29. Eine neue Nacht bricht an
Es war Abend geworden. Wieder lag eine lange, schwarze Nacht vor ihnen. Doch diese Nacht barg nicht so viel Sorgen, so viel Angst für den alten Mann, wie die vorherige. Stumm stand er am Fenster – das mit einem Sichtzauber vor neugierigen Blicken von außen geschützt war – und sah müde hinaus in die Dunkelheit. Er hatte einen langen Tag hinter sich, fürwahr. Dennoch war er positiver verlaufen, als er es sich hatte vorstellen können. Severus hatte erstaunlich gefaßt auf die Tatsachen reagiert, einzig die Erkenntnis, daß Dumbledore Hagrid – und nicht ihn – in seinen Plan eingeweiht hatte, hatte ihn ein wenig aus der Fassung gebracht.
Dumbledore drehte sich um und sah lächelnd zum Bett hinüber. Severus schlief, schon wieder. Doch Poppy hatte gesagt, daß schlafen das beste war, das er im Moment tun konnte. Wenngleich er sich schon wieder erstaunlich gut erholt hatte, brauchte er dennoch Ruhe. Ruhe, um die Kraft sammeln zu können, die er benötigte. Daß ihnen allen noch ein harter, beschwerlicher Weg bevorstand, daran hatten weder Dumbledore noch Severus Zweifel. Niemand wußte, welche Opfer, welche Entbehrungen sie alle noch bringen mußten um ihr Ziel zu erreichen.
Die Medi-Hexe war vor zwei Stunden zurück nach Hogwarts gegangen, hatte einige Heiltränke und einen Stärkungstrank zurück gelassen. Natürlich hatte sie Dumbledore zuvor das Versprechen abgenommen, sie sofort zu rufen, sollte es Severus schlechter gehen. Doch dies stand nicht zu befürchten. Etwas anderes machte dem Direktor Sorgen. Er hatte Severus nun bereits zweimal vorsichtig darauf angesprochen, wie es zu seinen Verletzungen gekommen war, der jüngere Mann hatte jedoch verbissen geschwiegen. Es hätte Albus vielleicht nicht einmal so verwundert, wäre da nicht dieser Ausdruck in Severus Augen gewesen, den er so nicht kannte. Da war ein seltsame Trauer, eine Leere zu sehen gewesen, die dem alten Zauberer einen kalten Schauer über den Rücken gejagt hatte. Er wußte nicht, was geschehen war. Er wußte nur, daß die Schmerzen darüber viel, sehr viel tiefer lagen als die äußerlichen Verletzungen und die Heilung der inneren Wunde weitaus mehr an Zeit benötigte als sie hatten.
Wieder seufzte der Direktor. Was diesem Mann in den letzten Tagen alles angetan worden war, das mochte er sich gar nicht vorstellen. Sicher hatte er auch seinen Anteil daran gehabt, doch da war mehr, sehr viel mehr geschehen. Der Direktor zog sich den Sessel – den Aberforth ihm inzwischen gebracht hatte – näher heran und ließ sich seufzend hinein fallen. Auch er war müde, schrecklich müde. Doch er wollte sich nicht erlauben zu schlafen. Sein Blick glitt über das schmale, bleiche Gesicht bis hinunter auf den nackten Oberkörper des Tränkemeisters. Die vorhandenen Narben zeugten von dem rauhen Leben, welches der junge Mann bislang hinter sich hatte. Dumbledore kannte die Entstehungsgeschichte fast jeder von ihnen. Automatisch fiel sein Blick dann auf den linken Unterarm des Mannes, auf welchem die größte Narbe prangte. Jene, die mehr schmerzte als alle anderen zusammen. Das Dunkle Mal, welches Severus für immer mit Voldemort verband, solange der Dunkle Lord nicht vernichtet war. Irgendwann – zwischen all diesen Gedanken - waren Dumbledore die Augen zugefallen, fiel er nun in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
OooOOOooo
Er kannte, er liebte diesen Blick. Den Blick vom Fenster des Jungenschlafsaales imGryffindor-Turm über die weiten Ländereien von Hogwarts. An seinem ersten Abend hier hatte er ewig am Fenster gesessen, Hedwig gestreichelt und hatte versucht zu verstehen, was innerhalb so kurzer Zeit mit ihm geschehen war. Heute war dieses Gefühl nicht mehr so überwältigend, dennoch empfand er immer wieder eine tiefe Dankbarkeit, wenn er hier saß. Es war fast so gewesen, als wäre ihm ein zweites Leben geschenkt worden. Ein Leben, weit weg von den Dursleys und dem trostlosen Dasein, das er dort hatte fristen müssen.
Doch heute beherrschte ihn ein anderes Gefühl, wenn er auch nicht so recht einzuschätzen vermochte, welches. Vorfreude, Spannung, Angst, Sorge, eine Mischung aus allem eben. Morgen früh wollten er, Hermine und Ron aufbrechen um die Horkruxe zu suchen. Sie hatten alle nötigen Vorbereitungen getroffen, alles was sie noch brauchten war ein wenig Schlaf und Erholung um Kraft zu sammeln. Keiner wußte, wo sie ihre Reise hinführen würde, wie lange sie unterwegs sein würden und ob ihr Unternehmen von Erfolg gekrönt sein würde. Nein, Harry schüttelte energisch den Kopf, sie mußten einfach Erfolg haben. Sollte ihr Vorhaben mißlingen, wäre das gleichbedeutend dem Untergang der Welt, so wie sie sie kannten.
Seine Welt war schon ein Stück weit zerbrochen, in dem Moment, in dem er Dumbledore hatte sterben sehen. Er wollte nicht auch noch den Rest dessen verlieren, was er im Leben noch hatte. Er hatte zuviel verloren. Seine Eltern, Sirius, Dumbledore. Nun hatte er es in der Hand. Er konnte verhindern, daß so etwas jemals wieder geschah und er würde es verhindern. Koste es, was es wolle. Seufzend sah der Junge in den von Sternen erleuchteten Nachthimmel. Sie leuchteten einfach so weiter, als wäre nichts geschehen, als wäre alles noch so wie an jenem Tag vor fast sieben Jahren, an dem er Hagrid das erste Mal begegnet war. Diese Vorstellung zauberte ein Lächeln auf Harrys Gesicht, wie jedes Mal, wenn er daran dachte. Es war ein gutes Gefühl, daß ihm die Erinnerungen niemals jemand würde nehmen können. Er erinnerte sich an Dumbledore, an so viele Momente, die er mit ihm geteilt hatte. Zu dumm, daß selbst in diesen Erinnerung Snape immer wie ein dunkler Schatten darin vorkam.
Irgendwann an diesem Abend begab sich dann auch Harry Potter in sein Bett. Es dauerte lange, bis er endlich einschlief und selbst im Schlaf fand er keine rechte Ruhe. Er war zu aufgewühlt. Ständig hatte er neue, quälende Bilder vor Augen. Voldemort. Snape. Dumbledore. Seine Eltern. Sirius. Es war wie ein nie endender Kreis aus Kummer, Schmerz, Angst und Tod. Doch nun konnte er diesen durchbrechen. Mit der Vernichtung von Voldemort und Snape würden diese Alpträume aufhören, würde der Kreislauf enden, niemand mehr sterben, endlich Ruhe in sein Leben einkehren.
