31. Zusammenkunft

Kälte und Dunkelheit umschlang ihn, als er auf der Waldlichtung apparierte. Instinktiv zog er seinen Umhang ein wenig enger um seine Schultern, wußte jedoch im selben Moment, daß dies kaum dazu beitragen würde, sein körperliches Unbehagen zu mindern. Seufzend glitt sein Blick hinauf zum sternenbehangenen Himmel, als er spürte, daß seine Beine wieder unter ihm nachzugeben drohten. Vorsichtig lehnte er sich gegen den nächsten Baumstamm und versuchte gleichmäßig ein- und auszuatmen. Nein, er war noch nicht wieder fit, ganz und gar nicht.

Er hatte den Ruf nicht nur erwartet, er hatte regelrecht auf ihn gewartet. Er hatte gewußt, daß er kommen würde, ebenso wie ihm klar gewesen war, daß der Mond auch in dieser Nacht wieder auf sie alle herabsehen würde. Voldemort hatte kein Interesse daran, seinen Jüngern Zeit zur Erholung zu gönnen. Er lebte, also hatte er zu folgen, gleich, in welchem Zustand er ich befinden mochte. Zwei Tage hatte er Zeit gehabt seine körperlichen und auch seelischen Verletzungen zu heilen, zwei kurze Tage. Sie hatten weder für das eine, noch für das andere gereicht.

Wie auch immer, die Situation war nicht zu ändern. Alles was ihm blieb, war, das Beste daraus zu machen, soweit es ihm möglich sein würde. So langsam spürte er, wie die Kontrolle über seinen Körper zurück kehrte. Langsam bewegte er sich von dem stützenden Baum weg und ging mit sicheren Schritten weiter. Er sah die kleine Gruppe Todesser bereits, die sich um ein helles, loderndes Feuer versammelt hatten. Als er nur noch wenige Meter von ihnen entfernt war, hörte er eine Stimme hinter sich, die ihm das Gefühl gab, als würde sich Eispickel in seinen Rücken bohren. Ebenso kalt, ebenso scharf.

„Severus, mein alter Freund."

Snape nahm sich Zeit, ehe er sich langsam herum drehte, bis er dem Mann direkt in die Augen sah. „Malfoy."

Severus Blick glitt von Lucius zu Draco, der stumm und nahezu erstarrt, mit ausdrucksloser Miene, neben seinem Vater stand. Einige Sekunden ließ er seinen Blick auf dem Jungen ruhen. Das, was er in der Miene von Draco lesen konnte, gefiel dem Tränkemeister ganz und gar nicht. Er schien fast schon apathisch, richtiggehend neben sich stehend. Für einen Moment mußte er dem Drang widerstehen, ihm seine Hand auf die Schulter zu legen, ihm zu versichern, daß es keinen Grund gab, sich schlecht zu fühlen. Doch die Wucht der Erinnerung, die nun über ihm einschlug, war einfach stärker. Wieder mußte er gegen aufkommenden Schwindel ankämpfen, mußte er all seine Kraft in die Beherrschung seiner Gesichtszüge legen, um diese unter Kontrolle halten zu können.

ooOOOoo

Draco hatte Angst. Selten zuvor in seinem Leben hatte er solche Angst gespürt, wie an diesem Abend. Die letzten beide Tage waren an ihm vorbei gelaufen wie ein einziger, nicht enden wollender Alptraum. Er war überzeugt gewesen, daß Severus tot sein mußte. Er hatte sich sogar damit abgefunden. Die Nachricht seines Vaters, daß dem nicht so war, daß Severus am Leben war, hatte ihn zu Anfang in einen wahren Freudentaumel versetzt. Doch die Ernüchterung war schnell gekommen, dafür hatte sein Vater gesorgt.

Severus Snape war nicht tot, dennoch war er für ihn – Draco – für immer verloren. Er hatte ihn gefoltert, er hatte ihn gequält, er war gegangen und hatte ihn seinem Schicksal überlassen. Severus würde ihn hassen, für den Rest seines Lebens, dessen war sich der Junge gewiß. Er konnte es ihm ja nicht einmal verübeln. Nach allem, was er dem ehemaligen Lehrer angetan hatte. Jetzt stand er hier, spürte die übermächtige Präsenz seines Vaters, ebenso wie den stechenden Blick des anderen Todessers, der seine durchdringenden, schwarzen Augen auf ihn gerichtet hatte. Draco sah nicht auf, er konnte, er wollte die Anklage, die stummen Vorwürfe in diesen Augen nicht sehen. So hielt er den Kopf gesenkt und hoffte inständig, dieser Moment würde vorüber gehen.

„Es freut mich außerordentlich, dich so munter wiederzusehen Severus", hörte er dann seinen Vater sagen und mußte einen Moment gegen den Instinkt ankämpfen, diesem seine Verlogenheit ins Gesicht zu schreien. Verstohlen hob er den Kopf, nur so weit, daß er Severus Gesicht, welches ganz auf Lucius Malfoy gerichtet war, sehen konnte.

Ein Stich durchfuhr seinen Körper, wie eine gleißend feurige Flamme, bis zu seinem Herzen. Severus sah schrecklich aus. Nie zuvor hatte er ihn in solch einem Zustand gesehen, außer an diesem Abend vor zwei Tagen. Die Tatsache, daß er für diesen Zustand verantwortlich war, machte es ihm nicht gerade einfacher sein wild pochendes Herz zu beruhigen. Severus Gesicht war noch fahler als man es von ihm gewohnt war, die Augen umrandet von dunklen Ringen. Da war nicht mehr viel übrig von dem sonst so übermächtig wirkenden, starken und selbstbewußten Tränkemeister, der seine Schüler nur mit einer bloßen Anwesenheit in Angst und Schrecken versetzen konnte.

Dennoch ging eine eigentümliche Ruhe, Kälte von dem ehemaligen Lehrer aus, während er Lucius von oben bis unten abschätzend musterte.

„Ja, das glaube ich dir auf´s Wort, ich hoffe, du hast deinen ´Sieg´ genossen, es war dein Letzter, glaub mir Lucius."

Diese beiden Sätze waren das Einzige, das er dazu zu sagen hatte, registrierte Draco. Es war derselbe abschließende, endgültige Tonfall, den er seinen Schülern gegenüber immer angeschlagen hatte und scheinbar hatte es auf Lucius dieselbe Wirkung. Verwundert mußte Draco sehen, daß sein Vater zwar noch eine Spur weißer wurde, die Lippen aufeinander preßte, bis sie zu schmalen Strichen wurden, doch nichts erwiderte. ´Er fürchtet ihn´, schoß es dem Jungen durch den Kopf. Nur so konnte er sich dieses Verhalten seines Vaters erklären und es paßte zu allem, was er in den letzten Wochen erlebt hatte.

Dieser blinde, grenzenlose Haß Lucius´ auf Snape, die Unerbitterlichkeit mit der er dessen Fall voranzutreiben suchte, die Kälte mit der er von ihm sprach. Draco hatte geglaubt, Haß und Verachtung wären der Grund für dieses Verhalten gewesen, doch nun mußte er erkennen, daß es etwas ganz anderes war. Es war Angst und Neid. Wie oft hatte er in den letzten beiden Tagen diesen zufriedenen Gesichtsausdruck in den Zügen seines Vaters gesehen hatte, wenn dieser mit Genugtuung von Snapes Fall innerhalb der Todesser gesprochen hatte. Ja, Lucius Malfoy hatte Angst vor Severus Snape. Diese Erkenntnis hätte Draco fast ein Lächeln entlockt, wenn sich die schwarzen Augen des Tränkemeisters nun nicht auf ihn gelegt hätten.

Mit pochendem Herzen sah er auf, wußte nicht, wie er diesen Blick zu deuten hatte.

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Severus hatte seine ganze Kraft aufbringen müssen, um seiner Stimme den üblichen scharfen, keinen Widerspruch duldenden, Ton zu geben. Doch es war ihm – wie er mit Genugtuung feststellte – gelungen.

„Ich möchte mit deinem Sohn sprechen – alleine." Severus sah Lucius kurz an, warf ihm einen kurzen, stechenden Blick zu, den dieser wohl verstand. Sein ehemaliger Klassenkamerad nickte nur stumm und ging dann bereits voraus, bis er den Kreis der übrigen Todesser erreicht hatte und sich nahtlos in ihre Reihe einfügte.

Severus Blick wandte sich zu Draco. Jetzt, nachdem Lucius nicht mehr in seiner unmittelbaren Nähe war, wirkte er ein wenig befreiter, nicht mehr ganz so gezwungen, wie noch vor wenigen Augenblicken. Dennoch hielt er den Blick weiterhin gesenkt, vermied es ihn – Severus – anzusehen, was diesen mit einer seltsamen Trauer belegte.

„Draco, sieh mich an."

Nur zögerlich folgte der Junge dieser Aufforderung, doch er tat es. Severus zuckte kurz beim Anblick dieses vertrauten Gesichts. Das letzte Mal, als er es gesehen hatte, schien es nicht dem Draco zu gehören, den er gekannt hatte, der nun wieder vor ihm stand.

„Warum Draco?" Er hatte dies nicht fragen wollen, eigentlich hatte er es sich verkneifen wollen. Doch jetzt waren diese Worte einfach über seine Lippen gekommen, ohne, daß er groß darüber nachgedacht hätte.

Draco zuckte bei diesen Worten, nur leicht, doch Severus konnte es dennoch deutlich erkennen. „Weil... ich...", Drocos Stimme stockte, brach ab, noch bevor er wirklich etwas gesagt hatte.

Severus nickte, der Ausdruck, den die Augen des Jungen angenommen hatten, genügten ihm. Da war weder Lucius´ Kälte, noch Berechnung oder Haß. Draco war einfach ein 17-jähriger Junge, der Angst hatte. Severus konnte sie nicht nur aus jeder Geste, jedem Blick Dracos erkennen, er spürte sie fast körperlich.

„Gehen wir, der Dunkle Lord wartet." Mit diesen Worten nahm er Draco an der Schulter und machte sich mit ihm auf den Weg zu den anderen.

ooOOOoo

Eine seltsame Erleichterung machte sich in Draco breit, als er Severus Hand an seiner Schulter spürte, gefolgt von schmerzenden Schuldgefühlen. Der Griff des Mannes war nicht annähernd so kräftig, wie er ihn gewohnt war. Dennoch war Draco dankbar, zutiefst dankbar, für diese Geste. Er wußte, wie er sie zu deuten hatte. Severus war ihm nicht mehr böse, würde ihn seine Tat nicht dadurch büßen lassen, daß er ihn ignorierte. Somit waren seine schlimmsten Befürchtungen zumindest im Sand verlaufen. Er konnte mit allem leben, er hätte es sogar verstanden, wenn Severus ihn zur Genugtuung seinerseits mit dem Cruciatos belegt hätte. Doch daß er ihn ignorierte, nicht mehr mit ihm sprach, das hätte er einfach nicht ausgehalten. Zu wichtig war ihm dieser Mensch, der ihn sein ganzes Leben lang begleitet hatte, ihm immer schützend zur Seite gestanden hatte.

Langsam näheren sich die beiden dem Kreis der Todesser. Schon einige Meter entfernt konnte Draco den Dunklen Lord in seiner Mitte ausmachen, was dazu führte, daß sein Herz erneut unkontrolliert zu pochen begann. Gleichzeitig spürte er den fester werdenden Griff Severus´, der sich nun auf einen Oberarm verlagert hatte, als wolle er ihm Halt geben. Mit Erfolg. Erleichtert stellte Draco fest, daß er es nicht verloren hatte, daß es immer noch da war. Das Gefühl der Sicherheit, das allein Severus´ Gegenwart immer in ihm ausgelöst hatte.

Die beiden nahmen ebenfalls ihre Plätze unter den Todessern ein. Voldemort hatte einen Auftrag für sie, das wußte er von seinem Vater und nun, nun war wohl die Stunde gekommen in der auch er erfahren sollte, um welchen Auftrag es sich dabei handelte.