17. Snape - Im Eberkopf
Nein, er schlief nicht ein. Er wußte, daß er womöglich nicht mehr aufwachen würde, hätte er jetzt geschlafen. Wenngleich sein Körper schmerzlich nach Schlaf, nach Ruhe verlangte, Severus wußte, daß diese Ruhe für ihn – in seinem Zustand und alleine – tödlich sein konnte. So versuchte er seinen gequälten Gliedern zumindest ein wenig Erholung zu verschaffen, indem er sich entspannte, soweit es ihm irgend möglich war. Sämtliche Fasern seiner Knochen waren auf das Äußerste gespannt, verkrampft bis ins Mark.
Er mußte zu Kräften kommen, irgendwie. So gestattete er sich zumindest die Augen zu schließen, nur ein bißchen, nur einen kleinen Moment... Doch so wie es immer war, jede verdammte Nacht seit nunmehr seit zwei Wochen, wie jeden Moment in denen er die Augen schloß, so war es auch dieses Mal. Nur wenige Sekunden der Ruhe waren ihm vergönnt, bevor ihm das Bild Albus Dumbledores wieder vor Augen kam, einher gehend mit dem inzwischen bekannten Schmerz, der ihm jeder Gedanke an den Direktor bereitete. Mit einem gequälten Stöhnen öffnete er die Augen wieder um zumindest den flehenden Gesichtsausdruck nicht mehr vor sich zu haben, während die letzten Worte des alten Mannes sich doch unauslöschbar in seinem Geist festgesetzt hatten. "Severus, Severus bitte..."
Wieder beschleunigte sich sein Herzschlag, sein Atmen wurde heftiger, doch der körperliche Schmerz, welcher durch jede kleinste Bewegung verursacht wurde, war nichts, nicht im Vergleich zu der seelischen Pein, der er Tag und Nacht ausgeliefert war, ohne die geringste Möglichkeit, dieser jemals wieder zu entrinnen. So ließ er einige Minuten verstreichen, ignorierte das dumpfe Gefühl in seinem Magen.
Nach einigen Minuten versuchte er noch einmal sich aufzurichten und tatsächlich, dieses mal gelang es ihm – wenn auch taumelnd – sogar auf die Beine zu kommen. Schwer atmend stützte er sich gegen einen der Bäume und atmete einige Male tief durch, was erneut einen heftigen Schmerz in seiner Brust verursachte, den er jedoch gekonnt unterdrückte. ´Wohin´, überlegte er dann, fand im ersten Moment keine Antwort auf seine sich selbst gestellte Frage. Sämtliche Wege waren versperrt. Nach Hogwarts? Er konnte zu Hagrid, Poppy könnte ihm helfen, aber nein, er wollte Hagrid nicht noch mehr Kummer aufladen als den, mit dem der Wildhüter ohnehin zu kämpfen hatte. Malfoy Manor war undenkbar. Schön, er konnte zurück in seine eigene Wohnung – welche er noch immer in London hatte – doch dann konnte er sich die Mühe auch sparen und ebenso hier bleiben.
Seufzend lehnte er sich nun komplett an den Baum, bevor seine Beine unter ihm nachzugeben drohten. Warum auch nicht? Er konnte sich ebenso gut wieder hinlegen, wohin sollte er gehen? ´Solltest du tatsächlich einmal nicht mehr wissen wohin Severus, gibt es ja auch immer noch Aberforth´, hörte er dann eine Erinnerung in seinem Kopf, Albus Stimme. Der Tränkemeister schloß kurz die Augen. ´Prima, Albus Bruder als letzten Ausweg, ausgerechnet´, ging es ihm dabei durch den Kopf, während er sich wieder aufrichtete. Er hatte keine andere Möglichkeit. Hier zu bleiben wäre sein Todesurteil, das wußte er. Die Nacht würde er so, ohne Hilfe, unversorgt, nicht überleben. Er war Realist genug um das zu erkennen. Bei Aberforth Dumbledore hatte er zumindest eine Chance, wenn sie auch schwindend gering war.
So nahm er seine ganze restlich verbliebene Kraft zusammen, schloß die Augen und disapparierte.
In Hogsmeade angekommen, empfing ihn peitschender Regen, der ihm geradewegs ins Gesicht schlug. Rasch zog er die Kapuze seiner Robe tiefer ins Gesicht und sah sich vorsichtig um. Die Straße war nehezu menschenleer. ´Kein Wunder bei dem Wetter´, überlegte er sich, während er sich über diesen Umstand freute. So zerschlissen wie er aussah, mühsam vor sich hin humpelnd, wäre er sofort aufgefallen. Er kam nur schleppend voran, was ihm leider die Möglichkeit gab, sich genauer umzusehen. An nahezu jeder Hauswand, jedem Baum, jedem freien Flecken war eine Seite Pergament mit seinem Bild zu sehen. "Gesucht wegen des Mordes an Prof. Albus Dumbledore", war deutlich darunter zu lesen, was Severus Verfassung keineswegs besserte.
Als er schließlich den "Eberkopf" erreichte, stellte er erleichtert fest, daß von diesem kein Licht mehr nach außen drang. Geschlossen, zumindest etwas. Fast am Ende seiner Kräfte klopfte er und ließ sich dann gegen die Hauswand gleiten, wo er wartete und hoffte noch ein wenig mehr Kraft für den restlichen Weg mobilisieren zu können. Doch viel Zeit blieb ihm nicht. Nur wenige Augenblicke später wurde die Tür geöffnet, stand Aberforth Dumbledore mit einer Laterne in der Hand im Türrahmen und sah den Neuankömmling irritiert für einige Sekunden an. "Bei Merlin...", kam es dann entsetzt über seine Lippen, was Severus ein schmales Lächeln entlockte. Was hatte er erwartet? Immerhin hatte er den Bruder dieses Mannes auf dem Gewissen.
Unfähig Aberforth in die Augen zu sehen, ging er stumm an diesem vorbei, bis er sich in der Mitte des Schrankraums befand. Dort blieb er stehen, den älteren Mann erwartungsvoll ansehend. Dieser sah sich auf der Straße noch einmal um, verschloß dann die Tür hinter sich, welche er mit einigen einfachen Verschlußzaubern sicherte, und wandte sich seinem Gast zu.
"Severus, du siehst nicht gut aus.", stellte er dann nüchtern fest, wobei Severus vergeblich auf den anklagenden, vorwurfsvollen Tonfall in dessen Stimme wartete.
"Nein", erwiderte er dann knapp und betrachtete Aberforth weiterhin, welcher nun die Laterne zur Seite stellte und dem jüngeren Mann half, den Umhang abzulegen.
"Du bist ja klatschnaß", murmelte der alte Mann, während er den Umhang dann nahm und achtlos über einen Stuhl warf, ihn dabei aber kaum aus den Augen ließ. "Du solltest schon mal hoch gehen, schaffst du das alleine? Das erste Zimmer rechts."
Severus nickte, zu müde zu widersprechen. Natürlich, er wollte die Auroren verständigen, was hatte er erwartet? Nun gut, zumindest konnte er sich so noch ein wenig ausruhen. Vielleicht blieb ihm Zeit genug um so viel Kraft zu sammeln, daß er den Auroren zumindest aufrecht, auf beiden Beinen, entgegen treten konnte. So nickte er stumm, wandte sich um und stieg dann – unter Auferbietung seiner letzten Kraftreserven – die Treppen hinauf in´s Obergeschoß. ´Zumindest das erste Zimmer, zumindest muß ich nicht mehr weit laufen´, dachte er dann erleichtert, als er die Tür öffnete und den Raum betrat. Dabei fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Fenster, an welchem jedoch jemand stand. Zuerst wollte er sich mit einem gemurmelten "entschuldigung" zurückziehen, doch dann verharrte er an Ort und Stelle, sah die Gestalt an und zuckte kurz, bevor sich die Konturen um ihn herum aufzulösen begannen, seine Beine ihm endgültig den Dienst verweigerten und er bewußtlos auf der Türschwelle zusammen brach.
