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Kaum noch fähig zu atmen, für einen Augenblick völlig der Kontrolle über seine Gedanken, seine Reaktionen beraub, starrte Harry seinen Lehrer, früheren Lehrer, wie gebannt an. Nur langsam nahm er wahr, dass er nach wie vor alles fühlte. Es war kalt, seine Finger konnte er noch bewegen, sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er lebte. Er lebte tatsächlich noch, wenngleich er noch vor Sekunden mit seinem sichere Tod gerechnet hatte. Schluckend hob sich sein Blick zu Snape empor, während die Frage die dieser ihm stellte nur wie durch Watte in sein Bewußtsein vordrang. Er ließ ihm die Wahl? Snape ließ ihm - Harry Potter - die Wahl? Doch welche Wahl hatte er? Er wusste doch ganz genau, dass Snape Rechte hatte. Mit jedem seiner Worte und zu seinem eigenen Erstaunen hielt sich die Wut über diese Erkenntnis durchaus in Grenzen.

Noch während er über seine eigentlich nicht vorhandenen Möglichkeiten nachdachte, rappelte er sich mühsam wieder auf, drohten doch seine Beine ihm jeden Moment wieder den Dienst zu versagen und unter ihm wegzuknicken. Wie ein Blitzschlag durchzuckte es ihn, als er eine kräftige, stützende Hand an seinem Arm spürte, die ihm half nach oben zu kommen, sich aufzurichten. Snape. Noch niemals hatte dieser Mann ihn berührt und niemals wäre Harry auch nur im Entferntesten auf den Gedanken gekommen, dass er es jemals tun könnte, außer es würde den Zweck erfüllen ihm - Harry - das Leben zu nehmen. "Sie wissen wo die Horkruxe sind, ich muss sie finden, welche Wahl habe ich also?"

Severus hatte Harrys Worten ruhig zugehört, nachdem er ihm wieder auf die Beine geholfen hat und nickte anschließend zufrieden. Vielleicht hatte Albus Recht. Vielleicht war in diesem jungen Potter doch mehr Verstand und die Fähigkeit der Einsicht ausgeprägter vorhanden als bei seinem Vater. Vielleicht war sein Versprechen Dumbledore gegenüber Harry eine Chance zu geben doch nicht nutzlos. Er konnte nur hoffen, dass es so blieb, hing doch die nicht ganz unbescheidene Sache ihrer aller Leben von den kommenden Tagen ab und davon, wie und ob er und Potter es schaffen würden miteinander klar zu kommen, ihre Fähigkeit zu vereinigen und einzusetzen. Während diese Gedanken durch seinen Geist flogen, nickte er Potter noch einmal zu, ehe er sich auch zu den immer noch ziemlich bewegungsunfähigen Freunden des Gryffindors umwandte. "Sie können sich nun wieder bewegen Mr. Weasley und Sie Miss Granger dürfen den Mund wieder aufmachen - wenn es nicht anders geht."

Noch immer wie unter Schock stehen, mit Beinen, die kaum mehr Festigkeit hätten vorweisen können als Wackelpudding atmete Hermine tief durch. Jede Sekunde hatte sie mit dem tödlichen, grünen Strahl gerechnet, war darauf vorbereitet gewesen. Nicht vorbereitet indes war sie auf die Szene die sich statt dessen vor ihrem Auge abspielte. Erst mit einigen Sekunden Verzögerung war sie in der Lage Snapes Worte in ihr Bewußtsein durchdringen zu lassen. "Ja Sir", brachte sie nur leise hervor, Snapes Blick dabei zögernd erwidernd. Er wollte ihnen helfen? Ausgerechnet Snape? Wäre die Lage nicht so ernst hätte sie über diese Vorstellung tatsächlich lachen können. Doch so blieb eben dieses Lachen ihr im Halse stecken, als ihr bewusst wurde, was dies bedeutete. Snape würde sie begleiten und jede Sekunde, jede Minute hätte er die Gelegenheit das, was er bislang nicht getan hatte, noch nachzuholen. Harry töten, sie alle töten. Unsicher gelang es ihr schließlich, von ihrem Gehirn aus das Signal an ihre Beine weiterzugeben, sich in Bewegung zu setzen. Ihre Hand folgte dem Befehl nach Rons Arm zu greifen, diesen dabei sanft mit sich zu ziehen. Der rothaarige Gryffindor war noch immer recht perplex ob dieser ganzen Situation, wie wohl sie alle.
"Wo… fangen wir an Sir…?", erkundigte sie sich schließlich bei Snape, als sie mit Ron gemeinsam nur noch wenige Schritte von diesem und Harry entfernt stand.
"Bevor wir losgehen werde ich Ihnen zuerst unsere weitere Begleitung vorstellen…", erklärt Snape auf Hermines Worte und machte eine herbeiwinkende Handbewegung in Richtung des Waldes, in die Richtung, aus der er zuvor gekommen war…

Die ganze Zeit über hatte Draco stumm, und nahezu regungslos hinter den Büschen ausgeharrt, wie Snape es ihm aufgetragen hatte. Mehr als einmal war er in diesen Minuten versucht gewesen aufzuspringen, einzuschreiten. Doch Snapes mahnende Worte, er möge ich ja nicht rühren und sich am besten unsichtbar machen, hatten ihn daran gehindert. Jeden Moment war sein Körper bis zum Zerreißen angespannt gewesen, rechnete er doch damit, dass die Schwäche, die Snape auch an diesem Morgen noch deutlich anzumerken gewesen war, wieder die Überhand über seinen ehemaligen Professor gelangen könnte. Eine deutliche Welle der Erleichterung löste diesen Anspannung jedoch in dem Moment ab, in dem er Snapes Worte hörte und der Handbewegung folgte, die sein Lehrer in seine Richtung vollzog. Tief durchatmend verspürte er eine gewisse Nervosität, als er sich aufrichtete und langsam aus dem Schatten der Bäume trat, die ihn bislang vor den Blicken der Gryffindors verborgen hatten.

Mit einem "Sieh an, Potter, Granger und das Wisley…" ging er auf die kleine Gruppe zu, bemüht darum so viel Spott in seine Stimme zu legen, wie es bei ihm sonst üblich war. Mit keinem großen Erfolg, wie er fürchtete. Die Augenbrauen nach oben ziehend blieb er neben Snape stehen, musterte Potter für einige Augenblicke um anschließend seinen Blick von diesem abzuwenden. Er wollte jetzt nicht daran denken, dass Potter es gesehen hatte, es die ganze Zeit beobachtet hatte… da oben auf dem Astronomieturm. Er konnte jetzt einfach nicht daran denken, was Potter von ihm halten würde. Daß er ihn haßte, damit konnte er gut leben, traf dieses Gefühl doch auf Gegenseitigkeit. Doch dass er ihn vielleicht verspotten könnte, weil er sich dort oben so… unentschlossen gezeigt hatte, zerrte an seinem Selbstbewußtsein, welches die letzten Tage ohnehin mehr als nur gelitten hatte. Nicht nur seinen Vater hatte er verloren, nein, was noch viel 'schlimm' wog war die Tatsache, dass sein gesamtes Weltbild, alles was er einmal für richtig und gut gehalten hatte, einfach eingestürzt war, wie ein Kartenhaus.

Nur ein kurzer Blick Severus' auf Draco war nötig, um ihm zu zeigen, welche Gefühle und Empfindungen den Jungen gerade bewegten. Bemüht versagte er es sich, seinem ersten Instinkt zu folgen und Draco beruhigend die Hand auf die Schulter zu legen. Es wäre in dieser Situation, beobachtet von diesem Trio, einfach unpassend gewesen.
"Mr. Malfoy wird uns begleiten", beschied er den drei knapp, mit einer Stimme, die von vorne herein deutlich machte, dass er hierüber nicht einmal im Ansatz zu diskutieren gedachte.
"Malfoy?", kam die Antwort postwendend spöttisch von Potter, begleitet von einem missbilligenden Blick auf den Slytherin. "Wofür sollten wir ausgerechnet Malfoy brauchen?"
Dracos Zähne pressten sich aufeinander. "Seit wann hast du das zu entscheiden, Potter!?"
"Schluß jetzt!" Mit zwei kurzen Schritten trat Severus zwischen die beiden Jungen, um nicht noch eine handgreifliche Auseinandersetzung zu riskieren. Er kannte beide gut genug um zu wissen, dass man damit bei ihnen in jedem Moment rechnen musste und wieder stellte sich ihm die Frage was bei Merlin sich Albus dabei gedacht hatte nicht nur ihn als Harry Begleitung auszuersehen, sondern auch noch Malfoy mitzuschicken. Diese Gedanken jedoch zur Seite schiebend, die sich im Moment nur störend ausgewirkt hätten, ließ er seinen Blick für einige Momente zwischen Harry und Draco hin- und herleiten. "Wir sind nicht zum Spaß hier! Haben Sie beide das verstanden? Wir werden genug Schwierigkeiten ohne Ihr kindisches Getue haben, also reißen Sie sich am Riemen, alle beide!"

Er hatte es getan… Zum wiederholten Mal an diesem Tag glaubte Harry, seinen Ohren nicht trauen zu können. Gut, Snape hatte ihn mal wieder zurecht gewiesen, aber dieses Mal eben nicht nur ihn. Er hatte auch Draco einen Riegel vorgeschoben, was er bislang soweit er sich erinnern kann nur einmal erlebt hatte. "Ja…", lautete seine einzige Antwort auf Snapes Worte, wobei er es einfach nicht über sich brachte, das Wort 'Professor' noch anzufügen, welches ihm zwar auf der Zunge lag, seine Lippen aber nicht verlassen wollte. Mit zusammengepreßten Lippen sah er aus dem Augenwinkel, dass Malfoys Hände sich zu Fäusten ballten, dieser jedoch ebenfalls nur ein 'Ja Sir' erwiderte.

Tief durchatmend ließ Severus seinen Blick noch einen Moment auf den beiden Jungs ruhen um anschließend beiden, und ebenso Ron und Hermine, zuzunicken. "Wenn das dann geklärt wäre, können wir los…"

Noch immer erfüllt von diesem unbehaglichen Gefühl, das sich durch Malfoys Hinzukommen nur noch verstärkt hatte, nickte Hermine nur auf Snapes Worte um dann wie auch Ron und Harry nach ihrem Rucksack zu greifen und Snape erwartungsvoll anzusehen. Was auch immer sie erwartete, da mußten sie nun durch…

Eine ganze Weile stand Harry einfach nur da, unfähig, sich irgendwie zu bewegen. In Windeseile spulten sich die vergangenen Minuten noch einmal vor seinem inneren Auge ab, vermischten sich mit den Bildern, die ihn die ganzen letzten Wochen Tag und Nacht begleitet hatten. Dumbledore… er, Snape hat Dumbledore getötet und Malfoy war derjenige gewesen, den den am Boden liegenden Direktor verspottet hatte, wäre er nicht gewesen, hätte Dumbledore eine Chance gehabt… wäre den Todessern und Snape nicht ausgeliefert gewesen. Snape… Nun wieder völlig klar richtete sich Harrys Blick auf den Mann, wobei aus seinen Augen nun wieder pure Anklage sprach.
"Sie, Sie verdammter Mistkerl! Sie töten Dumbledore und tauchen dann einfach so auf, ich werde..."
Snape, erst überrascht über den plötzlichen 'Ausbruch' des Gryffindors, schnitt dem jüngeren Mann mit ruhigen, leisen Worten das Wort ab, nachdem er diesem seinen Blick zugewandt hatte. "Was Mr. Potter? Was werden Sie tun?"
"Ich werde Sie töten!", entgegnete Harry, zu seiner eigenen Überraschung leise, ruhig doch sehr ernst.
Snapes Augen nahmen derweil einen eigentümlichen Ausdruck an, den Hermine, die direkt neben Harry stand, nicht definieren konnte. War es Trauer? Nein, das konnte wohl schlecht sein.
Doch sofort wandelte sich dieser Ausdruck wieder, wurde eindringlich. "Hören Sie mir zu Potter, Sie brauchen mich, ganz egal ob es uns beiden nun gefällt oder nicht. Ohne mich werden Sie an die Horkruxe nicht herankommen. Also was wollen Sie tun? Mich töten? Nur zu, dann werden Sie suchen bis zum jüngsten Tag, ohne Erfolg. Oder Sie gehen das Risiko ein mich am Leben zu lassen und wir werden zusammen die Horkruxe finden."
"Wozu brauchen Sie uns dabei? Wenn Sie so genau wissen wo die Horkruxe sind, warum holen Sie sie dann nicht alleine?" Harrys Stimme hatte einen triumphalen Ton angenommen, doch Snape lächelte nur milde.
"Pure Höflichkeit Mr. Potter, mehr nicht. Es ist nun einmal so, daß ich die Horkruxe durchaus alleine holen kann, Sie hingegen nicht. Also kommen Sie mit mir, oder lassen Sie es, es ist mir gleich."

Harry wirkte ein wenig verunsichert und sah zu seinen beiden Freunden. "Er hat Recht Harry, wir haben doch wirklich keine Ahnung, oder? Also was riskieren wir schon?", murmelte Hermine leise, begleitet von einem leichten Schulterzucken.
"Was? Hermine, er könnte uns an Voldemort ausliefern."
"Natürlich Potter, und weil ich genau das vor habe, bitte ich Sie und lasse Ihnen die Wahl mitzukommen, kommt das nicht einmal Ihnen merkwürdig vor?", mischte ich nun Snape wieder in süffisantem Ton ein.
"Aber Sie haben doch..."
Severus stöhnte leise auf, dem Jungen war einfach nicht zu helfen. Langsam trat er auf Harry zu, so daß ihre Körper nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Der Jüngere atmete tief ein und aus. Er konnte die Wärme, die Anspannung in Snapes Körper förmlich spüren. Dieser sprach so leise, daß niemand außer Harry ihn hören konnte. Leise, aber in seinem ihm so eigenen, bestimmten und festen Tonfall. "Genug jetzt. Es gibt wichtigeres zu tun für uns als gegenseitige Differenzen zu klären. Ihre Zeit wird kommen Potter. Sie werden die Genugtuung Ihrer Rache bekommen, ich gebe Ihnen mein Wort. Aber nicht jetzt." Harry konnte nur schluckend nicken. Der Tonfall in Snapes Stimme zeigte ihm ganz deutlich, dass es jetzt besser wäre, nichts weiter zu sagen.
"Gut, das Kloster liegt im Norden Schottlands", begann Snape nach einigen Augenblicken, „Wir werden einen Portschlüssel benutzen und bis auf wenige Kilometer herankommen. Weiter wäre nicht klug, ich schätze, das Kloster ist durch mehrere Zauber gegen solche Besuche geschützt. Wir werden auf den altmodischen Weg dorthin gelangen müssen."
Ron zog erstaunt eine Augenbraue nach oben, die erste bewußte Bewegung überhaupt, seit er sich wieder bewegen konnte. "Altmodisch?" Snape huschte ein angedeutetes Lächeln über die Lippen. "Ja Mr. Weasley, wir werden laufen."