32. Der Auftrag

Die Kälte, die zuvor nur seinen Körper erfaßt hatte, durch seine Glieder und Knochen gekrochen war, bahnte sich nun seinen Weg in sein Inneres. Kaum, daß er seinen Platz unter den Todessern, im inneren Kreis des Dunklen Lords, eingenommen hatte spürte er, wie selbst die Temperatur seines Blutes um einige Grade zu sinken schien, sein Herz von einer eisigen, starken Klaue umfaßt wurde.

Severus wußte nur zu gut, wie kritisch die nächsten Minuten werden würde. Sollte der Dunkle Lord seine Aufmerksamkeit auf ihn wenden, so brauchte es seine ganze Selbstbeherrschung, seinen ganze Disziplin, um dem Meister der Legilimentik die Stirn bieten zu können, ohne daß dieser es merkte. Inwiefern er in seinem jetzigen, noch immer geschwächten Zustand dazu in der Lage sein würde, er wollte es lieber nicht herausfinden. Doch der Dunkle Lord nahm kaum Notiz von ihm, fragte die Berichte einiger anderer Todesser ab, wobei Severus versuchte, ihre Stimme so weit es ging auszublenden. Er fühlte, wie die Schwäche wieder nach ihm griff, der Schwindel von seinem Geist Besitz ergreifen wollte. Auf eine ruhige Atmung bedacht schloß er für einen Moment die Augen, wenngleich ihm natürlich bewußt war, daß dies nicht die geeignete Methode war, dem Schwindel Herr zu werden. Doch er brauchte diese wenigen Sekunden der Ruhe um wieder Herr seines Denkens zu werden.

Mit einem tiefen, lautlosen Seufzen öffnete er die Augen, alarmiert durch leise, langsame Schritte, die auf ihn zukamen. Seine Augen sahen in jene des Dunklen Lords, rot und kalt, wie er sie kannte. Die Miene ausdruckslos, ein kaltes, diabolisches Lächeln um die schmalen, blutleeren Lippen, sah Voldemort ihn an, sein Gesicht kaum 10cm von dem des Tränkemeisters entfernt. Selbst der Atem dieses Mannes, der Severus über die Haut in seinem Gesicht strich, war kalt wie Eis, verursachte ein Gefühl, als würden 1000 kleine Nadeln sich in seine Haut bohren.

"Du lebst ja noch, mein kleiner Tränkemeister."

"Ja Mein Lord." Severus bemühte sich um einen ernsten, gleichgültigen Tonfall, wenngleich alles in ihm zitterte. Nach außen hin blieb er jedoch ruhig, ließ keine Regung, weder seines Gesichts, noch seines übrigen Körpers zu. Erstaunt stellte er fest, wie leicht ihm dies schon wieder fiel.

"Das freut mich, das freut mich. Ich habe einen Auftrag für dich Severus, in dessen Einzelheiten ich dich später unter vier Augen einweihen werde."

Snapes Herz verkrampfte sich, als sich diese Worte wie ein schmerzhafter Stich hinein bohrten. Ein Auftrag, das hieß bei Voldemort meist: quälen, foltern, töten.

Dennoch nickte er wie mechanisch, vermied es dabei jedoch den Dunklen Lord anzusehen. Er war nicht sicher, daß seine Augen ihre Abscheu nicht verraten würden, sie waren eine Schwachstelle, nicht immer zu berechnen, nicht in seinem jetzigen Zustand.

"Natürlich Mein Lord, ich bin glücklich, wenn ich Euch dienen kann."

"Ich weiß Severus, ich weiß." Keine weiteren Blick mehr auf seinen Tränkemeister werfend, entfernte sich Voldemort wieder mit ebenso leisen, langsamen Schritten, wie er zuvor auf diesen zugekommen war.

Die Kälte ließ nach, wich einem Hauch von Erleichterung. Severus gönnte sich den Luxus einmal tief durchzuatmen, die klare Luft um sich einzusaugen. So viele Jahre diente er nun dem Dunklen Lord und noch immer konnte er sich an dessen Gegenwart nicht gewöhnen, spielten seine Gefühle ihm einen Streich, wenngleich es ihm gelungen war, diese in seinem Inneren zu verbergen. Einen Moment sehnte er sich zurück nach dem kleinen Zimmer im Eberkopf, die Wärme, die Sicherheit, die er immer spürte, wenn Albus Dumbledore in der Nähe war. Doch nur einen Moment, solche Gedanken durfte er nicht zulassen, nicht hier, nicht jetzt.

Das Zusammentreffen dauerte nicht lange, schon kurze Zeit nach Voldemorts Hinweis an Severus, gebot er den meisten anderen Todessern, zu gehen. Einzig er und Severus, sowie – wie Snape mit einem Blick feststellte – die beiden Malfoys, blieben auf der Lichtung zurück.

Ein wenig verwundert kniff der Tränkemeister die Augen zusammen, konzentrierte sich dann jedoch wieder auf Voldemort, der wie eine Katze vor ihm auf und ab lief und schließlich vor ihm stehen blieb.

"Severus, in der Nacht von Dumbledores Tod, wo war er da?"

"Mein Lord", begann Severus mit fester Stimme, "das kann ich Euch nicht sagen. Dumbledore hat mich nicht immer in alle seine Schritte eingeweiht." Diese und andere Erklärungen, hatten Severus und Dumbledore – vor Ausführung dieses wahnwitzigen Planes – schließlich lange genug ausgefeilt und eingeübt. So kamen sie ihm leicht von den Lippen, wüßte er es nicht besser, hätte er es selbst für wahr nehmen können.

"Dann erkläre mir Severus, warum du dich nicht dafür interessiert hast, was der Direktor von Hogwarts treibt, wenn er nachts die Schule verläßt", bohrte Voldemort weiter, die Stimme nun einen Spur drängender, aggressiver.

"Mein Interesse war nicht von Belang, Mein Lord. Ich konnte nicht jedes Mal, wenn der Direktor die Schule verließ fragen, weshalb er dies tat. Es hätte Verdacht erregt. Der Direktor ging öfters ins Dorf um im ´Die Drei Besen´ etwas zu trinken. Es war mir nicht bewußt, daß es für Euch von Interesse war zu erfahren, wenn er dies tat."

"Kann es sein Severus, daß der Direktor an diesem Abend keineswegs in Hogsmeade war?"

Severus zog bei diesen Worten die Augenbrauen hoch, sah Voldemort erstaunt an.

"Mein Lord?"

"Dumbledore, dieser alte, senile Narr hat die letzten Stunden vor seinem Tod damit verschwendet zu suchen – und zu zerstören – was mir gehört."

Bei diesen Worten begann Severus´ Herz unkontrolliert schneller zu schlagen. Der Horkrux, warum sprach Voldemort dieses Thema an? Ahnte, oder wußte er gar, daß Dumbledore nach den Horkurxen gesucht hatte?

"Ich kann Euch nicht ganz folgen, Mein Lord."

"Das weiß ich Severus, das weiß ich. Dennoch wird es deine Aufgabe sein, mir die restlichen Gegenstände, die dieser alte Narr nicht gefunden hat, zurück zu bringen."

Severus wurde heiß und kalt zugleich. Dumbledore hatte nicht gewußt, wo die letzten beiden Horkruxe – das Dritte war Nagini, daran hatten sie beide keine Zweifel – suchen sollten. War es tatsächlich möglich, daß das Glück ihnen so dermaßen in die Hände spielte?

"Mein Lord, ich werde mein Möglichstes tun, um Euren Auftrag zu Eurer Zufriedenheit zu erfüllen."

"Das weiß ich, mein treuer Severus", flüsterte Voldemort in einer Tonart, die Severus nicht einzuschätzen wußte, die ihm dennoch einen kalten Schauder über den Rücken jagte. Während sein Blick auf Voldemort ruhte, zog dieser eine Rolle Pergament aus seinem Umhang, welche er dem Tränkemeister reichte.

"Hier Severus, hierauf findest du die Verstecke dieser Gegenstände."

Severus griff danach, versuchte dabei, ein Zittern seiner Hand zu unterdrücken. Voldemort selbst gab ihm den Schlüssel zu seiner Vernichtung in die Hand, welch Ironie.

"Malfoy und sein Sohn werden dich begleiten Severus. Die Gegenstände sind gut geschützt. Wenngleich ich keinerlei Zweifel an deinem Können hege, so ist es mir doch wohler, die beiden an deiner Seite zu wissen, um deiner eigenen Sicherheit wegen."

"Ja Mein Lord", antwortete Severus gepreßt. Das hatte ja einen Haken haben müssen.

"Du kannst gehen Severus und denk daran, diese Rolle Pergament nicht aus der Hand zu geben, du allein wirst imstande sein, den Inhalt zum Vorschein zu bringen."

Verwundert kniff Severus die Augen zusammen, schluckte die Frage hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Statt dessen wandte er sich zum Gehen, als er die Stimme des Dunklen Lords noch einmal hinter sich hörte.

"Ich habe mit Lucius und Draco noch etwas zu besprechen Severus, du kannst im Wald auf sie warten.

"Ja, Mein Lord."

oooOOOooo

Draco hatte das ganze Treffen wie in Trance wahrgenommen. Die Stimmen waren zwar zu ihm durchgedrungen, doch so richtig gehört hatte er sie nicht. Ihm waren die Bedeutung der Worte gleich gewesen. Alles was er wollte war, so schnell wie möglich von hier weg zu kommen. Nun hielt der Dunkle Lord ihn und seinen Vater auch noch zurück, nachdem er Severus bereits voraus geschickt hatte.

Möglichst unauffällig stand er einige Meter abseits von seinem Vater und dem Dunklen Lord, die auch nicht wirklich Notiz von ihm zu nehmen schienen. Er war ja auch nicht wichtig, nur ein Utensil, war nie mehr gewesen und würde wohl auch nie mehr werden. Aber er war nun einmal ein Malfoy und gehörte wohl aus diesem Grund – zumindest theoretisch – an die Seite seines Vaters. Ihm war es gleich. Wenn dies auch nach außen so aussehen mochte, innerlich hatte er sich in den letzten Stunden mehr von seinem Vater entfernt, als er es jemals für möglich gehalten hätte. Den Blick gesenkt, hörte er so nur dem Gespräch der beiden Männer zu, das nur in Fetzen zu ihm durchdrang.

"Dann... sollte er nach... leben Malfoy, was ich kaum glaube, ... du ihn töten." Dieser Satz ließ Dracos Kopf in die Höhe schnellen, sein Herz unkontrolliert schneller schlagen. ´Töten´ wiederholte er im Geiste immer und immer wieder.

Erst als sein Vater auf ihn zukam und den Jungen gebieterisch am Arm packte, wurde er aus diesen Gedanken gerissen. Kaum spürte er die Hand des Mannes auf seinem Arm, zuckte merklich zusammen, doch sein Vater schien dies nicht zu registrieren, zumindest zeigte seine Miene keinerlei Regung. Er spürte, wie sein Vater ihn mit dem Arm nach unten zwang, sich gleichzeitig selbst vor dem Dunklen Lord verbeugte, bevor dieser mit einer einem Mal verschwunden war und nur die Stille und Kühle des Waldes übrig blieb. Von einer Sekunde auf die andere schien sich sein gesamtes Umfeld verändert zu haben, war es nicht mehr so kalt, schien alles ein wenig freier, friedlicher, wie in der Gegenwart Voldemorts.

Seufzend wandte Draco sich um, als sein Vater ihn ansprach und ihm mitteilte, daß sie nun ebenfalls gehen würden. Wie mechanisch setzte er einen Fuß vor den nächsten, bis sie den Wald erreichten, wo Severus bereits auf sie wartete. Draco stutzte, als er den Tränkemeister vor sich stehen sah. Irgend etwas an diesem hatte sich verändert. Die Augen waren kalt, herausfordernd, der Blick ernst und unnachgiebig. Leise Untertöne im Ausdruck Snapes, die sein Vater nicht zu bemerken schien.

"Schön Snape, machen wir uns auf den Weg. Wir haben fünf Tage, wir sollten keine Zeit verlieren."

Dracos Blick wandte sich von seinem Vater zu Snape, der unbewegt, mit weiterhin ausdrucksloser Miene an Ort und Stelle stand, sich nicht im geringsten gerührt hatte. Ein seltsames Unbehagen machte sich in dem Jungen breit, er konnte die Spannung, die in der Luft lag, förmlich spüren.

Angst und Kälte krochen in die Glieder des Slytherins, während er versuchte, diese Szene in seinem Geist zu ordnen, als er Snapes Stimme wahrnahm.

"Du hast Recht Lucius, wir sollten in der Tat keine Zeit verlieren."

Draco kannte diesen Tonfall, er hatte ihn schon einige Male gehört und in just diesem Moment wußte er, daß er sich entscheiden mußte. Jetzt, sofort, eine Verzögerung gab es nicht. Schnell huschte sein Blick zu Snape, der nur wenige Meter neben ihm stand und ihn fragend ansah, zu seinem Vater, der völlig unschlüssig zwischen den Bäumen stand und nicht wußte, was da gerade vor sich ging.

Dracos Herz klopfte, schien zerbersten zu wollen, während sein Blut in rasanter Geschwindigkeit durch seine Adern schoß, in seinen Ohren rauschte. Er mußte sich entscheiden... aber hatte er das nicht schon vor einer ganzen Weile getan? Ja, das hatte er. So nickte er Snape nur zu, glaubte ein dünnes Lächeln um dessen Lippen spielen zu sehen.

Im nächsten Moment hob Snape zog Snape seinen Zauberstab und richtete ihn auf Draco. Erst überrascht, verwundert und auch ein wenig erschrocken, fühlte der Junge schon Augenblicke später, wie sich etwas um ihn herum aufbaute. Er war nicht erstarrt, nein, er konnte sich noch bewegen, doch sein Bewegungsfreiraum war enorm eingeschränkt. Er hob die Hand, prallte aber an einer unsichtbaren Wand ab.

´Ein magischer Schutzkreis´, schoß es ihm durch den Kopf, begleitet mit einem leichten Zittern, das von einem Körper Besitz ergriff. Ihm wurde abwechselnd warm und kalt, als er begriff, was hier tatsächlich vor sich ging, als Snape langsam seinen Zauberstab auf seine Vater richtete und dieser den seinen zog.

Wie zwei schwarze Panther beäugten sich die beiden Männer, schätzten ihren Gegner ein, bereiteten sich auf den Kampf vor, jederzeit bereit anzugreifen.

"Ich wußte, daß du ein elender Verräter bist Snape, ich wußte es von Anfang an."

"Zu dumm nur, daß du der Einzige bleiben wirst, der es weiß Malfoy, vorübergehend."

Die folgenden Worte der Männer drangen nicht mehr zu Dracos Bewußtsein vor. Mit klopfendem Herzen verfolgte er den Kampf, sah, wie Flüche hin und her schossen, beide auswichen, die Angriffe abblockten. Sie waren gleichwertige Gegner, wenngleich Draco das Gefühl hatte, Snapes Bewegungen wären etwas stockender, nicht ganz so geschmeidig, wie er es von ihm gewohnt war. ´Und ich bin schuld daran´, drang es wieder in seine Gedanken, die er sofort abzuschütteln versuchte. Er konzentrierte sich einfach auf das weitere Geschehen, hoffte mit jedem Atemzug, Snape würde seinen Vater besiegen. Mit diesem Wunsch suchte das schlechte Gewissen ihn wieder heim. War es richtig, seinem Vater eine Niederlage zu wünschen? ´Ja´, sagte eine innere Stimme in ihm, die ihm einfach nur richtig erschien.

Wenngleich Draco wußte, daß es unsinnig war, versuchte er dennoch weiter, sich aus dem Schutzkreis zu befreien um Snape nur irgendwie helfen zu können. Dabei wußte er ganz genau, daß es ihm nicht gelingen würde, nicht, bevor Snape den Schutz nicht wieder aufhob. Er hatte noch daran gedacht, den Jungen gegen evtl. verirrte Flüche zu schützen, sein Vater nicht.

Draco wußte nicht, wie lange der Kampf der beiden Männer nun schon andauerte, er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Einmal sah er Snape durch die Luft schleudern, dann seinen Vater gegen einen Baum prallen. Während schon die pure Verzweiflung nach ihm Griff, sah er dann, wie Malfoy einen Moment durch ein Rascheln im Busch unaufmerksam war, ein Fluch Snapes ihn in die Seite traf und der Mann augenblicklich erstarrte.

Eine nie gekannte Erleichterung machte sich in Draco breit, die dem Jungen fast die Tränen in die Augen trieb. Es war vorbei, zumindest für den Moment. Sekunden später spürte er, wie die Beschränkung um ihn herum zusammen brach, er sich wieder frei bewegen konnte. Einen Moment blieb er noch stehen, sammelte seine Gedanken und eilte dann auf die beiden Männer zu. Sein Vater stand noch immer erstarrt, mit zorniger Miene da, während Snape an einem Baum herunter rutschte und stöhnend auf dem kalten, harten Waldboden sitzen blieb. Sofort war Draco an seiner Seite und ging neben seinem ehemaligen Lehrer in die Knie, der ihn zwar gequält, aber dennoch lächelnd ansah.

oooOOOooo

Severus war müde, so entsetzlich müde und erschöpft, daß er sich einfach nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Nicht nur einmal hatte er während der vergangen Minuten geglaubt, Malfoy zu unterliegen und, er machte sich da nichts vor, wäre da nicht dessen Unaufmerksamkeit gewesen, ein glücklicher Augenblick, die Sache wäre wohl anders ausgegangen. Lange hätte er die Anstrengung nicht mehr durchgehalten.

"Draco", brachte er dann gepreßt hervor, als der Junge sich neben ihn kniete und besorgt ansah. "Noch kannst du zurück..."

Doch Draco schüttelte energisch den Kopf. "Nein Sir, ich habe mich entschieden. Ganz gleich was Sie tun oder vorhaben, ich werde mit Ihnen gehen." Dann hob er den Kopf und fügte leise hinzu: "Wenn Sie mir vertrauen, Sir."

Severus nickte - mit einem Anflug von Stolz, als er Dracos Worte hört - und stand langsam wieder auf, taumelte noch einmal gegen Baum und nickte Draco dann dankend zu, der ihn unterstützend am Arm gepackt hatte.

"Wir müssen weg hier."

"Aber wohin Sir?"

"Wir werden in den Eberkopf apparieren."