-1Im ersten Moment wußte Harry nicht richtig einzuschätzen, welches Gefühl es war, das von ihm Besitz ergriff, kaum, daß der Erstarrungszauber ihn getroffen hatte. Nur langsam lichtete sich seine Verwirrung, vermochte er es, seine wild durcheinander schlagenden Gefühle wieder zu ordnen. Er hatte Angst... diese Erkenntnis traf ihn fast noch härter, als der Fluch an sich oder die Tatsache, daß sein ihm so verhaßter ehemliger Lehrer nun mit ausdruckslosem Gesicht auf ihn zukam. Er hatte tatsächlich Angst vor Severus Snape und er wußte nicht, wie er es schaffen sollte, dieses Gefühl wieder dorthin zu drängen, wo es hingehörte, in die Tiefen seines Bewußtseins. Unaufhaltsam drängte es sich an die Oberfläche und hätte er sich bewegen können, er hätte nicht dafür garantieren können, nicht zu zittern. Er konnte nichts tun als warten. Warten darauf, was Snape mit ihm vorhatte. Warten auf den 'Avada Kedavra', auf Snapes Spott, oder auf die 'Unterhaltung', die er nun in Aussicht stellte mit ihm führen zu wollen. Die dürfte aber sehr einseitig werden, schoß es ihm noch durch den Kopf, als Snape vor ihm stehen blieb und ihn mit seinen schwarzen, alles durchdringenden Augen ansah und wieder fühlte Harry sich geschockt. Haß oder Spott suchte er in diesem Moment in diesen Augen vergebens.

Mit betont unbewegter Miene, die in seinem Inneren tobende Zerrissenheit unterdrückend, blieb Severus vor Harry stehen, musterte ihn einen Moment mit sich kaum bewegenden Augen, ehe er die Arme vor der Brust verschränkte und die Augenbrauen nach oben zog. "Nun Mr. Potter, werden Sie mir zuhören." Severus atmete tief durch, ohne sich dies von außen anmerken zu lassen. "Sie sind also auf dem Weg um die Horkruxe zu suchen", begann er mit einer Stimme, die er sich mühte so gleichgültig wie möglich klingen zu lassen und machte eine Pause, um in den Augen des Jungen die Reaktion ablesen zu können, die wohl gekommen wäre, wäre dieser noch in der Lage sich zu rühren. Er wurde nicht enttäuscht. Überraschung und Ungläubigkeit standen Harry nahezu ins Gesicht geschrieben. "Und Sie haben nicht die geringste Ahnung, wo Sie diese suchen sollen", fuhrt Severus fort, um Sekunden später wieder nach der Antwort in Harrys Augen zu suchen, die er doch bereits kannte. Nickend betrachtete er Harry noch einen Moment stumm, ehe sein Blick sich Ron und Hermine zuwandte, um zu kontrollieren, ob diese beiden seine zuvor ausgesprochene Anweisung auch noch beherzigten. Er wurde nicht enttäuscht. Wie erstarrt standen sie die wenigen Meter von ihm und Harry entfernt. "Wußte ich doch, daß bei Mr. Weasley noch nicht einmal ein Erstarrungszauber nötig ist, um ihn zu lähmen", konnte er sich eine bissige, von Spott untermalte, Bemerkung dann doch nicht verkneifen, ehe sein Blick wieder zu Harry glitt. "Sie wissen es nicht, Mr. Potter... aber ich!"

Wut, Haß, Angst, Verwirrung, eine ganze Palette von Gefühlen und Empfindungen rang in Harry nach dem vorherrschenden Platz, während dieser den Worten Snapes zuhörte. Na prima, würg mir noch eins rein, bevor du mich umbringst, warum auch nicht... Bei diesem Gedanken sah Harry für einige Augenblicke wieder Dumbledore vor sich, zusammengesunken an der Brüstung des Astronomieturms, verspottet von den ihn umgebenden Todessern. Wie eine Maus in der Falle, genau so wie er jetzt. Wehrlos seinem Henker ausgeliefert, bewegungsunfähig, so wie er vor wenigen Wochen bewegungsunfähig war, als er zusehen mußte, wie eben dieser Mann, der jetzt vor ihm stand, kalt wie ein Eisblock seinen Zauberstab hob und Dumbledore tötete. Für einen Moment fragte sich Harry, ob Snapes Augen ebenso ausdruckslos sein würden, wenn er ihn tötete, oder ob er selbst in diesem Moment noch seinen unvergleichlichen Spott ihm gegenüber offen zeigen würde.

Wieder wartete Severus einen Moment, um seine Worte auf Harry wirken zu lassen, ehe er für seinen Gegenüber umbemerkt tief durchatmet und fortfährt. "Ich Mr. Potter, kenne das Versteck des ersten Horkrux' und aus diesem Grund, werde ich Sie auf Ihrer Suche nach diesen begleiten."

Für einige Zeit herrschte eine derartige Stille, als hätten sogar die Tiere des Waldes den Atem angehalten, der Wind, der zuvor durch die Blätter rauschte, innegehalten, um sicher zu gehen, daß diese Worte tatsächlich ausgesprochen waren. Ungläubigkeit löste nun den zuvor zornigen Blick Harrys ab, der nach wie vor regungsunfähig vor Snape stand und dessen Worte im Geist so oft wiederholte, bis er glaubte, sie wären nie gesagt worden. Zu absurd war das, was Snape da eben sagte, als daß er dem hätte Glauben schenken können. Er wollte ihn begleiten? Ihm, Harry helfen? Absurd, vollkommen absurd. Doch Snapes Gesicht erweckte nicht den Anschein, als hätte er einen Witz gemacht oder Harry verhöhnen wollen. Im Gegenteil. Ernst, fast wartend war es auf ihn gerichtet, als würde er tatsächlich eine Antwort erwarten und im nächsten Moment wußte Harry auch, weshalb. Wie in Trance sah er, wie Snape seinen Zauberstab hob und ihn auf ihn richtete. Wäre er dazu fähig gewesen, so hätte er zumindest die Augen geschlossen, um dem Unausweichlichen nicht so direkt entgegensehen zu müssen, doch so konnte er nur weiterhin bewegungslos verharren und warten, was geschah. Wie in einem Fil sah er, daß Snape seine Lippen bewegte, und wartete, daß sein Herz seine Arbeit einstellen, seine Knochen ihm den Dienst versagen, alles um ihn herum dunkel werden würde.
Doch alles was geschah war, daß seine Knochen tatsächlich nachgaben und er mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden aufkam, als Snape den Erstarrungszauber von ihm nahm und ihn nun - zum ersten Mal, seit sie sich gegenüberstanden - mit spöttischen Blicken bedachte.

"Mr. Potter, es ist nicht nötig vor Freude gleich vor mir auf den Knien zu kriechen, ich weiß das durchaus zu schätzen, aber stehen Sie wieder auf." Für einen kleinen Moment kam tatsächlich so etwas wie Genugtuung in Severus auf, als er den Potter-Sprößling dort auf dem Boden vor sich sah, dieser sich irritiert umsah und ganz offensichtlich nicht wußte, wie ihm geschah. Gut so. Dieses eine Mal wohl war Potter nicht enttäuscht darüber, daß ein anderer nicht getan hatte, was er von ihm erwartete. Denn was Harry erwartet hatte, das war seinen Augen ganz deutlich anzusehen gewesen. Severus hatte es so oft gesehen... viel zu oft.
"Nun Mr. Potter...", begann er dann gedehnt, "was halten Sie von meinem Vorschlag?"