24. Potter- In der Großen Halle

Die Große Halle, so vertraut über all die Jahre, doch jetzt merkwürdig fremd. Sie war das Herz Hogwarts, in ihr pulsierte das Leben. Doch nun, nun lag sie leer und tot vor ihnen. Harry sah sich mit wehmütigem Blick um. Sogar die immer lästernden und dumme Sprüche reißenden Slytherins fehlten ihm. Nie wieder würde es hier so sein, wie es früher gewesen war. Die Große Halle mochte das Herz Hogwarts sein, doch was war ein Herz ohne Seele? Ein nutzloses Ding, eigentlich ohne richtiges Leben. Ja, so war es. Ohne Dumbledore, die Seele Hogwarts, nutzte alles nichts. Selbst wenn diese Halle im September wieder mit Schülern gefüllt sein sollte – das stand noch in den Sternen – etwas würde fehlen. Der Geist Dumbledores, der in dieser Schule allgegenwärtig war, noch immer. Doch nun vermischte sich dieses Bewußtsein unweigerlich mit dem Gedanken, daß der frühere Direktor nicht mehr war.

Schmerzlich schloß Harry einen Moment die Augen, öffnete sie jedoch in jenem Moment wieder, als ihm bewußt wurde, daß jemand mit ihm sprach. Seufzend zwang er seine Augenlider wieder nach oben und sah Hermine mit einem nicht sehr glücklichen Gesicht vor sich und Ron stehen, merkte, wie sein Freund unbehaglich auf der Bank hin und her rutschte.

"Was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht?", fuhr das Mädchen seine beiden Freunde an und Harry spürte ganz deutlich, daß sie ein Problem hatten.

"Was meinst du Hermine?"

"Was wohl Harry? Ihr hättet mich wecken können! Wie hab´ ich denn vor McGonagall dagestanden?"

"Jetzt beruhige dich, wir wollten dich schlafen lassen, war ja ein langer Tag gestern", murmelte Ron verlegen. Seiner Stimme war jedoch deutlich anzumerken, daß ihm die Situation mehr als unangenehm war.

Doch anscheinend hatte Hermine nicht das Verlangen sich zu streiten, wie Harry erfreut feststellte. Mit einem letzten mürrischen Blick nahm auch sie am Gryffindor-Tisch Platz und griff nach einem Croissant, in welches sie ohne ein weiteres Wort an die Jungs zu richten, hinein biß.

Schließlich raffte sich Harry dazu auf, die unangenehme Stille, die sich zwischen den drei Freunden breit gemacht hatte, zu durchbrechen. "Wir haben uns bei Madame Pomfrey einige Heiltränke und –Salben besorgt Hermine. Sobald wir uns im Schloß ein wenig umgesehen haben, könnten wir also aufbrechen."

Hermine schüttelte so heftig den Kopf, daß ihre roten Locken nur so flogen. "Harry", begann sie in leicht genervtem Tonfall, "ich weiß nicht, was du zu finden glaubst. Aber hätte Dumbledore gewußt, wo die Horkruxe sich befinden, hätte er es dir gesagt und nicht auf ein Zettelchen geschrieben und im Schloß versteckt."

"Ich weiß", gab der Junge mürrisch zu und lenkte seinen Blick wieder auf seinen Teller.

"Und wo sollen wir dann anfangen zu suchen, Harry?"

"Ich weiß nicht Ron, in Snapes Büro und in seinen Privaträumen würde ich sagen."

Ron und Hermine sahen ihren Freund entgeistert an. Allein die Vorstellung freiwillig das Büro des Tränkemeisters zu betreten, löste ein tiefes Gefühl des Unbehagens in ihnen aus. "In Snapes Büro? Bist du irre?"

"Ron, er ist nicht mehr da, schon vergessen?"

"Nein, aber, was willst du da?"

"Vielleicht finden wir einen Hinweis auf die Treffpunkte der Todesser", wich Harry der Frage aus. Eine einleuchtendere Antwort hatte er selbst nicht. Irgendwie wollte er einfach in Snapes Büro, sich selbst beweisen, daß der Todesser ihn nicht mehr einschüchtern konnte.

Hermine nickte stumm, wenngleich ihr dieser Gedanke überhaupt nicht gefiel. "Was meinst du dort zu finden? Die Auroren haben seine Räume mit Sicherheit mehr als ein mal durchsucht. Ich glaube nicht, daß wir etwas sehen, das die nicht gefunden haben.", murmelte Hermine, "Ganz abgesehen davon. Snape ist vielleicht vieles, aber ganz sicher nicht dumm."

"Das kann man nie wissen.", murmelte Harry, nahm sich noch einen Kakao und fixierte unablässig das Müsli in seiner Schale, das er kaum angerührt hatte.