16. Potter - McGonagalls Entscheidung

Harry schlief in dieser Nacht ein, kaum, daß er seinen Körper auf der Matratze ausgestreckt hatte. So viele Gedanken waren ihm durch den Kopf gegangen, so viele Pläne, Vermutungen, Überlegungen. Doch der Tag hatte seine Spuren hinterlassen und nun mußte auch er den Tribut dafür zahlen. Erholung brachte der Schlaf jedoch keine. Die Bilder, die immer und immer wieder vor seinem geistigen Auge aufstiegen hielten ihn gefangen, selbst in seinen Träumen. Seit Tagen hatte er es verdrängt, doch hier, zurück in Hogwarts, wieder hier zu sein an dem Ort an dem Dumbledore gelebt hatte, wo er gestorben war, brachte all die Gefühle wieder in ihm hervor.

Trauer um den Verlust Albus Dumbledores, Wut auf sich selbst, weil er es nicht hatte verhindern können, Erleichterung wieder in Hogwarts zu sein und Haß, nicht zu bändigender Haß auf den Mann, der ihnen das alles angetan hatte. Snape. Immer wieder Snape. Der Haß auf seinen einstigen Tränkelehrer hatte inzwischen ein Level erreicht, von dem er niemals geglaubt hatte, daß er jemals so etwas für einen Menschen empfinden könnte. Inzwischen haßte er Snape sogar mehr als Voldemort. Voldemort war böse, durch und durch böse und machte daraus auch keinen Hehl. Aber Snape hatte sie alle getäuscht, hatte Dumbledores Vertrauen genossen. Nein, sein Verrat wog schwerer als alles, was Voldemort bislang getan hatte.

Als er schließlich am nächsten Morgen erwachte, hatte er das Gefühl, gar nicht richtig geschlafen zu haben. Hatte er das denn? Die Gedanken, die Gefühle, waren so real gewesen, waren es Träume? Oder hatte er sich irgendwo auf einer Zwischenstufe befunden, zwischen Traum und Realität? Er wußte es nicht, konnte es nicht einordnen. Alles was er wußte war, daß dumpfer Kopfschmerz hinter seiner Stirn pochte, die Konturen vor seinen Augen für einen Moment zu schwinden drohten, als er sich stöhnend aufsetzte.

"Harry, alles in Ordnung?", hörte er dann Ron´s Stimme und sah auf. Sein Freund stand bereits fertig angezogen vor ihm, ein besorgtes Lächeln im Gesicht.

"Ja, alles bestens. Hab´ nur nicht sonderlich gut geschlafen."

"Das hab´ sogar ich mitbekommen. Du hast dich die ganze Nacht hin- und hergedreht, hast ständig irgendwas von Dumbledore und Snape gesagt.", murmelte Ron unglücklich. Er wußte, welche Träume und Gedanken seinen Freund gequält hatten, doch helfen, helfen konnte er ihm nicht.

"Hm", war dann auch das Einzige, das Harry brummend erwiderte, während auch er aufstand und sich umzog.

"Meinst du", fragte Ron dann hoffnungsvoll, "es gibt Frühstück in der Großen Halle?"

"Weiß nicht, aber die Hauselfen werden uns schon nicht verhungern lassen. Ist Hermine schon wach?"

"Keine Ahnung, bin ja hier und nicht unten, oder?"

Nickend zog Harry seinen zweiten Schuh an, dann stand er auf und ging hinunter in den Gemeinschaftsraum, Ron folgte ihm.

"Na, hier ist sie zumindest nicht", stellte Ron dann mit einem Schulterzucken fest, der Gemeinschaftsraum war leer.

"Wir sollten in die Große Halle, oder zu McGonagall ins Büro, wir haben da ja noch was zu klären.", murmelte Harry dann, woraufhin die beiden den Raum durch das Portraitloch verließen.

Minerva McGonagall indes hatte eine nicht weniger schlechte Nacht hinter sich. Alles in ihr sträubte sich dagegen, diese drei Kinder alleine auf die Suche nach den Horkruxen gehen zu lassen. Ohne große Umschweife hätte sie es ihnen verboten, hätte sie notfalls eingesperrt, um es zu verhindern. Doch Albus´ Brief hatte sie nachdenklich gemacht.

Auch an diesem Morgen hatte sie noch keine Entscheidung gefällt. Unruhig – wie es sonst gar nicht ihre Art war – ging sie im Schulleiterbüro auf und ab, mehr und mehr mit sich selbst und der Welt hadernd. Albus hatte Harry diesen Brief nicht ohne Grund zukommen lassen. Vermutlich galt es nicht nur, dem Jungen Mut zu machen, sondern auch ihr einen Hinweis darauf zu geben, daß sie die drei gehen lassen konnte, mußte? Oder interpretierte sie da etwas hinein, was es nicht gab? Nein, Albus hatte immer einen Grund gehabt etwas zu tun und das hatte er auch in diesem Fall, dessen war sie sich sicher.

Dennoch wollte ihr nicht klar werden, welche Hilfe Albus in seinem Brief angesprochen hatte. Vermutlich erwarteten diese Kinder von ihr irgendeinen Hinweis, eine Hilfestellung, doch sie hatte nicht die geringste Ahnung wo diese Horkruxe sein könnte, oder auch nur eine Ahnung, wo sich ein entsprechender Hinweis von Albus befinden könnte. Hatte er überhaupt welche hinterlassen? Nein, davon ging sie nicht aus. Hätte er gewußt, wo sich die übrigen Horkruxe befinden, hätte er es Harry schon vorher mitgeteilt oder hätte den Orden davon unterrichtet. Er mußte etwas anderes, gemeint haben. Doch was, das wollte ihr einfach nicht klar werden. Dumbledore hätte so etwas niemals einfach nur so geschrieben, es mußte etwas geben, etwas, von dem sie alle noch keine Ahnung hatten. Sollte sie die Kinder unter diesen Umständen wirklich dieser Gefahr aussetzen?

Seufzend nahm sie in ihrem Sessel hinter dem Schreibtisch Platz und sah zum Bildnis Albus Dumbledores. Der gemalte Dumbledore hatte sich in der ganzen Zeit noch nicht einmal gerührt, schlief friedlich in seinem Rahmen. "Oh Albus", flüsterte sie dabei, "haben Sie eigentlich gewußt, welche unfüllbare Lücke Sie hinterlassen würden? Haben Sie gewußt, wie sehr sie allen fehlen würden? Warum haben Sie sich mir nicht anvertraut, warum nur haben Sie nicht mit mir gesprochen..."

Ihre Gedankengänge wurden erst unterbrochen, als es an der Tür klopfte, sie die Besucher herein bat. Erstaunt stellte sie dann fest, daß es sich nur um Mr. Potter und Mr. Weasley handelte, die wohl ohne ihre Freundin gekommen waren. "So die Herren, setzen Sie sich.", forderte sie die beiden dann mit fester Stimme auf, die sie erwartungsvoll ansahen. Mit einer kurzen Handbewegung hielt sie Potter dann erst einmal davon ab etwas zu sagen. "Einen Moment Mr. Potter. Ich habe über Ihr Vorhaben nachgedacht und ich muß eingestehen", sie seufzte kurz, "daß ich Ihnen nicht widersprechen kann. Albus hat sich wohl etwas dabei gedacht, Sie auf diese Reise zu schicken und ich habe nicht das Recht, Sie an diesem Vorhaben zu hindern und damit seine Pläne zu durchkreuzen."

Einen Moment war Harry erstaunt darüber, diese Worte zu hören, er hatte mit einer langen, sehr langen Diskussion gerechnet. "Wirklich?"

"Ja", erwiderte McGonagall nickend, "wirklich Mr. Potter. Dennoch sollten Sie Vorbereitungen treffen."

"Das werden wir Professor.", meinte Harry nachdenklich, "ist denn Madame Pomfrey im Schloß? Es wäre sicher vorteilhaft einige Heiltränke etc. mitzunehmen."

"Madame Pomfrey? Ja, sicher. Sie können Sie wohl in ihren Privaträumen antreffen, oder während dem Frühstück in der Großen Halle", erwiderte die Lehrerin, wobei ihr das Lächeln in Rons Gesicht bei der Erwähnung des Wortes "Frühstück" keineswegs entging. "Natürlich wird es Frühstück geben Mr. Weasley, was haben Sie denn geglaubt", ein Lächeln stahl sich bei diesen Worten auf ihre vorher so ernsten Züge, "manche Dinge müssen einfach weiter laufen."