22. Potter – Der Sprechende Hut
Hermine konnte es nicht glauben, sie konnte es immer noch nicht glauben. Fassungslos lief sie die dunklen Gänge von Hogwarts entlang, sie hatte verschlafen. Zum ersten Mal hatte sie wirklich verschlafen. Nun ja, nicht wirklich. Immerhin hatten sie und die Jungs keinen festen Zeitpunkt ausgemacht, wann sie zu Professor McGonagall gehen wollte. Der Gedanke an die beiden ließ jedoch auch Wut in ihr aufkommen. ´Sie hätten auf mich warten können, sie hätten auf mich warten müssen!´, überlegte sie grummelnd, während sie den Wasserspeier erreichte und ihm das Paßwort nannte, welches die Professor in ihnen am Vorabend noch mitgeteilt hatte.
Rasch ging sie hinauf, klopfte und betrat nach einem knappen "Herein" der Direktorin das Büro der Schulleiterin.
"Oh, Miss Granger, ich hatte sie vorhin schon vermißt.", begrüßte diese sie, was dazu führte, daß Hermines Wangen nun doch einen leichten Rotton annahmen.
"Tut mir leid Professor, ich, ich habe wohl verschlafen."
"Ach was, es ist kein Unterricht. Da können Sie ruhig schlafen. Nehmen Sie doch Platz."
Hermine trat an den Schreibtisch heran, wobei sie mit einem Auge das Büro absuchte. Gestern war sie so müde, so erledigt gewesen von all den Ereignissen des Tages, daß sie kaum wahrgenommen hatte, daß sich hier nichts, aber auch gar nichts verändert hatte. McGonagall hatte alles so gelassen, wie es gewesen war, als sie das letzte Mal hier gesessen hatte. Der einzige Unterschied war, daß Albus Dumbledore ihr nun nicht mehr gegenüber saß, ihr nie wieder gegenüber sitzen würde. Mit verdächtig feuchten Augen senkte sie den Blick und atmete tief durch. Es war ihr noch nie so schmerzlich bewußt geworden wie in eben diesem Moment, daß Dumbledore tot war, nie wieder kommen würde. Bislang hatte sie diese Tatsache mehr oder minder erfolgreich verdrängt.
McGonagall schien ihre inneren Gedanken zu spüren, da ihr Blick nun um ein vieles weicher wurde, die Stimme sanfter klang, als zuvor. "Mr. Potter und Mr. Weasley sind in den Krankenflügel um einige Heiltränke zu besorgen, die Sie wohl benötigen werden."
Erstaunt hob die junge Frau den Kopf. "Heißt das..."
"Ja", McGonagall seufzte schwer, "ja, das heißt, Sie können gehen."
"Das ist gut. Wir bräuchten vielleicht noch eine Karte oder so etwas ähnliches, damit wir uns nicht sofort verlaufen, wenn wir das Hogwarts-Gelände verlassen haben."
"Da haben Sie recht.", McGonagall stand auf. "Warten Sie hier, ich müßte noch eine sehr nützliche Karte in meinen Privaträumen haben.", mit diesen Worten verschwand sie auch schon aus dem Büro, wo Hermine alleine zurück blieb.
Eine Weile blieb sie noch auf ihrem Platz sitzen, doch dann stand sie auf und lief ein wenig in dem Büro umher, streichelte Fawkes, der die ganze Zeit ruhig auf seiner Stange gesessen hatte und verharrte dann vor dem alten, zerfledderten Hut, der die neuen Schüler ihren Häusern zuteilte. Er hatte die Augen auf Hermine gerichtet und sah sie eindringlich an, während dieser zunehmend unbehaglich wurde. "Oh, ähm, hallo.", brachte sie lediglich heraus, mit einem Hut zu sprechen erschien ihr doch etwas seltsam. "Du hast dir bestimmt schon ein neues Lied für das nächste Schuljahr ausgedacht, was? Schade, daß du es wohl kaum brauchen wirst...", murmelte mehr zu sich selbst.
"Oh, natürlich habe ich das, willst du es denn hören?"
Hermine überlegte einen Augenblick, wollte jedoch nicht unhöflich erscheinen und nickte pflichtschuldig, woraufhin der Sprechende Hut auch schon begann:
Die Zeit der Entscheidung ist gekommen,
ist habe es von den Gründern vernommen.
Schwere Zeiten steh´n euch nun bevor,
verschließt niemandem zu eurem Herz das Tor.
Nur wenn die Gründer wie früher vereint,
bevor der Zwist die Freunde entzweit,
wird der Sieg dem Licht gehören,
drum muß ich euch alle nun beschwören.
Auf Eure Fähigkeiten müßt ihr euch besinnen,
anders ist dieser Kampf nicht zu gewinnen!
Die Häuser alle zusammen gehören,
ihr dürft euch nicht im Streit verlieren.
Hufflepuffs Güte und Ravenclaws List,
werden helfen zu beenden den Zwist,
Gryffindors Mut braucht...
In diesem Moment betrat Professor McGonagall erneut den Raum, was dazu führte, daß Hermine sich erschrocken abwandte, der Hut augenblicklich verstummte.
"So Miss Granger, hier ist die Karte. Hat einen Moment gedauert, ich habe sie lange nicht mehr genutzt.", murmelte die Professorin, während sie Hermine einen Bogen zusammengefaltetes Pergament hin hielt, den das Mädchen mit einem dankbaren Lächeln entgegen nahm. "Danke sehr Professor."
"Na schön Miss Granger, dann gehen Sie jetzt mal in die Große Halle, vielleicht sind Ihre beiden Freunde auch schon dort."
Ohne einen weiteren Gedanken an den Hut zu verschwenden, nickte Hermine der Professorin noch einmal dankbar zu und verließ dann das Büro, um in die Große Halle zu gehen.
