-1Noch immer waren Haß und Wut die vorherrschenden Gefühle im Inneren des jungen Gryffindors, während er mit seinen Freunden das Gelände von Hogwarts überquerte. Sie hatten beschlossen, ihre Suche nach den Horkruxen einfach irgendwie auf sich zukommen zu lassen - mangels anderer Optionen. So sehr er es auch gehofft hatte - es gab keinen wie auch immer gearteten Hinweis Dumbledores in Hogwarts, wo sie mit ihrer Suche beginnen sollten. Zwei quälend lange Tage hatten sie nun mit dieser im Ergebnis sinnlosen Suche verbracht, doch nun mußten sie sich langsam in Bewegung setzen. Je mehr Zeit verstrich, desto stärker wurde Voldemort, desto größer die Gefahr, daß er irgendwie hinter ihr Vorhaben kommen konnte, desto größer die Gefahr, daß er versuchen würde sie daran zu hindern.
Bislang hatten die drei Freunde ihren Weg schweigend zurückgelegt, jeder für sich gefangen in seinen eigenen Gedanken. Mit einem kurzen Seitenblick auf Ron und Hermine stellte Harry schnell fest, daß sie sich nicht weniger Sorgen machte als er. Ihm war bewußt, daß dieser Weg für sie vielleicht sogar noch schwerer war als für ihn, nein, da war er sogar ganz sicher. Er wurde angetrieben von dieser alles schlagenden Welle des Hasses, die sich jedes Mal wieder in ihm aufbaute, wenn er nur an Severus Snape dachte. Er hatte nichts zu verlieren, ihm war bereits fast alle genommen worden, was ihm jemals im Leben etwas bedeutet hatte. Doch Hermine und Ron... sie hatten alles zu verlieren, einschließlich ihrem Leben. Ein Risiko, das er nicht bereit gewesen war anzunehmen, doch die beiden hatten sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen lassen. Ein freudloses Lächeln zog bei diesem Gedanken über sein Gesicht. Er, angetrieben von purem Haß und sie, sie taten das alles aus Freunschaft, um ihm zu helfen, um ihn nicht alleine zu lassen. Dieser Gedanke drohte ihm nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen die Luft abzuschnüren. Allein die Vorstellung, daß den beiden etwas geschehen könnte trieb ihn fast in den Wahnsinn. Der durfte solche Gedanken einfach nicht zulassen, er brauchte seine Konzentration für etwas anderes...
sssSSsss
Tiefe Besorgnis
zeichnete sich auf Hermines Gesicht ab, während sie Harry von
der Seite betrachtete. Selten hatte sie ihren Freund so verbissen
erlebt wie in den letzten Stunden. Mit fast barscher Forschheit hatte
er sie und Ron immer und immer wieder angetrieben, sich endlich mal
zu beeilen. Dabei wußten sie noch nicht einmal genau, wohin ihr
Weg sie führen sollte. Doch Harry war unruhig gewesen, irgend
etwas schien ihn zu treiben und Hermine hatte das Gefühl, daß
sie lieber gar nicht wissen wollte, was das war.
Inzwischen
hatten die drei Jugendlichen den Rand des Verbotenen Waldes erreicht.
Hier endete nun der Schutz Hogwarts, der sie bislang umgeben, ihnen
Sicherheit gegeben hatte. Ein eigentümliches Gefühl erfaßte
das Mädchen, das sie sich nicht erklären konnte. Schon oft
hatten sie diesen Wald betreten, doch noch nie hatte sie dabei diese
Empfindungen gehabt, noch nie war es ihr so - endgültig -
erschienen. Fast war ihr, als würde sie eine unsichtbare Grenze
übertreten, nach der es kein Zurück gab, sie ihrem
Schicksal ausgeliefert sein würden. Doch gleichzeitig mit diesem
Gefühl machte sich auch der rationale Teil ihres Selbst wieder
bemerkbar, flüsterte ihr leise zu, daß es seit ihrem
ersten Tag in Hogwarts wohl nie wirklich ein Zurück gegeben
hatte. Von Anfang an war alles auf diese eine Aufgabe hinaus
gelaufen, der sie sich nun stellen mußten, komme was da wolle.
So spannte sie alle Musklen ihres Körpers, übertrat diese
unsichtbare Grenze und mußte erstaunt feststellen, daß
nichts passierte. Ja, und was Hermine, hast du erwartet? Das ist der
Verbotene Wald, nichts anderes. Derselbe in den du hundert Mal mit
Hagrid gegangen bist... , redete sie sich selbst zu, doch diese
Beklommenheit blieb, nein, sie verstärkte sich mit jedem
Schritt, den sie weiter in den Wald hinein gingen. Ein weiterer
Seitenblick auf ihre Freunde jedoch zeigte ihr, daß die beiden
dieses seltsame Gefühl nicht teilten. Rons Gesicht war nach wie
vor eine Mischung aus Verzweiflung und purem Unglauben darüber,
was er hier tat. Harrys Gesicht war regungslos, wie in Stein
gemeißelt, wie seit Stunden. Doch plötzlich, nachdem sie
noch einige Meter in den Wald zurückgelegt haben, veränderte
sich etwas in Harrys Miene. Noch ehe Hermine irgendwie reagieren
konnte, auch nur ansatzweise fragen konnte, hatte der dunkelhaarige
Gryffindor seinen Zauberstab gezogen und auf die Dunkelheit
gerichtet. Hermine riß die Augen auf, hörte, wie Ron an
ihrer Seite scharf die Luft einzog, als sie die Stimme ihres Freundes
hörten.
sssSSsss
Es war ein Gefühl gewesen, nicht mehr als einunbestimmtes, eigentartiges Gefühl, das Harry überkommen hatte. Fast glaubte er selbst eine Einbildung, einen Streich der Dunkelheit des Waldes, doch dann war er sich sicher gewesen, hinter diesen Büschen bewegte sich etwas. Lautlos, formenlos, nicht mehr als ein Schatten. Aber es war da und von eben diesem Schatten schien eine Kälte auszugehen, die Harry eine Gänsehaut über den Körper jagte. Eine Kälte, die er schon einmal gespürt hatte, vor noch gar nicht allzu langer Zeit. Fast automatisch, wie in Trance zog er seinen Zauberstab, achtete nicht auf Ron oder Hermine, dachte noch nicht einmal daran ihnen von seinem Verdacht etwas zu sagen. Sein ganzen Fühlen, sein ganzes Denken war nur noch auf diesen Schatten gerichtet, der hinter den Büschen auf sie lauerte. Alles um sich herum vergessend richtete er seinen Zauberstab auf den Schatten, hatte kein Ziel vor Augen, einfach nur dieses Gefühl... "Sectumsem...", hörte er sich selbst noch sagen, ehe seine Stimme ihm den Dienst versagte. Er sah den hellen Strahl noch auf sich zurasen, war jedoch nicht mehr fähig sich zu rühren, irgendwie zu reagieren, er schien wie erstarrt und nur Bruchteile von Sekunden später wurde ihm bewußt, daß er genau das war, erstarrt.
sssSSsss
Schluckend sah Severus dem aus seinem Zauberstab kommenden Strahl nach, nachdem er den Erstarrungszauber ausgesprochen, nein, nur geflüstert hatte. Tief atmete er mehr als einmal ein und aus, während er seine weiteren Schritte noch einmal genau durchdachte. Bislang war der Plan, den er und Albus ausgetüftelt hatten aufgegangen. Doch irgendwann an diesem Abend mußte er den Zauber wieder von Potter nehmen und bis dahin sollte er ihn von seinem Vorhaben überzeugt haben. Doch, auch wenn er Albus das Gegenteil versichert hatte, er glaubte nicht daran, daß es im gelingen könnte. Der Gedanke allein, daß er und der Abkömmling von James Potter zusammenarbeiten sollten, erschien ihm mehr als nur lächerlich. Allerdings blieb ihm nichts anderes übrig. Er mußte es versuchen, mußte all seine Kraft, all seine Energie auf die nächsten paar Minuten konzentrieren, um einem 16-jährigen Bengel zu erklären, was nicht zu erklären war und das schlimmste dabei war, wäre er in Harrys Situation, er würde sich selbst ebenfalls hassen...
sssSSsss
Noch immer schlug Hermines Herz bis zum Hals,
was noch verstärkt wurde durch den Umstand, daß sie nun
Ron seinen Zauberstab ziehen sah. Fast automatisch glitt ihre Hand zu
dem ihren, ihren Blick stetig auf das Gebüsch gelenkt aus
welchem der Strahl gekommen war.
"Expell...", hörte
sie Ron ansetzen, ehe dieser von einer anderen, schneidenden und doch
weichen Stimme unterbrochen wurde. Die Augen des Mädchens
weiteten sich zusehends, als der Schatten sich aus der Dunkelheit
löste und langsam, wie in Zeitlupe auf sie zukam. Unfähig
sich zu rühren, hatte sie das Gefühl, als würde sie
neben ihrem Körper stehen, hätte sie keine Kontrolle mehr
über dessen tun.
"Das brauchen Sie erst gar nicht
versuchen, Mr. Weasley", vernahm sie die Worte dieser so
vertrauten Stimme, ehe nur Bruchteile von Sekunden später ihr
Zauberstab aus ihrer Hand rutschte, sie zusehen konnte, wie dieser,
wie auch der von Ron, dem Schatten in die Hand flog. Noch immer ganz
langsam bewegten sich die hellen, feingliedrigen Hände zur
Kapuze seines schwarzen Umhangs, die sein Gesicht bislang nahezu
völlig bedeckt hatte. Hermine jedoch brauchte keine Bestätigung
mehr, sie mußte das Gesicht nicht sehen um die Stimme
zuzuordnen. Vor ihnen stand Severus Snape, der sie nun mit seinem
kalten, stechenden Blick musterte. Willkürlich hielt Hermine den
Atem an, wartete - doch auf was? Auf den ´Avada Kedavra´?
Doch hätte er sie töten wollen, hätte er es doch schon
früher tun können. Er hätte Harry töten können,
sie hätten keine Chane gegen ihn gehabt. Sie alle drei nicht,
gegen einen einzelnen Mann. Diese Erkenntnis ließ ihr Herz
merklich tiefer rutschen, nahm ihr so einiges von der Zuversicht, die
sie sich in den letzten Tagen und Stunden so mühsam aufgebaut
hatte. Lange hatte er Weg nicht gedauert...
sssSSsss
Severus sah sie, sah sie überdeutlich. Die
Angst in Grangers Augen ließ ihn innerlich erzittern. Das war
nicht die Angst der kleinen Besserwisserin vor einer schlechten Note,
nein, sie hatte Angst um ihr Leben. Er kannte diesen Blick, kannte
diesen Ausdruck in starren Augen, die damit rechneten jeden Moment zu
erlischen. Zu oft hatte er ihn gesehen, viel zu oft und viel zu oft
hatte er solche Augen zum erlischen gebracht. Aber nicht heute, nicht
bei diesen Kindern. Wenn er Glück hatte niemals wieder. Rasch
riß er seinen Blick von dem Mädchen los und ließ ihn
zu Weasley gleiten, bei dem es nicht einmal des Erstarrungszaubers
bedurfte, um ihn in einen Zustand regungsloser Erstarrung zu
versetzen. Offensichtlich reichte seine Anwesenheit bei dem
rothaarigen Gryffindor hier vollkommen aus. Dieser Umstand entlockte
ihm nun doch ein leichtes Lächeln, während er Ron und
Hermine eindringlich ansah.
"Sie beide, Sie werden sich
keinen Zentimeter von hier wegrühren. Am besten wäre, Sie
würden alle ihre Bewegungen außer Ihrer Atmung vollkommen
einstellen." Zufrieden registrierte er, daß seine Warnung
offensichtlich ankam, denn während Weasley nur stumm nickte, die
Augen weiterhin vor Schreck und Angst geweitet, wurde Hermine,
begleitet von einem leichten Nicken, merklich blasser.
Zufrieden
wandte er sich um, ging bedächtig langsam auf Harry zu. "Ich
muß sagen Mr. Potter, so sehr ich die Umstände auch
bedaure, so erfüllt es mich doch mit einer gewissen Genugtuung,
mir endlich einmal Ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein zu
können. Jetzt Mr. Potter, jetzt können wir uns
unterhalten."
