Snape - Zeit
Widerwillig hatte Albus sich dazu überreden lassen, mit Aberforth und Poppy einen kleinen Imbiß im Schankraum einzunehmen. Er hatte Severus nicht alleine lassen wollen, doch die Medi-Hexe hatte ihm versichert, daß der junge Mann kaum in der nächsten Stunde noch einmal aufwachen würde und er wußte, daß er mit seiner Kraft nicht leichtfertig umspringen durfte.
Dennoch wollte ihm das Essen nicht sonderlich schmecken. Weder das dargereichte Obst, noch die belegten Brote vermochten, sein Interesse zu wecken. Eher lustlos kaute er auf einem Stück Apfel herum, im Gedanken weit entfernt vom momentanen Gespräch, das sein Bruder und die Heilerin von Hogwarts führten. Hin und wieder drang ein Gesprächsfetzen zu ihm hindurch, ohne, daß er die Bedeutung der gesprochenen Worte so recht begriff. Es erschien ihm nicht wichtig, drehte sich um Belanglosigkeiten. Dinge, die sein Interesse momentan nicht im geringsten zu wecken vermochten.
Seine Gedanken waren bei Severus. Er hatte immer gewußt, welches Opfer er von dem jungen Mann verlangte, hatte gewußt, in welch tiefe Abgründe und nicht zu ermessende seelische Qualen er diesen stürzen würde. Doch er hatte keine Wahl gehabt, für sie beide hatte es keine Wahl gegeben. Alles in allem gesehen, konnten sie ihre derzeitige Situation als äußerst glücklich ansehen. Seufzend nahm sich Albus ein weiteres Stück Apfel, seine Gedanken jedoch drehten sich weiterhin um den Tränkemeister, der dort oben in seinem Bett lag. Bewußtlos, verletzt an Geist und Körper. Er konnte nur hoffen, daß beides wieder vollständig genesen würde.
Poppy hatte ihm versichert, daß er sich wieder vollständig erholen würde und das innerhalb kürzester Zeit. Für den Tränkemeister von Hogwarts war es kein außergewöhnlicher Zustand, in welchem sein Körper sich momentan befand. Schon oft war er schwerer verletzt gewesen, hatten sie einen Kampf führen müssen, dessen Ausgang ungewisser war als jener, dem sie nun gegenüber standen. Doch was war mit Severus Snapes Seele? Würde diese wieder heilen? Diese Frage nagte an Dumbledore, ließ es ihm eiskalt über den Rücken laufen.
Severus hatte positiver reagiert, als er es ursprünglich angenommen hatte. Nun, vermutlich weil er körperlich nicht in der Lage gewesen war zu toben. Vielleicht war es ja auch diese kühle, akzeptierende Art gewesen, die Dumbledore so nachdenklich hatte werden lassen. Vielleicht hatte er irgendwo in seinem Inneren einfach mit dem wütenden, tobenden und kraftvollen Tränkemeister gerechnet, hatte eben diesen haben wollen. Es hatte ihn immer geschmerzt Severus verletzt und schwach zu sehen. "Ich muß wieder zu ihm", brachte er dann fast flüsternd hervor, stand auf – ohne auf die halbherzigen Proteste von Poppy oder Aberforth zu hören – und saß schon wenige Minuten später wieder an Severus Bett.
Poppy Pomfrey ließ ihm ein wenig Zeit, doch nach einer Stunde entschied sie dann, daß auch sie noch einmal nach ihrem Patienten sehen mußte.
Es war ein vertrauter Anblick, er sich ihr bot, als sie das Zimmer von Severus betrat. Der Direktor, der am Bett von Severus Snape saß, seine Hand hielt und ihn einfach nur ansah. Er schien dem jungen Mann allein durch seine Anwesenheit Kraft zu geben und Poppy wußte, daß dies wohl auch in etwa so war. Albus hatte die Fenster geöffnet, wie sie mit einem zufriedenen Nicken feststellte. Frische Luft konnte nur gut sein. Die dicken, schwarzen Vorhänge, die vor den Fenstern hingen ließen zwar nicht viel Sonnenlicht herein, doch das machte nichts. Zu viel Helligkeit hatte Severus nie gemocht, er zog den Schatten vor, das hatte er sein ganzes Leben über getan.
Langsam trat sie neben Albus, ließ ihre Hand auf seine Schulter gleiten und drückte sie kurz. "Ist er noch einmal aufgewacht Albus?"
"Nein Poppy, aber er hatte auch keine Nachwirkungen. Er liegt die ganze Zeit schon so ruhig da und bewegt sich nicht, öffnet noch nicht einmal die Augen.", kam es gepreßt von Dumbledores Lippen. Poppy bemerkte sehr wohl die tiefe Traurigkeit die in der Stimme des alten Zauberers lag, doch tun konnte sie dagegen auch nichts.
"Er braucht Zeit Albus, in jeder Hinsicht. Viel Zeit."
"Zeit, die wir nicht haben Poppy."
Die Medi-Hexe seufzte, "Die wir nie hatten Albus, die er nie hatte. Ich weiß. Dennoch, es läßt sich nichts erzwingen. Er braucht Zeit."
"Nichts würde ich lieber tun, als sie ihm zu geben Poppy. Eines Tages, vielleicht schon in naher Zukunft, werden wir alle sie haben." Dumbledore hatte zwar mehr zu sich selbst gesprochen, doch Poppy nickte wissend. Seit 20 Jahren hoffte sie auf diesen Tag.
Severus fühlte die angenehme Wärme, die ihn umgab. Er wußte, hier war er in Sicherheit, unter Freunden, Albus war da. Poppy war da. Seufzend öffnete er die Augen und stellte dabei erfreut fest, daß er schon wieder kräftiger geworden war, die Augenlider nicht mehr so schwer waren. Lächelnd sah er von Albus zu Poppy und wieder zurück.
"Wie geht es dir?", hörte er dann die vertraute, wohlklingende, beruhigende Stimme der Medi-Hexe, die die ebenso vertraute Frage stellte.
"Gut", erklärte er dann und mußte zugeben, es war auch so. Es ging ihm besser, in jeder Hinsicht.
"Das freut mich zu hören. Wenn du dennoch die Freundlichkeit hättest, mich dich untersuchen zu lassen."
"Ich bin kaum in der Position mich dagegen zu wehren Madame Pomfrey."
Albus sah sich das Geplänkel der beiden lächelnd an. Ja, es ging Severus tatsächlich besser. Die Heiltränke, die er in Zusammenarbeit mit Poppy herstellte, wirkten wahre Wunder. Nickend kam er der stummen Aufforderung der Medi-Hexe nach, stand auf und verzog sich in eine stille Ecke des Raums. Er wollte die Heilerin bei ihrer Arbeit nicht behindern, sah ihr nur stumm zu, wie sie ihren Zauberstab über den nackten Oberkörper des Mannes fuhr, ihr Gesicht zufriedene Gesichtszüge annahm. Das beruhigte ihn. Bei Madame Pomfrey brauchte es nicht immer Worte, allein ihre Mimik verriet oft genug wie es um ihren Patienten stand, machte Fragen überflüssig. Eine der vielen Gaben, die die Medi-Hexe in sich vereinigte. Ja, sie war in all den Jahren eine große Stütze gewesen, nicht nur ihrer Tätigkeit als Heilerin wegen.
"Es geht dir tatsächlich besser Junge", stellte sie dann zufrieden fest, während sie ihren Zauberstab wieder in ihrer Tasche verstaute und Albus auffordernd zunickte, "ich weiß nur nicht, ob mir das gefallen soll oder nicht." Mit diesen Worten stand sie auf, überließ den Platz auf dem Stuhl wieder dem Direktor. "Was immer ihr beiden jetzt auch aushecken mögt Albus, Severus...", weiter sagte sie nichts. Die Antwort auf alle möglichen Fragen stand in den Augen der beiden Männer geschrieben. Es war noch nicht vorbei. Nichts was sie sagte oder tat, konnte daran etwas ändern. Es mußte getan werden, was nun einmal nötig war und wieder einmal war es wohl an Severus, den nötigen Preis zu zahlen. So nickte sie seufzend und verließ erneut das Zimmer, ließ die beiden Männer alleine zurück.
