15. Snape - Dunkelheit
Draco rannte, er rannte so schnell wie noch nie in seinem Leben die Stufen zum Zimmer seiner Mutter hinauf, wo er diese vermutete. Das ganze Erdgeschoß hatte er schon nach ihr abgesucht, sie jedoch nicht finden können. Schließlich stand er – schwer nach Luft ringend – vor der hellen Eichentür und hämmerte wild dagegen. Nur wenige Sekunden später öffnete ihm seine Mutter, deren Gesichtsausdruck von weinerlich-besorgt sofort in Freude umschlug, als sie ihren Sohn wohlbehalten vor sich sah. Noch ehe er richtig reagieren konnte, zog sie ihn in eine innige Umarmung.
"Draco, Merlin sei Dank, ich, ich habe mir solche Sorgen gemacht", murmelte sie dabei mit erstickter Stimme.
Für einen Moment ließ sich der Junge die Umarmung gefallen, entwand sich dann jedoch recht schnell wieder den Armen seiner Mutter. Natürlich war er froh und glücklich, sie wohlbehalten wieder zu sehen, doch all seine Sorge galt im Moment Severus Snape. "Mum, Severus, er, er ist schwer verletzt und ich..., bitte, wir müssen ihm helfen!"
Narzissa Malfoy schnappte willkürlich nach Luft, als sie die Worte ihres Sohnes vernahm. "Was sagst du das Draco?"
"Ich, ich mußte es tun Mom, sie wollten es so, er wollte dich töten, dich und Dad und, was hätte ich denn tun sollen?", Dracos verzweifelter Gesichtsausdruck zeigte bei der Reaktion seiner Mutter zumindest ein wenig Hoffnung. Offensichtlich war auch sie schockiert über das, was geschehen war.
"Du dummer, dummer Bengel! Glaubst du ernsthaft ich würde DAS riskieren?"
Draco riß die Augen auf. Er mußte sich verhört haben, ganz sicher, er hatte sich verhört. "Mum, wir müssen ihm doch helfen, er, er hat mir das Leben gerettet!", brachte er gepreßt hervor, während das Mienenspiel seiner Mutter immer eindeutiger wurde, während sie ihn fest am Arm packte.
"Du wirst jetzt in dein Zimmer gehen Draco und dort auf deinen Vater warten! Ich will kein, kein einziges Wort mehr über Severus Snape hören, hast du mich verstanden?"
Wie vor den Kopf geschlagen ging der Junge einige Schritte zurück. Sie hatte es wirklich gesagt, gesagt und auch so gemeint. ´Nein, nein,...", wiederholte er immer und immer wieder in seinem Kopf, bevor er es schließlich heraus schrie. "Nein! Er hat mir das Leben gerettet! Wir können ihn doch nicht einfach sterben lassen, ich,", seine Stimme wird wieder leiser, "ich will kein Mörder sein." In eben jenem Moment, in welchem die letzte Silbe von seinen Lippen kam, traf ihn ein Strahl aus dem Zauberstab seines Vaters, welcher von hinten an ihn herangekommen war. Bruchteile von einer Sekunde später konnte er sich nicht mehr rühren, der Lähmzauber hatte jede Bewegung unmöglich gemacht.
In diesem Zustand brachte sein Vater ihn auf sein Zimmer und ließ ihn auf das Bett gleiten. "Vergiß dieses Halbblut, du bist MEIN Sohn, merk dir das ein für alle mal.", mit diesen Worten verließ Lucius Malfoy den Raum und Draco – immer noch erstarrt – alleine zurück.
Unglücklicherweise machte dieser Zauber zwar jede Bewegung unmöglich, ließ das Denken jedoch weiterhin zu. So kam Draco nicht umhin das Unausweichliche festzustellen. ´Er wird sterben, durch meine Schuld... ich habe ihn umgebracht, ich ganz alleine.´
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Dunkelheit umfing ihn, als er langsam wieder zu sich kam. Das erste, was er spürte war Kälte. Es war kalt hier. Er brauchte einige Momente, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können, bereute dies jedoch sofort. ´Draco...´, war das Erste, an was er sich erinnerte und mit der Erinnerung kamen die Schmerzen, krochen zurück in jede Faser seines Körpers. Er stöhnte unterdrückt auf, als er versuchte seinen Körper in eine zumindest halbwegs passable Lage zu bringen, was ihm kaum möglich war. Er hatte einfach keine Kraft mehr dazu. ´Ich könnte hier liegen bleiben und einfach schlafen´, stellte er dann nüchtern fest. Er hatte schon viele Verletzungen davon getragen, wußte, womit sein Körper alleine fertig werden konnte und womit nicht. Die Jetzigen zählten zur letzten Sorte. Es würde vermutlich nicht einmal lange dauern, der Blutverlust war bereits beträchtlich, schon bald würden ihm die Sinne schwinden, er wäre noch nicht einmal voll bei Bewußtsein wenn es schließlich so weit war.
Verlockende Vorstellung, ja in der Tat, er würde einfach einschlafen. Was konnte er sich Besseres wünschen? Wenn da nicht diese verdammten Schmerzen wären, wäre es fast zu schön um wahr zu sein. Einige Sekunden schloß er die Augen, ja, diesen Luxus konnte er sich nun ruhig auch einmal gönnen. Sich einfach der Vorstellung hingeben. Er wäre wieder bei Dumbledore, endlich wieder. Doch wie würde der Zauberer reagieren? Vermutlich wäre er enttäuscht, daß er sich einfach so davon geschlichen hatte, ohne seinen Auftrag zu erfüllen. Nein, enttäuschen wollte er Albus nicht, das nicht auch noch. Er hatte sich selbst oft genug im Leben enttäuscht. Er durfte hier nicht aufhören, nicht hier und nicht jetzt.
Widerwillig öffnete er die Augen, ließ sie rasch über seinen Körper gleiten. ´Oh, das sieht nicht gut aus, gar nicht gut´, stellte er dabei fest und schluckte heftig. Seufzend atmete er tief durch, zumindest versuchte er das. Das widernatürliche Brennen in seiner Lunge löste einen derart heftigen Hustenanfall aus, daß er schon zu ersticken glaubte. Doch es ließ nach, gequält rang er nach Luft, was wiederum starke Schmerzen in seinem Brustkorb auslöste. ´Gebrochene Rippen´, stellte er dabei routiniert fest. ´Oh Draco, warum? Warum Draco?´, doch noch bevor er diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, wußte er die Antwort. Voldemort hatte nun einmal eine Vorliebe für solche Spielchen. Nein, Draco traf keine Schuld. Trotz allem war er ein Junge, ein 17-jähriger Junge, voller Angst und Selbstzweifel, zerrissen zwischen zwei Wegen, unsicher, welchen er beschreiten sollte. Wer sollte diese innere Zerrissenheit besser verstehen können als er selbst?
Gequält versuchte der Tränkemeister sich ein wenig aufzurichten, verwarf diesen Plan aber sofort wieder .Noch hatte er nicht die nötige Kraft dazu. Er mußte sich Zeit geben, zumindest ein wenig. Ebenso wie er wußte, daß sein Körper Zeit brauchte um sich zu erholen wußte er doch, daß er mit jeder Minute doch auch schwächer werden würde. Mühsam und unendlich langsam griff er nach seinem Zauberstab in seiner Robe, schloß – von einer neuerlichen Schmerzwelle gepeinigt – kurz die Augen und spürte schon, wie eine weitere Ohnmacht ihn zu umhüllen drohte. Doch er öffnete die Augen wieder, stoßweise atmend. Er vermied es tunlichst tief einzuatmen, die Erinnerung an den letzten Versuch pochte noch schmerzlich in seiner Brust.
Unter Auferbietung seiner letzten vorhandenen Kraftreserven richtete er den Zauberstab auf seine Brust und murmelte einen kurzen Heilzauber, um zumindest die – wohl durch den Sectumsempra verursachten – Schnittwunden zu heilen. Der Blutverlust hätte ihn früher oder später ohnmächtig werden lassen, ohne, daß er dem etwas entgegenzusetzen gehabt hätte. Kaum hatte er den Zauber ausgesprochen, fiel seine Hand kraftlos neben seinen Körper, schlossen sich seine Augen wie von alleine. ´Nicht schlafen Severus, schlaf jetzt bloß nicht ein...´
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An dieser Stelle möchte ich ein großes Dankeschön an alle bisherigen Reviewschreiber loswerden. Vielen Dank für eure Meinungen, gäbe es sie nicht, wüßte ich ja gar nicht, ob sich das Weiterschreiben überhaupt lohnt :-)
