwähnt hat? Ich bin mir sicher, daß wir diese Hilfe nur in Hogwarts finden werden."
Ron und Hermine nickten zustimmend, wenn auch deutliche Sorgesfalten sich in Hermines Stirn gruben.
"Wie sollen wir nach Hogwarts kommen?"
Lächelnd zeigte Harry auf die Besen, die in dem Schuppen standen. "Nichts einfacher als das, wir fliegen."
Minerva McGonagall konnte sich mit der Situation nicht anfreunden. Seit zwei Wochen hatte sie nun improvisatorisch das Amt der Schulleiterin inne, dennoch kam es ihr falsch vor. So erschreckend falsch. Nur widerwillig saß sie hier an diesem Schreibtisch, der nicht ihrer war, in diesem Büro, in welchem sie sich noch immer wie ein Eindringling vorkam. "Oh Albus", murmelte sie wohl zum 100. Mal an diesem Tag. Ob der Direktor wohl geahnt hatte, wie sehr er fehlen würde? Er hatte seinen Tod immer mit eingeplant, hatte immer mit ihm gerechnet, wie alle Mitglieder des Phönix-Ordens. Doch daß er ihn so erleiden mußte... wieder einmal mußte die Hexe gegen aufsteigende Tränen ankämpfen. Noch immer hatte sie den Tod ihres Vorgesetzten nicht richtig verarbeitet, hatte sich nicht mit der Tatsache abfinden können, daß ausgerechnet Severus, ausgerechnet der Mensch, dem er am meisten vertraut hat, ihn aus dem Leben gerissen hatte.
Welch ein Schlag für den Orden des Phönix, welch unvorstellbar harter Schlag. Nicht nur, daß sie Albus durch dessen Tod verloren hatten, nein, auch ihre wichtigste Informationsquelle – Severus Snape – war verloren gegangen. Doch wie weit ging sein Verrat... Der Orden war in höchster Alarmbereitschaft seit Severus´ Flucht. Dennoch, die Gefahren für die Mitglieder waren nie größer als jetzt, da sie den Tränkemeister auf der gegnerischen Seite wußten. Nun mußten sie es mit Voldemort und Severus Snape aufnehmen. Nicht, daß sie ihn jemals zu ihren besten Freunden gezählt hätte, nein, das nicht. Aber Albus hatte ihm vertraut, so bedingungslos vertraut. Hatte nie ein schlechtes Wort über ihn auch nur ansatzweise zugelassen, hatte jede kritische Bemerkung im Keim erstickt. Ihr hatte dieses Vertrauen Dumbledores in diesen Mann genügt, wie auch allen anderen.
Mit einem tiefen Seufzer sah sie auf die Uhr, es war wieder einmal spät geworden, sehr spät. Was tat sie hier eigentlich? Wie viele der Schüler, die hier als Erstklässler auf ihrer Liste standen würden überhaupt kommen? Wieder einmal fragte sie sich, ob es überhaupt einen Sinn hatte, die Schule geöffnet zu lassen. Doch schnell korrigierte sie sich wieder. Ja, es hatte Sinn. Albus hätte es so gewollt. Hogwarts mußte geöffnet bleiben. Schließlich klappte sie energisch ihr Buch zu und stand auf um zu Bett zu gehen, als sie meinte von unten her Geräusche zu hören. ´Filch?´, schoß es ihr durch den Kopf, doch den Gedanken verwarf sie gleich wieder. Warum sollte der Hausmeister vor dem Wasserspeier herum schleichen? Hagrid kam ebensowenig in Frage. Beide kannten das Paßwort und hätten sie zu so später Stunde tatsächlich noch das Bedürfnis gehabt aus irgend einem Grund mit ihr zu sprechen, wären sie nach oben gekommen. Doch sie hörte Stimmen, zwar leise, aber dennoch deutlich.
Vorsichtig öffnete sie ihre Bürotür, ging nach unten, woraufhin der Wasserspeier sofort zur Seite sprang und hielt für einen Moment den Atem an, als sie ihre späten Besucher sah.
