20. Potter – Krankenflügel

Eigentlich hatte Poppy Pomfrey vor gehabt diesen Sommer an der Nordküste zu verbringen. Ja, ein wenig Urlaub hätte ihr sicher gut getan, doch die Ereignisse vor wenigen Wochen hatten auch ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nein, wenn sie auf alles Lust hatte, aber sich nicht auf Urlaub. So war sie hier geblieben, in Hogwarts, wo sie hin gehörte. Sie hatte so ein seltsames Gefühl – und das hatte sie noch nie getrübt -, daß sie hier gebraucht wurde. Fast jeden Abend verbrachte sie mit Minerva in deren Räumen, um sich zu unterhalten oder auch nur ein Gläschen Wein zu trinken.

Die stellvertretende Direktorin von Hogwarts – oh, sie wurde fuchsteufelswild, wenn sie jemand ´Direktorin´ nannte – war mit dem Verlust ihres Vorgängers noch nicht annähernd fertig geworden. Sie war nicht immer die starke Frau, wie es nach außen hin schien. Innen drinnen sah es in Minerva McGonagall wüst aus. Nicht nur der Tod von Albus, nein, auch der Verrat von Severus hatten sie mehr mitgenommen, als sie es jemals – auch sich selbst – eingestehen würde.

Ein tiefes Seufzen entwich der Medi-Hexe bei diesem Gedanken. ´Severus´ Verrat´, nein, irgendwie harmonierten diese beiden Wörter überhaupt nicht miteinander. Der Tränkemeister war mürrisch, ungerecht, immer schlecht gelaunt, ja, zweifellos. Aber er war kein Verräter. Sie würde es nicht glauben, bis zum jüngsten Tag nicht. Zu gut kannte sie ihn, zu gut kannte sie die Verbindung zwischen ihm und Dumbledore. Erst vor wenigen Tagen hatten sie mit Hagrid gesprochen, der ebenfalls noch nicht annähernd mit diesen Verlusten fertig geworden war. Der Halbriese schien ihr kaum mehr als ein Schatten seiner selbst zu sein. Fast hatte sie geglaubt, die Trauer würde ihn zerbrechen. Doch wie sollte sie diesen beiden Menschen helfen, wenn sie sich selbst kaum zu helfen wußte?

Müde ließ sie sich in ihren Sessel hinter ihrem Schreibtisch zurück sinken. Sie hatte die Zeit nutzen wollen, um noch einige alte Krankenakten auszusortieren, als es an ihrer Bürotür klopfte. "Herein", erwiderte sie, erstaunt, daß jemand den Weg in den Krankenflügel fand. Ihre Verwunderung wuchs, als sie Harry Potter und Ron Weasley hereinkommen sah. "Mr. Potter, Mr. Weasley, was führt Sie hier?"

"Wir bräuchten einige Heiltränken, Salben usw., wenn Sie uns die vielleicht zur Verfügung stellen könnten Madame Pomfrey", erklärte Harry, dessen Blick ruhelos durch den Raum glitt. Er war oft hier gewesen, Dumbledore hatte ihn immer besucht. Rasch verdrängte er diesen Gedanken und wand sich wieder der Medi-Hexe zu. Er durfte jetzt nicht an Dumbledore denken, jeder Gedanke an ihn – und dabei unweigerlich an Snape – führten dazu, daß er rasend vor Wut wurde und somit – das mußte er sich selbst eingestehen – das Risiko einging Unsinn zu bauen.

"Natürlich, natürlich", antwortete Poppy dann, wobei sie auf ihren Vorratsschrank zuging, diesen öffnete. "Bedient euch, ist ja alles vorrätig, Severus hat..."

Harry hörte nicht hin, er hörte einfach nicht hin. Sie nannte ihn noch immer ´Severus´, wie konnte sie ihn einfach so weiter bei seinem Namen nennen? Alles in ihm sträubte sich dagegen etwas zu nehmen, daß dieser zusammen gemixt hatte, doch ihm blieb keine Wahl, wenn sie in dieser Woche noch aufbrechen wollten, mußten sie sich mit dem Verfügbaren begnügen. "Danke Madame Pomfrey", brachte er dann gepreßt hervor, vermied es der Hexe dabei in die Augen zu sehen.

Poppy nickte schweigend, sie hatte das zornige Aufflackern in den Augen des Potter-Jungen durchaus gesehen. Nun, sie konnte es ihm ja nicht einmal verübeln. Die objektiven Umstände waren ja mehr als deutlich. Vielleicht hätte auch sie sich damit abfinden können, wenn da nicht ständig der kleine Severus in ihrem Hinterkopf gewesen wäre, den sie hatte aufwachsen sehen, wäre da nicht die Kenntnis über das Band gewesen, das ihn und Dumbledore verknüpft hatte. Seufzend zuckte sie mit den Schultern. "Wenn Sie Hilfe brauchen, Sie finden mich in meinem Büro."

Damit ging Poppy zurück in ihr Büro, die Stimmen von Potter und Weasley – die abfällig über Snape herzogen – möglichst ignorierend. Kaum hatte sie sich gesetzt, sah sie eine Eule, die mit ihrem Schnabel wütend gegen ihr Fenster schlug. Offensichtlich tat sie das schon eine Weile. Mit einem entschuldigenden Lächeln auf das braune Tier öffnete die Hexe das Fenster, woraufhin die Eule herein flog und sich auf dem Schreibtisch niederließ. Erstaunt löste die Medi-Hexe die kleine Pergamentrolle vom Bein des Überbringers und entrollte sie, wobei ihre Augen immer größer wurden, je mehr sie von dem Inhalt laß.

Poppy,

er hat mal wieder nicht auf dich hören wollen. Du weißt ja, er paßt nie auf sich auf. Kannst du mal vorbei kommen? Bring viel zu trinken mit, er wird es brauchen.

Aberforth Dumbledore

Poppys Herz beschleunigte sich augenblicklich. Nervös, dennoch routiniert griff sie nach ihrer Tasche und versuchte so ruhig wie möglich den Krankenflügel zu verlassen. Eile oder Sorge hätte Mr. Potter und Mr. Weasley auf den Plan gerufen, die sicher Fragen gestellt hätten. "Ich muß für eine Weile weg, Sie kommen alleine zurecht?", erkundigte sie sich beiläufig bei den beiden Jungen, nahm deren "ja sicher", aber nur noch entfernt zur Kenntnis.

Eilig verließ sie das Schloß – das nach den Vorfällen der letzten Wochen zur Sicherheit komplett vom Flohnetzwerk getrennt worden war – und hastete in den Verbotenen Wald. ´Nicht auf sich aufgepaßt, weiß der Himmel was wieder passiert ist...´, Sorge, Angst und Ungewißheit trieben die Hexe an, immer und immer schneller zu laufen, bis sie beinahe rannte. Endlich an ihrem Ziel angekommen disapparierte sie nach Hogsmeade.