30. Bei Malfoys

Er rührte sich nicht. Stand einfach nur unbeweglich am Fenster. Wenngleich der Lähmzauber schon vor Stunden von ihm genommen worden war, Draco Malfoy vermochte einfach nicht Herr über seinen Körper zu werden. Er konnte sich nicht bewegen, alles an ihm schien noch erstarrt, gefangen. So sah er aus dem Fenster, sah den Regentropfen zu, die gegen die Scheibe klatschten. Sah, wie der Wind durch die Wipfel der Bäume wehte, ihre Zweige wog und die Blätter von den Ästen fallen ließ. Es interessierte ihn nicht. Nichts schien ihn mehr zu interessieren, noch einen Sinn zu machen. Sein ganzes Leben war binnen weniger Monate komplett aus den Fugen geraten.

Der Auftrag Dumbledore zu töten, die Angst um seine Mutter, die Angst vor dem Dunklen Lord und vor seinem Vater, dies alles hatte ihn einfach nur angetrieben. Er hatte eine Aufgabe gehabt, die es zu erfüllen galt. Damals konnte er sein Hirn noch ausschalten, konnte er es vermeiden zu denken. Die letzten beiden Wochen hatten für ihn nur aus Ignoranz bestanden. Er hatte einfach alles und jeden ignoriert, hatte funktioniert, wie er es immer getan hatte in diesem Haus. Oh ja, vor allem in der Gegenwart seines Vaters beherrschte er es perfekt, alles ausschalten, nur funktionieren. Von Kindesbeinen an hatte er dies gelernt. Lange genug um dieses Verhalten abzurufen, wann immer es benötigt wurde. Er hatte Severus ignoriert, wenngleich ihm dies ungemein schwer fiel, aber nicht wirklich schwierig war.

Der frühere Professor hatte sich völlig in sich zurückgezogen, hatte nur noch ein Schattendasein geführt, das man nicht mehr mit Leben bezeichnen konnte. Draco war dies nur recht gewesen. Hätte er ihn beachtet, hätte er das Gespräch mit ihm gesucht, er hätte nicht gewußt, wie er reagieren hätte reagieren sollen. Alles, alles was sein Vater und der Dunkle Lord ihm in der letzten Woche erzählt hatten, hatte so logisch geklungen, war ihm so richtig erschienen. Er war wütend auf Snape gewesen, so unglaublich wütend bei dem Gedanken, was er seinem Vater, seiner Familie alles angetan hatte. Er hatte es ihm heimzahlen wollen, alles, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er hatte seinem Vater am Schluß alles geglaubt. Sogar, daß Snape seinen – Dracos – Tod und den von Lucius Malfoy billigend in Kauf genommen hatte nur, um Dumbledore selbst zu töten und damit das Wohlwollen des Dunklen Lords auf sich zu ziehen.

Er hatte es geglaubt, ja. Snapes Ausbruch in der Bibliothek, die Ohrfeige, waren der fehlende Tropfen gewesen um ihn vollends von der Arroganz und der Selbstherrlichkeit des Todessers zu überzeugen. Doch in dem Moment, in dem sein früherer Lehrer ihn gesehen hatte, als er den ersten Folterfluch auf ihn legte, in dem Moment, in dem er die Qual, die Trauer, in den Augen des Mannes gesehen hatte, in diesem Moment hatte er seinen Glauben verloren. Nun stand er hier und hatte nichts mehr, gar nichts.

Alles, was ihm von seinem Leben übrig geblieben war, war ein Vater, der ihn belogen hatte, der ihn einfach nur für seine Zwecke mißbraucht hatte, dessen war sich Draco inzwischen fast sicher. Eine Mutter, die nicht bereit gewesen war dem Mann zu helfen, der für ihren Sohn sein Leben zu opfern bereit gewesen war. Er hatte den einzigen Menschen verloren, der immer für ihn da gewesen war. Der ihm immer zugehört hatte, ihn geschützt hatte vor allem und jedem. Er hatte ihn nicht nur verloren, er hatte ihn selbst getötet. Daß sein Vater und der Lord zu Ende einen regen Anteil an der Folterung des Todessers gehabt hatten, das zählte für Draco nicht mehr. Er hatte sich von seinem Vater und vom Dunklen Lord manipulieren lassen. Hatte ihre angebliche "Wahrheit" widerspruchslos als die seine angenommen, wenngleich er tief in seinem Herzen vielleicht die ganze Zeit gewußt hatte, daß es eine Lüge war. So wog seine Schuld um so schwerer. Severus Snape war mit seinem Bild vor Augen bewußtlos geworden, war gestorben in dem Bewußtsein, daß er – Draco Malfoy – ihm das Leben genommen hatte.

Mit einem unterdrückten Stöhnen wandte sich der Junge dann doch vom Fenster ab und stieg in sein frisch bezogenes Bett, registrierte im Unterbewußtsein den frischen, angenehmen Duft von Lavender, der von der Bettdecke ausging und kroch unter die Decke. Es dauerte nur wenige Minuten, bis der erlösende Schlaf ihn überkam und es ihm zumindest für einige Stunden erlaubte zu vergessen.

oooOOOooo

Eine angenehme Wärme ging von dem prasselnden Feuer des Kamins aus, sorgte für eine wohlige Atmosphäre in der Bibliothek von Malfoy Manor. Zufrieden ließ Lucius seinen Blick durch den Raum schweifen und seufzte unterdrückt auf. Er hatte diese Annehmlichkeiten vermißt, ohne Frage. Askaban war kein sehr angenehmer Aufenthaltsort. Wenngleich der stetig wachsende Einfluß des Lords auf das dortige Personal und insbesondere die Dementoren die Zeit, die er dort hatte fristen müssen, einigermaßen erträglich hatte sein lassen, mit dem, was er hier geboten bekam, war es natürlich nicht einmal annähernd zu vergleichen gewesen.

Zufrieden streckte er die Beine aus, ließ sich in den Sessel zurück sinken und sah mit einem spöttischen Lächeln auf die rote Flüssigkeit in seinem Weinglas. Seine Hauselfe hatte ihn davon unterrichtet, daß der Weinkeller nicht mehr sonderlich gut bestückt war, doch seine Wut darüber war recht bald verflogen. Du verdammter Mistkerl wolltest dir also tatsächlich das Hirn wegsaufen, das hätte ich nicht erwartet. Ja, diesen Gedanken hegte und pflegte er, seit er von Severus´ - Ausschweifungen – gehört hatte. Warum Severus, welche Wahrheit wolltest du damit betäuben? Doch eigentlich kannte er die Antwort auf diese Frage. Er kannte sie, ebenso wie der Dunkle Lord sie kannte. Daran hatte er keinen Zweifel. Hatte Voldemort nicht selbst immer und immer wieder erwähnt, daß da "noch viel zu viel Dumbledore" in Snapes Augen sei? Warum er ihn dann noch nicht getötet hatte, das war ihm allerdings nicht so ganz klar. Klar war lediglich, daß seine Familie ihren Teil des Spiels erfüllt und sich somit die Wertschätzung des Lords zurückerobert hatte.

Immer noch zufrieden lächelnd glitt sein Blick zur Tür, durch die Narzissa nun herein kam. Sein Lächeln wuchs in die Breite, während er seine Frau aufforderte, ihm doch Gesellschaft zu leisten und sie dieser Einladung – ebenfalls lächelnd – nachkam.

"Wein meine Liebe?"

"Danke, ein Glas, gerne."

Lucius füllte ein zweites Glas mit der blutroten Flüssigkeit und reichte es Narzissa, die es mit ihren schmalen, bleichen Fingern in Empfang nahm und sich ebenfalls in ihrem Sessel zurücklehnte.

"Dein Sohn hat dem Lord gute Dienste erwiesen."

Lucius Stimme klang ernst, daraus schlußfolgerte seine Frau, daß er sein Lob meinte, wie er es sagte. Dennoch versetzten ihr diese Worte einen leichten Stich.

"Er ist auch dein Sohn Lucius, auch du kannst stolz auf ihn sein.", antwortete sie knapp, führte ihr Glas zu den Lippen und nippte am Wein. Dabei sah sie ihren Mann aus den Augenwinkeln aufstehen und auf sie zutreten. Ein leichtes Kribbeln nahm von ihr Besitz, als er sich hinter ihr stellte, sie seinen heißen Atem in ihrem Nacken spürte. Augenblicklich reagierte ihr Körper, richteten sich die Nackenhaare auf, wobei ein leichter Schauder über ihren Rücken glitt.

"Ich weiß, daß er auch mein Sohn ist Narzissa. Wenngleich ich ebenfalls weiß, daß du es gerne andres gehabt hättest."

Der Atem der Frau beschleunigte sich kaum merklich, ihr Herz begann wild zu pochen. Wieviel hatte er schon getrunken? War er noch Herr seiner Sinne? Eine heikle Frage bei Lucius und nicht immer leicht zu beantworten. Schon gar nicht nach so langer Zeit der Trennung.

"Ich weiß nicht, wie du auf diese Vermutung kommst Lucius, das habe ich dir schon mehr als ein mal gesagt."

Mit einem Satz umrundete er den Sessel, stand nun vor ihr. Beide Arme auf die Sessellehne gestützt nahm er ihr jede Möglichkeit zur Flucht, kam immer näher an sie heran, spürte ihren schnellen Atem, sah, wie ihre Brust sich unkontrolliert hob und senkte. Sie hatte Angst, das spürte er mit jeder Faser seines Körpers und ja, so sollte es auch sein. Sie sollte Angst vor ihm haben.

"Was hast du denn Narzissa? Du scheinst mir ein wenig – nervös?"

"Ich bin nicht nervös, dafür habe ich keinen Grund."

Sie log, natürlich log sie, wie sie ihn seit Jahren anlog. Mit einem spöttischen Grinsen nahm er ihr das Glas aus der Hand und stellte es zurück auf den kleinen Tisch, der zwischen den beiden Sesseln stand. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, daß seine Frau irgend etwas in greifbarer Nähe hatte, das man als Waffe hätte einsetzen können. Dann kehrte er zurück in seine ursprüngliche Haltung und musterte die Frau eingehend. Sie war noch immer makellos schön, äußerlich makellos schön. Er wußte um ihre Vorliebe für Severus Snape, oh ja, er wußte davon und er wußte Triumphe auszukosten.

"Der Dunkle Lord hat mir von deiner gelungenen Vorstellung bei Snape erzählt. Er hat es dir tatsächlich abgekauft, nicht wahr? Du hast ihm den Unlösbaren Schwur abgerungen. Beachtliche Leistung, das muß man dir lassen. Aber du wußtest schon immer, deine Tränen sinnvoll einzusetzen."

Der Spott in Lucius Stimme forderte Narzissas ganze Selbstbeherrschung. Wenngleich sie den Tod von Severus leichter in Kauf nehmen konnte als den ihres Kindes, so würde es sie doch hart treffen, würde dieser Fall eintreten.

"Ist er tot?", preßte sie dann die Frage heraus, die ihr seit Stunden auf der Zunge lag, die sie aber nicht auszusprechen gewagt hatte.

Lucius Lächeln wuchs in die Breite. Er hörte die Angst in ihrer Stimme und er kostete sie aus, jede einzelne Sekunde. "Ich weiß es nicht", antwortete er dann wahrheitsgetreu und konnte sich wieder an diesem schockierten, unsicheren Ausdruck in ihrem Gesicht weiden.

"Was habt ihr getan?"

"Er hat seine ehrliche Strafe erhalten dafür, daß er den Befehlen des Lords zuwider gehandelt hat Narzissa, so wie das jeder von uns tut."

"Er, er hat deinem, unseren Sohn, das Leben gerettet Lucius! Wir alle wären in Ungnade gefallen wenn..."

"Nein", Malfoys Stimme war nun kaum mehr als ein Zischen, während sein Gesicht keine 5cm von dem seiner Frau mehr entfernt war. "Glaubst du ernsthaft, der Dunkle Lord hätte geglaubt Draco könne Dumbledore töten? Glaubst du einen Moment, das wäre Sinn der Sache gewesen? So dumm kannst noch nicht einmal du sein!"

"Was... aber...", Narzissa war verunsichert, sah ihren Mann ängstlich an, doch dieser verzog nur wieder spöttisch die Lippen.

"Tatsächlich, du bist so dumm. Was glaubst du, warum der Lord es dir hat durchgehen lassen, daß du zu Snape gerannt bist? Nur aus einem einzigen Grund Narzissa, weil er es genauso haben wollte. Deswegen hat er Draco ausgewählt, weil er wußte, daß seine Mutter nichts besseres zu tun haben würde als ihren geliebten Severus Snape um Hilfe zu bitten!"

Narzissas Augen weiteren sich. Plötzlich ergab das alles einen Sinn, einen so schrecklichen Sinn. Voldemort hatte sie benutzt, hatte sie manipuliert, von Anfang an. Es war nie um sie, Draoco oder Lucius gegangen.

"Es ging ihm von Anfang an um Severus..."

"Natürlich", Lucius zuckte mit den Schultern, "der Dunkle Lord ist wahrlich ein Genie und du meine kleine, dumme Gans, hättest deinen geliebten Severus beinah ans Messer geliefert."

Narzissa begann zu zittern, kaum merklich. Sie wollte ihr Kind schützen und hatte damit Draco und Severus in noch größere Gefahr gebracht. Mühsam versuchte sie sich ihr Entsetzen nicht anmerken zu lassen, während sie sprach. "Nun, er hat den Eid erfüllt, er hat Dumbledore getötet, warum hat der Lord ihn dafür bestraft?"

"Tststs", Lucius lächelte kalt, "nicht der Lord Narzissa, Draco. Immerhin mußte er sich für diese Schmach rächen, nicht wahr? Es mußte ihm eine anderweitige Möglichkeit gegeben werden seine Treue und seine Fähigkeiten zu beweisen."

Die Frau schnappte nach Luft, nein, das konnte nicht sein Ernst sein. "Schmach? Er hat ihm damit das Leben gerettet!"

Wieder lachte Malfoy. Die Wut seiner Frau versetzte ihn immer wieder in Erregung. "Severus hat einen Befehl mißachtet Narzissa, dafür mußte er bestraft werden und Draco ist zu seiner ersten Prüfung als Todesser gekommen. Jetzt kann er das Dunkle Mal mit Stolz tragen. Wir sollten den Erfolg unseres Sohnes gebührend feiern..."

Narzissa fühlte nichts mehr, nicht, daß Lucius Hände über ihren Körper glitten, nicht, daß seine Lippen sich auf ihren Mund preßten. Alles was sie fühlte war eine schreckliche Leere die sie erfaßte. Die Wahrheit drang sich unaufhaltsam in ihren Geist, ließ ihren Körper erneut zittern. Bellatrix – wäre sie nicht dabei gewesen, hätte sie sich mit Severus Wort zufrieden gegeben, ihre Schwester war es gewesen, die sie auf die Idee mit dem Unlösbaren Schwur gebracht hatte. Schon Wochen zuvor hatte sie ihr von dieser Möglichkeit erzählt einen Menschen an einen anderen zu binden. Und ihre Schwester handelte immer nur im Namen und im Auftrag des Dunklen Lords. Er hatte sie mit geschickt, sie hatte Severus unter Druck gesetzt. Warum war ihr – Narzissa - das nicht früher eingefallen? Sie hätte all das vielleicht verhindern können Doch nun, nun war es zu spät... Das was sie all die Jahre hatte verhindern wollen, war eingetreten. Ihr Sohn war zum Mörder geworden.