33. Das Pergament
Angst und Unsicherheit spiegelten sich in den Augen des blonden Jungen wider. Severus wußte, wie es in dessen Inneren aussah, wenngleich er die Entscheidung für eine Seite vor wenigen Stunden getroffen hatte, so war er sich dennoch nicht sicher, ob sie die richtige gewesen war. Wie gehetzt schweifte sein Blick durch das Zimmer, versuchte jede Einzelheit mit den Augen einzufangen um sicherzugehen, daß nirgendwo Gefahr für ihn lauerte.
Severus seufzte schwer. Vertraute der Junge ihm so wenig? Er mußte doch wissen, daß er ihm nie etwas würde antun können, ihn nicht wissentlich einer Gefahr aussetzen würde.
Doch war Dracos Verhalten, all seine Angst in Anbetracht der letzten Stunden nur allzu verständlich. Das Treffen mit Voldemort, Severus Kampf gegen seinen Vater, seine Entscheidung sich auf die Seite des Tränkemeisters und somit gegen seine Vater und wohl auch den Dunklen Lord zu stellen. Das waren mehr, wichtigere, weitreichendere Entscheidungen, als ein Junge in seinem Alter treffen sollte. Er war ein Kind, noch nicht viel mehr als ein Kind. Nun saßen sie beide hier in einem Zimmer im Eberkopf, auf zwei Sesseln, die sich gegenüber standen und schwiegen sich an. Keiner hatte bislang das Wort an den anderen gerichtet um über das zu sprechen, was im Wald, was im Schankraum geschehen war. Severus hatte Lucius Malfoy an Aberforth übergeben mit der Bitte, Remus Lupin zu verständigen, damit der Orden sich um den Todessern kümmern konnte. Draco hatte die ganze Zeit daneben gestanden, die Szene stumm beobachtet.
"Draco...", begann Severus nach einer Weile doch den Versuch einer Unterhaltung. Draco hob den Kopf, als er seinen Namen hörte und sah seinen früheren Lehrer an. Snape wußte nicht, wie er den Ausdruck in diesen Augen deuten sollte. Vielleicht war es Unsicherheit, das wäre mehr als nur verständlich gewesen.
"Draco, wir könnten dich von hier wegbringen, dich und auch deine Mutter. Ihr wäret in Sicherheit..."
Doch noch bevor der Satz zu Ende gesprochen war, schüttelte der Junge heftig, entschieden den Kopf.
"Nein Sir. Ich habe nicht vor mich zu verstecken. Ich habe mich entschieden auf Ihrer Seite zu stehen – welche auch immer das sein mag."
Nun flog doch ein leichtes Lächeln über Severus Gesicht, verspürte er fast so etwas wie Stolz auf diesen Jungen. Severus nickte kurz und stand auf.
"Du solltest schlafen Draco, es war ein langer Tag und die folgenden werden nicht leichter werden."
Einen Moment überlegte Draco, ob er Snape noch einmal zurückhalten sollte, als dieser sich anschickte den Raum zu verlassen. Er hatte noch so viele Frage, die in seinem Kopf kreisten, die beantwortet werden wollten, doch vielleicht war es jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Wenngleich Snape sich größte Mühe gegeben hatte es zu verstecken, Draco hatte ihm die Erschöpfung doch angesehen. Wieder meldete sich das schlechte Gewissen in ihm, daß ihm zuflüsterte, daß er an dieser Schwäche, dieser Erschöpfung schuld sei. Doch er drängte es zur Seite. Er würde es wieder gut machen, irgendwie, sobald sich ihm eine Gelegenheit dafür bot.
oooOOOooo
So langsam begann die Müdigkeit nach ihm zu greifen. Severus spürte, wie sie ihm langsam durch sämtliche Fasern seines Körper bis tief in die Knochen kroch und ihn zu überwältigen drohte. Doch er durfte ihr nicht nachgeben, noch nicht. Erst mußte er mit Albus sprechen. Mit einem Lächeln im Gesicht klopfte er an die entsprechende Tür und betrat dann den Raum, ohne lange auf eine Antwort zu warten.
Albus Dumbledore haßte dieses Warten, diese Unsicherheit, wenngleich beides seit Jahren seine ständigen Begleiter waren. Immer und immer wieder hatte er tage- und nächtelang auf Severus gewartet, nicht sicher, ob er den Meister der Zaubertränke jemals würde wiedersehen. Doch er war immer wieder zurück gekommen. Mal in einem besseren, mal in einem schlechteren Zustand, doch er war zurück gekommen. So auch heute. Erleichtert beobachtete der alte Mann, wie die Tür nach einem kurzen Klopfen geöffnet wurde und Severus den Raum betrat. Mit routiniertem Blick stellte er fest, daß der jüngere Mann zwar fast bis zur Gänze erschöpft, aber unverletzt war. Lächelnd wies er ihm einen Platz in einem der bequemen Sessel und beobachtete zufrieden, wie Severus sich seufzend darauf niederließ, dabei eine Pergamentrolle aus seiner Robe zog und diese zufrieden ansah.
"Alles in Ordnung Severus? Wie geht es dir?" Zwar wußte Dumbledore, daß Severus diese Frage nicht ausstehen konnte, dennoch mußte er sie stellen, nur um einfach Gewißheit zu haben, es noch einmal zu hören.
"Sicher", murmelte Severus und übergab Dumbledore dabei die Pergamentrolle. "Nur ein wenig müde, ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit Lucius."
Während Dumbledore die Pergamentrolle in die Hand nahm und sie dabei skeptisch betrachtete, meinte er: "So, inwiefern eine Auseinandersetzung?"
"Hm, Voldemort hat mich beauftragt die Horkruxe für ihn aus ihren Verstecken zu holen und ihm zurückzubringen", erklärte der Tränkemeister und wartete einen Moment, bis die erste Überraschung aus den Augen des Direktors gewichen war.
"Er hat was?"
"Ja, auf der Pergamentrolle sind wohl die Verstecke verzeichnet. Voldemort hat mir Lucius und Draco zur ´Verstärkung´ mitgegeben, seine Umschreibung für ´Bewachung´. Ich mußte Lucius also vorübergehend – stillegen."
Dumbledore nickte leicht und warf noch einmal einen besorgten Blick auf seinen Tränkemeister, bevor er das Pergament entrollte und dann beim Anblick des Inhaltes leicht aufstöhnte.
Als Severus sah, wie die Schultern des alten Mannes deutlich nach unten sackten, versetzte ihm dies einen heftigen Stich, irgend etwas stimmte nicht, das wußte er. Fragend sah er Dumbledore an, der ihn aus traurigen Augen heraus ansah.
"Was genau hat er gesagt, als er dich beauftragte, Severus?"
"Daß nur ich in der Lage wäre, dies zu tun, aber... wo sind sie Albus?"
"Ich weiß es nicht", stöhnte der Alte und hielt Severus das Pergament hin, welches vollkommen weiß war.
Severus Augen wurden zu schmalen Schlitzen, in seinem Kopf rotierte es. "Was... aber wie... ich verstehe nicht Albus."
"Severus, glaub mir, wenn es einen Weg gäbe, daß ich dies tue, würde ich es tun. Aber..."
Die Traurigkeit und Besorgnis in Dumbledores Augen ließen Severus´ Herz merklich schneller schlagen, wenngleich er noch immer nicht genau wußte, worauf der Direktor hinaus wollte, dessen Mienenspiel sprach Bände.
"Was muß ich tun?"
"Gib mir bitte deinen Arm mein Junge."
Severus reichte seinen Arm ohne zu Zögern über den Tisch, während er zusah, wie Albus ein kleines, silbernes Messer aus der Obstschale nahm und dann Severus Arm mit der linken Hand umklammerte.
"Es tut mir leid Severus, aber es ist nötig."
Snape nickte nur. Wortlos sah er zu, wie Albus mit dem Messer durch seine Haut fuhr, einen blutigen Schnitt hinterließ. Sofort führte der Direktor den Arm über das Pergament, so daß das Blut darauf hinunter tropfen konnte. Fasziniert sah Severus zu, wie das Pergament sich färbte und – kaum, daß sich auch der letzte Winkel mit Blut vollgesogen hatte – weiße, verschlungene Buchstaben sichtbar wurden.
"Kloster St. Vincent", laß Severus murmelnd und konnte dann beobachten, wie die Buchstaben langsam wieder verblaßten, das Pergament langsam wieder weiß und leer wurde.
"Albus, was..."
"Ein ziemlich alter Zauber Severus", murmelte Dumbledore, rollte das Pergament wieder zusammen und sprach einen einfachen Heilzauber um die Wunde an Severus Arm wieder zu verschließen. "Die Buchstaben werden nur durch Blut sichtbar. Durch dein Blut. Das paßt zu Voldemort."
Der jüngere Mann nickte, den Blick nach wie vor auf das Pergament geheftet. "Ich werde mich gleich auf den Weg machen."
"Nein, das wirst du nicht. Du brauchst deinen Schlaf um halbwegs bei Kräften zu bleiben Severus. Du wirst sie brauchen. Morgen früh muß reichen. Du wirst auch nicht alleine gehen."
"Ach, werde ich nicht?"
Dumbledore atmete tief durch. Seit zwei Stunden dachte er nun darüber nach, wie er Severus am besten beibringen sollte, mit wem er die Horkruxe würde suchen gehen. Daß dieser nun mit dieser Pergamentrolle zurückgekommen war, das die Verstecke enthüllte, war ein glücklicher Zufall, erleichterte die Sache jedoch kein bißchen.
"Severus", begann er dann in betont ruhigem Tonfall, "Harry hat ebenfalls vor sich auf die Suche zu begeben wie zu erwarten war. Du wirst ihn begleiten."
Für einen Moment dachte Severus, Dumbledore wolle trotz der Lage scherzen, dann keuchte er unterdrückt auf. Erinnerungen an die Nacht, in der er den Jungen das letzte Mal gesehen hatte prallten auf ihn herab. "Albus, das kann nicht dein Ernst sein!"
"Doch Severus, das ist mein vollster Ernst. Harry wird sich von diesem Vorhaben nicht abbringen lassen. Nur du weißt, wo die Horkruxe sind, zumindest der erste. Ihr werdet euch gemeinsam auf den Weg machen."
Severus schloß kurz die Augen, versuchte, die in ihm aufkeimenden Gefühle zu unterdrücken. "Er haßt mich Albus, womöglich haßt er mich sogar noch mehr als Voldemort. Der Junge denkt, ich hätte dich getötet, was glaubst du, was er nun mit mir machen möchte? Er wird nicht mit mir zusammen arbeiten Albus, niemals."
"Er wird Severus, er muß. Er hat keine Wahl, die habt ihr beide nicht."
